Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste
Part 9
Hatte unsere Ruhestunde im alten, schattigen Park von Ourir schon etwas unter der Zudringlichkeit der Mücken gelitten, und hatten sie uns in ben Rezig am Ufer der Seguia in unserer Arbeit mit Erfolg zu stören versucht, so wurden sie hier zu einer fast unerträglichen Plage. Die ganze Luft war erfüllt damit. Haufenweise konnte man sie greifen. Sie krochen in Ohren und Nase, und sowie man den Mund öffnete, benutzten sie auch diesen als Schlupfwinkel. Wir dachten ein großes Feuer zu machen, in der Hoffnung, sie dadurch wenigstens in einem kleinen Umkreis zu vertreiben. Aber wie es der Zufall wollte, gerade an diesem Tage war das Brennmaterial knapp. Was wir aus Biskra mitgenommen, war bereits verbraucht. Es war ohnehin wenig gewesen, da Jussuf versichert hatte, es würde sich unterwegs immer genügend davon auftreiben lassen. Diese Behauptung hatte uns höchlich erstaunt. Aber bis jetzt war sie zugetroffen. Gewöhnlich während der letzten Marschstunde sammelten die Kabylen alles, was sie auf dem Wege fanden, Reiser, Wurzelknollen und dergleichen. Wie diese Dinge dahingekommen waren, konnte man sich nicht erklären. Aber sie waren da, und zusammen mit dem harten, halbvertrockneten Gras, das wir überall, wo wir Station machten, vorfanden, hatte es immer für ein tüchtiges Feuer gelangt. Heute aber war die Lese so wenig ergiebig gewesen, daß der Ertrag kaum reichte, um eine bescheidene Mahlzeit dabei herzurichten.
»Warum schicken Sie nicht hinüber in die Oase und lassen etwas Holz holen?« fragten wir Jussuf.
»Das hat keinen Zweck,« erwiderte er, »die Leute dort haben auch nichts.«
Wir waren ja etwas anderer Ansicht. Aber da wir schon öfters den kürzeren gezogen hatten, wenn es sich um Dinge handelte, die das Leben und die Gebräuche der Eingeborenen betrafen, so behielten wir unsere Meinung diesmal für uns.
Beim Essen halfen wir uns so, daß wir uns mit dem Teller und der Speise hinter einen Moskitoschleier verschanzten. Das war nicht gerade sehr bequem, aber der Zweck war erreicht. Und wir konnten darüber lachen, wie die kleinen frechen Quälgeister mit wütendem Gesumm die weiße Mullwand attackierten. Ob sie über ihre Niederlage wüteten, ob ihnen der Appetit an den Fremden überhaupt vergangen, oder ob der Wind, der sich aufmachte, ihnen nicht zusagte? Jedenfalls waren sie einige Zeit später spurlos verschwunden.
An diesem Abend konnten wir uns nach Biskra zurückversetzt glauben. Die Oase, aus der, solange noch der Tag regierte, kein lauter Ton, kein Zeichen von Leben gedrungen war, erwachte immer mehr, je weiter die Nacht vorrückte. Tamtamschlag, Flötenspiel, phantastische Gesänge, wilde Schreie und bissiges Hundegebell zerrissen die nächtliche Stille, ließen wieder die Ahnung von glühender Sinnlichkeit entstehen. Und wie wir es schon von den fiebrischen Nächten Biskras her kannten, stellte sich auch hier erst lange nach Mitternacht völlige Ruhe ein.
* * * * *
Menschenleer, in einem weichen, verträumten Frieden ruhend, so fanden wir am nächsten Morgen die Oase, als wir sie auf dem Wege, der weiter gen Süden führt, durchquerten. Als ob das ganze heiße, lärmende Leben der Nacht nur ein Gaukelspiel unserer Sinne gewesen wäre. Hier wie überall waren die Straßen mit hohen Lehmmauern gesäumt, die jeden Blick in das grüne Gewirr der Gärten neidisch verwehrten.
Eine unsagbar triste Strecke erwartete uns hinter Ourlana. Etwas wie ewige Trostlosigkeit schien dem armen Boden zu entströmen, schien die ganze Luft zu füllen und legte sich lähmend auf unsere Stimmung.
Aber siehe da, mitten in dieser verzweiflungsvollen Einöde fanden wir ein Paradies! Es war Sidi Amran, eine der denkbar reizvollsten Oasen.
Köstlicher Schatten und eine mit Wohlgerüchen erfüllte Luft umfingen uns. Hart am Wege rieselte eine kristallklare Quelle. Schlanke braune Knaben lagen auf dem üppig grünenden Boden und bewachten die Ziegen und Maulesel, die sie zur Tränke gebracht hatten. Ha, wie unsere Tiere lange Hälse machten und nach dem kühlen Labsal strebten! Und mit welchem Behagen sie es schlürften!
Aus dem dämmerigen Schatten heraus konnte man den sonnenüberfluteten Pfad verfolgen, der durch das Dorf bis vor den Eingang einer etwas höher gelegenen Moschee führte. Groß und breit beherrschte sie das ganze Bild. Auf dem flachen Dache des Gotteshauses waren eine Menge Leute um eine Gruppe Tanzender versammelt. Musik und Gesang erklangen, und eine laute, wilde Fröhlichkeit ging von diesen Menschen aus, die, in ihre weißen Burnusse gehüllt, unter dem strahlend blauen Himmel und im gleißenden Sonnenlicht phantastischen Erscheinungen glichen.
So völlig nahm uns das eigenartige Bild gefangen, daß wir ganz vergaßen, das nähere Zusammenkommen unserer Pferde zu vermeiden. Und schon war auch das Unglück geschehen.
Der famose Schimmel, den wir seines ruhigen und friedfertigen Wesens wegen das Schäfchen getauft hatten, schien sich mit einem Male all der Übeltaten zu erinnern, die ihm der eine Graue schon angetan, und den Moment der Rache für gekommen zu erachten. Mit einem mächtigen Hufschlag traf er den Feind, und dieser, nicht träge, vergalt in gleicher Weise, noch ehe der überraschte Reiter dies verhindern konnte. Die Pferde waren nicht sehr empfindlich, das hatten wir schon wiederholt beobachten können. Also beruhigten wir uns damit, daß der Vorfall keine schlechten Folgen haben würde.
Es fiel uns nicht leicht, Sidi Amran den Rücken zu kehren. Doch was half's? Weiter! hieß die Parole.
Und wieder umfing uns dieselbe verzweiflungsvolle Öde. Aber da wir noch ganz erfüllt von der Erinnerung an die entzückende Oase und trotz des kurzen Aufenthaltes auch physisch sehr erquickt waren, gewann sie nicht mehr dieselbe Macht über unsere Stimmung.
Dieser Tag brachte Überraschungen. Abermals bot sich uns ein ungewöhnlicher Anblick. In kurzer Entfernung bemerkten wir plötzlich eine große graue Masse ziemlich flach über dem Erdboden sich fortbewegen. Was konnte es nur sein? Bald hatten wir das graue schwankende Etwas eingeholt: es waren an die hundert Bouriquots, eine winzige Eselart, die kaum die Höhe eines Schafes erreicht. Sie haben treuherzige Köpfe, stockdünne Beinchen und sind von einem rührenden Eifer beseelt. Auf jedem dieser winzigen Tierchen saß rittlings ein ausgewachsener Araber. Die Füße des Reiters berührten den Boden, und der Burnus bedeckte nicht nur ihn, sondern auch den Leib des Eselchens. Alle Reiter hatten zum Schutze gegen Sonne und Staub die Kapuze hochgezogen, und so sah man von rückwärts nichts als die spitzen, in die Höhe strebenden Kopfbedeckungen und unnormal kurze Körper, die auf unzähligen Beinen zu laufen schienen. Ein Heer grotesker Gnomen, seltsam und komisch wirkend.
Überholte man aber diese Reiter und blickte in all die braunen, scharfgeschnittenen, ernsten Gesichter, die in der weißen Umrahmung der Kapuzen doppelt markant wirkten, so fiel mit einem Male alles Komische und Lächerliche von ihnen ab. Es läßt sich nicht leugnen: der Araber hat Haltung, und immer wieder macht sie den Fremden erstaunen und nötigt ihn zum Bewundern.
Freudig begrüßten wir eine Änderung des trostlosen Geländes. Der Boden fing an zu steigen. Bald hatten wir die Anhöhe erreicht und erblickten nun auf der anderen Seite, etwas tiefer gelegen, ein ganz neues Panorama. In Wirklichkeit war es eine weite, sumpfige Ebene. Aber die salpeterige Ausdünstung des Bodens täuschte wieder spiegelglatte Wasserflächen vor, gewaltige Dünen schoben sich wie Dämme dazwischen, und das Ganze machte den Eindruck einer großen schimmernden Seenkette. Selbst diese Vorspiegelung falscher Tatsachen genossen wir mit Entzücken.
In der Ferne winkte uns Mogar. Aber es hatte gut winken. Nicht so schnell würden wir in seine Mauern einziehen. Schon eine Weile konnten wir beobachten, daß die beiden Tiere, die sich in Sidi Amran geschlagen, sich schonten. Das Gehen auf dem unsicheren morastischen Boden schien die Sache zu verschlimmern, und plötzlich ging der Graue völlig lahm. Da blieb nichts andres übrig als absteigen und das Pferd am Zügel führen. Und zur Gesellschaft und weil eine Strecke zu Fuß gehen eine ganz gute Abwechslung bot, taten alle dasselbe. Nach Mogar, einer der größten Oasen auf dem Wege nach Süden, kamen wir auf diese Weise allerdings viel später, als wir gerechnet hatten.
In einem armseligen arabischen Café, dessen dicke Lehmmauern und dessen kleine niedrige Türe Wärme und Licht erfolgreich den Eingang wehrten, hielten wir Kriegsrat, sobald wir uns etwas von den ausgestandenen Strapazen der heißen Mittagswanderung erholt hatten. Programmäßig sollten und wollten wir an diesem Tage noch Tugurt erreichen. Und alles wäre gut gegangen, wenn -- ja wenn uns die Pferde nun nicht den Strich durch die Rechnung gemacht hätten. Mit den beiden lahmen Tieren noch den Rest des Weges zu schaffen, war völlig ausgeschlossen. Da wir aber aus verschiedenen Gründen an der Ausführung unseres Planes festhalten wollten, faßten wir die Idee, Muhamed auf seinem tüchtigen Muli nach Tugurt zu senden, um dort einen Wagen aufzutreiben, der uns das letzte Stück Wegs, etwa zwanzig Kilometer, befördern sollte. Nachdem dieser Punkt erledigt, unsere Karawane eingetroffen war und Muhamed seine Mission angetreten hatte, lagerten wir uns in einem verwilderten Palmengarten zu wohlverdienter Rast.
Der Zeitpunkt rückte heran, zu dem wir Muhamed mit oder ohne Wagen zurückerwarteten. Aber nichts kam in Sicht. Eine weitere Stunde verging, und noch immer war weder etwas von Muhamed noch von einem Wagen zu erblicken. Die Hoffnung auf Erfüllung unseres Planes fing an zu schwinden.
Um den Rest des Tages nicht untätig zu verbringen, machten wir uns auf den Weiterweg. Die beiden »Pferdelosen« unserer kleinen Gesellschaft thronten nun auf Mauleseln, während die lahmen Tiere von Kabylen im Schritt nachgeführt wurden.
Bei dieser Gelegenheit wurde uns klar, wie nötig es gewesen wäre, Ersatzpferde mitzunehmen. Aber niemand hatte daran gedacht. Auch nicht unser guter Jussuf.
Als wir schon gar nicht mehr mit der Möglichkeit rechneten, tauchte nun doch noch das Fuhrwerk auf. Ein kleiner Kremser, mit zwei Pferden und zwei Maultieren bespannt. Der Kutscher ein Franzose und, wie sich nachher herausstellte, der Besitzer des einzigen französischen Hotels in Tugurt.
Es dauerte nicht lange und wir waren mit unserem bescheidenen Gepäck im Innern des Wagens untergebracht. Muhamed, der uns begleiten sollte, fand Platz neben dem Kutscher.
Jussuf verblieb bei der Karawane, die noch bis Sonnenuntergang marschieren und die letzte Strecke am nächsten Morgen zurücklegen sollte.
Nicht so leuchtend und farbenfreudig wie sonst ging an diesem Tage die Sonne unter. Es fehlte der warme, alles verklärende Glanz. Geradeso, als ob Verstimmung über ihr Antlitz zöge. Und ungewöhnlich rasch däuchte uns ihr Abschied und trister als sonst die Erde, nachdem sie gegangen war.
Eine kurze Zeitlang konnten wir noch einige kolossale Dünen in der Ferne und die Oasen unterscheiden, die rechts und links nicht allzu weit vom Wege lagen. Dann lösten sich alle Linien auf, und Dunkelheit umfing uns.
In Decken gehüllt und trotzdem fröstelnd saßen wir in dem engen, stockfinsteren Käfig, dessen Ledervorhänge herabgelassen waren, um die kalte Nachtluft so gut als möglich abzuhalten. Stuckernd und krächzend ging der Wagen bald über harten, steinigen Boden, bald schwankte er wie trunken in tiefem, nachgiebigem Sand. Da plötzlich ein gewaltiger Ruck, daß die Köpfe gegeneinander flogen, und halb nach der Seite übergekippt saß das Fuhrwerk in einer Vertiefung fest.
Wir kletterten heraus und fanden nun -- nicht mehr die uns schon vertraute weiche blauschwarze Finsternis der südlichen Nacht, sondern eine undurchdringliche graue Atmosphäre, die alles zu erdrücken schien. Ein Sandsturm hatte sich erhoben, und wir waren mitten drin.
Zuerst hieß es jetzt den Wagen wieder aus der Vertiefung schaffen. Eine nicht ganz leichte Aufgabe, da keiner unterscheiden konnte, was der andere tat. Aber nach einigen vergeblichen Anstrengungen war die Arbeit gelungen.
Nun stellte der Kutscher fest, was er schon seit einer Weile befürchtete, daß er den Weg verloren hatte. Er hoffte ihn wieder zu finden. Also fuhren wir weiter.
Wir stiegen nicht wieder ein, sondern hielten uns hart zu dem Wagen, der bloß langsamen Schrittes vorwärts kam. Die müden und aufgeregten Tiere waren nur noch durch Peitschen und Zurufen im Gange zu halten. Und plötzlich versagten sie ganz, rührten sich nicht mehr von der Stelle. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatten und wieder anzogen. Inzwischen untersuchte der Kutscher den Boden auf irgend welche Spuren. Hätte er nur wenigstens eine Laterne besessen! Aber er hatte nichts mit als ein paar armselige Streichhölzer, die immer viel zu rasch erloschen.
Und wieder tasteten wir uns weiter in dem grauen Meer, wieder und abermals wieder wurde der Boden abgeleuchtet; endlich wurden die Spuren der Straße entdeckt.
Daß wir uns dahin zurückgefunden, war vielleicht weniger der Führung des Kutschers als dem Instinkt der Tiere zu danken, deren Ruhe und Willigkeit zum Vorwärtsgehen uns auch vermuten ließen, daß wir uns in der richtigen Direktion bewegten.
Wie lange mußten wir wohl noch in diesem grauen Chaos aushalten? Wie lange noch weiterkriechen auf diesem unsicheren Meeresboden, dessen gewaltige graue Wogen in jeder Sekunde über uns zusammenzustürzen und uns zu begraben drohten? Es lag etwas so erbarmungslos Gewaltiges in diesem Aufruhr der Natur, daß auch den Resolutesten ein banges Gefühl und das Bewußtsein seiner Ohnmacht und Nichtigkeit überkommen konnte.
Endlich, endlich glaubten wir ein Licht zu entdecken! Es verschwand. Tauchte wieder auf. Leuchtete etwas klarer. Und dann erschien noch eines, und zuletzt eine ganze Anzahl, wie an eine Kette gereiht. Kein Zweifel konnte mehr darüber herrschen, es waren die Lichter von Tugurt. Ohne daß wir es wußten, waren wir bereits in allernächster Nähe der Stadt angelangt. In wenigen Minuten würden wir den Fängen des Sturmes entronnen und zwischen schützenden Mauern geborgen sein. Erleichtert atmete ein jeder in dieser frohen Gewißheit auf.
Zwar ging es auf Mitternacht, aber es waren doch nur drei Stunden, um die wir uns verspätet hatten. Uns waren sie wie eine Unendlichkeit erschienen.
Tugurt
Wie am Abend der letzte, so galt am Morgen der erste Gedanke unserer Karawane. Wo mochte sie weilen? Wie mochte ihr der Sturm mitgespielt haben? Aber noch im Laufe des Vormittags fand sich zu unserer großen Freude Jussuf ein. Sie hatten mit Tagesanbruch, sobald die Richtung einigermaßen erkennbar war, ihren Weg fortgesetzt, waren wohlbehalten angekommen und lagerten nun draußen am Eingange zur Stadt.
Drei Tage lang trug die Oase ein tristes Gesicht. Drei Tage lang verhüllte der Sturm die reinen Linien des Bildes. Und lüftete sich hin und wieder der Schleier ein wenig, so war es nur, um gleich danach in um so dichteren Falten wieder herabzusinken.
Menschenleer erschien der Ort. Die Marktplätze lagen verödet. Aus den Cafés drang kein Tamtamschlag und keine verführerischen »Yu-Yu«-Rufe der Ouled Naïls. In den Straßen häufte sich der feine, graue Staub, in dem der Fuß wie in weichem Schnee versank.
Uns hielt es jedoch nicht zu Hause. Wir wagten uns hinaus und arbeiteten uns zu der halbversunkenen Moschee durch, die, ein Stück entfernt, außerhalb der Stadtmauern liegt. Wie ein Wrack aus der Flut, so ragen die Kuppeln dieses uralten Gotteshauses aus dem Sandmeer hervor. Da hilft kein Wehren! Langsam, aber unerbittlich wird es von dem mächtigen Feinde verschlungen, von demselben Feinde, der auch in dieser Stunde bei seiner vernichtenden Arbeit war, der dem Tage sein unbeschreiblich melancholisches Gepräge gab: grau der Himmel, grau die Erde, grau die Atmosphäre. Als ob niemals hier die Sonne geschienen hätte oder je wieder leuchten könnte.
Die niedrigen, flachen Häuser der Stadt, die sich nur in schwachen Umrissen markierten, die unregelmäßigen Dünenerhöhungen wirkten wie ein gewaltiger Todesacker, auf dem ein paar einsame Palmen als dunkle, unheimliche Wächter standen.
* * * * *
Tugurt mit seinen 6000 Einwohnern und seinen 170000 Palmbäumen, die den dunklen Hintergrund der farblosen Stadt bilden, ist von großer kommerzieller Bedeutung, da es auf dem Wege nach Ouargla im Süden und dem Gebiet des Souf im Osten gelegen ist. Aber als äußerst ungesund gilt dieser Ort, der sich am Ufer des Schott Ghemora ausbreitet. Und in früheren Jahren, als noch ein sumpfiger Graben die ganze Stadt umgab und die Luft mit seinen Ausdünstungen vergiftete, war sie ein richtiges Fiebernest. Vieles ist anders und besser geworden, seitdem die Franzosen die Herrschaft übernommen, aber das barbarische Klima, das zuweilen des Nachts eine Temperatur von 7 Grad Celsius unter Null und mittags 50 Grad Hitze im Schatten zeigt, und das überaus schlechte Wasser der Gegend setzen auch ihren Bemühungen unüberwindliche Schranken entgegen.
Entsprechend der Bedeutung des Ortes, der als wichtiger militärischer Vorposten betrachtet wird, ist die Festung. Die ziemlich ausgedehnte Kaserne und das Wohnhaus des Kommandanten, von einer hohen, massiven, mit Schießscharten und Wachttürmen versehenen Mauer umschlossen, wirken inmitten der niedrigen Häuser doppelt imposant. Gegenüber der Festung erhebt sich in blendender Weiße und in reizvoller Bauart das einzige große und bemerkenswerte Gebäude der Stadt, das sogenannte Bureau Arabe, in dem alle gerichtlichen Fragen geschlichtet werden.
Zwischen diese beiden wichtigen Punkte, die Kasba[14] und das Gerichtsgebäude, schiebt sich ein weiter, unregelmäßig geformter Platz, der weder Baum noch Strauch, dafür aber einen anderen unschätzbaren Schmuck, einen gewaltigen artesischen Brunnen aufweist. Mit kolossaler Macht stoßen die Wassermengen in die Höhe, ununterbrochen, in treibender Hast, als ob sie nicht schnell genug zum Licht des Tages kommen könnten. In einem großen Bassin sammelt sich das kostbare Naß, und ein Aquädukt führt es weiter hinaus, wo es sich in hundert Adern ergießt und Leben und Fruchtbarkeit hervorzaubert.
[14] Kasba -- Festung.
An demselben großen freien Platze, dessen lebenspendender Brunnen das Auge erquickt, lag das Hotel, das einzige, das Tugurt aufzuweisen hat. Aber Zimmer gab es nicht in dem kleinen Hause. Hier fanden wir uns nur zu den Mahlzeiten ein. Und diese wären gar nicht zu verachten gewesen, trotzdem als Fleischgericht meist nur Hammel in irgendeiner Form erschien, wenn nicht die entsetzliche Fliegenplage gewesen wäre. In Biskra glaubten wir uns schon über diese schwarze Gesellschaft beklagen zu müssen, aber mit Unrecht, wie wir jetzt einsahen. Denn dort waren es ja einsame Exemplare und Aristokraten ihres Geschlechts, verglichen mit dem zudringlichen Geschmeiß, das sich hier breit machte. In wenigen Sekunden war eine Speiseschüssel so dicht belagert, daß man nicht mehr erkennen konnte, was sich darunter verbarg. Jeden Bissen mußte man sich erkämpfen. Und die Tiere ließen sich eher töten, als daß sie ihren Platz aufgaben. Das waren Mahlzeiten mit Hindernissen, bei denen der Appetit meist Reißaus nahm. Gewöhnlich hielten wir uns danach mit einer tüchtigen Portion Datteln schadlos.
In der Straße, die wir bei unserer nächtlichen Ankunft zuerst passiert hatten, in einem langgestreckten einstöckigen Gebäude von der Art, wie sie in diesem sogenannten europäischen Stadtteile alle waren, lagen die Räume, in denen wir wohnten. Kahl waren sie wie Gefängniszellen: geweißte Wände, ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, der Boden aus festgestampftem Lehm. Ein kleines vergittertes Fenster ließ nur spärliches, durch einen Arkadengang ohnehin gedämpftes Licht hinein. Man betrat die Räume direkt von der Straße, und durch die Spalten der schlecht schließenden Türen trieb der Wind den Sand zu Haufen in die Stuben.
Wie gerne wären wir trotz des ungünstigen Wetters in unsere Zelte zurückgekehrt! Aber die Leute sollten ein paar völlig freie Erholungstage haben. So opferten wir unsere Wünsche.
* * * * *
Endlich schien die Sonne wieder! Endlich strahlte der Himmel wieder in fleckenlosem Blau! Endlich kamen die Menschen wieder aus ihren Höhlen hervor, in die sie sich verkrochen hatten, und die Straßen und die Cafés, diese einzigen Vergnügungsorte der Oasen, belebten sich. Wie das gut tat! Wie dankbar man alles empfand nach der vorhergegangenen Grabesstimmung.
Es war Markttag, und auf dem weiten Platz um den mächtigen Brunnen herrschte ein buntes Gewimmel. Alle afrikanischen Rassen waren hier vertreten, vom mattgebräunten Bewohner des Tells bis zum ebenholzschwarzen Sudanesen.
Datteln schienen auf dem Markt von Tugurt das größte Tausch-, Kauf- und Verkaufsobjekt zu sein. Datteln aller Arten: große, durchsichtig goldig-braun mit saftigem Fleisch, dunkelbraune, schmal und mager, und kleine graue, die bei den Eingeborenen sehr beliebt sind, weil sie sich ihrer trockenen Haut wegen leicht im Burnus mitnehmen lassen. Zu großen Haufen waren sie auf dem Boden aufgeschichtet, und Fliegen, Käufer und Händler drängten sich darum.
Im Schatten der hohen Festungsmauer standen, ihrer schweren Lasten entledigt, die Kamele und taten sich an Dattelkernen gütlich; in der Nähe der großen Moschee hatten die Messerschmiede mit ihren interessanten Arbeiten sich niedergelassen, und in einer anderen Ecke verführten bunte Stoffe, Kamelhaarkordeln und Nähartikel allerprimitivster Art zum Kaufen.
Auf dem zweiten und viel kleineren Marktplatze bot man Getreide in bescheidenen Mengen feil, gelbe Rüben und Zwiebeln, die zur Kuskuswürze so nötigen Zutaten, Brennholz, hier ein seltenes und kostspieliges Material, das nur in einzelnen Stücken verkauft wird, und Hammel und Schafe, die vor den Augen des Käufers geschlachtet und zerteilt und geröstet werden.
Dies alles erinnert an den Markt von Biskra, und doch löst es bei dem Beschauer nicht dieselbe Wirkung aus. Es lastet eine schwüle, drückende Stimmung über dem Ganzen. Es fehlt dem Bilde der heitere, fröhliche Ton, der einen Besuch auf dem Marktplatz von Biskra zu solchem Genusse stempelt.
* * * * *
Im Westen der Kasba liegt der ärmere Teil der Stadt: viele, viele kleine, aus getrocknetem Schlammboden errichtete Gurbis.[15] Lange, gewundene, überbaute Gassen, in die niemals die Sonne dringen kann, führen durch dieses kühle Labyrinth. Nur wo die Wege sich kreuzen, fällt etwas Helligkeit von oben hinein und läßt den Wanderer die Richtung erkennen. Diese schmalen, lichtlosen Gänge, in denen sich rechts und links an den Mauern Lehmbänke entlang ziehen, dienen den Obdachlosen als Heim und den Einwohnern als Aufenthaltsort und Schlafstelle, wenn die brutale Macht der Sonne die Erde zur Hölle wandelt.
[15] Gurbi -- Haus.
Auf diese finsteren Wege münden auch die Eingänge zu den Wohnungen, in denen die Menschen hausen. So etwas von Armseligkeit kann man sich nur vorstellen, wenn man es gesehen hat.
Ein enger Gang führt zu einer niedrigen fensterlosen Höhle, die uns selbst für Tiere zu schlecht dünken würde, und darin hausen oft vier, sechs und noch mehr Personen. Wie sie da zurechtkommen, blieb uns ein ungelöstes Rätsel. Manche teilen diesen winzigen Raum sogar noch mit den Hühnern. Das flache Dach dieser Höhle bildet eine Terrasse, auf der sich am Abend jung und alt einfindet. Am Tage vergnügen sich dort die Ziegen und das Federvieh.
In manchen Wohnungen verkrochen sich bei unserem Eintritt die Frauen in die hinterste Ecke, um nicht gesehen zu werden. In anderen benahmen sie sich viel weniger scheu und freuten sich, wenn man ihre trotz allem Schmutz entzückenden Kinder bewunderte und beschenkte.