Im Herzen von Asien. Erster Band.

Part 9

Chapter 93,698 wordsPublic domain

Mit denselben Gefühlen, die einen Menschen beschleichen, der das Grab eines Freundes besucht, gegen den er im Leben, absichtlich oder unabsichtlich, unrecht gehandelt hat, und der dann seine Reue durch seine Wallfahrt zum Grabe und durch Streuen von Rosen zum Schweigen zu bringen und dem Toten gegenüber Buße zu tun sucht, riß ich den Blick von dem Schauplatze jener düsteren Erinnerungen los und wanderte, von meinen beiden Gefährten begleitet, schweren Schrittes bergauf. Der Schuttkegel war jetzt kupiert und spärlich mit Steppentamarisken bewachsen, deren lange, steife Nadeln an die der Kiefern des Nordens erinnern. Leicht wie ein Traum flüchteten zwei Rehe mit großen, elastischen Sprüngen, scheinbar kaum den Boden berührend, nach dem Tschokka-tag hinauf.

Wir überschritten einen kleinen Kamm nach dem anderen, bis uns endlich ein Jilga (Erosionstal) nach dem Hauptkamme hinaufführte, auf dem wir wieder eine kurze Rast hielten, um uns zu orientieren und zu sehen, nach welcher Seite wir die Schritte lenken müßten. Von dem Passe, dessen Höhe über dem See zirka 200 Meter beträgt, fällt auf der Ostseite eine steile Kluft nach einem Tieflande ab, das sich nach Ostnordosten bis ins Unendliche erstreckt.

Die Sonne war hinter dem Tusluk-tag versunken, und die Dämmerung begann. Dunkle Schatten, die wie ein Nebel aus der Erde aufzusteigen schienen, hüllten die schweigende Gegend ein, und die schwarze Sargdecke der Nacht breitete sich wieder über die Wüste und über diese Berge und Seen, die je wiederzuerblicken ich zu Anfang Mai des Jahres 1895 so wenig Aussicht gehabt hatte.

Dann galt es, in der Dämmerung einigermaßen heil von dem Kamme herunterzukommen; denn die Halde ist hier sehr steil, und die Männer wußten nicht recht, ob es gehen würde. Doch es ging; hinunter mußten wir auf irgendeine Weise; wir glitten, schleppten uns und rutschten auf unebenen Felsenplatten hinab, wobei mir der Geologenhammer, der mich auf derartigen Ausflügen stets begleitete, gute Hilfe leistete. Bald wurde das Gefälle weniger steil; wir kamen in das östliche Tal hinunter und erreichten mit eilfertigen Schritten seinen linken Bergvorsprung. Von hier sahen wir in der Ferne nach Norden zu dunkel einen neuen Ausläufer, an dem wir vorüber mußten, ehe wir den Sai-tag, einen kleinen einzelnen Berg in der Nähe des Lagers, erblicken konnten; auf ihm sollte, wie wir es mit den Unseren verabredet, heute abend ein Feuer brennen.

Wir querten die Basis des Schuttkegels und erreichten ganz ebenen Sandboden, auf dem es sich in der Dunkelheit leichter ging. Da ich an so weite Fußtouren nicht gewöhnt war, fühlte ich mich sehr ermüdet, und nach je zweitausend Schritten streckten wir uns fünf Minuten auf dem nachtfrischen Sande zum Ausruhen aus. Ich zählte die Schritte, um die Entfernungen zuverlässiger zu bestimmen und den Kreis, dessen Ausgangs- und Endpunkt das Lager war, zu schließen.

Links hatten wir den schwarzen Schattenriß der Bergkette, rechts den Sand, der auch hier so ansehnlich war, daß man seine unfruchtbaren Dünen für einen kleinen Ausläufer des Gebirges hätte halten können. Endlich erblickten wir in der Ferne den Widerschein eines Feuers, dessen Kern ein Hügel verdeckte. Weiß jemand, was es heißt, in dunkler Nacht einem Feuerscheine entgegenzugehen? Er ermutigt den Müden wie ein Leuchtturm, aber stundenlang kann man gehen, ohne daß sich der Abstand verkürzt. Nach Tausenden von Schritten passierten wir den davorliegenden Landrücken und sahen nun das Feuer und seine flackernden Flammen. Wenn aber das Feuer nicht gleichmäßig unterhalten und schwächer wird, scheint die Entfernung wieder zu wachsen. Und wenn dann wieder trockenes Brennholz und Reisig auf die Kohlen geworfen werden, flammt es von neuem auf, und wir glauben, nicht mehr weit von den hellen, deutlich erkennbaren Flammen zu sein. Wir blieben manchmal stehen und riefen, aber es kam keine Antwort. Schließlich erreichten wir doch die Grenze, bis zu der die äußersten Ringe der Schallwellen dringen, und vernahmen nun in der Ferne schwache Rufe.

Als die Männer am Feuer uns erblickten, steckten sie eine ganze Reihe dürrer Pappeln an, und nach einer Stunde hielten wir unseren Einzug in den festlich erleuchteten Wald. Auch zwei Pferde erwarteten uns, und nie hat es mir so gut gefallen, im Sattel zu sitzen! Islam und die anderen, die unruhig geworden waren, kamen uns sogar mit Laternen entgegen und lotsten uns über Sümpfe und kleine Wasserarme.

Vierzig Kilometer zu Fuß ist ziemlich viel, wenn man nicht daran gewöhnt ist. Erst um Mitternacht saß ich wieder in meinem schönen Zelte, erhielt mein Abendessen, trug meine Aufzeichnungen ein und ging dann zu Bett. Es war der erste strapaziöse Tag auf der Reise im Herzen von Asien, -- aber es werden ihrer wohl noch mehrere kommen!

Siebentes Kapitel.

Friedliche Heiligengräber.

Der 8. Oktober brachte einen herrlichen, absolut windstillen Morgen mit so vollkommen klarer Luft, daß die Berge wieder in den kleinsten Einzelheiten hervortraten. Der Fluß liegt blank wie ein Spiegel vor uns und sucht in weiten Bogen zwischen scharf ausgemeißelten Ufern, auf denen lachender, jetzt gelber junger Wald und üppige Kamischfelder stehen, seinen weiten Weg nach dem Lop-nor (Abb. 30).

Die Leute hatten also nicht viel zu tun; die Fähre glitt artig und ruhig stromabwärts, und nur bei den Biegungen mußte gelegentlich zu den Stangen gegriffen werden. Palta schläft langausgestreckt im Sonnenbrande auf dem Vorderdeck, während der junge Ibrahim, der Sohn unseres neuen Führers, der sich schlechtweg Mollah nennt, die Stange führen muß.

Der Fluß liebkost den Fuß des kleinen, alleinstehenden Berges +Sai-tag+, der in einem Winkel von 34 Grad nach dem Wasserspiegel abfällt und nur einigen jungen Pappeln und einem Hirtenpfade Raum gewährt (Abb. 32). Der Sai-tag setzt sich nach Norden in einigen kleinen Bodenerhebungen fort, die ebenfalls auf dem rechten Ufer des Flusses liegen. Auf einem dieser kleinen Rücken finden wir einen kleinen, von Stille und feierlichem Frieden umgebenen Begräbnisplatz (Abb. 31), wo unser Mollah, ein des Korans kundiger Mann, einige Gebete sprach, während welcher die anderen niederknieten. Über einem vornehmen Manne, der vielleicht ein berühmter Hirt oder Jäger gewesen, hatte man ein Mausoleum in Würfelform mit Kuppeln (Gumbes) auf dem Dache aus an der Sonne getrocknetem Lehm erbaut; um dieses herum sah man mehrere kleinere Grabdenkmäler. Auf dem eigentlichen Kamme des Landrückens lagen noch zwei Gräber, aber ohne jegliche Überdachung, nur durch einige Balken und Steine geschützt und nach Norden ganz offen, so daß man die Schädel der darin liegenden Gerippe sehen konnte. In dem einen Grabe teilten sich zwei Tote in den Raum. Diese Leichenstätten sahen nicht besonders alt aus.

Mittags wehte ein schwacher Südwest, und da wir nach Nordosten gingen, hatten wir eine vortreffliche Fahrt. Ein Reh schwamm in einer Entfernung von zwei Flintenschüssen über den Fluß. Die Schützen, Islam und Mollah, lagen auf dem Vorderdeck mit ihren Waffen im Anschlag, doch das Tier schwamm schnell, war mit einem Satze am Ufer und verschwand wie der Wind im Schilfe. Bei +More+, wo wir in der Dämmerung auf dem linken Ufer lagerten, führte der Fluß 25,1 Kubikmeter Wasser in der Sekunde.

An diesem Lagerplatze traf mich ein großer Kummer. Mein Lieblingshund Dowlet war in den letzten Tagen melancholisch gewesen; er hatte weder fressen noch spielen wollen, und sein Puls war gestern abend auf 150 Schläge gestiegen. Er hatte, gegen seine Gewohnheit, nicht an der Exkursion teilnehmen wollen, und nachts schlief er nicht neben meinem Bette, sondern lief unruhig umher. Während des Tages streifte er mit herabhängendem Kopfe und eingeklemmtem Schwanze immer wieder vom Vorschiffe nach dem Achter und zurück. Als wir in More landeten, verließ er die Fähre für immer, lief heiser bellend im Gebüsche herum, als suche er etwas, versuchte zu beißen, wenn man sich ihm näherte, wurde immer unsicherer auf den Beinen und taumelte schließlich von der Jarwand in den Fluß, wurde aber von Alim gerettet. Wir legten ihn ans Feuer; sein Puls war auf 42 Schläge heruntergegangen, und er starrte jetzt ganz ohne Bewußtsein ins Leere. Alle meine Bemühungen waren fruchtlos; er fing schon an zu erkalten, und ich wachte bei ihm und streichelte ihn, solange noch ein Funke von Leben in ihm war.

Der Verlust dieses Hundes schmerzte mich tief. Er hatte mir stets treu Gesellschaft geleistet, war lustig und freundlich, voll drolliger Streiche, und ich spielte abends immer eine Weile mit ihm. Er war ein mageres, häßliches Hündchen, als wir Osch verließen, unter meiner Pflege hatte er sich aber zu einem wirklich schönen Hunde entwickelt. Und nun entriß ihn mir diese heimtückische Krankheit!

Am folgenden Morgen grub Mollah ein Grab, legte Dowlet, in ein Schaffell gehüllt, hinein und murmelte halblaut ein Gebet. Es tat mir sehr leid, als ich die feinen, seidenweichen Ohren in der Erde verschwinden sah. So seltsam es klingen mag, die Stimmung an Bord war den ganzen Tag so gedrückt wie nach einer wirklichen Beerdigung, und die Männer redeten nur im Flüstertone miteinander. Mir erschien es auf der Fähre öde und leer, seit Dowlet fort war, und erst nach mehreren Tagen kam ich wieder ins Gleichgewicht.

Als wir am 9. Oktober frühmorgens More verließen, suchte Jolldasch vergeblich seinen Kameraden und wunderte sich, daß er nicht mitkam. Der Fluß machte auf dieser Tagereise ziemlich phantastische Krümmungen, die aber so ausgedehnt waren, daß ich oft lange Peilungen ausführen konnte, mehr freie Zeit als sonst hatte und mich mit Nacharbeiten, Aufzeichnungen und dergleichen beschäftigen konnte. Die Leute hatten nicht viel zu tun, sie schliefen abwechselnd. Ibrahim erhielt den Auftrag, sich nach dem Basare von Tschiggan-tschöll zu begeben und dort Schnupftabak (Nas) für die anderen, die an dieser unentbehrlichen Ware Mangel litten, zu kaufen. Er hatte bis dorthin 6 Potai (etwa 20 Kilometer) und sollte nach zwei Tagen wieder zu uns stoßen.

10. Oktober. Der Morgen war kalt, um 6 Uhr zeigte das Thermometer nur +3 Grad; es war still wie im Grabe, als wir aufbrachen, nur einige Krähen sangen ihr wenig melodisches Morgenlied. Die Ufer waren öde; bisweilen aber verkündeten rauchgeschwärzte Stämme und Zweige, daß hier Hirten ihre Lagerplätze gehabt. Die gelbe Farbe herrschte jetzt im Walde vor, und die grünen Partien wurden immer weniger.

Der Mollah war für uns ein wirklicher Schatz und diente mir als geographisches Lexikon über diese wenig oder gar nicht bekannte Gegend. Die Brille auf der Nase und ein großes Blatt Papier vor sich, zeichnete er eine Karte des Gebietes, auf der alle Namen und Wege angegeben waren, und zeigte uns, bei welchen Flußkrümmungen die Wüste uns am nächsten war. Ich konnte diese Karte später bei mehreren Gelegenheiten kontrollieren und fand sie sehr korrekt. Er hatte diese Wälder auf der Jagd vielfach durchstreift und war dreimal in Schah-jar gewesen. Auch von unserer Besatzung war er gern gesehen, denn er unterhielt sie in den langen, einsamen Stunden an Bord mit Vorlesen.

Bei einer Bucht am Ufer vor uns überraschten wir eine Wildschweinherde. Ganz erstaunt über das große Ungetüm, das den Fluß hinuntergetrieben kam, betrachteten die Tiere uns einen Augenblick, setzten sich dann aber in raschen Trab und stoben in geschlossener Schar in das Dickicht hinein. Gegen Abend erreichten wir +Ak-sattma+, wo Kurban Bai sich am Fuße einer Sanddüne in der Nähe einiger einsamen Pappeln zwei Hütten erbaut hatte. Er ist Besitzer von 2000 Schafen und einer Anzahl Hornvieh und zieht Weizen und Melonen; wir konnten daher bei ihm unseren Proviant verstärken.

Obwohl es spät war, beschlossen wir noch einen Tschugulup (Flußbogen) zurückzulegen. Die Dämmerung senkte sich auf den spiegelblanken Fluß herab, dessen Oberfläche die Ringel der Strömung nur schwach zeichneten, und die Gegend war so still, daß man sein eigenes Herz klopfen hören konnte. Um die Leute aufzuheitern, holte ich unser Symphonion und ließ Islam Bai für Musik sorgen. Die Männer hatten ihre Freude daran und hörten andächtig zu, und Kasim hielt sich mit der Avisofähre uns möglichst nahe. Die hellen Töne des Instruments klangen wehmütig und melancholisch, als die Cavalleria von Stapel ging, sie klangen voll und festlich, als Carmen durch den Wald hinzitterte; feierlich klang es, als die Töne der schwedischen Nationalhymne über dem schweigenden Wasser des Jarkent-darja erschollen, und als ein Parademarsch abschnurrte, war es, als glitte die Fähre im Siegeszuge langsam, aber sicher, von Fanfaren und Militärmusik begrüßt, gerade auf ihr Ziel zu. Es war ein entzückender, friedlicher Abend. Die Luft war von Waldgeruch und den Düften der Wiesen und Kamischfelder erfüllt, und in der Luft herrschte eine feierliche Stille wie in einer Kirche. Das kleinste Geräusch, das dieses großartige, einsame Schweigen unterbrach, machte sich geltend, Sandkörner, die vom Uferrande ins Wasser fielen, eine Ente, die in einer geschützten Bucht schwamm, ein Fisch, der in dem rabenschwarzen Schatten unter der Uferwand plätscherte, ein Fuchs, der im Schilfe raschelte. Während die Dunkelheit schnell hereinbrach, trug uns die Strömung immer tiefer in die geheimnisvolle Landschaft hinein, gleich Geistern und Schatten einer anderen Welt, und die Bewohner des Waldes lauschten den Tönen unserer Spieldose gewiß voller Erstaunen. Es war nicht die beste Musik, die man hören kann, aber in der Umgebung, in der sie ertönte, wirkte sie wunderbar und mit einschmeichelndem Zauber, während die große Stille zu kühnen Träumen einlud.

Die Wassermassen, die uns im Laufe des Tages Gesellschaft geleistet hatten, sollten wieder eine Nacht Vorsprung gewinnen, als wir am linken Ufer unter herbstlich gelben Pappeln rasteten. Spät abends wurde eine Flußmessung vorgenommen, die 26,7 Kubikmeter in der Sekunde ergab. Nichts hindert den Fluß, an einem Tage wasserreicher als am vorhergehenden zu sein; teils kann der Zufluß aus dem Gebirge wechseln, teils können durch Verteilung des Luftdruckes und durch den Wind zufällige, natürliche Verdämmungen entstehen, die das nachdrängende Wasser für einige Zeit in seinem Fließen hindern oder aufhalten.

11. Oktober. Leichter, feuchter Nebel lag über dem Jarkent-darja, als wir um 7 Uhr das Ufer verließen. Als wir durch diesen Nebel nach Süden gingen, fiel der Widerschein der Strahlen der aufgehenden Sonne verschleiert auf die Wasserfläche, und die kleine Fähre und die Jolle zeichneten sich mit den darinstehenden Männern und deren langen Stangen wie schwarze Schattenrisse auf dem mit Licht gesättigten Hintergrunde ab. In einer geschützten Bucht lag auf dem Wasser eine einsame Ente, die das sich ihr bietende, ungewöhnliche Schauspiel ruhig betrachtete, als unsere kleine Flottille an ihr vorbeitrieb. Sie mußte aber ihre Neugierde teuer bezahlen und schmeckte uns zu Mittag vorzüglich.

Der Fluß verändert seine Eigenschaften nicht, er ist noch ebenso krumm, und da es obendrein heftig wehte, kamen wir nicht weit. Der Kopf kann einem bei diesen Windungen schwindeln; Sonnenschein und Schatten, Wind und Lee wechseln unaufhörlich ab; bald friert man, bald wird man gebraten, bald geht es verzweifelt langsam, bald mit schwindelnder Fahrt. In scharfen Biegungen verliert die Wassermasse durch die Reibung und den Druck gegen das Jarufer einen guten Teil ihrer Geschwindigkeit, welche Kraft in eine andere Arbeit, die Auswaschung des Ufers, umgesetzt wird. Auf diese Weise werden die Windungen im Laufe der Jahre immer größer. Man findet auch gewöhnlich, daß die Fahrgeschwindigkeit hinter den schärfsten Biegungen abnimmt.

Bei +Duga-dschaji-masar+ stieß Ibrahim wieder zu uns. Außer einem ganzen Armvoll Melonen, Möhren, roten Rüben, Zwiebeln und Brot brachte er auch seine Mutter und seinen jüngeren Bruder mit, so daß wir neue Passagiere an Bord hatten.

Die Uferterrasse beim Lager lag 2,1 Meter über dem Wasserspiegel, und trotzdem war der Waldboden noch vom Hochwasser des Sommers feucht. Der Fluß ist also seitdem an diesem Punkte über 2 Meter gefallen. Je weiter wir kamen, desto schmäler, tiefer und langsamer wurde er, und nicht selten betrug seine Breite nur 15 Meter. Wir sehnten uns nach dem Aksu-darja, wo Mollah uns dreimal soviel Wasser versprach, und wir fuhren jetzt gewöhnlich täglich 11 Stunden. Mir wurde der Rücken ganz steif, wenn ich den ganzen Tag am Schreibtisch saß, und ich ersann daher eine neue Methode, die wenigstens einige Abwechslung brachte. Ich setzte mich in die kleine Jolle, machte mir dort von Filzdecken und Kissen ein Ruhebett zurecht und hatte alles Zeichenmaterial und die nötigen Instrumente bei mir. Um wirklich ungestört zu sein, hielt ich mich weit vor der Fähre und glitt nun ruhig und friedlich den Fluß hinunter. Die Pfeife im Munde, die Feder in der Hand und die Karte auf den Knien, freute ich mich der großen Stille; bequemer kann man durch ein unbekanntes Land wirklich nicht reisen.

Am 13. Oktober hatten wir die gewundenste Fahrt, die wir bis jetzt gemacht hatten. Man sitzt mit der Karte vor sich und fürchtet beinahe, eine Schleife einzeichnen zu müssen, dann aber biegt der Fluß im letzten Augenblick nach der entgegengesetzten Richtung ab. Die zweite Windung war noch toller; nach vierthalbstündiger Drift kamen wir wieder bei denselben Pappeln an, an denen wir vorübergefahren waren.

Der Tag war naßkalt und unfreundlich, und wir müssen uns ordentlich in Pelze hüllen. Die Fährleute sitzen in ihre Tschapane eingewickelt da und geben acht, daß wir nicht auf Grund stoßen und sie ins Wasser springen müssen. Islam und Mollah zogen vor, auf kürzeren Wegen, welche die Flußbiegungen berührten, durch den Wald zu gehen. Sie waren sieben Stunden fortgewesen, als wir sie am Ufer, wo sie an einem Feuer schliefen, wieder auffischten. Sie hatten nur zwei Stunden gebraucht, um diesen Punkt zu erreichen, und hätten +wir+ nicht ihr Feuer erblickt, +sie+ würden uns nicht bemerkt, sondern dort ruhig weitergeschlafen haben.

Die ersten Frostnächte prägten dem Walde, der jetzt überall gelb ist, ihren Stempel auf. Nach einer frischen Brise trieben wir auf einer wahren Laubstraße. Der Wind hatte Massen gelben Laubes in den Fluß gefegt, dessen Fläche eine lange Strecke weit gelbgetüpfelt war. Man braucht nur einen Blick auf die nächste Umgebung zu werfen, um zu sehen, daß der geringste Windhauch auf die Fähre einwirkt: bald treiben die Blätter an uns vorbei, bald sind wir die schnelleren; ist es aber völlig windstill, so haben wir gleiche Fahrt mit ihnen.

Am 14. Oktober lagerten wir in der +Jiggdelik+ genannten Gegend. Am rechten Ufer erhebt sich im Walde eine mit Tamarisken bewachsene Düne, auf welcher eine Stange aufgerichtet ist, die anzeigt, daß sich in der Nähe ein Masar oder Heiligengrab befindet. Unser Mollah war wiederholt dort gewesen, um Rubine zu suchen, die in dem vom Sande abgeschliffenen Feuersteinschutte, der eine ausgedehnte offene Ebene zwischen der Grenze des Wüstenmeeres und dem Walde bedeckt, zu finden sein sollen. Er hatte in der Nähe des Grabes übernachtet und eine bleiche, flackernde Flamme über der Kuppel schweben sehen. Rubine scheint er aber nicht gefunden zu haben.

Am 15. Oktober erinnerte der Fluß anfangs an eine verfitzte Schnur, nachher aber wurde er wieder ganz ordentlich. Es gilt als Regel, daß der Fluß da, wo er Bogen macht, auch schmal, tief und langsam ist, da aber, wo er eine gerade Richtung einhält, seicht, schnell und breit wird; das Gefälle ist hier größer. Manchmal sieht es aus, als sei das Wasser unschlüssig, nach welcher Seite es fließen solle; es scheint stillzustehen und zu überlegen, wohin der Boden sich neige.

Die Lailiker fingen an, mutlos zu werden, als sie Tag für Tag immer weiter von Haus und Heim fort- und immer tiefer in unbekannte Einöden und Wälder hineingetragen wurden. Es belebte sie jedoch ein wenig, daß wir bei Kuiluschning-baschi auf einen braven Mann stießen, der Jussup Do Bek hieß, hier in der Gegend seine Schafherden hütete und meine Leute damit beruhigte, daß es für sie die einfachste Sache auf der Welt sei, auf der großen Karawanenstraße über Aksu nach Hause zurückzukehren. Der erste Dschigit aus Kaschgar, der meine Post nach Dural bringen sollte, mußte schon unterwegs sein und sollte mit Jussups Hilfe in Aksu angehalten und an den Fluß hinuntergeschickt werden, welches Arrangement denn auch vortrefflich gelang.

Am 17. passierten wir einen der Mündungsarme des Kodai-darja, der uns aber nur wenig Wasser zuführte. Der Jarkent-darja läuft jetzt eine Strecke weit gerade nach Norden; die Windungen rauben uns nicht so viel Zeit wie bisher, doch wurde eine zurückgelegt, die sich einem vollständigen Kreise näherte und deren Landzunge nur zwanzig Klafter breit war. Ohne Zweifel wird das nächste Hochwasser diese Landzunge durchbrechen. Das Ufer ist 3½-4 Meter hoch, und seine Wand wird von beiden Seiten unterwaschen, so daß die Landzunge immer schmäler wird, bis sie schließlich einstürzt und der Fluß dann die Windung verläßt, die wie ein toter Schmarotzer liegen bleibt. Derartige tote Krümmungen oder Altwasser (Boldschemal) kamen in diesem Teile des Flußlaufes besonders häufig vor. In ihrem Bogen steht beinahe stets ein kleiner halbmondförmiger Köll mit klarem Wasser.

Von einem an Reisig und verdorrten Bäumen reichen Punkte am rechten Ufer sahen wir Rauchwolken aufsteigen, und bald flackerten Feuerzungen zwischen den Bäumen. Der Mollah erklärte, es seien Hirten, die auf diese Weise Tiger und Wölfe zu verscheuchen suchen. Tigerspuren hatten wir in den letzten Tagen wiederholt auf den Ufern gesehen. Als wir gerade vor dem Platze waren, sahen wir denn auch richtig ein paar Hirten am Ufer. Doch sowie diese die Fähre, das gespenstische weiße Zelt und die rabenschwarze Hütte erblickten, ergriffen sie die Flucht und liefen, was das Zeug halten wollte, Schafe, Hunde und Feuer ihrem Schicksal überlassend. Soviel wir auch riefen und ihrer durch Späher habhaft zu werden suchten, sie waren und blieben verschwunden, und wir mußten also auf Aufklärung über diese Gegend verzichten. Was sollten diese einfachen, redlichen, halbwilden Waldmenschen übrigens auch beim Anblick der Fähre denken, die wie ein Riesenschwan am Waldrande entlang geschwommen kam! Sie konnten doch nur denken, es sei ein böser Geist aus der Tiefe der Wüste, der auf der Streife sei und suche, wen er verschlingen könne.

Die Tendenz des Flusses, hier in der Gegend seine Windungen oft auszugleichen, ist in der Beschaffenheit des Bodens begründet. Dieser besteht aus Sand, und in dem losen, leicht niederstürzenden Material führt das Wasser ohne sonderlichen Widerstand seine Unterminierungsarbeit aus. Auf die Veränderlichkeit des Flusses gründet sich wieder der Umstand, daß der Wald spärlich ist und an den Ufern nicht alt werden kann. Die äußersten Pappeln stehen wie wartend da, bis die Reihe zu fallen an sie kommt, wenn die Jarwand unter ihnen abrutscht.

Am 18. Oktober hatten wir wieder Pech mit dem Winde. Als wir nach Norden kamen, herrschte nördlicher Wind, als aber der Flußlauf sich nach Nordosten wendete, kam der Wind auch aus dieser Richtung, und schließlich sprang er sogar nach Osten um. Das Bett war ziemlich offen und flach, und wir hatten von den Ufern und ihrer Vegetation wenig Nutzen. Die Luvseite des Zeltes war wie ein Trommelfell nach innen gekehrt, und faßte man das Zelttuch an, so fühlte man sofort, mit welcher Kraft dieser saugende Wind die Fähre nach Lee hinüberpressen mußte. Die Leute hatten den ganzen Tag vollauf damit zu tun, uns vor Kollisionen mit den Ufern zu bewahren, und hatten kaum Zeit, ihr einfaches, aus Brot und Melonen bestehendes Frühstück zu verzehren.