Im Hause des Kommerzienrates.

Part 9

Chapter 93,586 wordsPublic domain

Die Tante zog sich unwillkürlich in das Zimmer zurück; Käthe dagegen blieb ruhig stehen. »Aber warum denn so unbeugsam, Herr Doktor? Warum wünschen Sie denn, daß Moritz gar so hart mit mir verfährt?« fragte sie mädchenhaft sanft. »Will ich denn Böses? Und sollte Moritz wirklich die Befugnis zustehen, mich von der Erfüllung meiner schwesterlichen Pflicht abzuhalten? Ich glaube es nicht ... Nun weiß ich aber einen Ausweg: Veranlassen Sie Henriette, mich nach Dresden zu begleiten! Dort teile ich mit meiner Doktorin die Pflege der Patientin; das wird doch meinen Nerven nicht schaden?« Sie lächelte ganz leise.

»Gut, ich werde einen Versuch machen,« sagte er sehr bestimmt.

»Dann gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich sobald wie möglich auf und davon fliegen werde,« versetzte sie ebenso fest mit einem sprechenden Blick, vor dem er, wie auf einem Unrecht ertappt, die Augen niederschlug.

Die Tante bog sich plötzlich aus dem Fenster und sah dem Doktor erstaunt und beweglich in das Gesicht -- er war ja merkwürdig schweigsam. Da stand er nun und löste einige verdorrte Weinranken vom Spalier, die der Zugwind hin und her schaukelte, und sagte keine Silbe mehr.

»Gehen Sie denn so gern?« fragte die alte Frau sichtlich verlegen mit liebreichem Vorwurfe.

Käthe zog eben den in den Nacken gesunkenen Schleier wieder über den Kopf und knüpfte ihn fest unter dem Kinn. Wie eine Pfirsichblüte leuchtete ihr Gesicht aus dem dunkeln Gewebe. »Soll ich aus Höflichkeit ‚nein‘ sagen, Frau Diakonus?« fragte sie lächelnd zurück. Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich bin leidlich vernünftig für die Welt und ihre Dinge, wie sie nun einmal sind, erzogen, aber all und jede Kaprice der Individualität fegt auch die strengste Zucht nicht aus den Seelenwinkeln. Ich stehe z. B. der Großmama meiner Schwestern heute genau so verwunderlich fremd gegenüber, wie damals, wo ich ihr auf Befehl meines Vaters die Hand küssen mußte; ich stoße mich insgeheim konsequent an Ecken und Eckchen, die für andere nicht da sind, und welche mich schon als Kind gequält und beunruhigt haben. Und wie durchkältet ist mein Vaterhaus!« -- sie schauerte -- »man steht mit seinen warmen Füßen auf zu viel Marmor. Dazu ist Moritz ein so entsetzlich vornehmer Mann geworden« -- zwei schelmische Grübchen zeigten sich auf ihren Wangen -- »man erschrickt und schämt sich ja förmlich, wenn einem die eigene kahle Visitenkarte vor die Augen kommt ... ja, meine liebe Frau Diakonus, ich kehre herzlich gern nach Dresden zurück, vorausgesetzt, daß Henriette mich begleitet; außerdem« -- sie wandte sich, aus dem scherzenden Tone in einen sehr entschiedenen übergehend, wieder an den Doktor -- »außerdem werde ich mein möglichstes thun, mich in die gegebenen Verhältnisse zu schicken und zu bleiben, selbst auf die Gefahr hin, daß Moritz mich zwangsweise nach Dresden zu befördern versucht.«

Sie grüßte herzlich zu der alten Dame hinüber, verbeugte sich leicht gegen den Doktor und verließ den Garten, um doch noch in die Schloßmühle zu gehen, obgleich bereits der Abend hereinbrach.

8.

Und nun war es ganz dunkel geworden; auf dem Turme der Spinnerei hatte es sieben geschlagen, und Käthe saß noch in dem einen Bogenfenster der Schloßmühlenstube. Sie hatte zwar vorher auf Susens dringende Bitte hin den Wäscheschrank inspiziert; die Alte traute der Müllerfrau nicht, die pflegend ab und zu ging, und behauptete, nach schöner, »selbstgesponnener« Wäsche mache »jede« lange Finger; dann hatte sie, wie bisher jeden Tag, die Abendsuppe gekocht und die Kranke zu Bett gebracht, die, wenn auch bedeutend wohler, doch noch sehr unbehilflich und schwach war ... Nun aber saß das junge Mädchen doch schon lange Zeit, die Hände feiernd im Schoße gefaltet, still in der Fensterecke und ließ sich von den Schatten des Abends förmlich einspinnen. So gut wurde es ihr drüben im Hause des Kommerzienrates nicht; da gab es kein Erholungsdämmerstündchen wie in Dresden. Sobald die Sonne erloschen, sanken unerbittlich die Rouleaus unter den Händen der Dienerschaft; die Gasflammen schlugen auf und eine blendende Lichtflut jagte den Schatten auch aus den fernsten Ecken.

Der dumpfe Pendelschlag der alten Wanduhr klang wie ein taktmäßiges, unterirdisches Klopfen, und durch den dicken grünen Vorhang der geschlossenen Alkoventhür glomm das Nachtlicht an Susens Bett wie ein verdüstertes Gnomenauge. Das war wieder einmal ein so atemlos stiller Augenblick im Dunkeln. Wie hatte sie als Kind in solchen Momenten gläubig auf das Huschen und Schlurfen weißbestäubter Heinzelmännchen gehorcht, wenn ihr Suse erzählte, daß im Grundsteine der Mühle abergläubischer- und barbarischerweise ein neugeborenes Kind eingeschlossen und der Mauermörtel von dem übermütigen Erbauer mit kostbarem Wein gemischt worden sei! Heute flogen ihr diese Erinnerungen nur flüchtig durch den Sinn; ihr Auge hing an dem schwachen Dämmerscheine, der durch das Südfenster hereinfiel auf die Stelle, wo der Schloßmüller gestorben war, und sie dachte an die Art und Weise, wie Doktor Bruck ihr selbst die öffentliche Verurteilung seiner Person mitgeteilt, und jetzt begriff sie noch weniger als neulich, daß er sich ihr gegenüber zu einer Verteidigung herabgelassen hatte ... Und wenn die ganze Welt darauf bestand, sie glaubte nicht an ein keckes, gewissenloses Wagen, an dünkelhafte Selbstüberschätzung ohne Kunst und Wissen bei dem Manne, der die ernste gedankenvolle Ruhe, die schlichte Wahrhaftigkeit und Geradheit selbst war. Und jetzt schoß ihr die Blutwelle wieder heiß und jäh nach dem Herzen, und ein starkes Zorngefühl quoll in ihr auf, wie heute nachmittag, wo Flora in den krassesten Ausdrücken Brucks ärztliches Wirken gebrandmarkt hatte. Was für eine rätselvolle Frauennatur war sie doch, diese gefeierte Flora, dieses einst so sehr gefürchtete und doch heimlich bewunderte Idol der kleinen Käthe! ... Henriette hütete sich seltsamerweise, in den Stunden des Alleinseins mit der heimgekehrten Schwester über das Brautpaar eingehend zu sprechen, aber hier und da waren ihr doch Bemerkungen über die Lippen geschlüpft, aus denen Käthe entnahm, daß Flora anfänglich eine leidenschaftlich liebende Braut gewesen sein mußte.

Doktor Bruck war, nachdem er den deutsch-französischen Krieg als Regimentsarzt mitgemacht und dann längere Zeit einer berühmten ärztlichen Kapazität in Berlin assistiert hatte, hauptsächlich auf Wunsch seiner Tante nach M. zurückgekehrt. Der vorteilhafte Ruf, der ihm vorausgegangen, und seine imposante äußere Erscheinung hatten ihn sehr bald zu einem gesuchten Arzt und zu einer wünschenswerten Partie für die Damenwelt gemacht. Es war mithin keineswegs Herablassung von seiten der stolzen Flora Mangold gewesen, ihm die begehrte Hand zu reichen. Sie selbst hatte sich ihm auffallend genähert, indem sie einen schmerzhaft verstauchten Fuß keiner anderen Hand als der des gefeierten neuen Doktors anvertrauen wollte -- noch im Krankenhause hatte sie sich mit ihm verlobt und war darum vielfach beneidet worden. Aus diesem Grunde mochte sie auch vor dem peinlichen Aufsehen eines gewaltsamen Bruchs zurückscheuen. Darum diese perfide Lösung, die, auf ein allmähliches beiderseitiges Erkalten gestützt, schließlich von der Welt halb vergessen, geräuschlos vor sich gehen sollte.

Käthe sprang plötzlich auf -- der Gedanke war ihr unerträglich, daß sie, im Falle ihres Bleibens, fortgesetzt Zeugin dieser empörenden Komödie sein und mit ansehen sollte, wie der unglückliche Mann trotz seiner starken Liebe und Gegenwehr aus seinem geträumten Paradiese gestoßen würde. Nein, auch sie hielt zu Moritz und Henriette. Flora durfte und sollte ihr Wort nicht brechen; die ganze Familie mußte einmütig zusammenhalten dem grausamen Verrat gegenüber. Die Thörin, daß sie so verblendet ihr Glück von sich stieß! Hatte sie ihn noch nie gesehen in seinem Heim, im Zusammenleben mit seiner treuen Pflegemutter? Wußte sie nicht, daß sie auf Händen getragen werden würde, wenn sie ihm das Glück gab, nach welchem er verlangte?

Käthe schrak heftig zusammen und schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht -- hier war es dunkel, schauerlich dunkel, so tiefe Nacht, daß die Sünde auf leisen Sohlen bis an die innersten Gedanken der Menschenseele heranschleichen konnte. Hastig lief sie über die Holzstufen und riß die Stubenthür auf -- drunten in der Flur brannte die große Hauslampe; der helle Schein quoll die Treppe herauf und warf durch die Säulen der Galerie schmale Lichtstreifen vor die Füße des jungen Mädchens, und aus dem Mühlenraum, dessen Thür eben geöffnet wurde, scholl das Lärmen und Tosen, zum Betäuben stark, durch das Haus. Licht und Geräusch verscheuchten augenblicklich den verlockenden Spuk, der sich in die unschuldige Mädchenseele gedrängt hatte ... Das war ja der große, weißgetünchte Vorsaal der Schloßmühle mit dem uralten lebensgroßen Bildnis des Erbauers, des geharnischten Mannes dort, der so gespenstisch verwischt aus dem wackeligen schwarzen Rahmen niedersah. Einst hatte sie ihn gefürchtet, und jetzt erschien er ihr wie ein alter Freund -- er führte sie in die Wirklichkeit zurück, von einem verräterischen, sündhaften Traumbilde hinweg, in welchem sie eine unrechtmäßige Stelle eingenommen hatte ...

Sie stieg die Treppe hinab und verließ die Mühle. Der Zugwind blies ihre heißen Wangen nachtfrisch an, und droben funkelten die goldenen Arabesken, die Sternbilder des Himmels, in köstlicher Klarheit. Käthe schämte sich ihrer müßigen Träumerei -- aber war es nicht wie ein Schwindel gewesen, dessen man sich nicht erwehren kann, und der auch die gesündesten und kraftvollsten Menschen plötzlich befällt?

Schon von weitem sah sie die Lichter der Villa durch das Geäst flimmern, und als sie das Haus betrat, da schollen Klavierakkorde durch den Korridor. Das Instrument war prachtvoll, aber es wurde malträtiert durch barbarische Hände. Die Präsidentin hatte heute einen kleinen Empfangsabend; man kam, alt und jung, zum Thee. Die Aelteren saßen um den Whisttisch und die junge Welt musizierte, plauderte und amüsierte sich, wie sie Lust hatte; es war ein zwangloses Zusammensein bis gegen zehn Uhr.

Käthe machte schleunigst Toilette und betrat den Salon, das große Balkonzimmer im Erdgeschosse. Es hatten sich heute nur wenige eingefunden: nur ein Spieltisch war besetzt, und der Theetisch, um den sich die jungen Damen zu gruppieren pflegten, sah einsam und verlassen aus ...

Henriette saß hinter der Theemaschine. Sie hatte wieder einmal grellrote Schleifen in ihrem blonden Haar und ein ärmelloses Samtjäckchen von der gleichen schreienden Farbe über einem hellblauen Seidenkleid. Das graue, schmale Gesichtchen sah fast spukhaft aus dem theatermäßigen Putz, aber ihre schönen Augen glänzten förmlich überirdisch. »Bruck ist wieder da,« flüsterte sie mit heißem Atem und bewegter Stimme Käthe ins Ohr und zeigte durch den anstoßenden Musiksalon, in welchem noch immer der Konzertflügel gemißhandelt wurde, nach Floras Zimmer. »Käthe, er sieht aus, als sei er noch gewachsen, so hoch und so überlegen ... Gott im Himmel, mache doch nicht gar so ein ernsthaftes Nonnengesicht!« unterbrach sie sich heftig -- sie war unerklärlich aufgeregt. »Alle sind heute so mürrisch; Moritz hat eine Depesche bekommen und ist sehr zerstreut, und die Großmama hat entsetzlich schlechte Laune, weil ihr Salon leer ist. Ach, und ich bin so froh, so froh! ... Weißt du, Käthe, daß ich vorgestern bei dem schlimmen Anfall geglaubt habe, Bruck sähe mich als Leiche wieder? Nur _das_ nicht! Ich _will_ nicht sterben, wenn er nicht da ist.«

Sie sprach zum erstenmal vom Sterben, und es war gut, daß die klavierspielenden Finger drüben in erneuter Kraft über die Tasten flogen und die drei alten Herren am Kamin im lebhaften Disput ihre Stimmen erhöhten; denn der letzte Ausruf der Kranken hatte laut und leidenschaftlich geklungen; Käthe stieß sie verstohlen an -- die Präsidentin warf einen scharfen mißbilligenden Blick über die Augengläser hinweg nach dem Theetisch. Henriette nahm sich augenblicklich zusammen. »Ah bah, kann mir das jemand verdenken?« sagte sie frivol und spöttisch die Achseln emporziehend. »Niemand stirbt gern allein. Der Arzt ist dazu da, daß man bis zum letzten Augenblick Hoffnung aus seinem Zuspruch schöpft.«

Käthe wußte genug. Die Kranke ging nicht mit ihr nach Dresden. Sie wies die Tasse Thee zurück, die ihr Henriette mit hastigen Händen füllte, und zog eine angefangene kleine Stickerei aus der Tasche.

»Ach, lasse den Kram doch stecken!« sagte Henriette ungeduldig. »Glaubst du, ich bleibe gefälligst hier sitzen und sehe in grenzenloser Langmut zu, wie du den weißen Faden aus- und einziehst?« Sie erhob sich und schob ihren Arm in den der Schwester. »Gehen wir in das Musikzimmer! Margarete Giese schlägt uns noch das Instrument und die Nerven entzwei, wenn wir der Quälerei nicht ein Ende machen.«

Sie gingen in den anstoßenden Salon, aber die Dame am Klavier, die in ihren eigenen Leistungen schwelgte, blieb unangefochten ... Die breite Flügelthür, die in Floras Arbeitszimmer führte, stand, wie gewöhnlich an den kleinen Empfangsabenden, weit offen; man konnte das ganze große Zimmer übersehen. Es erschien mit seinem gedämpften Ampellicht fast dämmerig neben den brillant erleuchteten anderen Räumen, und seine dunkle Purpurfarbe nahm in den Ecken ein düsteres Schwarz an.

Flora stand mit nachlässig verschlungenen Händen am Schreibtisch, während der Kommerzienrat bequem im nächsten Fauteuil lag. Doktor Bruck aber blätterte stehend in einem Buche. Er sah ungewöhnlich bleich aus; der von oben herabfallende Lampenschein ließ zwei finstere Stirnfalten und einen tiefen Schatten unter seinen Augen scharf hervortreten, und doch erschien sein ausdrucksvoller Kopf merkwürdig jung im Vergleich zu der schönen Braut.

Henriette ging ohne weiteres hinüber -- das Brautpaar war ja nicht allein -- Käthe aber, welche sie mit sich zog, setzte nur zögernd den Fuß auf die Schwelle; Floras Mienen stießen sie zurück; es lag etwas Zornmütiges, Ungeduldiges darin. Sie war offenbar sehr übler Laune. Ihr Blick lief auch sofort mit sarkastischem Ausdruck über die Gestalt der Schwester hin, die heute zum erstenmal das monotone Schwarz der Kleidung mit dem hellen Grau der Halbtrauer vertauscht hatte.

»Komm nur herüber, Käthe!« rief sie, ohne ihre Stellung zu verändern. »Bist zwar wie gewöhnlich in starrer Seide, siehst aus wie ein papierner Christengel und machst den robustesten Menschen nervös mit dem ewigen Rauschen und Knistern. Sage mir nur um des Himmels willen, warum du immer diese entsetzlich schweren Stoffe trägst,« unterbrach sie sich, »die passen doch zu deinem Küchenamt in Dresden wie die Faust aufs Auge.«

»Das ist meine Schwäche, Flora,« antwortete Käthe ruhig lächelnd. »Es mag schon kindisch sein, aber ich höre so gerne Seide um mich rauschen -- es klingt so majestätisch. Bei meinem ‚Küchenamt‘ trage ich sie selbstverständlich nicht, wie du dir wohl selbst sagen wirst.«

»Schau, wie stolz sie das ‚Küchenamt‘ zugibt! Närrisches Ding! Ich möchte dich einmal sehen in der Leinenschürze hinter rußigen Töpfen. Nun, jeder nach seinem Geschmack -- ich danke.« Ihre großen grauen Augen richteten sich langsam und lauernd auf das Gesicht des Doktors, der eben ruhig das Buch zuschlug und es auf den Tisch zurücklegte.

Käthe fühlte, wie sich Henriettens kleine Hand auf ihrem Arm zur Faust ballte. »Ach, geh doch, Flora!« rief sie scheinbar heiter und amüsiert; »vor noch fünf Monaten hast du oft genug zwischen Christels Kochtöpfen drunten in der Küche gewirtschaftet -- ob gerade geschickt, das will ich nicht behaupten -- aber das gutgemeinte Bestreben und die hübsche weiße Latzschürze stand dir prächtig.«

Flora biß sich auf die Lippen. »Du faselst wie gewöhnlich und bist damals nicht fähig gewesen, eine scherzhafte Anwandlung als das zu nehmen, was sie hat sein sollen -- eine kleine Kaprice.« Sie schlug die Arme unter, und den Kopf gedankenvoll gesenkt, ging sie langsam einige Schritte an den Fenstern hin. Sie sah sehr schön aus in der weißen Alpakaschleppe, die ihr lang und weich nachfloß.

Der Kommerzienrat sprang auf. »Nun, Flörchen, ist es dir gefällig, mit hinüber zu kommen?« fragte er. »Der Salon ist heute zum Verzweifeln leer -- aus guten Gründen; es ist ja diplomatische Soiree beim Fürsten,« beruhigte er sich selbst. »Wir müssen aber ein wenig Leben hineinzubringen suchen, sonst haben wir die Großmama einige Tage verstimmt und schlecht gelaunt.«

»Ich habe mich bereits für eine halbe Stunde noch entschuldigt, Moritz,« sagte sie ungeduldig. »Ich _muß_ den Artikel, den ich unter der Feder habe, heute noch schließen. Das Manuskript läge längst fertig da, wenn Bruck nicht dazwischen gekommen wäre.«

Der Doktor war an den Schreibtisch getreten. »Eilt das so sehr? Und weshalb?« fragte er, nicht ohne einen leisen Anflug von Humor in Gesicht und Stimme.

»Weshalb, mein Freund? Weil ich mein Wort halten will,« versetzte sie spitz. »Ah, das amüsiert dich! Es ist allerdings nur Frauenarbeit, und du begreifst natürlich nicht, wer in aller Welt auf eine solche Bagatelle warten mag.«

»So denke ich _nicht_ über die Frauenarbeit im allgemeinen --«

»Im allgemeinen!« persiflierte sie hart auflachend. »Ach ja, der allgemeine, landläufige Begriff: Kochen, Nähen, Stricken --« zählte sie an den Fingern her.

»Du hast mich nicht ausreden lassen, Flora,« sagte er gelassen. »Ich bezog mich ebensowohl auf die geistige Thätigkeit wie auf die Handarbeit. Ich stehe der Frauenfrage durchaus nicht fern und wünsche, wie alle Billigdenkenden, daß die Frau die Mitstrebende, die verständnisvolle Gehilfin des Mannes auch auf geistigem Gebiete werde.«

»Gehilfin? Wie gnädig! Wir wollen aber keine Gnade, mein Freund; wir wollen mehr; wir wollen _Gleich_strebende, _Gleich_berechtigte nach jeder Richtung hin sein.«

Er zuckte die Achseln und lächelte; sein interessantes Gesicht erschien durch dieses Gemisch von leisem Spott und nachsichtiger Milde ungemein beseelt. »Das ist ja die höchste Potenz der modernen Ansprüche und Forderungen, von der sich die Verständigen längst wieder abgewendet haben, und welche die Freunde des Fortschrittes auf staatlichem und religiösem Boden bekämpfen werden, solange die Frauenwelt Exzesse begeht, wie die Bet-Orgien in den Straßen der amerikanischen Städte, solange sie urteilslos und fanatisch mit dem schwarzen Heer der Beichtväter zu gehen pflegt. Das hieße ein mörderisches Messer in eine kleine, unvorsichtige Hand drücken.«

Flora erwiderte kein Wort. Sie war marmorweiß geworden. Anscheinend gleichmütig nahm sie eine Stahlfeder, probierte sie auf dem Daumennagel und steckte sie in den Federhalter. Dann zog sie einen Kasten auf und ergriff mit etwas unsicher tappender Hand einen kleinen Gegenstand.

Henriette riß plötzlich mit einem gewaltsamen Ruck ihren Arm aus dem der Schwester und trat einen Schritt vorwärts, während der Kommerzienrat so rasch aus dem Zimmer ging, als habe er etwas zu besorgen vergessen. Käthe erschrak -- sie sah, wie die edelgeformten Finger dort leicht bebend nach dem Federmesser griffen und die Spitze der aus dem Kasten genommenen Cigarre abschnitten.

»Auch ein Messer, das wir nicht führen sollen, zu diesem Zweck nämlich,« sagte Flora mit erzwungenem Scherz halb über die Schulter nach dem Doktor hin, der während des Sprechens einmal im Zimmer auf und ab gegangen war. »Aber merkwürdigerweise hat unser um acht Lot ärmeres Frauengehirn doch das mit den Herren der Schöpfung gemein, daß es schärfer denkt und angeregter arbeitet -- beim Rauchen.« Sie brannte die Cigarre an und schob sie zwischen die nervös lächelnden Lippen.

Die Klavierspielerin im Nebenzimmer hatte längst ihre rauschende Salonpiece geschlossen und trat in diesem Augenblick auf die Schwelle des Salons. »Flora, du rauchst, du, die den Cigarrenqualm nie ausstehen konnte!« rief sie und schlug lachend die Hände zusammen.

»Meine Braut scherzt,« sagte Doktor Bruck vollkommen ruhig. Er trat wieder an den Schreibtisch. »Sie wird es bei diesem einen Versuch bewenden lassen; ein Mehr könnte ihr teuer zu stehen kommen.«

»Willst du es mir verbieten, Bruck?« fragte sie in kaltem Tone, aber in ihren Augen glomm ein unheimliches Feuer auf. Sie hatte die Cigarre für einen Moment aus dem Munde genommen und hielt sie zierlich zwischen den Fingern.

Der Doktor schien nur darauf gewartet zu haben. Mit unzerstörbarem Gleichmut, ohne alle Hast nahm er ihr die Cigarre aus der Hand und warf sie in den Kamin. »Verbieten, als dein Verlobter?« wiederholte er achselzuckend. »_Noch_ steht mir das Recht nicht in dem Maße zu. Ich könnte dich bitten, aber ich bin kein Freund von Wiederholungen und unnützen Worten; du hast ja gewußt, daß ich die Cigarre im Frauenmunde verabscheue. In diesem Falle verbiete ich sie einfach als Arzt -- du hast alle Ursache, deine Lunge zu schonen.«

Flora stand einen Augenblick wie erstarrt vor seiner Kühnheit, und jetzt, bei seinen letzten Worten, durchzuckte es sie sichtlich; aber sie beherrschte sich sofort. »Das ist ja eine haarsträubende Diagnose, Bruck,« rief sie spöttisch lächelnd. »Und davon hat mir der abscheuliche Medizinalrat, der mich seit meiner Kindheit behandelt, nicht ein Wort gesagt. Ach was, damit schreckt man Kinder! Uebrigens habe ich keine Ursache, das Leben so zu lieben, daß ich mir zu seiner Erhaltung irgend einen Genuß versagen möchte -- im Gegenteil! Ich werde nach wie vor rauchen; es ist mir dies bei meinem schriftstellerischen Beruf nötig, und dieser Beruf ist mein Glück, mein moralischer Halt; in ihm lebe und atme ich --«

»Bis dich ein unvermeidlicher Wendepunkt deinem eigentlichen Beruf zuführt,« warf der Doktor ein. Seine Stimme klang hart wie Stahl.

Ein erschreckendes Rot überflammte ihr Gesicht; sie öffnete die Lippen zu einer schneidigen, rücksichtslosen Antwort, aber ihr Blick fiel auf Fräulein Giese, die Klavierspielerin, das mokante Hoffräulein, das mit spitzem Gesicht und spitzen Schultern vorgeneigt auf der Schwelle stand, als sauge sie mit Ohren und Augen, ja mit allen Poren aus diesem scharfen Wortwechsel und den verlegenen Gesichtern der Umstehenden das Material zu einem vergnüglichen Hofklatsch, und der war nichts weniger als erwünscht. Flora wandte sich plötzlich mit einer graziös schmollenden Bewegung ab. »Ach, geh doch, Bruck!« schalt sie. »Wie prosaisch! Kommst eben von einer Vergnügungsreise zurück, hast dich amüsiert --«

Sie verstummte -- Bruck hatte mit festem Druck ihr Handgelenk umfaßt. »Willst du die Freundlichkeit haben, _meinen_ Beruf aus dem Spiel zu lassen, Flora?« fragte er, seine Worte scharf markierend.

»Ich sprach von Vergnügen,« antwortete sie impertinent und zog ihre Hand aus der seinen.

Das Gesicht der Präsidentin mit seinem kühlen Ausdruck war Käthe zu allen Zeiten unsympathisch und flößte ihr bei einem unerwarteten Entgegentreten stets eine Art von scheuem Schrecken ein; in diesem Augenblick aber atmete sie freier auf, als die alte Dame plötzlich in das Zimmer trat. Sie kam ungewöhnlich rasch, sichtlich verdrießlich und ärgerlich. »Ich werde wohl künftig meine Spieltische hierher stellen müssen, wenn ich nicht will, daß meine Freunde vernachlässigt werden,« sagte sie in sehr gereiztem Tone. »Wie kannst du zu so früher Stunde schon die Theemaschine im Stiche lassen, Henriette? Es wird mir nichts übrig bleiben, als meine Jungfer dahinter zu setzen. Und dich, Flora, begreife ich nicht, wie du dich an den Schreibtisch zurückziehen magst, wenn wir Gäste haben. Wirst du wirklich von deinem Verleger so gedrängt, daß du abends arbeiten mußt, dann schließe deine Thür, wenn die Sache nicht sehr nach Ostentation und gelehrter Koketterie aussehen soll!« Sie mußte sehr aufgebracht sein, daß sie sich so unumwunden vor einer Dame vom Hofe aussprach.