Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste

Part 7

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Häufig führte uns unser Weg hinaus nach dem schon in der Römerzeit bekannten und berühmten Hammam-es-Salahin. An abgeflachten Hügeln ging es entlang, auf deren Höhen die grotesken Konturen weidender Kamele sich scharf gegen den Horizont abzeichneten. An kristallklaren Seen vorüber, die von zart rosa gefiederten Flamingos belebt waren, bis wir die »Fontäne der Heiligen« erreichten, deren schwefelhaltiges Wasser alle Krankheiten vertreiben soll.

Wie ein weißes Geheimnis liegt das Haus, in dem die Quelle gefaßt ist, in der schattenlosen Einöde zu Füßen des wild zerfurchten Zibangebirges.

Auf einem Ritt nach Hammam-es-Salahin merkten wir auch einmal, was für Folgen es haben kann, »vom rechten Wege« abzuweichen. Die Straße dahin ist hart, uneben, voller Geröll. Zur Linken aber lockte, wie ein sammetweicher Teppich, ein ausgedehntes saftiggrünes Feld. Die Verführung war zu groß, und so schlugen wir unseres guten Jussufs Ermahnung, die Wegrichtung innezuhalten, in den Wind, und im flotten Galopp ging es auf das schöne Gefilde zu. Aber aus dem anfangs weichen Boden wurde bald ein sumpfiger Morast, und bis an den Leib sanken die erschrockenen Tiere darin ein. Es blieb nichts anderes übrig, als daß Pferd und Reiter sich trennten und jeder zusah, wie er sich mit eigener Kraft wieder herausschaffte.

Das war ein Anblick für Götter! Alle von oben bis unten mit klebrigem gelbem Schlamm beschmiert. Die Pferde sahen uns ganz vorwurfsvoll an, und selbst der kleine, freche »Negro« vergaß das Schlagen und Beißen und stand wie »bedabbert« da.

Der Heimritt an diesem Tage war ein bedeutend größeres Vergnügen für die anderen, die uns sahen, als für uns selbst.

Köstlich war es auch, die allzeit lustigen Pferde auf dem Hippodrom zu tummeln, das sich zu Füßen eines ernst dreinblickenden Wachtturmes hinter den blühenden und duftenden Büschen von Beni Mora ausdehnt.

Das Allerschönste aber waren die Ritte ohne Ziel, hinaus in die ungemessene Weite. Welch ein Hochgenuß lag darin, welch ein wundervolles Gefühl der Freiheit, des Losgelöstseins!

Und es war, als ob die Tiere dasselbe empfanden. Unruhigen Schrittes gingen sie, blähten die Nüstern, streckten die Hälse, als ob die Ferne sie anzöge. Ein Zungenschlag, und sie sausten dahin wie die Windsbraut, kaum den Boden mit den Hufen berührend, flogen, bis ihnen fast der Atem verging. Immer weiter, weiter! Dem Punkte zu, wo Erde und Horizont sich einen. Es kostete stets einen energischen Entschluß, umzukehren und den Rückweg anzutreten.

Aber schließlich, was hinderte uns denn daran, eine größere, längere Tour in die Wüste zu unternehmen? Eine Tour, auf der es vorwärts, immer wieder vorwärts ging! Ein verführerischer Gedanke, der allmählich festere Gestalt gewann. Und eines schönen Tages war es eine beschlossene Sache: wir würden eine Reise in die Wüste machen.

Eine freudige Erregung hatte sich unser aller bemächtigt. Jussuf war glücklich! Selbst der Gedanke an die Trennung von seiner jungen, schönen Frau konnte seine Freude nicht trüben. Denn er liebte die Wüste fast noch mehr als das Weib.

Und nun fingen die Beratungen an. Was gab es da alles zu bedenken und zu erwägen! Eine lange Liste wurde aufgesetzt, von den Zelten und deren Einrichtung angefangen bis zu den letzten Küchenutensilien, die man unbedingt zu benötigen glaubte. Diese Liste wurde Jussuf ausgehändigt, der hoch und heilig versprach, alles aufs beste zu besorgen.

Während der nächsten Tage sahen wir nicht viel von ihm. Er war immer beschäftigt, immer unterwegs. Er war eine begehrte Persönlichkeit geworden. Überall hatte sich unsere Absicht herumgesprochen, und Jussuf wurde nicht müde, Freund und Fremden Red' und Antwort darüber zu stehen.

Inzwischen widmeten wir uns den Einkäufen, die das Küchendepartement betrafen. Mit kolossalem, durch keine Sachkenntnis getrübtem Eifer suchten wir alle die schönen Dinge aus, die uns unterwegs vor Hunger und Durst schützen sollten. Im Geiste sahen wir schon die leckeren Gerichte, die Salem, der bereits engagierte Koch, herstellen würde.

Wir hatten unseren Teil Arbeit erledigt. Nun wollten wir auch das Ergebnis von Jussufs Bemühungen sehen. Aber da war noch nichts zu sehen! Nur mit dem Versprechen konnte er aufwarten, daß am Tage der Abreise alles bereit sein würde. Dies anzunehmen lag zwar gar kein Grund vor, aber er glaubte ohne Zweifel, Allah würde schon alles in Ordnung bringen.

Da wir diesen Glauben nun keineswegs teilten, machten wir uns mit ihm zusammen an die Arbeit, und den vereinten Anstrengungen gelang es schließlich, alles Nötige herbeizuschaffen.

Draußen in Beni Mora hatte Jussuf ein provisorisches Lager aufgeschlagen, und am Vorabend des Tages, an dem die Reise beginnen sollte, führte er uns stolz und frohen Gemütes hinaus, damit wir alles besichtigen konnten. Es war ein kunterbuntes Bild mit den verschiedenen Zelten, all den Körben, Kisten und Säcken, zwischen denen Menschen und Tiere herumwimmelten.

Am folgenden Morgen sahen wir von der Terrasse unseres Hotels herab unsere Karawane auf der Straße nach Tugurt vorüberziehen. Voran Jussuf, hoch auf einem Esel thronend, als Führer und Manager; neben ihm seine beiden Brüder Ali und Muhamed, »beritten« wie er, mit stolzen Gesichtern, denn sie durften richtige Flinten auf dem Rücken tragen. Dann Salem, der Koch, der seinen schmächtigen Körper in einen abscheulichen europäischen Anzug gesteckt hatte, gegen den der weiße Turban über seinem kleinen gutmütigen Gesicht lebhaft zu protestieren schien. Der schwarze Ahmed, der die Dienerdienste übernommen hatte und außerdem fünfzehn Kabylen, die neben derselben Zahl schwerbeladener Esel herliefen. Ein ziemlicher Train war es geworden, viel größer, als wir ihn für unsere Gesellschaft, die nur aus drei Damen und zwei Herren bestand, vorausgesehen hatten.

Im Laufe des Nachmittags traten wir zu Pferde die Reise an. Sie sollte zuerst 210 Kilometer südlich nach Tugurt, von da aus 90 Kilometer östlich nach El-Oued, und von El-Oued wieder zurück nach Biskra führen, eine Strecke von 202 Kilometern.

Voll froher Erwartung, in gehobener Stimmung machten wir uns auf den Weg. Die Richtung war nicht zu verfehlen. Denn auch nachdem man die verträumten Dörfer von Alt-Biskra hinter sich hat, ist noch eine leidlich gute Straße vorhanden. Ein Haufen schreiender Kinder gab uns ein Stück weit das Geleite. Dann begegneten wir noch dem schönen Neffen des Bachagha, dem verwöhnten Don Juan, der in einem hypermodernen hochräderigen Dogcart eine seiner zahlreichen europäischen Verehrerinnen spazieren fuhr. Nach dem lag alles, was an Zivilisation und an Alltagsleben erinnerte, hinter uns. Und vor uns die ungeheure, rätselhafte, in ihrer starren Nacktheit großartige Wüste.

In wenigen Stunden hatten wir die Karawane eingeholt. Nicht weit von dem Ufer des Oued Djedi hatte Jussuf eine Stelle als Lagerplatz gewählt. Im Halbkreis standen die Schlafzelte und das Speisezelt, den anderen Halbkreis schlossen die Tiere ab. In der Mitte des so gebildeten Rondells lagen Säcke, Fässer und Kisten aufgestapelt.

Etwas abseits war das Küchenzelt errichtet, und Salem hockte schon darin und schmorchelte etwas für den Abend zurecht. Alles sah äußerst friedlich und behaglich aus. Aber helles Mitleid erfaßte uns, als wir bemerkten, wie man die armen Maulesel festgemacht hatte. Zwei Pflöcke waren in den Boden getrieben. Von einem Pflock zum anderen eine Kette angebracht. An dieser Kette in knappen, genau abgemessenen Entfernungen befanden sich Ringe, und um jedes Vorderbein der armen Lastträger schloß sich solch ein Ring. Hart aneinandergedrängt standen sie mit ergeben gesenkten Köpfen. Weder vor noch rückwärts, weder nach rechts noch nach links konnten sie sich bewegen.

Jussuf suchte uns zu beschwichtigen: »Die Tiere kennen das gar nicht anders, das wird immer so gemacht. Wie sollte man sie sonst vor dem Weglaufen und nachts vor den Dieben schützen?«

Als wir sahen, daß die Pferde in der gleichen Weise behandelt werden sollten, nur statt mit Ketten mit Stricken geknebelt, opponierten wir energisch. Was auch geschah, aber das durfte nicht sein! Ja, aber was sollte geschehen, da doch nur vier Pflöcke mitgebracht waren? Auf irgendeine Weise wurde Rat geschafft, und wenigstens zwei der Pferde wurden gesondert festgemacht. Die anderen drei mußten sich der hergebrachten, uns so roh erscheinenden Gewohnheit fügen.

Vom Eindecken der Pferde wollten die Araber ebenfalls nichts wissen. Auch das waren die Tiere nicht gewöhnt, wurde uns versichert. Wir setzten aber unseren Willen durch und bestimmten, daß einige der zahlreichen Teppiche, die für die Zelte mitgebracht waren, während der Nacht als Decken für sie benutzt wurden.

Die Sonne ging unter in all ihrem berauschenden Farbenpomp und überflutete die öde sandige Ebene von Saada, auf der wir rasteten, mit einem goldigroten Schimmer. Drüben in weiter Ferne lag Biskra mit seinem Palmenwald bereits in grauem Schatten, und nur die blendendweißen Kuppeln des Kasinos leuchteten noch daraus hervor.

Rasch fiel die Nacht und verwischte alle Umrisse. Man hatte das Gefühl, als ob man in der Dunkelheit versänke. Dann stieg in wundervollem Glanze der Mond empor. In seinem blauweißen Lichte warfen Zelte und Tiere und Menschen auffallend kurze, tiefschwarze Schatten. In dem Wasser des Oued Djedi, das zwischen den steilen, gewundenen und zerfetzten Uferwänden fast unbeweglich stand, spiegelte sich der funkelnde Sternenhimmel.

Tamtamschläge und eigenartiger Gesang, Hochzeitslieder, kamen von irgendwoher aus einem einsam gelegenen Nomadenzelt. Dann verstummten auch diese Laute. Und nur das Heulen eines Schakals durchschnitt hin und wieder die ungewohnte feierliche Stille.

Erst in später Stunde konnten wir uns entschließen, unsere Zelte aufzusuchen. Bald danach schreckte uns lautes Getöse aus dem Schlafe. Aufgeregt liefen die Leute umher. Jussuf fluchte. Es stellte sich heraus, daß eines der allein placierten Pferde -- ob von Sehnsucht nach den anderen getrieben, ob aus Bosheit -- mitsamt dem Pflock, an den es angebunden war, einen Besuch bei seinen Kameraden gemacht hatte. Jedenfalls hatten diese die Störung unliebenswürdig aufgefaßt, und es war zu einem heftigen Kampfe gekommen. Nur mit Mühe trennte man die Wüteriche. Mit dumpfen Schlägen wurde nun der Holzkeil tiefer und fester in den Boden getrieben und der Unheilstifter wieder daran befestigt.

Aber noch waren die Abenteuer dieser Nacht nicht zu Ende. Der übermütige Grauschimmel, dem wir in freundlicher Fürsorge ebenfalls einen Privatplatz angewiesen hatten, nagte vor Langeweile den Strick durch, der ihn fesselte. Und während Ali auf seinem Wachtgange ihm wieder einmal den Rücken kehrte, machte er sich auf und davon. Das kühle Wasser des Oued Djedi, in dem er am Abend ein so erfrischendes Bad genommen, hatte es ihm angetan. Und dort war es, wo man ihn faßte und wieder zu seiner Pflicht zurückbrachte.

In der Frühe stellte es sich außerdem heraus, daß unsere guten Pferdchen die wärmenden Teppiche als Futter betrachtet und zum Teil aufgefressen hatten.

In Anbetracht dieser verschiedenen nächtlichen Ereignisse mußten wir wohl oder übel zugeben, daß unsere Methode, arabische Hengste zu behandeln, am Ende doch nicht die richtige war, und Jussuf hatte die Genugtuung, nun nach seiner eigenen, altgewohnten Weise schalten zu können.

Der Aufbruch am nächsten Morgen ging nicht so zeitig und nicht so rasch vonstatten, als wir wünschten und beabsichtigten. Die Maschine funktionierte noch nicht so richtig. Unserem guten Jussuf fehlte es gewiß nicht am allerbesten Willen. Aber es mangelte bei ihm, wie wir sehr bald merkten, an der nötigen Erfahrung und an dem noch nötigeren Dispositionstalent. Wohl hatte er die Reise nach Tugurt schon verschiedene Male gemacht. Einmal auf Maultieren mit einem jungen Franzosen. Aber sie führten gar keine Zelte und nur sehr wenig Proviant mit, übernachteten in den Bordjs und nahmen daselbst auch ihre Mahlzeiten ein. Also eine Reise auf die einfachste und primitivste Art. Das andere Mal hatte er zwei Amerikanerinnen geführt, und er erzählte gern und oft von dieser Tour, auf der ihm eine der Damen so viel Sorgen verursacht hatte. Es stellte sich nämlich eine Art Seekrankheit bei ihr ein, und während sie über die Dünen ritten, verschlimmerte sich ihr Befinden dermaßen, daß sie sich die Augen verbinden mußte, um die Reise zu Ende führen zu können. Da konnte sich Jussuf wohl gut in der Krankenpflege üben, aber da sie nur drei Tiere mithatten, die sie selbst ritten, und nach seiner Erzählung fast ausschließlich von Tee und Biskuits lebten, war wiederum nicht viel Gelegenheit gewesen, noch andere Erfahrungen zu sammeln. Diese fehlenden Erfahrungen konnte er sich nun ohne Frage auf unserer Tour aneignen. Das Betrübliche dabei war nur, daß wir sozusagen säten, ohne ernten zu können, oder im allerbesten Falle waren es doch nur unreife Früchte, die für uns abfielen.

Doch das sollte uns die Freude nicht stören. Wir waren Willens, alles, was auch kam und wie es kam, mit in den Kauf zu nehmen.

So feuerten wir hier ein wenig an, gaben dort einen Rat und warteten es im übrigen ruhig ab, bis alles marschbereit war.

Es war ein anstrengendes Stück, das wir nun zu machen hatten. Der Weg war in Wirklichkeit gar kein Weg mehr. Fußtief versanken die Tiere in dem losen, staubfeinen Sand.

Im Frühling, wenn nach der Schneeschmelze die gewaltigen Wassermengen von den Gebirgen herunterstürzen, dann füllt sich nicht allein das Bett des Oued Djedi, sondern die ganze Ebene von Saada steht unter Wasser. Und wenn der durstige Boden all das Naß getrunken, dann entwickelt sich für eine kurze Spanne Zeit eine üppige Vegetation, die köstliches Weideland für die Herden der Nomaden bedeutet. Aber jetzt sah man nichts als grau bestaubte niedrige Büsche und tiefe, von wilden Wassern gerissene Furchen. Die Pferde konnte man auf diesem Gelände nur vorsichtig traben lassen, wollte man ihre Kraft nicht frühzeitig verbrauchen. Und die armen beladenen Maultiere kamen nur langsam und mühevoll Schritt für Schritt vorwärts.

An ziemlich seichter Stelle überquerten wir den Oued Djedi und erreichten in der Mittagsstunde Bordj Saada. Diese Bordjs, die gewöhnlich befestigt sind und die man an den Karawanenstraßen in ziemlich regelmäßiger Entfernung antrifft, könnte man eher mit dem Namen Karawansereien belegen. Sie bestehen meist aus drei bis vier niedrigen Gebäuden, die im großen Viereck von einer Mauer umschlossen sind. An der Mauer entlang ziehen sich gedeckte Schuppen. Immer ist ein Brunnen vorhanden, die größte Notwendigkeit und Wohltat in diesem sonnendurchglühten, wasserarmen Lande. Und stets ist in einem der Gebäude ein Raum bereit, in dem man übernachten kann. Dieser Raum ist allerdings völlig kahl, nicht einmal eine Matte zum Schlafen ist vorhanden, und er hat außer der Türe meist gar keine Öffnung oder höchstens nur eine schmale Schießscharte, um Luft und Licht einzulassen.

Jeder Wüstenreisende, ob Eingeborener oder Fremdling, ob armer Nomade oder reicher Herdenbesitzer, ist in diesem Hause ein gleich willkommener Gast. Alle haben hier dieselben Rechte. Alle genießen denselben Schutz.

Eine jede Bordj hat einen von der Regierung angestellten Wächter, der die Einkehrenden begrüßt und überall nach dem Rechten sieht.

Für das Obdach ist keine bestimmte Taxe vorgesehen. Es ist in das Belieben eines jeden gestellt, ob er etwas dafür zahlen oder wieviel er geben will.

Gelüstet es den Reisenden nach einer Mahlzeit, so ist der Hauswart gegen Erlegung einiger Sous immer bereit, sein Kuskusgericht mit ihm zu teilen. Irgend etwas anderes Eßbares ist dagegen selten oder nie zu haben.

Als wir in Bordj Saada einritten, lag der große Hof völlig verödet. Aber noch ehe wir aus dem Sattel waren, kam aus einem Zelt in einer Ecke ein riesenhafter Neger, der Wächter, herbei und stellte uns seine Dienste zur Verfügung. Vorläufig hatten wir aber keine weiteren Wünsche, als die Tiere in den Schuppen untergebracht zu sehen und uns selbst draußen vor dem Hause im Schatten der hohen Mauern zu lagern, bis der Rest der Karawane eingetroffen und unser luftiges Speisezelt errichtet war.

Nach dem Abkochen gaben sich Menschen und Tiere in der sengenden Mittagsglut einem beschaulichen Nichtstun hin. Nur einem aus unserer kleinen Reisegesellschaft ließ die Lust zum Jagen keine Ruhe. Unter Führung des riesenhaften Bordjwächters machte er sich davon, und der dumpfe Widerhall der abgegebenen Schüsse verriet bald darauf, daß er in voller Tätigkeit war. Auf dem Rückwege glitt der schwarze Christophorus, der den Nimrod auf seinem Rücken über den Oued Djedi trug, in der Mitte des Flusses aus, und beide nahmen zu unserem großen Ergötzen ein unfreiwilliges Bad. Aber weder sie noch die erlegte Jagdbeute nahmen dabei irgendwelchen Schaden, und die zierlichen Wachteln und eine Art weißgefiederter Vögel, die uns allen fremd war, bildeten eine unvorhergesehene schmackhafte Zugabe für unseren nächsten Mittagstisch.

Einige Stunden später, als die Sonnenstrahlen etwas von ihrer Glut verloren hatten, machten wir uns auf den Weiterweg. Das Vorwärtskommen bot nun nicht mehr solche Schwierigkeiten, da es über harten, wenn auch ziemlich steinigen Boden ging. So weit das Auge reichte, war die Ebene mit niedrigen verstaubten Grasbüscheln bedeckt. Kleine, zierliche Vögelchen hausten da in Menge. Ihr feines, melancholisches Gezirp verwehte in der großen Weite. Auch Trappen stiegen hin und wieder auf und bildeten reizvolle Silhouetten im kristallklaren Äther.

Die Rast- und Übernachtspunkte waren stets in der Nähe einer Bordj oder einer Quelle festgesetzt, da nirgends sonst ein Tropfen Wasser zu erhalten ist. An diesem Abend sollte es Hassi Djefair sein, wo wir unser Lager aufschlagen wollten.

Immer wieder von neuem überrascht es, wie plötzlich in der Wüste die Nacht hereinbricht. Kaum eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang liegt tiefe, schwarze Finsternis über die Erde gebreitet. So kam es, daß wir in der Dunkelheit den Brunnen nicht finden konnten und fürchteten, ihn völlig verpaßt zu haben. Für uns Menschen war ja gesorgt, denn wir führten zu Trinkzwecken Mineralwasser und zum Kochen zwei Fässer gutes Batnawasser mit uns. Auch die Leute hatten für sich eine wohlgefüllte Guerba aus Biskra mitgebracht. Aber die armen durstigen Tiere! Was sollte aus ihnen werden?

Als der Mond hochstieg, zeigte es sich, daß Jussufs Spürsinn ihn doch richtig geführt hatte. In nicht allzu weiter Ferne von dem Fleck, wo wir uns niedergelassen hatten, lag der Brunnen. Und Pferde und Maulesel kamen nun doch zu ihrem wohlverdienten Labetrunk.

Kein Lied, kein Tamtamschlag erklang in dieser Nacht. Kein Schakal ließ sich hören. Nur das tiefe Schnaufen und das gleichmäßige Kauen der Tiere verriet die Gegenwart von etwas Lebendigem. Über der ganzen Natur lag eine tödliche Ruhe, ein herzbeklemmendes Schweigen.

Und kalt, schneidend kalt sind diese Nächte in der Wüste! In wollene Decken gehüllt, bis an die Nasenspitze verpackt in unseren Feldbettstellen unter den Zelten, fanden wir die Temperatur gerade noch erträglich. Wenn man dagegen die Araber und Kabylen sah! Unter freiem Himmel, auf dem nackten Boden lagen sie, den Kopf gegen einen Sack oder einen Sattel gelehnt, mit nichts weiter angetan als dem Burnus über der Gandura. Dabei schliefen sie einen Götterschlaf und wußten nichts von Schnupfen oder Rheuma. Der reine Neid konnte einen beim Anblick solcher kräftigen, widerstandsfähigen Konstitutionen erfassen.

Von Hassi Djefair nach Bordj Chegga war es keine große Entfernung. In einer frischen Morgenbrise gingen unsere Pferde tüchtig ins Zeug, und in kurzer Zeit hatten wir die Wüstenherberge erreicht. Mitten in sumpfigem Moorland, dessen weißbekrusteter Boden unter jedem Schritte federt, liegt Chegga, das außer der Bordj noch aus etwa einem halben Dutzend kleiner, ärmlicher Lehmhütten besteht.

Die Karawane, die nur im Schritt vorwärtskommen konnte, war weit hinter uns zurückgeblieben.

So benutzten wir die Zeit des Wartens, um den Pferden in den kühlen Verschlägen der Bordj wieder eine Weile Rast zu gönnen, und wir suchten uns ein Plätzchen im Garten unter den schattigen Palmen aus. Während wir noch warteten, traf die Diligence ein, die zweimal in der Woche den Weg von Biskra nach Tugurt macht, um die Post und Passagiere zu befördern. Sie wird jedoch von Arabern nur selten und von Fremden fast nie benutzt, denn es ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, tagelang in diesem primitiven Gefährt auszuhalten, das bald im Sande halb versinkt, bald in tiefen Furchen, nach rechts oder links übergeneigt, stecken bleibt, im übrigen aber, von vier kräftigen Pferden gezogen, über Stock und Stein dahinrattert und den Insassen den Kopf wirr und die Glieder mürbe macht. An diesem Tage brachte sie zu unserer großen Überraschung zwei Europäer, eine Dame und einen Herrn, Franzosen, wie es sich herausstellte.

Während des Pferdewechsels nahmen sie, im Garten auf dem Boden gelagert, neugierig überwacht von einer Anzahl Beduinenkinder, das frugale Mahl ein, das sie sich mitgebracht hatten.

Wie uns diese beiden um unsere Reiseart beneideten! Sie hatten nicht im entferntesten geahnt, welcher Tortur sie sich aussetzten, als sie sich dieser Wüstenequipage übergaben. Kaum ein Viertel des Weges hatten sie hinter sich und fühlten sich schon so zerschlagen und gerädert, daß es ihnen fast eine Unmöglichkeit dünkte, noch den weiten Rest in derselben Weise zurücklegen zu können.

Aber der Kutscher knallte mit der Peitsche, zum Zeichen, daß alles zur Abfahrt bereit sei, und ergeben stiegen sie wieder ein in das kleine Gefängnis, das jede Poesie, jede Möglichkeit eines Genusses zunichte machte.

Schon nach wenigen Minuten war der Wagen entschwunden. Er hatte sich mit dem Boden verschmolzen, die unendliche Weite hatte ihn aufgesogen.

Ein unartikuliertes Schreien, wild und schmerzvoll zugleich, riß uns aus unserer Beobachtung. Der Richtung folgend, erblickten wir eine Szene, die es wert gewesen wäre, von einem Künstler festgehalten zu werden.

Zwei der Pferde, mit denen das Temperament wieder einmal durchgegangen war, hatten sich freigemacht und maßen nun auf dem weiten, leeren Hofe der Bordj ihre Kräfte aneinander. Hoch auf den Hinterbeinen aufgerichtet standen sie, mit fliegenden Mähnen, blitzenden Augen, Schaum vor dem Maule, eines in den Hals des anderen verbissen. Laut stöhnend vor Schmerz und Wut.

Fast bedauerte man, das Bild stören zu müssen, in dem sich ungebändigte Kraft und Wildheit so prachtvoll verkörperten.

Nachdem die beiden vor Aufregung bebenden Tiere auseinandergebracht waren, besahen wir uns die Bescherung. Die Stirnbänder waren zerrissen, die Zügel hingen in Fetzen herab. Als Ali und Muhamed mit der Karawane eintrafen, mußten sie den Schaden, so gut es in der Eile ging, mit Stricken reparieren.

Bis nach Chegga hatte uns zur Linken in duftiger Ferne die scharf konturierte Kette des Atlasgebirges begleitet. Nun ließen wir auch dieses hinter uns. Und nur der weite Horizont begrenzte von jetzt ab den Blick.

Unsagbar eintönig wirkte die Strecke, die wir an diesem Tage durchmaßen. Ein wellenförmiges Gelände. Kein Baum, kein Strauch, der die Linie unterbricht. Der Boden so hart und steinig, daß nicht einmal das bescheidene Wüstengras genügend Nahrung findet und die verkümmerten Sternblümchen, die hin und wieder auftauchen, wie verzweifelt aus ihren hellen Augen schauen.