Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika

Part 21

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Unser Haus lag an einer Stelle, die besonders reich mit Schlangen gesegnet war. In den Zweigen des großen Baumes konnte man gelegentlich einem Streit zusehen, den kleine schwarzweiße Vögel mit einer silberweißen Schlange führten. Das Reptil ringelte sich träge durch die kleinen Äste der Zweige, während die Vögel unter lautem Gezwitscher um seinen Kopf herum flatterten und sich im Vertrauen auf ihre Gewandtheit dicht bei ihm hinsetzten, um auszuruhen. Am häufigsten waren: eine rotbraune Schlange und die grüne Baumschlange, die besonders, wenn sie auf den Blättern der Bananen liegt, schwer zu sehen ist.

Beim Pürschen traf ich einmal in hohem Grase eine der gefährlichen und giftigen Puffottern; sie lag zusammengeringelt auf einer freien Stelle und schlief. Ich schnitt mir einen Stock ab, schlug sie tot und streifte sie; denn die Haut der Puffotter ist bunt gemustert und läßt sich gut zu einem Gürtel verarbeiten.

Eine Riesenschlange schoß Unteroffizier Lauer mitten im Buschwald; mit einer anderen hatten wir eine geradezu unglaubliche Begegnung: Wir gingen in hohem Grase auf einem schmalen Pfad; ich voran, hinter mir Lauer. Da ich eifrig nach Wild aussah, achtete ich nur halb auf den Weg. Plötzlich rief mein Begleiter erschrocken: „Herr Oberleutnant!“ Ich drehte mich hastig um und sprang zur Seite, weil er das Gewehr im Anschlag ungefähr auf meine Füße gerichtet hatte. Ich sah, wie ein dicker Ast, über den ich eben hinweggestiegen war, sich bewegte: es war eine Riesenschlange, die quer über den Weg kroch, und von der nur der mittlere Teil des Körpers auf dem Wege zu sehen war, weil das Schwanzende noch auf der einen, der vordere Teil schon auf der anderen Seite des Weges im Schilf verborgen war. Als Lauer schoß, kam auch der Kopf der Schlange aus dem Grase zurück und fuhr mit geöffnetem Rachen dem Schützen entgegen, der schnell zurücksprang. Jetzt schoß ich und traf dicht unter den Kopf; die Schlange verschwand im Grase, und wir fanden sie nicht.[41]

Mein Begleiter machte mir nun vor, wie ich den linken Fuß gehoben und etwas weiter als gewöhnlich nach vorne gesetzt hatte, um über den vermeintlichen Baumstamm hinwegzusteigen.

Wir waren beide überzeugt, daß uns niemand diese Geschichte glauben würde.

Früher habe ich mich einmal über ein Bild in Gordon Cummings „_Lion hunter of South Africa_“ gefreut: Cumming und ‚Kleinboy‘ ziehen am Schwanz einer Schlange, die in einen Steinspalt zu verschwinden droht. Dies ist gar nicht so grob aufgeschnitten, wie man wohl glaubt (Cumming kann es sonst ganz gut!); ich selbst hatte ein Erlebnis, aus dem ich sah, daß seiner Darstellung sehr wohl wirkliche Eindrücke zugrunde gelegen haben mochten. Ich wurde eines Tages gerufen, als eine anderthalb Meter lange, graue Schlange über den Hof meiner Boma kroch. Die Neger hinderten die Schlange mit Stöcken daran, in einem Schlupfwinkel zu verschwinden; plötzlich aber glitt sie mit dem Kopf in ein kleines Mauseloch, das niemand beachtet hatte. Ich sprang schnell hinzu und faßte zum großen Entsetzen der Neger den Schwanz der Schlange mit beiden Händen. Gefahr war nicht dabei, auch wenn die Schlange giftig gewesen wäre; denn das Mauseloch war so eng, daß das schlanke Reptil gerade hineinpaßte, und rückwärts kann keine Schlange kriechen, weil sich dabei die Schuppen abspreizen und es verhindern. So zog ich auch diesmal ohne Erfolg, mußte loslassen, und die Schlange verschwand ganz in der Erde.

[Sidenote: Ameisen; Sandflöhe.]

Häufig sah man in Mtanza die Schlangen auch in dem Palmstroh der Dachbedeckung des Hauses kriechen und hörte sie nachts wenn sonst alles still war. Es war dann ratsam, nicht barfuß im Dunkeln umherzugehen; denn außer Schlangen soll man Skorpione oder bissige Ameisen immer fürchten, und Sandflöhe, die man beim Barfußgehen unfehlbar bekommt, sind auch lästig.

Der Biß der „Siafu“, der angriffslustigen Ameise, ist im Verhältnis zu der Größe und Unschädlichkeit des Insekts von überraschender Wirkung. Man kann sonst sehr ruhige Menschen tanzen sehen, wenn eine Ameise sie auf dem Rücken zwackt. (Menschen, die eine gewisse Zurückhaltung vor der Tür des Zahnarztes nicht leicht überwinden, sollten versuchen, ob sie lernen, sich von einer Ameise freiwillig und aus Wissensdrang kneifen zu lassen.)

Der Sandfloh bildet eine Plage hauptsächlich auf den Karawanenstraßen. Auch ich hatte manchmal Sandflöhe in den Zehen und zwar jedesmal, wenn ich bei einer Wasserjagd barfuß gegangen war, wobei mich die kleinen Tiere entweder im Boot oder an den von vielen Negern betretenen Landungsstellen befallen hatten. Zuerst macht sich der Sandfloh dadurch bemerkbar, daß er an der Stelle, wo er sitzt, ein nicht unangenehmes Jucken verursacht. Die Stelle, an der der Plagegeist in der Haut wohnt, rötet sich, und plötzlich kommt einem der Gedanke: es ist ein „_funza_“. Der Boy wird gerufen, und der entfernt das kaum sichtbare, kleine schwarze Pünktchen sorgfältig mit einer Nähnadel.

Der Sandfloh stammt aus Südamerika, ist von da vor mehreren Jahrzehnten nach Westafrika eingeschleppt worden und kommt erst seit Mitte der neunziger Jahre in Ostafrika vor. Das befruchtete Weibchen bohrt sich mit Vorliebe in die Haut unter den Fußnägeln ein. Nach einigen Tagen wird der Hinterleib so groß wie eine Erbse, und es gehört dann ein besonderes Geschick dazu, die Eier bei der Nadeloperation sämtlich herauszubekommen. Bei den Negern sieht man oft Verunstaltungen der Füße und Hände infolge von Entzündungen, die aus Sandflohstichen hervorgegangen sind.

Ich hatte auf solche Verletzungen ein Augenmerk und sah zufällig eines Tages einen merkwürdigen Fall von Vererbung. Bei einem Mann war die vierte Zehe des rechten Fußes verkrüppelt und hing ohne Kochenverbindung etwas zurückstehend auf der Haut des Fußes. Er sagte, dies sei von Jugend auf so gewesen, und stellte mir seinen Sohn vor, bei dem der vierte Finger der linken Hand, angeblich seit seiner Geburt, verkrüppelt und steif war; das vorderste Gelenk des Fingers schien zu fehlen.

Unsere Hauptnahrung in der Aufstandszeit war Reis. Das Mittagsessen bestand gewöhnlich aus gekochtem oder gebratenem Huhn, Reis und Mohogoknollen; zeitweilig aber war an Konserven kein Mangel und dann gab es eingemachtes Gemüse, Würstchen, Sardinen, Hering, Sprotten, Käse und Kompott. Auf die meisten Konserven verzichtet man aber gerne, wenn Hühner, Eier, Bananen und andere Früchte im Lande zu bekommen sind.

An die Mohogoknollen hatten wir uns sehr gewöhnt; sie ersetzten uns die Kartoffeln. Meist aßen wir sie zerrieben und in Fett gebraten. Die ersten Kartoffeln, die ich danach vorgesetzt bekam, schmeckten mir fade.

Von den Landesprodukten haben wir ferner mit Vorliebe gegessen: grünen Mais, Ananas, Mangos, die leider nur kurze zeitlang zu haben sind und die seltenen Tomaten. Mit Matamamehl habe ich mich nicht befreunden können. Die einheimischen Bohnen schmecken bitter.

Sehr ungern entbehrte man Brot aus Weizen- und Roggenmehl, Kaffee und Zucker, und wenn einer dieser Genüsse ausging, fühlten wir es sofort.

Auf das Brotbacken verstehen sich die schwarzen Köche gut. Es ist einfacher als man glaubt, und Backöfen sind dazu nicht nötig; ein eiserner Topf mit dem aufgegangenen Teig wird ringsum auf dem Deckel mit glühenden Holzkohlen bepackt, bis das Brot durchgebacken ist. Da konservierte Butter nicht gut schmeckt, ißt man mit Zwiebeln ausgebratenes Schweineschmalz oder Flußpferdfett dazu. Zu hellem Weizenbrot schmeckt auch Jam oder Fruchtgelee.

[Sidenote: Teurung.]

Sehr bald wurden die Eier in der Umgegend knapp, und wenn die Eingeborenen von weit her ein halbes Dutzend anbrachten, waren sie meist alle schlecht. Die Kornfrüchte stiegen im Preise und schließlich war überhaupt nichts mehr zu bekommen: es hieß einfach: „_njaa_“, „es ist Hungersnot.“

Da wurde ich auf den farbigen Händler aufmerksam, der im Dorfe einen kleinen Laden hatte, und Baumwolltücher, Glasperlen, Salz, Öl und Getreide an die Eingeborenen verkaufte. Ein großes Haus, das neben seinem Laden lag, war, als ich einige Monate vorher zum ersten Male nach Mtanza kam, bis unters Dach mit gefüllten Getreidesäcken vollgepfropft gewesen; jetzt war es leer. Der schlaue Inder hatte das Getreide zur Küste geschafft, und ließ, als die Hungersnot begann, Sack für Sack wieder heraufholen. Er verkaufte denselben Negern, die ihm fünf Monate vorher ~achtzehn~ Pishi Matamakorn für eine Rupie gegeben hatten, jetzt ~ein~ Pishi für denselben Preis.

So teuer konnte kein Neger auf die Dauer sein täglich Brot bezahlen. Es war auch unmöglich, die Askari bei diesen Preisen zu verpflegen; für den Askari ist 10 Heller (13 Pfennig) Verpflegungsgeld (täglich) festgesetzt; ich mußte deshalb in Mohorro Getreide bestellen.

[Sidenote: Hungersnot.]

Die Eingeborenen litten bereits unter der Hungersnot, und man merkte, daß sich die Zahl der Einwohner in den Dörfern lichtete; die Neger gingen in Bezirke, in denen die Not geringer sein sollte.

Für die Zurückbleibenden waren die Mangofrüchte eine willkommene Hilfe. Als die Zeit der Reife näher kam, zogen die Neger zu hunderten in die Mangowälder der Umgegend.

Alle Mangobäume sind von Menschenhand gepflanzt und bezeichnen deshalb meist die Plätze, an denen Neger gewohnt haben, die aus irgend einem Grunde ausgewandert sind. In der Regel ist Trinkwasser in der Nähe. Die Eingeborenen konnten deshalb in der Zeit der Mangoreife ihre Wohnsitze nach den nahrungspendenden Mangowäldern verlegen und richteten dort im Busch kleine Feldlager ein.

Aus Stangen bauten sie kleine Hütten, deckten Gras darüber und legten rundum einen Zaun von Dornzweigen, um sich gegen Raubtiere zu schützen. Das ganze hieß „Boma Porini“: das Lager im Walde.

Solche Dornverhaue, mit kleinen Hütten, traf ich oft an, wenn ich in der Umgegend umherstreifte, und da ich selbst kein Verächter der Mangofrüchte war, schlug ich auch wohl mein Zelt unter den schattigen, dunkeln Bäumen auf.

Eines Abends saß ich an einem solchen Platze vor meinem Zelte und schrieb.

Die hohen, alten Stämme standen ringsum in saftigem Grase; unter den fruchtbeladenen Ästen war das Gras niedergetreten und der Boden mit Kernen und ausgepreßten Schalen der Früchte bedeckt. Ein süßer Geruch erfüllte die Luft. Hoch oben in den Zweigen schüttelten noch immer einige Neger; Frauen und Kinder sammelten die niedergefallenen Früchte in Körbe. Auf dem schmalen Fußpfad, der sich durch das Wäldchen hindurchwand, kamen Dutzende von Negern mit gefüllten Bastsäcken. Kleine, nackte Kinder liefen hinterher; in jeder Hand eine Mango und mit abschreckend angeschwollenen Bäuchen, zu denen die dünnen Beinchen schlecht paßten.

Die Mangofrüchte waren schon so reif, daß sie von selbst herabfielen. Ununterbrochen raschelte es in den Blättern und dann schlug eine saftige Frucht auf das Sonnensegel des Zeltes oder gar auf meinem Tisch auf; das wurde so unleidlich, daß ich mich schließlich in das Zelt zurückzog.

Ob auch die Löwen jetzt Hungerszeit hatten?

In dieser Nacht wenigstens kam der wachhabende Askari, der mein Interesse an den Tieren kannte, an mein Zelt und flüsterte hinein: „_Bwana, simba analia karibu_“ (Herr, der Löwe brüllt in der Nähe). Und ich hörte noch mehrmals die tiefe Stimme des Gefürchteten.

Am nächsten Morgen sah ich, daß zwei starke Löwen dicht an meinem Zelt vorbeigegangen waren und fand, als ich den Fährten folgte, ganz in der Nähe die frischen Reste eines Riedbockes: den Kopf und einen Hinterlauf.

Der Mangoreichtum der Umgegend hielt leider nicht allzulange vor; nach mehreren Wochen waren die Bäume abgeerntet, und die hungrigen Menschen mußten sich nach anderen Nahrungsmitteln umsehen.

Die Bewohner ganzer Ortschaften vereinigten sich jetzt zu gemeinsamem Fischfang in entlegenen Tümpeln. Andere gruben eßbare Wurzeln im Wald oder sammelten die kümmerlichen Rispen wilder Steppengräser.

Ratten wurden in länglichen, aus Bast geflochtenen Röhren gefangen, gebraten und gegessen. Alte, stumpfsinnige Leute füllten sich den Magen mit Schlamm und Gras; ja, ich sah einen Neger, der lebende Ameisen mit der Hand vom Wege aufnahm und in den Mund steckte.

Immer öfter kamen die Eingeborenen zu mir und baten, ich sollte ihnen Wild schießen; sie müßten sonst auswandern, wenn sie nicht Hungers sterben wollten.

Da beschloß ich eines Tages, den Leuten zu helfen und einen Elefanten zu schießen. Ich wollte zu gleicher Zeit mit einem Vorurteil brechen, das sich seit einigen Jahrzehnten in dieser Gegend eingebürgert hatte: daß Elefantenfleisch nicht eßbar sei. Da ich selbst schon einige der großen Dickhäuter erlegt hatte, nahm ich Unteroffizier Lauer mit, der gerne einen Elefanten schießen wollte, sich aber dazu allein nicht genug Jagderfahrung zutraute.

Wir gingen an einen Platz, an dem ich öfter Elefanten gesehen hatte, ohne ihnen etwas zu Leide zu tun. Dort angekommen, waren wir kaum eine Viertelstunde gepürscht, als ein großer Elefant vor uns stand, mit nur einem, jedoch sehr starken Zahn.

Ich beschrieb meinem Begleiter am Kopf des Riesen genau die Stelle, auf die er schießen sollte. Er ging bis auf zwanzig Schritt hinan; ich stand hinter ihm, um nötigenfalls mitschießen zu können. Aber es war nicht nötig; Lauer schoß ganz ruhig, und der Elefant brach auf der Stelle zusammen: die Jagd war beendet.

[Sidenote: Elefantenfleisch als Nahrung.]

Wir gingen zu unsern Zelten und machten es uns bequem. Da kamen, wie wir erwarteten, die Neger, denen ich Fleisch versprochen hatte und fragten, ob ich nicht einige Antilopen schießen wollte?

„Nein, erst wenn der Elefant aufgegessen ist.“

„Wir essen kein Elefantenfleisch.“

„Dann habt ihr auch keinen Hunger.“

„Wir sterben vor Hunger, aber Elefant zu essen, ist nicht Sitte.“

Murrend zogen sie von dannen, blieben aber in der Nähe des Lagers.

Ich wußte, daß diese Leute sich nur vor einander schämten, von dem Fleisch zu essen; jeder einzelne fürchtete den Spott des anderen.

Jetzt kam der Koch und sagte, um uns hineinzulegen, mit unschuldigem Gesicht: „Was soll ich kochen? Fleisch ist nicht da!“

„Hat das Tier, das ich geschossen habe, kein Fleisch?“

„Ja: Elefant!“ sagte er geringschätzig.

„Na also; brate das!“

Anfangs ging ein Lächeln und Zähnefletschen durch die Zuschauer; sie waren erstaunt, daß wir Elefantenfleisch essen wollten. Dann sagte einer das Wort: „_mzungu_“, und auf allen Gesichtern lag wieder Ruhe.[42]

„Er ist ein Weißer“ soll nämlich heißen: Als weißer Mann kann er tun, was wir nicht tun dürfen. („Weil wir es nicht vertragen oder weil es sich für uns nicht schickt.“)

Der Unteroffizier und ich waren die ersten, die von dem Fleisch kosteten. Es war grobfaserig, schmeckte aber als Beefsteak nicht schlecht.

Ich befahl auch den Boys, sie sollten davon essen, damit sie den übrigen Negern ein gutes Beispiel gäben.

Sie sahen sich gegenseitig mißtrauisch an, um sich zu versichern, daß jeder der andern auch essen würde; keiner wollte der einzige sein.

[Sidenote: Die Neger schämen sich.]

Schließlich aßen sie; aber einer schämte sich dabei so sehr, daß ihm die Tränen in die Augen traten.[43]

Als ich sagte, ich würde alle zwingen, das Fleisch zu essen, griffen sie endlich zu; es schmeckte ihnen, und so entstand eine recht frohe Stimmung.

Ich hatte es also doch erreicht, daß die „_dasturi_“, die scheinbar unerbittliche Gewohnheit, ihre steinernen Gesichtszüge zu einem warmen Lächeln verzog; Frauen und Kinder fanden sich bei dem erlegten Elefanten ein und füllten ihre Körbe mit den Fleischstreifen, die ihnen von den Männern zugeworfen wurden.

Bald führte ein ausgetretener Weg von der Landstraße (einem Fußweg) durch das Gras nach dem Elefanten hin. Die Schwarzen trockneten das Fleisch und konnten so wochenlang davon leben.

In anderen Gegenden Afrikas verhalten sich die Eingeborenen ganz anders, als ich es hier geschildert habe:

Wenn ein Elefant geschossen ist, verbreitet sich die Kunde davon sehr schnell im Lande und der Andrang der Abnehmer des Fleisches ist so stark, daß sich Parteien bilden, die regelrechte Kämpfe um den Elefanten aufführen. In wenigen Stunden ist von dem etwa achtzig Zentner schweren Koloß nichts übrig, als die Knochen, und oft erinnert ein frisches Grab in der Nähe des Platzes an den Ausgang eines Kampfes, den rohe Menschen in ihrer Gier führten.[44]

Als die sogenannte kleine Regenzeit näher kam, begannen die Eingeborenen fleißig an ihren Feldern zu arbeiten; Busch, Sträucher und Schilfgras wurde ausgerodet, auf Haufen geworfen und angezündet.

So blieben die Äcker einige Wochen liegen, dann räumten die Frauen auf und bearbeiteten die Fläche mit einer breiten, kurzstieligen Hacke. Da alles auf dem Felde zu tun hatte, wurden die Häuser zugeschlossen. Selbst die kleinen Kinder mußten mit, und meist trugen die Frauen bei der Arbeit noch einen Säugling auf dem Rücken. Die größeren Kinder saßen am Rande des Ackers. Dabei soll es oft vorkommen, daß ein unbewachtes Kind vom Leoparden geraubt wird.

Die Landwirtschaft der meisten Neger ist nicht sehr intensiv. Das Land ist fruchtbar und dünn bevölkert, so daß der Neger nach Bedarf neue Flächen unter Kultur nehmen kann, wenn der alte Acker nicht mehr trägt. In der Ebene wird daher derselbe Acker drei oder viermal, in den Bergen höchstens zweimal nacheinander bebaut. Dies richtet sich nach der Güte des Bodens und der Getreideart, die gesät werden soll. Gedüngt wird nicht; außer einigen Ziegen und Schafen haben die Eingeborenen am Rufiyi auch kein Vieh.

[Sidenote: Die Feldfrüchte.]

Angebaut wird Reis, Mais, Matama und Mohogo. An tieferen Stellen wird vor allem Reis gesät, weil Reis die Nässe gut verträgt und sogar besonders gut gedeiht, wenn er zeitweilig ganz im Wasser steht. An höheren Stellen säen die Neger Mais und Matama. Bei der außergewöhnlich hohen Überschwemmung, die ich im Jahre 1905 miterlebte, verfaulte der Mais, kurz bevor er reifte, auf dem Felde. Dadurch wurde die Hungersnot noch empfindlicher; denn Hunderte von Menschen hatten mit hungrigem Magen auf diese Frucht gewartet.

Die anspruchsloseste und am leichtesten anzubauende Frucht ist der Mohogo (Maniok). Ein kleiner Stock, in die Erde gesteckt, entwickelt sich in wenigen Monaten zu einem hohen Busch, der in der Erde zahlreiche, eßbare Knollen bildet. Wie oft haben meine Leute auf weiten Märschen ihren Hunger in einem Mohogofelde gestillt: mit einem kräftigen Ruck wurde der Busch aus der Erde gehoben und, wenn er dabei nicht abbrach, die Knollen abgerissen und geschält und das weiße Fleisch verzehrt.

Außer den genannten Früchten werden in der Nähe der Häuser in geringen Mengen angepflanzt: Zuckerrohr, Bananen, Ananas, Tomaten, niedrige und hohe Bohnensträucher und Rizinusstauden; an günstigen Stellen auch Tabak für den eigenen Gebrauch.

In den Getreidefeldern findet man hie und da eine Kürbisstaude, und für den Export werden, auf Anregung der Kommunen, Erdnuß und Baumwolle angepflanzt.

Von Geräten für den Ackerbau kennt der Neger nur die Hacke und einen mit einem Stück Eisen beschlagenen Stock zum Jäten von Unkraut; außerdem Messer und Beil zum Roden des Busches.

Im Reinhalten der bebauten Äcker von Unkraut habe ich überall großen Fleiß gesehen. Auch der Maniok erfordert diese Mühe; denn das Unkraut gedeiht in dem mit der Hacke gelockerten Boden nach dem Regen üppig.

Daß trotz der Menge der Früchte und der Hilfsquellen, die der findige Eingeborene aus den Wäldern an wilden Früchten, Honig und eßbaren Wurzeln hat, die Hungersnot so häufig und verderblich auftritt, hat seine besonderen Ursachen. Vor allem liegt es daran, daß der Neger nicht mehr baut, als er bis zur nächsten Ernte unbedingt nötig hat. Kommt dann aber einmal durch Überschwemmung, Heuschrecken oder Dürre eine Mißernte, so trifft sie ihn völlig unvorbereitet.

Als Entschuldigung für diese Sorglosigkeit mag es gelten, daß sich Getreide in den Tropen sehr schwer aufbewahren läßt; der Neger kennt noch keine Mittel und besitzt noch keine Vorkehrungen, um Korn in großen Mengen gegen Feuchtigkeit und tierische Feinde zu schützen. Die Körner werden von Ameisen angefressen, oder, wie der Mais, von einem kleinen Rüsselkäfer angebohrt, so daß sie zum mindesten ihre Keimkraft verlieren. In geringen Mengen konservieren die Eingeborenen Maiskörner, indem sie die an den Kolbenblättern zusammengebundenen Kolben im Dachgebälk der Wohnhütten aufhängen und beständig unter Rauch halten; doch das ist wenig und im allgemeinen verkauft der Neger den Überschuß über den nächsten Bedarf billig an den Inder.

Die Regierung förderte den Anbau von Baumwolle und Erdnüssen bei den Eingeborenen und glaubte hiermit einen Weg gefunden zu haben, ihnen zu gesunden Erträgen aus der Landwirtschaft zu verhelfen; denn das sind Produkte, die der Neger leicht konservieren könnte, und die ihm einen Gewinn sichern, weil sie vermutlich nicht durch den Laden des indischen Zwischenhändlers gehen, sondern unmittelbar an die Entkernungsanlagen und Kommunen verkauft werden. Aber wenn der Neger bei einer Mißernte an Kornfrüchten gezwungen ist, seine Nahrungsmittel vom Inder zu beziehen, dann ist er diesem doch wieder ausgeliefert.

[Sidenote: Der Inder schädigt den Ackerbau.]

Wie wichtig es ist, daß europäische Händler und Unternehmer sich an dem Aufkauf von Körnerfrüchten beteiligen, zeigt folgende, in Ostafrika ganz bekannte Tatsache: Bei einer großen Ernte kaufen die Inder das Getreide zu Spottpreisen von den Eingeborenen, die ja meist bei dem Händler in der Kreide stehen und deshalb an ihn verkaufen müssen. Dieses Getreide wird nun nicht etwa auf den Markt gebracht; der Inder verkauft es vielmehr wieder an die Eingeborenen, sorgt aber dafür, daß der Preis recht hoch wird, dadurch, daß er künstlich Mangel hervorruft. So sollen die indischen Kleinhändler sehr oft an der Hungersnot unmittelbar schuld sein, indem ihre Krämertaktik die Landwirtschaft der Eingeborenen unterbindet!

In den Pflanzzeiten verkauft der Inder sehr ungern Sämereien an Eingeborene; allenfalls kann der Neger schlecht keimfähige, verdorbene Ware bekommen und muß dafür einen hohen Preis zahlen. Der schlaue indische Händler kennt eben nur sein Geschäft und hat an dem Lande kein Interesse; wenn er nun großen Vorrat an Getreide hat, sucht er darauf hinzuwirken, daß der Neger wenig erntet, in Not kommt und bei ihm kauft. Alle Inder sollen sich hierin einig sein.[45]

Die Folge dieser Handlungsweise ist dann eine Steigerung der Löhne, die den europäischen Unternehmern, den Plantagen, den Kommunen und der Kolonialverwaltung zur Last fällt.

In dieser Darstellung scheint eine gehässige Übertreibung zuungunsten der Inder zu liegen; wer aber die Inder gesehen hat, weiß die Wahrheit darin zu finden.

Sie sind Handelsleute, wie sie im Buche stehen; bleiche Schmarotzer, für die es in Ostafrika kein Land, keine Scholle, keine Heimat gibt. (Die ackerbautreibende Kaste kommt nicht zu uns, da die britische Regierung ihr die Auswanderung verbietet. Das ist sehr schade.)