Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika
Part 25
Ja, es wird nur eine Frage der Zeit sein, ob an den Schnellen ein großes Stauwehr gebaut wird, damit die ungeheuren Wassermassen, die sich in der Regenzeit durch das enge Tor wälzen, für das weite, trockene Gebiet südlich des Rufiyi nutzbar gemacht werden. Das im vorigen Kapitel gezeigte Profil des Flußbettes scheint dazu einzuladen, von beiden Seiten auf dem festen Steinfundament an die tiefe Rinne hinanzubauen, um zuletzt die Rinne selbst (als Freiwasser) zu überbrücken.
Aber das sind Pläne, die der Zukunft gehören und deren Ausführung viel Geld kostet.
Sicher ist, daß man sich nicht mit dem Kulturland am Strom begnügen, sondern durch künstliche Bewässerung größere Landteile nutzbar machen wird.
Daß Viehzucht in einzelnen Gebieten möglich ist, beweisen die Herden der Kommune Mohorro und des wirtschaftlichen Komitees. Neben den Äckern wächst außerdem Schilfgras in großen Mengen und kann zu Kompost genommen werden.
Die Fruchtfolge ist nach den neuesten Versuchen am günstigsten, wenn jedes Feld zweimal Baumwolle trägt; im zweiten Jahre aber schon gedüngt wird. Im dritten Jahre wird Mais und Klee gesät, im vierten Jahre steht der Klee noch als Viehfutter. Im fünften folgt wieder Baumwolle. Also eine Vierfelderwirtschaft.[54]
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[Sidenote: Kaisers Geburtstag. Notizen.]
Wenn ich diesmal nicht selbst den Kalender gewußt hätte, wäre mir Kaisers Geburtstag doch nicht entgangen, denn als ich am 26. Januar eine Patrouille auf zwei Tage wegsandte, fragten die Askari, ob nicht ein Tag genüge, morgen sei ja Festtag (_sikur kun ya bana Kaiser_). An dem Tage bekommt jeder Askari eine Rupie extra.
Auch die Plantagenarbeiter mußten mitfeiern. Am Tage wurden Wettspiele gemacht und die ganze Nacht hindurch unausgesetzt die große Trommel geschlagen.
Feuer brannten, und in gleichmäßigen Pausen wiederholte sich der Chorgesang der Tänzer und Tänzerinnen.
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Die Neger einiger in der Nähe liegender Dörfer waren auf Büffeljagd ausgegangen.
Der Gedanke, eine solche Jagd mitzumachen, war für mich sehr verlockend; leider konnte ich es nicht und ließ mir nur erzählen, wie die Eingeborenen die Büffel jagen.
Die Büffel stehen in der Trockenzeit, wenn das Gras der Ebene hart und dürr wird, gern an kleinen Seen und Bächen im Busch; sobald aber der erste Regen das junge Gras hervorlockt, ziehen sie sich in die Niederungen.
Dann kommt es oft vor, daß nach großen Regengüssen weite Gebiete vom Strom überschwemmt werden und die Büffel plötzlich, von Wasser rings umgeben, auf einer Insel gefangen sind.
Dorthin gehen die Eingeborenen und verleiden den Tieren den Aufenthalt, bis sie das trennende Wasser durchschwimmen.
Sofort sind die Neger mit Einbäumen hinter ihnen und verfolgen die Tiere, die im Wasser ungeschickt sind, mit Speerwürfen und Pfeilschüssen.
Vor allem junge Tiere fallen ihnen dabei zum Opfer.
Die Regierung schützt die Büffel, und es war den Eingeborenen nicht erlaubt, Büffel zu jagen; in der Zeit der Hungersnot aber mußte man ein Auge zudrücken. Die Erhaltung der Menschen war wichtiger als Wildschutz.
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Unser letzter Esel ging ein. Es ist schrecklich, wenn man nicht helfen kann. Tsetsekrankheit natürlich, denn wir sind ja mehrmals in Gegenden gekommen, wo die Fliege gesehen wurde, die die kleinen tierischen Parasiten überträgt.
Die Tsetsekrankheit und das Texasfieber sind die großen Hindernisse, die der Viehzucht und dem Transportwesen entgegenstehen.
Welch verlockende Kulturaufgaben, diese Feinde zu bekämpfen!
Wunderbar ist es, daß bei all den großen Krankheiten ein Insekt die abscheuliche Aufgabe übernommen hat, die kleinen Parasiten dem Blut der Säugetiere einzuimpfen. Und immer nur ein ganz bestimmtes Insekt!
Mit einer gewissen Ehrfurcht muß man sie ansehen: die Anopheles, die kleine Mücke, deren Weibchen als Überträger des Malariaparasiten bisher das tropische Afrika gesperrt hat; die _Glossina morsitans_, die die Haustiere des Menschen haßt, und deren Schwester -- durch die Schlafkrankheit -- Zentralafrika entvölkert, in der Zeit, wo die Kulturmenschheit die Hände nach dem volkreichen Uganda ausstreckt, um Arbeiter zu suchen; und endlich die träge, dickleibige Zecke, den Boophilus, der auf den Weideplätzen auf die Rinder wartet, um ihnen Blut zu nehmen und das Texasfieber zu geben.
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Die Kunst, Leder herzustellen, habe ich mir übrigens leichter gedacht, als sie ist. In der Trockenzeit hat sich alles bewährt; die Kistendeckel aus Antilopenfell, die Tasche für den photographischen Apparat, die Hausschuhe aus Wasserbockfell und die Fellteppiche; jetzt fängt es an zu stinken. Und ich habe nun alle die mir unentbehrlich gewordenen Gegenstände in Alaun und Salz gepackt.
Die Neger hier können kein Leder bearbeiten. Hätte ich einen Neger von der Westküste hier!
Wie lange habe ich probieren müssen, um mir nur haltbare Schuhbänder zu schneiden! Endlich konnte ich es: Buschbockfell in ganz feine Streifen geschnitten, gut gesalzen und gegerbt.
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Briefe! Der Ombascha Chuma gibt mit ein ‚Barua‘, das ein Bote aus Mohorro mitgebracht hat. Ich soll es ihm vorlesen.
Von Askari Kisusa, der verwundet im Hospital liegt. Inhalt: „Grüße an Abdallah, der noch eine Rupie von mir bekommt; und ich will von Sefu zwei Rupie; und die Bibi des Mzee schuldet mir noch 18 Pesa für Reis.“ Dann folgen Grüße an alle, die dem Kranken einfielen.
Deshalb läßt der Ombascha die Askari antreten, nimmt den Zettel und sagt: „Es ist ein Brief von Kisusa gekommen, er schreibt: Grüße an...“ Jetzt nennt er, vom rechten Flügel anfangend, die Namen einzeln und sieht zwischendurch immer wieder auf den Zettel, als ob er lesen könne. Dann sagt er: „Weg-treti.“
Ich diktierte Briefe an Jumben, die nur arabische Schrift lesen konnten, und ließ mir das Diktierte nachher vorlesen. Dabei kam heraus, daß diese Schreiben einen ganz besonderen Stil hatten. Das Hauptmerkmal war, daß alles mehrmals wiederholt wurde. Aber auch Ausdrücke kamen vor, die besonders auffielen. „Du sollst gut aufpassen,“ hieß: „sieh mit beiden Augen.“
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Als Hohlmaß für Getreide haben die Neger den Pischi (zu vier Kibaba). Sie stellen das Maß hin und füllen soviel hinein und darauf, als nicht über die Ränder hinunterläuft. Als ich fragte, weshalb sie nicht glatt abstrichen, sagten sie, der Bezirksamtmann hätte das so erlaubt; früher habe man noch ganz anders gemessen: da habe man beide Arme um den Rand gehalten.
So sind sie: sie wollen mit dem Bewußtsein vom Markte gehen, für ihr Geld etwas mehr bekommen zu haben, als ihnen zustände; ja, sie hassen, glaube ich, instinktiv das eherne Gesetz, das sich brüstet, gerecht zu sein, wenn es gleichmäßig ist.
Mit ihrer Arbeit ist es ähnlich. Sie arbeiten gut, wenn ich anerkenne, was meinem ganzen Wesen noch fremd ist: daß es nicht nur eine Pflicht gibt zu arbeiten, sondern auch eine zu faulenzen.
„Sechs Tage sollst du arbeiten und jeden Morgen auf die Minute anfangen.“
Wo?
Vielleicht in einem härteren Klima, wo der Boden nicht so willig hergibt, was Menschenhand ihm abringt; hier gibt es andere Gesetze!
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[Sidenote: Leopardenjagd.]
Als ich glaubte, wieder marschfähig zu sein, setzte ich die Reise von Panganya nach Mtanza fort, mußte mich aber den letzten Teil des Weges auf einer Kitanda (Bettstelle) tragen lassen, weil die Wunden sich wieder aufscheuerten. Bei der Auswahl der Bettstelle machte ich die Entdeckung, daß an den Stellen, wo die harten Baststricke, mit denen das Gestell bespannt ist, sich kreuzen, oft Läuse wohnen!
Ich war kaum im Lager angekommen, hatte gebadet und meine schmerzenden Füße verbunden, als ein Mann gelaufen kam und sagte, sein Bruder sei von einem Leoparden getötet worden. Der Leopard sei noch bei dem Toten!
Es war auf dem Nordufer; ich nahm mein Gewehr und Patronen, humpelte zum Boot, fuhr hinüber und ließ mich vorsichtig zu der Stelle führen.
Der Schwarze zeigte: „Er ist da.“
Ich sah nichts.
Plötzlich sprang ein Leopard ins Gebüsch.
Er hatte im Grase bei der Leiche gelegen.
Jetzt sah ich den Toten.
Er lag unter einem ziemlich starken Baum. Der Hals war zerfleischt.
Der Neger sagte, sein Bruder wäre auf den Baum gestiegen, um Honig herabzuholen; der Leopard habe oben in der Krone gesessen und sei ihm ins Genick gesprungen; da sei sein Bruder tot herabgestürzt.
Der Leopard würde zurückkommen, ich solle bei dem Toten die Falle stellen.
Das tat ich, ging etwa achtzig Schritte ab und blieb an einem Baumstamm sitzen.
Nach kaum einer Viertelstunde sah ich den Leoparden plötzlich bei dem Toten. Ich hob behutsam die Büchse und zielte. Da klappte es, das Fangeisen war zugeschlagen. Ich lief hinzu und blieb auf dreißig Schritt stehen.
Der Leopard sprang mit der schweren Falle hin und her, fauchte und biß auf die eisernen Bügel.
Ich gab ihm einen Blattschuß; er verendete.
Zwei Askari kamen auf meinen Schuß herzu, der eine sagte, es wären wohl noch mehr Leoparden da; ein „_chui_“ sei nie alleine. Deshalb stellte ich das Eisen noch einmal, ließ den Leoparden mitnehmen und ging zum Boot zurück, während die Askari auf Anstand blieben.
Als ich im Lager ankam, hörte ich schon ihr Schnellfeuer und bald darauf kamen sie mit dem zweiten Leoparden.
Beide Leoparden waren männlich.
Der geschlagene Mann war gerächt und ich befahl, ihn zu begraben, was die Neger jedoch nicht ohne Schutz einer starken Askaripatrouille tun wollten.
Sie hätten ihn auch nicht begraben, wenn ich es nicht befohlen hätte.
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Auch in der Umgegend von Mtanza hatte das Hochwasser die Landschaft verändert.
In flachen Tälern, die früher gar nicht auffielen, floß jetzt der Strom in ungeheurer Ausdehnung und schloß Menschen und Tiere auf kleine Inseln ein.
Während früher überall leere Boote gelegen hatten, wurde jetzt jeder kleine Einbaum gebraucht, um den schwierigen Verkehr aufrecht zu halten.
Das Wasser floß durch die Maisfelder. Viele Enten, Gänse, Reiher und Taucher schwammen auf dem flachen Wasser und flogen in den Abend- und Morgenstunden zu hunderten über der Ebene. Unzählige Holztauben flatterten in allen Feldern.
[Sidenote: Abreise.]
Während ich zur Abreise rüstete und das Lager auflöste, war ich oft mit der Schrotflinte in den Feldern, um Enten und Tauben zu schießen. Dabei kam ich einmal an eine Hütte, von der aus ein Boot mich über einen tiefen Wasserarm brachte. Der Fährmann warnte mich, als ich die Hände über Bord hielt und sagte, ein ganz gefährliches Krokodil sei in der Nähe; das Tier habe schon viele Menschen geholt; vor kurzem erst seinen Vater und seinen Bruder. Er selbst hatte eine große Wunde von dem Biß des Krokodils, das versucht hatte, ihn aus dem Boot zu ziehen. In der Trockenzeit, sagte er, sei das Tier in einem ganz kleinen Teiche; es sei fast nie zu sehen und richte seit Jahren schon Schaden an.
Das war ganz in der Nähe meines Lagers und niemand hatte bisher davon erzählt, weil, wie mir dieser Mann sagte, gegen das Ungetüm doch nichts zu machen sei! Wie schade: zu gerne hätte ich das gefährliche Tier erlegt; doch es war nur in der Trockenzeit möglich.
Der Tag der Abreise kam.
Das Lager wurde geräumt; das große Haus und die Hütten zwischen den Wellengräben und Pallisaden blieben nun leer zurück.
Ein Teil der Leute mußte auf dem Nordufer über Land gehen, weil nicht genug Boote da waren. Die Neger stellten sich beim Rudern so ungeschickt an, daß Lauer und ich selbst die kurzen Ruder nahmen und unter großer Anstrengung mehrmals hin- und herruderten.
[Sidenote: Fieber.]
Als wir am Nachmittage stromab fuhren, fühlten wir in allen Gliedern große Mattigkeit, gegen die wir energisch anzukämpfen versuchten. Deshalb gingen wir gegen Abend ans Ufer und machten einen Pirschgang bis zur Dunkelheit.
Wir schossen zwei Riedböcke und ein Wildschwein und kehrten zu den Booten zurück.
Die Mattigkeit nahm zu; der Appetit fehlte. Ich kam zu der Überzeugung, daß ich Malariafieber hatte, und nahm Chinin.
Mein Begleiter hatte noch kein Fieber und glaubte deshalb (wie viele, die im Anfang damit verschont blieben), er bekomme es nicht.[55] Er sagte, es könne auch ein Erkältungsfieber sein und nahm kein Chinin.
Es ist ein Unglück, wenn die Europäer einer Expedition krank sind. Es ist, als ob die Spannkraft aller Neger sofort nachlasse, wenn der Weiße von einer Krankheit gedemütigt wird. Die Neger verlieren den Glauben an ihn. Bummelei und Ärgernis treten auf und Mißerfolge erhöhen das Leiden des Weißen.
Ein Posten schlief auf Wache, so daß ich ihm sein geladenes Gewehr wegnehmen konnte.
Die Wache bei den Booten hatte auch nicht aufgepaßt; ein ganzes Boot mit Lasten fehlte am Morgen.
Das Marschieren wurde uns an diesen Tagen sehr schwer. Es war kein Wind und die Sonne brannte auf den Sumpf hernieder, während wir meilenweit bis an die Knie im Wasser und durchweichten Boden wateten. Da war es oft, als wollte das Herz seinen Dienst versagen und man hatte den Wunsch, sich lang im Wasser hinzulegen.
Mein Begleiter war ganz still; wir konnten uns gegenseitig wenig Mut abgeben.
An dem Abend dieses Tages erreichte mein Fieber den Höhepunkt. Mit glühend heißen Schläfen lag ich im Zelt und kühlte mit nassen Tüchern.
Die Boys zeigten ihr Mitgefühl dadurch, daß sie nahe bei unseren Zelten die Trommel zum Tanze schlugen. Es war mir eine Qual das zu hören, aber ich fand nicht den Entschluß, es zu verbieten. Ja, es beruhigte mich innerlich geradezu, durch den Lärm an dies trotzige, gedankenlose Leben erinnert zu werden.
Glücklicherweise hatten wir das fließende Wasser wieder erreicht und konnten am nächsten Tage die Boote benutzen. Lauer mußte gestützt werden; er nahm immer noch kein Chinin.
Mit unglaublicher Schnelligkeit trieben wir an überschwemmten Dörfern vorbei: die Borassuspalmen von Mayenge tauchten aus Nebelschleiern auf.
Da lagen die Berge von Kitschi; noch eine Biegung des Stromes, an der die Eingeborenen Nothütten gebaut hatten, dann waren wir in Mayenge.
Hier war der kranke Unteroffizier Kuehn gerade von Feldwebel Münch abgelöst.
Auch diese Boma wurde geräumt und wir fuhren zwei Stunden weiter stromab zu einer hohen Landzunge, auf der ich einen Platz für das neue Bezirksamt am Rufiyi aussuchen wollte.
Die nächsten Nächte wären für uns Kranke schlimm gewesen, wenn nicht Feldwebel Münch mit bewundernswerter Geduld und Sicherheit unsere Pflege übernommen hätte. Er gab uns das Chinin zerstoßen in Oblaten. Ich wurde schnell besser, weil in mir das Gift den Kampf mit den Parasiten schon aufgenommen hatte; bei Lauer aber war das Fieber zu weit vorgeschritten, er war kaum imstande das Chinin hinunterzuschlucken.
Er litt sehr, phantasierte und sprach von Schwäche und Sterben; aber Münch ließ sich nicht beirren und sagte ganz ruhig: „Machen Sie doch keine Witze.“
Ich habe oft daran denken müssen, daß solcher Zuspruch besser ist, als hilfloses, sichtbares Mitleid!
Trotz seiner Erfahrung mit dem Fieber -- Münch hatte monatelang an Schwarzwasserfieber gelitten -- durften wir uns unserm Pfleger nicht ganz anvertrauen, wenn es möglich war, Mohorro in diesem Zustande zu erreichen.
Ich fühlte mich wieder frisch. Ein großes Boot wurde ausgerüstet und am Abend Lauers Bett hineingestellt. Ich lag dahinter im Lehnstuhl; die Askari und Neger folgten in neun anderen Booten.
Der Mond war aufgegangen, als die Boote vom Ufer ablegten.
Lautlos trieb die kleine Flotte auf dem Strom.
Ich zog mein Buch aus der Tasche und schrieb. Elf Uhr.
Am Ufer brennt ein Feuer; da übernachten Flußschiffer und schwatzen fröhlich und laut. Es klingt übers Wasser in der stillen Nacht und sie hören unsere Boote nicht, die leise plätschernd nahe bei ihnen vorbeitreiben.
Kein Wölkchen ist am Himmel. Die Sterne stehen über mir. Das Mondlicht glänzt auf den Blättern der Büsche.
Dahinter erhebt sich der Wald und die Berge. Ein hoher Sandrücken kommt näher; er neigt sich weit über den Strom. Auf der Höhe steht ein plumper Affenbrotbaum.
Es ist so still als ob die Natur ihren Atem anhält.
Da dröhnt vom Berge herab deutlich durch die Stille eine einzige, tiefe Löwenstimme; ein Ruf an die Nacht, die nur im Schweigen Antwort gibt.
„Simba“ flüstert der Neger hinter mir.
Schwach saß ich im Lehnstuhl und war erfüllt von den wundervollen Eindrücken, die wie eine Abschiedsfeier auf mich wirkten. Ich dachte zurück an vergangene Bilder, an stille Nächte, in denen der Mond schien.
Ich sah auf den Kranken, legte ihm die Kissen zurecht und schloß sein Moskitonetz. Dann streckte ich mich im Boot lang aus und schlief.
Manchmal erwachte ich aus festem Schlaf, wenn das Boot auf eine Sandbank auflief und von den Baharias wieder abgeschoben wurde. Einmal stieß das Boot auf einen Baumstamm, der im Wasser lag. Es wurde von der Kraft der Strömung in den Zweigen hochgehoben und schlug quer, sodaß das Wasser, das ihm sonst fördernde Kraft war, plätschernd gegen die Bordwand drängte.
Oft dröhnte die tiefe Stimme eines Flußpferdes aus nächster Nähe; ein kurzer Zuruf der Leute, eine gewaltsame Wendung des Bootes, und weiter ging es in gleichmäßiger Ruhe.
[Sidenote: Wieder an der Küste.]
Gegen vier Uhr am Morgen wurde ich geweckt. Wir waren in Ndundu. Die Neger alarmierten das Dorf. Der Akide kam. Strohfackeln brannten.
Aus dem fensterlosen Seitenraum eines Hauses wurden Lasten herausgeschleppt, die ich dem Akiden zum Aufbewahren gesandt hatte.
Noch war dunkle Nacht. Aber der Vollmond stand schon tief am Himmel und der Morgen war nahe, als ich weiterfuhr, und die Gruppe der Neger mit ihren Fackeln am Ufer zurückblieb.
Ich wußte eine reine Freude vor mir: auf dieser Fahrt das erste Licht des Tages kommen zu sehen.
Und es kam. Die Ufer schimmerten im Morgenlicht. Bäume und Hütten nahmen Form und Farben an. Helles Licht breitete sich über das Wasser aus. Wölkchen zogen von der See herüber und unterbrachen die Strahlen.
Als es Tag war hörten wir das laute Treiben der Menschen.
Die Boote landeten am Ufer von Mosmene, wo Händler ihre Lasten aufgestapelt hatten und fleißige Hände bei der Arbeit waren, Frachten umzuladen.
Der Aufstand lag hinter mir; ich war wieder an der Küste.
[54] Über die wirtschaftlichen Aussichten in diesen Gebieten findet man Näheres in dem Buche: Hermann Paasche, Deutsch-Ostafrika. Verlag von E. A. Schwetschke und Sohn, und in den Berichten des Kolonialwirtschaftlichen Komitees.
[55] Man findet die wunderlichsten Theorien bei Menschen, die kein Fieber bekommen. Einer sagt: er passe auf, daß ihn keine Mücke steche (sehr gut; es ist aber nur ein Teil der Schutzmaßregeln!), ein anderer: er fühle das Fieber kommen und trinke dann eine Flasche Sekt, dann sei er sicher. Wirkliche Konfusion bestand, bevor man das Wesen der Malaria kannte, und in den alten Reisewerken bekommen die Reisenden von starkem Kaffee z. B. Fieber. Es gibt Menschen, die oft Malaria hatten und die immun geworden sind.
Verzeichnis
häufig vorkommender in Deutsch-Ostafrika allgemein gebrauchter Fremdwörter.
Akide = Ältester der farbigen Bevölkerung einer Stadt oder Landschaft.
Askari = Soldat der Schutztruppe.
Bana (Bwana) = Herr.
Barua = Brief.
Betschausch = schwarzer Feldwebel.
Bibi = Mädchen; Frau.
Boma = befestigter Platz, Regierungssitz.
Dhau = Segelfahrzeug.
Goanesen = Leute aus Goa (Vorderindien); Mischlinge von Portugiesen mit Indern.
Jumbe = Dorfältester.
Kopra = Fleisch der Kokosnuß.
Kiongozi = Führer; Name der in Tanga erscheinenden Suahelizeitung.
Kanicki = blaues Baumwolltuch.
Kofia = Mütze.
Mohogo = Maniok, Gemüsestrauch mit stärkemehlreichen Knollen.
Matama = Negerhirse (Setaria).
Makuti = Palmblatt.
Ngambo = das jenseitige Ufer.
Ngoma = Trommel, Tanz.
Ombascha = Gefreiter der Schutztruppe.
Pesa = Kupfermünze; 64 Pesa = 1 Rupie (jetzt 100 Heller).
Poscho = die tägliche Essensration für Askari und Träger.
Pori = Busch; das Pori ist der Ort, wo sich die Schenzis dauernd, andere Leute nur vorübergehend aufhalten. Man lagert „Porini“ = wo keine Hütten sind, im unbewohnten Busch.
Pischi = ein Hohlmaß für Getreide.
Rupie = Silbermünze: deutsche Rupie = 1,34 Mk.
Schamba = Pflanzung, Acker.
Schensi = der Buschbewohner.
Wangoni = Nachkommen der in Deutsch-Ostafrika Mitte des vorigen Jahrhunderts eingewanderten Sulukaffern.
Druckfehlerberichtigung.
Seite 173. In der Unterschrift des Bildes muß es heißen: Schwarzfersenantilope statt Schwarzharfenantilope.
Seite 226. In der Unterschrift des Bildes muß es heißen:... der Zahn beginnt schon, wo er in der Knochenhöhlung des Oberkiefers sitzt, ~sich zu winden~; der Schädel muß also...
Druck von A. W. Hayn’s Erben, Potsdam.