Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste

Part 12

Chapter 121,430 wordsPublic domain

So begann denn, noch ehe der nächste Morgen graute, in unserem Lager ein reges Schaffen. Zum letzten Male wurde der »Hausrat« in Kisten und Körbe verpackt. Mit Wehmut sahen wir die Zelte sinken, die in diesen Wochen unser Heim bedeutet und uns nun zum letztenmal beherbergt hatten.

Gerade als die letzten Vorbereitungen zum Aufbruch getroffen wurden, tauchte eine Anzahl berittener Kamele auf. »Die Méharis![17] Die Méharis!« riefen verschiedene Stimmen zu gleicher Zeit, Alle unsere Leute gerieten in Aufregung. Wir sahen Jussuf, rufend und gestikulierend, auf die Gruppe zueilen. Daraufhin schwenkte diese von ihrer Richtung ab und befand sich wenige Minuten später in unserem Lager. Wir hatten nun vorzügliche Gelegenheit, die Tiere zu betrachten, von deren erstaunlichen Leistungen wir häufig hörten. Welch ein Unterschied zwischen den armen Lastkamelen, denen wir bis jetzt nur begegnet waren, und diesen ihren nahen Verwandten! Jene plump von Form, schwerfällig, meist starrend vor Schmutz, das Fell räudig und zerschunden, oder des vielen Ungeziefers wegen mit Teer beschmiert; diese größer, dabei aber schlanker im Bau, viel beweglicher, mit feinem Kopf und lebhaften, intelligenten Augen. Das weiche Wollkleid, hell beigefarben, in tadellosem Zustande. Wirklich eine vornehme Sippschaft! Nur im Süden züchtet man diese Rasse.

[17] Méhari -- Reitkamel.

Alljährlich im Frühjahr findet ein Wettrennen der Méharis von Tugurt nach Biskra statt. Sie legen die Entfernung von 210 Kilometern in etwa vierzehn bis fünfzehn Stunden zurück, ohne unterwegs Nahrung oder Wasser zu sich zu nehmen, ohne auch nur einen Moment zu rasten. Ein glänzendes Zeugnis für ihre Schnelligkeit, Ausdauer und Anspruchslosigkeit.

Das Rennen hatte gerade wieder stattgefunden und die Teilnehmer waren nun auf dem Heimweg begriffen. Man zeigte uns den Sieger, ein prachtvolles Tier, das den ersten Preis schon wiederholt gewonnen hatte. Und gewaltig hochnäsig, von seinem Werte völlig überzeugt, blickte es auf seine Kameraden herab.

Immer hört man nur die Leistungen des Tieres rühmen. Aber verdient der Reiter nicht ebensoviel Beachtung und Bewunderung? Zwar ist der Sattel, in dem er sitzt, mit seiner Rückenlehne und dem kreuzförmigen Halt für die Hände fast so bequem wie ein Stuhl, seine Füße können ungezwungen auf dem Halse des Tieres ruhen, und auch die Führung des Kamels, die mit einer dünnen, durch die künstlich durchlochte Nase gezogenen Kamelhaarkordel geschieht, verlangt weiter keine Kraftentfaltung. Doch vierzehn bis fünfzehn Stunden ununterbrochen auf einem Kamel auszuhalten, stundenlang ohne Pause zu galoppieren, ohne eine andere Erfrischung in der ganzen Zeit zu haben, als ein paar trockene Datteln, verrät zweifellos ebenfalls eine ungewöhnliche Leistungsfähigkeit und Mäßigkeit und ist wohl nicht minderer Anerkennung wert.

Den geschmeidigen Reitern machte es offenbar Vergnügen, uns eine Probe von dem Können ihrer Tiere zu geben, denn abschiednehmend, mit der Hand an die Stirne gelegt, dem Gruß des Arabers, jagten sie in hellem Galopp davon.

Während sie immer tiefer in das Herz der Wüste hineineilten, machten wir uns in bedeutend langsamerem Tempo in entgegengesetzter Richtung auf den Weg.

Wieder rasteten wir in Bou-Saada, wo uns der riesenhafte Neger mit großer Freude wie gute alte Bekannte begrüßte.

Es war ein unsagbar heißer Tag. Die Luft stand reglos. Bleiern dehnte sich der Himmel. Die Erde briet förmlich. Einer unserer Kabylen war der Hitze bereits zum Opfer gefallen, und wir mußten ihn in der Obhut und Pflege des schwarzen Bordjwächters zurücklassen.

Eine Strecke hinter Bou-Saada trennten wir uns von dem Rest der Karawane, da wir mit unseren Pferden bedeutend schneller vorwärts kommen konnten. Die braven Tiere leisteten fast Unmögliches. Der Grauschimmel taumelte zwar manchmal wie betrunken, und »Schäfchen« stöhnte von Zeit zu Zeit auf wie ein Mensch unter einer schweren Last. Doch sie hielten aus. Diese kleinen arabischen Hengste besitzen Stolz und Willigkeit, und -- die Nähe der heimatlichen Krippe tat wohl das übrige.

Immer deutlicher entwickelten sich zur Rechten die uns vertrauten Oasen: Sidi Okba, Chetma, Filiach, und vor uns wuchs Biskras Palmenwald mehr und mehr in die Höhe. Aber er wuchs viel zu langsam für unsere Wünsche. Wir hatten die ungeheure Anstrengung, die der Ritt in solch infernalischer Hitze bedeutete, gehörig unterschätzt und mußten nun fürchten, mit unseren Kräften zu Ende zu sein, noch ehe wir am Ziele angelangt waren. Aber wir schafften es schließlich doch und erreichten die Oase gerade, als die Farbenglut der scheidenden Sonne sie wie allabendlich tausendfach verschönte.

Auch hier hatte während unserer Abwesenheit der Frühling seinen Einzug gehalten. Wo wir beim Antritt unserer Reise nur kahle Flächen gesehen hatten, dehnten sich jetzt saftige Gerstenfelder, ganze Strecken waren mit leuchtenden Margueriten bestickt, in den stillen Gärten von Alt-Biskra war ein verschwenderisches Grünen und Blühen, und süße Wohlgerüche schwebten in der Luft.

Die Nachricht unseres Kommens war uns wieder auf unerklärliche Weise vorausgeeilt. Als wir vor unserem Hotel anlangten, stand man schon zu unserer Begrüßung bereit, und wir wurden mit einer Freude und einer Aufregung empfangen, als ob wir von einer langen, gefährlichen Entdeckungsreise zurückgekehrt wären. Unsere äußerliche Erscheinung konnte dies allerdings auch vortäuschen. Aber die Segnungen der modernen Kultur, die wir sofort gründlich auskosteten, brachten es zuwege, daß wir schon einige Stunden später wieder völlig zivilisiert aussahen. Nur unsere afrikanische Gesichtsfarbe hatte dagegen Stand gehalten.

Spät am Abend, es ging bereits auf elf, traf noch die Karawane ein. Sie wollte in ihrer Leistung nicht zurückstehen, und »die Krippe« hatte wohl auch in diesem Falle wie ein Magnet gezogen.

Am nächsten Nachmittag wurde draußen unter den duftenden Büschen von Beni-Mora, wo die Reise eigentlich begonnen hatte, auch die Rückkehr festlich begangen. Jussuf hatte ein Zelt für uns errichtet und alles für einen Five o'clock tea arrangiert. Auf einem freien Platze vor dem Zelt saßen die Kabylen, wie immer ernst und schweigend, um eine große Kohlenglut. Über dieser Glut schmorte ein junger Hammel, den Jussuf erst wenige Stunden vorher auf dem Markt eingekauft hatte. Einer der Leute drehte den Spieß, ein anderer goß das Fett auf den Braten. Mit Liebe und Sorgfalt versahen sie ihr Amt, bis der Hammel mit einer schönen braunen Kruste versehen und zum Verspeisen fertig war. Ein Weilchen später existierte davon nichts mehr als die unverzehrbaren Knochen, und einer Riesenschüssel voll Kuskus war in der gleichen Zeit der Garaus gemacht worden.

So hatten wir den Leuten, die uns brav gedient, ein Fest nach ihrem Sinn gerichtet, und wir feierten nach unserer Sitte, indem wir am Abend einer Flasche Sekt den Hals brachen.

* * * * *

Mit der Sportswoche, die gewöhnlich Anfang April abgehalten wird, und die durch ihre Pferde- und Kamelrennen, mehr aber noch durch das große arabische Reiterfest, »Phantasia« genannt, Tausende von Fremden und Eingeborenen anzieht, schließt die Saison in Biskra. Im Laufe weniger Tage sind fast alle Besucher entflohen.

Nun trägt die Oase ein völlig anderes Gesicht. Sie hat das süße Lächeln abgelegt, das sie den fremden Gästen zu Gefallen einige Monate lang festgehalten, und zeigt jetzt ihre wahren Züge: ruhig, ernst, von einer herberen Schönheit, die mit dem Charakter des Landes und dessen Bewohnern so viel besser im Einklang steht. Wir liebten sie um dieser Wandlung willen noch mehr als zuvor.

Aber die Tage des Genießens waren jetzt auch für uns gezählt. Es hieß Abschied nehmen von dem Orte, der uns so viele neue, fremdartige, köstliche Eindrücke verschafft, Abschied nehmen von dem Lande, in dem wir, losgelöst von allen Mühen, Aufregungen und Kleinlichkeiten des Alltags, unvergeßliche Stunden berauschenden Nichtstuns verlebt hatten.

Jussuf, von Trennungsweh und dankbaren Gefühlen geplagt, wollte uns zum Abschied noch irgendeine Freude bereiten, und das gebar einen großen Entschluß in ihm. Auf dem Wege zur Bahn bat er uns, sein kleines, ärmliches Haus zu betreten, und dort zeigte er uns das Kostbarste, was er besaß: Nakhla, sein junges Weib. Und beim Himmel, _das war eine Freude_! Denn das Geschöpf war schön wie ein Traum.

Und wie ein Traum erscheint beinahe alles, was wir in jener Spanne Zeit erlebten. Die Schönheiten der Wüste, worin bestehen sie weiter als in Illusionen, Visionen! Auch ihre Wirklichkeiten -- Grausamkeit und Schrecken -- sind phantastisch in ihrer Größe. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, reizt das Land, die Erinnerungen lassen eine fast quälende Sehnsucht wachsen, und am Ziele der Wünsche eines jeden, der die mysteriöse Seele der Wüste einmal kennen gelernt hat, steht wohl in großen Buchstaben geschrieben: »Zurück in das Land des Lichts!«

Inhalt

Seite

Einleitung 7

An Bord des »Charles Roux« 9

Algier 11

Fatme 17

Durch die Kabylie 21

Von Michelet nach Bougie 37

Über Azazga nach Bougie 41

Von Bougie nach Setif 47

Biskra 57

Tugurt 112

Von Tugurt nach El-Oued 122

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Weitere Anmerkungen zur Transkription

Die unterschiedlichen Schreibweisen _Abderrahman_/_Abderrhaman_ wurden beibehalten.

Korrekturen:

S. 76: Häßlickkeit → Häßlichkeit von wahrhaft grotesker _Häßlichkeit_ sorgt für Erheiterung.

S. 125: läst → läßt Mit dem besten Willen _läßt_ es sich nicht behaupten,

Abbildung nach S. 137: Sife → Sifl Bordj _Sifl_-Monadi

S. 138: dichtverschlungenen → dichtverschlungener Schatten einiger _dichtverschlungener_ Feigenbäume