Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika
Part 8
Unter den Bäumen, nahe an der Spiegelfläche des Wassers lagerten meine Matrosen und Askari. Kleine Feuer wurden angezündet und das Mittagessen bereitet. Die Matrosen kochten den beliebten Hammelkohl, (die beste Fleisch- und Gemüsekonserve, die ich auf allen Reisen kennen lernte). Man kann dies Gericht täglich essen, ohne seiner überdrüssig zu werden, und auch die Matrosen (die an Bord sehr gutes Essen bekommen) waren froh, wenn es Hammelfleisch mit Kohl gab, während ihnen gekochter Reis mit Fleisch von Wasserbock oder Riedbock weniger zusagte. Das aber wurde die Nahrung in den nächsten Tagen, als die Konserven zu Ende gingen; ich mußte mit meiner Büchse für frisches Fleisch sorgen, da die Neger jener Gegend kaum nennenswert Viehzucht treiben und die wenigen vorhandenen Rinder, Ziegen und Schafe vor uns verborgen hielten.
Unter Mittag fielen am Wege mehrere Schüsse: Die Posten schossen auf zwei Leute, die mit Lasten auf dem Kopf des Weges kamen und, angerufen, sich zur Wehr setzten. Der eine wurde getötet, der andere warf seine Last hin und entkam.
Am Nachmittag marschierten wir weiter. Der Sergeant fuhr mit seinem Rade etwas voraus und bemerkte einige Aufständige, die sich in den Maisschamben verproviantierten. Sobald sie uns erblickten, griffen sie zu ihren Waffen und suchten im nahen Gebüsch Deckung; aber drei fielen von unseren Gewehrkugeln getroffen. Die Nähe der Feinde zwang zu besonderer Vorsicht. Als der Abend nahe war, hielt ich in einem Dorfe, das anmutig auf bewaldeter Höhe lag mit der Aussicht auf den Strom und auf die weiten, fast unabsehbaren Grasniederungen seiner Ufer.
Um Lärm zu vermeiden, ließ ich keine Zelte aufschlagen, sondern Schlafplätze unter den vorspringenden Dächern der Hütten einrichten. Das Abendessen wurde auf den Herdsteinen im Innern der verlassenen Hütten gekocht.
Blutrot ging die Sonne hinter dem Flusse unter. Wir glaubten den Aufständigen nahe zu sein, deshalb stand ich lange mit dem Sergeanten auf dem höchsten Dach des Dorfes und suchte nach dem Schein von Lagerfeuern in der Ferne. Aber nichts Bestimmtes war zu erkennen.
Die Neger, Askari wie Träger, schliefen ohne Decken im Freien. Zwei Posten waren ausgestellt.
Ein besonders gewandter Askari wurde als Schenzi mit blauem Kanicki verkleidet, bekam einen Speer in die Hand und erhielt den Auftrag, sich unter die Aufständigen zu mischen, um etwas über ihre Absichten und ihren Aufenthalt zu erfahren.
Nach einigen Stunden kam er zurück und erzählte, er habe Schenzis getroffen, die zu ihm sagten: „Sieh dich vor, die Europäer haben heute am Rufiyi geschossen.“ Er darauf: „Ich gehe nach Kitschi, da kriegen sie mich nicht!“ Die Aufständigen: „Auch wir gehen nach Kitschi und unsere Frauen und Kinder sind im Wald versteckt.“
Gewiß war das alles Phantasie. Der Askari hatte sich wahrscheinlich eine Zeitlang im Busch verborgen und war dann mit der erdichteten Geschichte zurückgekommen.
Unter dem Vordach einer Hütte stand mein Feldbett; im Kreise herum lagen die Askari auf dem Wege, unter einer anderen Hütte die Matrosen. Die Träger schliefen dicht aneinander gedrängt nahe an dem Abhang, von dem aus am wenigsten Gefahr drohte.
[Sidenote: Panik unter den Trägern.]
Mitten in der Nacht wurde ich durch plötzliche Schreckensrufe aus vielen Kehlen geweckt. Ein Menschenhaufe drang in das Lager. Ich sprang auf, griff zur Büchse, verwickelte mich in mein Moskitonetz, zerriß es und stand auf dem Platz im ersten Augenblick völlig im Unklaren über das, was vorfiel.
Auch die Mannschaften standen plötzlich alle da; die Matrosen und Askari mit ihren Gewehren, und die Träger hinter ihnen Schutz suchend. Aber kein Feind ließ sich blicken und nun wurde der Vorfall als ganz harmlos aufgeklärt: Ein Träger war ausgetreten und wurde, als er aus dem Gebüsch zurückkam, plötzlich von anderen bemerkt, die ihn, aus dem Schlaf erwachend, für einen Feind hielten, aufschrien, davon rannten und alle andern mit sich rissen.
Zum Glück hatte niemand geschossen; ein Gewehr war in dem Durcheinander zerbrochen, sonst war kein Unheil geschehen. -- So aber mag der Eindruck sein, wenn ein nächtlicher Überfall die Schläfer aus dem Schlaf emporschreckt! --
Auch als wir am folgenden Tage weiter marschierten, war von den Aufständigen noch nichts zu sehen. Als ich unter Mittag am Fluß lagerte, kam ein Boot mit Lebensmitteln, die uns sehr willkommen waren, weil unsere Vorräte zu Ende gingen. Ich ließ das Boot anhalten und kaufte alles was darin war. Die Bootsleute erzählten, sie seien heute vom Ufer aus beschossen worden; in Utete, vier Stunden stromaufwärts lagerten Aufständige, die jedes Boot anzuhalten versuchten, um später auf das Nordufer übersetzen zu können.
[Sidenote: Ein Akide.]
Vom Nordufer kam der Akide Melicki, der das niedergebrannte, große Dorf Mayenge verlassen hatte; er brachte eine Ziege, Hühner und Reis. Ihn begleiteten seine beiden Polizisten in phantastischen Kleidern, und andere Neger mit Vorderladern; eine sonderbar aussehende, bunte Truppe.
Dieser Akide Melicki hat mich später auf allen meinen Streifzügen stets begleitet, bis friedlichere Zustände eintraten. Er war zwar kein Araber, sondern ein Neger aus den Matumbibergen, aber ein vortrefflicher Nachahmer arabischen Wesens, und dadurch nicht ohne Ansehen bei den Eingeborenen. Sein Wert bestand in der vermittelnden Stellung, die er zwischen mir und den Eingeborenen einnahm. Er sprach die Dialekte der Bergbewohner und Pogoro und kannte jedes Haus in seinem Akidat, weil er die Hüttensteuer einzutreiben hatte. Es ist gewiß bemerkenswert, daß ein Neger es versteht, eine solche Stellung einzunehmen und daß ihn Äußerlichkeiten, wie Kleidung, Schrift und religiöse Übungen dabei unterstützen. Man kann aber von den farbigen Akiden ebensowenig wie von den meisten Arabern erwarten, daß ihn ein Vertrauensposten hindert, seinen eigenen Vorteil dabei wahrzunehmen und Geldgeschäfte damit zu machen; denn dem Neger ist es nicht leicht verständlich, daß jemand Macht besitzen soll, ohne sich durch sie zu bereichern. Und wenn er die Tugend auch beim Europäer sieht, selbst kann er sie nicht üben.
Die Akiden haben sich durch Strafgeld bereichert und den Aufstand benutzt, Geld verschwinden zu lassen.
Für den nächsten Tag hoffte ich auf einen Handstreich gegen die Schenzis. Die von den Bootsleuten bezeichnete „Boma“ der Aufständigen sollte etwa zwei Stunden von meinem Lagerplatz entfernt sein; das bestätigte mir auch der Akide. Ich selbst wollte um 4 Uhr morgens mit der Hälfte der Truppe so schnell als möglich vorgehen. Stabsarzt Engeland sollte bei Tagesanbruch mit dem Rest der Truppe und mit der Trägerkolonne folgen. So glaubte ich schneller und sicherer an den Feind zu kommen, als wenn ich stets mit dem ganzen Troß marschierte. Außerdem konnte das Lager beim Tageslicht leichter abgebrochen werden als bei Nacht.
Pünktlich um 3½ Uhr weckte der Posten, und eine halbe Stunde später verließ ich das Lager mit zwei Unteroffizieren, sieben Matrosen und achtzehn Askari. Der Akide zeigte den Weg. An der Spitze gingen Sergeant Kühn und ich. Wir schlichen durch verlassene Dörfer, drangen in die dunklen Hütten, die leer waren, und prüften jedes Feuer in den Herdsteinen auf sein Alter.
Als es hell wurde, gingen wir lange durch niedrigen, offenen Wald und kamen gegen 7 Uhr über eine Anhöhe, die sich in sanftem Abfall zum Rufiyi senkte.
Da stieg eine Rauchwolke aus dem Schilf empor; der Akide sagte, das sei der Platz, an dem wir die Schenzis vermuteten.
Um ungesehen näher zu kommen, gingen wir seitlich in den Wald und sahen hier plötzlich eine Hütte mit Wachtturm vor uns. Schwacher Rauch stieg daraus empor. Wenn uns die Wächter bemerkten und Lärm schlugen, war der Überfall mißglückt; ich gab deshalb dem Sergeanten einen Wink. Wir liefen auf den Zehen um das Haus herum, drangen leise in die offene Hütte hinein und schlugen die drei Leute, die dort auf Maisvorräten schliefen, mit den Fäusten nieder, ehe sie zu den Waffen greifen konnten; dann wurden sie gefesselt. Die Überraschung dieser Wächter war so groß, daß sie nur unartikulierte Töne wimmerten.
Ich teilte nun meine kleine Truppe in drei kleinere Abteilungen, deren eine ich selber führte, die zweite Sergeant Kühn, die dritte der Betschausch. Während ich langsam in gerader Richtung vorging, sollten Sergeant Kühn und der Betschausch von links und rechts das Lager umfassen. Aber trotzdem hier kein Schuß gefallen war und wir keinen Lärm machten, mußten wir schon bemerkt sein; denn als ich über eine niedrige Anhöhe kam, sah ich viele Bewaffnete in der Ebene unruhig hin und her laufen. Um besser sehen zu können, lief ich etwa dreißig Schritt vor, blieb stehen und hob mein Doppelglas.
[Sidenote: Gefecht bei Utete.]
Da krachten unmittelbar vor mir in dichtem Gras eine Anzahl Schüsse; ein Matrose, der mir gefolgt war, brach neben mir zusammen. Ich riß in der Überraschung mein Gewehrschloß auf und repetierte eine neue Patrone in den Lauf, ohne geschossen zu haben. Dann erst schoß ich einen Schwarzen nieder, der sich aus der Rauchwolke seines Vorderladers erhob, um fortzulaufen. Das alles geschah in wenigen Sekunden. Die Matrosen und Askaris kamen in die Reihe; ein heftiges Feuergefecht entspann sich. Die Schwarzen lagen hinter Bäumen und großen Steinen und drückten sich, nachdem sie abgefeuert hatten, wie tot ins Gras, wenn wir vorbeikamen.
Lauter Zuruf von unten sagte uns, daß der Betschausch und die Begleiter des Akiden in unsere Schußrichtung gekommen waren, um die fliehenden Schenzis einzufangen. Da machten die Matrosen von ihren Seitengewehren Gebrauch, um nicht eigene Leute durch Schießen zu gefährden, und drangen mit großem Ungestüm auf die noch standhaltenden Neger ein. Nur kurze Zeit hatte das Gefecht gedauert. Weit unten am jenseitigen Ufer eines Sees sah ich die Aufständigen laufen und verschwinden und sandte ihnen einige Schüsse mit hohem Visier nach.
„Wer von uns ist gefallen?“ fragte ich den Feuerwerksmaaten Fuchs. „Matrose Gramkau; er ist tot.“ Ich ging zu dem Platz, an dem er lag. Er war unmittelbar neben mir lautlos ins Gras gesunken; ich hatte nicht Zeit gehabt, mich nach ihm umzusehen. -- Da lag der Tote im Grase zwischen den hohen Steinen, die den Feinden als Deckung gedient hatten. Ein Geschoß war ihm in den Mund gedrungen und hatte die Halswirbel durchschlagen. Ein anderer Schuß hatte den rechten Arm getroffen und die Holzbekleidung des Gewehres zersplittert.
Es war ein schmerzlicher Verlust für mich, hier mitten zwischen den zahlreichen Aufständigen einen der wenigen Europäer meiner kleinen Truppe zu verlieren. Ich war erregt und empfand es als ein Verbrechen und Unglück, daß dieser rohe, unebenbürtige Gegner mir einen meiner wertvollen Männer genommen hatte. Der errungene Sieg war teuer erkauft.
In dichtem Haufen standen die Leute des Akiden auf dem Wege. Die Askari hatten die Gefangenen in die Mitte genommen, die alle Pulverhörner und Kugeltaschen trugen; sie hatten auf uns geschossen und waren mit schuld an unserem Verlust.
Zur Bewachung und zum Transport der Gefangenen fehlten mir die nötigen Mannschaften. Von Feinden umgeben, konnte ich keinen meiner Soldaten entbehren.
Es galt, Eindruck auf die Gegner zu machen, um mehr Blutvergießen zu hindern; deshalb beriet ich kurz mit den Unteroffizieren und dem Akiden, ließ die Askari antreten und die Rebellen erschießen. Als sich die Pulverwolke der Gewehrsalve verzogen hatte, lagen die Verurteilten tot am Boden.
Wir wandten uns unserm Toten zu; er wurde auf eine Bahre gelegt und zugedeckt. Die Matrosen traten auf der einen, die Askari auf der anderen Seite des Weges an und präsentierten, als die Leiche vorbeigetragen wurde, um unter der Bedeckung von vier Askari nach Mohorro gebracht zu werden.
Als Stabsarzt Engeland mit seiner Abteilung eintraf, ließ ich das Dorf plündern. Aus der Hütte eines Jägers wurden mehrere Häute von Wasserböcken angebracht; vielleicht waren gerade die Jäger die guten Schützen der Gegner. Große Mengen Reis lagen in der Wachthütte; sie wurden den Leuten des Akiden gegeben und auf das Nordufer geschafft.
Die Wachthütte war sehr geschickt in einem Seitental angelegt, mit der Aussicht auf den Weg, den wir gekommen waren. Eine Leiter führte in den Aufbau, in dem sich die Reste eines Feuers befanden, das die Wächter in der Nacht offenbar unterhalten hatten, um sich zu wärmen.
Ich fühlte das Bedürfnis nach Ablenkung. Die Eindrücke des Morgens, das Gefecht, der Tod des Kameraden und die Entschlüsse, die mich zu dem Todesurteil über die Rebellen brachten, packten mich stark. Und immer wieder trat das Gefühl der Verantwortung hervor: würde man einsehen, daß ich Recht tat, dem Feinde in seine Schlupfwinkel zu folgen und immer weiter vorzugehen? Würde man das Opfer verstehen, das der Kampf an diesem Morgen forderte?
Da war es mir willkommen, daß der Matrose, der für die Verpflegung sorgte, meldete, unsere Fleischvorräte seien zu Ende.
[Sidenote: An den heißen Quellen.]
Ich ging mit Sergeant Kühn in den Wald, um wenn möglich einen Wasserbock zu schießen. Mehrere Askari ließ ich zu unserer Bedeckung folgen. Nach kurzem Marsch trafen wir, einem Seitenpfade folgend, auf ein Dornverhau, aus dem bewaffnete Schenzis entsprangen, ohne von ihren Flinten Gebrauch zu machen. Das war nun ein ganz eigenartiges Gefühl: dem Wilde folgend, jederzeit gewärtig zu sein, selbst angeschossen zu werden. Dennoch trennten wir uns, weil sonst auf einen Jagderfolg nicht zu rechnen war, und ich erreichte bald ein offenes, mit kurzem Gras bewachsenes Tal, durch das ein heißer Bach hindurchfloß.
Hier ästen zwei starke Wasserböcke. Niedrige Fächerpalmen boten mir Deckung zum anpirschen, und ich erlegte beide Böcke mit schnellen Schüssen, gerade als sie mich bemerkten und in langen Sprüngen flüchtig wurden.
Sofort schickte ich nach den Trägern, die aber erst nach Anbruch der Dunkelheit eintrafen.
Inzwischen hatte ein Askari mir in dem heißen Quellbache eine Stelle gezeigt, an der früher schon Europäer gebadet haben sollten; während die beiden schwarzen Soldaten Wache hielten, entkleidete ich mich, legte mich lang in den schnell fließenden Bach und ließ das empfindlich heiße Wasser über mich strömen. Ein Wohlbehagen ging durch den ganzen Körper während ich so dalag und die eilenden Wolken über mir sah, deren westliche Wände von der untergehenden Sonne gerötet wurden.
„Aber, die noch eben blühten, Ihre Kränze welken sacht, Und die letzten blassen Blüten Fallen in den Schoß der Nacht.“
(Gustav Falke, „Wolken“)
[7] Als Schenzi (spr. Schensi) wird von dem auf seine weltmännische Art stolzen Küstenneger der Neger des Innenlandes bezeichnet, stets mit dem Klang: „ungebildeter Bauer“. Im Aufstand war „Schenzi“ die Bezeichnung für „Rebellen“.
[8] Sämtliche Marinedetachements führten die Chininprophylaxe durch, wie sie Geheimrat Koch vorschreibt; an jedem siebenten und achten Tage wurde 1 _g_ Chinin genommen. Trotzdem sind fast alle Matrosen krank geworden. Ich selbst habe nur zu Anfang des Aufstands Chinin genommen; später habe ich es unterlassen, weil die Sicherheit beim Schießen an dem folgenden Tage jedesmal litt. Erst als die Regenzeit einsetzte, bekam ich Fieber.
Gefechte am Rufiyi.
Die Nacht ließ mich das traurige Ereignis des letzten Tages vergessen; am nächsten Morgen waren wir frühzeitig unterwegs, um von neuem in das unbekannte Land zu ziehen und Rebellen aufzuspüren. Ein Graben wurde mit Hilfe eines kleinen Kanoes überschritten. Dann ging es durch dunklen Wald, bis verlassene Hütten auftauchten.
Der Akide empfahl, hier Feuer anzulegen, als Strafe für die Aufständigen, und sagte auf mein Bedenken hin, man würde den Feuerschein nicht weit sehen in dem Morgendunst.
[Sidenote: Zerstörte Dörfer.]
Die Askari rissen trockene Blätter aus der Dachbedeckung, entzündeten sie und hielten den Feuerbrand im Weitergehen unter jedes einzelne Strohdach. Schnell kletterten die Flammen empor und breiteten sich aus.
Am Ende des Dorfes machte ich Halt und blickte auf das schauerlich schöne Bild. Zwischen den brennenden Häuserreihen marschierten meine Leute hervor. Die Flammen beleuchteten rundum den Wald und den Dunst der Luft. Sparren krachten und Dächer stürzten ein.
Zehn Minuten hinter dem brennenden Dorf war schon nichts mehr von dem Feuerschein zu sehen, weil der Platz im Walde versteckt lag.
Als es hell wurde, öffnete sich der Blick auf eine Schilfniederung, in der einzelne kleine Hütten verteilt lagen. Dahinter blickte das Silberband des Stromes hervor.
Schamben (Pflanzungen der Neger) waren da und dort zu erkennen; an dem frischen Morgen glaubte man ein weites, fruchtbares Land vor sich zu sehen --. Und dies Land ist auch fruchtbar.
Askaripatrouillen gingen von Hütte zu Hütte, während wir auf der Höhe warteten und beobachteten. Schenzis schossen aus dem Schilf, die Askari liefen, schossen wieder und kehrten zurück mit der Meldung, die Verfolgten seien in den Strom gesprungen und entkommen. Als der Wald endete, bot sich mir ein unvergeßlicher Anblick: Da lag eine breite Straße, von Ruinen gesäumt. Die vom Feuer geschwärzten Wände mit hohlen Fensteröffnungen bildeten eine lange Reihe. Mitten auf der Straße stand ein einzelner großer Baum.
Selbst die Neger waren einen Augenblick in Anschauen versunken. Der Eindruck des langen Trümmerfeldes war zu groß; ein ungewöhnlich reich bevölkerter Ort war hier verlassen und zerstört.
Wo waren die Menschen, die hier noch vor acht Tagen auf der breiten Straße gingen, in der großen Gerichtshalle saßen, an den Inderläden Einkäufe machten und die Felder in der Ebene bestellten?
Der Akide wußte Antwort; „_wamehama_“ hieß das Wort, das ich noch oft hören sollte: „sie haben das Weite gesucht.“ „Teils sind sie zu den Aufständigen übergegangen, teils auf das Nordufer geflohen und warten auf deinen Schutz. Bau du eine Boma hier, dann kommen sie wieder und bauen die Hütten auf, die ihnen die Schenzi niederbrannten.“
Ganz gut; es leuchtete mir ein; aber bei der Aussicht, täglich zur Küste zurückgerufen werden zu können, stand ein solcher Plan außer Erwägung.
Ich schrieb einen Brief an das Bezirksamt und wies auf die Bedeutung eines Militärpostens am Rufiyi hin, ohne zu ahnen, daß mir selbst in den nächsten Monaten die Aufgabe, die Rufiyilinie zu sichern, zugeteilt werden würde, und daß ich von dem, was der erste Eindruck dieser verwüsteten Gebiete mich lehrte, später noch reichlich Gebrauch machen konnte.
Die Straße machte bald eine Biegung und führte weiter in der Richtung auf die Kitschiberge. Das ganze Dorf war auf einem vorgeschobenen Ausläufer der Berge erbaut. Unmittelbar neben den Häusern fiel das Land zu der Ebene ab, die vom Hochwasser alljährlich überschwemmt wird. Noch jetzt stand Altwasser von der letzten Regenzeit in einer von Schilf umgebenen Talmulde und diente offenbar den Dorfbewohnern als Schöpfstelle; denn Brunnen gibt es im ganzen Lande nicht. An der Wegbiegung stand auch das Haus des Akiden und die Schaurihalle. Jetzt war alles nur noch ein Trümmerhaufen.
Welch ein Leben muß hier in friedlichen Zeiten herrschen! Aus den Bergen bringen die Neger Gummi, Bergreis und Kafferkorn, um es bei den Indern zu verkaufen und gegen Tücher, Glasperlen, Tabak, Nadeln und Messer einzutauschen. Die Warufiyi, die Leute am Strom, ernten ihre großen üppigen Reis- und Maisfelder ab, hauen Einbäume im Walde und verschicken das Getreide nach der Küste, wo der Inder des Dorfes seinen Gläubiger wohnen hat.
In den Händen des Inders sind sie alle, denn der ist ein sehr geschickter Geschäftsmann und versteht es, auf die Neigungen der Eingeborenen einzugehen.
In der Ebene standen vereinzelt riesige Borassuspalmen; fern sah man dunkle Gruppen von Mangobäumen und weit, weit dahinter die Berge von Magongo, nördlich vom Rufiyi.
Der Akide führte uns durch das Schilf der Ebene zu einem Seitenarm des Stromes. Hier wurden unter schattigen Bäumen die Zelte aufgeschlagen.
Das jenseitige Ufer gehörte einer Insel; dorthin hatten sich die Bewohner von Nyamwiki mit ihrem Akiden geflüchtet. Am Nachmittage nahm ich eine Abteilung Askari mit mir und ging in westlicher Richtung. Hier waren die Häuser im Walde nicht niedergebrannt, und da mir von den Eingeborenen versichert wurde, daß die Besitzer sich den Aufständigen angeschlossen hatten, holte ich das Versäumte nach. Dann suchte ich in lichtem Akazienwald nach jagdbarem Wild.
Die Askari folgten auf etwa hundert Schritt, denn ich durfte die Vorsicht hier nicht außer acht lassen.
[Sidenote: Ein Gnubulle erlegt.]
Als ich um einen Busch herumging, standen plötzlich vier Gnubullen auf kurze Entfernung vor mir und ich hatte es leicht, eins der prächtigen, starken Tiere zu erlegen. Es war ein Glück, daß ich nun sofort den Weg zum Lager einschlug, nachdem das Wild zerwirkt und auf die Träger verteilt war, denn bald darauf -- ich saß gerade in der Badewanne -- erschien zwischen den Häusern des Dorfes, die wir genau beobachten konnten, ein Trupp Aufständiger.
Mehrere Matrosen und Askari wurden ihnen entgegengeschickt. Da ereignete sich folgende Geschichte, die einem Heldenepos entnommen sein könnte: Weithin sichtbar mit langen Flinten in den Händen stand ein Häuflein schwarzer Kerle auf dem freien vorspringenden Hang zwischen den Häusern. Ein einzelner, hagerer Neger trat vor und rief auf Kisuaheli, laut, wobei er die Vokale der Endsilben in die Länge zog: „Kommt her, wenn ihr Männer seid!“ Ein Matrose aber strich sorgsam sein Gewehr an einen Baum und traf den lötfesten Gesellen so, daß er vornüber auf die Nase fiel. -- Da verschwanden die andern so schnell sie konnten.
Der Akide erkannte auch diesen Gefallenen als einen Jäger. Diese schienen die Hauptanführer und die mutigsten Leute zu sein.
Am nächsten Morgen griffen die Neger in zwei Haufen an, vermutlich in der Absicht, uns aus dem Lager heraus und in eine Falle zu locken.
Doch als sie sahen, daß wir nicht darauf hineinfielen, zogen sie sich schnell zurück.
Nun sandte ich Patrouillen aus.
Kurz nach Mittagszeit kam ein Askari atemlos zurück; er wurde von dem Posten schon gesehen als er den Abhang von dem Dorfe herunterlief; hinter ihm erschienen bewaffnete Eingeborene.
Sofort machte ich mich mit Sergeant Kühn, mehreren Matrosen und Askari auf den Weg.