Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika

Part 11

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Unzählige Krokodile bewohnten das Gewässer, das malerisch zwischen den Bergen lag. Flußpferde fühlten sich hier ganz sicher und durften unbehelligt gelassen werden, weil sie auch in der Nähe keinen Schaden anrichten konnten. In einem flachen Ausläufer des Sees sah ich Nilgänse mit Jungen. Weiße Reiher, Pelikane, und Störche waren auch hier nur in recht beschränkter Zahl; Flamingos habe ich am Rufiyi gar nicht beobachtet.

[Sidenote: Baumwolle.]

Hinter dem See hatten Eingeborene Baumwollfelder angelegt, denen man ansah, daß die Neger über die neue Kultur noch nicht unterrichtet waren: die Pflanzen waren sehr dicht aufgegangen und dann von den Negern nicht gelichtet worden, so daß sie sich gegenseitig in die Höhe trieben und keine Kapseln ansetzten. Ähnlich verfehlte Anlagen gab es viele in den Bergen. An einigen Stellen standen die Stauden zu dicht, an anderen fehlten sie ganz, und für Reinhaltung von Unkraut war offenbar keine Hacke angerührt worden. Da mußten dann die Erträge fehlen. Die Neger sahen nicht, was ihnen der Baumwollbau nutzen sollte und so ist der Druck, den die Bezirksämter auf die Neger ausübten, um sie zum Anbau von Baumwolle zu zwingen, eine der wenigen, sichtbaren Ursachen des Aufstandes geworden.

Bevor private Unternehmer den Aufkauf, die Entkernung und den Versand der Baumwolle in die Hand nahmen, wollte man diese Aufgabe den Kommunen der Bezirke geben, um so den Anbau des wichtigen Ausfuhrartikels zu fördern; die Jumben wurden zum Bezirksamt gerufen, bekamen Saat ausgehändigt und wurden angeleitet, wie sie zu pflanzen sei. Jedes Dorf sollte eine gemeinsame Baumwollpflanzung unterhalten, und der Erlös der Ernte auf die Arbeiter verteilt werden.

Auch hierbei ließen sich die Dorfältesten zu Unterschlagungen verleiten, und der Zwang, den sie auf die Arbeiter ausübten, wurde bei dem geringen Erfolg doppelt mit Unwillen aufgenommen.

[Sidenote: Mein Vater.]

Eines Tages brachte die Post die frohe Nachricht, daß mein Vater in Mohorro eingetroffen sei und versuchen wolle, zu mir zu kommen.

Das war eine große Freude. Wenn es schon an sich merkwürdig genug war, daß ich meinen Vater hier draußen sehen sollte, so gewann dies freudige Ereignis noch Bedeutung durch die Umstände, unter denen das Wiedersehen stattfinden sollte.

Angeregt durch meine Schilderungen des Landes hatte er, der früher schon in Amerika und Westindien wirtschaftliche Studien getrieben hatte, sich entschlossen, Deutsch-Ostafrika selbst zu sehen, um als Reichstagsabgeordneter ein eigenes Urteil über das Land zu bekommen. Bei seiner Abreise aus Deutschland brach der Aufstand in der Kolonie aus, und nun traf er mich mitten darin.

Mir war es lieb, daß ich ihm das Feld meiner Tätigkeit zeigen und ihm die Beruhigung mitgeben konnte, daß die Gefahren und Strapazen, an die man daheim immer zuerst denkt, aus der Nähe gesehen, gar nicht so groß sind.

Der Ort Kipei, vier Stunden unterhalb meines Lagers, wurde als Treffpunkt verabredet, und ich ging mit einer kleinen Askaribedeckung dorthin.

Als ich über ein abgemähtes Reisfeld ritt, sah ich meinen Vater von der anderen Seite kommen; mit Tropenhelm, in einem Khakianzug und mit einer Pistole an der Seite.

Ich sprang aus dem Sattel und lief ihm entgegen.

Herr John Booth, ein alter Afrikaner, hatte ihn hierher begleitet und wartete in dem Zeltlager am Flusse auf uns.

Zwei Tage blieben wir zusammen.

Wir ritten den Fluß hinauf, besuchten die heißen Quellen bei Utete, die Plätze, an denen Gefechte gewesen waren und meine Boma in Mayenge.

Was die Fruchtbarkeit des Landes betraf, so fand mein Vater seine Erwartungen schon jetzt weit übertroffen. Er bestätigte, was oft ausgesprochen worden ist, daß man trotz den vielen Schilderungen immer wieder dazu neigt, Begriffe zu verallgemeinern; daß selbst der Gebildete in Deutschland zu leicht irgendeine Nachricht aus Afrika auf alle afrikanischen Kolonien bezieht, und die widersprechenden Beobachtungen mit der Zeit einen gewissen Zweifel an den wirklichen Aussichten des Landes aufkommen lassen. Da hilft dann nur persönliche Anschauung.

Es ist falsch, zu sagen: „in Afrika“; denn Afrika ist groß und in seinen Teilen zu verschieden. (Oder zu sagen: „der Neger“; gerade dies hört man oft, und es ist noch viel verkehrter, als wenn jemand sagen wollte: „der Europäer“.) Man kann die Landwirtschaft in Deutschland auch nicht beurteilen, wenn man nur die Lüneburger Heide gesehen hat!

Gegen Abend des Tages nach unserm Zusammentreffen fuhren wir gemeinsam mehrere Stunden weit stromabwärts und waren noch eine Nacht unter einem Zeltdach zusammen. Am nächsten Morgen mußte mein Vater abreisen; denn der Gouvernementsdampfer erwartete ihn zu bestimmter Stunde in Salale, an der Mündung des Rufiyi.

Ich sah ihm noch lange nach, wie er im Boote stand und winkte, bis er weit unten, hinter einer Biegung des Stromes meinen Blicken entzogen wurde.

[11] Drei Rupien = vier Mark.

Krokodile und Flußpferde.

„Es hat auf der Erde eine Zeit gegeben, in der die Kriechtiere das große Wort führten,“ schrieb Brehm im „Tierleben“ am Anfang des Abschnitts über die Panzerechsen, und an diesen Satz wird erinnert, wer gesehen hat, wie die letzten Vertreter dieser Tiere in gewissen Gegenden Ostafrikas noch heute ein Wort mitsprechen. Die Eingeborenen sind machtlos dem „Leviathan“ gegenüber, wie der Dichter des Alten Testamentes das Nilkrokodil nennt, der auch von ihm sagt: „Wenn du deine Hand an ihn legst, so gedenke, daß ein Streit sei, den du nicht ausführen wirst.“ -- Mit Pfeil und Bogen, mit Speer- und Steinwürfen ist dem Ungeheuer, das durch eine starke Schuppenhaut geschützt wird, allerdings nicht beizukommen. Wohl werden einzelne, von Eingeborenen mit List und großer Mühe erlegt, in Fischnetzen zufällig gefangen oder auch geangelt; doch die Vermehrung ist so stark, daß die Krokodile nur in Gegenden, die der Europäer mit seinen guten, treffsicheren Waffen auf längere Zeit besucht, ganz vernichtet werden. Dem Gewehrgeschoß bietet kein Krokodilpanzer erfolgreich Widerstand; kleine Krokodile kann man sogar mit dem Schrotgewehr schießen.

Jeder Europäer, selbst wer nicht Jäger ist, beteiligt sich eifrig an dem Vernichtungskrieg, und auch ich habe, nachdem ich die grauenhafte Gefahr, von Krokodilen gepackt und ersäuft zu werden, selbst in der Nähe gesehen habe, eine Ehre darin gesucht, möglichst viele der schädlichen Räuber auf die Schußliste setzen zu können. Meine ganze Bleispitzenmunition widmete ich dem Schießsport auf Krokodile, und tat es gern, weil unzuverlässige Patronen darunter waren, die Versager gaben, und deshalb zu anderen Zwecken nicht verwandt werden konnten. Die 11/12-Mantelgeschosse mit Bleispitze rissen sehr stark und waren deshalb wirksamer als Vollmantelgeschosse.

[Sidenote: Dreihundert Krokodile.]

Nahezu dreihundert Krokodile rühme ich mich während des Aufenthalts in Ostafrika ums Leben gebracht zu haben. Es ist das einzige Wild, bei dem man die große Zahl der erlegten Tiere als Erfolg angeben darf, während die Afrikaner einem durchaus nicht Bewunderung zollen und noch weniger erfreut sind, wenn man sagt, man habe z. B. so und soviel Kuhantilopen geschossen. Das Streben des passionierten Jägers geht in Afrika nicht dahin, sich einer großen Strecke rühmen zu können, sondern eine möglichst vielseitige Ausbeute zu haben und Erlebnisse auf alle Arten Hochwild zu suchen. Große Strecken kommen aber doch vor, und reiche Ausbeute an Trophäen läßt sich oft auf die besonderen Umstände bei längeren Expeditionen zurückführen, wo Wild zur Verpflegung der Träger und Soldaten geschossen werden mußte, ist also durchaus nicht immer zu verurteilen.

Im Gegensatz dazu erfreut bei Krokodilen die hohe Zahl der vernichteten Tiere, und Rekorde sind im Interesse der Menschen erwünscht.

Es soll über zwanzig verschiedene Arten von Krokodilen geben; in Ostafrika haben wir es allein mit dem Nilkrokodil zu tun. Dies bevorzugt Süßwasserseen und Flüsse, kommt nur ausnahmsweise in das Salzwasser des Meeres und ist daher in den Buchten der Küste nur zu finden, wo Flüsse einmünden.

Selbst an der Fähre, die den großen Verkehr auf der Karawanenstraße über den Kingani vermittelt, kommen häufig Unglücksfälle durch Krokodile vor, trotzdem hier schon unzählige Europäer den Tieren nachgestellt haben.

Große Krokodile sind an der Küste jedoch schon selten, und in den Mündungen des Kingani, des Sigi und Rufiyi habe ich nur kleinere geschossen. Das Vorkommen eines besonders starken Ungetüms regt stets die Jagdlust der nahen Europäer an; denn ein großer Krokodilkopf mit fingerlangen, weißen Zähnen ist eine originelle, leicht zu konservierende Trophäe.

Im Aufstand, bei tagelangen Märschen an Flußufern, an Seen und Tümpeln entlang, sind mir unzählige Krokodile zu Gesicht gekommen; sieben Menschen sind in meiner nächsten Nähe von Krokodilen geraubt worden. Nicht von jedem Fall erfährt man; die Neger sind abstoßend gleichgültig gegen geschehenes Unglück. Ein Schutztruppenoffizier erzählte folgendes Erlebnis: Als seine Trägerkarawane durch einen Fluß hindurchging, wurde ein Mann mitten aus der Reihe von einem Krokodil erfaßt und fortgeschleppt; die anderen Träger gingen ruhig weiter, als ob nichts geschehen sei. Der Offizier fragte einen der Neger darüber. Antwort: „Ja mir passiert nichts, ich habe eine gute „_dawa_“.“[12] „Der andere hatte aber doch auch Medizin?“ „Die wird wohl nichts getaugt haben, meine aber ist gut!“

Von den Ägyptern wissen wir, daß sie die Krokodile einbalsamierten, ihnen also eine gewisse göttliche Verehrung zukommen ließen. Allerdings vermutet man, daß sie die Bestien erst selbst töteten und ihnen dann, gewissermaßen zur Versöhnung, die Totenehren erwiesen. Bei den Negern waren die Krokodile gefürchtet aber nicht verehrt. An einer Hütte sah ich über der Tür ein rohes Relief, aus dem Lehm des Wandbewurfs herausgeformt: die Gestalt eines Krokodils darstellend; niemand aber wußte, ob es mehr sein sollte, als ein launiges Kunstwerk, das jemand in einer Mußestunde zurecht geknetet hatte.

Obwohl jederzeit Menschen am Rufiyi durch Krokodile geraubt werden können, ohne daß jemand davon erfährt, schieben die Anwohner des Flusses das rätselhafte Verschwinden eines Menschen einer Schlange zu, die im Flusse leben soll, die aber immer ein anderer gesehen haben soll, nie der Vertrauensmann, den man gerade fragt.

Wenn die Neger an ein solches Tier glauben, zeigen sie offenbar ein Bedürfnis, die Phantasie zu befriedigen.

Der große Wels, der sich tief in den Schlamm verkriecht, und das unheimliche Krokodil genügen meiner Phantasie allerdings durchaus; denn es sind groteske Tiere, und offenbar werfen die Neger die Eigenschaften dieser beiden Flußbewohner zusammen, wenn sie von der ‚Hongo‘ sprechen.

[Sidenote: Krokodile.]

Als ich, aus Mangel an Streitkräften zu tatenlosem Warten genötigt, wochenlang in meiner Boma bei Mayenge saß, hatte ich reichlich Gelegenheit, Krokodile zu beobachten und zu erlegen. Obwohl fast täglich vom Pallisadenzaun des Lagers aus nach den Tieren geschossen wurde, lagen immer wieder welche da, angelockt durch die Kadaver ihrer Brüder, die ihnen als Nahrung willkommen waren. Die geschossenen Krokodile trieben nicht etwa -- wie man das oft in Reisebeschreibungen ausgesprochen findet -- weit in dem Strom fort, sondern erschienen, ebenso wie andere Kadaver, nach einigen Stunden, an der Oberfläche und wurden dann, meist nicht weit von der Stelle, an der sie geschossen waren, nahe am Ufer mit abgefressenen Füßen gefunden. Wahrscheinlich hatten andere Krokodile sie beim Fressen dort hingeschoben. Auch angeschossene sind durch die Gefräßigkeit ihrer Brüder dem Tode geweiht. Ich habe gesehen, wie ein Krokodil, das durch einen Bauchschuß verwundet war, wild im Wasser umhertobte, während andere von verschiedenen Seiten herzuschwammen und es, gewiß nicht bloß aus Neugierde, verfolgten. Der Geruchsinn soll schlecht sein; dagegen scheint die Tatsache zu sprechen, daß die Krokodile sofort herbeischwimmen, wenn ein Flußpferd verwundet wird, von gesunden Tieren aber gar keine Notiz nehmen. Ich schoß einmal auf ein Flußpferd und wußte nicht, ob ich getroffen hatte, weil ich ziemlich hoch über den Fluß stand und das Geschoß ebensogut in das Wasser eingedrungen sein konnte -- während Geschosse, die aus flachem Winkel fehl gehen, gewöhnlich vom Wasserspiegel absetzen und pfeifend in die Luft weiterfliegen. -- Da sagte ein Neger: „Du hast getroffen, riechst du es nicht?“ In der Tat nahm ich, da wir halb unter Wind standen, deutlich einen süßen Geruch wahr, den die Haut des toten Flußpferdes ausdünstete. Kurz darauf erschienen zwei große Krokodile und schwammen gegen Strom und Wind auf die Schußstelle los. Ob sie nur ihrem Gehör gefolgt waren und vielleicht unter Wasser von dem Todeskampf Laute vernommen hatten, die uns oben ganz entgangen waren? Es ist kaum anzunehmen.

Auf der Stelle tödlich sind beim Krokodil nur Kopf- und Herzschüsse; jedoch lähmen auch alle Schüsse, die die Wirbelsäule treffen, das Tier so, daß es nicht mehr weiter kann.

Es gehört ein guter Schütze dazu, die kleine Hirnschale zu treffen, die wie ein treibendes Stück Borke auf dem Wasser erscheint. Liegt die lange Panzerechse aber breit auf dem trockenen Ufer, so ist sie, wenigstens in der Horizontalen, kaum zu verfehlen und es kommt nur darauf an, für das niedrige Ziel die Entfernung genau zu schätzen und dann in der Vertikalen ganz sorgfältig abzukommen. Solche Treffer, auf zwei bis dreihundert Meter aus Anschlag im Liegen über den Strom hin, haben mich oft erfreut; das Krokodil zeichnet, wenn es getroffen wird, jedesmal, indem es mit dem geöffneten Rachen schnell um sich haut, und darf in der Schußliste notiert werden, auch wenn es noch die gelbe Flut erreicht. Manchmal sieht man den Schwanz eines geschossenen Krokodils beim Näherkommen noch halb am Strand; das Tier gleitet aber bald in die Tiefe und ist wahrscheinlich tot. Aber wer wagt es, den Zackenkamm anzufassen auf die Gefahr hin, im nächsten Moment mit einem Biß belohnt zu werden; denn die Echse ist sehr wohl imstande, nach der eigenen Schwanzspitze zu beißen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war in der Trockenzeit im Monat September und der Strom hatte seinen niedrigsten Wasserstand.

Zu beiden Seiten sah man hohe Uferböschungen, von denen das Wasser unaufhörlich Erde abbröckelte, um sie mit sich zu führen und weiter unten wieder abzusetzen. Ältere Sandbänke lagen jetzt trocken und boten, weit in den Strom vorgeschoben, den Krokodilen willkommenen Platz zum Mittagsschlaf.

[Sidenote: Ansitz im Schilf.]

Auf einer solchen Sandbank stand dichtes, hohes Schilfrohr und der Fluß machte gerade vor dem in sich angeschlossenen Rohrgebüsch eine Biegung, so daß es möglich war, sich mit dem Boote lautlos treibend zu nähern, ohne von der anderen Seite gesehen zu werden. Hier hatte ich aus Sand und Rohrstengeln eine Hütte gebaut, und einen Gang durch das Rohr geschlagen, um unbemerkt hineinzukriechen. Der Platz war besonders geeignet, Krokodile, Flußpferde und Wasservögel zu beobachten.

Gegen die Sonne durch ein Flechtwerk geschützt, lag ich oft stundenlang und sah den Tieren zu, die gar nicht merkten, wenn ich von hinten vorsichtig in meine Hütte kroch.

An einem stillen, feierlichen Tage war ich gegen zehn Uhr vormittags auf meinem Posten. Kein Wölkchen stand am Himmel und der Wind, der frühmorgens aus Westen wehte, war allmählich eingeschlafen.

Zwei kleine Krokodile liegen auf Wurfweite vor mir; mit dem Doppelglas kann ich jede Falte ihrer Haut sehen und sogar die länglichen Augensterne erkennen. Die Tiere liegen ganz auf dem Trockenen; plötzlich erscheint auf etwa zwanzig Schritt die flache Oberfläche eines Krokodilkopfes, in langsamer Bewegung sich dem Ufer nähernd; dahinter taucht der zackige Kamm des langen Schwanzes auf. Vorsichtig bleibt das Tier, bewegungslos dicht am Ufer liegen und hebt sich erst nach geraumer Zeit, langsam aus dem Wasser; beschreibt auf dem Sand einen Halbkreis, läßt sich plötzlich schwer auf den Bauch fallen und sperrt den Rachen weit auf. Da es sich in der Drehung von mir ab und wieder dem Wasser zugewandt hat, kann ich nur einen Teil des Kopfes sehen.

Stunden vergehen. Über die Sandbank kommen Nilgänse, die an einer Lagune zur Äsung waren; graue Fischreiher, fleischfarbene Pelikane und weiße Löffler fallen weiter unten ein; dazu setzen sich gelbschnäblige Störche.

In meine Nähe scheint nichts mehr zu kommen; da ziele ich denn in aller Ruhe auf den dicken Wanst des Drachenviehs, das in seinem bronzegrünen, schwarz gefleckten Panzerkleide dicht vor mir liegt. Von hinten, etwas seitlich soll ihm mein Geschoß in den Brustkorb dringen und das Herz treffen -- -- -- Rrumms!

Blitzschnell fährt es mit dem Kopf vorne hoch und reißt den Rachen, der von spitzen, weißen Zähnen starrt, weit auf, sinkt in sich zusammen, klappt noch zweimal laut mit den Kiefern und verendet.

Die beiden anderen Krokodile waren auf den Schuß in das Wasser gestürzt und die Vögel hatten sich in die Luft gehoben.

Der Drache ist tot und ich kann ihn in Ruhe betrachten.

Die Farbe seiner Haut ist nur oben und an den Seiten dunkel, die Bauchseite zeigt ein feines Elfenbeinweiß. Der Rumpf ist langgestreckt, der Schwanz seitlich als Ruder zusammengedrückt. Auf ihm laufen zwei Kammreihen entlang, die sich am Ende zu einer vereinen.

Die Füße stehen nach den Seiten weg. Sie haben vorne fünf, hinten vier Zehen, die durch Schwimmhäute verbunden sind und Krallennägel tragen. Das kleine, grüne Auge wird durch drei Lider geschützt; die Ohröffnungen können durch klappenartige Hautfalten, die Nasenlöcher, die vorne im Oberkiefer liegen, durch Aneinanderdrücken ihrer wulstigen Ränder geschlossen werden, wenn das Tier untertaucht.

Da die Gefährlichkeit der Krokodile sehr verschieden ist, kommt es immer wieder vor, daß leichtsinnige Menschen verunglücken; wenn alle Krokodile gefürchtet würden, wäre das nicht der Fall.

Da die Hauptnahrung der Tiere in Fischen besteht, gibt es Gewässer, in denen die Krokodile ungefährlich sind, weil sie reichlich Nahrung haben. Man sagt, daß sich in allen Gegenden, die von der Kultur unberührt bleiben, der Bestand an Krokodilen und Fischen das Gleichgewicht halten. Wenn nämlich die Raubtiere überhand nehmen, beginnen sie sich bald, aus Mangel an Nahrung und der lästigen Konkurrenz halber, gegenseitig aufzufressen und dann bekommen die Fische wieder freiere Bahn. Auf Tiere, Wasservögel oder gar Menschen, die zur Tränke kommen, sind die Krokodile demnach nicht angewiesen; doch mag ihnen der Fischfang in manchen Gegenden so schwer fallen, daß sie gerne jedem anderen Bissen auflauern, während sie an anderen Plätzen mehr gesättigt sind.

Die Eingeborenen kennen meist die Krokodile in ihrer Nähe recht genau und wissen auch einige Plätze, an denen sie getrost baden können. Selten raubt das Krokodil aus flachem Wasser; denn seine Methode ist, das Opfer mit dem Schwanz ins Wasser zu schlagen, zu packen und zu ersäufen. Dazu ist ihm flaches Wasser nicht günstig. Während die Neger da recht sorglos sind -- vielleicht auch, weil das Herannahen eines Krokodils leichter zu bemerken ist -- vermeiden sie es, an tiefes Wasser hinanzugehen und warnten mich jedesmal, wenn ich es tat.

In manchen Gegenden sind die Wasserschöpfstellen an steileren Ufern durch Zäune geschützt, die in das Wasser hinein gehen, oder die Weiber schöpfen vom hohen Ufer aus mit Kalebassen, die an langen Stangen befestigt sind.

[Sidenote: Flußpferde photographiert.]

Einmal führte mich mein Weg durch das Jagdschonrevier des Kissakibezirks, und ich traf, wo der Mrokafluß in den Rufiyi mündet, im Morgennebel drei Flußpferde, die in dem sumpfigen Uferrande ruhten. Ich nahm die Kamera und ging, von Schilfstauden gedeckt, vorsichtig näher.

Der Boden war so weich, daß ich bis an die Knie einsank. Ich zog die Kassette auf, machte die Kamera fertig und trat dann plötzlich hinter dem Schilf hervor, so daß ich auf etwa fünfzig Schritt ganz frei vor den Tieren stand.

Ein alter Flußpferdbulle mit plumpem, schwerem Kopf richtete sich mit der Vorderhand auf und sah nach mir her, als ich die erste Aufnahme machte. (Bild Seite 155.)

Während ich die Kassette umdrehte und die Kamera zum zweiten Male hob, wurde er nach dem tieferen Wasser hin flüchtig. Auch die übrigen Tiere erhoben sich jetzt jäh aus ihrem Schlafe, und waren in wenigen Sekunden unter dem Wasserspiegel verschwunden.

Die Jagd auf Flußpferde ist da uninteressant, wo die Tiere in großer Zahl und vertraut angetroffen werden; denn an solchen Stellen kann ein sicherer Schütze Dutzende in kurzer Zeit schießen. Das ist keine Jagd.

Dagegen kann man von Jägerfreuden sprechen, wenn sich jemand mit vieler Zeit und Mühe aus einer großen Herde den größten Bullen heraussucht und ihn zur Strecke bringt; denn ein starker Flußpferdschädel mit hoch aus dem Unterkiefer herausragenden, gebräunten Zähnen, ist eine schöne Trophäe. Sie gewinnt dadurch, daß man erzählen kann, man habe außerdem kein Stück der Herde angeschossen!

[Sidenote: Flußpferdjagd.]

Großen Reiz hat es auch, in versteckten Teichen nahe der Küste den dort sehr seltenen und ungewöhnlich vorsichtigen, vielleicht sogar gefährlichen Flußpferden nachzustellen.

Nicht gerne aber denke ich an zwei Schießereien zurück, zu denen ich mich hergab, weil der Schaden, den die Flußpferde der Landwirtschaft zufügten, die Neger zu berechtigten Klagen veranlaßten: Das auf Flußpferde stehende Schußgeld von 26 Mark für jedes erlegte Tier war gerade aufgehoben worden, weil die Dickhäuter in manchen Gegenden derart überhand genommen hatten, daß sie eingeschränkt werden mußten.

Aus einer Landschaft besonders kamen immer wieder Klagen der Neger, die Kibokos schliefen im Wasser neben den Feldern und trampelten nachts auf Äsung in den Saaten umher, so daß kein Halm stehen bleibe.

Ich erlaubte deshalb dem Sergeanten, die Tiere abzuschießen. Er kam zurück mit der Meldung, er habe beinahe zwanzig Stück in drei Stunden zur Strecke gebracht. Am nächsten Tage brachten die Eingeborenen, froh über dies Resultat, die abgeschnittenen Schädel, große und kleine, die im Ufersande des Flusses vergraben wurden, damit die Zähne lose würden.

Anfangs glaubte ich, der Sergeant habe allzusehr unter den Tieren aufgeräumt; denn acht Tage später kam ich an den Ort der Tat vorbei und sah die vielen, großen Kadaver auf den Sandbänken liegen. Viele Hundert Geier und Marabus standen dabei, und im Wasser schwammen unzählige Krokodile. Lebende Flußpferde aber waren nicht mehr zu sehen.

Drei Monate später -- ich hatte in der Zwischenzeit kein einziges Flußpferd schießen lassen -- kam ich wieder an der Stelle vorbei und traf zu meinem Erstaunen in der Nähe eines großen Dorfes drei Flußpferdherden von zusammen etwa achtzig Köpfen. Die Neger waren geradezu machtlos gegen diese Tiere und sagten, sie müßten auswandern, wenn ich ihnen nicht helfen könnte. Darum entschloß ich mich, mit Unteroffizier Lauer zusammen einige starke Bullen aus einer der Herden abzuschießen.