Part 7
Jetzt mischte sich auch der Kommerzienrat in den Wortwechsel der erbitterten Schwestern. »Unmotiviert, Flora, weil er dir den Grund seiner Reise nicht des langen und breiten mitgeteilt hat?« rief er ärgerlich. »Bruck spricht nie über seinen Beruf und die damit verknüpften Vorkommnisse, das weißt du. Er ist ohne Zweifel an ein Krankenbett gerufen worden --«
»Nach L.....g, wo man berühmte Universitätsprofessoren haben kann? Ha, ha, ha! Eine kostbare Idee! Mache dich doch nicht lächerlich mit dergleichen Illusionen, Moritz! Uebrigens ist das ein Punkt, über den ich grundsätzlich nicht mehr mit euch streite -- basta!« Sie streckte ihre Rechte nach der Kaffeetasse aus und schlürfte den köstlich duftenden Trank. Henriette aber schob grollend die gebotene Labung zurück; sie stand auf und trat an die Glasthür, die auf die anstoßende Ruine hinausführte. Das Mauerstück war der Rest einer Kolonnade, die einst von dem ersten Stockwerk des Haupthauses in den Turm geführt hatte; die zwei schön gewölbten, auf schlanken Säulchen ruhenden Bögen bildeten jetzt eine Art Söller mit prachtvoller Fernsicht.
Henriette riß den Thürflügel auf, und die krampfhaft geballten Hände gegen die Brust drückend, sog sie angstvoll gierig die frische Luft ein, aber eine augenblickliche Erstickungsnot machte sich doch geltend. Käthe und der Kommerzienrat eilten, die Leidende zu unterstützen; auch Flora erhob sich. Sie warf unwillig die Cigarette in den Aschenbecher. »Nun werden wohl die harmlosen Dampfwölkchen schuld sein müssen an dem Anfall,« sagte sie geärgert, »aber ich weiß es besser. Du gehörtest von Rechts wegen ins Bett, Henriette, und nicht in die trockene Frühlingsluft hinaus, die für Leute deines Schlages wahres Gift ist -- ich habe dich gleich gewarnt, aber du hast ja nie Ohren für einen wohlgemeinten Rat und möchtest einem am liebsten weismachen, du strotzest von Gesundheit wie ein Posaunenengel. Ebenso obstinat bist du bezüglich der ärztlichen Hilfe --«
»Weil ich meine kranke Lunge nicht dem ersten besten Giftmischer anvertraue,« ergänzte Henriette in mattem, aber sehr entschiedenem Tone.
»O weh, das geht meinem armen alten Medizinalrate an die Ehre,« rief Flora lächelnd. Sie zog die Schulter empor. »Immerhin, Kind, wenn es dir Vergnügen macht! Ich kann ja _auch_ nicht wissen, wie er seine Mixturen mischt, so viel aber darf ich behaupten, daß er noch nie einem Patienten ungeschickterweise nahezu -- den Hals abgeschnitten hat.«
Der Kommerzienrat fuhr mit bleichem Gesichte herum und hob unwillkürlich die Hand, als wolle er sie auf den impertinenten, lästernden Frauenmund pressen; er schien sprachlos -- sein Blick streifte scheu Käthens Gesicht.
»Du Herzlose!« stieß Henriette hervor.
»Herzlos bin ich nicht, aber unerschrocken genug, böse Dinge beim Namen zu nennen, selbst wenn die harten Worte auf eigene Wunden zurückschlagen sollten. Wo bliebe dann auch das Verdienst der strengen Wahrhaftigkeit? ... Denke an jenen schlimmen Abend und frage dich, wer recht behalten hat! Ich wußte, daß ein tiefer Sturz aus den Höhen fälschlich erträumter Berühmtheit erfolgen mußte -- er ist erfolgt, zermalmender, rettungsloser als ich selbst gefürchtet, oder wollt ihr auch die einstimmige Verurteilung von seiten des Publikums wegdisputieren? Daß ich aber nicht mit stürzen will, wird jeder begreifen, der mich kennt ... Ich kann nicht beschönigen und vertuschen, wie es z. B. die Großmama aus dem Fundament versteht; ich will es auch gar nicht. Keine Rolle ist lächerlicher als die jener ahnungslosen Frauenseelen, die da noch öffentlich anbeten, wo, wie die Welt sich zuzischelt, längst nichts mehr zu verehren ist.«
Sie schlug auch den anderen Thürflügel zurück und trat hinaus auf den Söller. Sie hatte in leidenschaftlicher Steigerung gesprochen; der bleiche Marmorton ihres vom blauen Frühlingshimmel sich scharf abhebenden Römergesichts belebte sich unheimlich; mit den flimmernden Augen voll abweisender Verachtung, mit den nervös bebenden Nasenflügeln war sie die personifizierte brennende Ungeduld.
»Uebrigens hat es ja in seiner Hand gelegen, mich zu bekehren -- _wie_ hätte ich ihn dann verteidigen wollen mit Mund und Feder!« fuhr sie fort, während sich ihre feinen Finger in das rasselnde Geflecht verdorrter Schlingpflanzen verstrickten. »Aber er hat es vorgezogen, auf meine erste und einzige dahin zielende Frage stolz wie ein Spanier mit einem Eisesblicke zu antworten --«
»Diese Antwort sollte dir genug sein --«
»Ganz und gar nicht, mein lieber Moritz; ich finde sie sehr bequem und wohlfeil, und in Bezug auf sprechende Blicke und Gesten bin ich skeptisch -- ich verlange mehr ... Aber ich will dir zeigen, daß mir der gute Wille nicht fehlt, indem ich dir hiermit noch einmal wiederhole, was ich gleich zu Anfang verlangt habe: _Beweise_ mir und der Welt, daß er seine Schuldigkeit gethan hat, denn du warst Zeuge!«
Er trat rasch von der Thürschwelle zurück und legte die Hand schützend über die Augen -- das Sonnenlicht, das den Balkon grell überströmte, belästigte ihn unerträglich. »Du weißt allzu gut, daß ich das nicht in der Weise kann, wie du es forderst -- ich bin kein Mediziner,« versetzte er mit tief herabgedrückter Stimme; sie verlor sich fast in einer Art von Murmeln.
»Kein Wort mehr, Moritz!« rief Henriette. An ihrem Körper bebte jede Fiber. »Mit jedem Verteidigungsversuch gibst du zu, daß diese edle Braut einen Anschein von Berechtigung für sich hat, feig und wankelmütig zu sein.« Ihre großen Augen, in denen das innere Fieber aufglühte, richteten sich haßerfüllt auf das schöne Gesicht der Schwester. »Im Grunde kann man nur wünschen, daß deine grausamen Manöver möglichst rasch zum Ziele führen möchten, das heißt -- sei es endlich einmal in dürren Worten ausgesprochen -- daß er infolge deiner sichtlichen Entfremdung freiwillig das Verhältnis lösen hilft; denn er verliert wahrlich nichts an deiner kalten Seele, die sich nur an äußere Erfolge klammert, aber er liebt dich und wird weit eher mit vollem Bewußtsein in eine unglückliche Ehe gehen, als sich von dir trennen -- das beweist sein ganzes Verhalten --«
»Leider,« warf Flora über die Schulter herüber ein.
»Und aus dem Grunde werde ich zu ihm stehen und deine Machinationen vereiteln, wo ich kann,« vollendete Henriette mit zuckenden Lippen und gesteigerter Stimme.
Der mitleidige Seitenblick, mit welchem Flora das tief erregte gebrechliche Mädchen langsam maß, funkelte förmlich in grausamem Spott, aber es war auch, als käme ihr bei dieser Musterung eine überraschende Erkenntnis; sie legte plötzlich den rechten Arm um Henriettens Schulter, zog die Widerstrebende an sich heran und flüsterte ihr mit einem sardonischen Lächeln ins Ohr: »Beglücke _du_ ihn doch, Kleine! Ich werde ganz gewiß keinen Einspruch erheben -- davor bist du sicher.«
Bis zu welchem frevelhaften Uebermute konnte sich doch solch eine eitle Frauenseele versteigen, die sich gefeiert und heiß begehrt wußte! Käthe stand nahe genug, um das Gezischel zu verstehen, und so passiv sie sich auch bisher verhalten, jetzt sprühte ein ehrlicher Zorn aus ihren Augen.
Flora fing den Blick auf. »Schau, was das Mädchen für Augen machen kann! Verstehst du denn keinen Spaß, Käthe?« sagte sie halb amüsiert, halb betroffen. »Ich thue deinem verhätschelten Pflegling nichts, obschon ich das gute Recht hätte, Henriettens kleine Bosheiten endlich einmal derb abzufertigen ... Diese zwei Menschen,« sie zeigte auf den Kommerzienrat und Henriette, »bilden sich ein, über meine Sitten wachen zu müssen, und du, Jüngstes, eben aus dem Pensionsnest geschlüpft, Häkel- und Stricktouren und ein paar französische Brocken im Kopfe, hältst sofort zu ihnen und machst Front gegen mich -- Närrchen, meinst du wirklich ein Urteil über deine Schwester Flora zu haben?« Sie lachte belustigt auf und streckte die Hand gegen einen der Nußbäume aus, von welchen eben eine Taube emporflog; der blendendweiße Vogel stieg hoch in den flimmernden Himmel hinein. »Siehst du, Kleine, eben noch hockte sie neben den anderen auf dem Aste dort, und die anderen waren ihresgleichen -- und jetzt werfen ihre ausgebreiteten Flügel förmlich Silberfunken, und in der einsamen blauen Höhe wird sie eine selbständige stolze Erscheinung für die Menschenaugen drunten. Vielleicht lernst du dermaleinst verstehen, auf welche feurige, dürstende Menschenseele das Bild paßt. Apropos, Moritz,« unterbrach sie sich lebhaft und winkte den Kommerzienrat zu sich heraus auf den Söller, »dort hinter dem Gehölze muß ja wohl Brucks Acquisition, das alte Wirtschaftsgebäude, liegen -- ich sehe starken Rauch über den Bäumen --«
»Aus dem einfachen Grunde, weil Feuer auf dem Herde brennt,« versetzte lächelnd der Kommerzienrat; »die Tante Diakonus zieht seit gestern ein.«
»In das verwahrloste Nest, wie es ist?«
»Wie es ist. Uebrigens war der Schloßmüller ein viel zu guter Wirt, um seine Gebäulichkeiten verfallen zu lassen; in dem Hause fehlt kein Nagel, kein Ziegel auf dem Dache.«
»Nun, Glück zu! Im Grunde ist die Sache so übel nicht. Die vorweltlichen Ausstattungsmöbel der Tante und das Bild des seligen Diakonus passen an die Wände; Platz genug für die Einmachbüchsen, und das Backobst wird ja auch da sein, und das Scheuerwasser fließt direkt und unerschöpflich am Hause vorbei.« Sie affektierte einen leichten Nervenschauer und nahm wie unwillkürlich den reich garnierten Kleidersaum auf, als fühle sie sich plötzlich auf einen frisch gescheuerten Dielenboden versetzt. »Es wird gut sein, die Thüren zu schließen,« sagte sie rasch in das Zimmer zurücktretend; »der Wind trägt den Rauch und Dampf herüber. Puh!« -- ihre feinen Nasenflügel vibrierten, sie fuhr mit dem Taschentuche durch die Luft -- »ich glaube wahrhaftig, die gute Frau backt ihre unvermeidlichen Pfannkuchen noch ehe sie einen Stuhl zum Niedersitzen im Hause hat -- sie kann nun einmal das Schmoren und Backen nicht lassen.« Damit schlug sie die Thürflügel zusammen.
Währenddem hatte Henriette still das Zimmer verlassen. Bei Floras Geflüster war sie in jähem Aufschrecken emporgefahren wie jemand, der sich, plötzlich erwachend, vor einem tiefen Abgrunde findet. Seitdem hatte sie kein Wort mehr gesprochen, und nun war sie hinaufgestiegen in das oberste Gelaß des Turmes, wo die Tauben und Dohlen nisteten. Käthe griff nach ihrem Sonnenschirme -- sie wußte, daß die Kranke stets allein sein wollte, wenn sie sich stillschweigend aus dem Kreise der anderen entfernte -- das Turmzimmer aber mit den dicken Wänden, der erdrückenden Pracht und der gebieterisch auf und ab rauschenden, kapriziösen Schwester erschien ihr beklemmend unheimlich; war es doch, als fliege der Zündstoff zu Streit und Reibereien unausgesetzt durch die Luft, in der Flora atmete. Das junge Mädchen beschloß deshalb, rasch einen Gang zu Suse zu machen.
»Nun meinetwegen, da gehe in deine Mühle,« rief der Kommerzienrat ärgerlich, nachdem er vergeblich versucht hatte, sie zurückzuhalten, »aber erst sieh hierher!« Er zog seitwärts an einem schweren Gobelinbehange -- dahinter, in einer tiefen Mauernische, stand ein neuer Geldschrank. »Der gehört dir, du Gebenedeite; das ist dein ‚Bäumlein rüttle dich, wirf Gold und Silber über mich!‘« sagte er, und seine Hand glitt förmlich liebkosend über das kalte Metall. »Alles, was dein Großvater an Haus und Hof, an Wald und Feld besessen hat, da drin liegt es, in Papier verwandelt. Diese Papiere arbeiten bienenfleißig Tag und Nacht für dich. Sie ziehen unglaubliche Geldströme aus der Welt in diesen stillen Winkel ... Der Schloßmüller hat seine Zeit wohl begriffen -- das beweist sein Testament; aber wie fabelhaft seine Hinterlassenschaft in der Form anwachsen wird, das hat er schwerlich geahnt.«
»Sonach bist du auf dem Wege, die erste Partie im Lande zu werden, Käthe -- kannst wie im Märchen zu deinem Hochzeitsmahl den Speisesaal mit harten Thalern pflastern lassen,« rief Flora herüber; sie lehnte wieder zwischen den Polstern des Ruhebettes und hatte ein Buch in die Hand genommen. »Schade um das Geld! Schau, du mußt nicht böse sein, Kind, aber ich fürchte, du bist moralisch allzuviel gedrillt worden, um mit Geist deinen Goldregen vor der Welt funkeln zu lassen.«
»Das wollen wir abwarten,« lachte das junge Mädchen. »Einstweilen habe ich noch kein Recht, eigenmächtig auch nur einen Thaler da herauszunehmen,« sie zeigte auf den Schrank; »aber in Bezug auf die Schloßmühle möchte ich, wenn auch nur für einen Tag, majorenn sein, Moritz!«
»Ist sie dir unbequem, schöne Müllerin?«
»Meine Mühle? So wenig unbequem wie mein junges Leben, Moritz! Aber ich war gestern im Mühlengarten -- er ist so groß, daß Franz die an die Chaussee stoßende Hälfte aus Mangel an Zeit und pflegenden Händen vernachlässigen muß. Er will dir den Vorschlag machen, das Stück zu verkaufen; es gäbe prächtige Bauplätze zu Villen und würde gut bezahlt werden, meint er, ich aber finde, daß die Landhäuser ganz gut auch wo anders stehen können, und möchte das Grundstück lieber deinen Leuten geben, die gern in der Nähe der Spinnerei bauen wollen.«
»Ach -- verschenken, Käthe?«
»Fällt mir nicht ein. Du brauchst gar nicht so spöttisch mitleidig zu lächeln, Moritz! Ich werde mich wohl in der Villa Baumgarten mit ‚Sentimentalität und Ueberspanntheit‘ blamieren! ... Uebrigens wollen ja die Leute auch gar kein Geschenk oder Almosen, wie Doktor Bruck sagt --«
»Ei, ‚wie Doktor Bruck sagt‘? Ist der auch schon _dein_ Orakel?« rief Flora, aus den Kissen emporschnellend -- sie fixierte über das Buch hinweg scharf, mit einem rätselhaft wechselnden Ausdrucke das Gesicht der Schwester; es errötete allerdings für einen Augenblick tiefer, aber die Augen erwiderten den blinzelnden Blick fest, mit kaltem Ernste. »Ich weiß auch, welchen Wert das Selbsterworbene hat -- was ich mir selbst erringen kann, ziehe ich dem bestgemeinten Geschenke weit vor,« fuhr sie fort, ohne auf Floras Einwurf zu antworten; »und schon aus dem Grunde sollen die Leute zahlen, genau das zahlen, was sie für deinen Grund und Boden geben wollten.«
»Da machst du ja brillante Geschäfte, Käthe,« lachte der Kommerzienrat. »Mein steriles Stück Uferland wäre schon mit der Summe, die darauf geboten worden ist, schlecht genug bezahlt gewesen -- nun gar der prächtige Gartenboden neben der Mühle! ... Nein, Kind, so gern ich auch möchte -- mein vormundschaftliches Gewissen gestattet mir nicht, dich auch nur für eine Stunde majorenn sein zu lassen.«
»Nun, da mögen sich die Baulustigen einstweilen behelfen, wie sie können,« sagte sie weder überrascht, noch ärgerlich. »Ich weiß, ich werde in drei Jahren darüber noch genau so denken wie heute, dann aber kann es sich schon ereignen, daß ich auch noch den dummen Streich mache, den Leuten das Baugeld ohne Prozente vorzustrecken.«
Sie grüßte ruhig lächelnd und ging hinaus.
7.
Langsam stieg sie die gewundene Treppe hinab, die zur oberen Hälfte das Mauerwerk so schmal durchschnitt, daß sich wohl nur der Schemen der wandelnden Ahnfrau an dem Herabsteigenden vorbeizudrücken vermochte ... Die arme Ahnfrau, hier hatte sie nichts mehr zu suchen, hier war sie verscheucht, und wenn auch der neugebackene Edelmann sie kraft seiner Besitzrechte reklamierte, wenn er auch, um der Auszeichnung willen, daß die gespenstische weiße Frau sich um sein Wohl und Wehe kümmere, noch einmal so tief in seinen strotzenden Geldsäckel griff, als ihm bereits der Adel gekostet. Drunten hing es an den Wänden, das Rüstzeug ihres ritterlichen Geschlechts, die Waffen, mit denen die alten Recken um Ehre und Schande, um Gut und Blut gekämpft; die hatte sie allnächtlich mit vorübergleitenden Händen gefeit und doppelt gesegnet, je mehr Beulen und Scharten und unheimliche dunkle Flecken feindlichen Blutes sie aufwiesen. Jetzt funkelten und gleißten sie feiernd am Nagel, und das Rüstzeug des neuen Geschlechts im alten Turme waren -- die modernen Geldschränke.
Ja, das seltsam fremdartige Element, das drüben in der Villa durch alle intimen Familiengespräche zitterte -- das Geldfieber, der Spekulationsgeist -- es war auch hierher in das ernsthaft kopierte Ritterwesen verschleppt worden. Es wehte in der Luft; es schlich treppab, treppauf, und dort die mächtigen Jahrhunderte alten Humpen auf den Kredenztischen der Halle, sie waren Ironie in den weichen Händen der Kouponschneider, wie die riesenhaften, neuaufgefrischten Riegel und Vorlegeschlösser in grotesker Lächerlichkeit die eiserne Kellerthür bedeckten -- sie hüteten die Champagnerflaschen des Kommerzienrats, während droben Tausende hinter kaum erkennbarem, zierlichem Verschlusse lagen. Das historische Pulver aus dem Dreißigjährigen Kriege lag auch noch drunten, lediglich um deswillen von seiten des Kommerzienrats geduldet, wie Henriette boshaft behauptete, um wißbegierige Besucher nebenbei auch die kostbaren Weinsorten im kühlen trockenen Turmkeller sehen zu lassen ... Und das war's, was Käthe den alten Heimatboden, auf welchem ihre Kindheit sich abgespielt, fast unkenntlich machte, dieses Sichsehenlassen, dieses Berechnen des Effektes nach außen in kostspieligen Neuerungen, das fieberhafte Streben, die Welt auch wissen zu lassen, daß das Postament, welches man erklommen, ein goldenes sei -- das alles schlug den Geist der ehemaligen alten Firma Mangold geradezu in das Gesicht; sie hatte nie ihren gediegenen Wohlstand als »blendenden Goldregen« aus den altfränkischen Truhen aufsteigen lassen; ebenso wenig durfte zu Bankier Mangolds Lebzeiten die Geldmacht im Familienkreise dominieren; ein so pünktlicher Chef er auch in seinem Comptoir gewesen, nie war ihm daheim ein Wort über Geldgeschäfte entschlüpft. Und jetzt! Selbst die Präsidentin spekulierte; sie hatte ihr kleines Vermögen von wenigen Tausenden auch in das große Glücksrad geworfen, das heißt in Aktien angelegt, und fast unheimlich sah es aus, wenn das Gesicht der sonst so kühl empfindenden Frau bei den immer wiederkehrenden Geldgesprächen vor aufgestörter innerer Leidenschaft rot bis über die Schläfe wurde ...
Käthe verließ den Turm und betrat die Brücke. Sie bog sich einen Augenblick über das Geländer und sah forschend in die Wasserflut, als müßten die alten Bekannten, die Zwergobstbäumchen und Beerensträucher, noch an ihren Plätzen stehen, aber sie blickte nur in ihr eigenes Gesicht mit dem Diadem der dicken braunen Flechte über der Stirn -- dieses Mädchen hatte die wundersame Eigenschaft, der Goldfisch der Familie zu sein; das wurde ihr täglich gesagt, als solcher wurde sie respektiert und ausgezeichnet; man suchte ihr begreiflich zu machen, daß sie eben als solcher die braunen Flechten nicht selber ordnen dürfe, daß eine Kammerjungfer nunmehr unumgänglich nötig sei, aber sie hatte sich ernstlich und energisch der Frau Präsidentin gegenüber verwahrt; sie gab ihren Kopf nicht in dergleichen künstlerische Hände -- im Frisiermantel stundenlang steif und feierlich wie ein Götzenbild zu sitzen, das brachte sie in ihrem ganzen Leben nicht fertig ... O ja, es war und blieb »über die Maßen hübsch«, reich zu sein, nur durfte der Reichtum nicht unfrei machen; er durfte dem raschen, warmblütigen Menschenkind die regen Hände nicht binden wollen.
Sie hatte die zierlichen Anlagen von der Ruine verlassen und schritt auf dem wenig gepflegten Wege neben dem weidenbesetzten Flußufer. Noch den Hauch scharfer Winterkälte im Atmen und den geschmolzenen Schnee aus den Bergen mit sich schleppend, schossen die Wassermassen lehmfarben neben ihr hin, aber die Elritzen zuckten frühlingslebendig und blank wie Silberstäbchen durch die trübe Flut; an den Weidengerten saßen die weichflaumigen Blütenkätzchen, und unter dem schützenden Laubgebüsch hatte das Leberkraut den ganzen zarten Schmelz seiner himmelblauen Blumen ausgebreitet -- die gaben schon einen Frühlingsstrauß.
Die Blumen in der Hand, wandelte sie langsam weiter bis zu der alten Holzbrücke ... Dort streckte sich Susens Bleichplatz, die mit Obstbäumen bestandene Rasenfläche hin. Der Kommerzienrat hatte recht gehabt, in dem niedrigen Holzgitter, das den Garten umfriedigte, fehlte kein Stab, und an dem Hause kein Ziegel, kein Brett, auch nicht die kleinste Latte des Weinspaliers ... Und es war doch ein hübsches, altes Haus, die verlästerte Baracke! Es lag so geborgen hinter dem rauschenden Flusse, und der Laubwald im Hintergrunde, der sogenannte Stadtforst, der ziemlich nahe an das Holzgitter heranrückte, gab ihm den anmutig einsamen Charakter einer Försterei. Niedrig war es allerdings; es hatte nur eine Fensterreihe -- direkt darüber erhob sich das Dach mit den vergoldeten Windfahnen und den massiven Schlöten, von denen der eine in der That rauchte -- nie gesehene Erscheinung! In dem Hause hatte seit langen Zeiten kein Feuer in Herd und Ofen, kein Licht auf dem Tische gebrannt. Zu des Schloßmüllers Lebzeiten war jahraus, jahrein Getreide in den Stuben aufgeschüttet worden, die Jalousien hatten wie festgemauert vor den Fenstern gelegen, und nur alljährlich bei der Obsternte hatte die streng verschlossene Hausthür tagsüber offen gestanden. Da war dann auch die kleine Käthe hineingeschlüpft in die sogenannte Obstkammer, die neben der Küche gelegene weißgetünchte Stube mit dem großen grünen Ofen, und hatte sich das Schürzchen mit Birnen und Aepfeln gefüllt ... Heute nun waren die Läden nur zurückgeschlagen, und das junge Mädchen sah zum erstenmal Glasscheiben blinken in den großen, von Steinrahmen umfaßten Fenstern. Das war nun Doktor Brucks Haus.
Ohne zu wissen wie, hatte sie die Brücke überschritten und umging das Gebäude von drei Seiten. Das Herz klopfte ihr ein wenig. Sie hatte kein Recht mehr, sich hier bemerklich zu machen, aber ihre Fußtritte verhallten auf dem weichen Grasboden; dazu toste der angeschwollene Fluß stark herüber, und auf dem Dache lärmten die Spatzen. Einzelne Fensterflügel standen offen; sie sah Ampeln mit grünem Schlingpflanzenbehang an den stuckverzierten Zimmerdecken schweben und blankes Kupfergeschirr auf der Küchenwand glänzen; auch zartes Vogelgezwitscher klang heraus und mischte sich mit dem zänkischen Geschrei der Sperlinge, aber kein Geräusch menschlichen Lebens und Treibens war zu hören ... Nun bog sie zuversichtlicher um die westliche Hausecke und wollte die Hauptfronte entlang gehen, da schrak sie zusammen.
In der Flügelthür, welche die Fassade in zwei gleiche Hälften teilte, und von der die Steintreppe fast vornehm breit auf den Rasenplatz herabstieg, stand eine Frau, eine feine, schlanke, fast mädchenhaft zierliche Erscheinung. Sie hatte einen Tisch neben sich stehen, aus welchem Bücher und Bilder aufgehäuft lagen, und war mit Abstäuben derselben beschäftigt. Befremdet sah sie auf die unsicher Näherkommende und ließ unwillkürlich das Bild sinken, das sie eben mit dem Staubtuche säuberte -- es war Floras Photographie in Ovalrahmen.
Das konnte doch unmöglich die Tante Diakonus sein! Nach Floras eben gehörter, mit beißender Ironie getränkter Schilderung hatte sich Käthe ein kleines, gebücktes, wenn auch immer noch rasches Hausmütterchen mit küchengeschwärzten Händen gedacht, das, zwischen Pfannen und Töpfen und Einmachbüchsen grau geworden, nichts Lieberes that, als Pfannkuchen backen -- das Bild war unvereinbar mit dieser Dame, deren kleines, allerdings ältliches Gesicht so zartbleich und edel, mit so milden, sprechenden Augen aus dem weißen Spitzentuche sah, welches sie über das noch sehr reiche, aschblonde Haar geknüpft hatte.
Käthe wurde immer befangener und stammelte, an den Fuß der Treppe tretend, eine herkömmliche Entschuldigung. »Ich habe als Kind hier gespielt, und bin vor einigen Tagen aus Dresden zurückgekehrt und -- das ist meine Schwester,« setzte sie, auf das Bild zeigend, hastig hinzu, und dann brach sie in ein frisches, helles Lachen aus und schüttelte den Kopf über sich selbst und die naive, ungeschickte Art der Einführung, zu der sie in ihrer Verlegenheit gegriffen.