Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika

Part 1

Chapter 13,005 wordsPublic domain

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1907 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachliche Zitate wurden nicht geändert.

Kopfzeilen, die den Inhalt veranschaulichen, werden hier als Randnotizen dargestellt, welche wiederum an den jeweils relevanten Stellen eingefügt wurden. Die Druckfehlerberichtigung (S. 375) wurde bereits in den Text eingearbeitet. Die Fußnoten finden sich am Ende des jeweiligen Kapitels.

Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:

Fettdruck: =Gleichheitszeichen= gesperrt: ~Tilden~ Antiqua: _Unterstriche_

####################################################################

Im Morgenlicht.

== Kriegs-, Jagd- und == Reise-Erlebnisse in Ostafrika

von

Hans Paasche,

Oberleutnant zur See.

Mit 97 photographischen Aufnahmen des Verfassers.

---- Zweite Auflage. ----

Berlin.

Verlag von C. A. Schwetschke und Sohn. 1907.

Fräulein ~Wanda Théremin~ hat die Photographien für den Druck vorbereitet.

Die Autotypien sind in der Kunstanstalt von ~Carl Schütte~ in Berlin hergestellt.

Vorwort.

_Coelum, non animum, mutant, qui trans mare currunt._

_(Horaz. Epist. I, 11.)_

Dies Buch schildert meine Erlebnisse in Ostafrika; was ich mit meinen Augen geschaut, mit meinen Ohren gehört habe, will es erzählen.

Eigene Erlebnisse: ich habe den Versuch gemieden, in meine Aufzeichnungen hinein zu verbessern, sie zu färben. Hieraus erklärt sich vielleicht, daß meine Schilderungen den Stempel starker Subjektivität tragen.

Mit herzlicher Dankbarkeit denke ich an meine Vorbilder, meine Meister und Gönner, auch wenn ich sie nicht mit Namen genannt habe. Und aufrichtig freuen würde es mich, wenn sie sich in meinem Buche wiederfänden.

Vielseitig ist unser herrlicher Seemannsberuf. Vielleicht ist das Schönste an ihm, daß mählich, und oft unbewußt, die flüchtigen Eindrücke von Ländern und Völkern und von dem bunten Leben in fremder Welt ein Stück unseres eigenen Seins werden. Man hängt oft fester daran, als es äußerlich scheinen möchte.

Ungemein günstige äußere Umstände habe ich gefunden: ich durfte Wanderungen machen, die jetzt, wo die große, stolze Flotte die Kräfte in der Heimat mehr zusammenhält, schon seltener und schwieriger werden; ich war Offizier auf einem kleinen Schiff mit glücklichen dienstlichen Verhältnissen, hatte wohlwollende Vorgesetzte, hatte Kameraden, die an allem Teil nahmen, für den Abwesenden sorgten und eintraten; ich fand freundliches Entgegenkommen beim höchsten Beamten und beim einfachsten Ansiedler; ich fand endlich ein Land voller starker und großer Hoffnungen.

Goethe schrieb aus Italien an Herder: „Ich will, solange ich hier bin, die Augen auftun, bescheiden sehen und erwarten, was sich mir in der Seele bilde.“

Nach dieser Lehre zu schauen und zu lernen habe ich mich in Ostafrika bemüht.

~Wilhelmshaven~, im Oktober 1907.

=Hans Paasche.=

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Vorwort III

Zum Indischen Ozean 3

Ost-Indianische Reise im Jahre 1644. -- Von Bremen nach Port Said. -- Bahnfahrt nach Kairo. -- Blick über die Stadt und das Niltal. -- Auf der Cheopspyramide. -- Im Zoologischen Garten. -- Von Suez nach Colombo. -- S. M. S. ‚Bussard‘. -- Ein Ausflug auf Ceylon. -- Nach den Seychellen. -- Bei einem Ansiedler und Naturforscher. -- Auf dem Morn Seychellois. -- Im tropischen Urwald. -- Im Morgenlicht.

Daressalam 21

Die alte, stille Zeit. -- Ein Spaziergang. -- In dem Negerviertel. -- Eine Negerkneipe. -- Die Quelle am Simbasital. -- Die Kleidung der Suaheli. -- In der Markthalle. -- Eine Negerin beim Einkauf. -- Das Aquarium. -- Auf den Korallenriffen von Makatumbe. -- Die Meeresfauna. -- Haifische und Schiffshalter.

An der Küste 37

Der Schiffsverkehr. -- Gute Häfen. -- Wind und Wetter. -- Fischerei der Eingeborenen. -- Sansibar. -- Völkergemisch. -- Der Deutsche und der Neger. -- Der Handel Sansibars. -- Eine Wagenfahrt. -- Die Klubschamba. -- Eine junge Dame bekämpft die Schiffsetikette. -- Saadani und Bagamoyo. -- Johann Jakob Sturz über Baumwolle. -- Pangani. -- In der Mündung des Pangani. -- Eine aufregende Fahrt. -- Vor Tanga. -- Ein Jagdausflug. -- Löwen. -- Treibjagden auf Löwen. -- Eine Löwin auf der Birsch erlegt. -- Jagd auf Warzenschweine. -- Am Sigi. -- Ein Buschbock im Wasser erlegt. -- Sonnenuntergang in See. -- Die Insel Mafia. -- Die Araber schenken fünf Rinder. -- Ein Ritt durch die Insel. -- Kokospalmen. -- Die Insel Tschole. -- Begräbnis eines Arabers.

Der Aufstand 73

S. M. S. ‚Bussard‘ bringt Schutztruppen nach Kilwa. -- Landungsabteilungen. -- Im Mohorrofluß. -- Ankunft in Mohorro. -- Die Entdeckung des Aufstandes. -- Die Haltung der Araber. -- Der erste Angriff. -- Ein Überfall abgeschlagen. -- Die Feuertaufe. -- Ermordung eines Ansiedlers. -- Schwierige Stellung der weißen Soldaten. -- Ein Nachtmarsch. -- Verrat? -- Verlassene Dörfer. -- Brennende Hütten. -- Eilmarsch zum Rufiyi. -- Der Strom als Grenzlinie für den Aufstand. -- Am Rufiyi aufwärts. -- Am Hirusee. -- Verkleideter Askari. -- Panik unter den Trägern. -- Lebensmittel beschlagnahmt. -- Ein Akide. -- Vorposten überrumpelt. -- Gefecht bei Utete. -- Ein Verlust. -- Todesurteil. -- An den heißen Quellen.

Gefechte am Rufiyi 104

Ein großes Dorf von Aufständigen zerstört. -- Ein Militärposten am Rufiyi. -- Ein Gnubulle erlegt. -- Herausforderung. -- Verfolgung fliehender Schenzi. -- Über den Fluß. -- Zuverlässige Kundschafter. -- Ein Trupp von über tausend Aufständigen wird zersprengt. -- Mars war uns günstig. -- Bleigeschosse gegen Neger? -- Flußpferde gefährden die Boote. -- Geier auf dem Schlachtfeld. -- Rückmarsch nach Mayenge. -- Ein Gefangener. -- Leutnant Spiegel baut eine Boma. -- In Booten stromab nach Mohorro. -- Hinrichtung von Rädelsführern.

Im Aufstandsgebiet 125

Der Bezirksamtmann und ich. -- Abmarsch mit Hauptmann Merker. -- Der erste Schuß auf Elefanten. -- Rettung ertrinkender Neger. -- Hauptmann Fonck im Usaramobezirk. -- Die Neger unterwerfen sich. -- In der Boma bei Mayenge. -- Ausbildung neuer Askari. -- Jagd auf Wasserböcke im Morgennebel. -- Riedböcke und Buschböcke. -- Baumwolle der Neger. -- Zusammentreffen mit meinem Vater. -- Sein Urteil über das Land.

Krokodile und Flußpferde 143

Krokodilplage. -- Ein Rekord an erlegten Krokodilen. -- Die Dawa. -- Der Hongo. -- „Du hast getroffen, riechst du es nicht?“ -- Treffer auf große Entfernung. -- Ansitz im Schilf. -- In der Rohrhütte. -- Tierleben auf der Sandbank. -- Flußpferde im Morgennebel photographiert. -- Die Jagd auf Flußpferde. -- Abschießen ganzer Herden. -- Ein Schießerfolg. -- Nutzen und Wert des Flußpferdes. -- Der Geschmack des Wildprets. -- Neger, die kein Schweinefleisch essen. -- Das Schächten erlegter Tiere. -- Aasvögel. -- Geier und Marabu am toten Flußpferd. -- Krokodile angepirscht. -- Vom Flußpferd in die Luft geworfen. -- Ein starker Bulle erlegt. -- Unfälle; Flußpferde greifen die Boote an. -- Die Stimme des Kiboko. -- Tierleben am stillen Weiher.

Jagden im Busch 171

Lager am See. -- Birsch auf Riedböcke. -- Farben im Freien. -- Schwarzfersenantilopen. -- Der Dank der Neger für das viele Essen. -- Die Post kommt an. -- Lange, erfolgreiche Schweißsuche. -- Zebras und Hartebeeste beobachtet. -- Platzregen. -- Mein Reittier will nicht mehr. -- Starker Riedbock erlegt. -- Abendbirsch. -- Merkwürdiges Benehmen einer Ricke. -- Ein Löwe am Lager. -- Gewohnheiten der Riedböcke. -- Bemerkenswerte Jagdart. -- Elenantilopen.

Büffeljagden 197

Seltenheit des Kaffernbüffels. -- Ein Mißerfolg. -- Der Büffel im Sumpf. -- Schuß vom Baum aus. -- Den Büffel krank geschossen. Ob er dem Jäger gefährlich wird? -- In dichtem Schilfgras sechs Schritt vor dem Stier. -- Der Reiz der Gefahr. -- Der erste Büffel zur Strecke. -- Büffeljagd am Paregebirge. -- Im Urwalddickicht. -- Nach vier Tagen endlich die erste frische Fährte. -- Die Büffel im Walde. -- Ein Büffel in der Wildgrube. -- Wildgruben. -- Fährtensuchen. -- Pirschkunst. -- Büffel im Busch auf acht Schritte angepirscht. -- Ermattung.

Elefanten 226

Ein Elefant weckt mich. -- Mein Paradies. -- Nachtwache in den Feldern. -- Gespenster. -- Der erste Elefant zur Strecke. -- Was die Neger vom Elefanten wissen. -- Sieben Elefanten. -- Jagd von der Leiter aus. -- Zweiunddreißig Schüsse auf einen Elefanten. -- Das Heraushauen der Zähne. -- Vom Elefanten verfolgt. -- Ali lobt meinen Mut. -- Studien am Elefantenschädel. -- Elefanten durchschwimmen den Strom. -- Mit der Kamera auf der Elefantenfährte. -- Die „Brücke zur Heimat“. -- Allein mit dem Riesen. -- Pürschzeichen und Fährtenfolge. -- Schlafende Elefanten. -- Jäger und Wild auf demselben Bilde. -- „Der Star“. -- Spaziergang hinter einem Elefanten. -- Rappantilope erlegt. -- Löwen an einem Termitenhügel. -- Die Termiten. -- Der Nyampara und die Arbeiter. -- Geier als Totverweiser. -- Die Poesie des afrikanischen Weidwerks. -- Der Tod.

Nashornjagd 269

Übertreibungen. -- Die Gefahr. -- Nashörner in offener Steppe. -- Am einsamen Berge. -- Ein Nashorn kommt vom Wasser. -- Nashorn begegnet einer Zebraherde. -- Gute Schüsse mit der Kamera. -- Ein verwünschter Augenblick. -- Weshalb das Nashorn „annahm“.

Am mittleren Rufiyi 281

Unter fremden Negern allein. -- Die Boma wird verlassen. -- Ein mißglückter Überfall. -- Das Lager der Aufständigen. -- Mtanza. -- Die Flüchtlinge; Rückkehr in die Dörfer. -- Vom Lagerleben. -- Schwarze Polizisten. -- Boten. -- Das Eheleben der Schwarzen. -- Der Askariboy. -- Die letzten Matrosen zur Küste gesandt. -- Hausbau. -- „Befestigung“ der Boma. -- Wunden bei den Negern. -- Giftpfeile. -- Schlangen. -- Puffotter. -- Riesenschlange. -- Eine Schlange kriecht in ein Mauseloch. -- Bissige Ameise. -- Sandfloh. -- Wovon wir lebten. -- Hungersnot. -- Der farbige Händler. -- Die Neger wandern aus. -- Mangofrüchte. -- Ein Elefant erlegt als Nahrung. -- Die Neger wollen kein Elefantenfleisch essen. -- Der Acker wird bebaut. -- Die Neger sind dem Inder ausgeliefert. -- Ist der Inder unersetzlich? -- Die Händler im Aufstand. -- Reisen in der Regenzeit. -- Ein Raubzug in die Äcker der Aufständigen. -- Vierzehn Stück Wild für achthundert Menschen. -- Ein Schauri. -- Ein Askari schießt sich selbst ins Bein. -- Die Zeugen. -- Die Askari hatten Krieg gespielt.

Ein Streifzug 329

Menschenopfer. -- Böse Nachrichten vom Feinde. -- An den Stromschnellen des Rufiyi. -- Bergsteigen ist unseemännisch. -- Vorbereitungen zum Überfall. -- Der Angriff. -- Das Dorf wird geplündert; die Hütten niedergebrannt. -- Roheiten. -- Wie der Schenzi lebt; Hausrat, Beschäftigung. -- Ein Verwundeter wird nach Mohorro gebracht. -- Die Gefangenen entlaufen. -- Die Strafpredigt des Askari Nyati. -- Tierleben an den Schnellen. -- Einfall der Aufständigen.

Rückkehr zur Küste 345

Weihnachtsfeier. -- Datum vergessen. -- Wie der Schenzi den Tag einteilt. -- Überschwemmung. -- Der Alte im Dachgebälk. -- Abrechnung mit Indern. -- Übersetzen. -- In den Schamben der Wakitschi. -- Ein Gefangener tot. -- Mitleid. -- Kudu. -- Die kriegerischen Bergbewohner. -- Flußpferd im Mondschein. -- Gegen den Strom nach Panganya. -- Kranke Träger; ein Samariterdienst. -- Ob man sich ansiedeln soll. -- Trockenzeit und Regenzeit. -- Die Eigentümlichkeit des Stromes. -- Verkehrsaussichten auf der Wasserstraße. -- Umgehungsbahn. -- Stauwehr. -- Viehzucht. -- Kaisers Geburtstag. -- Büffeljagd der Neger. -- Tsetse; Anopheles; Glossina und Boophilus. -- Lederbearbeiten. -- Briefe. -- Diktat. -- Zumessen von Getreide. -- Die Arbeit; Pflicht zu faulenzen. -- Ein Neger vom Leoparden getötet; zwei Leoparden erbeutet. -- Abreise. -- Mattigkeit und Fieber. -- In guter Pflege. -- Mondscheinfahrt stromab. -- Abschiedsfeier. -- Wieder an der Küste.

Verzeichnis häufig vorkommender in Deutsch-Ostafrika allgemein gebrauchter Fremdwörter 374

Druckfehlerberichtigung 375

Zum Indischen Ozean.

Vor mir liegt, in Schweinsleder gebunden, ein altes Buch, das mich nach dem Indischen Ozean begleitet hat: „Johann Jakob Merckleins Ost-Indianische Reise, welche er im Jahre 1644 löblich unternommen und im Jahre 1653 glücklich vollendet samt Johann Sigmund Wurfbains kurtzem Bericht wie eine Reise, so zu Wasser wie zu Lande nach Indien anzustellen sey.“

Das Buch wird bezeichnet als: „Journal alles desjenigen, was sich auf währender neunjährigen Reise im Dienst der vereinigten geoctroyrten niederländischen Ost-Indianischen Compagnie täglich begeben und zugetragen, dabey die Situation und Gelegenheit der Länder und Sitten unterschiedlicher Völker zu besserer Nachricht in etwas berühret worden.“

Aus den getreuen Aufzeichnungen des Chirurgum und Barbirern Mercklein weht ein Hauch ursprünglichster Anschaulichkeit, und Freude an fremden Dingen. Deshalb ist es mir interessant gewesen hineinzusehen, und ich wurde unwillkürlich angeregt, meine Fahrt mit der des Holländers zweihundertfünfzig Jahre früher zu vergleichen.

Die Edle Herren Bewinthabere der Compagnie zu Amsterdam ließen im Jahre 1644 zwei Schiffe zurichten, um neue Besatzungen für die Schiffe und Faktoreien in Ostindien hinauszusenden.

Das war also ein Ablösungstransport genau wie der unsere, der am 5. Mai 1904 Bremerhaven verließ, um Mannschaften und Material für die im Osten stationierten Schiffe der Kaiserlich Deutschen Marine hinauszubringen; ohne Unterbrechung dampfte der ‚Main‘ die Weser abwärts durch den englischen Kanal und die Biskaya, an der Hispanischen Halbinsel vorbei, bog in die Meerenge von Gibraltar ein und erreichte am elften Tage der Abreise Port Said und die Pforte zum indischen Ozean.

Die arme Holländerflottille dagegen: Der ~Walfisch~ -- groß 450 Last, jede zu 3000 Pfund, Kapitän Pieter Dierksoon, Oberkaufmann Herr Nikolaus Overschie, gewesener Direktor in Persia, -- und der ~Salm~, zwei neuerbaute Fluytschiffe. -- Am 8. November verließen sie Amsterdam und konnten, „weil der Wind stetig aus Westen wehete, nicht in das Meer auslaufen bis auf den 30. Dezember“. An den Suezkanal dachte man damals noch nicht; die holländischen Segler mußten ihren Kurs unausgesetzt südlich nehmen, durch den Kalmengürtel der aufsteigenden Luftströme bis zum Kap der Stürme, das im Heimatlande des portugiesischen Entdeckers das Kap Bonae Spei genannt wurde, weil seine Entdeckung gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Hoffnung auf den Seeweg nach Ostindien in sich trug. Anfang März hielt sie ein starker Sturm dort fest, an der alten Pforte zum indischen Ozean und dem reichen Osten. Auf der Reede von Batavia wurde nach Verlauf von sieben Monaten am 31. May 1645 geankert, nach einer Seefahrt von 3600 Meilen. -- Den gleichen Punkt etwa erreicht der deutsche Transportdampfer in dreißig Tagen; und gehört nicht zu den schnellsten Schiffen.

Sechs Monate später erst empfingen die Herren Bewinthabere in Amsterdam den Brief, der ihnen meldete, daß der ‚Walfisch‘ „in des Generals Residenzstadt Batavia arriviert sey ohne Verlust einiges Menschen durch Scharbuck oder _morbus Scorbuticus_, welches selten auf so langen Reisen geschieht“. Heute steht die Ankunft des Dampfers ‚Main‘ in irgend einem der großen Häfen des fernsten Ozeans noch an demselben Tage in der Weserzeitung. Und doch behielten die Herren in Amsterdam die Leitung in Händen; nur das Tempo der Unternehmungen ist eben schneller geworden.

Im Grunde erinnern alle Zustände und Ereignisse der Ostindianischen Compagnie an die heutigen Zustände in den Kolonien. Eine weitgehende Arbeitsteilung ist eingetreten; Handels- und Kriegsmarine sind getrennt; die Umgangsformen der Nationen feiner und empfindlicher geworden; die geräumigen Handelsdampfer tragen keine Kanonen mehr. Handel, Verwaltung und Waffengewalt liegen in verschiedenen Händen, während der Kaufmann des 17. Jahrhunderts alles dies in seiner Person vereinte, die Kapitäne der Schiffe, die Gouverneure, die Verwalter der Faktoreien ernannte und die Waffengewalt unmittelbar für sein Interesse einsetzte.

[Sidenote: Im Niltal.]

Am 17. Mai 1904 fuhr unser Dampfer zwischen den Molen von Port Said hindurch in den Suezkanal ein, an dem Denkmal Ferdinand von Lesseps vorbei, gab Leinen an Land und machte fest, um Kohlen zu nehmen. Die Agentur des Norddeutschen Lloyd hatte die gefüllten Prähme schon bereitliegen und das farbige Volk der Kohlenträger ging sofort unter viel Geschrei an die Arbeit; eine dicke Staubwolke hob sich in die Luft und verleidete dem Zuschauer den Aufenthalt an Bord. Wer abkömmlich war, verließ deshalb den Dampfer zu einem Abstecher nach Kairo, um erst in Suez das Schiff wieder zu besteigen. Auch ich gehörte zu den Reiselustigen, die in den staubbedeckten Waggons der Schmalspurbahn nach Ismailia Platz nahmen.

Die Sonne glühte, aber ein starker Luftzug trug sehr zum Wohlbefinden bei.

Zur Linken hatten wir den Suezkanal, zur Rechten die helle Wüstenlandschaft. Wo sich Menschen angesiedelt hatten, ragte wie eine Insel ein Fleckchen bebautes Land heraus; mit Dattelpalmen, Bananenbüschen und bunten Blütenbäumen. Erst der vom Nil hergeleitete Süßwasserkanal hat den Pflanzenwuchs hier ermöglicht. Ein Trupp Menschen mit bepackten Kameelen tauchte auf.

In all den kleinen Stationen stiegen Farbige ein und je näher wir von Ismailia dem wunderbaren Kairo kamen, desto vielseitiger wurde das Völkergemisch. Hier ein Araber in bronzefarbenem Gewande mit geradem Halsausschnitt und auffallend langen Ärmeln, deren weit hervortretendes, sauberes Futter auf den zierlichen Händen liegt; er trägt den Turban auf dem Kopf über dem feinen Gesicht. Neben ihm sitzt ein Türke, dessen große Nase und in Falten aufgehängter Mund sehr häßlich wirken. -- Immer ausgedehnter werden die mit Kulturpflanzen bebauten Flächen. Wo das lebenspendende, kräftelösende Wasser hingeleitet ist, wächst dicht und üppig der Weizen hervor; unmittelbar daneben leuchtet der leblose Sand. Kameele und Ziegen begnügen sich mit spärlichem Grün, dann kommen Esel, starke Kühe und Pferde, wo sich die Pflanzen mehren. Es wechseln ab: Weizen, der gerade zur Ernte reif ist, Baumwolle und kniehoher, dichter, weißblühender Klee, als Viehfutter. Gepflügt wird noch mit dem alten Holzhaken, den wir schon auf den Malereien der alten Ägypter finden.

In den langen Furchen der sauber gehalten Baumwollfelder glänzt hier und dort Wasser, und Leute sind beschäftigt, das Naß den Pflanzen zuzuleiten. Ochsen mit verbundenen Augen ziehen die Göpelwerke der Schöpfräder und die Trommeln auf den offenen Tennen, wo der Weizen gedroschen wird. Das Korn wird mit der Sichel gemäht. Wo Kühe weiden, sitzen ebensoviel Menschen dabei und sehen zu.

Weithin verläuft das fruchtbare Land. In zarter Färbung von der Nachmittagssonne umflutet, erscheinen am Horizont zwei Pyramiden und der Höhenzug über Kairo, gekrönt von einem stolzen Bauwerk: der Moschee Mehemet Alis in der Zitadelle.

Durch die belebten Straßen der Stadt bringt uns ein Wagen auf die Höhe. Am Eingang der Zitadelle steht ein Posten der ‚_Occupation armee_‘ mit Bajonett, einen Tropenhelm mit silberner Spitze auf dem Kopfe. Um die hohen, schlanken Minarets kreisen Weihen. In der Moschee werden der von Teppichen bedeckte Boden, die Alabasterwände, die kunstvolle Kanzeltreppe und die an langen Ketten hängenden Lampen gezeigt.

Vier mächtige Pfeiler tragen die Kuppel mit ihren bunten Scheiben, die dem Innern des Raumes eine feierliche Beleuchtung geben.

Lästig war es, dem ewig schwatzenden Führer zu folgen; der wollte die Neugierde befriedigen und hetzte von einer Sehenswürdigkeit zur andern. Keines Eindrucks konnte man Herr werden; deshalb blieben wir einen Augenblick zurück, um in aller Ruhe das Bild in uns aufzunehmen. Dann standen wir an dem hohen Gitter, das das Plateau der Zitadelle abschließt.

[Sidenote: Kairo.]

Unter uns lag die große Stadt mit staubfarbenen Gebäuden, mit Türmen und Minarets.

Als breites Silberband schimmerte der Nil durch die Reihen der Häuser; einzelne Palmen zierten seine Ufer. In der Ferne begann die Wüste gerade dort, wo die Pyramiden von Gizeh mächtig emporragten. Weiter links am Nil hinauf waren die Pyramiden von Memphis im Dunst des Tals und im letzten Schein der feurig in die Sahara untertauchenden Sonne zu erkennen.

Als wir zur Stadt zurückfuhren, zündeten braune Gestalten die wenigen Laternen an; die Fußgänger auf den Straßen mehrten sich; vor den Trinkhallen saßen Männer auf den Trottoirs und rauchten Wasserpfeife.

Unter beständigen Zurufen an seine Pferde lenkte der Kutscher unsern Wagen zum Hotel.

[Sidenote: Auf der Cheopspyramide]

Der nächste Morgen war hell, wie fast das ganze Jahr hindurch in Kairo, als wir über die Nilbrücke nach Gizeh fuhren. Auf dem Wege kamen uns Kameele und Esel entgegen, die hoch und breit mit Grünfutter, Gemüsen, Körben mit Geflügel oder großen Milchgefäßen beladen zum Markte getrieben wurden. Die Sonne stieg höher über die Türme der Stadt und beleuchtete die üppige blütenreiche Pflanzenpracht des Gizeh-Garden. Vom Nil her wird das Wasser in den Garten gepumpt, weil es vom Himmel nicht zu erwarten ist; nun sprudelt es hier und dort aus dem Rasen hervor und überschwemmt die Beete.

Der breite von Akazien beschattete Weg biegt nach Westen auf die Pyramiden zu.

Wer es nicht gesehen hat, kann sich keinen Begriff machen von dem Eindruck der mächtigen von Menschen aufgetürmten Steinmassen aus der Nähe.

Man sagt, die Pyramide liege in dem Mittelpunkt der ganzen bewohnten Erde; der Meridian, der den Platz der Pyramide schneidet, decke mehr Land als irgend ein anderer und auch kein anderer Breitenparallel soviel wie der 30° N.

Wie weit solche Betrachtungen von Bedeutung sind, darf man dahin gestellt sein lassen. Wunderbar aber ist es, daß sich an der Cheopspyramide geometrische Proportionen nachweisen lassen, daß der Porphyrkoffer im Innern ein Einheitsmaß darstellt, daß die Richtung der Seiten bei allen Pyramiden den Himmelsrichtungen entsprechen; die Phantasie wird mächtig angeregt, wenn sie in dem Riesenbauwerk verborgene Rätsel sucht.