Part 8
Und die Dame lachte auch. Sie legte das Bild auf den Tisch, und die Stufen herabsteigend, streckte sie dem jungen Mädchen beide Hände entgegen. »Dann sind Sie Brucks jüngste Schwägerin.« Ein leiser Schatten flog über ihr Gesicht. »Ich habe nicht gewußt, daß Besuch in der Villa Baumgarten eingekehrt ist,« fügte sie mit einem kaum hörbaren Anfluge von Bitterkeit hinzu.
In diesem Augenblicke zog auch ein Wolkenschatten über Käthens Seele hin -- war sie denn so ein Garnichts, ein solch verschollenes, nicht mitgeltendes Glied der Familie Mangold, daß Doktor Bruck es nicht der Mühe wert gefunden hatte, seine Begegnung mit ihr zu erwähnen? ... Sie biß sich auf die Lippen und folgte schweigend der einladenden Handbewegung der Dame, welche ihr vorausging und eine Thür in der weiten Hausflur öffnete. Die schlanke Frau war noch so graziös in jeder Bewegung.
»Das ist _mein_ Stübchen, meine Heimat bis ans Ende,« sagte sie mit einer herzensfreudigen, gleichsam aufatmenden Betonung, als sei sie bis zu diesem Ruheporte mit müden Füßen in der Irre gewandert. »Ehe mein Mann als Diakonus in die Stadt versetzt wurde, lebten wir in einer kleinen Pfarre auf dem Lande. Es ging uns sehr knapp, und ich hatte mein ganzes haushälterisches Talent nötig, um die Standeswürde nach außen hin zu wahren, aber es war doch die schönste Zeit meines Lebens ... Die staubige Luft und das Geräusch der Stadt haben meinem Nervenleben nicht gut gethan; meine stille Sehnsucht nach grüner Einsamkeit wurde nahezu krankhaft. Ich habe das nie ausgesprochen, und doch hat der Doktor heimlich gesorgt und gespart, und vor einigen Tagen führte er mich hierher in das Haus, das er wenige Stunden zuvor für mich erstanden hatte.« Bei den letzten Worten klang ihre Stimme verschleiert und tiefbewegt. Sie war also doch die Tante, und ihren Neffen nannte sie stolz »den Doktor«. Und jetzt lächelte sie anmutig. »Ein wahres Schlößchen ist's, nicht wahr?« fragte sie zutraulich. »Sehen Sie doch die Flügelthüren und die prächtige Stuckarbeit an der Decke! Und die alte Ledertapete da mit den geschwärzten Goldleisten ist jedenfalls sehr kostbar gewesen. Draußen im Garten finden sich auch noch Spuren von Taxushecken und Sandsteinfiguren. Ursprünglich ist das Haus der Witwensitz einer Dame aus dem Hause Baumgarten gewesen -- ich weiß es aus einer Chronik ... Wir haben nun tüchtig gescheuert, gelüftet und einige Oefen geheizt, um die alten Wände zu durchwärmen; sonst ist nichts, nicht ein Nagel, verändert worden; dazu reichten die Mittel nicht -- und es wäre auch sehr überflüssig gewesen.«
Käthe hatte längst mit stillem Behagen die ganze Einrichtung überflogen. Die dunkelgewordenen Mahagonimöbel paßten just zu der gelben Ledertapete. An der Mittelwand, nicht weit von dem weißglasierten, weitbauchigen, auf verschnörkelten Füßen ruhenden Ofen, stand das kattunbezogene Sofa, und darüber hing in der That das Portrait des seligen Diakonus, ein schlicht gemaltes Pastellbild, das den alten Herrn in seiner Amtstracht vorstellte. Ein köstlicher Schmuck aber waren die Pflanzengruppen an den zwei hohen und breiten Fenstern, die Azaleen- und Palmenarten, die prachtvollen Gummibäume, warm und kräftig vergoldet von dem die klaren Filetgardinen durchbrechenden Sonnenlicht. Die Goldfische in der Glasschale und der Singvogel im Messingkäfig, diese Pfleglinge einsamer Frauen, fehlten auch hier nicht; auf den Fenstersimsen blühten Frühlingsblumen, buntfarbige Hyazinthen und die träumerisch gesenkten Häupter der weißen Narzisse -- das Nähtischchen aber stand in einer förmlichen Nische von Lorbeerlaub.
»Meine Zöglinge -- ich hab' sie fast vom Samenkorn an erzogen,« sagte die Tante, dem bewundernden Blick des jungen Mädchens folgend. »Die schönsten und liebsten habe ich selbstverständlich dem Doktor ins Zimmer gestellt.« Sie schob die angelehnte Thür des Nebenzimmers zurück und führte Käthe hinüber.
»Selbstverständlich!« wie das klang! So weiblich demütig, so mütterlich liebend und -- verziehend ... Sie hatte ihm »selbstverständlich« auch das schönste Zimmer im Hause ausgesucht, das Eckzimmer, an dessen östlich gelegenen Fenstern der Fluß vorbeirauschte. Ueber den breiten Wasserstreifen hinaus that sich eine der hübschesten Parkpartien auf, und fern, hinter Lindenwipfeln, glänzte bläulich das Schieferdach der Villa ... Zwischen diesen Fenstern, an der sehr schmalen Spiegelwand, stand der Schreibtisch; wenn der Doktor die Augen vom Papier hob, dann sah er dort die Fahnenstangen in den Himmel hineinragen -- in den Himmel! Käthe fühlte plötzlich ihre Wangen in heißer Scham brennen; hier bot zärtliche Fürsorge alles auf, dem Mann verstohlen das Süßeste, das Geliebteste nahe zu rücken, und dort drüben sann ihre treulose Schwester Tag und Nacht darauf, ihn aus seinem Himmel zu stoßen. Mit dem frivolen »Beglücke du ihn doch!« hatte sie vorhin ihre Anrechte verächtlich ausgeboten.
Ob die warmherzige, zartempfindende Frau, die da neben ihr stand, es wohl ahnte, oder vielleicht auch nur instinktmäßig fühlte, daß über kurz oder lang ein unabwendbares Leid, wie es ihn schwerer nicht treffen konnte, über ihren Liebling hereinbrechen werde? Sie hatte Käthe nicht aufgenommen wie eine kaum in die Heimat Zurückgekehrte, den Familienverhältnissen Entfremdete, sondern als Brucks jüngste Schwägerin, die notwendig mit allen Beziehungen so vertraut sein müsse, daß sie sich gar nicht erst als Tante vorzustellen brauche -- demnach mußte ihr Verkehr in der Villa Baumgarten kein intimer sein, und es war in diesem Moment, als wolle sie die Annahme bestätigen, denn sie zeigte nach der leeren Spiegelwand über dem Schreibtisch und sagte unbefangen: »Ich bin noch nicht fertig mit der Einrichtung -- da fehlt noch die Photographie der Braut und das Oelbild seiner Mutter, meiner lieben, verstorbenen Schwester.«
Sonst fehlte nichts mehr in dem unbeschreiblich anheimelnden Zimmer. Der Doktor, der heute mit dem Abendzuge zurückkehren sollte, hatte keine Ahnung, daß er die Tante nicht mehr in der Stadt finden werde. Sie hatte ihm den Umzugstrubel ersparen wollen, und der Kommerzienrat war, wie sie dankbar sagte, so sehr zuvorkommend gewesen, ihr zu dem Zwecke das Haus _sofort_ zu übergeben.
Während dieser Mitteilungen glitt die Frau Diakonus immer noch ordnend, aber so geräuschlosen, behutsamen Trittes umher, als säße der Doktor bereits dort am Schreibtisch über seinem neuen Werke, zu dessen ungestörter Vollendung er sich eben »das Zimmer im Grünen« vorbehalten hatte. Und dann schloß sie ein Wandschränkchen neben dem Büchergestell auf und nahm einen Teller mit Prophetenkuchen heraus. Mit einer anmutigen Gebärde hielt sie dem jungen Mädchen das einfache Gebäck hin. »Es ist ganz frisch -- ich hab' es heute, trotz aller Umzugsarbeit, gebacken. Der Doktor braucht immer dergleichen für kleine widerhaarige Patienten ... Wein aber kann ich Ihnen nicht anbieten; die wenigen Flaschen, auf die wir halten, habe ich in der Stadt gelassen; sie gehören den Schwerkranken.«
Käthe dachte an die vielen Papiere in ihrem Geldschrank, die »bienenfleißig arbeiten«, um immer neue Geldströme aus der Welt herbeizuziehen, an den reichausgestatteten Weinkeller im Turm, an ihre übermütige cigarrenrauchende Schwester zwischen den purpurfarbenen Polstern des Ruhebettes -- welch ein ungeheurer Kontrast zu diesem einfachen Genügen und Entsagen! Das Herz ging ihr auf; sie erzählte von ihrer Pflegemutter und der weisen, festen und doch so wohlthuenden Art, wie sie wirke und andere beeinflusse, wie sie die fleißigen Hände rege und von der Pflegetochter dasselbe verlange.
»Was aber sagt die Frau Präsidentin zu diesem Erziehungssystem?« fragte die Tante fein lächelnd, während ihr Blick im geheimen Wohlgefallen an der blühenden Jugendgestalt hing.
»Ich weiß es nicht,« versetzte Käthe achselzuckend, mit mutwillig aufblitzenden Augen, »aber ich glaube, meine Bewegungen sind ihr zu rasch, meine Stimme klingt ihr zu laut, ich bin ihr zu robust und nicht blaß genug. Gott mag wissen, wie viel Not man mit mir hat! -- Ist dies das Portrait Ihrer Frau Schwester?« fragte sie plötzlich ablenkend und zeigte nach dem Oelbild einer hübschen Frau, das an der Wand lehnte.
Die alte Dame bejahte die Frage. »Es macht mir angst, bis ich es wieder an seinem sicheren Platz sehe; der Rahmen ist ein wenig hinfällig,« sagte sie. »Aber ich leide an Schwindel und darf mich nicht auf die Leiter wagen ... Vor einigen Wochen habe ich das Dienstmädchen abgeschafft,« -- eine zarte Röte stieg ihr in das Gesicht -- »und nun muß ich warten, bis die Aufwärterin kommt und mir die letzten Bilder und meine Bettgardine aufhängt.«
Schon bei den ersten Worten dieser Auseinandersetzung war Käthe an den Schreibtisch getreten; sie legte den Sonnenschirm auf die Platte desselben und steckte unbedenklich den kleinen Strauß von Weidenkätzchen und Leberblümchen in ein zierliches milchweißes Trinkglas, das neben dem Schreibzeuge stand. Dann zog sie mit einem kräftigen Rucke den Arbeitstisch tiefer in das Zimmer und stellte einen Rohrstuhl an die Wand. »Darf ich?« fragte sie zutraulich und griff nach Hammer und Nägeln, die auf dem Fenstersimse bereit lagen.
Dankbar lächelnd brachte die Tante das Bild herbei, und nach wenigen Augenblicken hing es an der Wand. Käthe bebte unwillkürlich zurück, als ihr die Dame nun auch Floras Photographie hinhielt. Sie sollte mit eigener Hand dem verratenen Manne das Bild vor die Augen führen, das schon nicht mehr sein Eigentum war -- binnen kurzem wurde es zurückgefordert, so gut wie der Ring, den er noch am Finger trug. Welche peinvolle Lage! Und jetzt ließ die Tante auch noch liebkosend die Hand über das Portrait hingleiten. »Sie ist so wunderschön,« sagte sie zärtlich. »Ich kenne sie im Grunde wenig; sie besucht mich sehr selten; wie könnte ich alte Frau denn auch verlangen, daß sie sich bei mir langweilen soll, aber ich habe sie doch von Herzen lieb; sie liebt ihn ja und wird ihn glücklich machen.«
Diese unbegreifliche Ahnungslosigkeit! Dem jungen Mädchen war es, als brenne der Stuhl unter ihren Füßen -- sie hatte zu kopflos gehandelt. Nach allem, was sie eben noch drüben im Turme mit angehört, durfte sie hier nicht eintreten. Sie kam sich falsch und heuchlerisch vor, weil sie nicht der Frau sofort das Bild aus der Hand stieß und ihr die Schlange enthüllte, die nach ihrem Herzen zischte. Und doch durfte ihr kein Wort entschlüpfen. Sie schlug so heftig auf den Nagel, daß die Wand dröhnte, dann hing sie mit spitzen Fingern die Photographie hin und sprang vom Stuhle. Wie ein schöner, böser, triumphierender Dämon lächelte das verführerische Gesicht der Schwester auf den Schreibtisch nieder.
Käthe griff nach ihrem Sonnenschirm, um schleunigst das Zimmer zu verlassen. Ueber die Schwelle schreitend, sah sie durch die nächste, weitoffene Thür direkt auf das Bett der alten Dame -- die Treppenleiter stand daneben. »Das hätte ich fast vergessen,« rief sie entschuldigend; sie huschte hinüber, und den buntgeblümten Vorhang vom Bette nehmend, stieg sie die Leiter hinauf. Seitwärts in der dunkeln Fensterecke stand sie so hoch oben, daß sie die herabhängenden Füßchen der Engelsgestalten in der Deckenverzierung berühren konnte. Mit fliegender Hast reihte sie die Ringe der Gardine auf das Eisengestell, während die Tante an dem mitten in ihrem Zimmer befindlichen Tische stand und ein Glas Wasser mit Himbeersaft »für ihre gütige Gehilfin« mischte.
Da sah Käthe draußen am Fenster einen Mann rasch vorübergehen, einen Mann von strenger Haltung und auffallend stattlicher Gestalt. Sie erkannte ihn sofort und erschrak; ehe sie sich aber klar wurde, ob sie bleiben oder schleunigst herabsteigen sollte, hatte er schon die Flur durchschritten und öffnete die Thür im Zimmer der Tante. Die alte Dame drehte sich um, und mit dem Ausrufe: »Ach, Leo, da bist du ja schon!« eilte sie auf ihn zu und schlang ihre Arme um seinen Hals. Vergessen war die Himbeerlimonade, vergessen »die gütige Gehilfin«, welche sie trinken sollte, und die sich nun in namenloser Verlegenheit halb und halb hinter dem Kattunvorhange zu verbergen suchte -- jetzt _mußte_ sie sich still verhalten, wenn sie nicht plump störend zwischen die Wiedersehensszene treten wollte.
Sie sah, wie sich das schöne bärtige Gesicht des Doktors liebevoll über die treue mütterliche Pflegerin neigte; wie er sie fest an sich zog und ihre Hand von seiner Schulter nahm, um sie ehrerbietig zu küssen. Und nun überblickten seine Augen das Zimmer.
»Nun, Leo, was sagst du, daß ich ohne dein Vorwissen ausgeflogen bin?« fragte die alte Dame, den Blick auffangend.
»Ich sollte das eigentlich nicht billigen. Du hast dir in den wenigen Tagen zu viel zugemutet, und wir wissen, daß dir häusliche Unruhe und Ueberstürzung stets feindlich sind; übrigens siehst du wohl und frisch aus.«
»Du aber nicht, Leo,« unterbrach ihn die Tante bekümmert. »Du hast nicht die kräftige Farbe wie sonst, und hier« -- sie strich leicht mit der Hand über seine Stirn -- »liegt etwas Fremdes, etwas wie ein finsterer, quälender Gedanke. Hast du Verdruß gehabt auf deiner Berufsreise?«
»Nein, Tante!« Das klang aufrichtig und beruhigend, aber auch kurz abbrechend -- der Kommerzienrat hatte es ja gesagt, Bruck sprach nie über seinen Beruf und dessen Vorkommnisse. »Wie mich dieses Zimmer anheimelt, trotz seiner verdunkelten Wände!« sagte er, und die Hände auf dem Rücken gekreuzt, wandelte er mit musterndem Blicke langsam um den Tisch. »Der Friede der selbstlosen Frauenseele weht einen an -- das ist's auch, weshalb ich so gern heimgehe in unser Stillleben mit den einfachen Möbeln und deinem geräuschlosen Walten, Tante. Ich werde viel hier sein --«
Die alte Frau lachte. »Ja, ja, bis zu einem gewissen Junitage,« versetzte sie schelmisch. »Zu Pfingsten wird deine Hochzeit sein.«
»Am zweiten Pfingsttage.« Wie seltsam er das aussprach, so kalt und fest, so unerbittlich -- der ließ sich nicht eine Sekunde von der festgesetzten Stunde abdingen. Käthe fühlte etwas wie einen Angstschauer. Sie hielt den Atem zurück; nun durfte sie sich gar nicht sehen lassen. Von Minute zu Minute hoffte sie, daß der Doktor in sein Zimmer gehen werde, dann konnte sie leicht ihren hohen Standpunkt verlassen und hinausschlüpfen, ohne ihm begegnen zu müssen. Ihre ganze Natur empörte sich gegen dieses unfreiwillige Lauschen. Aber statt zu gehen, blieb er plötzlich am Tische stehen und nahm einen Brief zur Hand, der zwischen verschiedenen noch nicht geordneten Bücherstößen lag.
Die Tante machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle sie ihn verhindern, zu lesen; ihr zartes Gesicht war sehr rot geworden. »Ach Gott, wie vergeßlich wird doch so ein alter Kopf!« klagte sie. »Der Brief wurde vor einigen Stunden aus der Stadt mitgebracht. Er ist vom Kaufmann Lenz; heute sollte er gar nicht in deine Hände kommen, und nun habe ich ihn doch liegen lassen. Ich glaube, er enthält das Honorar -- zu so ungewöhnlicher Zeit, Leo -- ich fürchte --«
Der Doktor hatte das Kouvert bereits erbrochen und überflog die Zeilen. »Ja, auch er lohnt mich ab,« sagte er ruhig und warf den Brief und etwas Papiergeld auf den Tisch. »Grämst du dich darüber, Tante?«
»Ich? Nicht einen Augenblick, Leo, wenn ich weiß, daß du dir die Undankbarkeit dieser urteilslosen Menschen nicht zu Herzen nimmst ... Ich glaube unerschütterlich an dich und deine Kunst und -- an deinen Stern,« sagte die sanfte Frauenstimme warm und überzeugungsfroh. »Die Steine, die Mißgeschick und Uebelwollen dir zeitweilig unter die Füße werfen, beirren mich nicht -- -- du machst deinen Weg.« Sie zeigte in die offene Thür des Eckzimmers. »Sieh dir dein Stübchen an! Wie ungestört und unbehelligt wirst du hier denken und arbeiten können! Ach, und wie freute ich mich auf die Zeit, die wir noch traulich zusammenleben werden, wo ich noch für dich sorgen darf --«
»Ja, Tante -- aber die Einschränkungen, die du infolge des mißlichen Umschwungs meiner Verhältnisse während der letzten Monate allmählich eingeführt hast, müssen aufhören. Ich leide nicht mehr, daß du stundenlang auf dem kalten Steinfußboden der Küche stehst. Wenn möglich, rufst du noch heute unsere alte Köchin zurück. Du kannst das unbesorgt.« Er griff in die Brusttasche, nahm eine schwere Börse heraus -- sie strotzte von Goldstücken -- und schüttete ihren Inhalt auf den Tisch.
Die alte Frau schlug stumm und in freudiger Ueberraschung die Hände zusammen über das rollende Gold auf ihrer einfachen Tischdecke.
»Es ist ein einziges Honorar, Tante,« sagte er mit hörbarer Genugthuung. »Die schwere Zeit ist vorüber.« Bei diesen Worten wandte er sich ab und trat auf die Schwelle des Eckzimmers.
Man sah, die Tante hatte manches auf dem Herzen, aber sie fragte mit keiner Silbe, welcher Kur und welchem Patienten er diese große Geldsumme verdanke.
Käthe benutzte den günstigen Moment, um die Leiter hinabzugleiten. Wie schlug ihr das Herz, wie brannten ihre Wangen vor Beschämung darüber, daß sie diese intimen Erörterungen mit angehört hatte! Dort die Thür führte direkt in die Flur. Da hinaus konnte sie unbemerkt entkommen; selbst die Tante Diakonus sollte glauben, sie habe längst das Schlafzimmer verlassen und kein Wort von allem gehört, was gesprochen worden. Verstohlen flog ihr Blick hinüber in das Eckzimmer, wo die beiden eben an den Schreibtisch traten. In diesem Augenblicke hörte sie den Doktor sagen: »Sieh da, die ersten Frühlingsblumen! Hast du gewußt, daß ich die hübschen blauen Blümchen so gern habe?«
Ein Ausruf des Staunens unterbrach ihn. »Ich nicht, Leo -- Käthchen, deine junge Schwägerin, hat die Blumen in das Glas gestellt ... Nein, bin ich zerstreut und vergeßlich!« Die alte Dame eilte herüber, aber schon drückte Käthe draußen die Thür hinter sich zu und schlüpfte durch die Flur ins Freie.
Nun ging sie langsam und beruhigt unter den Fenstern hin. Durch die nächsten schimmerten schwach die bunten Boukette der schief und unvollendet herabhängenden Bettgardine; dann kam sie zu den zwei Fenstern mit den hübschen Filetvorhängen im Zimmer der Tante. Ein Fensterflügel stand offen und der Hyazinthen- und Narzissenduft wehte heraus. Plötzlich schob eine schöne kräftige Männerhand ein weißes Glas mit blauen Blumen auf den Sims zwischen die Töpfe; es war ihr kleiner Frühlingsstrauß, den der Doktor von seinem Schreibtisch entfernte und hierher brachte.
Sie fuhr heftig zusammen. Flüchtig und unbedacht, wie sie war, hatte sie sich in ein sonderbares Licht gestellt. Daß sie die Blumen auf seinen Tisch gesetzt, mußte er offenbar für die Taktlosigkeit, die Zudringlichkeit eines unbesonnenen jungen Mädchens halten. Sofort blieb sie stehen und den feuchten Glanz unterdrückter Zornesthränen in den Augen, streckte sie die Hand zum Fenster empor -- diese Bewegung machte den Doktor aufsehen.
»Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mir die Blumen herauszugeben, Herr Doktor? Sie gehören mir; ich hatte sie für einen Moment aus der Hand gelegt und dann vergessen,« sagte sie, mühsam ihre Aufregung unter angenommener Ruhe verbergend.
Im ersten Moment schien es, als erschrecke er leicht beim Klange der Stimme, die ihn so unerwartet ansprach; es war ihm doch wohl unlieb, daß Käthe ihn beobachtet hatte, aber er unterdrückte augenblicklich die unangenehme Empfindung und sagte freundlich: »Ich werde Ihnen die Blumen bringen.« Diese tiefe gelassene Stimme entwaffnete sie sofort -- er hatte ihr _nicht_ wehe thun wollen.
Gleich darauf kam er die Stufen herab. Mit dem prächtig niederwallenden Bart, der breiten Brust und den gemessen edlen Bewegungen war und blieb er eine Gestalt, die man sich eigentlich nur in Uniform denken mochte, und wenn auch nur im grünen Weidmannsrock. Er reichte dem jungen Mädchen das Glas mit einer höflichen Verbeugung.
Sie nahm die Blumen heraus. »Es sind die ersten; kleine vorwitzige Dinger, die nicht schnell genug in die scharfe Aprilluft herauskommen können,« sagte sie lächelnd. »Man muß sich vielmal bücken und sie mühsam zusammensuchen, freut sich dann aber auch mehr daran als an einem ganzen Treibhaus voll Blumen.« -- Nun erst war sie beruhigt; nun glaubte er ganz gewiß nicht mehr, daß sie auf die neue Verwandtschaft hin seinen Schreibtisch plump vertraulich attackiert habe.
Jetzt erschien auch die Tante am offenen Fenster. Sie entschuldigte sich und bat das junge Mädchen in warmen Worten, recht oft zu kommen.
»Fräulein Käthe geht ja schon in wenigen Wochen nach Dresden zurück,« antwortete der Doktor fast hastig an Käthes Stelle.
Sie stutzte. Hatte er Furcht, sie werde bei ihren Besuchen mit der ahnungslosen alten Frau über sein seltsames Verlobungsverhältnis sprechen? Diese Annahme verdroß sie, aber er that ihr so leid um seiner inneren Leiden willen, die er so streng in seiner Brust verschloß. Und sie konnte ihn nicht einmal beruhigen.
»Ich werde länger bleiben, Herr Doktor,« versetzte sie ernst. »Ja, es ist leicht möglich, daß sich mein Aufenthalt in Moritzens Hause über viele Monate ausdehnt. Als Henriettens Arzt werden Sie ja am besten beurteilen können, wann ich meine kranke Schwester ohne Sorge verlassen und zu meinen Pflegeeltern zurückkehren kann.«
»Sie wollen Henriette pflegen?«
»Wie es sich von selbst versteht,« ergänzte sie. »Schlimm genug, daß ihre Pflege bis heute ausschließlich in fremden Händen gewesen ist. Die Arme verbringt ihre Nächte lieber hilflos, als daß sie sich entschließt, Beistand herbeizurufen, weil die sauren, mürrischen Mienen der verschlafenen Gesichter sie beleidigen, weil sie zu stolz und vielleicht auch zu krankhaft reizbar ist, um sich ihre Abhängigkeit von Untergebenen so fühlbar machen zu lassen. Das darf nicht mehr vorkommen -- ich bleibe bei ihr.«
»Sie denken sich die Aufgabe jedenfalls viel zu leicht -- Henriette ist sehr krank;« er strich sich mit der Hand so langsam über die Stirn, daß die Augen für einen Moment nicht sichtbar waren; »es werden schwere, bange Stunden zu überwinden sein.«
»Ich weiß es,« sagte sie leise, und tiefe Blässe deckte sekundenlang ihr Gesicht. »Aber ich habe Mut --«
»Daran zweifle ich nicht,« unterbrach er sie, »ich glaube ebenso an Ihre Geduld wie an Ihre ausdauernde Barmherzigkeit, aber es läßt sich nicht ermessen, bis zu welchem Zeitpunkt die Kranke -- keine Pflege mehr brauchen wird. Deshalb darf ich nicht zugeben, daß Sie die Sache so energisch in die Hand nehmen. Sie können es physisch nicht durchsetzen.«
»Ich?« Sie hob und streckte unwillkürlich ihre Arme und sah stolzlächelnd auf sie nieder. »Kommt Ihnen Ihre Befürchtung nicht selbst unmotiviert vor, wenn Sie mich ansehen, Herr Doktor?« fragte sie mit einem heiteren Aufblick. »Ich bin von derbem Schrot und Korn; ich bin nach meiner Großmutter Sommer geartet; die war ein Bauernkind, oder vielmehr ein Holzhackerstöchterlein, ist barfuß gelaufen und hat die Axt im Walde besser geschwungen als ihre Brüder -- ich weiß es von Suse.«
Er sah von ihr fort zum offenen Fenster hinüber; da stand die alte Frau Diakonus selbstvergessen hinter ihren Hyazinthen und Narzissen, und ihr Blick hing wie verzaubert an dem Mädchen. -- Sein Gesicht verfinsterte sich auffallend.
»Es handelt sich weniger um die Stahlkraft der Muskeln,« sagte er ausweichend. »Ein solches Pflegeramt mit seinen Aufregungen und Aengsten richtet sich feindlich gegen das Nervenleben -- übrigens,« unterbrach er sich, »steht es mir ja gar nicht zu, bestimmend auf Ihre Entschlüsse einzuwirken. Das ist Sache Ihres Vormundes. Moritz soll entscheiden; er wird voraussichtlich darauf bestehen, daß Sie zur festgesetzten Zeit in das Haus Ihrer Pflegeeltern zurückkehren.« Der Doktor sprach die letzten Worte, ganz gegen seine gewohnte Milde und Gelassenheit, ziemlich schroff.