Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika

Part 20

Chapter 203,419 wordsPublic domain

Durch die Schuld der Führer war der Überfall mißglückt. Anders wäre es wahrscheinlich gekommen, wenn ich eine Karte von der Gegend gehabt hätte, aus der ich mir selbst eine Anschauung über die Entfernung hätte bilden können, oder wenn der Akide bei mir gewesen wäre, dem ich mehr trauen durfte als den feigen Negern.

So war eine gute Gelegenheit, den Aufständigen eine Schlappe beizubringen, verpaßt worden.

[Sidenote: In dem verlassenen Lager.]

Hier, wie in den umliegenden Dörfern, fanden wir eine ganze Anzahl kleiner Vorratshäuser, die erst in diesem Jahre gebaut zu sein schienen, und mit Matamaähren und anderen Kornfrüchten vollgestopft waren. Nach meiner Schätzung waren in dem verlassenen Lager allein 170 Tons Getreide zusammengeschleppt.

Wahrscheinlich hatten die Aufständigen eine gewisse Freude daran gehabt, mit ihren großen Flinten in die Dörfer der Umgegend zu gehen und die Eingeborenen zu zwingen, ihre Ernte zu dem Kriegslager hinzuschaffen. Viele Kürbisse lagen in einer Hütte.

Große Tontöpfe mit „Pombe“[39], standen dort und ließen auf das Leben der Krieger schließen; Reste von Hühnern und Tauben zeigten, daß die Räuber es auch an „_kitǒḗo_“, an der nötigen Zukost, nicht hatten fehlen lassen.

Vielleicht aber wurde den einst so tapferen das Wohlleben verderblich. Der kriegerische Geist wenigstens schien ihnen etwas abhanden gekommen zu sein; denn sie flohen allzu schnell, als wir ihnen nahe kamen.

Den Tag über blieb ich in dem Lager der Aufständigen und erwartete die Trägerkarawane mit den Proviantlasten.

Nach den Anstrengungen der Nacht waren wir müde und hungrig; ich aß geröstete Maiskörner und schlief einige Stunden auf einer Negerbettstelle im Schatten eines Palmblattdaches.

Patrouillen steckten in der Umgegend die Hütten in Brand und brachten neue Vorräte an Getreide.

Von Zeit zu Zeit erschienen in der Ferne Aufständige, um zu kundschaften, und gingen in weitem Bogen um uns herum, bis sie einige Geschosse fliegen hörten und das Weite suchten; der Verlust der großen Vorräte schien ihnen sehr schmerzlich zu sein.

Gegen Abend ließ ich als Zeichen für die Karawane ein großes Haus anstecken. Außerdem saßen zwei Neger hoch oben in einem Baum und sahen vergeblich nach den Trägern aus.

Als die Flammen und der Rauch in die Baumkrone hineinwehten, ließen sich die beiden Ausguckposten zur Freude aller Zuschauer wie reife Früchte durch die Zweige hindurch zur Erde fallen.

Das brennende Haus bot einen wunderschönen Anblick; die roten und gelben Flammen ergriffen das trockne Strohdach; glühende Reste stürzten in das dunkle Innere. Dann brannten die Dachsparren und Pfeiler und brachen der Reihe nach zusammen.

Statt der Karawane erschienen von neuem Aufständige und sandten uns aus ihren Vorderladern einige heiße Eisenkugeln herüber.

Inzwischen war ringsum das trockene Gras in Brand geraten und eine feurige Linie kroch weiter und weiter in den Busch hinein. Vor dem Feuer sahen wir deutlich die Gestalten von Aufständigen und konnten trotz der späten Stunde ziemlich sichere Schüsse abgeben.

Wir hatten uns bereits aus Matten und Türen Lagerstellen für die Nacht gebaut und einen Windschutz errichtet, als die Trägerkolonne endlich ankam. (Erst um vier Uhr am Nachmittag hatte sie den Befehl bekommen, nachzufolgen; die am Morgen entsandten Boten gestanden ein, aus Furcht nicht gegangen zu sein.)

Jetzt hatten wir Abendbrot, Zelte und Betten; Hunger, Durst und Müdigkeit waren bald vergessen.

[Sidenote: Schutz der Landschaft Mtanza.]

Am nächsten Morgen führte der Akide, der inzwischen eingetroffen war, die Expedition durch weite, fruchtbare Flächen nach dem Hauptdorfe der Landschaft Mtanza. Das Dorf wurde, wie die meisten Ortschaften der Gegend, einfach nach dem Dorfschulzen benannt: „_Kwa Jumbe Mgonza_“. (Beim Jumben Gonsa) oder kurz: „_Jumbe Mgonza_“, womit der Ort gemeint ist, dessen Oberhaupt der Jumbe ist.

Von jetzt an war Mtanza mein Hauptquartier. Etwa hundert Meter vom Ufer des breiten Stromes entfernt, schlug ich unter einem großen Baume die Zelte auf, ohne zu wissen, daß ich mich auf vier Monate hätte einrichten können.

Der Platz entsprach den Anforderungen, die ich bei der augenblicklichen Lage stellen mußte. Rundum wohnte eine zahlreiche Bevölkerung, deren Unterstützung ich brauchte, um meine Expedition zu verpflegen und die Ansiedelung der Aufständigen zu fördern; die Bewohner von Mtanza waren Mitte August durch die nach dem Norden vordringenden Aufständigen mit in die Aufstandsbewegung hineingezogen worden und hatten bei Kipo, wie sie selbst eingestanden, die größten Verluste erlitten, da sie damals als Ortskundige an der Spitze der Aufständigen gingen. Nun trieben sie weiter die Politik, die ihnen als Grundbesitzern die beste schien: sich dem Stärkeren anzuschließen.

Auf einem Ritt durch die nahen Dörfer überzeugte ich mich mit Befriedigung, daß hier noch Hab und Gut zu schützen sei; große Vorräte von Getreide lagen in den Häusern. Ich war erstaunt über die Ausdehnung der Schamben und konnte an den zahlreichen, starken Strunken auf den abgeernteten Feldern sehen, wie reich die Ernte gewesen sein mußte.

Weiber und Kinder waren nicht in den Dörfern, und als ich gegen Abend zurückritt, waren auch die Männer verschwunden; endlos erschien mir die Reihe der einförmigen Lehmhütten, aus denen kein Laut kam und kein Feuerschein herausfiel.

Hinter den Häusern floß der Strom, in dem Flußpferde laut brüllten.

Am nächsten Morgen fuhr ich in aller Frühe auf das Nordufer, um zu sehen, wo die Flüchtlinge hausten. Ich fand einen kleinen, malerisch von hohem Wald umgebenen See. Im hellen Sonnenschein ruhten Flußpferde; Krokodile entfernten sich von den Ufern und zeigten dann ihre Köpfe in der Mitte der Wasserfläche. Die Verstecke der Eingeborenen lagen in dichtem Gebüsch, schwer zugänglich und durch Dornen geschützt. Viele Flüchtlinge kampierten auf einer Insel, die vom Wasser des Stromes umspült wurde. In der verflossenen Nacht war dorthin ein Krokodil gekommen und hatte ein kleines Kind geraubt. (Die Neger hatten aus Furcht vor den Aufständigen keine Lagerfeuer gebrannt.) In kleinen Gruppen saßen die Frauen um die Feuer herum. Alles Hausgerät stand dabei; jede Familie hatte Körbe mit Mehl, Matten, geflochtene Teller, Löffel und anderes Holzgerät, das im Negerhaushalt gebraucht wird. Mein Erscheinen im Lager der Flüchtlinge erregte etwas Verlegenheit, wie unverkennbar auf allen Gesichtern zu lesen war.

Der Ombascha Chuma nahm eine militärische Haltung an und sagte im Hinblick auf die Leute: „Sie haben bei Kipo gegen uns gekämpft.“

„Du meinst, deshalb fürchten sie uns?“

„Nein, vielleicht sind sie noch feindlich.“

Er sagte das als Mahnung zur Vorsicht und weil er hoffte, ich würde die Neger jetzt noch bestrafen; dafür sind die Askari immer.

Ich half einem kleinen Bengel das Mäulchen voll Matamabrei stopfen und sagte dazu scherzhaft: „iß nur tüchtig, damit du stark wirst und später die große Flinte halten kannst, wenn ihr wieder Aufstand machen wollt“.

Da lachten die Erwachsenen und wurden zutraulicher.

Mehrere Boote begleiteten mich auf das Südufer zurück; die Männer kamen zu meinem Zelt und baten mich, in Mtanza zu bleiben und sie zu schützen. Ich versprach, eine Boma anzulegen, wenn alle in ihre Häuser zurückkehrten, die Äcker bestellten, mir täglich Lebensmittel zum Kauf anboten, und auch Boten- und Trägerdienste zu den in Friedenszeiten üblichen Löhnen übernehmen wollten. Zu alledem waren diese Vertreter der Landschaft gerne bereit.

Als ich in der Frühe des nächsten Tages am Ufer badete, standen die Menschen am Fluß, packten ein und aus, und riefen nach Booten.

Der Wald hatte viele beherbergt: Mütter mit kleinen verängstigten Kindern an der Hand und Säuglingen auf dem Rücken. Ich sah die Einbäume hin- und herfahren und wurde nicht müde, den Leuten zuzusehen; lag doch in dem Zutrauen dieser Menschen für mich ein Erfolg: mit Hilfe dieser Neger, die den Wert ihrer Ländereien zu kennen schienen, hoffte ich den Rufiyi bis zu den Panganischnellen hinauf in die Hand zu bekommen.

Das ist mir nicht vollständig gelungen; ich scheiterte an der Roheit der Wapogoro, die sich als ganz scheue, hinterlistige Buschbewohner entpuppten; aber die Aufständigen sind wenigstens nicht mehr nach Norden über den Rufiyi gegangen.

[Sidenote: Friedensarbeit.]

Wochenlang hielt mich friedliche Tätigkeit in Mtanza; rund herum bauten die Askari kleine Hütten, und ich erlaubte ihnen, ihre Weiber heraufkommen zu lassen, weil ich das friedliche Leben in dem Orte betonen wollte; ich gab mir den Eingeborenen gegenüber den Anschein, als ob ich den Aufstand für beendet hielte. Die Zeit, die ich im Lager in Mtanza zubrachte, war für mich sehr wertvoll; ich habe dort einen Einblick in das Tun und Treiben der Schwarzen gehabt. Was nun kam, war Friedensarbeit, die nur selten durch kleine, aber anregende Streifzüge nach Lederstrumpfart unterbrochen wurde.

Meine Befehle erlaubten mir nicht, große Kriegszüge zu machen. Dazu war ich auch zu schwach; denn die Linie, die ich mit drei Unteroffizieren, zwei Matrosen und sechsundzwanzig Askari bewachen sollte, war 180 _km_ lang. -- Die Mündung des Rufiyi wurde durch die Seesoldaten in Mohorro gesichert; den Posten zwischen Mtanza und Mohorro mußte ich zeitweilig besetzen; von Mtanza aus war es mir möglich, mit dem Strom in einer Nacht 80 _km_ zurückzulegen, so daß ich die obere Hälfte der gefährdeten Linie selbst schützen konnte. -- Nur dadurch, daß ich über große Strecken hin, friedliche Ansiedelungen ins Leben rief, konnte ich mit meiner kleinen Streitmacht die Aufgabe erfüllen.

Die Rebellen standen immer noch unter dem Eindruck der Verluste, die sie zu Beginn des Aufstandes erlitten hatten, und überschätzten meine Macht. Schnell sprach es sich außerdem bei den Negern herum, daß ich jedem Schutz gewährte, der sich unterwarf.

Es galt, möglichst bald den alten Einfluß der Regierung wieder herzustellen; um in ihrem Sinne wirken zu können, unterhielt ich deshalb Fühlung mit dem Bezirksamt und bemühte mich, über alle Vorgänge auf beiden Ufern des Stromes Klarheit zu bekommen.

Ich fand Eingeborene, die eine Art von Polizeidienst übernahmen und bezahlte sie dafür. (Meine Askari mochte ich zu solchen Aufträgen nicht verwenden; denn sie waren weniger ortskundig, wurden leicht erkannt und dann von vornherein mit Mißtrauen angesehen.) Alle Neger, die das Dorf passierten, ließ ich mir von den Polizisten vorführen. Es waren nicht allzuviele; denn der Verkehr vom Kissakkibezirk war gering und ging zum großen Teil auf dem Nordufer entlang, wo nicht alle Waldwege bewacht werden konnten.

[Sidenote: Die Postboten.]

Meine Boten brauchten nach Mohorro vier Tage und bekamen für den Weg 1,30 Mk. Ich sah einmal an dem Datum von Telegrammen, daß ein Bote fünf Tage gegangen war anstatt vier; er gebrauchte die Entschuldigung, er habe einmal stundenlang nach einem Boot rufen müssen, um über den Fluß zu setzen. Das durfte ich ihm glauben; denn ich hatte selbst schon Gelegenheit gehabt, beides zu bewundern: die Ausdauer eines Mannes, der übersetzen wollte und nach einem Boot rief und die Dickfelligkeit eines anderen, der am jenseitigen Ufer bei seinem Einbaum hocken blieb.

Die Boten bekamen allerlei Nebenaufträge der Askari, und ein oder der andere kleine Soldatenboy begleitete sie. Hierbei liefen klassische Beispiele von unpraktischem Sinn und Dickköpfigkeit unter.

Askari Fataki schickte seiner Bibi ein Tuch mit vier Pishi Reis nach Mohorro; zugleich erhielt der Bote vom Askari Mursat Geld, um vier Pishi Reis in Mohorro zu kaufen und nach Mtanza zu bringen. Beide Aufträge mußten pünktlich ausgeführt werden; der Bote schleppte vier Pishi hinunter und brachte vier andere zurück. Vergeblich versuchte ich, dem Negerhirn einzureden, daß das Resultat dasselbe sei, wenn Fataki dem Mursat seine vier Pishi Reis verkaufe und seiner Gattin das Geld schicke; Fataki glaubt, sein Reis sei besser als der, den seine Bibi in Mohorro bekomme, und Mursat will durchaus Reis aus Mohorro kaufen. Um diesem Eigensinn nachzukommen, muß der Bote zehn Pfund acht Tage lang mit sich schleppen -- (die gleichen Dinge geschehen übrigens in großem Maßstabe im Welthandel; dort sind es Prinzipienfragen, vielleicht auch hier)!

Abends nach Eintritt der Dunkelheit gab ich einmal einem Manne den Befehl, einen Brief nach Mohorro zu bringen. „Soll ich etwa allein gehen? es ist Nacht, da müssen zwei gehen!“ ~Müssen~, denn einer allein fürchtet sich; gehen zwei, so fühlt sich jeder durch den anderen geschützt; keiner sperrt die Augen auf, und dann laufen sie einfach los.

Wenn ein Bote ankommt -- er trägt den Brief meist in einem gespaltenen Stock eingeklemmt und hält ihn hoch, damit er nicht gegen Büsche streift oder sonst wo Schaden leidet -- so folgen ihm wohl ein Dutzend Bengels.

Die Ankunft eines „Barua“ ist für die Schwarzen ein Ereignis; mit dummdreisten Mienen bleiben sie in geziemender Entfernung stehen und beobachten die Wirkung der Nachrichten auf den Leser. Auch versuchen sie, Lohn dafür zu erhalten, daß sie den Boten begleitet haben.

Übrigens war die Ankunft eines Briefes und die Ansammlung von Zuhörern stets eine gute Gelegenheit, Gerüchte unter das Volk zu bringen. Ich nutzte das gründlich aus; wenn die Aufständigen von den anderen Truppen so oft Prügel gekriegt hätten, wie ich es verkündete, wären sie wohl beinahe ausgerottet!

Die Mittel, mit denen Frieden gestiftet wurde, waren eben mannigfaltiger Art.

In Mtanza hatte ich auch Gelegenheit, das Eheleben der Schwarzen kennen zu lernen.

[Sidenote: Die Frauen der Askari.]

Jeder Askari darf sich nur eine Frau halten. Die für die Wahl einer Lebensgefährtin maßgebenden Gründe sind merkwürdig. Für äußere Schönheit kommen unter anderm vor allem große Ohren in Betracht. Die Ohrmuscheln werden in der Jugend durchlöchert und die Löcher allmählich erweitert, bis drei möglichst große, aus Papier gerollte Pflöcke darin Platz haben.

Im übrigen muß sich das Weib, um dem Manne zu gefallen, gut kleiden und frisieren können, darf recht viel Zeit dazu verwenden, muß aber auch für das Essen sorgen; und dazu vor allen Dingen ist Sauberkeit und Sorgfalt notwendig. (Die gewöhnlichen Arbeiten verrichtet der Askariboy, der für sich wieder einen neuen, sehenswerten Teil des Lagerlebens bildet.)

Mit großer Leichtigkeit werden Ehen geschlossen und aufgelöst. Die Folge davon ist, daß man von den Schwarzen meist den Eindruck hat als ob sie in glücklicher Ehe lebten. Sobald das Verhältnis der Gatten nämlich unerträglich wird, gehen sie auseinander.

Dies gilt nur von den freien Suaheliweibern. Dauernder ist die Verbindung wohl, wenn für die Frau eine Kaufsumme gezahlt wurde. (Am Rufiyi zahlte der Mann etwa dreißig Rupie.) Hat die Frau ein Kind, so ist sie mehr wert; denn das Kind kann, wie mir ein Vertrauensmann sagte, später die kleineren Kinder beaufsichtigen, wenn die Mama auf dem Felde arbeitet.

[Sidenote: Der Askariboy; Hausbau.]

Anforderungen besonderer Art werden an den Askariboy gestellt. Seine Haupttugend ist eine große Begeisterung für den Soldatenberuf, die ihren Grund hat in Abneigung gegen das stille Leben im Heimatdorf. Abenteuerlust und Anspruchslosigkeit und die allen Negern gemeinsame Abneigung gegen regelmäßige Arbeit zeichnet ihn aus. Er bekommt zu essen, was übrig bleibt, hat aber im Kriege manchmal Gelegenheit, recht viel auf die Seite zu bringen. Er bekommt gelegentlich ein Kleidungsstück geschenkt; doch wenn der Tag da ist, an dem er seinen Lohn fordert, wird ihm als Antwort: „Du hast mir einen Teller zerbrochen, hast jeden Tag viel zu viel gegessen und deine Arbeit war miserabel -- ich kann dir keinen Lohn geben!“ Dann sitzt der kleine Kerl noch einen halben Tag in niedergeschlagener Stimmung im Lager und -- sucht sich einen anderen Dienst.

Als mehrere Wochen verflossen waren, ohne daß kriegerische Unternehmungen stattfanden, schickte ich die letzten drei Matrosen, die ich bis dahin noch mit mir hatte, zur Küste, weil ich sie nicht unnütz dem Fieber und anderen Krankheiten aussetzen wollte. Die Leute hatten außerdem die Rückkehr an Bord sehr nötig; denn ihre Kleidung war stark mitgenommen. Gleichzeitig sandte ich Sergeant Kühn nach Mayenge, sodaß ich von jetzt an mit Sanitätsunteroffizier Lauer, dem Arzt meiner Expedition, alleine war.

Da die Rücksicht auf die Europäer fortfiel, konnte ich jetzt viel weitere Märsche machen als bisher. -- Die Askari sind sehr anspruchslos und man braucht ihretwegen keine große Trägerkolonne mitzunehmen; sie versehen nach anstrengendem Marsche den Wachdienst, gehen Patrouille, beaufsichtigen die Träger, brauchen nur einmal am Tage zu essen (was sie essen ist leicht mitzunehmen) und schlafen zu ebener Erde, ohne Bett, Moskitonetz und Zeltdach. --

Unter den weitstehenden Ästen des großen Baumes, bei dem wir unser Lager aufgeschlagen hatten, ließ ich ein Haus bauen. Ich war überrascht, wie schnell ein Gebäude fertig wurde, das allen Ansprüchen genügte.

Jeder Neger ist Baumeister und an Übung fehlt es ihm nicht, da er oft gezwungen ist, neu zu bauen oder auszubessern, was Insekten, Hochwasser oder Feuer zerstören.

Eines Tages trommelte der Jumbe das Dorf zusammen. Männer und Knaben kamen und hörten den Befehl: „Ihr werdet jetzt dem Bana Kubwa[40] ein Haus bauen, damit er bei uns bleibt.“

Ein Platz wurde abgesteckt; dann fuhren die Neger mit Beilen auf das Nordufer und brachten aus dem Walde Pfähle und Balken und große Pfeiler, die sich am Ende gabelten und deshalb geeignet waren, das Dachgebälk zu tragen. Es wurden Löcher in die Erde gegraben, um die Pfähle hineinzustellen. -- Bei dieser Arbeit lockert der Neger den Boden mit einem kleinen Stück Holz und hebt die Erde mit der Hand aus, so daß das Loch nicht größer wird, als es sein muß, um den Pfahl aufzunehmen. -- Schon am zweiten Abend stand das Gerippe des Hauses fertig da. Jetzt wurde vom Flusse starkes Rohr geholt und die Dachsparren mit den beinahe armstarken, bis acht Meter langen Stengeln belegt, die die Stelle von Bambusrohr vertraten. Bei dem ganzen Bau wurde kein einziger Nagel oder Zapfen verwandt, sondern alle Verbindungen durch Bastbänder hergestellt, die aus den Blattrippen der Dumpalme geflochten waren. Die horizontal liegenden Balken ruhten in gegabelten Pfeilern. Über die Rohrstengel der Dachbedeckung wurden Blätter einer Fächerpalme gelegt und, ebenso einfach wie geschickt befestigt, indem die Stiele durch einen Einschnitt angekerbt und etwas aufgespalten wurden, so daß ein Haken entstand, der über den Rohrstengel hinüberfaßte. In der Mitte des Hauses blieb eine große Halle frei; auf der einen Seite waren meine Wohnräume, auf der anderen die des Unteroffiziers.

Die Wände bestanden aus Fachwerk von Rohrbekleidung mit dazwischen gestopfter, toniger Erde. Die Fensteröffnungen wurden durch Läden aus Rohrstengeln geschlossen; Türen brauchten wir nicht.

Rund um das Haus entstanden die Hütten der Askari, die Küche mit der Wohnung für die Boys, der Hühnerstall und ein Eselstall. Später ließ ich um das ganze Lager Wall und Graben ziehen und einen hohen Pallisadenzaun errichten, an dessen Eingang die Wache ein Schutzdach erhielt.

[Sidenote: Am Strom.]

Bei Sonnenaufgang war ich jeden Morgen am Fluß, um zu baden. Ein Schwimmbad durfte ich freilich nicht nehmen, weil die Krokodile zahlreich waren; ich mußte mich darauf beschränken, mir einige Eimer voll Wasser über den Kopf zu gießen, während ich am Ufer stand.

Die Morgenstunde am Strom war für mich stets ein großer Genuß. Es war jedesmal gleich schön, zu sehen, wie der breite Fluß unter die aufgehende Sonne floß. Über die glänzende Flut fuhren Einbäume mit Negern, die im Walde des Nordufers Holz holen oder Honig suchen wollten; aus den Hütten stieg blauer Rauch, der in den dürren Blättern der Palmdächer entlangkroch. Tauben flogen von ihren Nachtquartieren herüber in die Felder.

Als in den späteren Monaten die ersten Regenschauer gefallen waren und die Feuchtigkeit der Luft zunahm, lagen morgens oft weiße Nebelmassen über dem Strom. Oft auch schwirrte es über den Schilfinseln von unzähligen Schwalben.

Pünktlich um sechs Uhr wurden die Askari geweckt. Dann gingen die Frauen mit großen Töpfen zum Ufer und holten Wasser. Um acht Uhr begann der Dienst, das Exerzieren und die Arbeiten an der Befestigung. Diese Arbeit sollte eigentlich eine Strafe sein, aber die Neger wurden kaum beaufsichtigt und stellten sich dennoch pünktlich zur Arbeit ein, weil sie Essen dafür bekamen.

Zum Revierdienst, den Sanitätsunteroffizier Lauer gegen neun Uhr abhielt, kamen immer mehr Eingeborene und verlangten „_dawa_“, wobei sie auf den kranken Körperteil zeigten. Wunden waren bei ihnen gut zu behandeln und heilten schnell. Bei inneren Krankheiten aber konnten die Neger nicht verstehen, daß sie wiederkommen sollten; sie ließen sich einmal Arznei geben und glaubten dann gesund zu sein. Die Askari waren schon verständiger; sie kamen immer wieder, um Chinin zu nehmen, wenn sie Fieber hatten.

Schlimm waren die Wunden von Pfeilschüssen. So kam ein Mann, dem die Pfeilspitze mit abgebrochenem Schaft noch in einer häßlich aussehenden Öffnung zwischen den Rippen steckte; die Spitze mit den Widerhaken wurde herausgeschnitten, ohne daß der Neger ein Zeichen von Schmerz von sich gab.

Mit Giftpfeilen getroffene Menschen starben, wenn das Gift frisch war, in wenigen Stunden. Um die Wirkung des Pfeilgiftes zu erläutern wurde mir erzählt, ein alter Jäger sei bis dicht an einen Löwen hinangegangen und habe ihm einen Giftpfeil in die Seite geschossen; der Löwe, der vorher noch nicht verwundet war, sei nach mehreren Schritten tot umgefallen; das Gift hatte zufällig eine Ader getroffen, die nach dem Herzen führte.

[Sidenote: Schlangen.]

Die Eingeborenen mischten das Pfeilgift aus dem Saft von bestimmten Pflanzen und echtem Schlangengift.

Bißwunden von Schlangen habe ich nie gesehen.

Schlangen waren am Rufiyi nicht gerade häufig, wurden nur aber oft gebracht, weil ich die Negerjungens, die mir halfen, meine Sammlungen von Käfern und Insekten zu vervollständigen, anhielt, mir alles Ungeziefer zu bringen, was auf den Feldern getötet wurde. Ich habe im Laufe der Zeit eine Anzahl Schlangen beobachtet, möchte aber, wenn ich es erzähle, nicht den Eindruck erwecken, als ob die mir selbst unheimlichen Tiere dort eine alltägliche Erscheinung wären.