Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika
Part 13
Der helle, melodische Schrei des weißköpfigen Adlers ertönt aus der Luft. Blütenweiße Edelreiher, Schlangenhalsvögel und graue Fischreiher sitzen auf kahlen Ästen der Uferbäume, die ebenso wie das hohe Rohr mit den zierlich geflochtenen Nestern der gelben Webervögel übersät sind.
Da streicht ein Riesenreiher mit kupferrotem, im Bogen zurückgelegten Hals über den See hin und fällt in meiner Nähe ein. Der „Korongo“[14] steht vielleicht eine Stunde lang bewegungslos, bis er plötzlich mit seinem Kopf nach unten fährt und mit einem zweipfündigen Fisch im Schnabel langsam in ganz flaches Wasser schreitet, wo er den noch Zappelnden bedächtig niederlegt.
Mit schwirrendem Flug kommt einer der bunten Königsfischer angeflogen und setzt sich auf einen Zweig, dicht vor meiner Nase, so daß ich das farbenprächtige Kleid bewundern kann. Der kleine Räuber ähnelt mit dem großen, starken Schnabel dem Bolzen einer Armbrust.
Besonders stark sind die Flußpferde gegen Abend zu vernehmen; wenn eins seine Stimme erhebt, ertönt fast ununterbrochen Antwort aus entfernteren Herden.
Es wird noch lange dauern, bis das letzte Kiboko aus den Flüssen Ostafrikas verschwindet; aber die an paradiesische Zeiten erinnernden großen Herden Tag für Tag um sich zu sehen, das mag nicht mehr vielen Jägern beschieden sein.
Ob man die Krokodile auch einmal schonen wird und, wie es jetzt in Nordamerika geschehen soll, durch strenge Strafgesetze vor Ausrottung schützen, das glaube ich nicht. Wenigstens scheint es mir zweifelhaft, weil ich noch gelernt habe, diese Tiere als gefährliche Feinde des Menschen zu fürchten.
[12] „_Dawa_“, irgend ein Amulett, ein Stück Horn oder Metall, ein Knopf oder Stein, etwas Sand oder Mehl in Blätter, Papier, Tuch eingewickelt, gebunden oder genäht und an einer Schnur am Körper befestigt.
Um sich solche „_dawa_“ zu beschaffen, laufen die Leute oft sehr weit zu einem Zauberer, von dem sie gehört haben und zahlen diesem einige Kupfermünzen dafür.
Im Aufstand fanden wir bei allen Gefangenen kleine Fläschchen mit Wasser. Meist waren es blaue Gläser, wie sie die Inder zu Schnupftabak verkaufen; das Wasser weihte der Zauberer Hongo, der an den Panganischnellen des Rufiyi wohnte (an einer Stelle, die gleich weit von allen umliegenden Bezirksämtern und Militärstationen entfernt war). Nach seiner Gefangennahme entstand sofort ein neuer Jumbe Hongo, dessen Zauberapotheke uns bei dem Überfall von Nyamwera in die Hände fiel. Der Kriegsruf der Aufständigen war: „_Maji, maji_ = Wasser, Wasser“ und hatte sicher mit den Fläschchen etwas zu tun, die die Krieger bei sich trugen.
[13] Ngoma heißt eigentlich „Trommel“ übertragen auch Tanzfest, weil dabei die Trommel geschlagen wird.
[14] _korongo_ = eigentlich Storch.
Jagden im Busch.
Im Süden der Warufiyi wohnen die Wapogoro; in kleinen Dörfern und einzelnen Hütten im Busch. Da sie nicht weiter behelligt wurden, kamen sie nicht zur Unterwerfung, bildeten aber eine stete Gefahr für mich; denn mit ihrer Hilfe konnten die Aufständigen leicht Einfälle in die von mir geschützten Gegenden machen.
Ich wollte auch die Wapogoro zur Unterwerfung treiben und so einen Stamm nach dem andern dem friedlichen Gebiete anschließen; deshalb zog ich mit dem Unteroffizier und zwanzig Askari in das ziemlich schwach bewohnte Land, in dem auch die Wasserstellen nach Süden immer seltener wurden. Die Eingeborenen zeigten sich feindlich gesinnt, flohen jedoch meist ohne Gegenwehr; ihre Dörfer wurden niedergebrannt und das Getreide weggenommen.
Eines Tages lagerte ich am Ende eines langgestreckten Sees und schickte einen Gefangenen zu den Aufständigen, mit der Aufforderung sich zu unterwerfen.
Die Ufer des Sees säumte hoher Wald, der in lichten Buschwald überging; an einer Seite war das Ufer unbewaldet, und eine Talmulde mit weiten Grasflächen schloß sich an. Stark ausgetretene Wildwechsel mündeten am Wasser.
Vom Lager aus konnten wir im See die Flußpferde beobachten und die Uferpartien überblicken, an denen das Wild zur Tränke kam.
Da es bei meinem Hauptlager in Mtanza gar kein Wild gab, wollte ich hier für meine Leute einen Vorrat schießen und hatte Träger genug mitgenommen, um das Fleisch fortzuschaffen.
Als ich kurz nach Mittag das Lager in Begleitung des Unteroffiziers, einiger Askari und Träger verließ, waren alle Vorbereitungen für die Nacht getroffen; ein Dornverhau umgab in weitem Bogen die Zelte und war nach dem Wasser zu offen. Die Schwarzen hatten sich kleine Hütten gebaut und hockten im Schatten. Einige badeten in dem flachen Wasser am Ufer des Sees; andere brachten Brennholz. Ein Flußpferd, das sich von der Herde getrennt hatte, war nahe herangekommen und beobachtete neugierig und ängstlich die Vorgänge im Lager. Von Zeit zu Zeit tauchte es unter, und erschien bald danach laut prustend wieder mit dem Kopf über der Wasserfläche. Die Neger freuten sich darüber ebenso wie ich; man konnte sich dem Eindruck nicht entziehen, daß das einzelne Tier für die Sicherheit der ruhig im Hintergrund schlummernden Herde solch Interesse an uns nahm.
[Sidenote: Birsch auf Riedböcke.]
An dem Rande eines Akazienwaldes pürschte ich entlang und brachte in etwa zwei Fuß hohem, trockenem Grase bald einen Riedbock hoch, der nach mehreren Fluchten verhoffte. Mit einem Hochblattschuß streckte ich ihn im Feuer. Das blanke, starke Gehörn erfreute mich ebenso wie der einwandfreie Schuß; es entsteht stets ein Gefühl von Sicherheit und Befriedigung, wenn der Anfang der Jagd von Erfolg begleitet ist.
Ich ging nun quer über die Lichtungen; da wurden mehr Riedböcke flüchtig, die alle trotz der heißen Nachmittagssonne und der Nähe des schattigen Waldes im hellen Sonnenlicht ruhten.
Hier wurde ich auf einen Umstand aufmerksam, der mir schon öfter aufgefallen war. In der Ferne sah ich einen Gegenstand von rotbrauner Farbe, einem Stück Hochwild täuschend ähnlich, erkannte aber durch das Doppelglas, daß es ein Termitenhügel von matt dunkelbrauner Farbe war. Vor dem Hügel schwankten einige gelbe Gräser, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen waren. Sie gaben ihm die rötliche Färbung. Mehrmals sah ich abwechselnd mit bloßem Auge und mit dem Glase hin; der Unterschied war auffallend. Dem unbewaffneten, also auch dem schwächeren Auge vermengen sich wie die Gegenstände, auch ihre Farben und bilden eine neue Gesamtfarbe. Augen verschiedener Sehschärfe werden also oft im Freien die Farben verschieden sehen. Das macht sich am häufigsten bemerkbar, wo Sträucher und Gräser die Gegenstände mannigfach bedecken. Ein Jäger mit scharfen Augen kann also an vielem vorübergehen, was ein anderer nur zu leicht für Wild hält, weil er Umrisse und Farbe anders wahrnimmt, als sie dem Kurzsichtigen erscheinen.
Die Landschaft nahm jetzt einen mehr parkartigen Charakter an; Gruppen von Bäumen und Busch wechselten ab mit offenen Grasflächen, über die einzelne Schirmakazien ihre weitausgelegten Äste breiteten.
Auf einer Lichtung stand ein Gnubulle, sah uns einen Augenblick verdutzt an und flüchtete in langsamem Galopp.
[Sidenote: Schwarzfersenantilopen.]
Ein Rudel -- etwa vierzig -- Schwarzfersenantilopen tanzte plötzlich zwischen den Bäumen. Das sah wunderbar aus. Zum ersten Male sah ich die „Swallah“, wie sie von Jägern und Eingeborenen genannt werden. Wie Gummibälle federten die Tiere wohl um das Dreifache ihrer eigenen Größe hoch in die Luft. Ich war entzückt über den Anblick und freute mich über das Bild, das um so schöner wirkte, weil sich die Tiere zwischen den Gruppen der Büsche und Bäume, in die das helle Sonnenlicht hineinfiel, wie zwischen Theaterkulissen bewegten. Die auffallend rote Farbe der Antilopen stand in frischem Gegensatz zu dem hellen Grün der Gräser und Büsche. Die Tiere sprangen nicht einmal alle in derselben Fluchtrichtung, sondern hier und dort schnellte ein Körper hoch über die anderen empor, und es sah aus, als sprängen sie übereinander weg.
Es gelang mir der Herde den Weg abzuschneiden und einem starken Bock, der als letzter folgte, die Kugel zu geben. Er zeichnete auf den Schuß und flüchtete mit dem Rudel; doch folgte ich den frischen Fährten und ließ Leute zu beiden Seiten gehen. Nach beinahe einstündigem, angestrengtem Suchen wurde der Bock nicht weit vom Anschuß verendet gefunden. Mit etwas tiefem Lungenschuß hatte er sich nach zweihundert Schritten von dem Rudel getrennt und sich nach weiteren zweihundert Schritten niedergetan. Da nur wenig Schweiß in der Fährte lag, war es nicht möglich gewesen, dem angeschossenen Tiere in dem von vielen Hufen aufgewühlten Boden zu folgen.
Ich bewunderte die Farbe und den Glanz der Decke. Der Rücken ist dunkelrot, an den Seiten wird die Färbung matter bräunlich und geht unten und an der Innenseite der Läufe in reines Weiß über. Kräftige Sprunggelenke und Sehnen an den Läufen befähigen das Tier, solche Sprünge auszuführen, wie ich sie vorher sah. Die Decke liegt locker und beweglich auf der fein ausgeprägten Muskulatur. An den Hinterläufen befinden sich stark entwickelte, schwarze Haarbüschel; das Gehörn ist glänzend schwarz poliert.
Da es mittlerweile spät geworden war, schlug ich die Richtung zum Lager ein und traf auf einer Lichtung ein starkes Rudel Wasserböcke, die mich nicht bemerkt hatten. Mehrere saßen im Grase, während zwei Böcke sich gegenseitig verfolgten und dabei den Kopf wie zum Angriff senkten. Junge Swallahböcke ästen zwischen den ersten Büschen am Rande der Lichtung. Als mich die Tiere bemerkten, standen die Wasserböcke und äugten nach mir, so daß ich die schön gezeichneten Köpfe aus der Nähe sehen konnte.
Noch ein Rudel Schwarzfersenantilopen wurde flüchtig. Ich schoß zwei Böcke krank, aber es dunkelte; ich mußte die Nachsuche für heute aufgeben, band mein Taschentuch an einen Baum, verbrach den Anschuß und bezeichnete die Stellen, an denen ich das Wild aus dem Auge verloren hatte.
Als ich aus dem Walde kam, näherte sich von der andern Seite ein einzelner Neger den Lagerfeuern und wurde von den Posten angerufen. Es war ein häßlicher Mpogoro, er reichte mir einen Giftpfeil als Zeichen der Unterwerfung und kündigte das Erscheinen seiner Brüder für den nächsten Mittag an.
„Weshalb kommt ihr nicht heute?“
„Sollen wir Frauen und Kinder allein lassen? Wir müssen erst Hütten im Pori bauen“ war die Antwort.
Am Abend fiel leichter Regen; schnell machten sich alle Neger im Lager dabei, ihre Hütten, die sie am Mittag gegen die Sonnenstrahlen erbaut hatten, dicht mit Gras zu bepacken, so daß sie auch Schutz gegen den Regen boten.
Der Unteroffizier hatte einen Wasserbock geschossen, ich einen Riedbock und eine Swallah. Als wir die Strecke besichtigten, glaubten wir auf Tage hinaus verproviantiert zu sein; aber schnell verschwand das Fleisch, obwohl kein Mangel an Nahrungsmitteln war; (denn jeder hatte bei der Plünderung der Dörfer reichlich Getreide für sich auf die Seite geschafft). Der sonst oft anspruchslose Neger kann, wenn Überfluß vorhanden ist, unglaubliche Mengen vertilgen!
Den Dank für die Gewährung so reichlicher Nahrung gaben uns die Leute nach dem Mahle durch lautes, behagliches Aufstoßen zu erkennen. Das klang so viehisch, daß ich mir unwillkürlich ausmalte, welchen Eindruck es wohl machen würde, wenn Menschen das hörten, die keinen Begriff von dem Gebahren der Neger haben. Gewiß würden viele es als eine Unverschämtheit auffassen, wenn der Neger, während er mit ihnen spricht, plötzlich laut aufstößt! Wie mancher wird da mit einer handgreiflichen Antwort bereit sein! -- Und der Neger würde vielleicht denken, der Europäer hält und versteht nichts von gutem Ton.
[Sidenote: Die Post.]
Der Abend brachte uns angenehme Erinnerungen an die Heimat. Ein Bote aus Mohorro war angekommen und hatte, sorgfältig in schwarzes Wachstuch verpackt, ein Paket gebracht, von dem Bezirksamtmann, Herrn Graß. Ein ausführlicher Brief von ihm lag dabei, der mich über die Verhältnisse in Mohorro unterrichtete. Als Antwort auf eine Bestellung von Lebensmitteln hieß es: „Auch hier ist alles knapp. Der Dampfer ist noch nicht dagewesen und wir erwarten täglich Lasten von Daressalam.“ Aber Kaffee und mehrere Flaschen Rotwein schickte er mit, und vor allen Dingen die Post. Ein Brief von den Eltern! Doch heute gab es noch mehr. Alte Bekannte benutzten die Gelegenheit, mir zu meinen „Siegen“ Glück zu wünschen; Zeitungsausschnitte und Abbildungen zeigten, daß man meinem Aufenthalt hier ein ganz ungewöhnliches Interesse entgegenbrachte. Stammtischkarten (eine Korona mit Biergläsern und § 11!) muteten mich in dieser Umgebung ganz eigentümlich an; ebenso auch die Kartengrüße sammelnder Mädchen und Knaben, die glaubten, ich könnte ihnen „per Feldpost“ Karten mit Ansichten meines „Kriegslagers“ senden. Wie sonderbar war doch, was von dem Leben der Heimat zu uns in die Wildnis drang! Eine Zeitung mit Neuigkeiten, die längst wertlos sind, Zeitschriften, die in Wort und Bild spiegeln, wie die Ereignisse in Afrika auf die Anschauung in der Heimat wirken und was dort bedeutend erscheint; ein Katalog mit Bildern warmer Kleidungsstücke, deren Anblick allein schon in der schwülen Abendluft eine Beklemmung auf der Brust hervorruft; die „Jugend“, und eine vergessene Rechnung.
Der Koch brachte den langentbehrten Kaffee; der hielt uns wach, und ich erzählte von den beiden Swallahböcken, die ich nicht gefunden hatte, von Nachsuche, von deutscher Jägerei und früheren Jagden, die ich in der Heimat erlebte.
Mein Begleiter, der daheim nie etwas von den Dingen gehört hatte, gewann immer mehr Interesse und freute sich darauf, an der Nachsuche am nächsten Morgen teilzunehmen. Die Ankunft der Pogoro war erst für Mittag in Aussicht gestellt. Wir konnten also den ganzen Vormittag jagen und nötigenfalls am Nachmittage weitermarschieren.
[Sidenote: Erfolgreiche Nachsuche.]
In der Nacht regnete es stark, so daß ich mir von der Schweißsuche am Morgen nicht viel versprechen konnte. Ich nahm deshalb den größten Teil meiner Träger mit und begann den Busch an der Stelle, an der ich die Böcke geschossen hatte, abzusuchen. In langer Reihe, mit Abständen von zwanzig Schritt, ließ ich die Neger durch den Busch gehen und fand bald den einen, aber erst nach Verlauf einer vollen Stunde den zweiten Bock, gerade, als ich daran dachte, mit einem lauten „Halt“ die Suche einzustellen. Das freute mich um so mehr, als die Neger die Arbeit für ziemlich zwecklos zu halten schienen und ich ihnen beweisen konnte, daß ich getroffen hatte und nicht auf einen Fehlschuß hin die langwierige Nachsuche unternahm.
„Schieß doch ein anderes Stück,“ hatte der Ombascha schüchtern gesagt „hier sind ja so viele.“
Merkwürdigerweise waren beide Böcke während der Nacht von Raubtieren nicht berührt worden, und auch die Aasvögel, die sonst oft dem Jäger den Weg zu einem erlegten Stück Wild zeigen, fehlten ganz.
Da wir die Reittiere mitgenommen hatten, entschlossen wir uns zu einer weiteren Pürsche durch den Busch und die Uferpartien des Sees. Aber die Feldflaschen waren vergessen; wir mußten zum Lager schicken und warten.
[Sidenote: Zebras und Hartebeeste.]
Während die Neger im Schatten ruhten, kletterte ich auf einen Baum und sah in dem hohen Gras zahlreiche Zebras, Hartebeeste, Riedböcke und Wasserböcke. Durch das Gras gedeckt kam ich an ein Rudel Zebras nahe hinan. Die feine Zeichnung dieser schönen Steppenpferde fiel mir heute besonders auf; die Linien und Streifen über die Decke hin, über Kopf, Hals und Mähne gaben ihnen ein samtartiges, geschmücktes Aussehen. Die Zebras waren voll und rund, ganz im Gegensatz zu unseren Reittieren mit ihren eckigen Formen. Lange genoß ich den schönen Anblick. Auf meinem Maultier ließen sie mich sehr nahe kommen und flüchteten dann im Galopp. War das ein Anblick für den Naturfreund und Jäger! Wie die Mähnen federten, die Schwänze flatterten! Dicht drängte sich das Rudel in der Flucht zusammen, und Staub schwebte hinter ihm.
Unteroffizier Lauer schoß sein erstes Hartebeest. Der Boy kam mit den Feldflaschen voll kaltem Tee. Ein Imbiß wurde genommen: kalter gekochter Reis und eine Dose Sardinen.
Die Natur der uns umgebenden Wälder ist in den Karten treffend mit den Ausdrücken: „lichter Buschwald“, „Parklandschaft“ bezeichnet. Man geht zwischen niederen Büschen im Schatten größerer Bäume.
Eindrucksvoll ist der sogenannte Galeriewald, der die Ufer des Sees und die jetzt trockenen Flußbetten säumt. Nach dem Wasser hin bildet er, wie Regenwald, Wände grüner Pflanzenmassen, auch in der Trockenzeit. Im Unterholz finden sich, die Laubbäume umschlingend und verbindend, Lianen mancherlei Art, dazwischen große und kleine Dumpalmen; stellenweise stehen ganze Haine der etwa fünfzehn Meter hohen Palmen beisammen und alte, von Tieren abgenagte Kerne liegen haufenweise auf dem Boden. Dieselben Kerne fand ich häufig auch an Stellen, wo keine Palmen standen, als Reste von Elefantenlosung; denn die Elefanten lieben die Früchte, und auch die Menschen nagen gern die dünne Fleischschicht ab, die den großen Kern umgibt und im Geschmack an Äpfel erinnert.
In einer Talsenkung war eine kleine Waldwiese mit einem Teiche.
Ich hatte gehofft, hier irgend etwas Besonderes zu finden; doch nur zwei junge Swallahböcke mit handlangem Gehörn spiegelten ihre schlanken Leiber in dem glatten Wasser. Sonst war der Wald wie ausgestorben; wo keine Vögel, keine Affen sind, da kann man auch kein Raubzeug erwarten.
Um so lebendiger war es am See. Dutzende von Krokodilen lagen am Ufer, Flußpferde fauchten und trieben sich im Wasser; die Vogelwelt fehlte aber auch hier gänzlich.
Im Lager erwarteten mich Boten mit Greuelnachrichten aus fernen Gegenden, und schleuniger Rückmarsch zum Strom schien geboten. Die angekündigten Wapogoro waren noch nicht zu sehen. Sollte ich ihretwegen bleiben? -- Sie konnten ja auch nachkommen!
Das Essen war fertig, die Lasten geschnürt, ich wartete bis gegen drei Uhr, dann brach ich auf. Nach kurzem Marsche öffnete der Himmel plötzlich seine Schleusen und ein Regen, wie ich ihn noch nicht gesehen hatte, strömte auf uns und auf den von der Trockenheit zerklüfteten Boden herab; in unglaublich kurzer Zeit stand das Wasser fußhoch. Ich hatte keine Blechkoffer und mußte um meine Sachen und Sammlungen in den Kisten besorgt sein. Aber was half es! Die Sorge war zwecklos und wich bald einer stillen Ergebung in das Schicksal. Wir selbst wurden durchnäßt bis auf die Haut; weiter ging es nicht, damit tröstete ich mich und den Unteroffizier.
Ein neues Mißgeschick kam hinzu: Mein Reittier wollte nicht mehr vorwärts. Es war offenbar krank, und schien überhaupt nicht mehr leben zu wollen. Unter Bewachung einiger Askari wurde es im Busch zurückgelassen. Wir haben später nur sein Grab wiedergesehen.
Als die Abendsonne noch einmal durch die Wolken brach, wie um nachzusehen, welchen Eindruck die Dusche auf uns gemacht hatte, wurden ihre spärlichen Strahlen noch genutzt, um unsere Sachen schnell zu trocken. Wir befanden uns in einer Ortschaft unterworfener Leute im Busch. Große Feuer wurden angezündet und das Mißvergnügen über die Unbequemlichkeiten der Regenzeit beim Abendbrot vergessen.
[Sidenote: Riedböcke.]
Ein anderes Mal war ich mit meiner Truppe auf dem Marsche von den Kitschibergen in die Ebene, als mir ein Sprung besonders starker Riedböcke zu Gesicht kam. Das Schießen von Wild auf dem Marsche hält oft unliebsam auf, da man nie weiß, ob nicht eine lange Nachsuche nötig sein wird; deshalb ist es ratsam, in den ersten Marschstunden nichts zu schießen und erst in der Nähe des Marschziels nach einem Braten auszusehen, um auch den Trägern den Weg mit dem Fleisch möglichst zu kürzen.
Heute aber ließ ich die Karawane halten, lief den Riedböcken nach und versuchte, da ich nicht viel Zeit opfern wollte, einen Schuß auf etwa 250 Meter mit Visier 300, unten angefaßt.
Deutlicher Kugelschlag. -- Das Rudel, flüchtig, wird von dem kranken Bock zurückgehalten -- wie man häufig beobachtet, daß ein krankes, zurückbleibendes Stück die übrigen Tiere veranlaßt, zu warten.
Ich laufe schnell nach und sehe den Bock mit einem Schuß kurz Blatt nicht weit von mir flüchtig werden. Um die Jagd abzukürzen, schieße und schieße ich, habe aber nur Vollmantelgeschosse geladen, die im Gegensatz zu angefeilten und Bleispitzengeschossen nur geringe Zerstörung im Wildkörper anrichten und deshalb ruhige, gute Schüsse voraussetzen, wenn sie Erfolg haben sollen.
Die Wirkung ist entsprechend gering, wenngleich von den fünf auf das flüchtige Wild abgegebenen Schüssen zwei gut und einer als Streifschuß sitzen.
Jetzt tut der Bock sich nieder und bekommt einen Fangschuß durch den Hals. So mittelmäßig diese Hetzjagd war, der Anblick des Gehörns ließ kein Mißvergnügen aufkommen. Das Tier gehörte der größeren in diesem Gebiet vorkommenden Art an. Sein Gehörn war breit ausgelegt und sehr hoch, die Querwulste von feiner Plastik; die Decke war wolliger als die des gelben Riedbocks.
Ich habe nur ein Stück dieser Art am Rufiyi geschossen. Am Pungwe in Südafrika erlegte ich später einen ähnlichen Bock. (Abbildung Seite 175.) Den kleineren Bergriedbock, oder grauen Riedbock, der in Südafrika und auf den Hügeln der Massaisteppe so häufig ist, habe ich am Rufiyi nicht angetroffen.
Es war noch in der Trockenzeit. Ich befand mich auf dem Rückwege von einem Negerdorfe, in dem ich die wenigen Wapogoro angesiedelt hatte, die sich unter meinen Schutz begeben hatten. Mein Zelt stand an einer sandigen Böschung, die in der Regenzeit das Wasser eines breiten Stromes begrenzt.
Zwei Stunden vor Sonnenuntergang brach ich auf, um auf Riedböcke zu pirschen. Die Abendsonne schien freundlich in das Landschaftsbild; klar zeichneten sich die fernsten Zweige ab; denn ein kurzer Nachmittagsregen hatte die Luft gereinigt. Dicht bei einem kleinen, von allen Seiten zugänglichen Tümpel zogen zwei Riedböcke; äsend und öfters sichernd näherten sie sich einer Bodenfalte, in der sie für kurze Zeit verschwanden.
Ich lief schnell bis auf fünfzig Schritt hinan. Die Ricke warf auf und äugte nach mir; ich stand ganz frei vor ihr.
Von dem Gelb der Decke hoben sich die dunkeln Lichter, der Grind und die Luserspitzen stark ab. Wohl zwei Minuten äugte das niedliche Gesichtchen nach mir herüber, dann tat die Ricke einen quietschenden Pfiff und sprang ab. Der Bock -- ein Schneider -- hinterher.
Für den Pfiff habe ich einen naheliegenden Vergleich: es ist der Ton, den Gummihunde und -puppen von sich geben, die innen hohl sind, ein metallenes Pfeifchen haben und durch schnelles Zusammendrücken musikalisch betätigt werden.
Die Riedböcke hatte ich also laufen lassen! Weiter. Als nächstes Wild sah ich Hartebeeste; mochte ich heute nicht. Dann, als die Sonne schon zur Rüste ging, einen Riedbock und drei Ricken in welligem, recht freiem Grasland. Zwei der Ricken gingen voraus, der Bock und ein Schmaltier blieben auf einem Sandrücken stehen. Ich näherte mich vorsichtig bis auf vierzig Schritt und stellte mich so, daß ich gerade über die Gräser einer flachen Kuppe hinwegsehen konnte.