Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika
Part 6
In dem weißen Seesand, dicht am Meere, stand eine sechsjährige Kokospflanzung, nach dem Wasser hin durch eine Hecke abgeschlossen. Die Palmen waren gleichmäßig hoch, die Blätter zeigten eine gesunde Farbe.
Die Kokospalmen blühen im sechsten Jahre und bringen im siebenten Jahre die erste Ernte. Eine Palme liefert jährlich 75 bis 100 Nüsse, je nach der Bearbeitung und Düngung, die man ihr gibt. Der schlimmste Feind der Palme ist der große Nashornkäfer, dessen Larven von den Eingeborenen eifrig verfolgt werden.
Am Strande klopfte ein Mann Bast von Kokosnüssen, um Schiffstaue davon zu machen.
Zu dem Zwecke wird die Umhüllung der Nüsse im nassen Sand einige Zeitlang eingegraben, damit die Fleischteile sich von dem eigentlichen Bast lösen, dann wird der Bast ausgeklopft und getrocknet. Das Material ist uns bekannt in der Form von Kokosmatten.
Das Tauwerk aus dem Bast muß sehr stark sein, und sieht deshalb plump aus.
Mein Esel ging ohne Zögern durch die glitzernde Flut auf das Boot los, das etwa 400 _m_ weit vom Strande entfernt im flachen Wasser lag; ich konnte vom Rücken des Esels in das Boot hineinsteigen. Leider erlaubte der Wind nicht, Segel zu setzen; ich mußte, um mein Ziel, die Insel Tschole zu erreichen, in weitem Bogen um eine, bei Ebbe trocken fallende Landzunge herumrudern lassen. Die Baharias (Matrosen) sangen laut und kamen dadurch über die eintönige, anstrengende Arbeit hinweg. Fast eine halbe Stunde lang sangen sie dieselben Worte. „Bringt mich zu meiner Mutter Faida!“
Die schwarzen Bootsleute können, wenn es nötig ist, acht bis zehn Stunden lang ohne Unterbrechung rudern; kein Weißer könnte das aushalten. Aber merkwürdig: dieselben Leute sind zu anderer Arbeit ungeschickt und nur auf die eine Bewegung des Ruderns trainiert. Man kann wohl annehmen, daß so außerordentliche Anstrengungen ihrer Gesundheit schaden, aber daran denken sie nicht; wenn sie krank werden, sind sie für den Dienst unbrauchbar und verschwinden in der Menge. So sind es immer die kräftigsten und gesundesten aus vielen Negern, die den Dienst gerade tun und die der Weiße um sich sieht.
[Sidenote: Tschole.]
Nach einstündiger Fahrt landete ich auf der Insel Tschole. Links über den hellen Strand hin gingen viele Menschen und löschten die Ladung einer Dhau. Man hatte das Fahrzeug auf den Strand auflaufen lassen und so war es den Trägern jetzt, bei halbem Wasser ein leichtes, die Ladung zu löschen. Auch ein Rind wurde aus dem Schiff gezerrt und unter Geschrei am Lande entlang getrieben. -- Eine andere Dhau lag dort, dicht besetzt mit Passagieren, und wartete die Flut ab, um nach der Insel hinüberzusegeln.
Herr Steiner führte mich in sein schön gelegenes Haus, von dessen Veranda wir die Aussicht auf die Bucht und die Insel Mafia hatten; am jenseitigen Ufer, soweit das Auge sah, standen Palmen, der Reichtum der Insel.
Das Haus einer italienischen Handelsgesellschaft schaute freundlich, aber verlassen herüber. Wie so oft, waren auch hier grobe Fehler, nicht die gegebenen Bedingungen an dem Mißlingen des Unternehmens schuld. Die Gesellschaft hatte Geld an Araber und freie Suahelineger verborgt, die keine Palmen besaßen und war dadurch in Schulden geraten. Nun hatte die Gesellschaft das gesegnete Land verlassen; die Schuldner taten Strafarbeit an der Kette.
Als wir vom Mittagessen aufstanden, wartete ein Araber im Vorraum. Wir wurden gebeten, einer Begräbnisfeier beizuwohnen. Der reichste Mann der Insel war in der letzten Nacht an Herzschwäche gestorben. Sein Vermögen wurde auf 800000 Mk. geschätzt, wovon eine hohe Erbschaftssteuer der Regierung zugute kommen sollte.
Wir gingen durch die breiten, sauberen Straßen, die von zwei Reihen dicht belaubter Akazien beschattet wurden. Die Häuser sind aus Korallenstein gebaut und mit Palmblättern gedeckt. Baumann, in seinem liebevoll dem Neger angepaßten Geschmack, hatte diese geraden Straßen verspottet; wir müssen in dieser Anlage einen Fortschritt sehen, denn mit den dicht belaubten Bäumen wird ebensogut Kühle und Schatten in den Straßen erreicht, als durch die kreuz und quer durcheinander gebauten Hütten oder die engen Straßen, wie sie Sansibar hat.
Neger und Araber in großer Menge standen vor dem Hause, in dessen dunklen Eingang wir genötigt wurden. Als ich von der hellen Straße in das Dunkel des Hauses trat, stolperte ich über ein Hindernis, und merkte mit Schrecken, daß es die Leiche war, die man nahe an der Tür aufgebahrt hatte!
Aus dem Innern des Hauses erscholl ein eintöniges Klagen vieler Weiberstimmen, das sich steigerte, als die Bahre fortgetragen wurde; die Leiche war mit kostbaren Tüchern überdeckt. Von beiden Seiten drängten sich die Freunde des Verstorbenen hinan, um jeder einmal mitgetragen zu haben. Die Weiber kamen in die Gärten und setzten dort ihr Geschrei fort; den gleichgültigen Gesichtern glaubte man anzusehen, daß hinter der Heulerei keine wirkliche Trauer steckte.
Nach arabischer Sitte gehören Frauen nicht in die Moschee, auch nicht auf den Kirchhof.
[Sidenote: Araberbegräbnis.]
Der Kirchhof war ein Platz an der Straße; einige verfallene Grabmale standen darauf. Zwischen den Gräbern hatte ein mehr materiell als fromm denkender Mann schon wieder mit Erfolg Mohogo gepflanzt. Dicht bei der Moschee war ein etwa drei Meter tiefer Schacht gegraben, an dessen Sohle nach der Seite hin ein Raum ausgehöhlt war, in dem die Leiche gerade hineinpaßte, und der durch ein Brett verschlossen werden konnte.
An dem Grabe hielt die Menge. Ein des Korans Kundiger las aus einem alten Buche vor, und die Umstehenden leierten mit stumpfsnnigen Mienen den Refrain. -- Drei Männer sprangen in das Grab, ein Tuch wurde darüber gezogen und unter dem Tuch langsam der Körper des Toten in die Höhlung hineingeschafft. Keiner darf ihn sehen. Dann langte eine Hand mehrmals unter dem Tuche hervor und verlangte nach Erde, wahrscheinlich um das Brett abzustützen.
Als ich am Abend zurückfuhr, baten mich zwei Araber, mitfahren zu dürfen. Sie kamen vom Begräbnis und sagten mir, daß der Tote mit dem Gesicht nach Mekka in das Grab gelegt würde und der eine fügte hinzu: „Viele Tote liegen schon in allen Ländern um Mekka herum; jeder hat seine Hoffnung!“
Ich mußte denselben Weg zurückreiten, den ich am Vormittag gekommen war; die Dunkelheit brach herein; die Reiher ruhten schon auf den Zweigen der Sumpfbäume. An einem kleinen See, der vom letzten Abendlicht beleuchtet wurde, stieg ich eine Weile ab.
Es war ganz still und auch der Seewind war eingeschlafen.
Das Schilfgras reichte weit in den See hinein; ein Saum hochstämmiger Kokospalmen stand am anderen Ufer.
Im Wasser spiegelten sich die Sterne des Tropenhimmels zwischen düsteren Pflanzen.
Quer auf dem Arabersattel sitzend, sah ich noch eine Weile zurück, bis das gewohnte Landschaftsbild mich umgab.
Einmal ging es steil bergan, da hielt der Esel und drehte plötzlich um. Ich ließ ihm seinen Willen; er ging einige Schritte zurück und dann seitlich durch das Gebüsch auf einen wenig betretenen Steig. So umging er die Steigung und kam auf den breiten Weg zurück.
Das selbständige Handeln des Tieres überraschte mich. Der kleine Bengel, der sich mir angeschlossen hatte, sagte: „Er will nicht fallen, deshalb sucht er sich seinen eigenen Weg!“
„Ein famoses Tier,“ antwortete ich.
„Es ist der Esel des Jumben,“ entgegnete der Bengel stolz.
Am Strande der Tirenibucht wieder angekommen, machte ich mit langen, brennenden Palmwedeln Feuersignale, die mit den Lampen des Nachtsignalapparates vom Kriegsschiff aus erwidert wurden; ein Ruderboot kam und holte mich an Bord.
In der Messe saßen noch mehrere Kameraden und feierten die Ergebnisse einer Perlhuhnjagd, die am Nachmittage stattgefunden hatte.
[2] „Der wiedergewonnene Weltteil. Ein neues gemeinsames Indien“. Berlin 1876. Andere Schriften sind:
„Kann und soll Deutschland eine Dampferflotte haben und Wie“ (1847). -- „Kann und soll ein Neu-Deutschland werden?“ (1861). -- „Der Fischfang auf hoher See“ (1862). -- „Der Nord- und Ostseekanal durch Holstein, Deutschlands Doppelpforte zu seinen Meeren und zum Weltmeere“ (1864) u. a. m.
[3] _Rukhsa_ = du kannst gehen. In Ostafrika gebräuchlicher Ausdruck.
[4] „_hatuwezi_: _baridi_.“
[5] Makuti = Palmblatt.
[6] Kisuaheli; gebildet aus „_Man of war_“.
Der Aufstand.
Aufstand? --
Wenige glaubten, daß es ernst war --. „Wir kennen unsere Schwarzen!“ „Spielen einen Stamm gegen den andern aus, wenn es irgendwo losgeht!“ --
„Heute können Sie mit dem Spazierstock durch Afrika gehen!“ „An der Küste vor allem sind Unruhen nicht zu erwarten.“
Die Worte klangen noch im Ohre, da kamen Gerüchte vom Angriff auf eine Ansiedelung und Gefährdung der südlichen Küstenplätze. Und wieder hieß es: „Zwischen Kilwa und Mohorro sitzen die Matumbi, von jeher unzufriedene Gesellen, die sich schon öfter regten; es wird nichts zu bedeuten haben.“ Doch die Nachrichten wurden dringender: Tausende bewaffnete Eingeborene bedrohten die Orte Kilwa und Mohorro; ein Ansiedler wurde ermordet, der zum Schutze einer großen Baumwollpflanzung entsandte Feldwebel mit seiner kleinen Truppe von zweitausend Schwarzen angegriffen. Man durfte sich nicht mehr täuschen, die Sache wurde ernst.
Zufällig lag der kleine Kreuzer „Bussard“ im Hafen von Daressalam. Mit seiner Hilfe tat der Gouverneur Graf Goetzen alles, was in seinen Kräften stand, um der Gefahr entgegenzutreten. Die Daressalamer Askari wurden nach Kilwa gebracht; Matrosendetachements sollten zum Schutze von Kilwa und Mohorro gelandet werden.
In den Nachmittagsstunden des 3. Augusts betraten viele schwarze Soldaten mit Patronentaschen und Gewehren das Oberdeck des Kriegsschiffs, das in dem stillen Hafen von Daressalam lag. Auf die Soldaten folgten scheue Träger aus dem Innern, die vielleicht zum ersten Male ein Schiff aus der Nähe sahen. Reittiere wurden übergenommen und auf das Vordeck gestellt; alles schon in der Dunkelheit.
Abends warf das Schiff von der Boje los und ging durch die enge Ausfahrt in See. Die Fahrrinne war heute durch Lichter gekennzeichnet. -- Um Mitternacht blitzte das Leuchtfeuer von Mafia an Steuerbord auf. Hinter der Insel lag Mohorro, der Rufiyi und das Land, in dem der Aufstand ausgebrochen sein sollte.
Der „Bussard“ nahm seinen Kurs südwärts nach der Reede von Kilwa-Kivindje, dem Kilwa, das die Sklavenhändler einst angelegt haben, weil die flache, sanft ins Meer verlaufende Küste mit ihren weiten Sandbänken, dem Platz Schutz gegen die Annäherung der Kriegsschiffe bot. Dort wurde die Schutztruppe am folgenden Nachmittage gelandet und eine Abteilung Matrosen zur Sicherung der Stadt ausgeschifft.
Major Johannes ging von Kilwa aus mit der Askaritruppe nach dem Herd der Unruhen vor, während den Landungsabteilungen S. M. S. „Bussard“ die Aufgabe zufiel, die Küstenplätze zu sichern.
[Sidenote: Im Mohorrofluß.]
Der „Bussard“ ankerte am 5. August vor dem südlichsten Mündungsarm des Rufiyi, nicht weit von dem Ort Samanga, den Aufständige geplündert hatten. Am Abend brachte mich der Zollkreuzer Kingani -- ein kleiner Dampfer des Gouvernements -- in die Utagitemündung des Rufiyi. Ich hatte zweiundzwanzig Matrosen mit und sollte den Ort Mohorro gegen die Aufständigen schützen.
Näher kamen die Umrisse der Uferpartien, immer kleiner wurde das Kriegsschiff, bis es durch die ersten, mit Büschen bewachsenen Sandbänke unseren Blicken entzogen wurde; vielleicht hatten wir es für lange Zeit zum letztenmal gesehen! Die Aussicht auf Erlebnisse und der Reiz der Wildnis lockten mich; ich hoffte in dieser Stunde, daß mir ein langer Aufenthalt im Lande bevorstehe.
Meine Matrosen werden ebenso gedacht haben; die Seeleute haben ja so selten Gelegenheit, fremde Länder in ihrer wirklichen Schönheit zu genießen und sehen von den großen Kolonien meist nicht mehr als die Strandpromenaden, Klubhäuser und Kneipen der Küstenstädte. In der bevorstehenden Abwechslung sah mancher, den der Drang, die weite Welt kennen zu lernen, zur Marine getrieben hatte, die Erfüllung seiner Jugendträume. Die Phantasie malte Steppen und Wälder des Innern, ferne Berge und Ströme, wilde Menschen und seltene Tiere.
Die Nacht brach herein; wir mußten ankern, um nicht auf Untiefen festzufahren. Die Matrosen richteten sich auf dem Deck des kleinen Dampfers und in dem Schleppboot so gut es ging Schlafplätze ein. Ich dachte an meine Aufgabe und las immer wieder den sorgfältig geschriebenen Befehl, den mir der Kommandant, Korvettenkapitän Back selbst gegeben hatte: nur wenn Mohorro wirklich in Gefahr war, sollte ich im Lande bleiben, andernfalls sofort an Bord zurückkehren. An längere kriegerische Tätigkeit glaubte noch niemand; mir fiel ein, was der Erste Offizier zu mir sagte, als ich mir Wäsche und Proviant für acht Tage einpackte: „Wozu schleppen Sie so viel mit, übermorgen sind Sie ja wieder hier.“ Würde er recht behalten? -- Mehr als sechs Monate vergingen, bis ich unser schönes Schiff wiedersah.
Leise plätscherte das Wasser des Stromes an der Bordwand des kleinen Dampfers. Von den Ufern mit ihren düsteren, einförmigen Sumpfbäumen war bald nichts mehr zu sehen. Alles schlief an Bord.
Kühler Wind wehte die ganze Nacht hindurch und schaffte uns erquickenden Schlaf. Als die Sonne am klaren Himmel aufging, sah sie in lauter frohe Gesichter; jeder erwartete etwas von den nächsten Tagen. Schon die Bootfahrt war ganz dazu angetan, die Stimmung auf der Höhe zu halten. Bei Sonnenaufgang wurde der Anker gelichtet und der Kurs stromauf genommen. In den Mangroven saßen schneeweiße Edelreiher; Graufischer flatterten über dem Wasser, Brachvögel und Strandläufer suchten auf dem schlammigen Boden nach Nahrung und waren durch ihre Farbe kaum von der Umgebung zu unterscheiden.
Die auflaufende Strömung förderte unsere Fahrt. Bald machte die einförmige Mangrovenvegetation freundlicheren Landschaftsbildern Platz.
Der Fluß wurde schmaler. Sandige Uferböschungen traten hervor, Sträucher, Phönixpalmen; endlich die dunklen, dichtbelaubten Mangobäume und schlanke Kokospalmen als Zeichen menschlicher Kultur. Kleine Dörfer in Feldern mit Kaffernkorn und Mais. Neger standen am Ufer und antworteten „es ist Friede“ wenn man fragte: „Was gibt’s Neues vom Aufstand?“ Affen turnten durch die Äste der Uferbüsche; Perlhühner reckten ihre Hälse; ein Flußpferd steckte prustend seine Nase aus dem Wasser.
Gegen Mittag mußte der Dampfer ankern, weil das Wasser zu flach wurde. Wir gingen noch zwei Stunden über Land, durch Felder mit Zuckerrohr, Mohogo, Mais, Bananen und Ananas.
[Sidenote: Ankunft in Mohorro.]
Als wir den Ort Mohorro erreichten und im Gleichschritt durch die graden Straßen marschierten, kamen Araber, Inder und Neger, malerisch in bunte Tücher gekleidet, vor die Türen ihrer Hütten und Läden. Es war das Bild einer sauberen Negerstadt, in der reges Leben herrscht.
Der Bezirksamtmann, Herr Keudel, kam mir an der großen Holzbrücke, die den Fluß überspannt, entgegen und führte mich zu den Gebäuden des Bezirksamts, in denen die Mannschaft untergebracht wurde.
Außer dem Bezirksamtmann waren in Mohorro noch sechs Europäer: ein Bezirksamtssekretär, ein Wirtschaftsinspektor, ein Kommunalsekretär, der die Kommunalkasse verwaltete, ein Sanitätssergeant, der zugleich Post- und Telegraph versah, der Unteroffizier der Polizeitruppe und ein Schreiber. Im Bezirk selbst war nur ein Weißer: Herr Wiebusch, der Leiter der Schule für Baumwollbau. Der Bezirksamtmann war erst vor kurzem von einer Reise durch den Bezirk zurückgekehrt und konnte mich über die Verhältnisse im Lande unterrichten. Nach seinen Schilderungen waren weite Teile des fruchtbaren Landes in den Niederungen gut bevölkert und eine reiche Ernte war eingebracht. Der reichliche und täglich bei Spiel und Tanz wiederholte Genuß der berauschenden Getränke, die die Neger aus den gewonnenen Ernteprodukten herstellen, konnte vorübergehend Ursache ihrer feindlichen Haltung sein; es war aber auch nicht ausgeschlossen, daß tieferliegende Gründe eine lange vorbereitete Aufstandsbewegung entfacht hatten, die ähnlich wie in Südwestafrika, plötzlich und unerwartet an allen Ecken losbrechen konnte, um der Fremdherrschaft ein Ende zu machen.
So dachte Bezirksamtssekretär Stollowsky, der den Bezirksamtmann während seiner Abwesenheit vertreten hatte. Er hatte den Andeutungen und Erzählungen der Neger über sonderbare, einfältige Mittel, mit denen einheimische Zauberer die Eingeborenen für sich gewannen, besondere Bedeutung beigelegt und nicht geruht, bis die verdächtigen Leute hinter Schloß und Riegel saßen. Das kann wohl ein Verdienst genannt werden; denn wahrscheinlich hat die vorzeitige Entdeckung zu dem mehr lokalen Ausbruch der Unruhen geführt und so ein planmäßiges, verabredetes und allgemeines Vorgehen der Neger gegen die Europäer im nächsten Jahre, vereitelt.
Nach der Unterdrückung der Araberaufstände, der Unterwerfung der Wahehe und seitdem die Massaigefahr nüchtern beurteilt wurde, war man von Jahr zu Jahr sorgloser geworden.
Kleine Unruhen waren in den Kolonien stets an der Tagesordnung; wurden aber nicht bekannt, denn es bestand der von allen Afrikanern gebilligte Brauch, in solchen Fällen nicht von Aufstand oder Krieg zu sprechen, weil das bei der Schwierigkeit Verhältnisse aus der Ferne zu beurteilen, leicht in der Heimat unnötig Lärm verursacht. Schnell wieder Ordnung schaffen mit allen Mitteln, wenn es eben einmal nicht gelungen war, Ordnung zu halten: das war der Befehl des Gouvernements, der von allen Bezirkschefs verstanden wurde. Einer Kolonie, die stets ruhig aussieht, bewilligt man aber keine Soldaten, und so ging man schon mit der Absicht um, zwei Kompagnien der im Verhältnis zur Größe der Kolonie nicht großen und nicht zu teuren Schutztruppe zu streichen, als der Aufstand ausbrach.
Zum Glück war man diesmal den Schwarzen zuvorgekommen; noch hatten sich die Polizeiaskari in gewohnter Weise im Lande bewegen und die gefährlichen Elemente festnehmen können. Kein Widerstand regte sich dabei. Aber bald darauf zeigten die Neger in den Matumbibergen ihren Unwillen über den vom Bezirksamt befohlenen Anbau von Baumwolle, der ihnen lästig war und dessen Nutzen sie noch nicht einsahen; da begannen die Ausschreitungen.
[Sidenote: Haltung der Araber.]
Von Bedeutung war dabei die Haltung der Araber. Im Mohorrobezirk wohnte eine ganze Anzahl. Sie besaßen gute Pflanzungen in der Umgegend oder betrieben kleine Zuckermühlen, hatten als Arbeiter Sklaven, die bei ihnen wohnten und verpflegt wurden, bezahlten außerdem aber schon Lohnarbeiter. Ihre wirtschaftliche Lage war recht gut, und sie waren nicht in dem Maße den Indern verschuldet, wie ihre Brüder in den reichen Zuckergebieten am Pangani, weil das Bezirksamt hier auf den Wucher der Inder ein Augenmerk hatte.
Einige von ihnen waren als Unterbeamte, als Akiden angestellt und hatten als solche Steuern einzutreiben, die Befehle des Bezirksamts bekannt zu geben und etwas Strafgewalt auszuüben. Diese fühlten sich durch ihre Vertrauensstellung eng mit der deutschen Herrschaft verbunden und sahen, daß unter ihr zu leben war.
Vielleicht gerade wegen dieser Vertrauensstellung hatte sich das Zerstörungswerk der Aufständischen in den Matumbibergen auch auf den Besitz der Araber erstreckt; jedenfalls konnten es als gutes Zeichen für die Stellung der Araber ansehen, daß der Haß der Neger sich auch gegen diese richtete.
Der Bezirksamtmann verließ sich deshalb weiter auf seine farbigen Akiden, die ununterbrochen Boten mit Nachrichten aus dem Lande schickten und die Lage viel ernster darstellten, als sie anfangs beurteilt worden war.
Ich wohnte in dem geräumigen Hause des Bezirksamtmanns und bemühte mich, aus den Schilderungen der Boten ein Bild von dem Wesen der Aufstandsbewegung zu bekommen. Es war immer das gleiche: „Schickt schnell Askari, die Schenzi[7] kommen; sie werden unsere Hütten abbrennen, das Getreide wegnehmen und uns töten, wenn wir nicht mitmachen oder fliehen.“ Bald danach kam ein anderer Bote mit der Hiobspost: „Unsere Hütten sind verbrannt, Menschen erschossen; die Schenzis ziehen weiter, viele schließen sich ihnen an.“
Immer näher bei Mohorro mordeten und brannten die Aufständigen, ohne daß ihnen entgegengetreten wurde. Ihre Zahl vergrößerte sich von Tag zu Tag. Noch waren die Stämme auf der Nordseite des Flusses ruhig; bald konnte die Bewegung auch dorthin übergreifen, dann war Mohorro isoliert. Wiederholte Bitten des Bezirksamtmanns an die Schutztruppe, gegen den Rufiyi vorzugehen, blieben erfolglos, weil die Schutztruppe selbst ernsten Widerstand gefunden hatte.
In dem Ort Mohorro herrschte deshalb eine sehr gedrückte Stimmung. Sorge um Sicherheit für Leben und Gut verbreitete sich. Man merkte es den Eingeborenen an, daß sie nicht verstanden, weshalb die Europäertruppe untätig blieb; nur zu leicht konnte das als Schwäche und Feigheit ausgelegt werden.
Das Vertrauen auf die Macht und den Schutz durch die Soldaten durfte nicht schwinden, wenn Ruhe im Lande geschaffen und erhalten werden sollte. Aber ich durfte ohne besonderen Grund nicht wagen, dem Feinde entgegenzugehen und mußte abwarten bis eine äußere Veranlassung mich dazu zwang, denn mein Befehl sagte nur, ich sollte Mohorro verteidigen.
Die Untätigkeit steigerte das Gefühl der Unsicherheit; denn wir wußten vom Feinde fast nichts, und der Angriff auf Mohorro wurde täglich erwartet. Bald wurden von Süden, bald von den Kitschibergen her, Schenzis im Anmarsch gemeldet. Die Telegraphenleitungen waren meistens unterbrochen; der mit der Reparatur beschäftigte Beamte und sein kleines Bedeckungskommando wurden oft hart von Angreifern bedrängt. Auch nachts war scharfe Aufmerksamkeit nötig; denn Niemand konnte sagen, ob das Volk nicht auch in der Dunkelheit angreife.
[Sidenote: Der erste Angriff.]