Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste
Part 5
Und nun von diesem lieblichen Bilde hinweg wagt man hinauszuschauen in die unter glühender Sonne sich dehnende Sahara. Ist es die Wüste, wie wir sie uns als Kind nach Märchenerzählungen vorgestellt haben, wie sie uns nach Begebenheiten aus der Bibel nahegebracht, wie wir sie in Romanen geschildert fanden? Etwas von alledem und doch anders!
Eine unbeschreiblich herbe Größe liegt über dieser baum- und strauchlosen Öde, eine rätselhafte Größe, hinter der man grausige Geheimnisse vermutet, eine gewaltige Größe, die ahnen läßt, wie erbarmungslos und unerbittlich sie mit ihren Opfern verfahren muß. Welche Offenbarungen mochte dieses Land wohl für uns bereithalten?
Noch einmal lenken wir unsere Blicke rückwärts. Wie eine unüberwindliche Mauer zieht sich die Gebirgskette des Tell von Ost nach West. Nur ein kleiner, halbkreisförmiger Ausschnitt unterbricht die schroff gezackte Gipfellinie. Es ist der Ausschnitt, durch den wir hereingeschlüpft sind, und den die Araber den »Mund der Wüste« nennen.
Wir passieren, immer dem Flußbett folgend, El-Outaya, die erste Oase auf dem Wege in das weite Sand- und Geröllgefilde, und dann hat die Bahn ihr letztes Ende erreicht. Wir halten in Biskra.
Biskra
»Königin des Ziban«, »Königin der Wüste« wird diese Oase in der bilderreichen arabischen Sprache genannt. Aber ich glaube, mancher, den diese Benennung gefangen genommen, der sich danach im Geist bereits ein Bild fertig ausgemalt hatte, wird im ersten Augenblick, da er den Ort kennen lernt, tiefenttäuscht sein. Unsere Gedankenverbindung geht nun einmal dahin, daß wir uns unter einer »Königin« etwas ganz Herrliches, Vornehmes, Unnahbares vorstellen. Eine rechte Königin muß Majestät um sich verbreiten, muß im goldgestickten Kleide mit der schimmernden Krone auf dem Haupte erscheinen. Diese wichtigen Tribute fehlen der »Königin des Ziban«. Man könnte die Oase eher mit einer schönen jungen Araberin vergleichen. Vom Kopf bis zu den Füßen in einen Schal gehüllt, der nichts als ein vielversprechendes Auge freiläßt. Sinkt die Hülle, so zeigt sie ein fesselndes Gesicht von dunklem Haar umrahmt und edle Formen, die von Schönheit und Grazie erzählen: So ist Biskra.
Die Ankunft auf dem kleinen, schmutzigen Bahnhof, der so verloren auf der öden Strecke liegt, der Weg in die Stadt auf schlechter, schattenloser Straße, das französische Viertel, das man zuerst erblickt, nicht Dorf, nicht städtisch, bilden den verhüllenden und wenig schönen Mantel. Und wer als flüchtiger Tourist Biskra besucht, wer bei der Ankunft schon festgesetzt hat, welcher Zug ihn am zweiten oder dritten Tage wieder über das Auresgebirge zurücktragen soll, der mag wohl in den seltensten Fällen den wirklich ungewöhnlichen Reiz dieser Oase kennen lernen. In seiner Erinnerung mag sie nur als eine von den vielen mittelmäßig Schönen weiterleben, die ihm auf langer Reise begegnet sind. Aber dem, der an sie glaubt, der nicht nach dem ersten Eindruck den Stab über sie bricht, der bleibt und um ihre Gunst sich bemüht, für den sinkt die störende Hülle, und den lohnt sie reich und verschwenderisch wie eine echte Königin mit all ihrer Schönheit.
Welch wundervolles Gefühl liegt allein in dem Bewußtsein an jedem Morgen: Heute wird der Himmel wieder blauen, die Sonne wieder scheinen!
Dort, in gar nicht weiter Ferne, hinter der Gebirgskette wehen eisige Winde, Schneegestöber füllt vielleicht die Täler. Über den himmelwärts strebenden Kuppen hängen schwere graue Wolken. Aber wie von unsichtbarer Hand werden sie dort festgehalten. Keine wagt sich herüber. Ein strahlendes, wolkenloses Firmament dehnt sich über Biskra, über die endlose dahinter liegende Sahara.
* * * * *
Jussuf ben Saad wurde unsere rechte Hand in Biskra. Durch Freunde, bei denen er längere Zeit sein Amt als Führer ausgeübt hatte, war er uns empfohlen. Wir wußten also, was wir an ihm hatten. Über mittelgroß, schlank gewachsen wie alle Araber, mit einer Art Raubvogelphysiognomie, durch leichte Pockennarben gezeichnet und in jeder freien Minute Zigaretten rauchend, das ist Jussufs äußerer Steckbrief. Seine Kollegen mochten ihn nicht gern. Sie machten ihm zum Vorwurf, daß er die Interessen der Fremden zu sehr vertrat, die sich ihm anvertrauten. Denn warum diesen Fremden irgend etwas sparen helfen, da sie doch gekommen waren, um Geld zu verausgaben? Das war die Ansicht, der sie huldigten. Aber Jussuf war stolz auf seinen Ruf und tat sein möglichstes, ihn zu erhalten. Dabei mag ihm dies gerade in jener Zeit nicht ganz leicht gefallen sein, denn er war in Geldnöten. Er hatte sich wieder einmal eine Frau gekauft. Es war die dritte. Von der ersten hatte er sich scheiden lassen, weil er sie nicht mehr leiden mochte. Die zweite liebte er sehr. Aber sie hatte die schlechte Angewohnheit, ihn während des Schlafes zu bestehlen. Für das Geld kaufte sie sich Schmuck oder sie gab es ihren Eltern. Da alle Schläge -- das beliebte und häufig angewandte Erziehungsmittel des Arabers -- nichts halfen, sandte er sie wieder nach Hause zurück. Und nun hatte er, wie gesagt, sich Nummer drei zugelegt. Bei den Arabern ist es streng verpönt, über ihre Frauen, überhaupt über Familienangelegenheiten zu sprechen. Aber Jussuf war schon so weit europäisiert, daß er antwortete, wenn man ihn über diesen Punkt befragte. Und so erfuhr man, daß die Frau gerade dreizehn Jahre geworden und schön, sehr schön sei. Und daß er unter verschiedenen Bewerbern als Sieger hervorgegangen war, weil er den höchsten Preis geboten hatte, nämlich 1500 Franken. Da er nicht soviel an Vermögen besaß, hatte er nur einen Teil der Summe bezahlt, und der Rest sollte in Raten beglichen werden. Konnte er diese nicht innehalten, so kamen ohne Frage die Eltern und holten ihr schönes Töchterchen wieder nach Hause. Das waren keine ergötzlichen Aussichten. Aber trotz seiner großen Verliebtheit und seiner Geldsorgen stand Jussuf auf der Höhe der Situation. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein war er uns ein freundlicher und williger Cicerone. Öfter kam es vor, daß man ihn für den Rest eines Tages entließ, weil man glaubte, seiner nicht mehr zu bedürfen. Wünschte man dann eine Weile später aus irgendeinem Grunde ihn doch zu haben, so stand er sicher, wie dahin gezaubert, wieder vor dem Hotel. Und niemals empfand man seine Gegenwart störend, wie dies so oft bei europäischen Führern der Fall ist. Er wußte genau, wann er reden und wann er schweigen sollte. Er verstand die große Kunst, sich unbemerkt zu machen, ohne als untergeordnetes Wesen zu erscheinen.
Unter Jussufs Führung lernten wir Biskra so sehen, wie man es sehen muß, um die Oase liebzugewinnen. Oh, diese unvergeßlichen Schlenderstunden in Alt-Biskra! Diese köstlichen Vormittagswanderungen durch seine verträumten Gassen! Die Morgensonne zaubert zartrosa Reflexe auf die gelben, primitiven, oft geborstenen Lehmwände. Stolze Palmenhäupter neigen sich in der frischen Brise grüßend darüber. Meist führen die kapriziös gewundenen Wege an der langsam dahingleitenden Seguia[5] entlang, die unter den Häusermauern hindurch in kleinen Rinnsalen ihr kostbares Naß in die Gärten sendet. Straßenweit manchmal kein lebendes Wesen zu erblicken. Kein anderer Ton zu vernehmen als das melancholische Murmeln eines Brunnens.
[5] Seguia -- kleiner, künstlich angelegter Wassergraben.
Unter Straßenüberbrückungen, in denen kühler Schatten nistet, liegen graue Gestalten, in den Burnus gehüllt, die Kapuze über das Gesicht gezogen. Selbst in der Nähe von dem Erdboden kaum zu unterscheiden. Schlafen, wachen, träumen sie? Wir streifen hart an ihnen vorüber. Aber nicht die leiseste Bewegung verrät, daß Leben in ihnen wohnt.
Auf der Plattform eines Hauses steht eine vermummte Frauengestalt. Auch sie reglos, wie zu Stein erstarrt. Doppelt phantastisch wirkend unter einer zu lautem Jubel herausfordernden Sonne.
Ein gehaltenes Sprechen dringt an unser Ohr. Stimmen, die erwidern. Wir gehen dem Klange nach und finden in dem Erdgeschoß eines Hauses etwa zwölf Männer versammelt. Im Kreise sitzen sie auf dem mit Matten bedeckten Boden um einen Mann mit einem Patriarchenkopf. Er ist ein Gelehrter, der einzige aus der Versammlung, der die Kunst des Lesens beherrscht. Mit gedämpfter Stimme trägt er einen Satz aus dem Koran vor, und unter Fragen und Antworten, Reden und Gegenreden wird dieser Satz nun von allen Seiten beleuchtet und zerpflückt.
»Sie stören nicht. Treten Sie nur ein,« redet uns Jussuf zu.
So wagen wir uns über die Schwelle, in den kahlen, halbdunklen Raum, dessen Türe weit offen steht. Und in der Tat, nicht ein Auge wendet sich nach den Eindringlingen. Es ist, als ob wir gar nicht existierten.
Ein paar der Jünger gehen. Voller Ehrfurcht pressen sie einen Kuß auf den Burnus des Meisters, schlüpfen in ihre Pantoffeln, die sie innerhalb des Einganges abgelegt haben, und verlassen lautlosen Schrittes den Raum.
In einer anderen Gasse empfangen uns fröhliche Kinderstimmen. Entzückende kleine Buben stürzen auf uns zu. Zartgliedrig sind sie, sonngebräunt, mit kecken Gesichtern und dem schwarzen Haarbüschel mitten auf dem Kopf, an dem Allah sie einst zu sich holt. Und sie werden von ebenso kecken kleinen Mädchen verdrängt, mit feinen, weichgerundeten Gliedern, auffallend schlanken, schöngeformten Händen und Füßen und großen dunklen Augen, die eine lebhafte und kokette Sprache reden. Die kleinen Jungens oft ganz nackt oder mit einem viel zu großen Burnus angetan, die Mädchen in bunte Lumpen gehüllt. Sie alle wollen von den Fremden Backschisch. Und eine lustige Szene entwickelt sich, wenn eines der ihnen zugeworfenen Geldstücke vom schmalen Weg hinab in das Bett der Seguia rollt und der ganze Kindertroß im nächsten Moment in der kühlen Flut sich balgt, um den Ausreißer zu erwischen.
Hin und wieder, wo die Seguia etwas breiter fließt, trifft man Frauen und Mädchen beim Waschen. Die Hände in die Hüften gestützt, bearbeiten sie das Wäschestück mit den Füßen auf Steinen, die ausgehöhlt und glatt und glänzend sind wie geschliffener Marmor.
Und dasselbe Wasser, in dem sich die Jugend balgt, in dem man die Wäsche reinigt, wird auf seinem Wege in einem der nächsten Häuser geschöpft und zum Kochen verwandt. Das Reinlichkeitsgefühl ist wenig ausgeprägt, und Bazillenfurcht kennt man nicht in diesem Sonnenlande.
Oft genug waren wir schon an den kleinen, niedrigen Hauseingängen vorübergewandert, die immer so fest verschlossen sind, als hätten sie große Geheimnisse zu hüten. Oft genug hatte uns der Wunsch gepackt, einmal hindurchzuschlüpfen, um einen Blick auf das werfen zu können, was sich dahinter barg, auf die Menschen, die in unserer Einbildung ein gleichsam verzaubertes Leben dort führten. Und eines Tages wurde uns auch dieser Wunsch erfüllt.
Es war das Haus eines reichen Mannes, das zu besuchen uns Jussuf die Erlaubnis erwirkt hatte. Die niedrige, aus Palmenholz gefertigte Eingangstür führte in ein scheunenartiges Gewölbe, in dem Hühner und Ziegen bei unserem Eintritt erschreckt durcheinanderstoben. Ein bissig aussehender Köter stürzte kläffend auf uns zu, so daß wir uns keinen Schritt weiter wagten. Aus dieser Lage rettete uns ein kleines, süßes, schmutziges Mädchen. Sie geleitete uns hinein in eine Art Hof von ziemlicher Größe, der nur zum Teil mit einzelnen großen Palmwedeln gedeckt war, zwischen denen das Sonnenlicht hindurchsickern konnte. Ein Kreis in der Mitte blieb völlig frei, und Licht und Wärme drangen ungehindert ein. Die Lehmwände waren hier drinnen genau so kahl wie an der Außenseite des Hauses. In einer Ecke, in einem primitiven Bassin, sickerte ein Brünnchen, Wasser der Seguia, das durch das Haus geleitet wird und das ein wenig Kühlung verbreitet. Auf einem Gestell hing eine Guerba, ein schwarzes, nicht enthaartes Ziegenfell, das innen mit Pflanzenteer ausgepicht ist und Trinkwasser enthält. Sonst nicht ein einziger Gegenstand im ganzen Raum.
Den Boden in der Mitte bedeckten Matten aus Alfa[6] und zartfarbige Teppiche. Und darauf hockte ein junges Weib, das höchstens zwölf Jahre zählte, und nicht weit von ihr ein kleines, nacktes Bübchen. Die Frau schien in schlechter Laune zu sein, denn sie gab sich kaum Mühe, unseren Gruß zu erwidern. Keine Miene verzog sich in ihrem gelblichen, rassigen Gesichte, und Mißmut lag in ihren großen dunklen, mit schwarzblauer Farbe stark umränderten Augen. Die Fingernägel hatte sie, wie die meisten Araberinnen, mit Henna gefärbt, ebenso Streifen ihres üppigen schwarzen Haares. Ungewöhnlich viel Schmuck bedeckte Hals und Brust, Hand- und Fußgelenke und war der deutlichste Beweis dafür, daß wir wirklich die Frau eines reichen Mannes vor uns hatten.
[6] Alfa -- ein Wüstengras.
Durch Jussuf hatten wir gehört, daß sie des Französischen mächtig sei, und so sagten wir ihr einige liebenswürdige Dinge in dieser Sprache und unseren Dank für die Erlaubnis, ihr Haus besichtigen zu dürfen. Sie murmelte darauf etwas in Arabisch, das durchaus nicht freundlich klang, und machte auch nicht die geringste Miene, sich zu erheben und uns etwas mehr von dem Innern ihres Heims zu zeigen.
Ein unbehagliches Gefühl erfaßte uns, und wir beratschlagten gerade, ob es nicht am besten wäre, sich wieder zu empfehlen, als sich neben uns auf dem Boden ein Bündel bunter Lappen bewegte, aus denen sich ein entzückendes junges goldbraunes Geschöpf herausschälte. Noch waren ihre Augen ein wenig schlaftrunken, aber ungezählte Teufelchen des Übermuts, der List und Koketterie spukten schon darin. Ihre Schmucksachen klirrten leise, als sie sich wie ein geschmeidiges Raubtierchen erhob, dehnte und streckte und uns fröhlich lächelnd in ihrer arabischen Sprache begrüßte.
In der Annahme, daß man uns nicht verstand, stellten wir Vergleiche über die beiden weiblichen Wesen an, die selbstverständlich alle zugunsten der kleinen, anmutigen Langschläferin ausfielen.
Da mit einem Male -- war es gekränkte Eitelkeit, die es bewirkt, war es nur ein Stimmungsumschlag -- sprach die junge Frau mit dem gelblichen, rassigen Gesicht in völlig geläufigem Französisch zu uns, stellte uns ihre Mitbewohnerin als ihre Schwägerin vor und lud uns ein, neben ihr auf dem Teppich Platz zu nehmen. Nun, nachdem das Eis gebrochen war, erzählte sie uns von sich und ihrem Leben.
Ihr Geburtsort lag in der Nähe von Biskra, wo ihr Vater eine Stellung bei der französischen Regierung bekleidete. Sie hatte jahrelang die französische Schule besucht und hegte eine große Vorliebe für alles, was französisch war. Am liebsten hätte sie auch nach europäischer Sitte geheiratet. Aber da kam eines Tages der reiche arabische Freiersmann, und der Vater bestimmte, daß sie ihn nehmen mußte. Man hört häufig, daß es den arabischen Mädchen, die ihren Bräutigam in der Hochzeitsnacht zum ersten Male sehen, ziemlich gleich sei, wen sie heiraten. Ein Mann sei ein Mann. In diesem Falle traf dies sicher nicht zu. Dieses junge Geschöpf empfand es deutlich, daß sie ein Opfer ihrer Erziehung und der Sitten des Landes geworden war, die einem Mädchen nicht erlauben, den Gatten selbst zu wählen. Für alles, was man sie einst gelehrt, hatte sie nun keine Verwendung mehr. Sie war sich völlig klar über das Unwürdige in der Stellung eines arabischen Weibes, das absolut nichts weiter ist als der Spielball für die leidenschaftlichen Sinne des Mannes. Sie litt unter dem Eingepferchtsein und der Abgeschlossenheit von allem, was Leben heißt, sie verabscheute ihr arabisches Kostüm, an dem sie verächtlich zupfte, und suchte selbst zu vergessen, daß sie der französischen Sprache mächtig war, da mit dieser Sprache immer die Erinnerung an das zurückkam, was einst gewesen war. Nun hatten wir die Erklärung für ihre stumme Unliebenswürdigkeit.
Während sie uns dies erzählte, kurz, abgehackt, beinahe wie gegen ihren eigenen Willen, beschäftigte sich ihre Verwandte, die kein Wort von der Unterhaltung verstand, damit, unsere Garderobe von Kopf bis Fuß zu untersuchen. Bis zu den intimsten Kleidungsstücken drang sie vor, und bald erstaunt, bald höchlich amüsiert, plapperte sie darüber zu der ernsten Schwägerin. In dem verführerischen Köpfchen dieses geschmeidigen Wesens steckten keine schweren Gedanken. Sie war wohl ein Muster des Alltagstyps, zufrieden mit sich und den Dingen, wie sie nun einmal waren.
Das kleine, nackte Bübchen, das unser größtes Erstaunen erregte, denn es hatte blaue Augen und rotblonde Löckchen, hatte sich die ganze Zeit über völlig ruhig verhalten und mit großen, erstaunten Blicken die Fremdlinge betrachtet. Aber nun wurde es ihm wohl doch zu langweilig. Laut schreiend rutschte es auf die Mutter zu, die Frau mit den düsteren, unzufriedenen Augen, zerrte an deren Gewand und suchte wie ein Tierchen nach der Brust. Diese Brust, die so schlaff und welk und verbraucht aussah, als ob sie einem bejahrten, von Not und Hunger ausgemergelten Weibe gehörte. Entsetzen und Mitleid erfaßten uns. Denn hier sahen wir die Folgen dieser allzufrühen Heiraten. Die Folgen von Ehen, in denen der zarte, noch fast kindliche Körper des Mädchens in den seltensten Fällen schon den Ansprüchen gewachsen ist, die Frauen- und Mutterpflichten an ihn stellen.
In einer Art gedecktem Alkoven, in dem ein Kochtopf über einem Feuer brodelte und in der flachen Kuskusschüssel ein paar bunte Wäschestücke eingeweicht lagen, hantierte eine alte Frau. Hin und wieder streckte sie den Kopf aus ihrer Ecke und betrachtete uns mit neugierigen Augen. Nach einer Weile kam sie hervor und hockte sich ein Stückchen von uns entfernt auf den Boden nieder. Ganz scheu und vorsichtig, als ob sie nicht bemerkt sein wollte. Wir dachten, es wäre eine Angestellte, erfuhren dann aber zu unserem Erstaunen, daß es die Schwiegermutter sei. Ein Weib, das etwa fünfunddreißig Jahre zählte -- die Menschen wissen hier ihr Alter nur immer so ungefähr --, jedoch wie eine schlechterhaltene Sechzigjährige aussah. Sie wohnte im Hause und verrichtete alle Arbeit, während die jungen Frauen ihrer Söhne den Tag verschliefen, verträumten oder verplauderten.
»Was wollen Sie,« sagte mit einer wegwerfenden Handbewegung die Frau mit dem gelblichen, rassigen Gesichte, »sie ist zu sonst nichts mehr nütze. Das geht uns allen später so.«
Auf unsere Frage wurde uns auch gestattet, die Schlafstuben zu besichtigen. Es waren völlig kahle, fensterlose Räume, die Luft und Licht nur durch die auf den inneren Hof mündende Türe erhielten. Aber der Hausherr dokumentierte, daß er ein reicher Mann war, indem er sich eine große französische Bettstelle angeschafft hatte, während die Araber sonst meist auf dem mit Matten belegten Boden schlafen. Keine der Frauen hatte sich erhoben, um uns zu führen. Nur durch eine Kopfbewegung war uns angedeutet worden, wo die Zimmer lagen. Und als wir uns nun verabschiedeten, lächelte uns die Jüngere, Goldbraune, freundlich zu, die Alte tat, als ob sie uns nicht sähe, und die Frau mit dem bleichen, rassigen Gesicht hatte bereits wieder ihre unnahbare Miene aufgesetzt und sah ganz so aus, als ob sie bedauerte, überhaupt mit uns gesprochen zu haben.
Wir hatten Jussufs Geduld auf eine lange Probe gestellt, denn die Sonne stand bereits im Mittag, als wir durch die niedrige Tür wieder hinaus in die menschenleere Gasse schlüpften.
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Einen herrlichen Blick über die ganze Oase, die aus sieben Dörfern zusammengesetzt ist und sich am westlichen Ufer des Oued Biskra entlang zieht, hat man von der höchsten Spitze des Minaretts. Es ist ein eigenartiges Bild, das immer wieder fesselt. Die flachdachigen Häuser, an sich so ärmlich und doch in mancher Beleuchtung aussehend, als seien sie aus Goldstaub erbaut, überschattet von den stolzen dunkelgrünen Kronen der Palmen, deren Rauschen in der weichen Brise bis hinauf zur Turmspitze dringt. Zwischen diesem Gold und Grün die kleinen Kuppeln der Marabuts so blendend weiß, als hätten sie alles Licht angesogen. Und hinter diesem Gold und Weiß und Grün, das eng zusammengeschoben ist, die weite, fahle, sonnendurchglühte Ebene der Sahara.
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Manchmal nahmen wir den Weg aus Alt-Biskra zurück über den arabischen Friedhof und waren gelegentlich Zeuge, wie die Araber ihre Toten begraben. Auf einer Bahre, die von vier Männern auf der Schulter getragen wird, ruht der Verstorbene. Der Körper ist nur in Tücher eingehüllt, und durch die darüber geworfene leichte, buntfarbige Draperie zeichnen sich deutlich seine Formen ab. Verwandte und Freunde folgen der Bahre, die Männer laut betend, die Frauen schrille Jammerrufe ausstoßend. Mit dem Gesicht nach Mekka gewandt, betten sie den Toten in ein flaches Grab. Keine bezahlte Hand leistet dabei Dienste. Alles, was getan werden muß, wird von den Angehörigen besorgt. Keine feierlichen Reden werden gehalten. Ebenso wenig wie es feierliche Grabsteine gibt. Nur hier und dort läßt eine aus getrockneter Erde errichtete und mit Kalk geweißte Kuppel den Ruheplatz eines Marabuts erkennen. Alle anderen Gräber sind dem Boden gleich und verraten sich nur durch kleine, länglich runde, inschriftslose Steine, deren Zahl zugleich erklärt, ob Mann, Frau oder Kind darunter liegt. Weder Baum noch Strauch, noch die winzigste Blume ziert den Friedhof des Arabers. Völlig kahl und stimmungslos, selbst ohne die geringste Umfriedigung, liegt sein Totenacker.
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So gewiß wie die Sonne an jedem Morgen mit gleicher Pracht erschien, so gewiß trafen wir auf unseren Wegen immer an derselben Stelle dieselben Bettler. Sie betrachteten uns bald als ihre Freunde und hätten es als Kränkung empfunden, wenn wir einmal achtlos an ihnen vorübergegangen wären. Da war unser »Methusalem«, ein verhutzeltes Männchen, das wir nie anders als eifrig seinen Rosenkranz betend erblickten. Da war der ungewöhnlich große, schöngewachsene bronzefarbene Mann, dessen edelgeschnittene Züge mit den Blatternarben und den erloschenen Augen erschütternd wirkten. Da war der Choleriker mit dem verdrießlichen Gesicht, der stets Worte des Propheten vor sich hinmurmelte, dessen Stimme bei unserem Näherkommen immer lauter und energischer wurde und der die Gabe wie ein gutes Recht forderte und entgegennahm. Da war der Brotverkäufer, der von Tag zu Tag am Rande des Straßengrabens neben einem Häufchen kleiner, runder Honigbrote kauerte. Die Brote waren schwarz von Fliegen, und der von Tieren, Wagen und Menschen aufgewirbelte Chausseestaub lagerte sich darauf ab. Niemals bemerkte man einen Käufer bei ihm, und sein Vorrat schien am Abend immer noch derselbe zu sein wie am Morgen. Und doch blickte der Mann nie mißvergnügt und nie entmutigt. Stets hatte er ein freundliches Lächeln bereit. Und da war unser kleiner Negerjunge, so häßlich, wie die Natur nur in ihrem Zorn etwas erschaffen kann, aber mit einem Paar großer, treuer Hundeaugen. Und wie ein Hündchen wartete er vor dem Hotel und begleitete uns auf unseren Gängen, glücklich über jede Kleinigkeit, die ihm zufiel, und im siebenten Himmel, als sich eines Tages sein höchster Wunsch erfüllte und er der Besitzer gelber Babouchen[7] wurde.
[7] Babouchen -- weiche Schlappschuhe.
Es hätte uns etwas gefehlt, wenn wir einen von diesen schnell gewonnenen Freunden einmal nicht an seinem gewohnten Platz gefunden hätten. Sie gehörten mit zum Bilde.
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Ebenso wie Alt-Biskra zeigt auch der Marktplatz in den Vormittagsstunden sein eigenartigstes und interessantestes Gesicht. Dort eine fast unnatürliche Ruhe wie an einem verwunschenen Ort, hier in völligem Gegensatze konzentriertes Leben, Farben und Bewegung.
Welch ein fesselndes Bild bietet dieser von Kolonnaden umschlossene Platz, besonders an den Tagen, an denen die Nomaden aus den Zibanbergen und dem Auresgebirge und die Karawanen aus dem Süden eintreffen! Was sieht man da für prächtige, charakteristische Köpfe unter den weißen, mit brauner Kamelhaarkordel umwundenen Turbanen!