Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste

Part 10

Chapter 103,430 wordsPublic domain

Ein gleichmäßiger Ton, den wir schon kennen gelernt hatten, der triste Gesang der Handmühle, drang an unser Ohr. Wir folgten ihm und fanden hinter der Eingangstüre eines Hauses im Stockdunkeln auf der blanken Erde sitzend eine verschrumpfelte Frau damit beschäftigt, die Gerste für den Kuskus zu mahlen. Ihre Familie mußte entschieden zu den Wohlhabenden zählen, um sich dieses Gericht leisten zu können. Denn die größte Zahl dieser armen Bewohner lebt von Heuschrecken: man zerreibt sie zu Mehl und backt Brot daraus, man ißt sie roh, gekocht oder gebraten. Die Haufen von feinen schillernden Flügeln, die sich vor den meisten Wohnungen finden, verraten deutlich, welche Unmenge von diesen Tieren vertilgt wird.

Unwillkürlich mußten wir an unseren Besuch in Ain-el-Hammam zurückdenken und konstatieren, daß diese Menschen, in der großen Weite der Sahara wohnend, noch viel ärmer waren als jene auf ihren steilen Bergeshöhen.

* * * * *

Den letzten Tag unseres Aufenthaltes benutzten wir zu einem Ausfluge nach Temacine und der Zaouia Tamelhat, fünfzehn respektive zwanzig Kilometer weiter südlich gelegen.

Eine tiefsandige Ebene trennt Temacine von Tugurt. Aber hat man diese gähnend öde Strecke durchquert, so hält die Wüste eine große Überraschung bereit. Unähnlich allen Oasen, die sich meist flach wie auf einem Tisch ausbreiten, präsentiert sich Temacine: an einer steilen Anhöhe streben die Häuser empor, überragt von den Kuppeln der Moscheen. Eine hohe Ringmauer, von Wachttürmen flankiert, umschließt den Ort. Eine wehrhafte Stadt aus dem Mittelalter glaubt man vor sich zu sehen. Doppelt malerisch wirkend in diesem Lande, in dieser Umgebung.

Stolz und uneinnehmbar sieht Temacine in der Entfernung aus. Aber kommt man näher, so zeigt es sich leider, daß die starken Umfassungsmauern zerbröckeln, daß die aus Lehm und Erde errichteten Häuser vom Winde zernagt und ihre Wände geborsten sind.

Von der Plattform eines Minaretts, der auf dem höchsten Punkte sich erhebt, bot sich ein entzückender Blick über die altersgraue Stadt, über die dunklen Palmenhaine, die sich wie ein Kranz um den Hügel breiten, und über den großen See Behar-Merdjaga, in dessen salziger Flut sich die Umgebung spiegelt.

Wie schon in Tugurt, so fiel uns auch in Temacine die dunkle Hautfarbe der Bewohner auf, und an verschiedenen Merkmalen war leicht zu erkennen, daß sich die arabische Rasse hier nicht rein erhalten, sondern reichlich mit Negerblut gemischt hatte.

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Trostlos, verloren in grausam schattenloser Sandwüste, dem Verfalle geweiht, so erscheint die Zaouia Tamelhat. Aber unter dieser äußerlichen Ruhe pulsiert vielfältiges Leben.

Was ist eine Zaouia? Sie ist die Residenz eines Marabuts, eine Schule, ein Kloster, ein Hospital, ein Armenhaus, alles vereinigt. Eine Welt für sich.

Hierher kommen die jungen Leute, um sich in den Lehren des Korans unterrichten zu lassen, hierher flüchten die Weltmüden, hier werden Fremde und Pilger unentgeltlich aufgenommen und bewirtet, hier finden Kranke eine Unterkunft und Arme, die nichts mehr ihr eigen nennen, Nahrung und ein Heim, solange es ihnen zu bleiben beliebt. Und nicht einmal zu arbeiten brauchen sie dafür, wenn sie nicht freier Wille dazu treibt.

In der Zaouia wohnen die Lehrer, die die verschiedensten Weisheiten übermitteln, sie beherbergt Mediziner und Astrologen, Quacksalber, die Amulette verschreiben, und Irre. Über ihnen allen thront, von gewaltigem Nimbus umgeben, der Marabut, dessen Herrschaft jedoch nicht an den Mauern der Zaouia haltmacht. In seiner Person verkörpern sich geistliche und weltliche Macht, er wird als der Vertreter des Propheten auf Erden betrachtet. Von nah und fern wallfahrten die Gläubigen zu ihm, um sich Rats zu erholen. Er schlichtet Streitigkeiten, er verteilt Almosen, er hilft in Zeiten großer Not, und er glaubt vielleicht selbst daran, daß er Kranke heilen und den Segen oder Zorn des Propheten herabbeschwören kann.

Eine Zaouia mit all ihren Bewohnern und all den Aufgaben, die sie sich stellt, wird völlig durch freiwillige Gaben unterhalten. Doch betrachtet sie diese Unterstützung wie ein gutes Recht und erwartet, daß jeder brave Muselman der Vorschrift des Korans gemäß ihr den Zehnten seines Einkommens abliefert. Dies geschieht in Geld und Naturalien aller Art, und die Einnahme mancher Zaouia soll sich auf Hunderttausende belaufen.

Der Marabut von Tamelhat nimmt seinen Titel und seine Stellung durch Geburtsrecht ein, eine seltene Ausnahme. Denn bei den Arabern vererbt sich dieser Ehrentitel für gewöhnlich nicht, sondern sie geben ihn nur einem Manne, nachdem er sich durch große Weisheit und Frömmigkeit ausgezeichnet hat.

* * * * *

Ein hoher offener Torbogen bildet den Eingang zu Tamelhat. Durch heiße, unbelebte Gassen, durch langgestreckte kühle Wölbungen wandelten wir, bis wir das Haus des Marabuts erreicht hatten.

Gab es hier drahtlose Telegraphie oder Geheimdienst? Fast schien es so. Denn unsere Ankunft war bereits bekannt, und schon wartete vor dem Hause ein Angestellter, um uns zu führen. Aber wir sahen nichts als leere Räume. Und schlimmer als diese war das große Empfangszimmer, das uns der Cicerone mit besonderem Stolze zeigte, denn die Ausstattung bestand -- o Graus! -- aus ordinärsten europäischen Machwerken: aus ein paar Kommoden, einigen bunten Glasvasen und Petroleumlampen. Daß der Marabut »sehr modern dachte«, bewies er außerdem dadurch, daß er sich über das Vorurteil aller frommen Islamiten hinweggesetzt und sich in Tunis hatte photographieren lassen. Gleich in drei Kopien großen Formats zierte sein Bild die mit Kalk geweißten Wände. Nach dem Konterfei zu urteilen war er ein ungeheuer fetter Mann mit einem plumpen Gesichte, aus dem unter etwas hängenden Lidern ein paar kluge, kalte Augen dem Besucher entgegenblickten.

Noch ehe wir das Haus verließen, erhielten wir eine Einladung zum Mittagessen. Denn der Sitte entsprechend soll kein Besucher unbewirtet die Zaouia verlassen. Da wir aber zu gleicher Zeit erfuhren, daß der Marabut an diesem Tage eine Visite in der Umgegend machte, wir also doch nicht Gelegenheit hatten, ihn kennen zu lernen, lehnten wir dankend ab.

Arm und uninteressant erscheint das Dorf, das die Zaouia im Viereck umgibt. Aber im Herzen der Zaouia findet man Gassen und Winkel und Dekorationen von feinem Reiz: ein Fries an einer Halle überrascht durch die Reinheit seiner Zeichnung, die an griechische Kunst erinnert, Schmuckflächen über Torbögen oder Türeinfassungen aus wunderschön getönten alten arabischen Kacheln wirken vortrefflich in dem Sandgrau der Mauern, und handgeschmiedete Fenstergitter zeigen selten edle Muster. Die Architektur macht den Eindruck, als ob sie von einem Künstler empfunden, aber von ungeübten Händen ausgeführt worden wäre, und als ob man mitten in der Arbeit ein »Halt!« gerufen hätte.

Ganz unauffällig fügt sich die eigenartige Moschee dem Bilde ein. Im Kuppelraum, dessen Wände mit Polychromarbeiten von harmonischer Farbenwirkung geschmückt sind, schläft der Vorfahre des jetzigen Marabuts, Sidi-el-Hadj-Ali-ben-el-Hadj, seinen ewigen Schlaf. Wie einen großen Heiligen verehrt man ihn.

Neben seiner feierlich wirkenden Ruhestätte steht wie verschüchtert eine buntbemalte windschiefe Sänfte. In dieser wird an Festtagen der Marabut wie eine hehre Gottheit durch die Reihen der frommen Pilger getragen. Bis eines Tags ein noch Mächtigerer kommt und ihn zur tatenlosen Ruhe neben seinen berühmten Ahnen zwingt.

Es kostete Überwindung, aus dem kühlen, erquickenden Halbdunkel der Moschee wieder hinaus in das blendende Tageslicht, in die sengende Sonnenglut zu treten. Nur die Ruhe, die einen im Hause des Gebets umfing, setzte sich auch auf der Gasse fort. Im kurzen Schatten der Häuser saßen eine Anzahl Männer, schweigend, traumverloren. Sie mochten zu jenen zählen, die nichts mehr ihr eigen nennen als die armselige Kleidung, die sie auf dem Leibe tragen. Aber sie zeigten ruhige, zufriedene Gesichter. Und wie eine Insel der Ruhe und des Friedens taucht die halbzerfallene Zaouia in der Erinnerung auf.

Von Tugurt nach El-Oued

Nun sollten wir erst die echte, die wahre Wüste kennen lernen. So versicherte nicht nur Jussuf, so sagte auch unser Hotelwirt, der mit dem Lande wohlvertraut war. Über die großen berühmten und gefürchteten Dünen sollte der Weg gehen.

Das bedingte eine etwas andere Reiseart. Wir mußten jetzt auf die Dienste unserer Pferde verzichten und Maulesel zum Reiten benützen. Die Lasten, die diese Tiere getragen hatten, wurden zwei Kamelen aufgebürdet, die wir noch hinzumieteten. Auch ein neuer Führer mußte engagiert werden. Es war ein Nomade. Ein Prachtkerl.

Wir hatten beschlossen, in früher Morgenstunde aufzubrechen, um in der heißen Mittagszeit genügend ruhen und trotzdem die vorgeschriebene Etappe ohne Hasten zurücklegen zu können. Aber keinem Menschen dürfte es wohl gelingen, eine Sache pünktlich auszuführen, solange er von Arabern abhängig ist, da es diesen an jeglichem Verständnis für Zeit und Pünktlichkeit fehlt. Etwas wie Mitleid und Verachtung empfinden sie für den Europäer, der sich ihrer Ansicht nach von seiner Uhr tyrannisieren läßt.

Dank dieser arabischen Charaktereigenschaft war also weder das bestellte destillierte Wasser eingetroffen, noch das Brot, noch einige andere Dinge, die wir dringend benötigten. Nach allen Richtungen stoben nun in der letzten Minute die Leute auseinander, um noch herbeizuschaffen, was irgend möglich war.

Endlich stand alles zum Abmarsch bereit. Schon bald hinter Tugurt beginnen die Dünen. Noch zag in der Form, wie die Wellen, die das Meer bei eintretender Flut voraussendet. Allmählich, aber stetig wachsen sie dann an. Und ebenso allmählich verschwinden die verkrüppelten Sträucher, das letzte bißchen Vegetation, das sich noch bis hierher gerettet hat. Verschwinden auch die schwarzen, geschäftig eilenden Käfer, die sich scharf von dem hellen Boden abheben. Bis am Ende nichts mehr übrig ist als reiner, fleckenloser Sand.

Nun begann vor allem für die Tiere und ihre Begleiter eine mühevolle Zeit. Auf und ab. Auf und ab. Ein lautloses Marschieren auf dem weichen, grundlosen Boden. Die Kamele, diese großen, unförmigen Geschöpfe, mit ihrem Paßschritt hinterlassen kaum den Eindruck ihrer breiten Füße. Aber die armen Esel mit ihren dünnen Beinen und ihrem kurzen trippelnden Gang sanken oft bis zur Bauchhöhe ein. Und gar erst die Pferde! Wäre nicht eines davon so brav und willig gewesen und vorausgegangen, so hätten die anderen sicher gestreikt, denn sie machten alle Anstalten dazu. Bis sie erst gelernt hatten, an den Hängen auf allen Vieren herunterzurutschen, strengten sie sich derart an, daß sie in Schweiß gebadet waren. Und die Leute, die die aufgeregten Tiere führten, hatten wahrlich keine leichte Aufgabe.

Aber auch an komischen Intermezzos fehlte es nicht. So erregte es die größte Heiterkeit, als Jussuf, der eingeschlafen war, kopfüber von seinem Maulesel herunterpurzelte, dieser ihm ganz verdutzt nachkollerte und sie sich beide eng vereint im Sande wälzten.

Dann hieß es Jagd auf einen Ausreißer machen. Es war das schönste Tier aus der Menge. Gut genährt und fast ganz weiß im Fell. Der tüchtigste Läufer. Voller Ehrgeiz. Immer an der Spitze. Dabei aber launisch und eigensinnig, wie nur ein Esel sein kann. Schon verschiedene Male hatte er zu flüchten versucht. Nun endlich war es ihm gelungen. Ehe man sich versah, verschwand er hinter einer Düne und tauchte im nächsten Moment schon auf der Spitze einer anderen auf. Unter jämmerlichem Schreien versuchte ihm sofort sein kleiner brauner Bruder zu folgen, der sich nur in der schützenden Nähe des Stärkeren wohl fühlte. Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre die ganze Karawane in heillose Unordnung geraten. Da alle Leute mit der Beaufsichtigung der Tiere zu tun hatten, nahmen wir die Verfolgung auf. Es wirkte ungeheuer komisch, wie die Kanaille mit ganz verschmitztem Gesicht immer auf der Höhe einer Düne seelenruhig wartete, bis wir ganz nahe herangekommen waren, dann mit einem Satz zwischen uns hindurchsauste und auf der nächsten Düne dasselbe Spiel begann. Da kam einer der Herren auf die Idee, seinen Revolver abzuschießen. Der Schreck half. Diesmal scheute der Flüchtling unsere Nähe, und anstatt weiter weg zu streben wie bisher, machte er Kehrt und rannte, was er konnte, zu der Karawane zurück.

Unser armes Geschirr! Es tanzte einen heftigen Cancan in den Körben auf seinem Rücken, und wir waren nicht erstaunt, als wir hörten, daß es Beulen und Brüche gegeben hatte.

Durch den verspäteten Aufbruch und die Eseljagd hatten wir viel kostbare Zeit verloren, und nicht nur, daß wir die Bordj M'quitla erst in der heißesten Mittagsstunde erreichten, es hieß auch die Ruhepause bedeutend abkürzen, um das Versäumte wieder einzuholen.

Bis jetzt hatten wir es stolz verschmäht, den Gastraum einer Bordj zu benützen, denn die Schilderungen, die man uns von den Reinlichkeitsverhältnissen dieser Karawansereien gegeben hatte, klangen wenig verlockend. An diesem Tage aber waren wir willens, all unseren Stolz über den Haufen zu werfen. Die Hitze war so intensiv, die Sonne so blendend, daß wir mit der schrecklichsten Höhle vorlieb nehmen wollten, solange sie nur Kühle und Schatten gewährte. Aber die Bordj M'quitla war gar keine Höhle. Sie enthielt sogar zwei Räume, die sauber und gelüftet waren und in deren angenehmem Halbdunkel die angestrengten Augen sich schnell erholen konnten. Während wir in dem einen Raum ein rasch bereitetes Mittagsmahl verzehrten, richtete Ahmed den anderen Raum zum Ruhen her, indem er eine Anzahl Matten und Teppiche ausbreitete. Es erschien uns schon ganz natürlich, wie die Araber, auf den flachen Boden gelagert, Siesta zu halten.

Höher und höher wuchsen hinter M'quitla die Dünen. Man überstieg sie nicht mehr wie im Anfang, sondern man umritt sie in halber Höhe. Das Gefühl des Vorwärtskommens ging dabei völlig verloren. Es war wie ein unaufhörliches Um-sich-selbst-Herumgehen. Wehe dem, der sich ohne berufene Führung in dieses Labyrinth wagt!

Jede Fährte hatte der vorhergegangene tagelange Sandsturm verwischt. Da existiert kein Baum, kein Strauch, der dem Auge als Erkennungszeichen dienen kann. Den einzigen Orientierungspunkt bildet die Guemira[16] -- den Leuchtturm dieser Sandsee könnte man sie nennen -- die sich in bestimmten Abständen auf den Dünen erhebt. Für das ungeübte Auge ist es beinahe unmöglich, sie in der Entfernung zu entdecken. Aber mit einer geradezu erstaunlichen Sicherheit fand unser Führer den Weg dahin.

[16] Guemira -- eine aus Steinen errichtete Pyramide.

Seltsam grandios, unheimlich, fast beängstigend wirkt das unermeßliche Sandmeer, das auf allen Seiten nur der Horizont begrenzt, wirken die gewaltigen Wellenlinien, die erstarrt zu sein scheinen und doch in ewiger unaufhaltsamer Bewegung sind. Ja, man hatte recht: erst dieses war die echte Wüste! Der ganze Weg nach Tugurt konnte nur als eine Vorbereitung dazu betrachtet werden.

Unsere Karawane hatte sich nach und nach sehr auseinandergezogen. Einzelne der Tiere waren von den schweren Strapazen des Tages nahezu erschöpft und konnten nur noch mit Mühe vorwärts kommen. Aber da es nicht möglich war, auf dem nachgiebigen Dünenboden Zelte zu errichten, hieß es unerbittlich vorwärts bis zur nächsten Bordj.

Um das Maß vollzumachen, teilte uns der Führer nun auch noch mit, daß ein Sturm im Anzuge sei. Mit dem besten Willen läßt es sich nicht behaupten, diese Ankündigung hätte irgendwelche Freude bei uns hervorgerufen.

Kaum war der Nachtrab eingetroffen, den wir erwarten mußten, um nun dicht aneinander gegliedert zu marschieren, so erfüllte sich auch schon die Prophezeiung des Nomaden. In allerkürzester Zeit war die Ruhe um uns her in wild bewegtes Leben verwandelt. Wie leichten Schaum trieb der Wind in rasender Schnelligkeit eine dünne Sandschicht an den Hügeln hinan, und oben von allen Kämmen stieg es empor wie dichter Dampf. Als ob die ganze Erde in Fluß geraten sei. Die Sonne verschwand längst vor der Zeit und mit einem noch viel trüberen Gesichte als an jenem Tage, da wir auf dem Wege nach Tugurt zum ersten Male den Schrecken der Wüste kennen lernten.

Immer wieder ermahnte der Führer zur Eile, damit wir noch vor völliger Nacht das Ziel erreichten. Unaufhörlich erklang das harte »Arrr, Arrr« der Kabylen, um die Tiere anzufeuern, sauste der Stock auf die Schenkel der armen Geschöpfe nieder.

Der Sand stach wie mit tausend feinen Nadeln ins Gesicht, füllte die Augen und erschwerte das Atmen. Erst als wir dem Beispiel der Eingeborenen folgten und Kopf und Gesicht mit einem Turban verhüllten, wurde die Situation etwas erträglicher.

Manchmal lichtete sich das dicke Grau, und man konnte sekundenlang einen Überblick gewinnen. Das kochte und dampfte und quirlte ringsumher, und aus diesem Hexenkessel stieg endlich, endlich die Bordj Ferdjane vor uns auf. Eine ergreifende, düstere Größe lag über diesem einsamen Gebäude, das mit seinen festen Mauern und seinen gewölbten Dächern seinem unermüdlichen Feinde so energisch Trotz bietet.

Erst in diesen Stunden lernten wir den Segen einer Bordj in vollem Maße erkennen. Hinter schützenden Mauern geborgen! So ungefähr mag einem Schiffbrüchigen zumute sein, der wieder festen Boden betritt.

Das Essen konnte man an diesem Abend nicht genießen. Es war derartig mit Sand durchsetzt, daß man nur diesen zwischen den Zähnen fühlte. So kamen als Ersatzgericht die Datteln wieder zu ihrem vollen Rechte. Bis lange nach Mitternacht tobte der Sturm. Durch die schmalen Ritzen der Holzläden, mit denen die Schießscharten verschlossen waren, drang der Sand in Menge in den Schlafraum, und ehe wir am Morgen ins Freie gelangen konnten, mußten die Leute erst einen Sandhügel wegschaffen, der die auf den Hof führende Türe verrammelte.

Nicht selten werden Reisende durch den Sturm tagelang an die Bordj gefesselt. Doch wir hatten Glück. Ein strahlender Morgen kam herauf. Und frühzeitig machten wir uns auf den Weiterweg. Wie verklärt lagen die Dünen. In einer Verklärung, die zur Freude und zur Andacht stimmte.

»Das Land des Lichts« nennt der Araber seine Heimat, und er könnte keine bessere Bezeichnung finden. Denn hier lebt das Licht, hier schafft es Wunder, hier gibt es allein die Schönheit. Nur dem Licht dankt das tote, fahle Sandmeer seinen immer wechselnden Farbenzauber, der die Sinne des Wanderers umschmeichelt und ihn über die fürchterliche Öde hinwegtäuscht, in der er sich befindet. Erst gegen Mittag mit dem Höhersteigen der Sonne muß der warme Goldton, das Erikarot, das gedämpfte Violett, das zarte Graublau, die einander ablösen, dem lichten Silbergrau weichen, das so lange die Herrschaft übernimmt, bis in den Nachmittagsstunden das unvergleichliche Farbenspiel von neuem beginnt und erst bei Sonnenuntergang in glühenden Tönen erlischt.

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Trotz der schweren Strapazen des vorhergegangenen Tages befanden sich Menschen und Tiere wieder in voller Frische. Es muß an der unvergleichlich reinen, trockenen Luft der Wüste liegen, daß Erschöpfung so rasch überwunden und bei allen Beschwerlichkeiten die Energie erhöht wird.

In der Mittagsstunde erreichten wir die Bordj Mouiat el Kaid, in der wir Rast hielten, und am Abend langten wir an der Bordj Ourmas an. Die Dünen wuchsen auf dieser Strecke zu enormer Höhe empor, und der Marsch hatte wiederum große Anforderungen an Kraft und Ausdauer gestellt. Aber alles war gut gegangen. Nur unser kleiner Wassermann -- so titulierten wir das schmächtige Eselchen, das die beiden Wasserfässer trug -- bereitete uns Unruhe. Er warf sich auf die Erde, verdrehte die Augen und tat ganz so, als ob er von seinem arbeitsreichen Leben für immer Abschied nehmen wollte. Sobald man ihn seiner Last entledigt hatte, erholte er sich aber und trabte mit der Karawane weiter. Einige der Kabylen behaupteten, er sei ein Schauspieler und wollte sich nur einen bequemen Tag verschaffen. Aber dann spielte er seine Rolle wirklich sehr geschickt, denn sobald die Rede davon war, ihn wieder zu seiner Pflicht zurückzuführen, wiederholte er die effektvolle Szene. Am Abend betätigte sich Jussuf als Arzt: er gab dem Patienten eine tüchtige Dosis Schrot ein. Und das Mittel half. Am nächsten Tage war unser kleiner Wassermann wieder völlig kuriert.

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Schon in aller Frühe herrschte lebhafte Unruhe im Lager. Das Bewußtsein, in einigen Stunden El-Oued zu erreichen, elektrisierte einen jeden, regte zu rascherer Arbeit an. Bald waren die Tiere beladen und die Karawane in Fluß. Wir befanden uns in doppelt gehobener Stimmung, denn wir saßen nun wieder auf dem Rücken unserer Pferde.

Alle Ehre den braven, wackeren Mauleseln! Sie sind gewiß klug genug, um zu wissen, daß das Reiten auf ihnen gerade kein Vergnügen genannt werden kann, und betrachteten uns darum hoffentlich nicht als undankbar, weil wir ihnen bei der ersten passenden Gelegenheit die Treue brachen.

Noch immer waren wir zwischen den Dünen. Aber sie glichen Bergen in ihrer kolossalen Größe. Da dies ein gleichmäßigeres Marschieren mit sich brachte, wurde das Vorwärtskommen auch für die Pferde ganz bedeutend erleichtert.

Mit der Zeit wichen die Hügel immer weiter auseinander und öffneten den Blick auf eine Ebene, die einem ausgetrockneten Seebette glich. Mitten darin breitete sich in seiner ganzen Stimmungslosigkeit ein Friedhof aus. Wenige Minuten später hielten wir vor den grauen Stadtmauern, die sich selbst in kurzer Entfernung vom Erdboden nicht unterscheiden lassen.

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El-Oued ist die größte von allen im Soufgebiet gelegenen Oasen, mit einem ganz eigenen, charakteristischen Gesicht, die Stadt so licht, so schweigend und so fleckenlos wie die unermeßlichen Dünen, in die sie gebettet liegt. »Die Stadt der tausend Kuppeln«, wie der Eingeborene sie nennt, denn alle Häuser zeigen die gewölbten Dächer, die dem Sand keinen Halt bieten, auch wenn der Sturm in seinem Zorn noch so große Mengen darüber ausschüttet. Ein mattes, leicht patiniertes Weiß ist die allein herrschende Farbe: die Häuser, die Moscheen, die auf luftigen Säulen ruhenden Markthallen, alles zeigt denselben zarten Anstrich.

Wenn die untergehende Sonne die weiße Stadt in warme Purpurfarbe kleidet, erwacht sie für kurze Zeit aus ihrer lächelnden Ruhe: auf dem weiten Marktplatz spazieren die Männer, durch die engen, gewundenen, von hohen Mauern begrenzten Gassen, wo der Fuß im weichen Sande versinkt, huschen verschleierte, nach Moschus duftende Frauen, und an den Brunnen finden sich junge Mädchen ein, die mit unbeschreiblicher Anmut ihre bunten Lumpen und mit vollendeter Grazie die Amphora auf dem Rücken oder der Schulter tragen.