Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika
Part 16
Der alte Makange schlich vor mir. Er drehte sich mehrmals um, hob die kleine Holzkeule, die er in der Hand hielt, bedeutungsvoll und flüsterte: „_Karibu ya kulala!_“ („Sie sind dicht vorm Hinlegen!“) Das sah er aus der trägen Gangart der Tiere. Ich zog die Gummisohlen an, legte die steifen Ledergamaschen ab, zog den Rock aus, machte den Gewehrriemen von der Büchse los, weil er an Büschen hängen bleiben kann und setzte eine kleine Kappe auf, die weniger Geräusch macht als der breitkrempige Filzhut, wenn Blätter daran entlang streifen.
Äußerste Vorsicht war jetzt geboten.
An einer sandigen Stelle füllte ich mir die Hosentasche mit trockenem Staub und ließ von Zeit zu Zeit etwas davon fallen, um den Wind zu prüfen.
In dem dichten, von hohem Grase durchsetzten Busch, durch den die Büffel ihren Weg genommen hatten, war bestenfalls auf zehn Schritt zu sehen.
Es war kein Gehen mehr, es war ein Schleichen, ein Sichvorwärtsschlängeln, um jedes Geräusch zu vermeiden. Und dennoch: Wenn ich einmal stehen blieb und die Träger abwartete, die leise gingen und doch zu hören waren, dann hielt ich es für unmöglich, ungehört an die Büffel hinanzukommen; denn allein das Gras, das an den Beinen entlang strich und die trockenen Blätter, die dicht im Wege lagen, machten so viel Geräusch, daß es die ruhenden Büffel hören mußten!
Das stundenlange Vorwärtsschleichen und vergebliche Spähen ermüdet und macht schließlich ungeduldig, man vergißt die Vorsicht und geht zu schnell, ein trockener Ast knackt unter dem Fuße, ein Zweig schnellt zu plötzlich in seine Ruhestellung zurück, die Büffel stehen dicht dabei -- -- und alle Anstrengung war umsonst.
Wenn man nur ungefähr wüßte, ob die Tiere nahe sind!
Ich erwarte die Neger, setze mich hin und lasse mir Frühstück geben.
Nein, dieser Busch; wie da bloß ein Büffel durchkommt! -- Man erkennt kaum, daß er es tat; die Zweige schließen sich hinter ihm und die Dornen strecken ihre Äste nach wie vor in den engen Paß. Nur Dickhäuter gehen unbeschadet durch: der Büffel mit seinem starken Kopfschild, und das Nashorn.
Welche Ausdauer gehört dazu, unter tropischer Sonne mitten am Tage den Fährten eines Wildes zu folgen, tagelang, mit so geringer Aussicht auf Erfolg; auf flacher Erde irgendwo im Busch zu schlafen; allein mit wenigen Negern.
Plötzlich ein Schnaufen, gar nicht weit: die Büffel haben sich verraten!
Jetzt weiß ich, daß ich nicht mehr stundenweit zu gehen habe und kann meine ganze Kraft daran setzen, unbemerkt, ungehört die nächsten hundert bis zweihundert Schritte zurückzulegen. So nahe bei den Büffeln zu sein: ein Bewußtsein, das die Lebensgeister freudig aufrüttelt!
Zu den nächsten hundert Schritten brauche ich etwa eine Viertelstunde.
Bei diesem Pirschen, diesem sich lautlos durch die Büsche drücken sind alle Muskeln und Sinne angespannt. Der Fuß sucht vorsichtig einen neuen Stützpunkt, die Schulter weicht einem Dornenzweige aus, der Kolben der Büchse wird Fuß für Fuß vorgesetzt.
Nach langem Warten gibt ein leises Schnaufen von neuem die Richtung an.
Der Wind ist gut.
Ich erreiche eine drei Meter breite, steinige Schlucht, an deren gegenüberliegender Seite im Dunkel der Büsche eine ungewisse Bewegung spielt.
Der Führer mit der Reservebüchse ist hinter mir; er umfaßt vor Furcht zitternd mein Handgelenk und bedeutet mich, stehen zu bleiben.
[Sidenote: Büffel auf acht Schritte angepirscht.]
Zwei Schritt turne ich noch vorwärts, ohne daß sich ein Steinchen löst oder ein Zweig knackt, hebe mich etwas und sehe den Rücken und das Hinterteil eines ruhenden Büffels, acht Schritt vor mir, wie im Kuhstall! Es ist sehr dunkel unter den Büschen, trotz der hellen Mittagssonne, doch erkenne ich bald auch im Schatten die Enden der Hörner, weit auseinander liegend, und zweifle gar nicht daran, daß ich einen starken Bullen vor mir habe.
Ich fühle unsagbare Freude, daß es mir gelang, ein Tier mit so feinen Sinnen auf die geringe Entfernung angepirscht zu haben.
Nach einer Weile regt es sich an einer entfernteren Stelle unterhalb im Busch, wo ein anderer Büffel etwas bemerkt zu haben scheint. Mein Wild erhebt sich langsam, ich kann die Umrisse beurteilen, und als es eben auf allen vier Läufen steht, schieße ich schräg von hinten auf den Rumpf.
Sofort rollt der Büffel zu Boden. Zweiter, dritter Schuß! Wildbrüllend arbeitet er sich wieder hoch, auf mich zu!
Ich weiche nach rechts aus, drücke mich an den Grabenrand und schieße den vierten und fünften Schuß. Mit einem tiefen Röcheln senkt sich der Kopf des vornüber stürzenden Büffels neben mir in den Graben.
Ich halte die Mündung der Büchse dem riesigen Tiere auf den Nacken und zerschmettere ihm die Wirbelsäule.
Das alles geschah in wenigen Sekunden; die Schüsse folgten aufeinander so schnell, wie man mit großer Übung überhaupt repetieren kann.
Der sechste Schuß war hinaus, -- meine Büchse leer.
Das Gehörn des Büffels lag etwa ein Meter von meinem Knie entfernt.
Ich kniete noch fast an derselben Stelle, an der ich den ersten Schuß abgegeben hatte; die Tatsache machte dem Neger, dem einzigen Zeugen des wilden Vorganges, großen Eindruck.
Erst jetzt polterte die Herde der Büffel mit lautem Krachen den Abhang hinunter, ohne daß in dem dichten Gebüsch etwas zu erkennen war. Ich fand dadurch bestätigt, was der Führer vorher wiederholt behauptet hatte: „Wenn die Büffel in der Mittagshitze schlafen, kann man zwei, drei schießen, bevor sich die Herde erhebt!“ (Vorausgesetzt, daß man selbst die Büffel sieht!)
Ich betrachtete meine Beute; es war eine Büffelkuh. Die starken Hörner setzten erst an der Seite des Kopfes an, während die Stirnfläche, die beim Stier mit Hornwulsten bedeckt ist, nur Fell trug. Der Schädel mit den Hörnern allein hätte schlecht ausgesehen, ich beschloß deshalb den Kopf mit Fell bis zur Schulter zu präparieren und machte mich mit zwei Leuten an die Arbeit, während Irambe Maridadi zum Lager ging, um Leute zu holen und den Koch und die Boys zu der Lagerstelle von vorgestern hinzubestellen; ich wollte in der Frühe des nächsten Tages noch einmal die Hänge absuchen.
Wir arbeiteten drei Stunden lang hart; als die Träger kamen, war die Kopfhaut abgezogen und der Büffel in vierzehn Fleischlasten zerwirkt, auch eine große Menge Fett für die Küche bereit. Das starke Fell aber wurde von den Negern zur Anfertigung von Sandalen begehrt.
Der Abend war nahe, als ich mit drei Leuten aufbrach.
Die Neger rieten davon ab, den Weg zum kleinen Lager zu nehmen, es sei weiter, als ich glaubte; dennoch blieb ich bei meiner Absicht.
Die Dunkelheit brach herein; der beschwerliche Weg durch Dornen, Gestrüpp und Gras wollte kein Ende nehmen.
Wie zersetzend wirkte die Müdigkeit auf uns.
Die Neger rieten, liegen zu bleiben, wo wir waren.
Das wollte ich nicht; die Mückenplage, Kälte, Hunger und Durst trieben mich weiter.
Es war stockdunkel. Nur ein schwacher Schimmer ging von dem trockenen Steppengrase aus. Der finstere Busch war weit und nah, eine düstere unbestimmte Masse, mit dem Berg verschwimmend.
Die oft gehörten Stimmen der kalten Nacht riefen heute nur: „Ruht!“
Es war, als höhnten sie über unsere Ohnmacht.
Hell strahlte die Venus über den Bergkamm; sie war meinen Augen der Leitstern.
„Bana, wir werden in Wildgruben fallen!“ sagte der Makange, der vor mir ging. Kurz darauf klang seine Stimme von unten, wie ein Vorwurf zu mir herauf: „Siehst du!“ Und aus einer Grube zu meinen Füßen heraus kletternd, sagte er: „Ja, so ist es, wenn man Nachts hier geht.“
„Das schadet dir doch nichts!“
„Es kann ein Leopard in der Grube sein.“
Ich ging voran und war kaum fünfzig Schritte gegangen, da fühlte ich dünne Zweige unter mir federn und brechen, und mit Wucht fiel ich in eine Grube. Ich blieb eine Weile darin sitzen und rief hinauf: „Es ist sehr schön hier unten!“ Allein der Heiterkeitserfolg blieb diesmal schwach.
Voran! Der Busch wurde dichter, fast undurchdringlich. Die Leute blieben stehen; das dichte Gras wollte nicht weichen. Wie Filz waren Zweige und Gräser durcheinander gewachsen; Dornen hielten. Unwillig arbeitete ich mich vorwärts, fast erlahmte meine Kraft.
Da drängte sich Umnasi[19] vor mich, und er, der vom frühen Morgen keinen Augenblick ohne Arbeit gewesen war, brach wie ein Stier durch das Dickicht. So durchkreuzten wir eine düstere Waldecke. Da ertönte von ferne das Quaken von Fröschen; das war die Richtung auf unser Lager!
Schilfgras, so stark und dicht, daß es dem Körper Widerstand bot, sperrte den Weg; wieder war Umnasi vor mir, sprang hoch, warf sich auf das Gras und drückte die hohen Massen der Halme mit seinem Körpergewicht vor sich nieder; er hielt ein Beil in der Hand und trug auf dem Rücken einen gefüllten Rucksack. Was dieser brave Neger heute leistete, war bewundernswert. Er bahnte uns den Weg, bis ein Feuerschein aus den Büschen zu uns herüberleuchtete.
[Sidenote: Ermattung.]
So erreichten wir spät in der Nacht todmüde das Lager.
Als ich einschlief, hörte ich noch die Unterhaltung der Neger. Alle schimpften auf die niederträchtige Gegend, nur der unverwüstliche Umnasi phantasierte ihnen zum Trotz, er wolle sich hier anbauen und nicht mehr als Träger überall Dienst nehmen, er wolle zum Bezirksamtmann gehen und ihm sagen. „Ich, der Umnasi, bin da, gib mir drei Weiber, ich will jetzt eine Pflanzung anlegen. Und der Bezirksamtmann sagt dann: ‚Gut, Umnasi, das freut mich, hier hast du drei Weiber!‘ -- Dann werde ich hier ein Haus bauen und viel Geld verdienen mit Mais, Mohogo, Reis, Matama, Bohnen, Ziegen -- -- --“
Neues Holz wurde auf das Feuer gelegt. Die Flammen leuchteten auf; ich fiel in tiefen, erquickenden Schlaf.
[15] Der Kapbüffel, der eigentliche Kaffernbüffel ist wohl ausgerottet; sein Gehörn unterscheidet sich von dem aller anderen ostafrikanischen Büffel durch kappenartige Fortsätze über der Stirn.
[16] Büffel.
[17] Der Tierfang in Gruben ist den Eingeborenen verboten, weil eine verständige Ausübung der Jagd, ebenso wie eine Aufrechterhaltung der Schongesetze damit unmöglich ist.
[18] Der ausgewachsene Kaffernbüffel ist etwa 2,60 Meter lang und 1,50 Meter hoch.
[19] richtig geschrieben: Mnazi = Cocospalme.
Elefanten.
Am 18. Dezember 1905 schrieb ich in mein Tagebuch: „Es ist drei Uhr am Morgen; ich kann -- nein, ich will nicht mehr schlafen.
[Sidenote: Ein Elefant an meinem Zelt.]
Ich bin geweckt worden; aber anders, als alle anderen Menschen heute geweckt werden: ein Elefant hat mich geweckt. Und dafür danke ich ihm; denn er hat recht, wenn er mir sagt: ‚Du Mensch, du kleiner, dürftiger -- du, einer von denen, die die Welt verändern, die sie öde und leer machen -- merk auf, wenn die Majestäten kommen; denn bald werden sie nicht mehr sein; bald wird nur das Gedächtnis noch an sie erinnern; ihre Herrlichkeit wird vergehen und du, du warst dann einer von denen, die noch berufen waren, von ihrem Glanze zu erzählen.‘“
Ich lag in tiefem Schlaf.
Da reißt jemand an den Stangen meines Zeltes.
Ich richte mich auf im Bett: wo bin ich?
Stockduster.
Ich taste nach dem Kopfende meines Feldbettes, wo die Büchse steht, und horche.
Da: „Kleng! -- kleng! --“ Irgend jemand vergnügt sich hier mitten in der Nacht damit, eine Konservendose -- ich hatte am Abend eine Dose Pflaumen öffnen lassen -- in gleichmäßigen Zeitabständen auf den Boden zu werfen!
„Korrokón!“
„Tjarrr?!“
„Keléle?!“
„Ndófu!“[20]
Jetzt mußte ich einige Sekunden überlegen; denn mir war im ersten Augenblick nicht klar, ob ich recht gehört hatte. Dann knöpfte ich leise mein Zelt an der Rückseite auf und ging vorsichtig hinaus.
Da stand wirklich an einem großen Baume ein riesiger Elefant, und zwei lange Zähne leuchteten an seinem Kopfe. Der hatte also mit meiner Konservendose gespielt!
Der Askari kam heran.
„Weshalb jagst du ihn nicht weg?“
„Du hast es verboten!“ Da hatte er recht; aber das war mir denn doch zu viel! Ich bückte mich, hob einen Knüppel auf, ging dicht an den Elefanten hinan und warf ihm das Holz an den Kopf, daß es klappte. Er schnaubte und lief davon. --
* * * * *
Das ist vor einer Stunde geschehen und jetzt sitze ich vor dem Zelt, schreibe beim Schein einer Küchenlaterne und warte, daß es hell werde.
Eben brüllt ein Löwe. Von dem „Konzert“, von dem andere erzählen, habe ich eigentlich noch nie etwas gehört; auch was ich jetzt höre, klingt nur wie ein grimmiges, mißmutiges und faules Hineinknurren in eine leere Tonne. Hier am Rufiyi scheinen Löwen und Elefanten eingesehen zu haben, daß sie gegen die Stimme des Kiboko nicht ankommen können; auch das Trompeten des Elefanten, das „markerschütternde“, habe ich noch nicht gehört.
Elefant, Löwe und Büffel! Gibt es noch ein Revier auf dieser Erde, das wertvolleres Wild beherbergt?
Gibt es eine größere Wildnis, als die, die mich hier mit wundervollem Zauber umgibt?
Der größte der lebenden Dickhäuter; die starke und gewandte Katze; der wilde Stier: wo dies Kleeblatt noch zu finden ist, da sind paradiesische Zustände.
Ich weiß das; weiß, daß ich ein Glück genieße, wie es mir im Leben nicht reiner wieder begegnen wird.
Fern von den Menschen; fern von Neid, Haß und Habgier; von den Schmerzen und der Langeweile, die uns tagein, tagaus verfolgen und peinigen.
Alles, was in Städten und Dörfern lebt, was gegen Not und Elend kämpft, und mit ungestillter, unverstandener Sehnsucht ringt, liegt hinter den blauen Bergen dort unten.
[Sidenote: Glücksgefühl.]
Ich bin hereingekommen in ein Paradies, und will es im Innern festhalten und dem Geschick danken, das mir so hohes Glück beschert hat!
Ich will mir hier einen Schatz fürs Leben sammeln und nie vergessen, daß ich in dieser Zeit frei von allem Leiden war; jung und stark und gesund in einer Welt, die meinen Neigungen Nahrung gab.
An jedem Morgen empfinde ich das von neuem.
Wenn die Sonne aufgeht, kommt auch meine Freude wieder. Die Nacht ist ein Warten; Andacht die Morgenstunde; Erfüllung der Tag.
Und der Abend ist ein rechter Abend, mit Müdigkeit und Frieden, mit stillem Zurückschauen und ganz zarter Hoffnung auf eine neue Lebenswelle, die der neue Tag bringt.
Das nenne ich ein Leben! --
* * * * *
Eines Tages kam ich in ein Dorf, dessen Einwohner oft über Wildschaden geklagt hatten.
Flußpferde, Schweine und Elefanten seien Nacht für Nacht auf den Feldern, und die Männer müßten beim brennenden Feuer Wache halten, um ihre Felder zu schützen.
Als die Sonne unterging, lag ich auf der Uferböschung des Flusses, nahe bei dem Dorfe, und beobachtete ein großes Krokodil, das auf dem andern Ufer schlief.
Die rote Abendsonne schien dem Drachenvieh in den weit geöffneten Rachen.
Ich überlegte, ob ich das Raubtier durch einen wohlgezielten Schuß ins Jenseits befördern sollte.
Da wurde ich auf eine Flußpferdherde aufmerksam, die dicht am Ufer auf die Dunkelheit wartete, um zur Äsung an Land zu steigen; es waren wohl zwanzig Köpfe.
Als es dunkel wurde, hoben sich die ersten beiden plumpen Leiber auf das Ufer; dann folgte ein starker Bulle mit weit nach vorn gesenktem Kopfe.
Ich gab ihm eine Kugel in das Gehirn; er brach auf der Stelle zusammen. Die Herde drängte in das tiefere Wasser und warf eine hohe Welle vor sich auf; die beiden am Ufer stehenden Tiere stürzten sich von oben in den Fluß und folgten der Herde.
Ich band den erlegten Bullen mit Schilf am Ufer fest und ging zu meiner Hütte zurück.
Als ich beim Abendbrot saß, brüllte dicht neben mir im Wasser noch ein Flußpferd.
Das Dorf, dessen Bewohner mir hier eine kleine, saubere Rasthütte gebaut hatten, lag dicht am Strome. Die Leute waren dem Strome gefolgt, der sein Bett vor einigen Jahren hierher verlegt hatte, und wohnten noch nicht lange an dieser Stelle; noch keiner der angepflanzten Bäume war mehr als drei Jahre alt.
Die Neger in diesem Orte waren sehr freundlich zu mir. Sie hockten im Kreise um ein kleines Feuer mitten auf der Dorfstraße und erzählten sich etwas.
Ich setzte mich im langen Stuhl in ihre Nähe und hörte zu. Sie klagten, die Flußpferde ließen keinen Halm auf ihren Feldern wenn das Feuer bei den Wachthütten einmal ausgehe.
Nach einer Weile trennten sich einige Leute von der Gruppe und sagten, sie müßten in die Schamba gehen, um Wache zu halten.
Kurz entschlossen hängte ich meine Büchse um und ging mit ihnen.
Das war eine der eigenartigsten Nächte, die ich auf afrikanischem Boden erlebte! Die Klarheit des Himmels, die scheinbar unendliche Masse des hohen Schilfes, in die die Neger barfuß, mit vorsichtigen Tritten hineingingen; das schrille, ohrenbetäubende Zirpen der Zikaden die, wenn wir näher kamen, ganz plötzlich verstummten; die vielen kleinen Hütten auf hohen Pfählen, an denen wir vorbeikamen, und aus denen jedesmal eine Menschenstimme Antwort gab: Das machte auf mich einen so tiefen Eindruck; denn es war ein Stück von der Geschichte des Elefanten, des größten Wildes der Erde.
Hier durfte ich noch Zeuge sein, wie halbwilde Menschen um ihre Nahrung mit den Tieren der Vorwelt kämpften; wie die Lebensweise der Dickhäuter das Treiben der Menschen beeinflußte.
Und mir schien, als ob die Menschen reger, stärker und besser würden durch den dauernden Kampf. Das waren meine Gedanken, als ich den biegsamen Gestalten der Neger folgte, die mit ihren Sinnen ganz beschäftigt waren, den Weg zu suchen.
Der eine Neger ging abseits auf ein Feld. Ich folgte dem anderen und wir stiegen an schwachen Pfählen auf ein Gerüst hinauf, das eine kleine Hütte trug.
Nicht weit davon brannte zu ebener Erde ein Feuer und Brennholz lag daneben.
Der Schwarze brachte einen Arm voll trockenen Grases und legte es mir unter den Rücken. Ich machte es mir so bequem wie möglich.
Die Pfähle wackelten stark, als der Neger hinunterstieg, um neue Reiser auf das Feuer zu werfen.
In der kleinen Hütte war ein starker Negergeruch, den ich in Kauf nehmen mußte. Der Schwarze hockte dicht bei mir, nestelte an seinem Hüfttuch herum, holte Tabak heraus und schob ihn in den Mund und die Nase.
Im Schein des Feuers sah ich, daß er große Narben im Gesicht und auf dem Schädel hatte, und er erzählte mir, daß ihn ein Leopard vor mehreren Jahren in der Nacht auf einer Wachthütte besucht habe. Er habe geschlafen, sich plötzlich gepackt gefühlt, um sich gegriffen, den Leoparden mit aller Kraft gefaßt und geschrien; da sei seine Bibi mit Feuer gekommen und habe ihn befreit. Ob der Leopard mehr gebissen oder geschlagen hatte, konnte der Mann mir nicht sagen.
Die Zikaden zirpten ununterbrochen.
Eine Fledermaus besuchte unseren kleinen Raum und flatterte geisterhaft um das Strohdach.
Von Zeit zu Zeit ertönte das mächtige Brüllen der Flußpferde fern und nah; dann hörte man wieder Rufe, Scheuchen und Schlagen von Trommeln rundum in den Feldern.
Stunden vergingen -- --. Wenn mir der Kopf niedersank, durchfuhr mich ein Gefühl des Ekels bei dem Geruch, der den Gegenständen in der Hütte anhaftete; ich sah wieder in die Dunkelheit hinaus.
[Sidenote: Elefanten in den Feldern.]
Stunden vergingen -- --. Mit einmal war ich wieder ganz wach und mein Herz schlug schneller: „Elefanten,“ sagte der Neger leise. „Sie kommen in die Schamba.“
Ich hörte nur ein leises Streichen von Gräsern, ein Schurren, Kluppen, Schnaufen; dumpfe Stöße; aber alles dies so leise, daß nur die Phantasie sich die Nähe der großen Tiere dazu vorstellen konnte. Nichts von dem Trompeten, auf das ich gehofft hatte. Ich horchte lange hinaus in die Nacht und als ich genug gehört hatte, sang der Neger laut und schlug auf eine dumpfe Trommel.
Ich ging auf Umwegen zum Dorfe zurück und merkte dabei, daß es unverständig ist, in diesem Lande nachts allein zu gehen; man sieht und hört Gespenster.
Gerade der Pirschjäger, und besonders der Europäer, ist gewohnt, seine Augen zu gebrauchen, wenn er ein verdächtiges Geräusch gehört hat. Hier aber ist nachts ein lautes Treiben und hält die Sinne des Wanderers fortgesetzt in Anspannung, ohne daß er etwas sehen kann.
Steht da nicht ein Flußpferd?
Im Grase raschelt’s; ein fernes Brechen -- -- Elefanten?
Man steht und lauscht.
Das Geräusch der eigenen Tritte verbietet vorwärts zu gehen, weil man die anderen Geräusche, die man zu beachten gewohnt ist, zu übertönen fürchtet; wenn andere mitgehen, schreitet man aus, ohne Rücksicht auf den Lärm der Tritte, die sich mit denen der anderen verbinden.
Am Morgen kamen die Neger, weckten mich und meldeten, die Elefanten hätten die Schamben verlassen und seien nach dem Walde hingewechselt.
Eilig brach ich auf, um den Tieren den Weg abzuschneiden. Durch hohes Schilfgras kam ich auf Umwegen in Buschwald. Da fanden die Leute bald die ganz frische Fährte eines Elefanten, dem wir folgten.
Kurz darauf prallte der vor mir gehende Neger zurück und sagte. „Ndofu.“[21]
Ein großer Elefant stieg dicht vor uns aus einem kleinen Tal und verschwand schnaubend in den Büschen.
Er hatte uns gehört. Ich lief nach und sah ihn in ziemlich offenem Gelände stehen, als er sich zu mir umdrehte. Ohne zu zögern ging ich an den völlig freistehenden Riesen bis auf fünfundzwanzig Schritt hinan und schoß zwischen Auge und Ohr, während er seine großen Gehöre abgespreizt hielt, als wollte er mit den riesigen Schallfängern jeden Laut aus der Richtung seines Angreifers auffangen.
[Sidenote: Der erste Elefant zur Strecke.]
Auf den Schuß tat der Elefant mehrere Schritte vorwärts, brach vorne nieder, so daß die Zähne den Erdboden aufpflügten, legte sich langsam auf die Seite und verendete.
Der Eindruck, den dieser Vorgang auf mich machte, war überwältigend. Alles war so schnell gegangen: Das Wahrnehmen des Tieres, der Schuß und die verblüffende Wirkung, daß der große Elefant, der eben noch im Vollbesitz seiner ungeheuren Kräfte war, leblos zusammensank. -- Das war der Tod?
Ein Schwarzer sprang auf den toten Elefant los, hielt seinen Vorderlader mit gestreckten Armen vor sich und feuerte ihm die Ladung in den Rücken.
Hinter den Büschen ertönte ein dumpfes Trompeten; es klang, als ob Schrecken darin läge.
Ich folgte dem Tone und sah drei Elefanten, die in schnellem Trab flüchteten und sich dabei dicht aneinander drängten.
Als ich zurückkehrte, warnten die Neger noch immer davor, dem Elefanten zu nahe zu kommen, man könne nicht wissen, ob er wirklich tot sei.
Am nächsten Morgen war ich mit der Kamera und neugefüllten Kassetten zur Stelle und photographierte meinen ersten Elefanten.
Auf den umstehenden Bäumen saßen Hunderte von Aasvögeln und warteten, bis irgend jemand die Decke des Dickhäuters durchschlagen würde. Der riesige Leib war in den vierundzwanzig Stunden mächtig aufgetrieben, und als er geöffnet wurde, schwoll der Magen wie ein Ballon heraus. Da näherte sich ein Witzbold vorsichtig von der Rückenseite und stach mit seinem Messer kurz in die gespannte Wand. Es gab einen lauten Knall, der Ballon platzte, und der Mageninhalt flog weit herum, zum großen Vergnügen der Zuschauer.
Merkwürdig war, daß das Hinterbein des auf der Seite liegenden Elefanten frei in der Luft schwebte und selbst das Gewicht mehrerer Menschen tragen konnte, ohne nach unten gedrückt zu werden.
An dem ersten Elefanten gab es noch vieles andere zu sehen: Die Proportionen des Tieres, die Beschaffenheit der Haut (die viel schwächer ist, als die des Flußpferdes), die Größe der Ohren, die Muskulatur des Rüssels und die Form des Greifers (des Rüsselendes, in das die Nasenkanäle münden).