Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste

Part 3

Chapter 33,623 wordsPublic domain

Der Junge führte uns in eines der ersten Häuser am Eingange des Dorfes. Es war für kabylische Verhältnisse ein ziemlich großes Haus, vier langgestreckte flache Hütten um einen offenen Hof herumgebaut. Die erste, durch die wir hindurch mußten, um in das Innere zu gelangen, diente als Scheune. Wir durchquerten dann den Hof und befanden uns nun im Innern einer Wohnhütte. Die Einrichtung primitiv zu nennen, ist noch viel zu viel gesagt. Vier nackte, niedrige, fensterlose Lehmwände. In einer Ecke ein kleiner Aufbau, in dem die Krüge, die Wasser und Öl enthalten, versenkt werden, um den Inhalt kühl zu halten, und in der Mitte des Fußbodens, der aus festgestampftem Lehm besteht, eine kleine Feuergrube, über der gerade der Kuskuskessel dampfte. Der Rauch zieht durch die Ritzen und die Türe ab. Das Innere der Hütte ist durch eine halbhohe, sehr breite Mauer, die zugleich dem Hausherrn als Schlafstätte dient, in zwei Teile geteilt. Die zweite, etwa einen Fuß niedriger gelegene Hälfte gehört dem Vieh, das im Winter gleich die Wärme für den Wohnraum abgibt. Aber alle Tiere -- Kühe, Ziegen, Maulesel -- müssen durch die Hütte und gelangen erst dann mit einer feinen Schwenkung nach rechts in ihr Abteil. Eine Wiege, die in der Form etwa einer an einem Querstock aufgehängten Futterkrippe gleicht, war das einzige Mobiliarstück.

Man sitzt, liegt und schläft auf dem Boden, den man in der Nacht mit einfachen Matten bedeckt. Einige Kochtöpfe, die hölzerne Kuskusschüssel, ein Sieb und eine Handmühle, um das Getreide zu mahlen, bilden die ganze Küchenausstattung. -- Als wir in die Hütte eintraten, beherbergte sie niemand weiter als eine junge Frau, die mit einem Säugling im Schoß neben dem schwelenden Feuer hockte. Der Junge stellte sie uns als seine Mutter vor. Auf die Frage, wie alt die Mutter sei, erhob er entsetzt beide Hände gegen uns, als ob er was Böses abwehren müßte, und erwiderte ganz empört, das wüßte er nicht. Es war uns damals noch unbekannt, daß es den Kindern der Kabylen wie denen der Araber streng verboten ist, nach dem Alter ihrer Eltern zu fragen.

In wenigen Minuten hatten wir eine ganze Schar Kinder und Erwachsener um uns versammelt. Mit großer Dreistigkeit umdrängten sie uns, befühlten unsere Kleidung von oben bis unten, und die schmutzigen Händchen der Kinder tauchten mit großer Geschicklichkeit in jede auffindbare Tasche. Die Frauen waren entzückt von den großen Automobilschleiern und ließen wie liebkosend die Hände darüber gleiten, und eine von ihnen begeisterte sich an einem Brillantring, den ich trug. Sie bestand darauf, daß sie ihn einmal auf ihren Finger ziehen durfte, ließ ihn immer wieder im matten Schein des Feuers aufleuchten und konnte sich nur mit Mühe davon trennen.

Alles, was um uns war, gehörte zur Familie und bewohnte die anderen Hütten, die sich um den Hof schlossen. Dem Kabylen ist Vielweiberei erlaubt, und der Besitzer des Hofes war zufällig vermögend genug, um sich mehrere Frauen zu gleicher Zeit leisten zu können. Sonst weiß sich der Kabyle, der sich eine Frau zulegt wie ein Stück Vieh, indem er nämlich den Kaufpreis erlegt, so zu helfen, daß er eine Frau nach der anderen nimmt. Der höchste Preis, der für eine Frau erlegt wird, ist etwa tausend Franken. Doch ist manchmal eine solche auch schon für fünfzig Franken erhältlich. Die Summe, die am häufigsten gezahlt wird, ist etwa dreihundert Franken. Gefällt die Frau ihrem Manne nicht mehr, so behandelt er sie so schlecht, daß sie von selbst geht, oder er sucht und findet gewöhnlich auch einen Vorwand, unter dem er sie wieder zu ihren Angehörigen zurückschicken kann. Bekommt sie keine Kinder, so ist dies ebenfalls ein Grund, sich von ihr zu trennen. Kein Wunder, daß bei solchen Erfahrungen die Frauen aus dem Erstaunen nicht herauskamen, als sie auf ihre Fragen erfuhren, wie lange wir verheiratet waren und daß wir keine Kinder hätten.

»Und der Mann lebt noch mit Ihnen, hat Sie noch nicht fortgeschickt?«

Wir verstanden die Worte nicht, die sie sprachen, aber man konnte sie ihnen deutlich vom Gesicht ablesen, noch ehe sie uns übersetzt wurden.

Manchmal behält der Mann auch die Frau, die er nicht mehr mag, im Hause, und sie darf dann alle schmutzigen und schweren Arbeiten verrichten und zusehen, wie er eine Jüngere und Hübschere an ihren Platz setzt.

Wir hatten unseren kleinen Führer gefragt, ob man im Dorfe wohl irgendein Schmuckstück kaufen könnte. Allem Anschein nach hatte er dies berichtet, denn nun kam eine Frau -- nicht die junge und schöne Favoritin, sondern eine der älteren -- und bot ihre Ohrringe zum Verkauf an mit einer Bewegung, die verständlich genug ausdrückte, daß ihre Zeit vorbei sei und sie des Schmuckes nicht mehr bedürfe. Der Kauf war bald abgeschlossen, und eben verhandelten wir über ein Paar Agraffen, die sie ebenfalls losschlagen wollte, als der blasse Schrecken in die ganze Versammlung fuhr. Die Kinder stoben auseinander und verschwanden in den verschiedenen Hütten. Die Frauen verstummten, und selbst unserem ziemlich redseligen Cicerone blieb das Wort im Munde stecken. Wir folgten der Richtung ihrer Blicke und wußten, daß dies nur der Herr des Hauses sein konnte, der da über den Hof geschritten kam, ehe der Junge uns zuflüsterte: »C'est mon père!« Eine Erscheinung von antiker Größe in Haltung, Gang und Ausdruck. In seinen Augen loderte die helle Empörung. Kein Wunder, daß die Frauen davonschlichen wie geprügelte Hunde. Selbst uns wurde etwas unheimlich zumute bei seinem Anblick. Mit kurzem Gruß schritt er an uns vorüber ins Haus hinein, seine Tiere hinter ihm her.

»Ich werde Sie jetzt noch etwas weiter im Dorf herumführen,« sagte der vielversprechende Sproß des Hauses. »Vater sieht Besuch nicht gern.«

Das wußte er aber zuvor auch schon, daß Vater Besuch nicht gerne sah, denn wenn der Kabyle auch keinem Fremden den Eintritt in seine Hütte verweigert, so macht er doch die Bedingung, daß Besuch nur dann ins Haus darf, wenn er vorher angemeldet ist und er selbst da sein kann, um ihn zu empfangen.

Wir kletterten weiter in das Dorf hinab in das Gewirr von Hütten, die sich innen und außen zum Verwechseln ähnlich sahen. Völlig ausgestorben lagen sie da, als wir uns näherten. Aber als ob man in ein Wespennest gestoßen, so kam es nun aus all den dunkeln Ecken und Löchern herausgeschwärmt: kleine, schmutzige, bildhübsche Mädchen, bis auf den Schmuck genau gekleidet wie ihre Mütter, ebenso dreckige Buben mit intelligenten Gesichtern und dem kahlgeschorenen Kopf, auf dem nur in der Mitte der schwarze Haarbüschel wippte, Frauen, jung und alt, umringten uns, hingen sich an uns, alle von dem einen Wunsche beseelt, Backschisch zu erlangen.

Die Frauen, deren jugendliches Aussehen leider selten länger als bis zum zwanzigsten Jahre währt, sind von fesselnder Schönheit. Die Gesichter zeigen etwas große, energische, dabei nicht unfeine Züge mit lebhaften Augen, in denen eine kaum unterdrückte Wildheit flackert. Ihr Anzug -- Melhalfa genannt -- ist von geradezu genialer Einfachheit. Er besteht aus zwei Stücken Stoff, Kattun oder Musselin, meist von dunkler Farbe. Aber auch Rot und Orange wird getragen. Das eine Stück wird für vorne, das andere für hinten gebraucht, das hintere dann über die Schultern herübergezogen und rechts und links auf der Brust mit großen eigenartigen Agraffen festgehalten, die wie die meisten Schmuckstücke aus Silber hergestellt und mit bunter Emaille ausgelegt sind. Um die Taille eine Kordel oder ein schmales Stück Stoff, das als Gürtel fungiert. Aus dem offenen Spalt zu beiden Seiten treten die nackten Arme hervor. Von Schuhen und Strümpfen keine Spur. Um den Kopf mit den dunkeln Haaren schlingt sich, kokett arrangiert, ein schwarzes oder buntgerändertes Tuch. An der Art, wie dies getragen wird, auch an den Schmucksachen läßt sich erkennen, ob eine Frau verheiratet ist oder nicht. Für Schmucksachen, die mit zur Kleidung gehören und immer getragen werden, haben die Kabylinnen eine große Vorliebe. Sie behängen sich mit Ohrringen, die bis auf die Schultern reichen, und ungezählte Silberspangen klirren an den schlanken, feingeformten Arm- und Beingelenken.

Alle Frauen sind tätowiert auf Stirn, Wangen und Händen, und häufig tragen die Angehörigen eines Stammes dasselbe Muster.

Von den Frauen wird verlangt, daß sie das Weben verstehen, um die Burnusse für Mann und Söhne herstellen zu können. Es dauert Monate, ehe sie einen solchen fertigbringen. Dafür hält er aber auch ungezählte Jahre. Nachdem wird er bei den Ärmsten geflickt und wieder geflickt, bis vom Original nicht das kleinste Fleckchen mehr daran ist, und wir haben einige Exemplare gesehen, bei denen wir uns verwundert fragten, durch welches Kunststück sie überhaupt noch zusammengehalten wurden.

Ebensoviel Wert, wie auf das Weben, legt der Mann darauf, daß die Frau einen guten Kuskus zubereiten kann. Ja, man sagt, der Preis für eine Frau wäre um so höher, je besser sie damit umzugehen weiß. Kein Wunder, denn der Kuskus ist das Gericht, von dem der Kabyle des Morgens, Mittags und des Abends lebt. Vom ersten Tage des Jahres bis zum letzten. Von seiner Kindheit bis zu seinem seligen Ende.

Stunde um Stunde verbringt die Frau täglich damit, den Kuskus herzustellen. Auf dem Boden hockend, nimmt sie eine große flache Holzschüssel zwischen die Knie, wirft eine Handvoll Grieß hinein, der für die wenigen Reichen aus Weizen, für die Armen jedoch aus Gerste hergestellt wird, tut einige Tropfen Wasser darauf und rührt sie mit der flachen Hand, bis sich die Masse zu kleinen Knötchen formt. So geht das weiter, bis eine Menge davon fertig ist. Dann schüttet sie alles in ein Sieb. Was in gleichmäßig großen Klümpchen durchfällt, ist gut, das übrige wird von neuem geknetet und dieselbe Prozedur wieder vorgenommen. So geschickt dies auch gemacht wird, sehr appetitlich sieht es nicht aus, da die Hände in bezug auf Sauberkeit doch manches zu wünschen übrig lassen.

Das richtige Rezept für den Kuskus verlangt nun, daß diese Klümpchen in einem Sieb auf einen Topf gestellt werden, in dem ein tüchtiges Stück Hammelfleisch zusammen mit allerhand grünen Gemüsen und kräftigen Zutaten kocht. Darin bleiben sie so lange, bis sie durch den Dampf gar geworden sind. Das Gericht, so zubereitet, ist sehr leicht und schmeckt delikat. Der arme Kabyle aber, der während des ganzen Jahres vielleicht nur dreimal Fleisch im Topfe sieht, kann den Kuskus nur über purem Wasserdampf aufquellen. Um ihm Geschmack zu geben, ißt er ihn mit sehr scharfen Saucen.

Eine Frau, in deren Hütte wir uns mit unserem kleinen Führer längere Zeit über den Kuskustopf unterhielten, bot uns etwas davon zum Kosten an und machte ein sehr verwundertes Gesicht, daß wir ihre Freundlichkeit so energisch abwehrten.

Als wir den Rückweg nach dem Hotel antraten, war die Sonne bereits hinter den Bergen verschwunden. Nur hoch oben auf einer stolzen Bergeszinne lag noch ein Abglanz ihres königlichen Lichts. Mit jedem Schritt, den wir aufwärts stiegen, versank das Dorf tiefer hinter uns. Kein Lichtpunkt bezeichnete seine Lage, und nach ganz kurzer Zeit war es wie in den Boden gesunken, in der überraschend schnell sich einstellenden Dunkelheit der Farbe der Berge gleich.

Aber was wir da gesehen, gehört und beobachtet hatten an Anspruchslosigkeit, an Armut und Unwissenheit, war tief in die Erinnerung eingegraben.

Von Michelet nach Bougie

Schon früh am nächsten Tage holte uns die Sonne heraus, um das seltsame Bild zu bewundern, das sich unter ihren Strahlen entwickelte. Langsam nahm sie dem Djurdjura die duftigen Morgenschleier ab und enthüllte seine Formen in all ihrer wilden Schönheit und Größe. Über Nacht schienen rundherum die Dörfer aus dem Boden gesprossen zu sein. Am Abend zuvor hatten wir nur zwei oder drei entdeckt, jetzt hingen nah und fern so und so viele an den Hängen, krochen auf den Graten entlang, schmiegten sich in düstere Bergfalten. Schmale, steile Fußpfade, die eigentlich nur für Maulesel, Ziegen und Kabylen gut gangbar sind, verbinden diese Dörfer miteinander.

Wir hatten gehofft, von Michelet aus den Ausflug auf den Lella Khedidja machen zu können, dessen Gipfel einen herrlichen Ausblick über die ganze Kabylie ermöglicht. Aber man stellte uns dies im Hotel als absolut unausführbar hin. Vor der völligen Schneeschmelze, die erst Ende Mai eintritt, könnte eine Besteigung nicht unternommen werden. So mußten wir ziemlich enttäuscht auf diese vielversprechende Tour verzichten.

Gerade als wir uns zur Abfahrt rüsteten, passierte ein Kaid Michelet, ein alter Mann mit interessantem graubärtigen Kopfe. Stolz wie ein König saß er auf seinem abgetriebenen Maulesel; auf der Brust, an den leidlich reinen Burnus geheftet, flimmerten ein paar bunte Orden in der Sonne. Das ist auch so ziemlich alles, was ihm von seiner früheren Herrlichkeit als Chef seines Stammes geblieben ist. Er wird ebenso wie der Amin[1] und der Tamen,[2] die unter ihm stehen, von der französischen Regierung zu seinem Posten ernannt. Sie alle sind heute nichts weiter als deren Angestellte und haben die Vorschriften zu erfüllen, die ihnen gemacht werden. Dem Kaid steht das Amt zu, die Aminen zu beaufsichtigen, und außerdem hat er das Eintreiben der Steuern zu besorgen, wofür er als Entgelt 10 Prozent erhält.

[1] Amin -- eine Art Bürgermeister.

[2] Tamen -- Gehilfe des Bürgermeisters.

Die Kabylen sind Demokraten vom reinsten Wasser, und es gibt nur wenige Rassen, die es ihnen in der praktischen Ausübung des demokratischen Prinzips gleichtun. Vor der Eroberung durch die Franzosen bildete jedes Dorf eine kleine Republik für sich, in der das System des Selbstregierens auf das radikalste angewandt wurde. Die Gesetzgebung ging von der Dschema[3] aus, und jeder Mann, der majorenn geworden, war zum Erscheinen und zum Mitstimmen berechtigt. In Wirklichkeit bestand sie aber, einer alten Sitte gemäß, nur aus den angesehensten und erfahrensten Männern des Ortes. Diese Dschema, die sich ihren Amin jedes Jahr selbst wählte, besaß absolute Gewalt: sie machte Gesetze, entschied über Frieden oder Krieg, setzte die Steuern fest und saß zu Gericht.

[3] Dschema -- Gemeinderat.

Da der Kabyle von seinen Vorvätern, den Berbern, den Hang zum Kämpfeführen ererbt hat und die benachbarten Orte immer miteinander im Streit lagen, ja selbst die Dörfler unter sich immer in Parteien gespalten waren, da außerdem durch das ungewöhnlich dichte Zusammenleben -- man zählt in der Großen Kabylie allein über 500000 Seelen -- Reibereien nicht ausbleiben konnten, war die Aufgabe der Dschema keine geringe.

Wenn nun unter der französischen Regierung auch die Formen dieser alten politischen Einrichtungen beibehalten wurden, so steht deren Gewalt in den hauptsächlichsten Dingen jetzt doch nur noch auf dem Papier.

Die Franzosen konnten dem Kabylen die regierende Macht entwinden, aber ihn ändern konnten sie nicht: eigensinnig verharrt er in seinen hergebrachten Ideen und sträubt sich hartnäckig gegen jeden neuen Gedanken, den man ihm aufdrängen möchte. Jeder Bildungsmöglichkeit geht er weit aus dem Wege. Wie arm und reich denselben Burnus trägt, so daß sie äußerlich nicht zu unterscheiden sind, wie alle in den gleichen ärmlichen Hütten wohnen, dieselbe magere Kost genießen, so ist auch einer so unwissend wie der andere und will es sein. Für ein Mädchen halten sie eine europäische Ausbildung direkt für ein Unglück, und wohl mit Recht, da sich dann kaum noch ein Kabyle findet, der sie zur Frau nimmt.

Ein Schulzwang existiert nicht. Wenn trotzdem mancher Vater seinen Sohn zur Schule schickt, so geschieht das nicht, damit er sich französische Bildung aneigne oder damit er in französischen Geist eingeweiht werde, sondern es ist nichts weiter als eine Spekulation. Man hofft nämlich, daß er dann später eine Anstellung in der französischen Verwaltung findet.

Auch an der Blutrache hält der Kabyle fest wie an einem alten Recht, und die Streitigkeiten, die früher offen, jetzt bei der strengen Aufsicht der Franzosen heimlich ausgefochten werden, kosten vielen tüchtigen Männern das Leben. Dabei gelingt es dem französischen Gericht nur in den seltensten Fällen, den Täter zu ermitteln oder zu fassen, trotzdem dieser gewöhnlich dem ganzen Dorfe wohlbekannt ist.

Es ist begreiflich, daß ein solch demokratisches und zugleich in seinen Sitten so konservatives Volk sich nirgendwo anders wohlfühlen kann als im eigenen Lande und mit leidenschaftlicher Liebe an seiner Heimat hängt. Wer nur irgend kann, bleibt zu Hause. Die Viehzucht und der zu einer wahren Kunst entwickelte Ackerbau ernähren wohl eine große Anzahl der Eingeborenen, und die Verfertigung von Schmucksachen, die in Form und Muster wenig wechseln, aber unbestreitbar von originellem Charakter sind, sowie die Herstellung von Töpferwaren sind zwei blühende Erwerbszweige. Aber für das Auskommen der Gesamtheit reicht es trotz der geringen Lebensansprüche doch noch immer nicht. Und so suchen sich alljährlich viele Männer Arbeit bei den Kolonisten, oder sie wandern in die Städte bis nach Tunis hinunter, wo sie sich als Lastträger oder in irgendeiner anderen untergeordneten Stellung ihr Brot verdienen. Jeder Sou wird zurückgelegt, um so bald als möglich mit dem Ersparten wieder in die Heimat zurückkehren zu können, wo dann gewöhnlich ein Stückchen Land dafür gekauft wird, oft auch nur ein paar Bäume, die auf dem Acker eines anderen stehen, oder ein paar Äste auf einem Baum, der wiederum einem anderen gehört.

So wenig dies auch ist, es ist Heimat, bindet sie an die Heimat und läßt sie leichter vergessen, was eine fremde Oberherrschaft ihnen genommen, wie die bunten Eitelkeitspflästerchen auf dem Burnus des alten Kaid diesen darüber hinwegtäuschen helfen, daß seine wirkliche Macht geschwunden ist.

Über Azazga nach Bougie

Nach einer herzlichen Verabschiedung von unseren Wirten, die uns viel Interessantes aus ihren langjährigen Erfahrungen in diesem eigenartigen Lande zum besten gegeben hatten, machten wir uns wieder auf die Reise. Die Fahrt sollte nun weiter nach Azazga gehen.

Da ein Teil des ursprünglich vorgesehenen Weges nicht befahrbar war, mußten wir wieder ein ganzes Stück in der Richtung nach dem Fort National zurück. Dann bogen wir rechts ab, kamen, in überraschender Schnelligkeit von einer Berglehne auf die andere übergehend, durch verschiedene der Dörfer, die wir am vorhergegangenen Tage von der Festung aus gesehen hatten, und ließen nach einiger Zeit den gewaltigen Djurdjura im Rücken.

In nahezu horizontaler Richtung führte die ausgezeichnet gehaltene Straße an unaufhörlich wechselnden Bildern vorüber. Von mancher Bergeshöhe herab grüßte der kleine weiße Kuppelbau, der das Grab irgendeines Marabuts beherbergte. Wie der Araber bekennt sich auch der Kabyle zum Islam, ohne jedoch dessen Vorschriften sehr gewissenhaft zu befolgen. Seine Marabuts, die in der Kabylie diese hohe Stellung nur durch Geburtsrecht erhalten können, verehrt er wie Heilige, und der Einfluß dieser frommen, manchmal sehr weisen Männer ist auch noch heutigestags ein ganz gewaltiger.

Als wir wieder einmal auf einer freien, lichten Höhe angelangt waren, zeigte uns der Chauffeur in weiter Ferne einen langen, dichtbewaldeten Höhenzug.

»Dort hinüber müssen wir heute noch, um Bougie zu erreichen,« sagte er.

Bougie sollte das Endziel des Tages sein. Wir hielten es kaum für möglich, eine solche Strecke in wenigen Stunden zurücklegen zu können. Und doch ging alles programmäßig vor sich.

Die Gegend, die wir nun durchfuhren, war wenig kultiviert und fast völlig unbewohnt und bildete dadurch einen schroffen Gegensatz zu dem Teil des Landes, den wir bereits kennen gelernt hatten.

Von Taka an fiel der Weg ab in das große unfruchtbare Tal des Sebaou. Eine hohe massive Eisenbrücke, vor noch nicht allzu langer Zeit von den Franzosen erbaut, führte über das breite, arg versandete Flußbett. Dann stieg die Straße am anderen Ufer zwischen grünen Wiesen wieder hinan, und kurze Zeit darauf fuhren wir in Azazga ein.

Auf einer kleinen Hochebene breitet sich das Dorf aus, völlig französisch in seiner Art: gut gehaltene, mit schattigen Bäumen bepflanzte Straßen, Rathaus und Schule, Post- und Gendarmeriegebäude, sogar der öffentliche Platz mit dem üblichen Denkmal fehlt nicht, und zwei Hotels sind vorhanden. So echt wie möglich hat man alles aus der Heimat hierher verpflanzt. Aber man fühlt, es kommt sich verloren und unbehaglich vor in diesem fremdartigen Lande und zwischen dem noch viel fremdartigeren Volke.

Nachdem wir das Dorf mit seinen wenigen Merkwürdigkeiten besichtigt, in einem der Hotels unser Mittagsmahl eingenommen und einen Kabylen in seiner tristen Hütte bei der primitiven, aber außerordentlich geschickten Herstellung einer Art Krapfen, die er zum Verkauf bereitete, eine Weile bewundert hatten, setzten wir unsere Fahrt in östlicher Richtung fort.

Nun sollte es in die großen geheimnisvollen Wälder hineingehen, die sich zwischen Azazga und dem im Tal des Oued[4] Sahel gelegenen El-Kseur hinziehen. Es waren dieselben Wälder, die uns am frühen Morgen aus weiter Ferne bereits gegrüßt hatten. Niedriges Gestrüpp drängt sich neugierig bis nahe an das Dorf heran. Aber bald sind wir mittendrin im herrlichen Wald von Yacouren, in dessen dunkler Tiefe ein feierliches Schweigen webt. An sanft abfallender Berglehne entlang zieht sich der Weg, den man durch diese Wildnis gebahnt hat. Meilen- und meilenweit nichts als Eichen! Hundertjährige Veteranen in voller Kraft und Frische. Die gewaltigen Stämme werden von Schlinggewächsen fast erstickt. Desto freier und mächtiger dehnen sich die königlichen Kronen und vereinigen ihre Zweige zu einem kühlen, schattenspendenden Baldachin. Kein Laut eines lebenden Wesens drang an unser Ohr. Nichts erblickten wir als hin und wieder ein Vögelchen, das erschrocken über unsere Köpfe hinweghuschte. Und doch sollen in diesem fast undurchdringlichen Dickicht Eber und Schakale, Panther und Affen in Menge ihr Wesen treiben.

[4] Fluß.

Aus der traumhaft grünen Dämmerung tiefer Schluchten ging es wieder hinauf auf sonnenbeglänzte Halden. Der Chauffeur zeigte uns die Stelle, wo vor noch nicht allzu langer Zeit ein Panther erlegt worden war. Suchend wanderten unsere Augen: vielleicht war uns das Glück hold und sandte uns eines dieser prächtigen Raubtiere über den Weg. Aber so oft man dachte, etwas erspäht zu haben, stellte es sich heraus, daß es nur ein buntgestreifter Felsen war, den einmal ein Sturmwind von der Höhe herabgeweht hatte. Oben aber im klaren Äther zeigte sich Leben. Da zogen fahlbraune Geier und raubgierige Bussarde, die durch die lebhafte Zeichnung des Gefieders wie Riesenschmetterlinge aussahen, ihre stolzen Kreise.

Von schattenloser Bergspitze mit herrlichem Rundblick, an unsagbar tristen Dörfern vorüber, die noch viel ärmlicher aussahen als jene um das Fort National herum, ging es wieder hinein in den nicht minder faszinierenden, jungfräulichen Wald von Akfadou. Hier fesselte eine neue Eichenart unser Interesse: viel heller als bei unseren deutschen Eichen schimmerten die Stämme, und die Rückseite der Blätter gleißte wie in flüssiges Silber getaucht, wenn ein Lüftchen sie bewegte oder ein verirrter Sonnenstrahl darüber huschte. Auch hier, wie im Walde von Yacouren, üppigste Vegetation, verzaubertes, geheimnisvollstes Leben, in das das Surren unserer Maschine wie eine profane Entweihung klang.