Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste

Part 8

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Am Horizont erscheint ein langer dunkler Streifen, der sich in einzelne schwarze Punkte auflöst. Es ist eine Kamelherde, die wir bald überholen. Ein Tier schreitet hinter dem anderen. Lautlos, langsam, gewichtig. Keines wendet den Kopf. Aber mit ihren großen dunklen, vielsagenden Augen betrachten sie uns aufmerksam von der Seite. Erschrocken und hilfesuchend eilen die grotesken, unerfahrenen Jungen in die Nähe der Mütter. Ein bissig aussehender Köter rast hin und her, als ob er seine Schutzbefohlenen zählte. Lautlosen und langsamen Schrittes, wie seine Tiere, folgt rosenkranzbetend der magere, sonngebräunte Nomade.

Alles wird in dieser tödlichen Einöde zum Ereignis, prägt sich dem Bewußtsein in ungewöhnlicher Schärfe ein.

Just als die Sonne sich zum Abschiednehmen rüstete und den unfruchtbaren Boden wieder mit all ihren märchenhaften Farben tränkte, tauchte die kleine Bordj Stil vor uns auf. Nicht weit davon lagerte unsere Karawane. Sie war längst vor uns eingetroffen, da sie an diesem Tage nur kurze Mittagsrast gehalten und ihren Marsch gleich danach fortgesetzt hatte. Die Zelte standen bereits, die Maulesel steckten mit den Nasen schon tief im Futter, Salem hockte wie ein Gnom zwischen allerhand geöffneten Büchsen in seinem Küchenzelt, und im Kreise um das Feuer geschart, über dem der Kuskustopf brodelte, saßen mit ernsten Gesichtern die Kabylen. Schweigend, mit einer Art Andacht, warteten sie auf den Augenblick, wo der Inhalt des Topfes in die große, flache hölzerne Schüssel geschüttet wurde, aus der sie gemeinsam aßen. Einige waren in der Zivilisation schon so weit gekommen, daß sie einen Löffel benutzten, andere gebrauchten statt dessen das ihnen von der Natur gegebene Instrument, ihre fünf Finger. Jeder fischt sich ein Stück Fleisch heraus, das er vor sich auf den Boden legt und von dem er ab und zu einen Bissen abreißt. Die Schüssel wird so leer gegessen, daß man es nicht für nötig hält, sie noch auszuwaschen. Wer einen Löffel besitzt, verbirgt ihn in seiner Gandura. Es ist wohl kaum möglich, die Lebensgewohnheiten noch mehr zu vereinfachen. Aber der Reichste der Welt kann nach dem köstlichsten Mahle nicht befriedigter sein als diese Berberenkel nach ihrem Kuskusgericht, wenn das Stück Hammelfleisch darin nur reichlich bemessen war.

Spät am Abend bekamen wir zu unserer großen Überraschung noch Nachbarn. Eine Nomadenfamilie stellte ihr niedriges Zelt hart neben den unseren auf. Es lag ein großer Reiz für uns darin, diese Wandervögel der Wüste so dicht bei uns zu haben, aus solch unmittelbarer Nähe beobachten zu können, wie jeder seine Arbeit verrichtete, fast ohne ein Wort zu verlieren, wie der Mann drinnen im Zelt der Sitte gemäß allein sein Essen verzehrte, während die Frau mit den beiden Kindern draußen darauf wartete, den Rest zu erhalten, den er ihnen übrigließ.

Jussuf aber blickte auf die enge Nachbarschaft mit etwas scheelen Blicken. Aus einem tiefgewurzelten Mißtrauen heraus ordnete er an, daß die Wache während dieser Nacht verdoppelt werden sollte.

In der Frühe fanden wir die Stelle neben uns leer. Ohne eine Spur zu hinterlassen, wie die Vögel in den Lüften, waren unsere nächtlichen Anwohner verschwunden.

Bald nach dem Aufbruch an diesem Morgen erreichten wir Kef-el-Dohr, einen Hügelrücken, der, von Osten nach Westen laufend, den Weg nach dem Süden zu sperren schien. Auf der Höhe angelangt, standen wir wie gebannt, stumm vor Erstaunen und Verwunderung: Zu unseren Füßen weitete sich ein herrlicher See; auf den hochgehenden Wellen glitten große Dampfschiffe dahin, zahlreiche Segelboote kreuzten, kleine Fahrzeuge bahnten sich dazwischen ihren Weg. Hohe, schlanke Pappeln säumten das Ufer, und wunderschöne Villen ruhten halbversteckt unter mächtigen Palmen, deren Kronen sich im Winde wiegten. Ein feiner silbriggrauer Dunst lag über dem entzückenden Landschaftsbilde.

Wir setzten unsere Pferde in Trab, um das Wasser, dessen Wellenschlag man zu vernehmen glaubte, zu erreichen. Aber mit jedem Schritte, den wir näherkamen, veränderte sich das Bild, ward unklarer, verblaßte, bis schließlich nichts mehr übrigblieb als eine große, glänzende Fläche -- der Schott[11] Merouan. Über seinem mit Salzkristallen bedeckten Boden hatte die Sonne diese köstliche Fata Morgana hervorgezaubert.

[11] Schott -- Sumpf.

Eine neue, fremdartige Szenerie fesselte nun das Auge. Zur Linken der unübersehbare Schott mit seinen phantastischen Luftspiegelungen, zur Rechten ein weites, völlig ebenes Land, das streckenweise im nordischen Winterkleide zu liegen schien. Die hohen Palmen, die niedrigen Büsche, die dürftigen Gräser, alles sah aus, als wäre es mit Rauhreif bezogen. Und weiter gen Süden tauchten als dunkle Zeichnung auf lichtem Grund die zahlreichen Oasen des Oued Rir auf.

Dumpf und hohl klangen die Hufschläge der Pferde und das Trappeln der Maultiere auf der Straße, die sich längere Zeit an diesem blendenden Sumpfgebiet entlang windet, das etwa zwanzig Meter unter dem Meeresspiegel liegt.

In der Mittagsstunde erreichten wir Ourir, eine große Plantage im Besitze der Société du Sud-Algérien. Man bemerkte sofort: hier herrschte ein anderer Geist, zielbewußter, exakter als der des wenig tatkräftigen Arabers.

Auf einer breiten, vorzüglich gehaltenen Straße gelangten wir zur Bordj, deren einer Flügel für den französischen Verwalter der Oase und dessen Familie als Wohnung eingerichtet ist. Durch die überaus liebenswürdige Gastfreundschaft dieser Menschen knüpfen sich für uns an Ourir die angenehmsten Erinnerungen. Der dringlichen Aufforderung, als Mittagsgäste zu bleiben, wichen wir allerdings aus, ebenso der Einladung, uns an kühler Limonade zu laben, denn wir waren davor gewarnt, das als schlecht und gefährlich bekannte Wasser dieser Gegend in irgendeiner Form zu genießen. Aber mit Dank begrüßten wir die Gaben, mit denen die Hausfrau unseren Tisch bereicherte: frisches Gemüse, zarten Salat, rosige Radieschen und köstliches Obst.

An einer schattigen Stelle in der alten, parkartigen Oase hatte Salem unser Mahl gerichtet, und nachdem wir uns gestärkt und etwas geruht hatten, besichtigten wir unter Führung des Ehepaares verschiedene interessante Dinge in dem Bereich, der ihre Welt bedeutete. Wir machten einen Gang in die große, neue Plantage, die sich im Norden der Bordj ausdehnt, und wir wanderten durch das Dorf der Arbeiter, die sich fast ausschließlich aus Negern rekrutieren. Niedrige Lehmhütten, die die Gesellschaft errichten ließ, bilden ihr Heim. Außen, neben jedem Türeingang, liegen auf einem erhöhten Erdhaufen ein paar Steine. Das ist Herd und Küche zugleich. Nackte Kinder und schwarze, kraushaarige Frauen belebten die schattenlose Dorfgasse. Wir standen staunend vor dem gewaltigen artesischen Brunnen, der aus dem unterirdischen Flusse, dem Oued Rir, die riesigen Wassermengen heraufschafft, die für das Gedeihen der Oase unerläßlich sind; wir sahen den Arbeitern zu, die, hoch oben in den Gipfeln hockend, die Befruchtung der Palmen vornahmen, denn dieses Amt wird nicht dem Zufall überlassen, sondern man bestimmt selbst, welche Art von Früchten der Baum tragen soll.

Die Blüte der männlichen Palme, die in einer schwertförmigen Hülse steckt und der weiblichen Blüte sehr ähnlich sieht, wird geschnitten, sobald der Blütenstaub reif ist, und der feine Puder aus den weißen, faserigen Staubbeuteln wird auf die weibliche Blüte geschüttet. Der Blütenzweig einer männlichen Palme genügt, um eine große Anzahl weiblicher Blüten zu befruchten. Die nicht gebrauchten Blüten werden auf den Märkten verhandelt oder, sorgfältig in Tücher verpackt, bis zur nächsten Befruchtungszeit aufgehoben, die hauptsächlich in die Monate Februar und März fällt. Man kerbt die Palmen und köpft die Bäume, die keine Früchte mehr tragen, und aus dem ausfließenden Safte wird der Palmenwein hergestellt. Ein süßes und erfrischendes Getränk, solange es nicht in Gärung übergegangen ist. Nachher säuerlich und alkoholhaltig genug, um sich einen richtigen Kater damit holen zu können.

Bei einem Glase Lagmi[12] verabschiedeten wir uns von unseren liebenswürdigen Wirten, voll Dank für all die Freundlichkeiten, die sie uns Fremden erwiesen, und voller Bewunderung für die tapfere Art, wie sie ihr einsames Leben lebten auf diesem kleinen grünen Eiland in der unendlichen Weite der Sahara.

[12] Lagmi -- Name für Palmenwein.

Wie rasch die Zeit verstrichen war! Es ging bereits auf Fünf, als wir wieder zu Pferde stiegen. Nun hieß es tüchtig zureiten, um die dreißig Kilometer zurückzulegen, die uns noch von Sidi Khelil trennten, wo die wieder vorausmarschierte Karawane das Nachtlager richten sollte. Auch Jussuf und Salem waren längst auf dem Wege und nur Muhamed als unser Begleiter zurückgeblieben. In schlankem Trab und fliegendem Galopp ging es dahin, und als wir Mraier erreichten -- eine fruchtbare Oase, die 80000 Palmbäume aufweist und zugleich der einzige Ort ist, der zwischen Biskra und Tugurt Unterkunft in einem kleinen französischen Gasthaus bietet --, konnten wir konstatieren, daß wir etwas von der verlorenen Zeit bereits eingeholt hatten. Nur einen kurzen Aufenthalt gönnten wir uns, gerade so lange, um die durstigen Tiere zu tränken, ohne ihnen überhaupt erst das Gebiß abzunehmen, und dann ging es weiter. Bald im grundlosen Sand, bald auf hartem, kalkartigem Boden, über eintönige, kahlrasierte Flächen und unregelmäßige Hügellinien. Immer vorwärts, vorwärts, so rasch als möglich! Denn die Sonne kleidete Himmel und Erde bereits in ihre prächtigsten Farben, und wir wußten, was das bedeutete.

Doch wo lag Sidi Khelil?

Selbst Muhameds scharfe Augen konnten nirgendwo am Horizont den dunklen Punkt erspähen, der dem geübten Blick die Oase verrät.

Kaum war der letzte lichte Farbenton am Himmel verschwunden, als sich auch schon die Dunkelheit herabsenkte, so dick und schwer, daß man glaubte, sie mit den Händen greifen zu können. Ein Weg war nicht mehr zu erkennen. Wir konnten uns nur im Schritt weiterbewegen und mußten uns völlig auf unsere Tiere verlassen. Hin und wieder stieß Muhamed einen seiner charakteristischen, durchdringenden Schreie aus. Aber kein Echo kam.

Unsere Hoffnung, die Karawane noch zu treffen, schwand immer mehr, und wir überlegten die beiden Möglichkeiten, die uns blieben: entweder unter freiem Himmel zu übernachten und bei Tagesanbruch den Weg weiter zu verfolgen oder zu rasten, bis der Mond aufgegangen war, und dann die Suche fortzusetzen. Eingedenk unserer leichten Reitkostüme, die nur für die Hitze des Tages, aber nicht für die scharfe Kälte der Nacht berechnet waren, hatte die erste Idee wenig Verlockendes. Aber die zweite, ja, das ginge schon eher.

Muhamed wollte jedoch von alledem nichts wissen. Mit Schlagen und Schimpfen trieb er sein müdes Maultier an, um weiter zu suchen. Und diesmal mit Erfolg. Als wir, der Richtung seiner Stimme folgend, auf dem etwas ansteigenden Gelände noch eine Strecke vorwärtsgekommen waren, sahen wir in der Entfernung einen winzigen Lichtschimmer wie ein einsames Irrlicht blinkern. »Das kann nur das Feuer unserer Karawane sein,« behauptete Muhamed, und er hatte recht.

Die Gewißheit, nun doch noch ans Ziel zu kommen, feuerte uns wieder an. Und man merkte es auch an den Pferden, daß sie die Nähe der Krippe ahnten.

An diesem Tage hatten wir, seit Antritt unserer Wüstenreise, die längste Strecke zurückgelegt, nahezu 60 Kilometer. Menschen und Tiere waren ziemlich erschöpft. Eine Stunde nach unserem Eintreffen waren die Lichter bereits gelöscht, das Feuer ausgebrannt, und tiefe Ruhe herrschte im ganzen Lager.

* * * * *

Nichts Erfrischenderes, Belebenderes kenne ich als einen Morgen in der Wüste. Da gibt es nichts von grauer, trister Stimmung! Was bei uns zu Lande die Ausnahme, ist dort die Regel. Hoch und weit, in fleckenloser, strahlender Bläue dehnt sich der Himmel. Nicht die leiseste Dunstwolke trübt die Atmosphäre.

Wundervoll durchsichtige lichtgrüne Töne im Osten künden die Nähe des Tagesgestirns. Zu dem Grün gesellt sich bald ein zartes Gelb, das sich in tiefes, sattes Orange verwandelt, und auf diesem festlich leuchtenden Plan erscheint mit unfehlbarer Pünktlichkeit Frau Sonne. Sie, die Herrscherin in diesem Lande, dem sie in unbarmherziger Liebkosung das Mark aus den Adern saugt und dessen mageren, unfruchtbaren Körper sie dann, wie zum Ersatz, in duftige Gewänder von magisch zarten Farben kleidet.

Stets setzt mit Sonnenaufgang eine leichte Brise ein, und in der köstlich reinen Luft liegt ein undefinierbarer Duft, der die gesamten Lebensgeister wachruft. Alle Müdigkeit ist wie weggeblasen, und man fühlt sich, als ob man allen Strapazen der Welt gewachsen sei.

* * * * *

Dem Wüstenstrich zwischen Ourir und Temacine gibt der unterirdische Fluß, der Oued Rir, das Gepräge. Seinen unsichtbaren Lauf bezeichnen zahlreiche Oasen, die sich besonders auf der Strecke, die wir nun durchmaßen, oft in wenig Kilometer Entfernung folgen.

Zu den alten Anpflanzungen der Araber haben sich im Lauf der letzten Jahrzehnte eine ganze Anzahl von Franzosen angelegter Plantagen gesellt. Welch großen Aufschwung in der Palmenkultur deren rationelle Art von Bewirtschaftung hervorgerufen, dürften einige Zahlen bezeichnen: Im Jahre 1856 war das Tal des Oued Rir von etwa 7000 Menschen bevölkert. Heute zählt man über 15000 Einwohner. Die Zahl der Palmenbäume hat sich von 360000 auf 650000 erhöht, und während zu jener Zeit die gesamten Brunnen ungefähr 52000 Liter Wasser in der Minute lieferten, werden jetzt im selben winzigen Zeitraum 310000 Liter zutage befördert. Der Araber, der dem Rumi[13] im Innersten seines Herzens nicht sehr freundlich gesinnt ist, kann nicht anders als zugeben, daß die Hilfe des Fremden sein ödes Land verbessert und ihm zu seinem Vorteil verholfen hat.

[13] Rumi -- Römer. So nennt der Araber alle Fremden.

Nur selten führt die Straße durch eine der Oasen. Die meisten liegen rechts und links abseits vom Wege, eingeschlossen von hohem Mauergürtel, und wirken wie verzauberte Orte, in denen Friede und Vergessen wohnt.

Als wir wieder einmal unseren Pferden die Zügel ließen und in herrlichem Galopp dahinflogen -- diesen Genuß gönnten wir uns und ihnen etwa einmal in der Stunde --, tauchte unerwartet ein Hindernis vor uns auf: ein kleiner, mit zwei Maultieren bespannter Leiterwagen, der mit einer Anzahl Kinder befrachtet war. Daneben marschierte ein Araber, und die Nachhut bildeten drei weibliche Wesen, die mit nachlässiger Grazie ihre Lumpen im Sande nachschleiften.

Unser plötzliches Näherkommen zerstörte im Nu das friedliche Idyll, und auch unser rasches Anhalten konnte nichts mehr nützen. Erschreckt und völlig kopflos geworden, rasten die Tiere mit dem Gefährt davon. Der Mann lief, was er konnte, um es einzuholen, die Kinder brüllten, die Frauen stießen laute Angstrufe aus und rangen voller Entsetzen die Hände. Ihre vollendete Haltung, ihre großen, edlen Gesten in diesem Augenblick beobachten zu können, bedeutete geradezu einen ästhetischen Genuß. Viele unserer besten Künstlerinnen brauchen Jahre des Studiums, um auch nur annähernd solchen Adel in Gang und Bewegung zu zeigen, wie er diesen braunen Töchtern der Wüste angeboren ist.

* * * * *

An diesem Tage fanden wir wieder ein köstliches Plätzchen für die Mittagspause. Im Schatten der jungen Palmenanlage, zu Füßen der Bordj ben Rezig, die auf einer hohen Düne lagert, wurde das Zelt errichtet. Dichtes Grün zu Häupten, üppiges Grün unter den Füßen, und das leise Murmeln der Seguia zur Seite! Nur wer über die weite, fruchtlose, sonnenverbrannte Ebene der Sahara gewandert ist, kann dies richtig genießen. Und nur wer kennen gelernt hat, was es heißt, mit jedem Tropfen Wasser rechnen zu müssen, weiß die Seguia völlig zu schätzen.

Sehr bald war uns klar geworden, daß wir unsere Anforderungen an Reinlichkeit während der Dauer dieser Reise bedeutend herabsetzen mußten. Ein Bad zu erhalten, war völlig ausgeschlossen. Das Wasser der Brunnen, die wir trafen, war so salzig, daß wir fürchteten, es würde uns die Haut gründlich verderben. Blieb also nur unser gutes Batnawasser. Aber damit hieß es selbstverständlich haushalten, und Jussuf maß es uns nur tropfenweise zu. Mit diesen Punkten hatten wir uns bereits abgefunden. Da mußten wir die unangenehme Entdeckung machen, daß Teller und Küchengeschirr nicht mit heißem Wasser, sondern nur mit Sand gereinigt wurden. Jussuf, Salem, Ahmed, alle waren ganz erstaunt, als wir gegen diese Art von »Abwaschen« Einspruch erhoben. Für sie war es das Natürlichste der Welt. Die Frauen reiben ihre Kinder mit Sand ab, um sie zu säubern, der Nomade, der die Wüste durchwandert, nimmt die vor jedem Gebet vorgeschriebene Waschung mit Sand vor, man reinigt das Geschirr damit. Sie benützten das »Wasser der Wüste«, wie der Sand der Sahara genannt wird. Was war daran auszusetzen?

An uns war die Reihe, uns den herrschenden Verhältnissen anzubequemen. Aber das ging nicht so leicht, trotz allem guten Willen. Und bei der ersten Gelegenheit, hier zu Füßen der Bordj ben Rezig, am Ufer der langsam gleitenden Seguia, feierte unser mühsam unterdrückter europäischer Reinlichkeitssinn ein großes Fest: da wurde gewaschen, geputzt und gescheuert, bis alles vor Sauberkeit strahlte. Befriedigt betrachteten wir unser Werk. Aber Jussuf und Salem und Ahmed, unsere Helfer bei dieser Arbeit, setzten philosophische Gesichter auf, als ob sie sagen wollten: »Wozu all diese Mühe? Morgen ist doch schon wieder alles so wie es vorher gewesen!«

Und wenn man es recht bedenkt, gar so unrecht hätten sie eigentlich nicht gehabt.

* * * * *

An diesem Nachmittag hielten wir uns mit der Karawane. Das Ziel, das wir uns gesteckt hatten, war kein allzu entferntes, und aller Berechnung nach mußten wir es so zeitig erreichen, daß es nichts weiter verschlug, auf die Aufstellung der Zelte warten zu müssen.

Es war zur Abwechslung auch ganz amüsant, mit dem Troß zu gehen, Menschen und Tiere zu beobachten.

Wie mühelos doch die Kabylen ihres anstrengenden Weges zogen! Von der ersten bis zur letzten Minute in demselben leichten, federnden Schritt. Eine ernste, schweigsame Rasse. Nur selten wechselten sie ein Wort miteinander.

Aber Muhamed, der ewig Lebhafte, der bis in die Fingerspitzen vor Übermut Strotzende, konnte solches Schweigen nicht lange ertragen. Er stimmte ein Lied an, das heißt er sang zwei Strophen, und der Chor erwiderte mit einem Refrain. Immer neue Verse improvisierte er, in denen meist die Schönheit eines Weibes gepriesen wurde. Und immer antwortete der Chor in derselben Weise.

Es ist ein eigenartiger, etwas näselnder Gesang, in seinem stoßweisen Rhythmus ganz verschieden von dem, was wir unter Melodie verstehen. Aber es liegt doch ein großer Reiz darin, nachdem das Ohr sich einmal damit befreundet hat.

Gab es endlich gar nichts mehr zu preisen, dann tummelte Muhamed seinen armen Maulesel, als ob er das rassigste Vollblutpferd zwischen den Schenkeln hätte.

Und nach diesem Intermezzo gab er wieder Hochzeitslieder zum besten, die gewöhnlich mit wilden Schreien und einem Lärm endigten, als ob Feuerwerkskörper losgelassen würden. Mit viel Temperament vereinigte sich bei ihm ein großes Geschick. Kein Wunder, daß bei allen Festlichkeiten Muhamed als der begehrteste Sänger und Spaßmacher galt.

Aber so unermüdlich er in der Ausführung all dieser Dinge war, ebenso unermüdlich ging er allem, was Arbeit hieß, aus dem Wege. Sollten nach der Ankunft die Pferde gestriegelt werden, was zu seinen Pflichten gehörte, so war er sicher nirgends zu finden. Als ob die Wüste ihn verschlungen hätte. Aber sobald ein anderer die Arbeit besorgt hatte, tauchte Muhamed wieder auf, lächelnd, ganz erstaunt, daß für ihn nichts mehr zu schaffen übriggeblieben.

Groß, schlank und biegsam gewachsen, mit einem regelmäßig geschnittenen, vornehmen Gesicht, dunklen, ausdrucksvollen Augen und einer feingeformten Adlernase, verkörperte er in vollkommenster Weise den schönen arabischen Männertyp; aber in seinem ganzen Wesen war er nichts anderes als ein liebenswürdiger, übermütiger Junge, der es in naivem Egoismus verstand, dem Leben stets die leichteste Seite abzugewinnen.

Jussuf liebte diesen jüngsten Bruder zärtlich und brachte es nicht fertig, ihm zu zürnen, selbst wenn dessen Streiche, wie es manchmal geschah, auf seine Kosten gingen. Nur einmal, ja, da hätte seine Geduld doch beinahe versagt. Und das war so gekommen: Ein Fremder, dem Jussuf als Führer diente, hatte sich ein Rennkamel gekauft. Er hatte es sich wunderschön gedacht, auf einem solchen Tier, das fast gar keine Ansprüche macht und mit großer Geschwindigkeit weite Strecken zurücklegt, Ausflüge in die Wüste zu unternehmen. Ob der Besitzer nun nicht die Fähigkeit hatte, dem Kamel seine Wünsche klarzumachen oder -- ob diesem am Ende der Reiter nicht paßte und es nicht verstehen wollte? -- auf alle Fälle gewann der »Rumi« keine Macht über das Tier. Sobald er auf dessen Rücken saß, fing es an zu laufen und lief und lief, ungeachtet jedes Einspruches, so lange, bis es von selbst nicht mehr mochte. Und so kamen sie meist viel, viel weiter, als es dem Reiter beliebte. Als dieser das Vergebliche seines Mühens einsah, packte ihn ein heftiger Zorn und der Wunsch, das eigensinnige Vieh so schnell als möglich los zu werden. So schenkte er es Jussuf.

Und Jussuf, der seines Führeramtes wegen nicht selbst abkommen konnte, delegierte Muhamed, das Kamel nach Tugurt zu bringen, wo sich ein Käufer dafür gemeldet hatte. Muhamed tat, wie ihm befohlen war. Schon nach kurzer Zeit kam die Nachricht, daß er das Tier für 600 Franken losgeschlagen habe. Nun wartete man natürlich mit Freude und Ungeduld auf die Rückkehr Muhameds, der das schöne Geld bringen sollte. Aber Wochen vergingen, und kein Muhamed kam. Und als er endlich eintraf, kam er zwar lachend und singend in Erinnerung an die herrliche Zeit, die er genossen hatte, aber -- mit völlig leeren Taschen. Der Verführungen in Tugurt waren es zu viele gewesen, und den schönen Augen der Ouled Naïls hatte Muhamed nichts abschlagen können. Und damals war es geschehen, daß Jussuf beinahe seine Geduld verloren hätte.

* * * * *

Unter den blendenden Strahlen der Wüstensonne verliert das Auge fast völlig die Fähigkeit, Entfernungen richtig zu bemessen. Häuser, Zelte, Tiere und Gegenstände, denen das grelle Licht die Farbe benimmt und sie dem Erdboden gleichsehend macht, lassen sich erst in allernächster Nähe erkennen. Und die Oasen wiederum, die man nur eine kurze Strecke entfernt glaubt, scheinen sich immer weiter zurückzuziehen.

Der Marsch an diesem Nachmittag glich einer Art Geduldsspiel. War man solch einem schwarzen Schatten am Horizont endlich auf den Leib gerückt, so tauchte auch schon ein neuer auf, und dann wieder einer, und als wir Ourlana erblickten und es schon erreicht zu haben glaubten, hieß es immer noch ein langes Stück Wegs zurücklegen, ehe wir wirklich an Ort und Stelle waren.

Abseits der Oase, mit der Aussicht auf ihre dunkelgrünen Palmenwipfel, schlugen wir das Lager auf. An ein behagliches häusliches Niederlassen aber war noch nicht zu denken.