Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika

Part 14

Chapter 143,580 wordsPublic domain

Ich bin sehr nahe an dem Wild, der Wind ist aber gut, es wäre die schönste Gelegenheit zu einer Aufnahme, aber leider habe ich die Kamera nicht zur Hand. Darum suche ich mir den Anblick um so genauer einzuprägen und beobachte die Tiere einige Minuten lang: Der Bock erscheint dunkler als die Ricke, sein Hals ist stärker, die ganze Gestalt voller, die Haltung des Kopfes ist steiler, das dunkle Gehörn wirkt aus dieser Nähe als schöner Schmuck. -- Die beiden Tiere äsen friedlich. Endlich entschließe ich mich zum Schuß. Der Bock, auf den Stich getroffen, sinkt lautlos zusammen, Hals und Kopf bleiben aufgerichtet. Nach einigen schwachen Versuchen, sich zu erheben, bleibt er still sitzen, kein Mensch könnte diesem Tiere ansehen, daß es tödlich getroffen ist. Das erstaunlichste aber ist: Selbst die Ricke merkt es nicht, obwohl sie nahe bei dem Bock steht; hat auch den Schuß nicht beachtet. Sie sieht wohl einmal nach dem Gefährten hin, äst dann aber ruhig weiter. Ich gebe dem Bock noch einen Schuß aufs Blatt; er verendet.

Dasselbe rätselhafte Verhalten der Ricke! Sie äste noch einige Minuten, hatte dabei offenbar das Bestreben, vorwärts zu gehen und äugte mehrmals nach dem Toten, weil er nicht mitkam.

Dann stand sie eine Zeit lang mit erhobenem Kopfe und schien die beiden anderen Ricken zu suchen. Sah sie nicht; denn die standen seit dem ersten Schuß, wie ausgestopft, auf 250 Schritt und äugten herüber. Endlich entfernte sich die kleine Ricke in lässigem Galopp, ohne mich bemerkt zu haben.

Den Bock ließ ich bis zur Löwenfalle tragen und brach ihn dort auf.

Die Falle hatte ein Askari, dem das besonderes Vergnügen machte, nahe beim Lager aufgestellt und eine kleine Umzäunung gebaut; dahinein wurde der Aufbruch des erlegten Wildes geworfen, nachdem es in weitem Bogen herumgeschleift war, um den Raubtieren Witterung zu geben.

Die Sonne war kaum untergegangen, die regenfeuchte Erde verbreitete eine wohltuende Kühle, da kam ein tiefes dumpfes Brüllen aus einem der nächstliegenden Büsche.

Der Löwe mußte schon vorher in unserer Nähe gewesen sein und zog jetzt der Witterung nach. Ein zweiter ließ sich nicht weit davon hören. --

Nach einer halben Stunde erklang es aus der Ferne noch einmal. Ich kniete vor dem Dornenzaun meines Lagers, neben mir drei Askari mit ihren Gewehren. Einen Augenblick sahen wir den Löwen in der Nähe der Falle zwischen den Büschen, und glaubten er würde hineingehen.

Er tat es leider nicht, wie ich am andern Morgen sah; eine Hyäne war, vielleicht schon bevor die Löwen an dem Platz vorbeikamen, in das Eisen gegangen, hatte es etwa sechzig Schritt weit geschleppt, sich dann befreit, und nur einige Haare und etwas Schweiß zurückgelassen.

Riedböcke sind mir stets ein begehrenswertes Wild gewesen, und ich habe selten eine Gelegenheit vorüber gehen lassen, einen guten Bock zu schießen. Fleisch gebrauchte ich für meine Karawane immer; die Jagd hat einen ähnlichen Reiz, wie die Pirsch auf Rehböcke; weil man bei diesen Tieren meist die Möglichkeit hat, den Starken zu suchen; das kleine schwarze Gehörn aber wird ebenso wie Gamsgehörn und Rehkrone in Stunden der Erinnerung Gegenstand langer ästhetischer Betrachtungen. Die Ähnlichkeit des Wildes im Aussehen und Benehmen mit dem heimatlichen Rehwild ist ganz erstaunlich; wo ich jagte besonders konnte ich unter dem Eindruck der Rehbirsch stehen; denn die Riedböcke bevorzugten breite, freie Sandflächen mit wenig Gebüsch und kurzem Gras. Von weit her konnte ich die gelb-rot gefärbten Tiere wahrnehmen.

Nie habe ich mehr als sechs Riedböcke an einem Platze zusammen beobachtet, meist einen Bock und eine bis zwei Ricken allein, ähnlich, wie unsere Rehe zusammen leben. Die Riedböcke lieben die Nähe des Wassers, und man kann sicher sein, sie in Grasniederungen, die von Flüssen durchschnitten werden, zu finden. Der Riedbock ist sehr bequem; er legt keine weiten Strecken zurück und ist täglich an derselben Stelle wieder anzutreffen. Ich habe einen einzelnen Bock, den ich an der Stärke seines Gehörns kannte, mehrere Tage hintereinander an einer bestimmten Stelle angebirscht, dann nach Wochen und Monaten wieder dort gesehen.

In den Morgenstunden sieht man die Riedböcke in kurzem Grase äsen, doch tun sie sich bald im höheren Grase nieder und verzichten dabei auf Schatten. Ihre Harmlosigkeit ist sehr groß; selbst wenn sie sich aus Verdacht erhoben haben, setzen sie sich sehr bald wieder. Dies Hinsetzen gleicht mehr einem trägen Sichfallenlassen; das Bedürfnis nach Ruhe scheint ungemein stark zu sein; doch wird der Riedbock, plötzlich überrascht, schnell flüchtig. Auch dann ist er mir selten entgangen, wenn ich ihn schießen wollte. Ich hatte eine bemerkenswerte Art der Jagd herausgefunden: Während das Stück in Bewegung war, lief ich ihm nach, um es im Auge zu behalten, und an einem günstigen Platz in Anschlag zu gehen; denn der Bock bleibt sehr bald stehen, stellt sich breit und äugt zurück. Machte er aber nicht Halt, dann brachte ein Schuß über seinen Kopf hin, ihn fast regelmäßig zum Stehen. Der nächste Schuß darf dann freilich nicht lange auf sich warten lassen!

Selten habe ich es nötig gehabt, einem hochgebrachten Stück in dichteren Busch zu folgen. Das ist schwierig; die Aufgabe reizte mich aber, als eines Tages ein frischer Regen alle alten Fährten ausgelöscht hatte und die Folge auf einer gesunden Fährte dadurch möglich wurde.

Ein starker Bock war von einer breiten Grasfläche gut in den Wind in das Dickicht geflüchtet, wo ich nur Schritt für Schritt auf der Fährte folgen konnte. Nach 300 Metern etwa sprang der Bock hinter einem Busch ab; nach weiteren 500 Metern sehr aufmerksamen Pirschens sah ich seinen Kopf hinter einer kleinen Fächerpalme etwa fünfzehn Schritt vor mir. Mit einem schnellen Schuß streckte ich das Tier. Ich hatte die Stellung ziemlich richtig angesprochen; der Schuß saß hinter der Schulter.

Die Riedböcke haben zwischen den Hinterblättern vier beutelartige Vertiefungen von etwa drei Zentimeter Tiefe; Drüsen befinden sich nicht darin. Da ich mir über die Bedeutung dieser Gruben nicht klar wurde, fragte ich auch die Neger danach und bekam eine der häufigen Antworten, aus denen der Weiße schließen muß, daß die Beobachtungsgabe des Negers unzuverlässig ist. „Mit diesen Löchern“ hieß es, „erregen die Tiere beim Laufen die Pfiffe, die ein erschreckter Riedbock gelegentlich von sich gibt!“

Eines Tages pirschte ich mit dem Bezirksamtmann von Mohorro, Herrn Graß. Wir brauchten notwendig Fleisch, deshalb sollten auch schwache Böcke daran glauben. Das erste Stück bemerkte ich und schoß flink, als ich sah, daß es ein Gehörn hatte. Es fiel mit Kreuzschuß, dabei war nichts Besonderes. Aber jetzt kam es drollig: Die nächsten drei Stücke zogen in lichte Flötenakazien, und wieder bemerkte ich die Tiere vor den Schwarzen. Rechtwinklig zur bisherigen Marschrichtung pirschten wir nach, sahen durch die Gläser und suchten nach Gehörnen. So vergingen einige Minuten, da raunte uns ein Neger mit erregter Stimme zu: „Bwana! dort ist Wild, da! da!“ und zeigte in die Richtung auf unsere Riedböcke. Wir dachten mindestens an Löwen und stierten vergeblich suchend ins Gelände. „Ja, seht ihr’s denn nicht?“ sagte in überlegenem Tone der Schwarze. „Meinst du die Riedböcke?“ Wirklich, so war’s! Ich hätte ihn prügeln mögen, daß er unsere Erwartungen vergeblich anspannte!

Endlich steht der Starke schußrecht vor einem Busch.

Ich schieße; Kugelschlag!

Er springt ab; hinter dem Busch aber, vierzig Schritt weiter, schlägt’s mit den Läufen: da liegt ein Spießer! Ich hatte den ersten überschossen und den zweiten getroffen, ohne ihn gesehen zu haben! In beiden Fällen hatte ich zu hoch geschossen, weil ich die Entfernung überschätzte.

Ich brachte mehrere Tage in dem unbewohnten Busch im Süden der Landschaft Usaramo zu, um die Zustände dort kennen zu lernen, und Verstecke versprengter Aufständiger, von denen ich Nachricht erhalten hatte, zu suchen.

Es war Anfang Oktober, also gegen Ende der Trockenzeit. Der Wald sah winterlich kahl aus, der Boden war steinhart und das Gras, wo es noch nicht niedergebrannt war, völlig dürr. Trotzdem war Wild zu spüren: Zebra, Wasserbock, Elenantilope und einzelne Büffel. Auf ein Rudel Swallah pirschte ich ohne Erfolg, ich bekam keinen der Böcke zu Schuß. Ebenso ging es mir mit zwei fast schwarzen Rappböcken, an denen die ganze Karawane auf fünfzig Schritt vorbeigegangen war, ehe die stolz dastehenden Tiere im Gewirr der Äste gesehen wurden.

An einem kleinen, damals fast trockenen Fluß spürte ich auch Löwen und Elefanten, konnte mich aber ihretwegen nicht aufhalten.

Nach einigen Tagen traf ich die verlassenen Verstecke der Aufständigen. Obwohl deutliche Anzeichen da waren, daß die Leute erst vor kurzem in den kleinen Tümpeln im Bett des Baches Schlammfische gefangen hatten, war keiner der heimlichen Räuber mehr aufzutreiben; ich mußte das weitere Suchen einstellen, da die mitgeführten Nahrungsmittel zu Ende gingen.

Meine Leute verlangten nach Fleisch. Ich schlug abends nach langem Marsch das Lager nahe an einem der wenigen, im schattigen Flußbett versteckten Teiche auf, die von der Regenzeit zurückgeblieben waren, und ging am frühen Morgen pirschen. An die dichte Vegetation des Baches schloß sich lichter, dürrer Steppenwald. Dort suchte ich Wild und hielt mich dabei in der Nähe des Wasserlaufes; aber das einzige Wild, was mir in fünf langen Stunden zu Gesicht kam, waren Hartebeeste, die weit flüchteten.

[Sidenote: Elenantilopen.]

Als ich im weiten Bogen schon beinahe auf meinen Lagerplatz zurückgelangt war, kam ich an eine Stelle, die mit Fährten geradezu bedeckt war. Elenantilopen! Hufabdrücke, die durch ihre Größe zuerst auf Büffel schließen ließen; alle in einer Richtung und ganz frisch!

Eifrig folgte ich der Spur und traf nach zwanzig Minuten die Herde die in langsamer Bewegung vorwärts zog. Ich hieß meine Schwarzen sich niederlegen und pirschte allein vorsichtig weiter, so gut es ging am Rande eines Mimosengehölzes Deckung haltend. Aber es ging eben nicht; denn ich zählte etwa achtzig der großen Hornträger, die in den Büschen zerstreut vorwärts gingen, so daß einige der Tiere mich stets sehen mußten. Auffallend war der Unterschied in der Färbung der Tiere; ein helles Braun herrschte vor, doch einzelne besonders starke Tiere waren gelbgrau; das mußten die Bullen sein. Alle trugen hohe, gedrehte Hörner. Ein prächtiger Anblick! Der vielen Kälber und der Mittagshitze wegen schob sich die Herde nur langsam vorwärts, und ich hatte Gelegenheit, die riesenhaften, als ziemlich selten geltenden Antilopen zu beobachten, die ein Gewicht bis zu zwanzig Zentner erreichen. Da ich Fleisch für meine Leute beschaffen mußte und nach den bisherigen Erkundungen des Tages wenig Aussicht war, anderes Wildbret zu erhalten, entschloß ich mich, ein Stück zu schießen. Die Wahl wurde sehr schwer, da die Herde in ständiger Bewegung war und die Tiere sich durcheinander schoben. Der Entfernung halber kamen überhaupt nur die letzten Stücke in Betracht, und unter ihnen suchte ich nach einem möglichst stattlichen Exemplar der hellgrau gefärbten Tiere, die ich für die Bullen hielt. Da aber die Farbenabstufungen ineinander übergingen, richtete ich mein Augenmerk bald mehr auf die stärksten Tiere und wählte ein abseits gehendes, prächtiges Stück mit hohem Gehörn.

Ich kam gut ab und hörte den Aufschlag des Geschosses, aber die Antilope ging mit der Herde beschleunigt ab. Im vollen Lauf folgte ich und sah bald, wie eine einzelne Elenantilope, offenbar krank, langsam der Herde nachzog. Vom schnellen Laufe erregt, blieb ich einen Augenblick stehen, um meine Ruhe wieder zu gewinnen und schoß spitz von hinten auf den Hals; die Antilope brach zusammen.

Als ich neben dem gefallenen Wild stand, sah ich mit Schrecken, daß es eine Kuh mit vollem Euter war; alle Freude an dem Jagderfolg schwand. Mißmutig und ziemlich ermattet zog ich meinen Rock aus und legte mich in den spärlichen Schatten einer Akazie, um die Leute mit der Feldflasche und den Messern zu erwarten. Ich hatte, einem erprobten Grundsatz folgend, trotz der sengenden Sonnenglut den ganzen Morgen keinen Tropfen getrunken und war durch das schnelle Laufen stark erhitzt; die Zunge klebte am Gaumen und ich sehnte mich nach einem erfrischenden Trunk.

[Sidenote: Elenantilope.]

Aber der Boy kam ohne die Feldflasche! Ein Askari bot mir Wasser aus der seinen. Ich widerstand der Versuchung; ungekochtes Wasser? Nein, lieber weiter dürsten, als sich einer Dysenteriegefahr aussetzen. Ich saß in schlechter Laune und starrte auf meine Jagdbeute, da fiel mein Blick auf das volle Euter der eben erlegten Antilope. Ich dachte mir, es sei nichts Unappetitliches, einem noch lebenswarmen Tiere die Milch zu nehmen und es interessierte mich auch, den Geschmack kennen zu lernen; sollen doch ähnliche Antilopen bei den alten Ägyptern Haustiere gewesen und wie Milchkühe genutzt worden sein. Ich füllte einen Becher mit der warmen Milch und trank -- es schmeckte genau wie frische Kuhmilch.

Während meine Leute das Tier sorgfältig abdeckten und sich über den großen Fleischvorrat freuten, dachte ich daran, ob das Kälbchen wohl eine Pflegemutter finde? Es schien mir sehr unwahrscheinlich. Nur von wenigen Tieren weiß man, daß säugende Mütter sich fremder oder verwaister Kälber annehmen. Vom Elefanten wird es behauptet; bei Flußpferden beobachtete ich einen Fall, bei dem nach Abschuß einer Mutter das etwa zwei Monate alte Junge einige Tage später treibend im Strome gefunden wurde. Vielleicht war kein Weibchen mit ausreichender Nahrung vorhanden gewesen, hier bei der Herde waren aber mehrere Mütter, die die Ernährung hätten übernehmen können. Hoffentlich haben sie sich der armen Waise angenommen.

Es ist gut, wenn sich der Jäger über die Folgen seiner Handlung selbst zur Rechenschaft zieht. Auch in diesem Falle konnte ich mich nicht damit entschuldigen, daß es schwierig ist, die Bullen von den Kühen zu unterscheiden; denn der richtige Jäger ~muß~ diese Unterscheidung machen und sie als eine gesteigerte Anforderung betrachten. Die Tatsache, daß es viele nicht können, ändert nichts an dem Unheil, das durch Abschießen stillender Tiere angerichtet wird. Aber auch der beste Jäger hat wohl dem Wilde viel Leid zugefügt und mußte viel Lehrgeld zahlen, bis er es zum waidgerechten Jagen brachte und mit sich zufrieden sein konnte.

Ich erinnerte mich an ein Bild, das mir als Jungen von vierzehn Jahren und angehenden Jäger tiefen Eindruck gemacht hat:

Auf einsamer Höhe steht ein Hirschkalb bei seiner toten Mutter.

„Verwaist“, lautete die Unterschrift. -- --

„Mir sind die Jäger überhaupt unverständlich,“ sagte ein Freund, „sie schießen die Tiere tot und nachher tut es ihnen leid.“

Büffeljagden.

In Ostafrika gilt das Gehörn eines starken Kaffernbüffels als die schönste Trophäe, die ein Jäger erbeuten kann. Nicht mit Unrecht steht hier der Büffel über dem Löwen; denn ob man einen Löwen antrifft, ist meist Zufall, und die Reviere, in denen man mit der Absicht, Löwen zu schießen, pirschen kann, sind selten. Der Erfolg ist weniger von der eigenen Kunst als vom Glück abhängig. Wer aber heute Büffel jagen will, muß sie suchen, darf keine Mühe und Anstrengung scheuen und kann dann den Erfolg meist dem eigenen Geschick zuschreiben. Wer die entlegenen, schwer zugänglichen Plätze, an denen Büffel stehen, nicht aufsucht und sich von Mißerfolgen abschrecken läßt, wird die heimlichen Rinder der Wildnis nicht zu sehen bekommen.

Man unterscheidet mehrere Arten von afrikanischen Büffeln; unter ihnen ist der Kaffernbüffel der stärkste. Ihm nahe steht der abessynische; der westafrikanische Rotbüffel ist kleiner, die Hörner sind kurz, die hellere, gelbbraune Färbung läßt den Ausdruck der Wildheit nicht so stark hervortreten.

Den Kaffernbüffel zeichnet seine Seltenheit, seine aus vielen Berichten bekannte Angriffslust und Gefährlichkeit aus, und macht die Jagd auf ihn zu dem reizvollsten Unternehmen, das der Jäger in Ostafrika kennt. Von ihren Büffeljagden erzählen selbst alte Jäger mit großer Wärme und Begeisterung, und ich habe oft gemerkt, daß mein Ansehen als Jäger bedeutend stieg, wenn ich meine starken Büffelgehörne zeigen und wenn ich glaubhaft machen konnte, ich habe sie selbst erbeutet.

Nach dem, was ich mit den Büffeln erlebte, verstehe ich auch, daß jeder erfahrene Jäger den Erzählungen von Büffeljagden mit besonderer Neugierde lauscht.

Der Büffelstier trägt gewaltige, helmartig auf dem starken Knochenbau des Kopfes aufgesetzte Hörner, die bei alten Bullen eine Breite von 30 Zentimeter und eine Auslage von über 1,20 Meter erreichen und deren Masse sich auf dem Scheitel fast vereinigt. Während diese schützend auf dem Schädel aufgelegte und durch starke Knochenzapfen getragene Hornmasse das Tier befähigt, durch die Wucht seines Ansturms niederzudrücken, was sich ihm in den Weg stellt, und starke Stöße aufzufangen, bilden die nach vorne und oben gebogenen spitzen Hörner eine Waffe, die gefährliche Verletzungen austeilen kann. Die Hörner sind nach hinten geneigt und verlaufen, sich verjüngend, in regelmäßiger Biegung bis zu den Spitzen.

Der Anblick des herrlichen Gehörns ruft in dem Jäger den Wunsch wach, den kräftigen Tierkörper einmal zu sehen, der diesen Kopfschmuck als Schild und Waffe vor sich herträgt.

[Sidenote: Büffel; Seltenheit.]

Leider ist aber der Kaffernbüffel[15] in Ostafrika jetzt ziemlich selten. Während früher ganze Herden der Tiere in den Gebieten zwischen Tana und Rovuma zu finden waren, leben heute nur noch kleine Trupps, die die Rinderpest durch Zufall oder besondere Veranlagung überstanden haben.

Ihr Aufenthalt ist nicht mehr in den offenen Steppen, wie in früheren Zeiten, sondern in schwer zugänglichen, von Menschen gemiedenen Schilfniederungen und einsamen, kühlen Wäldern mit guten Weiden und Wasser.

Ich hatte Glück mit den Büffeln.

Allerdings habe ich den ersten Büffel, ebenso wie seinerzeit den ersten Hirsch, den ersten Elefanten und später auch das erste Nashorn, das ich sah, nicht zur Strecke gebracht.

Es war am Rufiyi; ein Abend nach langem Marsche. Ich suchte Wild, um die hungrigen Mägen meiner Askari und Träger zu füllen; traf im hohen Schilfgras alte und neue Büffelfährten, folgte hierhin und dorthin, bis die Sonne dem Horizont nahe war, und blieb endlich auf einer kleinen Anhöhe stehen. -- -- Da sah ich, wie sich aus einem dunklen Etwas, das ich für einen Erdhügel angesehen hatte, ein gekrümmtes Horn erhob. -- -- Ein Büffel auf etwa dreißig Schritt!

Die Sonne steht genau über dem Tierkörper und blendet mich, während die Umrisse der regungslos verharrenden Masse in dem Feuer des Lichts verschwimmen, so daß ich auf dem dunklen Tierkörper nichts unterscheiden, und nur aus der Stellung des plötzlich aufgetauchten Horns schließen kann, wo ich die Stirn etwa zu suchen habe. Schnell greife ich nach der Büchse, die ein Schwarzer trägt, und schieße kurz entschlossen auf den Kopf etwas unter die Hörner.

Der Büffel wirft sich herum und verschwindet, in hohem Schilfgrase davontobend.

Ich folgte der Fährte des kranken Stiers, solange es das Tageslicht erlaubte. Er war im Galopp durch das Schilf gestürmt; an mehreren Stellen fand sich Schweiß. Als ich der Fährte eine halbe Stunde lang nachgegangen war, wurde es dunkel und ich mußte die Jagd abbrechen in der seltsamen Stimmung, die jeder Jäger in der Lage kennt: Grübeln, Hoffnung, Ausfragen aller Leute, die so aussehen, als könnten sie einem Mut zureden, Vorwürfe gegen sich selbst und das ewige „wenn“ und „aber“ auf alle durchlebten Momente der Jagd angewandt; endlich wieder hoffnungsfrohes Ausmalen des Erfolges: wenn wirklich der erste Büffel zur Strecke gebracht wäre! Und der Gedanke an den und jenen Freund, dem man seine Freude mitteilen wird!

Aber ich mußte mir sagen, daß die Hoffnung, den Büffel zu finden, gering war; denn ein Kopfschuß hat nur Sinn, wenn er das Gehirn trifft und das Tier gleich umwirft.

Bei ruhiger Überlegung wußte ich, daß dieser Büffel für mich verloren war, und in bösen Augenblicken peinigte mich der naheliegende Gedanke, daß mein Schuß dem edlen Tiere Verletzungen am Geäse beigebracht haben konnte, die ihn an der Aufnahme von Nahrung hinderten und zum Hungertode verurteilten, eine Möglichkeit, die schon manchen sicheren Schützen und gewissenhaften Jäger von den Kopfschüssen abgebracht hat.

Auf den Kopf habe ich geschossen, weil mir aus Wißmanns und anderer Jäger Schilderungen in Erinnerung war, daß ein Büffel stets annimmt und weil die Entfernung zwischen mir und dem Büffel zu gering war, als daß er, durch einen Blattschuß verwundet, mich nicht mehr hätte erreichen können. -- Ein Kopfschuß, der das Gehirn trifft, tötet jedes Tier auf der Stelle.

Es ist mir nicht klar, wie ich den Büffel getroffen habe. Mit einem Blattschuß oder Weidewundschuß hätte ich ihn jedenfalls zur Strecke gebracht.

Ich mußte am nächsten Morgen weitermarschieren. Erprobte Eingeborene suchten den kranken Büffel noch tagelang und stellten fest, daß er lebte und die alte Wasserstelle, einen unzugänglichen Sumpf, annahm. Die Leute kannten ihn als den „roten“ Büffel; er sollte ausnahmsweise rötliche Behaarung tragen, was ich bei der Beleuchtung nicht sehen konnte.

* * * * *

[Sidenote: Ein Mißerfolg.]

Daß ich den ersten Büffel nicht hinter die Schulter schoß, konnte ich mir lange nicht verzeihen und mein Wunsch, so edles Wild wieder zu treffen und dann die Scharte auszuwetzen, wurde immer brennender.

Wenige Monate später schien er in Erfüllung zu gehen. Als ich wieder einmal in eine Gegend kam, in der ich die ziemlich frische Fährte eines starken Büffels sah, nahm ich meine zwei besten und ausdauerndsten Leute mit und suchte vom frühen Morgen an nach dem heimlichen Wild. Nach rastlosem Marsche durch offenen Busch mit eingestreuten Grasflächen kam ich gegen drei Uhr nachmittags an eine Schilfniederung, warf mich ermüdet im Schatten eines großen Mangobaumes nieder und schickte Sefu, meinen Gewehrträger, in den Baum, um nach Wild auszusehen. Ali, mein zweiter Begleiter, umkreiste die anderen Mangobäume und entdeckte an den von Menschen und Tieren bereits abgeernteten Bäumen noch einige versteckte Früchte.

Wenn es doch überall Mangobäume und Kokospalmen gäbe! dachte ich (-- -- dann, muß es allerdings heißen, würden die Neger gar nicht arbeiten!). Der Saft einer Kokosnuß oder das Fleisch einer reifen _embe dodo_, einer großen Mangofrucht, gehören nach anstrengendem Marsch zu den großen Genüssen, die Afrika bietet. Im Schatten eines fruchtbeladenen Mangobaumes ruhend, kann man getrost singen: „Bei einem Wirte wundermild, da bin ich heut zu Gaste.“

Die einzigen Störenfriede waren heute Ameisen, die in reichlicher Anzahl den Boden bedeckten und mich aus dem kühlen Schatten vertreiben zu wollen schienen.

Ich dachte gerade, ob ich wohl einen Büffel zur Strecke bringen würde und dann den ersten Mißerfolg auf das heiß begehrte Wild vergessen, als Sefus Stimme hoch oben aus dem Baume erklang: „Ich sehe Wild. -- Vielleicht Wasserbock!“ Wie mich die Meldung des Schwarzen aufspringen ließ! Merkwürdig: ich glaubte nicht an Wasserbock, und war fest überzeugt, es müsse das ersehnte Wild sein.