Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika
Part 5
Bergauf, bergab ging es in leichtem, schnellem Trabe durch hohes Gras, durch niedrigen Buschwald und bewohnte mit Kokospalmen, Bohnen, Mohogo und Negerhirse bebaute Flächen. Die aus dem Felde mit der Hacke arbeitenden Leute sahen auf; meine Begleiter versäumten nicht, ihnen die frohe Nachricht zuzurufen, ich sei der Jäger, der heute früh einen großen Löwen geschossen habe.
Wir erreichten einen Ort mit Namen Kikuruni. (Diesen Namen konnte ich in den nächsten Tagen schwer behalten, es schien, als sei mein Gedächtnis nun nachgerade übersättigt mit Zusammenstellungen der wenigen Silben ki und ku, ni und na, aus denen die Kisuahelinamen bestehen.)
Ich dachte an die Abendpirsche und freute mich, daß die Sonne noch hoch stand. Blau schimmerten hinter der düsteren, grünen Waldfläche des Sigitals die hohen Berge von Ostusambara, eingerahmt von hochstämmigen Kokospalmen dicht vor mir.
Ich schien heute Glück zu haben; der mir empfohlene Führer stellte sich in einem der entgegenkommenden Neger vor und folgte mir sofort. Im Orte strömte das Volk zusammen aus fertigen und halbfertigen Häusern. Ich suchte einen Platz für das Lager aus und ordnete an, daß mein „Reisemarschall“ Hans und die Träger dorthin gewiesen werden sollten. Dann ritt ich noch bis zum Sigi und gab dem Eselboy _rukhsa_[3]. Mein Führer brachte mich zuerst in Stagenwald mit mäßiger Aussicht; hier waren deutliche Spuren, daß die Neger täglich Holz zum Hüttenbau holten; ich befahl, mich in freie Baumsteppe zu führen; die war bald erreicht und hier sah man Fährten von großen Antilopen. Eine Stunde verstrich ohne daß die vorsichtige, lautlose Pürsche durch den Anblick größeren Wildes belebt wurde. Nur eine Herde schnell flüchtender Hundsaffen; endlich -- fünfhundert Meter weit im Winde ein Rudel von drei Wildschweinen, die ruhig einherzogen.
[Sidenote: Warzenschweine.]
Ich ließ die Neger halten und niederknien und pirschte selbst in kniehohen, zusammengefallenem Grase, das bei jedem Schritt unangenehm knisterte, hinter einem Hügel näher. Es waren nur Schweine; in Ostafrika ein recht gemeines Wild. Doch gibt es nichts Aufregenderes, als diese Art von gewissermaßen blindem Anpürschen. Der Schlachtplan ist beim ersten Blick gemacht und dann das Handeln bestimmt bis zu dem Moment, in dem ich bei jenem Hügel das Wild von neuem zu Gesicht bekomme, wenn es nicht bereits verschwunden ist. Die Erfahrung mahnt zur Vorsicht und Ruhe, der Wunsch, über das Verhalten des Wildes Gewißheit zu erhalten, treibt zur Eile. Deshalb die Aufregung und eine gewisse Anstrengung! Wenn man das Wild beim Anpirschen im Auge behält, dann kann man laufen, wenn es äst, und stehen bleiben, wenn es äugt oder sichert, und kann nötigenfalls auf weite Entfernung schießen. Beim Anpirschen hinter einer Deckung aber ist es zwecklos, stehenzubleiben; denn gerade das laute Weitergehen, kann mit dem Augenblick zusammenfallen, in dem das Wild sichert. Wer sagt mir, ob es nicht dicht vor mir auf den Hügel zieht oder schon weit hinter den nächsten Büschen verschwunden ist? Diese vielen Fragen erregen in dem Jäger eine lebhafte, wohltuende Aufregung.
Als ich den Hügel erreichte und an ihm vorbeisah, hatten sich die Tiere in einen lichten Busch eingestellt und brachen dort; sie waren ziemlich dreist und unaufmerksam. Der stärkste stand breit, ich zog den Stecher ab und riß mit Gewalt durch, weil das Schloß, ebenso wie heute früh, dem Stecher nicht folgte. Die Rotte rannte breit nach links; das kranke Stück blieb etwas zurück und brach nach wenigen Sekunden verendet zusammen.
Die beiden anderen verhofften einen Augenblick; ich nahm das zweitstärkste Stück aufs Korn und schoß; es zeichnete auf den Schuß sehr merkwürdig und klagte laut. Die Bewegungen, die es machte, glichen denen eines biegsamen Stockes, den man in der Mitte festhält, während die Enden rund schwingen; der Schuß mag kurz weidewund gegangen sein.
Leider hielt die Geduld meiner Leute nicht länger, sie stürmten von hinten unter Geschrei und rohem Lachen heran. „Jetzt kommen wir dran“ hörte ich sie rufen. So kam es, daß das kranke Schwein in unregelmäßiger Flucht laut klagend das Weite suchte, ohne daß es mir gelang, noch einen Schuß anzubringen. Auch schnelles Nachlaufen auf erhöhte Stellen gab mir das Tier nicht noch einmal zu Gesicht. Leider konnte ich nicht mehr nachsuchen, weil es Abend wurde. Am nächsten Tage aber wäre es ganz zwecklos gewesen; denn die Hyänen würden das Schwein jedenfalls längst gefunden haben.
Ich schickte einen Mann ins Dorf zurück, mit dem Auftrage Träger zu holen, lüftete das erlegte Tier und ging schnell weiter, weil die Sonne längst hinter den Bergen stand. Kurz bevor das Büchsenlicht schwand, bemerkte ich zwei starke Schweine. Ich pürschte mich an, war aber fast froh, daß ich nicht auf Schußweite hinankam, so sehr stand ich unter dem Eindruck der nutzlosen Abschlachterei dieses Wildes, das sich meist so hilflos übertölpeln läßt.
Etwa achtzig Leute (zum Teil Kinder) waren ausgezogen um den erlegten Keiler einzubringen. Die Tatsache, daß ich zwei Schweine kurz hintereinander schoß, und daß das eine ganz tolle Sprünge machte, wurde immer wieder erzählt und belacht. Manche Leute grinsten auch wenn sie den Keiler nur ansahen. Der Grund war, daß die Schweine ihre Feinde waren und mit Pfeil und Bogen von den Mohogopflanzungen vertrieben werden mußten. Man tat also der Landwirtschaft einen Gefallen, wenn man sie totschoß.
Die Wanjamwesi schnitten das Wildpret in große Fladen, steckten Stöcke hindurch und stellten es an das Feuer.
Ich legte mich todmüde in mein kleines Zelt und sagte einem Boy, den ich neu angenommen hatte, er solle das Licht auslöschen; er sah mich ungläubig an und tat es erst auf meinen zweiten Befehl.
Draußen erzählte er dem älteren Boy, ich schliefe ohne Licht! „Kein Europäer schläft bei Licht,“ belehrte der ihn, worüber der andere sich sehr wunderte; denn der Neger schläft immer bei Feuer, der Kälte wegen, und weil der Rauch die Insekten verscheucht und das Feuer die Raubtiere fernhält.
Gegen zwei Uhr wachte ich auf und hörte draußen ein Gemurmel; ich steckte den Kopf aus dem Zelt und sah die Träger dicht um das Feuer gelagert. „Weshalb schlaft ihr nicht?“ „Wir können nicht, es ist zu kalt,“[4] war die ganz natürliche Antwort. Und in der Tat ist es hart, sich jede halbe Stunde Schlaf durch Auflegen eines neuen Stückes Holz erkaufen zu müssen!
Wirklich war es bitter kalt. Im Osten über den düsteren Bäumen leuchteten zwei helle Sterne. Ich zog meine große Jagddecke über mich und fror selber, weil ich die Matratze zu Hause gelassen hatte, um die Bettlast zu erleichtern.
Eine halbe Stunde vor dem Morgengrauen ging ich durch den Sigifluß. Das Wasser reichte mir bis unters Knie. Die Kraft der Strömung drängte beim Vorwärtsschreiten den Fuß zur Seite. Hohe Bäume standen auf beiden Ufern. Ein ununterbrochenes Rauschen ertönte von fern und nah, wo der Fluß über Steine lief.
Am jenseitigen steilen Ufer stieg ich in die Höhe und kam in gute Pirschgegend. Die Fährten großer Antilopen waren zahlreich. Das Landschaftsbild erinnerte an deutschen Buchenwald; es gab breite Lichtungen mit frischer Äsung, gute Deckung und weite Ausblicke.
Bis gegen zehn Uhr, also beinahe fünf Stunden war ich gepirscht ohne ein einziges Stück Wild zu sehen. Ich war durch den Fluß zurückgegangen, ruhte mich unter dem Schatten eines Baumes aus und ließ mir eine der mitgebrachten Kokosnüsse öffnen.
Der Anblick der Landschaft vor mir war ganz besonders schön. Hier hatte der Fluß sein Bett in die Felsen eingewaschen, die sich von beiden Seiten vorschieben und ihn zu zahlreichen Windungen zwingen. Aus dem saftigen Grün der Ebene dazwischen ragten einige hohe Borassuspalmen, die großen Fächerpalmen mit kahlem Stamm.
[Sidenote: Buschbockjagd am Sigi.]
Nachmittags gegen zwei Uhr nahm ich einige zwanzig Wadigo mit und ließ sie durch den Busch gehen, wo ich Wild vermutete. Ein Wasserbock und zwei Buschböcke brachen nach den Seiten aus, ohne daß ich mir über ihre Stärke und Geschlecht klar wurde.
Auch einen Leoparden wollten die Leute gesehen haben.
Nun ging ich mit den Negern zum Fluß.
Mein „Büchsenspanner“, ein alter Kerl ohne Vorderzähne, mit vorzüglichen Augen, schnupfte andauernd Tabak und zog dabei -- wenn er sich ungestört glaubte -- die tollsten Grimassen. Es schien, als habe er Nahrung nicht nötig, wenigstens sah ich ihn an den beiden Tagen, wenn andere aßen, jedesmal nur schnupfen. Unter Mittag saß er mit einigen anderen Alten unter dem Makutidach[5] einer Hütte und rieb braunes Mehl in einer Schüssel. „_Chakula cha pua_“ (Essen für die Nase) nannte er es schmunzelnd.
Es war bereits vier Uhr; ich stand auf einer Höhe über dem Flusse. Die Ufer hatten einen breiten Streifen hohes Schilf; dort gingen die Schwarzen mit Geschrei hindurch. Etwa achtzig Schritt unter mir bewegte sich plötzlich das Schilf. „Schieß! ein Buschbock mit großem Gehörn,“ sagte der Alte, der hinter mir stand. Ich sah, wo der Bock sich auf der Stelle drehte, schoß und glaubte ihm den Schuß auf den Stich zu geben. Er stürzte; die Gräser bewegten sich mehrere Sekunden lang ungefähr an derselben Stelle, ohne daß ich noch einmal schießen konnte. Die Schwarzen kamen schreiend näher; die Bewegung im Schilf wurde heftiger und zog sich zum Fluß hin. Dann war wieder alles ruhig. Plötzlich riefen die Treiber: „Der Bock ist in den Fluß gesprungen!“ Ich lief auf eine höher gelegene Stelle und blieb auf einer vorspringenden Felsplatte stehen. Da sah ich etwa hundertundvierzig Meter entfernt im Fluß und schon kurz vor dem jenseitige Ufer den Kopf des Bockes als kleinen Punkt, wie er durchs Wasser zog und nach beiden Seiten einen Wellenstrich hinter sich warf; und ich schoß schnell. Kein Aufschlag war ringsum im Wasser zu sehen; der Kopf tauchte unter.
Ich ging zu dem Anschuß; hellroter Schweiß führte von dort bis zu der Stelle, wo der Bock den Fluß angenommen hatte.
Alle Schwarzen standen am Fluß; da war guter Rat teuer! Einer wollte nachspringen und tauchen, sagte aber, er dürfte es nicht, der Krokodile wegen, denn er habe gestern ein Rind geschlachtet.
Weiter unten floß der Strom über viele Steine. Dort stellte ich zwei Neger auf, die aufpassen sollten, ob der Bock vielleicht mit dem Strome antriebe.
Ich war noch nicht zehn Minuten weitergegangen, als ich rufen hörte: „Sie haben ihn gefunden! er ist an den Steinen! Du mußt nochmal schießen; die Krokodile halten ihn fest.“ Ich hielt die Büchse hoch und lief, so schnell ich konnte den steinigen Pfad hinunter an den Fluß. Unsicher war ein grauer Gegenstand, auf den die Schwarzen zeigten, oberhalb eines Steines als der Bock anzusehen, und man konnte erkennen, daß dem Körper eine fremde Bewegung mitgeteilt wurde. Der Neger, der dicht dabei auf einer trockenen Felsplatte im Strome stand, versicherte mir, er sehe ein Krokodil.
„Paß auf, ich schieße!“ Unterhalb des Steines tauchte der Kerl unter. Als ich geschossen hatte, trieb der Bock auf den Stein los (ich hatte etwas daneben ins Wasser gehalten).
Der Neger griff zu und zog den dunklen Bock ganz zu sich hinauf; da lag er nun.
Es war ein erfreulicher Anblick für das Auge eines Jägers: im Rot der untergehenden Sonne der Stein mitten im Fluß, rings umströmt von rauschendem Wasser, darauf lang hingestreckt der Buschbock mit dem wehrhaften, schwarzen Gehörn; daneben die Gestalt des Negers.
Halb gehend, halb schwimmend, zogen die Neger den Bock an den Hörnern zum Ufer.
Mitten zwischen den Hörnern, zwei Finger breit über dem Atlas war meine zweite Kugel eingedrungen und saß zwischen dem linken Unterkiefer und der Decke. Der erste Schuß hatte den Hals auf der linken Seite handbreit über der Schulter durchschlagen, ohne die Wirbel zu verletzen. Der Ausschuß war stark erweitert; vielleicht schon von den Krokodilen.
Als längst die Feuer brannten und die Unterhaltung der Träger verstummte, ging ich zwischen den Palmen hindurch und stand noch lange auf einer Anhöhe, über dem weiten Tal.
In Dunkelheit lag es, von wenigen Sternen beschienen.
* * * * *
Als ich nach Tanga zurückkehrte, waren Herren und Damen zum Nachmittagstee an Bord. Das Löwenfell wurde zum Schmuck aufgehängt, und mehr als einer beglückwünschte mich mit den Worten: „Ich bin soundsoviel Jahre in Afrika und habe noch keinen Löwen gesehen, und Ihnen läuft am zweiten Tage gleich einer in die Flinte.“
Und in der Suahelizeitung „Kiongozi“ erschien acht Tage später ein kurzer Bericht über meine Löwenjagd.
* * * * *
[Sidenote: Sonnenuntergang in See.]
Einige Tage später dampfte der ‚Bussard‘ dem Süden der Kolonie entgegen, als wir, wie gewöhnlich nach dem Abendbrot auf der Hütte saßen.
Es war ein prachtvoller Abend.
Vom Westen kam goldenes Licht der untergehenden Sonne. Das Land darunter war nur am Dunst zu vermuten.
Der Himmel sah kalt aus, weil das Auge in dem unendlichen Blau vergeblich nach Gebilden suchte, die das wärmende Licht auffingen; nur im Osten stand tief eine massige Wolke; das Abendlicht färbte sie rosig rot und die einzelnen Kuppen warfen dunkle Schatten.
Die unteren Teile waren unbeleuchtet, und schwächer umrissen, schon in das Blau der Ferne zurückgetreten.
Roter Widerschein spiegelte in dem glatten Wasser. Von unten herauf hoben sich die Schleier des Abends, Vorboten der Nacht, und erklommen die Gipfel des vergänglichen Gebirges bis es mit erstarrten Zügen dalag.
Jetzt schwand auch im Westen das Gold. Aus der Tiefe des Meeres schien hier die Nacht heraufzukommen.
Jedes Blau, das kühnste Violett mit Rot und Gelb gemischt, breitete sich aus und dicht an der Schiffswand zeichnete die Bewegung der Wellen blitzende Linien in die schwarze Flut.
* * * * *
Bei klarem Wetter näherte sich S. M. S. ‚Bussard‘ von Süden kommend, der Insel Mafia. Von weitem erinnert der Anblick des dunklen Grün über dem weißen Strand und der freundlichen Farbe des Wassers an die pommernsche Ostseeküste; erst aus der Nähe erkennt man, daß die Bäume keine Kiefern sondern Mangroven, Mangos und Kokospalmen sind; flache Bänke sind hier im Westen der Insel vorgelagert und fallen zur Ebbzeit weithin trocken.
Die Tirenibucht, in deren hellem Wasser wir den Anker fallen ließen, ist von hohen Palmen umsäumt; ein rechter Ort des Friedens. Selbst der Westwind hat nicht Raum, hohe See aufzubringen; denn das Festland mit dem Mündungsdelta des Rufiyi ist nicht weit.
Im Norden der Bucht fehlen die Palmen; die Vegetation geht in Busch über und dann verläuft das Land dem Auge als heller Sandstreifen nach der See hin.
Zahllose Wasservögel beleben die zur Ebbzeit trockenen Riffe. An dem steilen Ufer sieht man hellere Stellen, vermutlich Kalkgestein. -- Baumann sagt allerdings, nur im Innern, im nördlichen Teil der Insel, komme Kalkstein vor. -- Im übrigen ist die ganze Insel sandig und hervorragend geeignet zur Anlage von Kokospflanzungen; schon jetzt hat Mafia eine große und stetig wachsende Ausfuhr an Kopra.
Die Palmpflanzungen sind zum großen Teil in den Händen von reichen Arabern. Auf den Schamben wird Vieh gehalten, und die Regierung hat ein wachsames Auge auf die Erhaltung und Vermehrung des Viehbestandes, der für die Düngung der Palmen von großer Bedeutung ist. Bei der Nähe der Küstenstädte mit ihrem großen Bedarf an frischem Fleisch und bei den leichten Transportverhältnissen lag die Gefahr vor, daß der Viehbestand der Insel zum Schaden der Pflanzungen vermindert wurde. Deshalb bestand ein Ausfuhrverbot, und nur mit Erlaubnis des Herrn Steiner, der dem Bezirksamt in Tschole vorstand, durften die Araber diesmal dem Kriegsschiff fünf Rinder schenken; als Dank für die Freundlichkeit, mit der ihnen die Matrosen während der Landwirtschaftlichen Ausstellung in Daressalam die Einrichtung des „Manovari“[6] gezeigt hatten.
(Die Mannschaft bekommt bestimmte Verpflegungsgelder; Ersparnisse werden ausgezahlt oder zu Vergnügungen ausgegeben. Das weiß jeder an Bord genau und wer der Menage etwas stiftet, ist des Dankes jedes einzelnen gewiß. So wurde auch das Geschenk der Araber entsprechend gewürdigt, um so mehr, als diese baten, wir möchten auch Kokosnüsse nach Bedarf bestellen. -- Die Nüsse wurden von den Matrosen stets sehr gern gegessen und getrunken.)
Herr Steiner war mit diesem Verhalten seiner Schutzbefohlenen sehr zufrieden; er benachrichtigte das Kriegsschiff rechtzeitig und riet, die Geschenke anzunehmen.
[Sidenote: Auf der Insel Mafia.]
Das Landen war in der Tirenibucht nicht einfach; bei Flut konnten die Boote unmittelbar an Land fahren, bei Ebbzeit aber mußte man weit durch das Wasser waten oder sich dem Rücken eines Schwarzen anvertrauen. Doch ein Spaziergang in der wunderbaren Pflanzenwelt der Ufer dürfte auch größere Mühe und Umstände lohnen. Im Wasser gedeiht ein dünner Mangrovengürtel, den eine breite Sandstraße von der üppigen Ufervegetation trennt. Hier glänzen die fein gefiederten Wedel der wilden Phönixpalme, wie an der Mündung des Rufiyi; große und kleine Laubbäume wechseln ab mit Büschen, die eine Fülle duftiger, weißer Schmetterlingsblüten tragen; einzelne Betelpalmen schießen hoch empor und tragen auf dünnem Stamm die künstlerisch ausgebaute Krone. Mit erstaunlichem Eifer haben sich die Pflanzen auch einer am Strande stehenden Ruine bemächtigt. Vor einem halben Menschenalter mag dieses Haus erbaut sein; wer aber nicht weiß, wie schnell unter tropischer Sonne Mauern dem Verfall geweiht sind, wird sich versucht fühlen, die Ruine auf die Portugiesenzeit wohl vierhundert Jahre zurückzuführen und den Bäumen nach europäischem Maßstabe ein hohes Alter zuzutrauen.
Die Abendsonne durchleuchtete hier die Blattgewebe der üppigen Bäume, die sich an das verwitterte Baugestein anlehnten. Dicht dabei glitzerten die Sonnenstrahlen in der klaren Salzflut. In den Zweigen der Mangroven hatten sich hunderte von blauen Reihern und kleinen, weißen Kuhreihern zur Nachtruhe niedergelassen. Milane und Schildraben umkreisten die Wipfel der schlanken Kokospalmen.
Ein heller Morgen sah mich wieder am Strand, wo ein kleiner weißer Esel mit langen, steifen Ohren auf mich wartete. Er wurde nach arabischer Art gesattelt. Der hübsche Eseljunge, (der offenbar arabisches Blut in den Adern hatte), legte vier weiche Decken auf, zog mit großer Ruhe und Ausdauer jede einzelne sorgfältig hin und her und faltete sie gehörig; dann befestigte er eine weiche Kordel so, daß der fertige Sattel durch den Schwanz des Tieres am vorrutschen gehindert wurde. Nach vorn führte gar kein Geschirr; der fertige Sattel ruhte über dem Kreuz des Tieres. Ein einfacher Strick diente als Zügel; mehr war auch nicht nötig, denn das Tier war gewohnt stets hinter dem Eseljungen herzulaufen; der warf sein weißes Gewand über und setzte sich nach Art der Neger in Trab, indem er Kopf und Oberkörper, besonders beim Anlauf, stark auf dem niedergehenden Fuß hin und her bewegte. Für die Gangart des Tieres war also ganz der Junge maßgebend; ich durfte meine Reitkünste zu Hause lassen und konnte nur durch ein paar auf Kisuaheli zugerufene Worte meinen Willen zum Ausdruck bringen.
[Sidenote: Ein Ritt durch die Insel Mafia.]
An den Pflanzungen sieht man, daß die Palmen auf der ganzen Insel gedeihen. Ich durchritt sandiges, mit niedrigem Gras bestandenes Hügelland, in dem von Zeit zu Zeit kleine Schamben lagen; ein Dutzend Kokospalmen, ein Garten mit Mohogo, dabei eine kleine Hütte. Das ganze Besitztum sorgfältig gegen Wildschweine eingezäunt. In langen Talsenkungen stand Wasser; hier gedieh eine artenreiche, dichte Sumpfvegetation und blaue Wasserrosen deckten den Wasserspiegel. In der Regenzeit sind diese Täler ganz mit Wasser ausgefüllt. Die Wege zeigten streckenweise Pflege; an den Seiten war eine Reihe niedriger, blaugrauer Agaven gepflanzt. Einmal durchschnitt der Weg übermannshohes Gebüsch von Heidekraut, das zum Teil niedergebrannt war; an einer Stelle, wo ich zum Frühstücken hielt, stand ein merkwürdiger Busch mit glänzenden Blättern; es sah aus, als ob gelbe und rote Blüten nebeneinander auf einem Ast saßen, aber bei näherem Hinsehen konnte man erkennen, daß nur die gelben Blüten, Blüten waren und die roten, alte Kelchblätter, die in ziegelroter Farbe abwechselnd grüne, unreife und schwarze, reife, glänzende Beeren umkränzten. Gewiß eine Merkwürdigkeit; erhöht durch die Tatsache, daß die Kelchblätter, solange sie frische Blüten umschlossen, klein und nur zart gefärbt waren.
Nach mehrstündigem Ritt näherte ich mich der Ostseite der Insel. Die Kokospalmen wurden häufiger und bildeten bald regelmäßigen Waldbestand. Die hohen, gleichmäßig starken Stämme erhoben sich aus niedrigem Graswuchs; doch, wie um dem Auge einen festeren Halt zu geben, waren dunkle, volle Mangobäume in diesen einförmigen Wald hineingestreut und trugen wie Weihnachtsbäume, eine Fülle von Früchten an dünnen Fäden. Zwischen den Bäumen lagen die naturbraunen, mit Palmblättern gedeckten Hütten der Menschen; Rinderherden zogen durch den Wald, gefolgt von schneeweißen Kuhreihern, die in Zusammenleben mit Haustier und Mensch ihren Bedarf an Insektennahrung an der Haut der Rinder suchen; ein Umstand, der den Viehzüchtern erwünscht ist. (Die Kuhreiher und Madenhacker werden in Deutsch-Ostafrika durch das Jagdgesetz geschützt, weil angenommen wird, daß sie auch die von den Rindern abfallenden Küstenfieberzecken verzehren. Man ist aber weit davon entfernt, den Nutzen der Vögel zu überschätzen; sie hacken Löcher in die Haut der Rinder und bringen ihnen häßliche Wunden bei. Die Insel Mafia selbst ist vor Seuchengefahr ziemlich sicher und die Vieheinfuhr wird durch Quarantäne sorgfältig überwacht).
Auf einem sauber gehaltenen Platze unter hohen Palmen hielt mich der Jumbe der Insel an, ein Araber, der aus einer wohlgebauten Hütte heraustrat. Die hagere Gestalt bekleidete ein langes, weißes Hemd aus dem die zierlichen Glieder und der fein geformte Kopf heraussahen. Über der glatten, weichen Stirnhaut war das Kopftuch zu einem Turban zusammengeschlungen. Die lebhaften, großen Augen glänzten und durch die feinen Lippen leuchteten beim Sprechen weiße Zähne. Vor der Mitte des Leibes stak im Gürtel der fein verzierte, gebogene Dolch in silberner Scheide; an den Füßen trug er weit überstehende Ledersandalen. Er bot mir einen Stuhl an und ließ eine Kokosnuß holen, eine frische, wie er versicherte; ich konnte das nicht bezweifeln, denn ich sah, wie der Junge auf die Palme kletterte und umständlich die beste Nuß auswählte und herunterschlug.
Die Auswahl muß, wie mir der Araber erläuterte, erlernt werden. Man unterscheidet Trinknüsse (Madafu) und reife Nüsse zur Kopragewinnung oder zur Aussaat. Die Trinknüsse haben noch nicht viel Fleisch angesetzt und sind, nachdem der Bast durchgehauen ist, leicht zu öffnen. Der Saft macht auf weißen Anzügen braune Flecken, die durch waschen nicht hinausgehen.
Bewundernswert ist, wie die Neger die Palmen erklettern.
Während wir den Druck der Knie beim Klettern benutzen müssen, gestattet dem Neger sein Körperbau an dem dünnen Stamm einer Palme empor zu gehen, wobei er den Stamm mit den Händen umfassen kann, weil er sehr lange Arme hat. In den Stamm der fruchttragenden Palmen sind, um das Ersteigen zu erleichtern, meist Treppenstufen eingeschnitten.
Auf dem sauber gefegten Platze vor dem Hause lagen aufgeschnittene Kokosnüsse zum Trocknen. -- Als ich am Abend wieder vorbeikam, waren sie unter das überstehende Dach der Hütte gelegt, um sie vor dem hier reichlichen Nachttau zu schützen. --
Ich ritt weiter und hatte bald den Blick zwischen Palmen hindurch auf das Meer, auf die große Bucht, deren Südseite die Insel Tschole vorgelagert ist. An den Korallenriffen stand eine hohe Brandung.
Zwischen den Riffen hindurch führt die Einfahrt in die Tscholebucht, die bei Hochwasser auch von den kleinen Gouvernementsdampfern angelaufen werden kann.
[Sidenote: Kokospalmen.]