Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika
Part 12
Wir wählten zwei geeignete Plätze auf der hohen, sandigen Uferböschung und legten uns in Anschlag.
Die Herde mußte, wenn sie stromauf entweichen wollte, an mir, stromab an dem Unteroffizier vorbei und über flachere Stellen hinweg, was die Flußpferde vermeiden, wenn Gefahr ist.
Weinrot und glänzend erschienen die Körper der plumpen Dickhäuter, wenn sie auftauchten.
Wir hatten beide große Übung im Schießen und schossen nur nach dem Gehirn. So brachten die ersten vier Schüsse vier Nilpferde zur Strecke, die auf der Stelle tot waren. Dann bekam die Sache als Schießsport einen gewissen Reiz; denn die Tiere steckten, vorsichtig gemacht, die Köpfe nur auf Sekunden aus dem schützenden Naß, um fauchend Luft zu schnappen und sich umzusehen. Da mußte das Ziel schnell erfaßt und sofort geschossen werden, was um so schwerer war, als wir nur starke Tiere schießen wollten und jedesmal die Frage erst beantworten mußten: ist es ein großer Kopf? Und dann war er bereits wieder auf Minuten verschwunden. Trotzdem hatten wir in kurzer Zeit acht starke Nilpferde getötet. Ein angeschossenes Stück, das aus der Nase schweißte, machte es uns recht schwer, weil es zwischen den gesunden auftauchte; als wir auch dies zur Strecke hatten, hörten wir auf. Kein anderes Tier war angeschossen! Wenn es auch kein Jagderfolg war, der Freude machen konnte, war es jedenfalls ein Schießresultat, mit dem wir uns hätten sehen lassen können.
Jetzt schickten wir Boten in die umliegenden Dörfer, und es kamen an dreihundert Eingeborene mit Beilen, Messern und Stricken. Einbäume wurden herbeigeschafft, und die erlegten Tiere mit vereinten Kräften auf die Sandbänke gezogen. Auf den Lärm hin verließen einige der überlebenden Dickhäuter das Schlachtfeld und rannten über die Sandbänke in entferntere Wasserbecken.
Wo sie durch flaches Wasser hindurchliefen, spritzte es mit Getöse nach den Seiten.
[Sidenote: Nutzen des Flußpferds.]
Leider konnten wir von der Beute nichts verwerten als die Zähne; die Eingeborenen in der Gegend aßen das Fleisch nicht, während andere Negerstämme sich darum reißen. Die Schwarte war so rissig und durchlöchert, daß ich kaum ein gutes Stück fand, aus dem ich Peitschen schneiden konnte. Die Decken der Tiere waren daher für uns wertlos; auch die Händler hatten uns geantwortet, sie kauften keine Flußpferdhaut. (Wie verschieden übrigens die Verhältnisse oft sind, lehrt folgendes Beispiel: Die Inder in Mohorro kauften Wildhäute zu bestimmten Marktpreisen nach Gewicht. Sie nahmen gern Felle von Antilopen, Gnus und Schweinen, wollten mir aber mein Büffelfell nicht abkaufen und nahmen keine Flußpferdhaut. Das hatte ich in Erinnerung, als ich später am Kilimandscharo zwei Büffel schoß; und ich verschenkte die Häute an meine Träger. Kurz darauf wurde ich in Moshi nach den Fellen gefragt und erfuhr, daß sie dort ein ganz besonders gut bezahlter und sehr gesuchter Artikel seien. Dagegen wurden Antilopenhäute dort sehr schlecht bezahlt. Ähnlich ging es mit Nilpferdhaut; am Rufiyi nahm sie der Händler nicht geschenkt; in Daressalam und Sansibar boten die Inder hohen Preis. Das wußte ich nicht, als wir die vielen Tiere schossen und so mußte das wertvolle Material ungenutzt verfaulen.)
Es war auch ein Mangel an Erfahrung dabei, wenn ich glaubte, man könne die Tiere nicht nutzen. Das habe ich später bei den Buren gesehen und aus den Erzählungen südafrikanischer Jäger gelernt. Einer, der die Jagd berufsmäßig ausübte, hätte vielleicht großen Gewinn daraus gezogen, wenn er das Fell präparierte, die Knochen klein stampfte zu Düngungszwecken und Leimfabrikation, das Fett zu Seife einkochte und das Fleisch als Hühner- und Hundefutter trocknete. Ein feistes Flußpferd liefert etwa achtzig Pfund Fett, das sehr gut schmeckt und sich in den Tropen zum Braten besser eignet als irgend ein anderes Fett. Die Buren räucherten sogar Speckseiten von Flußpferden.
Das Flußpferd hat überhaupt viel Ähnlichkeit mit dem Schwein -- bei den Ägyptern hieß es „Flußschwein“. -- Sein Fleisch kann ich als schmackhaft bezeichnen, wenngleich ich alle Fleischsorten, die ich probierte, vom Elefanten bis zum Steppenhasen, bei der völligen Unkenntnis meines Kochs, gleich schlecht zubereitet bekam.
Wenn der Abschuß großer Flußpferdherden noch irgendwo notwendig wird, sollte man ihn Jägern überlassen, die damit Geld verdienen und Nutzen aus den Tieren ziehen können. Insofern bedaure ich, daß wir dort eingegriffen haben. Uns brachte es jedoch in gewisser Beziehung auch einigen Nutzen: Die Eingeborenen sahen die Wirkung unserer Waffen, waren dankbar für die Vernichtung der Tiere im Interesse der Landwirtschaft, und dachten nicht mehr daran, auszuwandern.
Es war ärgerlich, daß die Neger kein Flußpferdfleisch essen wollten. Vor zwanzig Jahren nämlich sollen sie es noch gerne gegessen haben. Ihr Vorurteil kommt von den Mohammedanern; die essen kein Fleisch von Tieren, denen nicht die Gurgel abgeschnitten wird, solange sie noch leben. Wahrscheinlich weil eine solche Handlung bei den Dickhäutern nicht auszuführen ist, verzichten die mohammedanischen Neger auf das Fleisch.
Wenn ich auch sonst jede Äußerung religiösen Empfindens beim Neger achtete, habe ich diese Angewohnheit lächerlich gemacht, wo ich immer Gelegenheit dazu hatte.
Den armen Negern wird mit solch einem Vorurteil kein Gefallen getan, und der Weiße kann in große Verlegenheit kommen, wenn er nichts Anderes als Flußpferd hat, um seine Arbeiter zu verpflegen.
Wenn schon der Islam nicht die Religion ist, die diese Neger brauchen, ist überhaupt kein Grund, auf religiöse Gebräuche Rücksicht zu nehmen, die den kulturellen Aufgaben des Europäers geradezu entgegen sind. (Menschenfresserei dulden wir nicht; auch wenn sie aus tiefer Religiösität entspringt; den Massai zeigen wir, daß wir nicht einverstanden sind, wenn sie Vieh rauben, weil ihre Religion sagt, alles Vieh gehöre eigentlich den Massai.)
Es ist auch ein Jammer, daß die Küstenneger, seit sie sich Mohammedaner nennen, Schweinefleisch verschmähen; gerade die ärgsten Feinde ihrer Pflanzungen, die so sehr zahlreichen Warzenschweine und Wildschweine werden von ihnen nicht gegessen und sie stellen ihnen nur aus Gründen der Abwehr nach. Und was das schlimmste ist: Selbst in Zeiten der Hungersnot überwinden sie den eingebildeten Ekel nicht und verhungern lieber, als daß sie Schweinefleisch anrühren! Gier und Gefräßigkeit kann man diesen Negern also nicht ohne Einschränkung nachsagen.
Die Erklärung für dies Verhalten liegt in folgendem: Es gilt als fein, Suaheli zu sein, und dazu gehört die Nachahmung mohammedanischer Gebräuche. Mancher Neger würde ohne Zögern Schweinefleisch essen, wenn er mit dem Europäer allein wäre. Aber in Gegenwart anderer mag er sich nichts vergeben. So kommt es, daß die Anwesenheit einer vornehm tuenden Clique von „Suahelinegern“ in einer Expedition ansteckend auf alle übrigen Neger wirkt. Wer die Gebräuche nicht mitmacht, wird „Schenzi“ genannt und hört so oft die Bemerkung: „er frißt ja Schweinefleisch“, bis er es auch läßt.
Merkwürdig ist, daß dem Neger das Vorbild des Europäers, der doch Schweinefleisch ißt, gar nichts gilt.
[Sidenote: Der Schächtschnitt.]
Ein anderes Vorurteil, das der Neger sehr zu seinem Schaden von dem „Suaheli“ angenommen hat, ist, daß er nur Fleisch von Tieren ißt, denen die Kehle durchgeschnitten wurde. Bei Haustieren ist das einfach durchzuführen; bei Wild sehr schwer. Und das Schächten des Wildes ist ein Brauch, den der deutsche Jäger nicht erlauben sollte.
Es geschieht nämlich auf folgende Art: Sowie ein Stück Wild vom Schuß fällt, stürzen die Schwarzen mit ihren Messern darauf los, biegen ihm den Kopf zurück und schneiden die Kehle durch. Der Anblick des so zugerichteten Tieres ist häßlich; der Kopf hängt nur noch lose am Hals und aus den geöffneten Halsschlagadern spritzt in hohem Strahl der Schweiß hervor, weil das Herz noch in Tätigkeit ist.
Jeder erfahrene Jäger weiß, daß es falsch ist, auf ein Stück Wild, das vom Schuß fällt, sofort darauf loszugehen; denn oft kommt das Wild dann in seiner Angst wieder hoch, wird weit flüchtig und kann dem Jäger sogar verloren gehen. In anderen Fällen wird es dem Schützen durch das Aufspringen der Leute unmöglich gemacht, ein zweites Stück des Rudels zu schießen. Wer etwas von Jagd versteht, sollte deshalb gegen den Gebrauch ankämpfen.
Es muß den Negern verboten sein, aufzuspringen, und die Jagdbegleiter sind streng anzuhalten, im Grase liegen zu bleiben. Der erste, der an das Wild hinantritt, ist der Schütze; mit fertigem Gewehr: andernfalls kann ihm die Gelegenheit zu einem Fangschuß entgehen, durch den er das Stück bestimmt in seinen Besitz bekommt.
Der Sinn des Schächtens ist: „Das Fleisch soll ausbluten“, und wer jedesmal fragt, ob es geschlachtet ist? glaubt damit die Sicherheit zu haben, daß er nie Fleisch von gefallenen Tieren bekommt. Die Neger aber machen eine geistlose Handlung daraus, denn sie schneiden einer Antilope auch noch den Hals durch, wenn sie vierundzwanzig Stunden nach dem Schuß gefunden wird.
Schon daraus sieht man, daß man die Neger in solchen Gebräuchen oft nicht ernst zu nehmen braucht.
Auch mir versuchten meine Askari und Träger einzureden, das Wild müsse geschlachtet werden.
Ich drehte aber sofort den Spieß um und sagte, ich dürfe nicht von geschächtetem Wild essen, deshalb verbiete ich es.
„Dann essen wir es nicht.“
„Es ist mir lieber, ihr verhungert, als daß ich hungern muß.“
Anfangs sahen die Strenggläubigen zu, ohne mitzuessen; sie hofften immer noch, ich würde nachgeben und vielleicht erlauben, daß ein besonderes Stück für sie geschlachtet würde. Später siegte der Hunger, und im Verlauf der Expedition sprach kein Mensch mehr davon. Jedem Neuling wurde gesagt: „Der Herr will es nicht.“
Viel schwieriger ist es bei privaten Expeditionen gegen solche Vorurteile anzukämpfen, und ich werde darauf zurückkommen, wenn ich von meiner Jagdreise in die Massaisteppe erzähle. --
* * * * *
[Sidenote: Geier und Marabu.]
Wenn man von Flußpferdjagden spricht, sind Aasvögel und Krokodile nicht leicht davon zu trennen; sie finden sich schnell ein, und die Stelle, an der ein erlegtes Nilpferd liegt, wird sehr bald zum Schauplatz eines bunten Treibens.
Auf die Sandbank gezogen, nicht weit vom acht Meter hohen Schilfrohr lag der Körper eines toten Flußpferdes. Ein langer Schnitt in die Haut hatte den Aasvögeln die Möglichkeit gegeben, mit der Mahlzeit gleich zu beginnen; (sonst müssen sie warten, bis der Körper gänzlich in Fäulnis übergeht, da sie nicht imstande sind, die Haut zu durchschlagen).
Wohl hundert Geier saßen herum; einige auf, andere in dem Kadaver. Ein Dutzend Marabu spazierten zwischen den Gruppen der Vögel hindurch. Heiseres Gekrächze kam von dem Schauplatze.
Ich lag im Schilf und beobachtete. Ein Geier arbeitete in der vom Wasser durchspülten, faulen Masse. Kopf und Hals verschwanden darin. Ein anderer hatte ein Stück losgerissen, wollte sich dann auf die Seite stehlen, wurde aber von drei Neidern verfolgt. Zwei andere rissen sich mit langen Hälsen um einen Bissen. Der Marabu tat, als wenn er überall Aufsicht ausüben mußte.
Gern nimmt er den Geiern Stücke ab. Sein langer, spitzer Schnabel ist mit Recht gefürchtet. Dieser Schnabel eignet sich weit weniger als der gekrümmte des Geiers zum Losreißen von Stücken Fleisch. Selten sieht man daher den Marabu selber am Aas arbeiten; er nutzt die Geier dazu aus. Große Stücke schlingt er auf einmal hinunter; die baumeln dann in dem tief hinabhängenden Kropfbeutel.
„Schäbig ist der Marabu“ sagt Busch. Schäbig ist nur das Gefieder seiner Kopf- und Halspartie; reich sein übriges Federkleid. Man meint, er sei ein dürftiger Geselle in einem feinen, stahlblauen Gehrock. Ein knallroter Fleck auf der Haut sitzt hinten im Nacken, wie um zu zeigen, daß ein Vogel auch ohne Federn bunt sein kann. Das Männchen hat weiße Ränder an den Deckfedern der Flügel. Sein Gefieder ist mehr graublau, während das des Weibchens fast schwarz und einfarbig ist.
Der frische Wind wehte mir den Aasgeruch in die Nase. (Niemand sage: Pfui, wie unappetitlich! Am ersten Tage, auch am zweiten, ja. Später aber riecht es genau, wie Camembert; es ist Geschmacksache. Die Schwarzen essen z. B. etwas angefaultes Fleisch sehr gerne; auch den Marabu selbst essen sie. Vielleicht ist ihnen diese Fäulnis das, was uns der Alkohol und der Käse). Hoch in den Lüften kreisen zwei weitere Marabu. Hell leuchtet das weiße Gefieder der Brust, das sich bis unter die Flügel fortsetzt. Wie ein Fähnchen flattert der leere Beutel am Halse.
Nun heißt’s den besten aussuchen; mit dem Doppelglas natürlich. Es ist nicht leicht; denn der größte Vogel hat oft die kleinsten Federn, oder die Federn sind groß, aber der zarte Flaum ist schon abgenutzt. Außerdem trägt der Marabu die sehr beliebten Federn nicht auf dem Kopfe, wie manche Damen vielleicht denken. Wer da nicht genau hinsieht und aussucht, wird oft unzufrieden sein über seine Beute. -- Da ist einer! Jetzt mit der Büchse im Anschlag warten, bis er mir die Seite zeigt, denn das beste ist, stets einen Flügelknochen mit zu zertrümmern, dann kann der Vogel nicht mehr fortfliegen. Schuß; er liegt.
Die andern fliegen auf, setzen sich aber gleich wieder, kommen heran, sperren die Schnäbel auf, was stets Erstaunen, Schrecken, Angst bedeutet und sehen erst mit dem rechten und dann mit dem linken Auge zu mir herüber; ein umständliches Verfahren, zu dem fast alle Vögel gezwungen sind, wenn sie die Absicht haben, stereoskopisch zu sehen. (Die gelehrten Eulen machen eine Ausnahme.) Es ist kein Vogel mehr darunter, der mir gefällt; ich trete aus meinem Versteck, da hebt sich die ganze Schar der Riesenvögel und kreist, wie vom Wirbelwind getrieben, über mir in der Luft. Zwanzig gute Federn hatte der erlegte Marabu. Ich nahm die Federn an mich; der Balg mit seinem schneeweißen Flaum und die großen Flügel wurden von den Askari mit Sorgfalt für die Ngoma[13] in Daressalam präpariert. Das Fleisch bekamen die Eingeborenen.
* * * * *
Während oben die Vögel an dem Kadaver eines Flußpferdes fressen, tun es im Wasser gleichzeitig die Krokodile. Diese geben sich alle Mühe, die Beute für sich allein zu reservieren und ins tiefe Wasser zu ziehen. Gelingt es ihnen, dann folgen sie dem treibenden Körper. Einem zwölf Fuß langen Krokodil habe ich einmal vom hohen Ufer aus den Garaus gemacht, als es einem toten, treibenden Kiboko folgend, unmittelbar an mir vorbeischwamm, um den aufgedunsenen Kadaver herum sah ich wohl ein Dutzend der langen, grünen Köpfe.
Auf den Schuß zeichnete das große Krokodil; die übrigen entfernten sich schnell und näherten sich dem gegenüberliegenden Ufer. Sie verloren entweder die Spur des treibenden Körpers oder waren satt.
[Sidenote: Schlafende Krokodile.]
In der Nähe des Kadavers ruhen die Krokodile auf Sandbänken prall vollgefressen; oft mit weit geöffnetem Rachen. Da ist es denn ein besonderer Spaß, solch einen Schläfer in guter Deckung auf wenige Schritte anzupürschen. Das gelingt stets, wenn er dicht an einer hohen Böschung liegt. Aber auch auf freiem Sande geht es, wenn kein anderes Krokodil in der Nähe ist und man den Schläfer genau von hinten anschleicht. Wenigstens bin ich auf fünfzehn Schritt hinangekommen -- im ersten Falle sagen wir auf drei Schritt, d. h. eigentlich bis ich unmittelbar über ihm stand. -- Der Schreck der Bestie, wenn man ihr dann einen Knüppel aufs Rückgrat wirft! Wie elektrisiert schnellt sie empor und plauzt ins Wasser.
Einmal wollte ich Flußpferde vom Boot aus photographieren. Der Strom hatte nur wenig Wasser. Große Sandbänke lagen trocken, und an vielen Stellen waren tote Buchten oder sogar kleine, abgeschlossene Teiche entstanden. Von einem hohen Felsen aus konnte ich an dieser Stelle die Krokodile zählen; Flußpferde steckten ihre Köpfe tief unter mir aus dem Wasser; Nilgänse, Riesenreiher und Marabu standen am Ufer.
Ich ließ zwei Kanoes zusammenbinden und fuhr auf die Flußpferdherden los, um Aufnahmen zu machen. Unteroffizier Lauer saß im linken, ich im rechten Boot.
Die erste Herde tauchte unter, bevor ich eine Aufnahme gemacht hatte. Eine andere Herde ruhte am Ufer, dicht hinter einem Felsen. Unser doppeltes Boot trieb langsam an den Büschen entlang und an glatten Steinen vorbei, die allmählich aus dem Wasser emporstiegen. In schneller Fahrt wurde es um einen Felsvorsprung herumgerissen und schoß dann in das seichtere Wasser einer kleinen Bucht hinein, in der kein Strom war.
Ein starker Bulle stand ganz auf dem Trockenen, die übrigen fünf Tiere halb im Wasser. Eins hatte seinen Kopf ausruhend auf den Rücken eines anderen Flußpferdes gelegt und hielt uns die breite, borstige Schnauze gerade entgegen.
Diesmal glückte es. Ich stand auf einem Feldstuhl, Lauer hielt mich an den Fußgelenken fest. -- Die schwarzen Steuerer durchquerten die Breite der Bucht, und bevor das Boot auf dem anderen Ufer mit sanftem Stoß aufgehalten wurde, hatte ich eine Aufnahme gemacht.
Die Herde suchte das tiefere Wasser auf und mußte dicht am Boote vorbei. -- Starke Wellen gingen von den plumpen Tierkörpern aus, schlugen gegen die Bordwand und liefen schäumend über den Sand.
Wir waren sehr froh über das wohlgeglückte Manöver; frohlockten aber zu früh!
[Sidenote: Vom Flußpferd in die Luft geworfen.]
Das Boot trieb wieder auf dem freien Strom und nahm Kurs auf ein einzelnes Flußpferd, das den Kopf von Zeit zu Zeit aus dem Wasser hob; ich wollte schießen. Auf hundert Meter tauchte der Kopf unter. Da ließ ich bremsen, um in der Zeit, die der Dickhäuter unter Wasser zubringt, nicht darüberhinwegzufahren. -- Plötzlich gab es einen starken Stoß -- -- -- ich fand mich im Wasser und tauchte auf: Das Boot, in dem ich gesessen hatte, war zerbrochen, das andere lag auf der Seite. Hinter mir rauschte es, ein großes Nilpferd durchquerte eine flache Stelle im Strom.
Mein erster Gedanke war an Gewehr und Kamera; doch bevor ich den Kopf wieder in die gelbe Flut steckte, sah ich nach den Ufern, um mir die Peilung einzuprägen. Wir trieben. -- --
Also erstmal zum Ufer mit allem, was noch oben schwamm! Das Boot wurde auf den Sand gezogen. --
Ein Neger hatte die Ledertasche mit der Kamera und den Kassetten ergriffen; das Wasser strömte heraus!
Mein Gewehr fehlte noch. Lauer und ich waren die ersten, die wieder ins Wasser sprangen; keiner von uns dachte an die Krokodile. Die Ruderer tauchten um uns herum; nach wenigen Minuten war auch das Gewehr gefunden.
Vermißt wurden nur noch entbehrliche Dinge.
Leider mußte ich die Kassetten schnell öffnen und die Platten herausnehmen, denn es war Wasser hineingedrungen; der schwarze Belag blätterte von den Rückwänden ab, dennoch sind alle späteren Aufnahmen gut gelungen.
Wir sprachen über den kleinen Unfall, der einen so harmlosen Ausgang hatte. Mein Begleiter sagte, er wisse ganz genau, wie er durch die Luft geflogen sei, ich sei in kürzerem Bogen ins Wasser gerutscht.
Es war merkwürdig, daß ich mich auf diesen Augenblick gar nicht besinnen konnte; vielleicht hatte der starke Stoß mir für Bruchteile von Sekunden die Besinnung geraubt. So erklärt sich auch nur, daß ich mein Gewehr losließ.
Ich glaube nicht, daß das Flußpferd uns hat annehmen wollen, sondern es hat in so flachem Wasser gestanden, daß das Boot es berühren mußte. Da ist das Tier erschreckt losgesprungen, hat, vielleicht lediglich durch eine kurze Bewegung seines starken Kopfes, das Boot in die Luft geworfen und dann über die nächste Sandbank hin das Weite gesucht.
Es ist schwer, das Verhalten eines Tieres richtig zu beurteilen. Ich bin der Ansicht, daß die Tiere im allgemeinen froh sind, wenn man sie in Ruhe läßt, und daß sie nur, wenn man sie plötzlich stört und belästigt, im ersten Unwillen sich ihrer Kraft bewußt werden und auf den Störenfried drauflosrennen.
Die Tatsache war aber nicht zu leugnen, daß uns ein Flußpferd in die Luft geworfen hatte, und wir waren froh, den Schreck so billig bezahlt zu haben.
Völlig durchnäßt setzten wir die Verfolgung der Flußpferde in dem noch schwimmenden Boote fort.
Ich wollte einen starken Bullen schießen und mich dadurch für den Verlust der schönen Aufnahme schadlos halten.
Als ein starker Kopf die Augen und die Ohren aus dem Wasser steckte, schoß ich. Der Schuß ging dicht vor den Augen durch den Schädel. Einige Sekunden blieb das Flußpferd unter Wasser, dann sprang es hoch heraus und schweißte stark. Mit geöffnetem Maul erschien es immer wieder an der Oberfläche; es schien unfähig zu sein, in tiefem Wasser aufzutauchen und suchte deshalb die Nähe einer Sandbank, wo es halb aus dem Wasser herausstand und sich um nichts zu kümmern schien. Wahrscheinlich war es vor Schmerz apathisch.
Ich ließ gerade auf das Tier zusteuern. Als wir ihm auf Bootslänge nahe waren, erkannte es die Gefahr, wandte sich plötzlich um und fuhr ungestüm auf unser kleines Boot los; ein schneller Schuß ins Gehirn tötete das Flußpferd jedoch auf der Stelle, kurz bevor es das Boot erreichte. Zweifellos hätte das schwer gereizte Tier uns gefährlich werden können.
Den abgeschnittenen Kopf trugen acht Neger mit Mühe an einem langen Baum; er mag wohl nahezu vier Zentner gewogen haben.
An diesem Tage konnte ich noch ein merkwürdiges Erlebnis aufzeichnen: als wir unter einer etwa zwei Meter hohen, steilen Uferböschung ziemlich geräuschlos entlang fuhren, sprang ein großes Krokodil dicht über das Boot weg ins Wasser.
* * * * *
Ein andermal schoß ich zusammen mit Herrn Bezirksamtmann Graß eine Flußpferdherde ab, in der einige angriffslustige Bullen waren. Die Bootsunfälle, durch Angriffe der Flußpferde hervorgerufen, waren an dieser Stelle so häufig, daß die Neger sich mit ihren Booten nicht an der Herde vorbeizufahren trauten, wenn nicht ein Askari mitfuhr, (der durch sein Knallen wahrscheinlich nur dazu beitrug, die Tiere noch mehr zu reizen).
Der Strom war hier so tief, daß die Tiere entkommen konnten, indem sie weite Strecken unter Wasser zurücklegten.
Wir mußten deshalb auf dem Ufer nebenherlaufen, um in einem neuen Versteck schon in Anschlag zu liegen, sobald die Tiere an einer entfernten Stelle wieder auftauchten.
[Sidenote: Jagd vom Boot aus.]
Oft habe ich Flußpferde mit dem Boot verfolgt und so geschossen. Bei dieser Jagdart müssen die Ruderer genau auf jeden Wink des Schützen achten, weil die Kunst darin liegt, an der richtigen Stelle zu sein, wenn der Kopf des Tieres auftaucht. Dann erscheint die breite, borstige Schnauze manchmal dicht vor dem Boot und wird im Schreck über die so unerwartet nahe Gefahr unter kurzem Prusten wieder unter Wasser gesteckt.
Die Begegnungen, die ich bei monatelangem Aufenthalt an Flüssen, Seen und Sümpfen mit Flußpferden und Krokodilen hatte, sind zahlreich und gaben mir viele Beobachtungen.
In manchen Gegenden ertönte der tiefe, urkräftige Baß der alten Flußpferdbullen Tag und Nacht. Keine andere Tierstimme hat so ungeheure Macht und Stärke. Aus Seen mit dichtem, üppigen Schilf und schwimmenden Pflanzen dröhnt zur Mittagszeit das Grunzen, von dem man nicht weiß, ob es Groll oder Wohlbehagen ausdrücken soll. Heiß brennt die Sonne auf dem Wasser. Oft habe ich schweigend zugehört, wenn ich am Ufer in einem der tief ausgetretenen Pässe saß, auf denen das Kiboko nachts dem Wasser entsteigt.
Das Tierleben an solchem stillen Weiher zu beobachten, hat großen Reiz.