Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste
Part 6
Und alles ist auf diesem Markt zu haben: neben den für die Europäer nötigen Viktualien geduldige, ungeschlachte Dromedare. Kleine graue Eselchen mit furchtbar dünnen Beinchen und klugen, ergebenen Augen. Alte und neue Burnusse und bunte Stoffe und Schleier für die Gewänder der Frauen. Henna zum Färben der Haare und Nägel und die kleinen, runden Spiegelchen, die zur Toilette jedes eingeborenen weiblichen Wesens gehören. Babouchen, rot und gelb, aus weichem Gazellenleder, lebendige und tote Wüsteneidechsen. Fächer, aus Alfa geflochten und mit farbiger Wolle bestickt. Rosenkränze aus Dattelkernen, Schmucksachen aus Korallen und bunter Emaille und originell geformte silberne Armbänder, von denen die kokette Araberin nie genug besitzen kann.
Da stehen aneinandergereiht Säcke, gefüllt mit Getreide, und Säcke mit harten getrockneten Datteln, die aussehen wie graue Kieselsteine und die eine beliebte Nahrung für Menschen und Tiere bilden. Und daneben liegen große, viereckige Blöcke aus festgepreßten, klebrigen Dattelfrüchten, auf denen ganze Fliegenschwärme sich gütlich tun.
In einer Ecke des Marktes wird geschlachtet, und über rotzüngelnder Glut dreht sich der Hammel am Spieß. Und wer die Mittel besitzt, der schlemmt und leistet sich ein Gericht Kuskus mit lecker duftendem Hammelbraten. Und wer sie nicht besitzt, der ersteht sich als Mahlzeit eine Handvoll Datteln oder eine Portion gerösteter Heuschrecken, von denen er alles verzehrt bis auf die schimmernden, feingeäderten Flügel. Diese Heuschrecken sollen im Geschmack den Krabben ähneln und nahrhafter sein als Fleisch. Ein Glück, daß sie den braunen Söhnen der Wüste besser schmecken, als sie uns bei einem Probeessen mundeten!
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Die Araber mögen bei ihren Käufen und Verkäufen genau so feilschen und handeln wie die Europäer. Aber da hört man kein Schreien und Anpreisen der Waren, kein lautes Wortgefecht. Alles wird mit einer ruhigen Würde erledigt. Die Verkäufer sitzen regungslos mit untergeschlagenen Beinen auf ihren Matten am Boden. Die zahlreichen Besucher des Marktes wandeln dazwischen hindurch, hier betrachtend, dort eine Frage stellend. Sie kehren nicht das Wichtigtun des Einkaufens heraus, wie man es bei den Menschen auf unseren Märkten beobachten kann. Bei ihnen wirkt es mehr wie ein behagliches Flanieren, ein Zeitvertreib. Sie gehen alle wie Grandseigneurs. Oh, er ist ein wundervolles Feld für Studien jeder Art, dieser bunte, sonnenüberflutete Markt von Biskra!
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Das war noch niemals vorgekommen, daß Jussuf zur verabredeten Zeit nicht zur Stelle war. Es mußte etwas ganz Ungewöhnliches sein, was ihn zurückhielt. Endlich kam er an, mit einem langen, sorgenvollen Gesicht. Und dies war der Grund seiner Verspätung: sein Bruder Ali, der als Nomade lebte und sein Zelt draußen in der Nähe von Hammam-es-Salahin aufgeschlagen hatte, besaß zwei Kamele. Oder vielmehr er hatte sie besessen. Denn da sich in der letzten Zeit keine Beschäftigung für die Tiere gefunden, hatte er sie einem Hirten übergeben, der sie mit etwa zwanzig anderen Kamelen von verschiedenen Besitzern auf die Weide trieb. Und nun waren am Tage zuvor plötzlich drei Männer aufgetaucht, die mit geübtem Blick die allerbesten Tiere auswählten und mit ihnen auf und davon jagten. Was sollte der arme Hirte machen? Jeder Ruf wäre in der menschenleeren Öde ungehört verhallt. Was bedeutete seine Kraft gegen die Übermacht von dreien? Während er ein Tier zurücktrieb, hatten die Diebe sich inzwischen schon wieder zwei andere genommen. So blieb ihm nichts übrig, als mit dem Rest seiner Herde heimzukehren und das Unglück zu berichten. Die Bestohlenen hielten Rat und versuchten die Nacht hindurch und im Laufe des ganzen Vormittags irgendeine Spur der Diebe zu entdecken. Völlig vergeblich. Nun hatte sich am Mittag ein Bechaâr[8] gemeldet. Unter der Bedingung, daß sein Name nicht genannt wurde und man ihm eine bestimmte Summe Geldes aushändigte, wollte er sich verpflichten, die gestohlenen Tiere wieder zur Stelle zu schaffen. Aber woher sollten die armen Nomaden so viel Geld nehmen, wie er verlangte? In den abhanden gekommenen Tieren steckte ja doch ihr ganzes Vermögen. So war denn Ali in die Oase gewandert, um dem Bruder sein Leid zu klagen und ihn zur Hilfe zu veranlassen. Und Jussuf hatte sein möglichstes getan, um die nötige Summe aufzutreiben.
[8] Bechaâr -- Bote mit guten Nachrichten.
»Aber was gibt Ihnen Sicherheit dafür, daß der Mann wirklich die Tiere wieder zur Stelle schafft?« fragten wir.
»Oh, ein Bechaâr hält immer sein Wort!«
Und es stellte sich im Verlauf der weiteren Unterhaltung heraus, daß solche Geschäfte häufig gemacht werden. Der Bechaâr ist in manchen Fällen selbst der Dieb, zum mindesten ist er Helfershelfer oder Hehler. Das weiß man und weiß daher auch bestimmt, daß er imstande ist, sein Versprechen zu halten.
Keiner denkt daran, gerichtliche Hilfe bei solchen Vorkommnissen hinzuzuziehen, wie man überhaupt jede Berührung mit dem Gericht so viel wie möglich vermeidet. Man tröstet sich mit dem Gedanken, über kurz oder lang in irgendeiner Weise Rache nehmen zu können.
Es war nur allzu begreiflich, daß dieses Ereignis den Sinn unseres guten Jussufs vollauf beschäftigte. Bürdete es ihm doch zu seinen schon vorhandenen Sorgen wieder neue auf. So verzichteten wir für den Rest des Tages auf seine Dienste und benutzten die Nachmittagsstunden dazu, den längst geplanten Besuch im Jardin Landon auszuführen. Sehr viel hatten wir schon von diesem Wunder in der Wüste gehört, das der Laune eines französischen Grafen seine Entstehung verdankt. Und es rechtfertigt ohne Frage seinen Ruf, es ist ein wahrhaftiges Eden.
Mit wundervollem Verständnis ist der mehrere Hektar große Garten angelegt: alles Schöne, was tropische Vegetation an edlen Palmen und Sträuchern hervorbringt, ist hier vertreten und vereinigt sich in scheinbar wilder und doch gezähmter Üppigkeit. Kein welkes Blatt bedeckt die wohlgepflegten schattigen Wege oder die grünen, sonnenbeglänzten Rasenflächen. Lautlosen Schrittes und mit einer Würde, als täten sie Dienst in einem Heiligtum, verrichten schwarzgebrannte Männer die Arbeit in diesem Garten. Mitten in der grünen Wildnis stehen einzelne kleine Gebäude, von denen das eine ein Rauchzimmer, das andere einen Salon und ein anderes die Küche enthält. Und an den blendend weißen Wänden dieser zierlichen maurischen Bauten ranken sich in üppiger Fülle zartduftende Kletterrosen und die wundervollen purpurfarbenen Blüten der Bougainvillia empor. Die Seguia murmelt ihre leise Sprache. Große Vögel rascheln im dichten Gebüsch. Hin und wieder dringt ein verwehter Ton aus dem nicht allzu weit entfernt liegenden Negerdorf herüber. Ein traumhafter Friede liegt über diesem Garten.
Und doch zog es mich nicht wieder dahin. Denn obwohl das Schild mit den ominösen Worten »il est défendu« nirgendwo zu sehen war, empfand ich doch den Zwang, der dem Besucher dieses Ortes unwillkürlich aufgelegt wird. Nein, bin ich schon den Fesseln des Alltags entronnen, so gebt mir in Biskra die große weite Wüste, die dem Menschen nach allen Richtungen so frei und offen steht wie den Winden des Himmels.
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Und hätte Biskra nichts als seine Sonnenuntergänge, es wäre des Besuches wert. Nie und nirgends sah ich das Tagesgestirn in solcher Schönheit Abschied nehmen wie in dieser Oase am Eingange zur Sahara. Langsam versinkt der rotglühende Ball hinter den scharfen Zacken des Zibangebirges. Der ganze westliche Himmel entzündet sich und gleicht einem wogenden Feuermeer. Anscheinend dicht darunter auf den Hängen des Zibans entwickelt sich eine wundervolle Symphonie in Braun. Die harten Furchen schimmern weich wie Falten eines samtenen Gewandes. Die hohen Dünen gen Oumach hin gleichen einem seidenen Teppich aus Fraise und Gold gewebt. Im Osten nehmen die Berge allmählich ganz unwahrscheinliche Töne an. Blaßrosa und tief erikafarben leuchten die einen. Ein anderer hat sich in zartgelbe Schleier gehüllt, auf denen bläulichgraue Schatten ruhen, und wieder ein anderer liegt da wie ein ungeheurer Amethyst. Dazwischen erhebt sich in mattem Rubinrot, duftig, als leuchte er von innen heraus, der Ahmar-Khaddou.[9]
[9] Der Berg mit den roten Wangen.
Der Himmel prangt in einem Farbengemisch so fein, so delikat, wie man sich's nie erdenken könnte, und ein Abglanz davon schwebt in der Luft und senkt sich, alles verklärend, auf die armselige, demütig sich breitende Erde. Die weißgrauen Kieselsteine des sonst so tristen Flußbettes gleißen wie flüssiges Silber, und die hohen Lehmufer scheinen sich in mattes Gold verwandelt zu haben. Alles glüht und glänzt und leuchtet.
Etwa eine halbe Stunde dauert dieses grandiose Schauspiel, dieses berauschende Farbenbacchanal. Dann verlöschen langsam die Gluten. Die letzten Strahlen ruhen auf der weißen Kuppel des berühmten Marabuts Sidi-Zerzour, der sich mitten im ausgetrockneten Bett des Oued Biskra erhebt. Die Berge stehen wieder entzaubert, die Oasen liegen wie schwarze traurige Inseln im fahlen Sandmeer.
Die Terrassen beleben sich inzwischen mit vermummten Frauengestalten. Die ganze Luft ist mit Tierstimmen erfüllt. In den dichten Kronen der Palmen und der Pfefferbäume lärmen die Spatzen, die heimkehrenden Ziegen meckern, die Hammel blöken, die abgetriebenen Eselchen schreien zum Erbarmen, und aus den großen Karawansereien dringt das unartikulierte, jammervolle Stöhnen der Kamele.
Rasch sinkt die Dunkelheit herab, und allmählich tritt Ruhe ein. Aber einige Stunden später, wenn der europäische Teil der Oase schon im Schlafe liegt, beginnt allabendlich ein neues Leben in dem Araberviertel.
Hinter dem Marktplatz ziehen sich ein paar kerzengerade enge Gassen hin. »Heilige Straßen« werden sie genannt. Ein kleines Häuschen lehnt sich dort an das andere, jedes mit einem winzigen durchbrochenen Balkon geschmückt. Und bewohnt sind diese Häuschen von den Ouled Naïls, den Freudenspenderinnen. Während des Tages sind diese Straßen leer und schweigsam, aber sowie die Nacht herabgesunken ist, erwachen sie. Jeder der winzigen Balkone wird nun mit bunten Teppichen behangen und mit einer kleinen Laterne beleuchtet. Und auf der Schwelle jedes Hauses sitzt eine Ouled Naïl. Über weißen Unterkleidern trägt sie die bunte seidene Gandura, mit schwerem Gürtel gehalten. Das tiefschwarze Haar ist durch Wolle verstärkt und zu handbreiten Zöpfen geflochten, die in einer wunderlichen Frisur das stark geschminkte Gesicht umrahmen. Auf Stirn und Wangen sind mit dunkelblauer Farbe kleine Blümchen und Kreuzchen gemalt, wodurch die gelbliche Blässe oder das matte Braun der Haut noch mehr hervorgehoben wird. Auf dem Kopfe sitzt die kleine charakteristische Krone aus Straußenfedern, von der lange, weiße, mit Gold oder Silber bestickte Schleier herabwallen. Schwere silberne Spangen umschließen Arm- und Fußgelenke. Ketten aus großen goldenen Geldstücken schmücken das Haupt, den Hals und die Brust. Es sind alles Geschenke, die sie empfangen, und sie bilden den Stolz einer jeden Ouled Naïl.
Direkt hinter der Schwelle führt eine schmale, steile Stiege in das obere Stockwerk hinauf. Auf der höchsten Stufe steht ein brennender Wachsstock.
In dem diskreten Halbdunkel der Straße leuchten die mattfarbenen Gesichter, die dunkeln, schwarzumränderten Augen und das viele blanke Gold des Schmuckes doppelt phantastisch.
Die Mädchen mit den ruhigen, stolzen, manchmal sphinxartigen, manchmal nur naiv sinnlichen Gesichtern rauchen Zigaretten und unterhalten sich mit ihren Nachbarinnen. Manchmal springt eine von ihnen auf, und an den Eingang zum Erdgeschoß gelehnt, dessen Türe geöffnet ist, so daß man den mit Matten bedeckten und mit einer Kerze erleuchteten Raum überblicken kann, singt sie ein Liebeslied. Wild und leidenschaftlich klingt es in unverfälschten, ungebändigten Naturlauten.
In den schmalen Gassen, in der mit Moschusgeruch erfüllten Atmosphäre drängt und schiebt sich die Menge. Feurige, schmachtende, werbende Blicke umschmeicheln die eigenartigen Gestalten auf den niedrigen Türschwellen. Wie Bienengesumm liegt's in der Luft von all den gedämpften Stimmen. Zwischen den Arabern in weißen und bunten Burnussen wandeln mit verwunderten und neugierigen Augen die Fremden.
Ein Teil der Menge verliert sich in den zahlreich vorhandenen Cafés. Es sind kleine, niedrige Räume. Dicht gedrängt sitzen die Araber auf dem mattenbelegten Boden. Für die Fremden ist meist eine primitive Bank aufgestellt. Auf einer rohgezimmerten Estrade hocken die Musikanten. Querpfeife, Flöte, Schalmei und Tamtam vereinigen sich, und zu einer wilden bizarren Musik tanzt eine Ouled Naïl. Langsam, zögernd beginnt sie. Die Füße regen sich kaum von der Stelle. Die Hände, über das Haupt erhoben, spielen kokett mit einem winzigen bunten Taschentuch. Aber mit dem Tempo der Musik bewegen sich die Hüften, Brust und Leib erschauern, hüpfen, daß die schweren Schmucksachen klirren, um mitten in der höchsten Ekstase plötzlich innezuhalten und beim schrillen Auffahren der Musik, unter charakteristischen Schreien, dasselbe leidenschaftliche, sinnenerregende Spiel von neuem zu beginnen und in wildem Taumel zu beenden.
Weltentrückt sitzen die Araber. Ihre Blicke hängen wie gebannt an dem Körper der Tänzerin, die ihnen das fesselnde Liebesspiel vorgaukelt, und sie opfern ihr freudig den letzten Sous, wenn sie nachher mit dem Holzteller in der Hand ihren Lohn einsammelt.
Es gibt berühmte Schönheiten unter den Ouled Naïls. Und wenn eine von ihnen sich bewegen läßt, in einem Café zu tanzen, so geht das wie ein Lauffeuer durch das arabische Quartier, und der Raum vermag die Menge der Schaulustigen nicht zu fassen. Geschenke, Liebe und Verehrung fallen diesen heißblütigen Kindern der Wüste in den Schoß. Denn in diesem Lande klebt kein Makel an ihrem Beruf. Es ist ein dem großen Allah wohlgefälliger Dienst, in den sie sich stellen. Und haben sie in diesem Dienste Reichtum genug gesammelt, so kehren sie zurück in ihre heimatliche Oase, verheiraten sich und werden gute Frauen und Mütter, die ihren Töchtern später dieselben Wege weisen, die sie einst gegangen sind.[10]
[10] Die schönsten und begehrtesten Ouled Naïls stammen aus dem Süden, aus den Oasen zwischen Bou-Saada und Laghouat.
Ist es nicht eine Ouled Naïl, die die Sinne bezaubert, so ist es ein Schwerttänzer, der mit seinen waghalsigen, unglaublich gewandten Kunststücken die Herzen erbeben läßt, oder ein mit Schellen, Lumpen und Fellen behängter Neger von wahrhaft grotesker Häßlichkeit sorgt für Erheiterung. Jedes Kupferstück, das ihm sein Singen und seine Bocksprünge einbringen, verschwindet in seinem großen Mund. Alle Zuschauer haben wohl schon ihren Obolus entrichtet. Nur ein Fremder ist noch übrig, der mit verdrossenem Gesicht um sich blickt und nicht daran denkt, sein Scherflein beizusteuern. Mit einem Satze steht das groteske Ungetüm hart vor ihm, hüpft wie ein Besessener auf und ab, bearbeitet die Trommel, die ihm vor dem Leibe hängt, zum Zerplatzen, und schreit ihm zwischen jedem Trommelwirbel sonderbar klingende Worte ins Gesicht. Immer verdrossener blickt der Fremde. Immer wilder hüpft und trommelt der schwarze Spuk. Die Worte prasseln wie Steine nieder.
Alles fängt nun an, sich über den Vorgang zu amüsieren. Die Araber vergraben das Kinn halb im Burnus, um das Lachen zu verbergen. Jussuf erklärt uns, daß es lauter Schimpfnamen seien, mit denen der groteske Wilde den Fremden belegt.
Endlich greift dieser in die Tasche und wirft seinem Peiniger ein Kupferstück vor die Füße. Grinsend rafft dieser es auf, und mit dem dankbaren Zurufe: »Warum hast du denn das nicht gleich getan, du dummer Esel!« springt er davon.
Stolz erhobenen Hauptes, als wollte er sagen: Nun, dich habe ich mal für dein Geld ordentlich arbeiten lassen, verließ der vielfach Titulierte das Café, ahnungslos, wieviel er zur Belustigung des Publikums beigetragen, ahnungslos, um wieviel Nasenlängen die schwarze Rasse diesmal gesiegt hatte.
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Können die Nerven noch stärkere Kost vertragen, so lockt in dem Erdgeschoß eines halbverfallenen Hauses ein tanzender Derwisch. Nie und nimmer würde man an diesem Menschen, wo immer es auch sei, achtlos vorübergehen. Von ungewöhnlicher Größe, tief bronzefarben, ausgemergelt, daß nicht ein Lot Fleisch mehr an seinem ganzen Körper zu finden ist. Und auf diesem Körper ein Kopf mit langen, wirren Haaren, vorstehenden Backenknochen und tiefliegenden, unheimlich fanatisch blickenden Augen. Wie ein Häufchen Unglück kauert er in einer Ecke. Nur die Augen leben und stechen, als ob sie töten könnten.
Die Musik beginnt. Pfeife und Tamtam. Langsam. Immer denselben Ton, denselben Rhythmus. Nun erhebt sich der Bronzefarbene. In der Mitte des engen Raumes, immer auf demselben Flecke stehend, beginnt er seine verwirrenden Verrenkungen. Es scheint eine Ewigkeit, seit er begonnen hat.
Ein alter Mann mit einem bösen Gesicht wirft in ein Reisigfeuer, das er auf dem Boden entzündet, eine Handvoll Räucherwaren. Im Nu füllt sich der fensterlose, dichtverschlossene Raum mit atembeklemmenden Dämpfen. In die rasch entstandene Glut schiebt er lange dicke Eisennadeln. Und als diese glühend geworden sind, hält der Derwisch in seinem Tanze inne, faßt nach den Nadeln und führt sie sich durch die Backen, durch die Zunge, durch den Hals.
Wie wahnsinnig gellt jetzt die Pfeife, hämmert das Tamtam. Große Schweißperlen stehen auf den Gesichtern der Musikanten. Wahnsinn leuchtet aus den Augen des Tanzenden. Nun reißt er die Nadeln heraus, und in rasenden Drehungen über dem von neuem entfachten hellodernden Reisigfeuer bricht er völlig erschöpft zusammen. Der alte Mann mit dem bösen Gesicht wirft einen zerlumpten Burnus über ihn. Es ist, als ob er etwas Totes bedeckte.
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Ganz abseits von dem arabischen Viertel, zwischen der großen staubigen Straße, die nach Tugurt führt, und dem breiten ausgetrockneten Bette des Oued Biskra liegt das Negerdorf. Wie riesige Bienenkörbe sehen seine primitiven, aus Lehm errichteten Hütten aus, deren Bewohner aus allen Rassen des Sudans zusammengemischt sind. Unsauber und übelduftend sind die schmalen Gäßchen. Fette, dicklippige Negerinnen hocken unter den Hauseingängen, und unzählige schwarze und schwarzbraune Kinder, deren ganze Bekleidung meist nur aus silbernen Spangen besteht, erfüllen die Luft mit lautem Geschrei. Es zieht einen nicht dorthin zu behaglichem genußvollem Schlendern, wie in die verwunschenen stillen Straßen von Alt-Biskra.
Auch das Negerdorf feiert seine Feste. Aber nicht allabendlich wie das Araberviertel. Hier tritt die Freude am Festefeiern sporadisch auf. Nach einer ganzen Reihe stiller Nächte bricht plötzlich der Taumel los.
In bequemen Stühlen auf der Terrasse unseres Hotels ausgestreckt, genossen wir den Zauber einer unvergleichlich schönen südlichen Nacht. Aus dem Araberviertel wehte hin und wieder das abgerissene Schluchzen einer Schalmei, ein verlorener Flötenton, ein aufreizender Tamtamschlag herüber und zauberte das ganze sinnestrunkene Bild vor Augen, das sich mit jedem einbrechenden Abend dort von neuem entwickelt.
Drüben im Negerdorf aber, das sonst so ruhig und verschlafen gelegen, erscholl lauter Trommelschlag. Mit kurzen Unterbrechungen seit Stunden derselbe Takt. Nervenaufreizend. Und wir wurden begierig, zu sehen, woran diese dunkle Rasse sich ergötzte.
Im Hotel fand sich noch ein Führer. Es war gegen Mitternacht, als wir nach dem Dorf hinüberwanderten, wo uns das phantastischste Schauspiel erwartete.
Auf einem kleinen freien Platze, vom fahlen weißen Mondlicht überflutet, bildete eine Anzahl schwarzer Kerle mit fratzenhaften Gesichtern einen Kreis. Und in diesem Kreise tanzten zwei Männer. Sie machten affenartige Sprünge, klatschten die Hände über dem Kopf zusammen, hockten plötzlich nieder, sprangen auf, stampften den Boden mit den nackten Füßen und drehten sich in schräger Haltung wie ein Kreisel um ihre eigene Achse.
Immer wieder dieselbe Reihenfolge der Bewegungen. Der Trommler stand hart neben ihnen und folgte ihnen wie ein Teil ihrer selbst, jeden Fußbreit, den sie vor- oder rückwärts machten. Von allen dreien rann der Schweiß in Strömen.
Die Männer im Kreise standen mit tierisch glänzenden Augen, und manchmal sprang einer von ihnen aus dem Zirkel, um mit ein paar koboldartigen Sätzen seiner Freude Luft zu machen.
Im Schatten, an den Hütten entlang, kauerte eine Anzahl Frauen, die keinen Blick von der Gruppe verwandten. Sowie die Trommelwirbel etwas gedämpfter, die Bewegungen der Tänzer etwas schlaffer wurden, klatschten sie in die Hände, daß die silbernen Spangen klirrten, und ließen kurze schrille Rufe ertönen. Und wie elektrisiert hämmerte der Trommler wieder drauflos, hüpften und drehten sich von neuem die Tänzer. Sie waren wie trunken und irre von ihrem barbarischen Tun. Die niedergedämmte Wildheit ihrer ganzen Rasse schien sich in ihnen austoben zu wollen.
Erst wenn der letzte der Tänzer entkräftet zu Boden sinkt, nimmt der schwarze wilde Spuk ein Ende, ist das Fest der Neger vorüber.
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Es hat sinnverwirrende, sinnenaufreizende Nächte, dieses Biskra! Nächte, in denen Liebe und Lust, Haß und Leidenschaft die Luft zu füllen scheinen. Nächte, die nichts von tiefer, weicher, völliger Ruhe wissen. Da stöhnt und jubelt und klagt die Musik. Da gellt von allen Häusern in der Runde das spitzige, giftige Bellen der Wachhunde, denen wie ein Echo ihre Brüder draußen aus den Zelten der Nomaden antworten. Da krähen schon von Mitternacht an die Hähne, und aus den Karawansereien dringt das unartikulierte Stöhnen der Kamele.
Und über diesem ruhelosen, fieberischen Leben wölbt sich ein Himmel von solch tiefer, durchsichtiger Bläue, flimmern die Sterne in solch ungewöhnlichem Glanze und schwebt in Vollmondnächten Luna in einer solchen Fülle silbrigen Lichtes, daß man in Versuchung kommt, zu glauben, auch dort oben herrschten etwas fieberische Zustände.
Endlich im Morgengrauen, wenn schon im Osten das Tagesgestirn sein Kommen verkündet, tritt Ruhe ein. Unter den ersten goldenen Sonnenstrahlen verflüchtigen sich die heißen unruhvollen Träume, die erste frische Morgenbrise schlägt sieghaft Bresche in die schwüle irritierende Atmosphäre einer solch duftgeschwängerten südlichen Frühlingsnacht.
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»Das größte Glück der Erde Liegt auf dem Rücken der Pferde,«
sagt ein altes arabisches Sprichwort. Wieviel Wahres daran ist, kam uns zuerst auf unseren Ritten in Biskra und später in noch erhöhtem Maße auf der Reise durch die Wüste zum Bewußtsein.
An den meisten Vormittagen warteten die kleinen arabischen Hengste mit den rassigen Köpfen vor der Türe des Hotels auf uns. Gar nicht schön und elegant waren sie anzusehen nach unseren Begriffen, denn nie wird eine pflegende Hand an sie gelegt. Aber klug sind sie, flink und gelenk wie Katzen und gierig nach Bewegung.
Und so lernten wir im Sattel die Umgebung von Biskra und die verschiedensten Oasen kennen. Sowohl die näher gelegenen, die gleich einem grünen Muster auf vergilbtem Teppich wirken, wie die weiter entfernten, die sich wie dunkle Striche zwischen den blauen Himmel und die gelbe Wüste schieben.
Da lag nach Osten, drüben an der linken Flußseite, das reizende kleine Lallia, da war Filiach, das malerische Nest, noch weiter hinaus das wohlhabendere Chetma, ohne jede europäische Note, und noch tiefer in der Wüste gelegen das hochinteressante Sidi Okba mit seiner als Wallfahrtsort berühmten Moschee, der ältesten in ganz Algier. Im Westen, hinter den sanftgewellten Dünen, das verträumte Ain-Oumach, wo wir durch unser Kommen, wie fast überall in den engen Gassen der Oasen, friedliche Schläfer in ihrer Ruhe störten.