Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika

Part 22

Chapter 223,611 wordsPublic domain

Selbst wo die Inder sich, wie in Sansibar, in den Grundbesitz der Araber hineingedrängt haben, glaubt man, wenn man sie sieht, den Eindruck der Bodenständigkeit zu vermissen.

Unstet sehen sie aus; wie das Geld, das durch ihre Finger geht.

Nur die Geldsäcke, das Geld von der schmutzigen Kupfermünze aus der Hand des nackten Waniamwezi bis zum Scheck auf die _Chartered Bank of India_ in der Ebenholztruhe neben harmlosen Bohnen und Kwemenüssen: das ist ihre Heimat.

Vielleicht klingt auch das zu heftig; der Gedanke, daß Deutschland eine große Kolonie mit schwerem Geld unter seinen Schutz nimmt, damit Händler fremder Rasse ungeziemenden und dem Lande schädlichen Gewinn daraus ziehen, ist unerquicklich; wir haben selbst fleißige Männer genug, denen der Handelsgewinn aus dem natürlichen Reichtum des Landes zu gönnen wäre, und nur an Orten, deren Klima dem Weißen verderblich wird, ist der Inder nicht immer zu entbehren, zur Vermittelung der Ausfuhr einheimischer Produkte.

So sagen die, die an ihrem eigenen Geldbeutel die lästige Konkurrenz des geschmeidigen, bedürfnislosen Inders erfahren haben.

Die Firmen, die ihr Geschäft auf den indischen Kleinhändler zugeschnitten haben und die das viel getadelte Kreditsystem stützen, sagen, der Inder hole doch wenigstens etwas aus dem Lande heraus; wenn er ein Geschäft dabei mache, solle man es ihm gönnen. Dafür lebe er jahrelang so einfach.

Und dann wird man gefragt: „Wollen Sie sich hinstellen und stundenlang mit einer Bibi um ein Baumwollentuch handeln? Wollen Sie Mais, Matama, Öl und Perlenketten verkaufen? Wollen Sie? Na, also! Der Weiße ist doch dazu zu fein.“

Ich aber dachte mir, daß ich es schon einrichten wollte, und so werden viele denken.

[Sidenote: Wahre Kulturarbeit.]

Sowie kein Inder im Lande wäre, würde sich kein Arbeitgeber scheuen und kein Ansiedler zu fein sein, einen Laden zu halten, in dem der Neger alles billig bekommt, vom Baumwollentuch bis zur Nähnadel. Jeder dritte Suaheli eignet sich jetzt schon dazu, eine „_duka_“ zu verwalten und täglich Abrechnung zu machen!

All die wertvollen Produkte aber: Elfenbein, Gummi, Kopal, Getreide, Baumwolle, Ölfrüchte, Schildpatt, Wachs könnte der Europäer aufkaufen und würde, wenn er es versteht, die Neger anständig zu bezahlen (selbst wo größerer Gewinn dem Naturkinde leicht abzuringen wäre), bald das Vertrauen ganzer Stämme haben, würde viele Arbeiter in seine Nähe locken und eine wahre Kulturarbeit leisten können.

So denken viele ihre Lebensaufgabe da draußen; aber die Kunst der Erziehung und des Regierens, die in manchem Ansiedler als eine edle, vielversprechende Kraft steckt und nach Betätigung drängt, wird zu leicht unterdrückt durch die Ungunst der Verhältnisse und setzt sich dann um in Resignation, in Bitterkeit -- ja, leider sogar in Alkohol.

Im Jahre 1905, während des Aufstandes, hatte ich Gelegenheit, selbst Beobachtungen über Ernte, Getreideausfuhr, indische Krämertaktik und Hungersnot anzustellen.

Der Aufstand begann im August, nachdem überall eine besonders reiche Ernte eingekommen war. Die Inder kauften das Getreide zu Spottpreisen in ungeheuren Quantitäten und verschifften es nach der Küste, sobald die Truppen in der Gegend die Ruhe wieder hergestellt hatten. Überall waren große Vorräte in den Dörfern; aber der Versuch, die Inder zu veranlassen, einen Teil dieser von ihnen erworbenen Vorräte im Lande zu behalten, um für die Truppen und die Eingeborenen später Getreide zur Verfügung zu haben, hatte nur zur ~Folge, daß die Inder ihre Vorräte mit möglichster Beschleunigung zur Küste brachten~, um künstlich einen Mangel herbeizuführen und den Preis zu steigern.

Man konnte es ihnen ja gar nicht verdenken; denn ihre Aufgabe ist es ja, in möglichst kurzer Zeit recht viel Geld aus dem Lande zu ziehen und dann nach Indien zurückzugehen. Die Entwickelung des Landes kann ihnen ganz gleichgültig sein.

So mußte ich später das wenige Korn, das der Inder Sack für Sack wieder heraufbrachte, achtzehnmal teurer bezahlen, als es drei Monate vorher gekostet hatte. Den Eingeborenen fehlten die Mittel, solche Preise zu zahlen und sie litten furchtbar unter der Hungersnot. Auch eine Expedition des Hauptmanns von Wangenheim, die die Verbindung mit dem hartbedrängten Mahenge herstellen sollte, scheiterte hauptsächlich an dem Nahrungsmangel. Die Träger waren durch Hunger entkräftet und die Expedition mußte umkehren, weil die Flüsse so angeschwollen waren, daß man nicht vorwärts gehen konnte. Ein Europäer ertrank. Der Wildreichtum half über die größte Not hinweg.

Es ist kaum glaublich, wie schwierig das Reisen (und also auch der Buschkrieg) in der Regenzeit ist, im Vergleich zur Trockenzeit. Ich sah es immer wieder, daß die Jahreszeit meine ersten Streifzüge, die ich mit den Matrosen machte, ungemein begünstigt hatte.

Da waren die Flußübergänge kurz, die Bäume und Sträucher kahl; das Gras lag dürr am Boden und brauchte, wenn man weite Übersicht haben wollte, nur angesteckt zu werden. Mücken gab es fast gar nicht; Nahrung überall.

[Sidenote: Regenzeit und Hungersnot.]

Anders in der Regenzeit! Ganze Ebenen standen unter Wasser; selbst bei Kipo, wo freies Terrain mich im August so begünstigt hatte, stand jetzt das Gras so hoch und die Büsche waren so dicht belaubt, daß ein Gefecht wie das am 21. August ganz ausgeschlossen gewesen wäre; die Gegend war nicht wieder zu erkennen. In Flußbetten, durch die wir noch im November trockenen Fußes gegangen waren, tobte das Wasser. Dazu kam der Mangel an Nahrungsmitteln, der Hunger.

Die Neger können Hungersnot meisterhaft ertragen, weil sie an diese seit Jahrhunderten regelmäßig wiederkehrende Plage gewöhnt sind.

Ein gewisser Stumpfsinn, eine fast zufriedene Ergebung in den Zustand wirken so beruhigend auf den Zuschauer, daß ihm der Schrecken gar nicht so nahe geht und er das rechte Mitleid kaum empfindet.

Eigentümlich war die Haltung der Neger dem Bezirksamt gegenüber. Die Kommunen haben einen Notstandsfond, aus dem für die Eingeborenen Getreide gekauft wird, ohne daß sie es zu bezahlen brauchen. Sie sollen nur kommen und es sich holen. Das taten die trotzigen Bergbewohner in Matumbi und Kitschi nicht, obwohl sie sich unterworfen hatten; sie zogen es vor, in Massen zu verhungern!

Williger waren die Rufiyileute, und ich sagte mir, wenn jemand Hunger litt, dann sollten es nicht die Neger sein, die sich mir unterworfen hatten, sondern die Aufständigen! Deshalb faßte ich den Plan, die Mohogoäcker der Aufständigen in den Bergen abzuernten.

[Sidenote: Ein Raubzug.]

An einem bestimmten Tage wurden alle freundlichen Neger zur Boma bestellt.

Boten gingen an die Jumben, jeder, der mitmachen wollte, sollte sein Messer, einen Sack und für zwei Tage Essen mitbringen.

Achthundert Menschen fanden sich zur bestimmten Zeit ein; aber keiner hatte etwas zu essen bei sich. Sie vertrauten alle darauf, daß ich Wild schießen würde.

Zwei Tage konnte es dauern, bis wir die ersten Mohogoschamben erreichten, und ob ich Wild bekommen würde, war nicht sicher; ich brach schleunigst auf, weil die Leute immer hungriger wurden.

Die Neger wurden in Gruppen zu fünfzig Mann unter die Jumben oder andere Leute, die Autorität (kräftige Arme und ein großes Maul) hatten, verteilt; ich hielt eine Ansprache, in der ich den Plan erläuterte und um Disziplin bat, damit es uns gelinge, recht viel zu fressen einheimsen zu können.

Alle waren meiner Meinung und ich ging schnell voraus, fünf Stunden weit.

Dann bestimmte ich einen Lagerplatz.

Es waren noch zwei Stunden bis zur Dunkelheit. In dieser Zeit wollte ich Wild schießen, soviel ich bekommen könnte und sandte auch Unteroffizier Lauer aus, mit dem Auftrage, Fleisch für das hungrige Volk zu schaffen.

Wie ich es gemacht habe, das darf sich der ausmalen, der ähnliche Reviere kennt, der weiß, daß jedes Rudel angepürscht sein will und daß zwischen zwei Schüssen ein Weg liegt zum nächsten Rudel, der zu Fuß zurückgelegt werden muß; den Leser will ich mit der Jagdschilderung nicht ermüden.

Kurz: Als es dunkel war, lagen auf der Strecke drei Wasserböcke, zwei Swallah, zwei Riedböcke, eine Kuhantilope und ein Warzenschwein.

Lauer hatte drei Kuhantilopen und zwei Wasserböcke geschossen.

Also zusammen vierzehn Stück Wild! Und das war für die vielen Menschen noch zu wenig.

Todmüde saß ich im Lehnstuhl.

Wohl hundert Feuer brannten; an jedem saßen ein halbes Dutzend Neger. Auf dünne Stöcke hatten sie Fleischstücke aufgereiht und ans Feuer gestellt; von Zeit zu Zeit schnitten sie ein Stück ab und steckten es in den Mund.

Zwei Weiße und achthundert Neger; war es nicht ein tolles Unternehmen?

Wir sahen uns das Bild noch einmal von weitem an: die hellen Feuer, die vielen Gestalten und die Bäume, die von unten beleuchtet wurden; darüber der dunkle Himmel mit kleinen, silbern blinkenden Sternen.

Am dritten Tage in der Frühe erreichten wir die ersten Schamben.

Das Abernten ging sehr schnell; die hungrigen Leute fielen wie Heuschrecken darüber hin. Große Pflanzungen, in denen der Mohogo so üppig stand, daß Menschen darin nicht zu sehen waren, lagen in kurzer Zeit am Boden.

Die Neger schnitten den Mohogo in Scheiben und trockneten ihn an der Sonne. So konnten sie große Mengen mitnehmen. Auch zerstampften sie die Knollen in großen Holzmörsern und trockneten den Brei auf ausgebreiteten Tüchern, bis er weiß wurde, wie Mehl.

Die Dörfer hier lagen hoch in den Bergen, wo kein Wasser war; die Brunnen waren oft drei Stunden von den Hütten entfernt.

Der Akide sagte, die Frauen dieser Neger seien jeden Morgen sechs Stunden unterwegs, um einen Topf Wasser zu holen.

Das Wasser läuft außerdem so spärlich nach, daß nur wer zuerst kommt, gleich einen vollen Topf schöpfen kann; jede will deshalb die erste sein und sie stehen in der Nacht auf, um bei Tagesgrauen am Brunnen zu sein.

Wozu ist diese Mühe? Weshalb wollen die Leute nicht in der Nähe des Wassers wohnen, wo der Boden nicht schlechter ist als oben?

Aus alter Gewohnheit meiden sie die Wasserstellen, die jeder Räuber zum Lager begehrt.

Wie das Wild, das nur auf Minuten und mit scheuer Vorsicht zur Tränke kommt, ja sich ganz vom Wasser entwöhnt, um nicht eine leichte Beute des Löwen zu werden.

Wir hatten unsere Not, es so einzurichten, daß wir täglich in die Nähe eines Brunnens kamen. Manchen Negern genügte der Saft, den sie mit den Mohogoknollen aufnahmen, und sie tranken gar kein Wasser.

Mit Mohogomehl reich beladen, kehrte die große Räuberbande nach acht Tagen aus den Bergen zurück und zerstreute sich.

* * * * *

[Sidenote: Ein Schauri.]

Ich will auch ein Schauri schildern, das ich abhielt.

Die meisten Schauri handelten von Diebstahl und von Schulden; heute aber handelte es sich um etwas anderes: um Mord, fahrlässige Tötung, versuchten Selbstmord, Mißbrauch der Amtsgewalt und anderer Substantiva.

Es war nämlich folgendes geschehen:

Ein Neger mit Namen Dibagila kam und sagte mit Ruhe: „Die Askari schießen auf Menschen; mein Bruder ist erschossen!“

Ich schickte eine Patrouille aus; die kam nach einer Stunde wieder und brachte auf Bettstellen zwei Verwundete: den Askari Manika und ein Weib.

Dem Askari war der rechte Oberschenkel zerschossen; klaffend hing das Muskelfleisch hinunter. Das Weib hatte einen Schuß durch das Fleisch überm rechten Knie.

Sanitätsunteroffizier Lauer war in Mayenge, um Sergeant Kühn zu behandeln, der Fieber hatte. Ich ging deshalb selbst an die Verbandkästen und verband die entsetzlichen Wunden, nachdem ich eingedrungene Stofffetzen herausgezogen hatte. Die gleichgültigen Gesichter der Patienten erleichterten mir die Arbeit. Das Weib schimpfte ununterbrochen.

Darauf versuchte ich festzustellen, was vorgefallen war. Und nun mußte ich meinen ganzen Spürsinn ins Feld führen, um Wahrheit von Lüge zu trennen. Die beiden Askari sagten, ein Schenzi habe geschossen und mit demselben Schuß den Askari und das Weib getroffen; das Weib, es sei von dem einen Askari angeschossen worden. (Der Dibagila, der nachher Hauptzeuge wurde und alles wußte, stand jetzt noch dabei und schwieg!)

Ich überlegte: die Wunde des Askari war so, daß der Schuß aus nächster Nähe abgegeben sein mußte. (Ich hatte schon einmal einen Mann gesehen, der sich selbst erschossen hatte; an die Wunde mußte ich denken.) Das Weib hatte eine gewöhnliche Schußwunde, mit glattem Schußkanal.

Ich ließ meinen Esel satteln und ritt, obwohl ich durch einen Dysenterieanfall aufs Äußerste ermattet war, in der Sonnenglut selbst zu dem Tatort, der eine Stunde entfernt war. Die Augenzeugen waren mit.

„Da hat der Schenzi gesessen, der geschossen hat. Hier hat der Askari gestanden -- du siehst den Blutfleck, Bana -- und da unten hat dieselbe Kugel die Frau getroffen.“

Aha! Da haben wir die Lüge: also fliegt eine Kugel im rechten Winkel weiter, wenn sie einen Askariknochen trifft! Daß der _Bana kubwa_ sich die Mühe mache, hierherzureiten, daran habt ihr Lügner wohl nicht gedacht?

Ich schickte alle anderen Leute weg und ließ mir von dem Dibagila, der offenbar aus Furcht vor den Askari nicht gesprochen hatte, erzählen, wie es gewesen sei. Dibagila hält seine ausgestreckten Arme dicht an den Körper, als ob ein Tuch sie an Bewegung hindere, bewegt die Schultern und den Oberkörper in eigentümlicher Weise und zeigt mit den Kopf in die Richtungen. Seine Stimme ist schneidend, doch tönend; er spricht dramatisch, bisweilen sehr laut: „Es kam einer zu mir, der Salim bin Mtambo, und sagte: ‚Dein Bruder ist am Fluß erschossen, er ist ins Wasser gestürzt! -- baß‘“ -- (Dies ‚baß‘ dient zur Interpunktion beim Sprechen und ist der Erzählung der Schwarzen eigen.) „Ich lief hin. Es war Blut am Boot. Ich sprang ins Wasser, schwamm umher, konnte nichts finden; dann folgte ich den Askari und sagte: ‚Mein Bruder ist erschossen, ich gehe zur Boma und sage es dem _Bana kubwa_.‘

Askari Manika antwortete: ‚Wenn der _Bana kubwa_ erfährt, daß ich deinen Bruder erschoß, läßt er mich aufhängen; ich will sagen, ein Schenzi habe auf mich geschossen und werde mich selbst ins Bein schießen.‘

Er drehte sein Gewehr um, setzte die Mündung auf sein Bein, schoß und fiel hin.

Der andere ging dann ins Dorf und schoß auf ein Weib.

Ich fragte: Weshalb tust Du das?

Er sagte: ‚Ich schieße bloß so!‘“

Am Nachmittag wurden viele Zeugen geladen und Schauri abgehalten. Das heißt eigentlich waren es nur Vernehmungen, denn verurteilen konnte ich den unglücklichen Askari doch nicht, der sich selbst gerichtet hatte. Unter dem großen Baume saßen Hunderte von Negern und hörten zu, was da vorne gelogen wurde.

Gelogen wird immer, manchmal empfiehlt es sich aber auch, die Wahrheit zu lügen. Der Richter muß dann nicht denken, daß der Neger die Wahrheit sagt, um die Wahrheit zu sagen, nein, er sagt etwas, weil er für vorteilhaft hält, es zu sagen; zufällig ist es die Wahrheit.

Ein Askariboy war in der Kunst, den Mzungu zu belügen (das ist der Inhalt des Schauris) noch nicht gewandt genug und sagte auf jede Frage nur „hapana“ oder „sijui“.

Ein anderer Zeuge, ein Pogoro, konnte gar nicht sprechen; trotzdem bekamen die Dolmetscher alles aus ihm heraus, was sie hören wollten. (Ähnlich dachte ich mir den „klugen Hans“, von dem damals gerade in den Zeitungen die Rede war.)

Der Pogoro stierte mich an mit Augen, denen man ansah, daß sie mehr von der Glut des nächtlichen Feuers als vom Studium gerötet waren.

Er hob das Kinn, wenn die zudringlichen Dolmetscher die Antwort „ja“ von ihm haben wollten. (Er hätte auch mit dem Fuße scharren können.)

Nach ihm kamen drei Frauen an die Reihe. Ein bildhübsches Geschöpf war dabei. Sie begleitete ihre Reden mit weichen, schönen Bewegungen. Ein kleines, ahnungsloses Kindchen beschäftigte sich gleichzeitig an ihrer linken Brust.

Plötzlich wandten sich alle um: Auf einer Bettstelle wurde der Tote angebracht. Man hatte ihn im Flusse treibend gefunden.

Der Schuß war unterm Schlüsselbein durch die rechte Schulter gegangen, Krokodile hatten schon eine Hand abgefressen.

Als alle Zeugen geredet hatten, entließ ich die Versammlung.

Das ganze Ereignis sah jetzt so aus: Die beiden Askari waren an den Fluß gekommen und wollten nach einer Insel hinüber. Sie sahen einen Mann im Boote und riefen, er solle das Boot herbringen; der hörte nicht.

Da schoß der Askari Manika, um ihn aufmerksam zu machen, und traf unglücklicherweise.

Der Mann fiel über Bord und wurde nicht mehr gesehen.

Die Askari kehrten nach einer Weile um. Leute hatten gesehen, was geschehen war.

Der Dibagila folgte den Askari.

Da bekam der Askari Manika Angst vor Strafe und schoß sich selbst ins Bein.

Der andere schoß, um die Verwirrung noch größer zu machen; sie hatten also einfach Krieg gespielt! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

[38] barua = Brief.

[39] Ein aus Kaffernkorn gebrautes, berauschendes Getränk.

[40] „_Bana kubwa_“ wird unterwürfig eigentlich nur der genannt, der etwas zu sagen hat, und den die Weihe des Amtes über andere Europäer erhebt. Da sich aber die Boys unter sich jetzt schon gegenseitig „_bana_“ (Herr) anreden, darf jeder weiße Mann beanspruchen „_bana kubwa_“ (wörtl. hochangesehener Herr, also „Exzellenz“) genannt zu werden, ohne daß man ihm den Vorwurf machen müßte, er leide an Größenwahn.

[41] Ich habe später noch zwei Riesenschlangen geschossen.

[42] Ähnlich beruhigt sich der Neger über alle Maschinen, die er nicht versteht, und die als fertige Einrichtung aus Deutschland kommen, mit dem Wort „_kazi uleya_“: es ist Europäerarbeit. Die wunderbarsten Instrumente; Grammophone, Kaleidoskope können ihn wohl vergnügen, machen ihm aber kein Kopfzerbrechen. Anders ist es mit Dingen, die er beurteilen zu können glaubt; Körperkraft, Gewandtheit und Geschicklichkeit bewundert er auch beim Europäer.

Auch dafür erlebte ich Beispiele: Am Paregebirge zeigten mir meine Träger einmal einen Mann, der auf den Händen lief. Als der Mann sich eine Weile produziert hatte, sagten sie, „das können die Europäer nicht“. Darauf zeigte ich ihnen, daß ich es besser konnte als der Mann, und nun sprachen sie tagelang von nichts anderem. Ebenso bewunderten sie mich, wenn ich über einen breiten Graben sprang oder im Wasser mit ausgestrecktem Körper auf dem Rücken schwamm, was ihnen ganz unerklärlich war.

[43] Wie stark die Einbildung auch bei den Negern den Geschmack beeinflußt, zeigt folgendes Beispiel:

Ich gab einmal Negern Schokolade zu essen, was sie nicht kannten. Es schmeckte ihnen sehr gut. Einer fragte: „Was ist das, was wir gegessen haben?“

„Schweineblut mit Zucker,“ antwortete ich zum Scherz. Entsetzt wandten sie sich ab. Nachher kamen sie zurück und fragten, ob das wahr sei; einigen sei so übel geworden, daß sie es wieder von sich gegeben hätten.

Als ich ihnen versicherte, ich hätte ihnen nur zeigen wollen, wie töricht sie manchmal seien, sagten sie: „Du wolltest uns also nur Ekel machen“ und einer setzte grinsend hinzu, er freue sich, daß er die Schokolade noch im Bauche habe.

Übrigens wird im Haushalt der Europäer gern gesehen, daß sich diese Neger von bestimmten Speisen und Getränken fernhalten. Sie verschmähen Alkohol -- ganz im Gegensatz zu dem Neger der Westküste, der guter Abnehmer schlechter Spirituosen ist -- bleiben selbst als Köche und Diener der Messen und Restaurants bei ihrem Reis mit Zukost und nehmen nichts von den Speisen der Europäer. Allenfalls naschen sie von der Butter, die sie sehr lieben, und dagegen schützen sich die findigen Hausfrauen in Daressalam, indem sie vor den Augen der Boys einen Löffel Schweineschmalz in jede neugeöffnete Butterdose hineintun. Wer neu nach Ostafrika kommt und auf Märschen gerne und reichlich ißt, weil sein Appetit gut angeregt wird, wundert sich wohl, daß die Neger den vielen Mahlzeiten zusehen können und selbst nur einmal am Tage essen; die Erklärung dafür geben die Schwarzen selber sehr nett, indem sie dem Europäer schmeichelnd sagen: „Du mußt auch mehr denken und hast mehr Kräfte als wir, deshalb brauchst du andere Nahrung.“

[44] Vgl. Dominik: Kamerun.

[45] Vgl. Deutsch-Ostafrikanische Zeitung Juni 1907.

Ein Streifzug.

Der Aufstand schien in dem Gebiet, in dem ich zu tun hatte, zu Ende zu sein. Tausende von Eingeborenen hatten sich unterworfen, hatten Kriegssteuer gezahlt und Waffen abgegeben und bauten jetzt friedlich ihren Acker. Nur in ganz entfernten Tälern, wohin noch kein Askari gekommen war, spielten die Schenzi noch hartnäckig Krieg.

Wie Kinder; wenigstens hörten sich die Schilderungen von Kundschaftern so an. Eine alte Frau, die aus der Gefangenschaft der Schenzi entlaufen war, erzählte, die Krieger hätten sich aus Antilopen- und Zebrafell Schilde gemacht und hätten, da die alten nichts taugten, zu neuen Göttern gebetet. Menschenopfer, unerhört seien gefallen, und im frommen Kreise habe man das Blut einer alten Frau getrunken. Auch sie habe man schlachten wollen, deshalb sei sie davongelaufen und habe fünf Tage lang nur Schlamm gegessen, um sich zu ernähren; denn sie habe auf dem Marsche alle Menschen meiden müssen.[46]

Immer öfter regnete es in dieser Zeit. Bald war die große Regenzeit zu erwarten, von der die Neger sagten, sie verändere das Land so, daß das Reisen noch mal so schwer sei wie jetzt; ich hielt es deshalb für gut, noch vorher einige Streifzüge in das Land zu machen und lieh den Kundschaftern willig mein Ohr.

Eines Tages saßen wir in dem neuen, fertigen Hause und sahen dem Regen zu, der von dem Palmblattdach niederströmte, als der wachhabende Ombascha vom Pallisadentor her einen bärtigen, alten Neger anbrachte, der einen abgetragenen, völlig durchnäßten Gehrock anhatte.

Schlimme Nachrichten brachte der alte Mann: Weit oben am Rufiyi, hinter den Panganischnellen, seien sehr böse Schenzi (_wakali sana_), die von Tag zu Tag wilder würden. Der Zauberer Hongo sei bei ihnen und mache sie unverletzlich; er gebe ihnen Mittel gegen die Geschosse der Askari.

Der breitnasige Alte wollte uns den Weg zeigen.

Am nächsten Morgen marschierte ich ab.

In den ersten Tagen ging es immer an den Fluß entlang; durch Ebenen mit hohem Gras und Mangobäumen, Schamben und Dörfern am Wasser.

Weit im Norden tauchte ein Gebirge mit schroffen Höhen auf: die Uluguruberge.

In verlassenen Dörfern traf ich mehrmals Wasserböcke, denen das Kraut, das auf dem Ackerboden wuchs, besonders zu schmecken schien.

Während in allen friedlichen, mir unterworfenen Dörfern auf einer aus Untermast und Stenge zusammengesetzten Stange ein weißes Tuch wehte, war in den Dörfern, deren Bewohner sich einmütig zum Feinde erklärten, mitten auf dem Platz vor dem Hause des Jumben ein Topf so eingegraben, daß der obere Rand mit dem Erdboden abschnitt.

Tagelang sahen wir keinen Menschen; um so mehr Wild: außer Flußpferden und Krokodilen auch Wasserböcke und ganze Herden von Swallahantilopen.

Wir kamen an Berge, die der Rufiyi in tiefem Bett durchbrochen hat, verließen jetzt das Ufer des Stromes und stiegen in wunderschöner, wilder Landschaft zwischen Felsen empor.

Ich schoß eine Kuhantilope, die sich ein Horn abgestoßen hatte; eine Hornplatte bedeckte die Bruchstelle über dem Knochen. (Abbildung Seite 180.)

Der Führer brachte uns zu einem Dorfe an einem Abhang, der sich wieder zum Rufiyi senkte. Unten lagen die Felder der Eingeborenen. Der Fluß strömte über viele Steine und sein Bett verengte sich mehr und mehr. Wir hatten die Schnellen umgangen.