Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika
Part 24
Als wir fragten, weshalb er nicht auch fliehe, sagte unser Bootssteurer nur: „_mzee_“, was heißen kann, „er ist sehr alt und kann deshalb nicht mehr recht mit“, oder „es lohnt sich für ihn nicht mehr zu fliehen, er ist ja doch nicht mehr viel wert.“
Auf den weiten Wasserflächen war von den Flußpferdherden nichts zu merken. Die Tiere, die in der Trockenzeit auf kleine Teiche und auf den nicht allzubreiten Fluß beschränkt sind, verteilten sich jetzt auf ein großes Gebiet.
Die Boma in Mayenge war rings von Wasser umgeben. Das Wasser hatte den Befestigungsgraben so verbreitert, daß ein kleiner Fluß entstanden war, in dem die Boys Wettspiele trieben.
Ich hatte das Vergnügen, in Mayenge mit acht indischen Händlern abzurechnen, deren Getreide ich in ihren Läden hatte beschlagnahmen lassen, um es der notleidenden Expedition des Hauptmanns v. Wangenheim entgegenzuschicken. Manji Virji, Ganji Naranji, Emraji Damudal, Kilanjee und andere appetitliche Gesellen kamen; nur einer fehlte; gerade der, von dem behauptet wurde, daß er trotz dem Aufstand am meisten Gummi aus den Bergen einhandelte und den Aufständigen dafür gab, was sie brauchten, um den Krieg fortzusetzen.
Ich kann aus dieser für mich und die beiden Unteroffiziere ungemein anstrengenden, schweren Zeit, in der wir abwechselnd an Dysenterie und Fieber litten, erzählen, wie empörend für mich das Bewußtsein war, daß die Inder aus allem, was wir taten, ihren Vorteil zogen. Nahmen wir den Aufständigen ihre Nahrung weg, um sie zur Unterwerfung zu zwingen, dann bekam der Inder den wertvollen Gummi um so billiger -- für ein kleines Quantum Matamakorn. Der Verdacht lag außerdem immer nahe, daß diese Händler mit Pulver und Zündhütchen einen einträglichen Handel trieben.
Ich fragte mich in dieser Zeit wiederholt, für wen wir eigentlich das Land haben, für wen wir die Opfer an Leben, Gesundheit und Geld bringen? Es schien mir so, als ob es für diese farbigen Händler sei, die mit treuherzigen Mienen dem Bezirksamt noch meldeten, wieviel Tausende sie durch den Aufstand verloren hätten. (Wahrscheinlich, um betrügerisch Bankerott zu machen und mit dem vielfachen Gewinn in ein anderes Gebiet zu verschwinden, wo sie dann wieder als arme Schlucker auftreten.)
Waren wir nicht an allen Ecken und Enden die Betrogenen? Beinahe das Werkzeug der Inder?
Macht uns denn Liebe blind gegen diese Leute? Und haben wir keine Ahnung davon, wie weit und wie reich an Schlupfwinkeln das Gebiet ist, in dem sich der Geschäftssinn eines unanständigen, gewissenlosen, vaterlandslosen Händlers bewegt?
Ich wünsche anderen, daß sie die Schmach nicht erleben, die ich empfand, als ich mich bei meiner monatelangen Tätigkeit betrogen glaubte.
Mein Ärger entlud sich auf den widerspenstigen Inder. Der Unteroffizier sagte mir rechtzeitig, daß dieser selbe Inder den Bezirksamtmann einmal gereizt und eine Ohrfeige dafür bekommen habe. Darauf habe sich der Inder beim Gouvernement beschwert und der Bezirksamtmann habe eine ziemlich hohe Geldstrafe zahlen müssen. Ich nahm mir deshalb vor, dem Inder diese Genugtuung nicht zu gönnen.
Als der Mann mit Gewalt geholt worden war, benahm er sich so herausfordernd, daß ich ihn durch die Askari aus dem Lager hinausbefördern ließ und ihm riet, in vierundzwanzig Stunden aus der Gegend zu verschwinden, weil ich ihn für einen gefährlichen Schmuggler hielte.
[Sidenote: Marsch in der Regenzeit.]
Von Mayenge aus wollte ich zu Fuß in die Berge, aber dicht hinter der Boma mußten wir bereits übersetzen. Das nahm zwei Stunden in Anspruch, da die meisten Neger nicht schwimmen konnten und wir nur ein Boot hatten. Ich ließ die Träger vorangehen, bis das Wasser so tief wurde, daß nur die Köpfe heraussahen. Ein drolliges Bild: Über dem Wasserspiegel lauter Köpfe mit Lasten.
Zuerst schickte ich zwei Askari und einen Teil der Gewehre hinüber. Der Betschausch und ein anderer Askari versuchten zu schwimmen, ermüdeten aber mitten im Strom, weil jeder einen Gurt mit hundert Patronen umhatte. Auf ihre Hilferufe schwammen Lauer und ich so schnell wir konnten hinzu und halfen ihnen zum Ufer zurück.
Man glaubt nicht, wie ungeschickt sich die Leute anstellten! Ich verteilte die Askari im Wasser und ließ das Boot von Hand zu Hand stoßen; nur durch das tiefe Wasser wurde gerudert. Bei jeder Fahrt mußten sich einige Träger an dem schwimmenden Boot festhalten und wurden so hinübergebracht.
Am schneidigsten benahmen sich noch die kleinen Askariboys; sie schwammen mit großem Geschick. Alle anderen Leute fielen Lauer und mir zur Last.
Die Schwarzen waren sehr erstaunt über unsere Schwimmkünste; besonders bewunderten sie das Schwimmen auf dem Rücken mit anliegenden Armen und ausgestreckten Beinen, und fanden keine Erklärung dafür.
Das strömende Wasser und die Furcht vor den Krokodilen verwirrte die Neger; um vorwärts zu kommen, mußten wir in der Hitze alles selbst machen: Lasten im Boot verteilen, das Boot halten, die nassen Kerls hineinheben, Ertrinkenden und Gefährdeten helfen und sogar nach verlorenen Gegenständen tauchen.
Es war wirklich ein gräuliches Gefühl, in der gelben, undurchsichtigen Flut zu schwimmen, wo die Gefahr, vom Krokodil gepackt zu werden, so nahe lag!
Und es war eigentlich ein Leichtsinn, daß wir uns der Gefahr aussetzten.
Die Rohrstengel stachen uns durch das dünne Zeug, die Sonne glühte und die stinkenden Neger mit ihren unschlüssigen Gesichtern konnten einem das letzte bißchen Energie rauben!
Trotzdem ging uns der Humor nicht aus, und Lauer wußte es geschickt einzurichten, daß die größten Angsthasen bis zuletzt zurückblieben.
Dann wurden sie alle in das Boot gepackt und saßen zitternd darin, während es hinüberfuhr; doch ehe das Boot ganz am andern Ufer war, warfen wir es plötzlich um und die ganze Gesellschaft strampelte in dem flachen Wasser umher.
Am Ufer stand ein kleiner Askariboy, der sein Tüchlein vermißte. Er schämte sich sehr und weinte.
Zwei Stunden marschierten wir noch, dann mußten wir uns eingestehen, daß wir zu müde waren und lagerten mitten im Buschwald.
Am nächsten Morgen gingen wir weiter.
Jetzt, nach dem ersten Regen, war der Wald grün und kam mir im Blätterschmuck ganz fremd vor. Gegen das dunkle Laub fielen die hellen Stämme auf, während früher das gelbe Gras, die Stämme und Äste in allzu vielem Licht das Auge blendeten.
Die Mangobäume waren abgeerntet. Im Boden sah man nur wenige Wildfährten.
Von dem reichlichen Regen der letzten Wochen stand auch auf den Anhöhen Wasser. Auf dem Marsch mußten wir einen See durchwaten, der mitten im Walde lag. Wir zogen die Schuhe aus und gingen auf der anderen Seite barfuß weiter. Leider haben wir das auch in den nächsten Tagen fortgesetzt und die Erfahrung gemacht, daß man erst lernen muß, auf schmalen Pfaden bei Tage und bei Nacht barfuß zu gehen, ohne sich die Füße zu verletzen; angebrochene Fußnägel, schmerzhafte Hautabschürfungen und Dornstiche waren die Folge.
Die Aufständigen hatten überall Mohogopflanzungen und wohnten in kleinen Hütten seitab im Walde. Die Dörfer selbst, die mitten in den Pflanzungen lagen, waren verlassen und wurden von den Negern offenbar nur benutzt, so lange sie in den Feldern arbeiteten.
An Früchten waren da: Bananen, kleine Bohnen, Mais mit halbreifen Kolben und vor allem Mohogo. Für unsere Abendtafel fand sich auch eine reife Ananas.
In den nächsten Tagen ging es über Berge und Täler, von einer Pflanzung zur andern.
Selten wurden Menschen angetroffen; einige, die sich zur Wehr setzten, wurden erschossen, andere gefangen genommen.
In einem Hause stand ein Topf mit frisch gebratenen Ratten. Daneben ein Sack mit kleinen Früchten, die wie Äpfel schmeckten und einen großen Kern hatten.
[Sidenote: In den Schamben von Kitschi.]
Wir fanden auch eine kleine Antilope, die im Netz gefangen worden war. Von dem Mohogo, der überall in den Schamben reichlich gedieh, hatten die Aufständigen noch kaum gegessen. Hie und da standen junge Kokospalmen, die auf Befehl des Bezirksamts gepflanzt worden waren.
Am zweiten Abend lagerte ich auf einer Höhe in einer großen Mohogopflanzung, deren Fläche sanft zu der Rufiyiebene abfiel. Ich hatte eine weite Aussicht über den Wald, auf die Ebene und den Fluß. Es regnete und ich beschäftigte mich damit, behaglich dem Regen zuzusehen und aufzupassen, daß das Wasser, das von den Zelttüchern abfloß, in Töpfen aufgefangen wurde.
Drei gefangene Weiber, die tüchtig zu essen bekamen, lachten und schienen sehr zufrieden zu sein. Auch ein kleines Kind war dreist und zutraulich. Wer kennt aber die Neger aus -- morgen sind sie weggelaufen!
Ein alter Mann wurde beim Gummisammeln gefangen genommen. Als er ins Lager kam, fragte ich ihn nach der Stimmung im Lande und auch nach den Ursachen ihrer Unzufriedenheit.
Er brachte freimütig alle Klagen vor. Dann wickelte er aus seinem Tuch zwei Gummikugeln und bat mich, ihm Tabak dafür zu geben.
Als er den Tabak erhielt, war er nicht zufrieden. Er behauptete, es sei nicht genug und stellte zum großen Ergötzen der Askari, gefangen und gebunden, auf der „Wache“ sitzend, laut Vergleiche an zwischen dem Wert des Gummi und dem des Tabaks.
Der Unteroffizier klagte über Unwohlsein, er hatte Dysenterie. Ich selbst war todmüde nach den Anstrengungen des letzten Tages und hatte Kopfschmerzen. In der Nacht entstand Lärm und Schüsse fielen. Ich wickelte mich aus dem Moskitonetz, griff zur Büchse und sah, wie im Dunkeln ein Trupp Menschen aus dem Lager lief.
Kurz darauf brachten sie den Gefangenen angeschleppt, der rief. „Mein Anzug!“ Damit meinte er das kleine Baumwolltuch, das er um die Hüften trug. Neben mir stand der Unteroffizier. Ich dachte nicht daran, daß er auch krank war, befahl ihm, nachzusehen, daß der Gefangene besser gebunden wurde und legte mich sofort wieder hin.
Der Mann schrie weiter und ich hörte, wie die Askari versuchten, ihn zu beruhigen. Er wimmerte eintönig und die Askari lachten darüber. Allmählich wurde er still und nur die Wache unterhielt sich leise.
Am nächsten Morgen wurde mir gemeldet, der Gefangene sei tot.
[Sidenote: Die schwarzen Mitbrüder.]
An dem Toten war nichts zu erkennen, woraus ich auf die Ursache seines Todes schließen konnte. Sanitätsunteroffizier Lauer war vor Schwäche nicht imstande, den Leichnam zu untersuchen. Hunderte von Ameisen krabbelten über den Körper des Toten. Ich konnte nur feststellen, daß seine schwarzen Brüder ihn recht fest gebunden hatten, um vorzubeugen, daß er noch einmal wegliefe, und ich konnte leider den abscheulichen Verdacht nicht los werden, daß die Wache ihn einfach erstickt habe, damit er Ruhe hielt.
Ein Verhör der Posten führte zu nichts; sie sagten, der Mann sei eingeschlafen und gegen Morgen tot gewesen.
Das war ein neuer Ärger und wieder eine der traurigen Erfahrungen mit der Gleichgültigkeit und Roheit der Schwarzen, der nur vorgebeugt wird durch den Europäer.
Was hatten wir uns eigentlich, während wir so müde und krank waren, bei dem eintönigen Klagen und Wimmern des Gefangenen gedacht? Nichts! Für Verstellung hatte ich es gehalten, um so mehr, als die Askari noch dazu lachten! Aber jetzt kam es mir wieder in Erinnerung; ich legte ihm eine tiefere Bedeutung bei und machte mir Vorwürfe, nicht nachgesehen zu haben. Das zeigt, daß es ganz von uns abhängt, wieweit wir Mitleid empfinden wollen und daß unsere Teilnahme verschieden sein kann, je nachdem, wie wir die Leidensäußerungen, die wir hören, auffassen.
Im Wurm, in der Ameise, die zerdrückt wird und sich krümmt, glauben wir kein Bewußtsein suchen zu müssen. Bald im Büffel, der todwund röchelt, auch nicht.
Nur wenn der Mensch, der in unseren Tönen klagt, seine Schmerzen schildert, dann ergreift es uns -- wenn wir wollen. Jeder kann mit leiden soviel er will; bis auf Pflanzen und Steine kann er hinabgehen.
Aber wissen muß er, ob nicht oft tatkräftiges Handeln mehr Elend aus der Welt schafft als verzehrendes Leid.
Ich selbst merkte an meiner Aufregung, daß die Anstrengung der letzten Zeit mich verändert hatte.
Am Nachmittage wurden noch mehrere Gefangene gebracht.
Die fragten, weshalb wir ihnen Essen gäben, wo sie doch geschlachtet werden sollten?
(Das hatten die Zauberer ihnen eingeredet.)
Meine Füße schmerzten an mehreren Stellen; trotzdem ging ich gegen Abend mit einer Patrouille in den Wald.
Ich ließ mir die Gummilianen zeigen, die wild im Walde wachsen und den Reichtum der Berge bilden.
In lichtem Buschwald zog ein Stück Wild über eine Anhöhe. Ein gewaltiger Hirsch. Durch mein Doppelglas erkannte ich auf dem grauen Tierkörper weiße Streifen; es war ein Kudu.
Das Tier stand und scheuerte sich mit den hellen Spitzen seiner hohen, gewundenen Hörner in der Flanke.
Wie gerne hätte ich dies in Ostafrika seltene Tier verfolgt, aber es ging nicht; die Schenzi waren nahe.
Als ich weiterging, fand ich in einem Dorf eine kleine Werkstatt, in der die Schenzi die Feuersteinschlösser ihrer Gewehre zu Hahnschlössern mit Zündhütchen umarbeiteten! Geschickt geschnitzte Gewehrschäfte lagen da; Bohrer, Feilen und anderes Handwerkszeug.
Die Lehrer der Völkerkunde sprechen von dem kriegerischen Geist, der die Bewohner der Steppe von den Bewohnern des Fruchtlandes unterscheidet. Auch diese Kitschileute, die in den Bergen wohnen und ihre Feldfrüchte in jedem Jahre auf einem anderen, neugerodeten Land bauen, stehen der Zivilisation ferner als die Rufiyileute und sind deshalb sehr wohl mit den Steppenbewohnern zu vergleichen. Kriegerisch sind sie, während die Ackerbürger am Fluß sehr schnell zur Unterwerfung neigten.
Als wir aus den Bergen zurückkamen und die Ebene wieder erreichten, blieb ich noch eine Nacht am Ufer des Flusses, der Boma bei Mayenge gegenüber. Mein Zelt stand auf der Höhe zwischen den Trümmern eines niedergebrannten Dorfes.
[Sidenote: Flußpferd im Mondschein.]
Der Mond schien, als mir mitten in der Nacht gemeldet wurde, ein großes Flußpferd komme die Dorfstraße herunter. Es war nahe beim Lager und ging hinter einer Häuserwand vorbei, an die ich leise hinanschlich.
Das plumpe Tier kam dicht an mir vorbei. Der Mondschein glänzte auf seinem runden Rücken. Es kümmerte sich nicht um mich oder die Zelte. -- Lagerfeuer brannten nicht. --
Am Morgen regnete es in Strömen. Trotzdem lag der Askari Nyati, der Klown, immer noch unter seiner Decke im Freien auf einigen Pfählen und schlief. Als er aufstand, zeigte er den andern, daß er kaum naß geworden wäre, weil er sich unter seiner Decke nicht gerührt habe und das ganze Wasser abgelaufen sei.
Auf alten Wegen, die ich aus der Trockenzeit kannte, ging ich pirschen. Überall stand Wasser und das Gras war sehr hoch.
Wenn ein Stück Wild aufgejagt wurde, hörte man die Sprünge an dem plätschernden Wasser.
Mit Mühe gelang es mir, einen Riedbock zu erlegen.
Ich kehrte zum Fluß zurück, fuhr zur Boma hinüber und saß schon am Mittage mit meiner Truppe in einer kleinen Dhau um nach Panganya zu fahren, wo Herr Wiebusch, ein Angestellter des Kolonialwirtschaftlichen Komitees, eine Pflanzung anlegen wollte, wozu er mich um Arbeiter bat.
Wir hatten unerhört gegen den Strom anzukämpfen.
An einer Stelle wurde der Bug des Schiffes so plötzlich von einer stärkeren Strömung zur Seite gedrückt, daß er das Schilf der Uferböschung unter sich schob. Wir wurden erst wieder flott, als alle ins Wasser sprangen und auf schwimmenden Inseln, bis an die Brust im Wasser stehend, den Bug an einer Leine freiholten. Zum Glück waren unsere Kleiderkisten in demselben Boot und wir konnten uns gleich wieder trockene Sachen anziehen.
Mein rechtes Bein war von den entzündeten Wunden so angeschwollen, daß ich in Panganya mehrere Tage liegen mußte. Glücklicherweise ging die Entzündung durch nasse Verbände bald zurück.
Herr Wiebusch hatte mehrere hundert Hacken mitgebracht, um Land für Baumwolle vorzubereiten. Es fehlte ihm an Arbeitern. Für Geld hätte er in dieser Zeit auch keine bekommen; da er aber Korn von der Küste heraufbrachte, hatte er in dieser Hungerzeit das beste Zahlungsmittel. Jeden Jumben, der kam und über die Not klagte, schickte ich mit seinen Negern nach der Baumwollpflanzung.
Nach einigen Tagen war dort ein reges Leben. Mehrere hundert Neger schwangen die langstieligen Hacken und rodeten das kräftige Schilfgras. Gegen abend kamen sie zur Poschoausgabe.
Ich blieb eine ganze Woche bei Herrn Wiebusch. Tagsüber sah ich der Arbeit zu, las und schrieb; abends versammelten wir die „Baumwollschüler“, junge Neger aus allen Teilen der Kolonie, um uns, und ließen Theater spielen, tanzen und singen.
Die Verschiedenheit der Tänze und Gesänge war recht auffallend; jeder Stamm fand seine Gesänge ernst und schön und die des Nachbarstammes schon komisch.
[Sidenote: Kranke Träger.]
Eines Tages kamen sechzehn kranke Träger an, die von der Expedition des Hauptmanns v. Wangenheim entlassen worden waren.
Der Zustand ihrer Wunden war entsetzlich; sie verbreiteten Fäulnisgeruch.
Bei den schlechten Verkehrsverhältnissen kamen die Leute, die sich zum Teil nur mit Hilfe von Stöcken langsam fortschleppten nicht schnell genug vorwärts und fürchteten, daß ihr Poscho zu Ende sei, bevor sie Mohorro erreichten.
Da konnte ich nun wirklich einmal wohltätig sein!
Wangoni waren es, die sicherlich der Expedition gute Dienste geleistet hatten. Sie bekamen Wasser und Seife. Ihre Wunden wurden gewaschen, desinfiziert und mit den geringen Mitteln, die wir noch hatten, verbunden. Dann bekamen die Leute ordentlich zu essen. Schließlich wurde ein großes Boot zum Fluß geschafft, die Leute hineingetragen und Matten darüber gedeckt zum Schutz gegen die Sonne.
Als das Boot vom Ufer ablegte und mit dem Strome schnell davon trieb, hatte ich das Gefühl, ein gutes Werk getan zu haben; so kamen die Kranken in einem Tage ans Ziel, während sie sonst an unzähligen Flußläufen vergeblich nach Booten hätten rufen können und wahrscheinlich verhungert wären.
Nur einer ist unterwegs gestorben.
In dieser Zeit sprachen wir viel über die Landwirtschaft.
Die Frage, ob man sich in einem fremden oder besser fernen und neuen Lande ansiedeln soll, ist gewiß schwer zu beantworten.
Was sehr dazu reizt, ist der Gedanke, als einer der ersten in ein Gebiet zu kommen, dem vielleicht eine große Entwickelung bevorsteht.
Vielleicht!
Da beginnt das Zaudern. Man soll sich für ein Gebiet entscheiden. Und wer erst einmal irgendwo angefangen hat, muß bei der Sache bleiben; denn die Jahre tätigen Schaffens, die Zeiten des frischen Unternehmungsgeistes sind kurz, und von Glück kann der sagen, der in dieser Zeit zwar schwer und mit Enttäuschungen gearbeitet hat, aber nicht umsonst seinem Ziele treu blieb.
Nun ist Deutsch-Ostafrika ein Land, das jeden, der es mit offenen Augen gesehen hat, lockt; denn die wirtschaftlichen Möglichkeiten sind groß. So auch in dem Gebiet des Rufiyi. Da das Land als ungesund galt, sind zwar die Missionen fern geblieben, die ja sonst in vielen Gegenden die ersten landwirtschaftlichen Versuche gemacht und so den Ansiedler vorgearbeitet haben.
Die Erfahrungen mit dem Klima sind deshalb noch gering, sind aber wichtig, weil danach Saat- und Erntezeiten in allen Teilen des Landes verschieden fallen.
[Sidenote: Landwirtschaft am Rufiyi.]
Das Bezirksamt am Rufiyi und das kolonialwirtschaftliche Komitee machen seit einiger Zeit Versuche.
Es kommt jedoch in diesem Gebiet nicht nur darauf an, die Regenzeiten zu wissen, sondern auch die Zeit, den Umfang und die Dauer der großen Überschwemmungen.
Ein Hochwasser, wie es im Anfang des Jahres 1906 in den Küstengebieten Ostafrikas war, wird wohl so leicht nicht wieder kommen. (Es war eine nützliche Warnung; sogar die Brücken der Bahn über den Kingani hatte man zu niedrig geplant und der Fehler konnte noch mit geringem Verlust verbessert werden.)
Wer sich im Küstengebiet ansiedeln will, muß sich die Gegend seiner Wahl erst zu allen Jahreszeiten ansehen, wenn ihm nicht das Bezirksamt, eine Mission oder ein anderer Ansiedler gleich einen günstigen Platz vorschlagen kann.
Auch ich habe einige wunderschöne Plätze in der Trockenzeit für gut gehalten und sah in der Regenzeit, daß sie große Fehler hatten.
Solange ein Land nicht gründlich erschlossen ist, kommt es für den Einzelnen darauf an, mit Brückenbauten, Dämmen und schwierigen Wegebauten möglichst zu sparen und eine möglichst billige, dauernde Verbindung mit der Küste zu haben.
Hindernisse sind Sümpfe und abflußlose Talmulden, während ständig fließende, schiffbare Gewässer nicht trennen, sondern verbinden.
Der Rufiyi wird in wenigen Jahren das Land erschließen, sobald der Dampfer der Kommune Mohorro, der schon bestellt ist, fährt.
Dann wird man auch bald von den Eigenschaften des Stromes mehr wissen und die notwendigsten Regulierungen vornehmen können.
Jetzt verlegt der Strom sein Bett andauernd, wenn auch die Verschiebung der Sinkstoffe, das Wandern der Sandbänke nach ganz bestimmten Gesetzen vor sich geht.
Auf der langen Linie, in der der Rufiyi das niedrige Land durchströmt, wiederholt sich unausgesetzt dieselbe Erscheinung: das strömende Wasser stößt sich an einer Biegung, reißt Erde los und führt sie mit sich fort.
Die leichteren Stoffe bleiben im Wasser und sinken erst ganz an der Mündung, wo der Fluß sich in hundert Armen zu einem Delta verbreitet und deshalb langsamer strömt; die schweren Stoffe setzen sich nach kurzer Zeit ab, häufen sich und bilden ein neues Hindernis, eine hohe Sandbank, an der sich der Fluß stößt und die er umgeht. Der Strom läuft deshalb in ununterbrochener Schlangenlinie.
Sehen wir uns den Strom an irgendeiner Stelle an: jetzt haben wir rechts das tiefe, schnellfließende Wasser an steilem Ufer, dessen Profil graue Tonschichten und rote, eisenhaltige Erde zeigt. Oben auf der Höhe steht hohes Schilfgras; eine Maispflanzung und große Bananenstauden werden bald herabstürzen. Links ist eine Sandbank und dahinter das höhere, alte Ufer, an dem der Strom aber nur in der Regenzeit entlangfließt.
Vierhundert Meter weiter unten bekommt der Strom eine ganz schwache Ablenkung nach links; da haben sich Sinkstoffe abgesetzt und bilden unter dem hohen Ufer neues Land. Der Strom stößt sich hier bald und nimmt seine Richtung auf die hohe, alte Sandbank am linken Ufer, die ein Erzeugnis der Hochwasserzeit ist, unterwühlt sie und trägt ihre Körnchen mit sich bis zu dem nächsten alten Ufer derselben Seite, setzt sie bald wieder ab, stößt sich und wendet sich ärgerlich wieder dem rechten Ufer zu; aber dort beginnt dieselbe Enttäuschung!
Dem Talent freie Bahn! seufzt er; zerstört, wo er seine Kraft hinwendet, wird schnell dessen, was er den Ufern nimmt, überdrüssig, läßt es fallen und wird zuletzt ganz flach und breit, wo er das Meer gewinnt.
Mehrmals führt ihn sein Lebensweg auch noch im Tiefland an echte, alte Berge hinan, die aus dem Alluvialboden herausragen.
Dann wäscht er Steine hervor -- eine Jugenderinnerung.
Das ist der Fluß, dessen Unterlauf jetzt schon hundertachtzig Kilometer ins Land hinein schiffbar ist. Seine zerstörende Macht wird bald gebändigt werden und das Wasser wird genutzt werden, um Baumwollfelder zu berieseln. Es scheint sich nämlich schon herauszustellen, daß künstliche Bewässerung für Baumwolle in Ostafrika unentbehrlich ist.
Man spricht ferner davon, die Berge oberhalb der Landschaft Kibambawe und die oben beschriebenen Schnellen durch eine Bahn zu umgehen, um die große, fruchtbare Mangaebene und ihre schiffbaren Ströme mit dem unteren Rufiyi zu verbinden.
[Sidenote: Stauwehr; Viehzucht.]