Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste

Part 11

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Nicht minder merkwürdig als die Stadt sind die versunkenen Gärten, die draußen vor den Toren liegen. Um das Wasser des Oued Souf -- der wie der Oued Rir tief unter der Erde seine Bahn verfolgt -- nutzbar zu machen, werden ungeheure trichterförmige Höhlungen ausgegraben und auf deren Grund die Dattelbäume angepflanzt. So erhält die Palme das, was sie nach Ausspruch der Saharabewohner am meisten liebt: sie steht mit den Füßen im Wasser und hat das Haupt im Feuer des Himmels. Aber während diese beiden Mächte sonst so ziemlich alles allein schaffen, ist die Mithilfe des Menschen in den Gärten von El-Oued unerläßlich, und voll Staunen und Bewunderung blickt man auf seine Arbeit. Mit dem Aushöhlen des Bodens und dem Anpflanzen der Bäume ist es längst nicht getan. Ununterbrochen heißt es das Gebiet verteidigen, indem während jeder Nacht der Sand wieder heraufgeschafft wird, den der Wind ohne Unterlaß in die Tiefe weht. Geschähe das nicht, so wäre nach wenigen Tagen das Getreide, der Tabak, das Gemüse, kurz alles, was man unter den Bäumen anpflanzt, begraben, und nach einigen Wochen die Palmen bis zur Krone im Sande erstickt. Und die Gärten lohnen die unendliche Mühe und Geduld, die an sie verwandt wird, denn die Datteln des Soufgebietes gelten für die besten im ganzen Lande.

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Wir hatten uns auch in El-Oued, just der Wissenschaft halber, dem einzigen dort bestehenden »Hotel« anvertraut, das klein und unansehnlich am Rande der Stadt im Schutze des ausgedehnten Festungsgebäudes liegt. Wurden von den Besitzern, einem französischen Ehepaar, freundlich aufgenommen und am ersten Tage sehr gut verpflegt. Wären wir gleich wieder abgereist, so hätten wir jedoch ein ganz falsches Bild von der Leistungsfähigkeit des Hauses mit uns genommen. Am zweiten Tage stellte es sich nämlich heraus, daß diese bereits zu Ende war. Unsere Wirte befanden sich in einer peinlichen Lage, denn in ganz El-Oued, einer Stadt mit 4000 Häusern, gibt es nichts zu kaufen. Alle Bedürfnisse an Nahrungsmitteln werden auf dem Markte gedeckt, der nur einmal in der Woche stattfindet. Auf diese Weise erlebten wir, wie in einem Hotel einmal Schmalhans als Küchenmeister fungierte.

Auch die Schlafstelle, die wir drei Damen im Gasthause selbst inne hatten -- die Herren waren in einer Dunkelkammer im Nebenhause untergebracht -- bot neue Sensationen. Man betrat die fensterlose Stube durch einen kleinen Vorraum direkt vom Hofe. Die Türe fehlte völlig, die Öffnung wurde durch einen Kattunvorhang, dem es an Breite und Länge mangelte, verhängt. Aber der Raum, der mit Urgroßväter Hausrat vollgestopft war und der, allem nach zu urteilen, sonst als Schlafstube für die Wirtsleute diente, zeigte einen besonderen Schmuck: protzige, wohlgenährte Skorpione. An der gewölbten, hell gestrichenen Zimmerdecke bildeten sie große dunkle Flecke. Da diese Dekoration durchaus nicht unserem Geschmack entsprach, baten wir die Wirtin, sie entfernen zu lassen. Doch da stießen wir auf energischen Widerstand. Unter keinen Umständen durfte das geschehen. Diese Abneigung, für die die Frau keine Gründe angab, konnten wir uns nur damit erklären, daß irgendein Aberglaube dahinter steckte. Wir umwickelten uns Kopf und Gesicht mit einem Mullschleier und deckten uns bis zur Nasenspitze zu. Und so gegen die Angriffe unserer ungebetenen Mitbewohner gewappnet, überließen wir uns dem Schlaf der Gerechten.

Am Morgen des dritten Tages erlösten wir die armen Wirte von unserer Gegenwart.

Unseren prächtigen Nomaden und den Mann mit den beiden Kamelen hatten wir entlassen. Jussuf konnte nun wieder allein die Führung übernehmen.

Noch immer befanden wir uns im Dünengebiet. Aber die Dünen fielen jetzt sozusagen auseinander. Es herrschte nicht mehr die faszinierende Harmonie der großen Linie.

Ein frischer Morgenwind trieb sein lustiges Spiel auf dem Sande, zeichnete phantastische Muster in das eindrucksfähige Material, löschte sie aus und ließ im Nu wieder neue entstehen. Aber neben diesen Augenblicksbildern formt er aus demselben staubfeinen Boden in unablässiger Arbeit auch dauerhaftere Kunstwerke, festgefügte Blumenformen, von den Eingeborenen »die Rosen der Wüste« genannt. Farb- und geruchlos sind diese Rosen, aber sie schmücken doch den armen Boden, dem jedes Wachstum versagt ist. Fast scheint es, als ob dem windigen Künstler nicht alles Material gleich genehm sei, denn nur auf einer verhältnismäßig kurzen Strecke fanden wir diese reizvollen Gebilde.

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Gegen Mittag erreichten wir Gomar, das gerade seinen Markttag hatte, und auch hier fanden wir wieder dasselbe bunte, stets von neuem fesselnde, malerische Bild. Aber die Stadt selbst, welch ein Gegensatz zu El-Oued! Wie düster und unfreundlich, ja beinahe feindselig wirkt sie, trotzdem dieselbe strahlende Sonne darüber liegt! Die schmale Gasse, die wir passieren mußten, nachdem wir alle Hindernisse des Marktplatzes glücklich überwunden hatten, war rechts und links von Burnusträgern gesäumt. Aber keiner von ihnen wandte auch nur den Kopf nach uns, und keiner von ihnen rührte ein Glied, um sich gegen den Hufschlag der Pferde zu schützen. War es Abneigung gegen das Fremde, war es bloße Teilnahmlosigkeit, die solches Verhalten bestimmte? In den ernsten verschlossenen Gesichtern war keine Aufklärung zu holen.

Nach dem anderen Ende der Stadt zu ebbte das Leben immer mehr ab, aber selbst bis in die außerhalb gelegene Bordj drang noch etwas von der Unruhe des Tages.

Häufiger als irgend sonstwo auf der ganzen Reise fanden wir in der Nähe von Gomar den alten, primitiven arabischen Brunnen, Khotra genannt. Auf zwei niedrigen Pfosten ist ein Querbalken festgemacht und über diesen der Stamm eines Palmbaumes gelegt. An dem einen Ende dieses Stammes hängt ein Eimer, aus Fell gearbeitet, an dem anderen Ende ist ein schwerer Stein angebracht, um das Gleichgewicht herzustellen. Das Wasser muß oft aus sechzig Meter, an manchen Orten im Tale des Oued Rir sogar aus achtzig Meter Tiefe heraufgeholt werden. Der Bau dieser Brunnen, noch häufiger aber die Reparaturarbeiten, die durch das Versanden nötig werden, haben schon vielen Männern Gesundheit und das Leben gekostet. Diese primitive Art der Wassergewinnung ist jedoch immer mehr in Wegfall gekommen, seitdem durch die Franzosen die artesischen Brunnen eingeführt wurden, die soviel besser und zuverlässiger funktionieren, und die früher stattliche Zunft der eingeborenen Brunnenbauer ist heute bis auf ein kleines Häuflein zusammengeschmolzen.

Das ziemlich öde, immer noch tief sandige Gelände, das uns hinter Gomar aufnahm, wirkte so ermüdend, daß uns die siebzehn Kilometer bis zur Quelle Bir Salem, an der wir übernachten wollten, wie eine Unendlichkeit erschienen. Und dort erwartete uns eine äußerst unangenehme Überraschung: die Quelle war völlig versandet und kein Tropfen Wasser erhältlich.

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Ob den Tieren doch noch etwas von der gewaltigen Anstrengung, die der Marsch über die großen Dünen bedeutete, in den Gliedern steckte? Fast schien es so. Denn im Laufe des nächsten Vormittags brachte es die Karawane nicht über fünf bis sechs Kilometer in der Stunde. Unsere allzeit willigen Pferde, mit den Muskeln aus Stahl, ließen ebenfalls ihre gewöhnliche Frische vermissen. Negro, dem sonst nur in Gesellschaft wohl war, blieb immer weiter zurück, und »Schäfchen«, das sich seit dem Zornesausbruch in Sidi Amran wieder tadellos benommen hatte, zeigte klar und deutlich seine Unzufriedenheit, indem es sich mitsamt seinem Reiter in den Sand legte und erst nach einer ganzen Weile sich zum Weitergehen entschloß.

Wir zählten die Viertelstunden, bis wir in der Mittagszeit die Bordj Bou Chaama erreichten. Hier gab es Wasser. Das mußte die durstenden Tiere wieder beleben. Aber eines nach dem anderen zog nach dem ersten Schluck den Kopf zurück und war nicht zum Weitertrinken zu bewegen. Die ohnehin nicht allzu klare Flüssigkeit war so salzig, daß weder Mensch noch Tier davon genießen konnten. Zum Glück hatten wir in El-Oued gutes Trinkwasser gefunden und volle Fäßchen von dort mitgebracht, aus denen wir nun die Guerba der Kabylen auffüllten. Es tat einem in der Seele weh, die halbverschmachteten Tiere wieder auf den Weiterweg zu senden. Um so mehr, als wir genau wußten, in den nächsten vierundzwanzig Stunden keinen anderen Brunnen auf dem Wege zu finden. Aber was half's? Ein Zurück gab es nicht.

Und leider wurden die Beschwerden des Marsches noch erhöht durch den grundlosen Sandboden. Mit seinen niedrigen, unregelmäßigen Erhöhungen glich er einer schlechten Kopie der großen Dünen. Auch auf dieser Strecke, wo jeder Windstoß die Fährte verwischt, ist es allein die Guemira, die dem Wanderer als Richtzeichen dient.

Zwischen der neunten und zehnten Pyramide schlugen wir unser Lager auf. Da wir mit Rücksicht auf die ermatteten Tiere schon frühzeitig den Marsch beendeten, lag ein langer Abend vor uns. Zum Schutze gegen die Kälte, die sich jetzt noch empfindlicher als im Anfang der Reise fühlbar machte, wurde vor dem offenen Speisezelt ein tüchtiges Feuer unterhalten. Wie behaglich es sich da saß, plauderte, träumte! Mit dem Burnus, den wir adoptiert und bereits als eines der praktischsten Kleidungsstücke schätzen gelernt hatten, schien auch etwas von der Natur des Muselmans auf uns übergegangen zu sein. Die nüchternen Klosterzellen, die uns in Tugurt beherbergt hatten, die öden Schlafräume in den Karawansereien, die Dunkelkammer in El-Oued, wie weit lag das alles schon wieder hinter uns! Aber die Erinnerung daran ließ uns die Gegenwart noch bewußter genießen.

Es war ein selten stimmungsvoller Abend. Die Leute, die trotz des ungewöhnlich anstrengenden Marsches und trotz ihrer primitiven Ernährung in bester Verfassung waren, fanden selbst Freude daran, uns ihre eigenartigen Gesänge vorzutragen, jene süßen, aufreizenden, traurigen Lieder, die so vorzüglich den Charakter des naiven, heißblütigen, verträumten Volkes wiedergeben. Und zum Schluß führten sie, aller Mühsal des Tages vergessend, sogar noch einen ihrer absonderlichen religiösen Tänze auf. Ein älterer Kabyle befestigte sich mit einem Bande den Burnus in der Taille, so daß er einer Tunika glich. Die flache hölzerne Kuskusschüssel diente ihm als Tamburin. Muhamed und ein anderer junger Mann faßten sich bei der Hand, und zu dem Takte eines Couplets machten sie mit einem schwunghaften Anstoß, der an die Bauchbewegung im Cakewalk erinnerte, einige kurze Schritte vorwärts auf den Alten zu und wieder zurück. Mit jedem Vers wiederholten sich dieselben Schritte. Der Alte hüpfte und sprang und hämmerte auf seinem improvisierten Tamburin, während alle übrigen Leute mit untergeschlagenen Beinen im Kreise saßen, nach jedem Vers den Refrain wiederholten und dazu den Takt mit den Händen schlugen. Bis der Tanz dann mitten im schnellen Rhythmus abrupt endete.

Über uns den tiefblauen Nachthimmel mit einem Sternengefunkel, wie es nur südliche Nächte zeigen, um uns die große Einsamkeit mit ihrem schweren Schweigen, vor uns von den flackernden Flammen beleuchtet, gespenstisch wirkend in ihren faltenreichen weißen Umhüllungen, die seltsamen Tänzer und die singenden Menschen. Ein unvergeßlicher Gesamteindruck!

Der Vorgang hatte, ohne unser Wissen, noch einen Zuschauer gehabt. Auf der Grenze, wo der helle Schein des Feuers schon mit der Finsternis stritt, kauerte ein Nomade. Lautlos hatte er im Schatten der Nacht sich eingefunden. Neben ihm lag ein ungeheures dunkles Etwas, sein Kamel, sein Kamerad.

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Es dauerte nicht allzulange, bis wir am nächsten Morgen die beiden Wanderer überholten, obwohl sie stundenlang vor uns aufgebrochen waren. Das wunderte uns nicht. Denn ein Kamel, das nicht getrieben oder geführt wird, strebt jedem Grasbüschel nach, den es entdeckt. Sein Meister schreitet inzwischen fürbaß. Wird die Entfernung zu groß, so wartet er geduldig, bis der saumselige Gefährte sich wieder einfindet.

Jussuf, der mit dem Manne gesprochen hatte, erzählte uns, daß dieser bereits über zwei Monate unterwegs sei. In dieser ganzen Zeit war der Himmel sein Dach, die blanke Erde seine Liegestatt, ein paar trockene Datteln seine Nahrung, das stumme Tier sein alleiniger Begleiter. Nur wer die Wüste so tief und ehrlich liebt wie der Nomade, nur wer mit der Natur so völlig verwachsen ist wie er, ist imstande, ein solches Dasein zu ertragen. Schon nach kurzer Zeit waren die zwei einsamen Gestalten weit hinter uns zurückgeblieben.

In der welligen Ebene tauchte nun allmählich wieder etwas Pflanzenleben auf. Niedrige Sträucher mit verkrümmten Ästen, denen man den unaufhörlichen Kampf um das bißchen Leben deutlich ansah, und graugrüne Grasbüschel, hinter denen sich der Sand so lange anhäuft, bis er sie eines Tages unter sich begraben kann.

Dann überquerten wir einen großen Schott. Die Oberfläche des sumpfigen Bodens war durch die glühenden Sonnenstrahlen zu einer Kruste festgebacken. Unheimlich hohl klang das Getrappel der Tiere auf dieser trügerischen Decke. Zahlreiche Fußspuren, die kein Wind verlöschen konnte, waren darin ausgeprägt. Aber noch deutlicher als diese Spuren verrieten die weißgebleichten Gerippe von Kamelen, die am Wege verendet waren, daß wir uns auf einer alten, vielbegangenen Karawanenstraße befanden.

Hinter dem Schott erwartete uns zu unserer großen Überraschung noch einmal eine grandiose Dünenregion. Blendendweiß, wie ein Schneegefilde im Hochgebirge, gleißten die Hügel unter den senkrechten Strahlen der Mittagssonne. Und als wir aus diesem Gebiet herauskamen, lag breit und wuchtig die Bordj Sifl-Monadi vor uns. Hier, endlich, gab es wieder Wasser! Das bedeutete Rettung für unsere völlig erschöpften Tiere, die nun seit achtundvierzig Stunden bei schwerer Arbeit unter sengendem Sonnenbrand keinen Tropfen mehr genossen hatten.

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Während unsere wackeren Vierfüßler unter Wassermangel litten, war bei uns mittlerweile die Ernährungsfrage etwas schwierig geworden. Es konnte nun nicht mehr heißen: »Was wollen wir essen?« sondern: »Was haben wir noch zu essen?« Im Anfang der Reise waren wir sehr gut versorgt gewesen. Zum Mittag gab es meist ein Eiergericht mit irgendeiner kalten Beilage, außerdem Obst und Käse, und unsere Hauptmahlzeit, die wir erst des Abends einnahmen, bestand gewöhnlich aus einer Suppe, einem Fleischgericht mit frischem Gemüse und Dessert. Nach Jussufs Ansicht für Wüstenreisende ein viel zu üppiges Leben.

Aber diese Üppigkeit fand bald ein Ende. Wir hatten damit gerechnet, in Tugurt unsere Vorräte ergänzen zu können. Das war nun leider nicht der Fall gewesen. Weder Kartoffeln, noch Salat, noch Obst oder Geflügel waren erhältlich. Das einzige, was man bekommen konnte, waren Mohrrüben und Hammelfleisch. Das Fleisch, das einen ziemlich prägnanten Geschmack hatte, mochte keiner von uns mehr sehen, und die gelben Rüben wurden beim Kochen hart wie Holz und waren ungenießbar. Auch nach Eiern hatte sich Jussuf in Tugurt vergeblich umgesehen. Doch gelang es ihm, in Temacine einen größeren Vorrat davon einzukaufen. Außerdem hatten wir im Hotel noch einiges Büchsengemüse erstanden. So waren wir also, sobald wir Tugurt verließen, auf vegetarische Kost angewiesen.

Dann hatten wir unsere Hoffnungen auf El-Oued gesetzt, wo nach Jussufs Ansicht alles, was wir wollten, bestimmt zu haben war. Aber wie so häufig war auch in diesem Falle »der Wunsch der Vater des Gedankens« gewesen. Wie wenig die Wirklichkeit den Erwartungen entsprach, läßt sich daran beurteilen, daß es nicht einmal den alteingesessenen Gasthausbesitzern gelang, irgend etwas für einen europäischen Mittagstisch aufzutreiben. Auch in Gomar war trotz des Markttages nichts zu erhalten. Nur einige große Hammelstücke für den Kuskus der Kabylen brachte Jussuf zurück.

Nun hieß es für uns praktisch und haushälterisch sein, um mit dem Vorhandenen auszukommen und in die Reis-, Grieß- und Nudelgerichte, aus denen jetzt unsere Mahlzeiten ausschließlich bestanden, noch etwas Abwechslung zu bringen. Die Eier wurden gezählt und für bestimmte Tage eingeteilt. Ebenso die Orangen, die wir auf dieser Reise als das erfrischendste Genußmittel schätzen gelernt hatten. Was wir fast am meisten vermißten, war das französische Brot. Der Bäcker in El-Oued, der solches zu liefern versprochen, hatte uns im Stiche gelassen, und das stark gesäuerte arabische Brot, das er statt dessen schickte, dürfte wohl keinem Europäer munden.

Die einfachen und bescheidenen Mahlzeiten hätten uns jedoch völlig genügt, wären sie nur einigermaßen richtig zubereitet gewesen. Aber mit unserem Koch, dem kleinen Salem, war seit unserem Aufenthalt in Tugurt eine merkwürdige Veränderung vor sich gegangen. Eine der dunkeläugigen Ouled Naïls hatte es ihm angetan. Mit jedem Tage, der ihn weiter von ihr entfernte, wurde er schwermütiger, und über seiner Melancholie vergaß er völlig seiner Pflichten. Das Essen war entweder nicht gar gekocht oder es war angebrannt. Manchmal auch beides. Machte man ihm Vorhaltungen, so wurde er noch viel unglücklicher und infolgedessen noch unfähiger für seine Arbeit.

An diesem Tage nun, in der Bordj Sifl-Monadi, schien den armen Kerl das graue Elend vollends gepackt und überwältigt zu haben. Als wir nach ihm Umschau hielten, fanden wir ihn untätig in einer Ecke hockend, und dicke Tränen rollten über sein kleines, bekümmertes Spitzmausgesicht.

Kurz entschlossen nahmen wir nun das Küchenregime in eigene Hand. Von dem Bordjwächter in Gomar hatten wir für Geld und viele gute Worte ein junges Huhn erstanden. Dieses sollte, fein mit Reis gekocht, als erste Probe unseres Könnens den Mittagstisch zieren. Aber das Huhn rächte sich für seinen vorzeitigen Tod: es war so zähe, daß weder Messer noch Zähne es zerteilen konnten. Das übrige Produkt unserer Kochkunst, der Reis, der endlich einmal gar und nicht angebrannt war, mundete aber vorzüglich. Im großen, üppigen Garten der Bordj wurde der Tisch gedeckt, und während der Magen zu seinem Rechte kam, feierten zu gleicher Zeit die angestrengten Augen im grünen, dämmerigen Schatten einiger dichtverschlungener Feigenbäume ein köstliches Erholungsfest.

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Bald hinter Sifl-Monadi beginnt das ungeheure Sumpfgebiet. Zur Linken gegen Westen, mit den zahlreichen Oasen des Oued Rir als kaum erkennbare Grenze, dehnt sich der Schott Merouan, im Osten weitet sich der unübersehbare Melrir, der die Sümpfe von Djerid vereinigt. Ein schmaler, durch unablässige Nachhilfe im Stande gehaltener Weg führt durch dieses heimtückische Gelände, wo weder Tier noch Pflanze lebt, in dem als unbeschränkter Herrscher der Tod regiert. Der Tod, versteckt unter gleißendem Gewande.

Den Boden von vertrockneter Blutfarbe deckt ein duftiger weißer Schleier, in dem Milliarden bunter Edelsteine und Diamanten aufleuchten. Und weiter entfernt schimmern spiegelblanke Seen, erheben sich Städte mit schlanken Minaretts, streicheln Palmenwipfel den sich neigenden Horizont.

Aber die leuchtenden Steine sind nichts weiter als Mineralien und chemikalische Stoffe, von dem gärenden Schlamme ausgestoßen, und die Landschaftsbilder nichts anderes als von der Sonne überhitzte Dünste, die demselben Boden entstiegen. Lug und Trug ist alles, was hier lacht und strahlt, und echt ist nur der Tod, der den abgrundlosen Boden gefangenhält, aus dessen Poren der widerliche Atem der Verwesung strömt.

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Stah-el-Hamreia! Klingt nicht der Name schon schmeichlerisch ins Ohr? Und dieser Name ruft die Erinnerung an eines der schönsten Bilder wach, die uns die Wüste bescherte.

Inmitten der unermeßlichen Niederung, inmitten der treulosen, mörderischen Schotts thront auf einem nackten Hügel Stah-el-Hamreia. Der abendliche Himmel, einem glühenden Ozean gleich, bildete den Hintergrund, und wie ein unüberwindliches Götterheim strahlte die Bordj in dieser Beleuchtung. War es Walhall, das vor uns aufstieg?

Und hatte unser Eindringen den Zorn der Götter entfacht? Fast schien es so. Denn dem überwältigend schönen Abend folgte eine grausige Nacht. Über die toten Sümpfe kam mit ungeahnter Plötzlichkeit und in ungehemmter Macht der Sturm dahergerast. Noch ehe die Leute recht zur Besinnung gelangten, waren einige Zelte umgerissen und verweht, und es bedurfte fortgesetzter Anstrengungen, um die übrigen vor demselben Schicksal zu bewahren. Durch die beklemmende Finsternis drang das Stöhnen der verängstigten Tiere. Sand und Steine prasselten nieder wie ein Platzregen. Und eine quälende Kälte hatte sich eingestellt. Welch ein Land der Extreme!

Einige Stunden später endete der wilde Aufruhr in der Natur so plötzlich und unerwartet, wie er gekommen war. Und als in goldener Klarheit der neue Tag heraufstieg, erinnerten nur noch die verwehten Zelte und die Unordnung im Lager an die Geschehnisse der düsteren Nacht.

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Noch immer führte unser Weg durch das Gebiet der Schotts. Aber diese trugen nun ein völlig anderes Gepräge. Weite Sandflächen schoben sich zwischen die sumpfige Ebene, und die überraschendsten Formationen bezeichneten die Grenze, die der feste Boden dem Gegner gesteckt hat. Man war beinahe versucht, zu glauben, daß Menschenkunst und Menschenhände mitgeholfen hätten, um hier einen mächtigen Damm zu bauen, der vorwärtsdrängende Fluten zurückhalten solle, dort einen mit Leuchttürmen flankierten Hafeneingang und an anderer Stelle wieder eine gewaltige Mole, die weit hinausführte in die silbrig-graue See, die nun weder Ebbe noch Flut mehr bewegte, deren Leben vor ungezählten Jahrtausenden erloschen ist.

Der Morgen hielt nicht, was er in den ersten Stunden versprochen hatte. Ein kräftiger Wind erhob sich wieder, Sandböen stellten sich ein und verdichteten die Atmosphäre. In dem grauen Dunste tauchte eine Karawane auf. Eines der Kamele trug eine Braut. Die Ausschmückung des Tieres und der buntfarbige Palankin, der nur für solch festliche Gelegenheiten benutzt wird, verrieten das Geheimnis. Wenige Sekunden später war die phantastische Gruppe wieder hinter der Nebelwand verschwunden. Wie eine Illusion kam und ging das Bild.

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Gegen Mittag erreichten wir die Bordj M'guébra. »Friedhof« bedeutet dieser Name, und trist, wie er klingt, bezeichnet er die Stimmung des Ortes. Nur mit großer Mühe arbeiteten sich die Tiere hinauf zur Bordj, die, obwohl auf einer hohen Düne gelegen, doch nahezu bis zur Höhe der Mauern versandet war.

Mit M'guébra ließen wir zugleich die Region der Schotts hinter uns. Nun tauchten in blauer Ferne wieder die schroffen Zacken des Auresgebirges auf, und vor uns dehnte sich, in krassem Gegensatze zu der melancholischen Leblosigkeit des Sumpfgebiets, ein üppiggrünes Gefilde. Saftige Gräser nickten, Ginster und Brustbeere standen im blütengeschmückten Frühlingsgewand, niedrige Sträucher mit nadelförmigen Blättern strotzten von jungem Safte, und unter den Büschen lugten weiße und gelbe Sternblümchen und die violette Iris mit neugierigen Augen hervor. Ein würziges Aroma lag in der Luft, Vogelstimmen jubelten in der Höhe und zwitscherten in ihrem grünen Versteck, Schmetterlinge taumelten wie berauscht von Blatt zu Blüte. Leben! Leben überall! Frühlingszeit, hohe Zeit, der die sengenden Sonnenstrahlen nur allzuschnell ein Ende bereiten.

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Am Abend befanden wir uns auf schon vertrautem Boden, in Chegga. Da der Rest des Weges durch dasselbe Gebiet führte, das wir bereits im Anfang unserer Reise kennen lernten, wurde beschlossen, auf diese Strecke nicht mehr viel Zeit zu verwenden, sondern sie, wenn irgend möglich, an einem Tage zurückzulegen.