Part 4
»O, die kann ich niemals herauskehren, wenn es dergleichen Wünsche gilt -- ich kenne mich schon,« versetzte sie fast kleinlaut. »Darin bin ich entsetzlich feig.« Der Kontrast zwischen diesem aufrichtigen Bekenntnis und der äußeren gebietenden Erscheinung der jungen Dame war so groß, daß es in der That eines scharfen Blickes in ihre rehbraunen Augen bedurfte, um sich zu überzeugen, daß sie vollkommen wahr spreche. Sie hatte ein nicht sehr großes, aber schön geschnittenes klares Auge mit einem kühlen Blick; er harmonierte mit der unbefangenen Sicherheit ihres ganzen Wesens. Wie ruhig und praktisch traf sie die Anstalten zur Aufnahme der Kranken! Das Sofa wurde als Bett eingerichtet, der plumpe, mit Leder bezogene Lehnstuhl des Schloßmüllers aus der Fensterecke tiefer in das Zimmer gerückt, damit kein Zuglüftchen die Patientin streife; sie holte einen kleinen Tisch aus dem Alkoven und die weißgescheuerte Fußbank unter dem hochbeinigen Kanapee hervor -- das geschah so unbefangen und selbstverständlich, als sei sie nie von der Mühle fort gewesen. Sie war aber auch so vertieft in ihre augenblickliche Aufgabe, daß man meinen konnte, sie habe die Anwesenheit des Mannes dort im südlichen Eckfenster ganz vergessen. Nur als sie die obere Schublade der Kommode aufzog und ein weißes Tuch mit rot eingewirkter Kante herausnahm, um es über das Tischchen vor dem Lehnstuhle zu breiten, wandte sie das Gesicht nach ihm und sagte: »Es ist etwas Schönes um diese altbürgerliche Ordnung -- alles steht und liegt am altgewohnten Orte. So ist es gewesen, ehe ich geboren wurde, und während meiner sechsjährigen Abwesenheit sind die Einrichtungsgesetze unverrückt geblieben -- man ist sofort wieder heimisch.« Sie zeigte auf den Spiegel über der Kommode. »Da hinter dem Rahmen guckt die Ecke des Hauskalenders hervor, in den der Großpapa seine Notizen schrieb, und darüber steckt noch die Rute mit dem verblichenen Bande, die schon der Schrecken meiner Mutter gewesen ist.«
»Auch der Ihrige?«
»Nein, mich kleines Ding beachtete der Großpapa nicht genug, um sich mit meiner Besserung zu befassen.« Sie sagte das durchaus nicht bitter; eher mit einer Art lächelnder Resignation. Dabei wischte sie den leichten Staubanhauch, der sich während Suses Kranksein abgelagert hatte, von den Möbeln und schloß auch die anderen Fenster. »Hier auf dem Steinsims müssen notwendig Blumen stehen; ihr Duft soll meine arme Suse erquicken. Ich werde Schwager Moritz um einige Hyazinthen- und Veilchentöpfe aus dem Wintergarten bitten --«
»Da werden Sie sich an die Frau Präsidentin Urach wenden müssen; sie hat einzig und allein über den Wintergarten zu verfügen; er gehört zu ihrer Wohnung.«
Das junge Mädchen sah ihn groß an. »So streng ist die Etikette da drüben? Zu Papas Lebzeiten war der Wintergarten Gemeingut der Familie.« -- Sie zuckte die Achseln. -- »Damals freilich war die vornehme Schwiegermutter meines Vaters nur dann und wann Gast in der Villa.« Ihre klangreiche Stimme verschärfte sich ein wenig bei diesen Worten, aber sie warf gleich darauf den Kopf in den Nacken, als könne sie damit eine augenblickliche unangenehme Empfindung abschütteln, und setzte heiter hinzu: »Nun, dann um so besser, daß ich zuerst in die Mühle ging, um mich zu akklimatisieren!«
Er verließ die Fensternische und trat zu ihr. »Ob man Ihnen aber drüben nicht sehr verargen wird, daß Sie sich nicht sogleich in den Schutz der Familie begeben haben?« fragte er mit jenem Anteile, der zart einen Rat, einen Wink zu geben versucht, ohne zudringlich zu werden.
»Dazu hat man doch wohl nicht das Recht,« versetzte sie rasch und lebhaft, während der leuchtende Karmin auf ihren Wangen sich verdunkelte. »Dieses ‚Drüben‘ ist für mich gleichbedeutend mit der Fremde, in der ich den Familienschutz, wie Sie ihn nennen -- nämlich das Gefühl der Zusammengehörigkeit -- nicht voraussetzen kann, auch nicht bei den Schwestern. Wir kennen uns gar nicht näher; nicht einmal das dürftige Band eines Briefwechsels existiert zwischen uns -- ich habe nur mit Moritz korrespondiert. Als Papa noch lebte, wurde Henriette bei ihrer Großmama erzogen. Wir sahen uns äußerst selten und auch dann nur unter der Aufsicht der Frau Präsidentin. Meine Schwester, die Kommerzienrat Römer, wohnte in der Stadt und starb auch sehr frühe. Und Flora? Sie war sehr schön und sehr gescheit; sie war eine hochgefeierte junge Dame und machte bereits die Honneurs in unserm Hause, als ich noch tief in den Kinderschuhen steckte. Flora muß großartig beanlagt gewesen sein, weil man sich stets so namenlos bedrückt und eingeschüchtert in ihrer Nähe fühlte. Ich habe nie gewagt, sie anzureden oder auch nur ihre wunderschönen Hände zu berühren, und noch heute fühle ich, daß es sehr unbescheiden von mir sein würde, wollte ich den Umgangston zwischen ihr und mir beanspruchen, wie er sonst zwischen Schwestern üblich ist.«
Sie unterbrach sich und sah ihm erwartungsvoll in das Gesicht, aber sein weggewendeter Blick schweifte über die Gegend draußen. Er ermutigte sie mit keiner Silbe -- hatte er doch auch um das seltene Mädchen dienen müssen, wie Jakob um die Rahel. Möglicherweise war er nicht einmal duldsam gegen die Schwesterliebe in dem Herzen, das sich ihm endlich zugeneigt ... Bei aller Milde und sanften Schlichtheit, die er wohl infolge seines ärztlichen Berufes äußerlich angenommen, sah er doch aus, als könne er auch sehr ernstlich und entschieden auf seinem Rechte bestehen.
»Wie die Sachen stehen -- die Villa ist ja nicht mehr mein Vaterhaus -- kann ich dort nur als Gast, als Besuch gelten, wie jeder andere auch,« hob sie nach einer augenblicklichen Pause wieder an. »Hier in der Mühle stehe ich auf _meinem_ eigenen Grund und Boden; da ist Heimatluft und Heimgefühl, und das alte Schieferdach droben und Franz und Suse werden mich und meine unmündigen achtzehn Jahre wohl ebenso treu beschirmen, wie es die Villa mit ihrer strengen Etikette nur immer vermag.« Ein mutwilliges Lächeln schwebte um ihren Mund. »Uebrigens wird man über diesen ‚Formfehler‘ rascher hinweggehen, als Sie denken, Herr Doktor -- man kann es von ‚der Müllermaus‘ nicht besser erwarten.«
Der Schmeichelname, mit welchem der Papa sie einst genannt, konnte nun allerdings nicht mehr gelten: Huschen und Schlüpfen und unversehens in einem Verstecke verschwinden -- dieses Gesamtbild von zarter Gliedergeschmeidigkeit und furchtsamer Seele paßte nicht zu dem Mädchen, das der Welt den fleckenlos weißen Schild der Stirn so ruhig zukehrte, das seine kraftvollen, plastisch ausgeprägten Glieder bei aller jugendfrischen Regsamkeit dennoch mit einer Art von stiller Würde beherrschte.
Allmählich kam eine behagliche Wärme vom Ofen her; Käthe zog einen Flakon aus der Tasche und goß einige Tropfen Eau de Cologne auf die heiße Eisenplatte; ein lieblicher, luftreinigender Duft verbreitete sich. »Suse wird ganz feierlich zu Mute sein, wenn sie herüber kommt,« sagte sie heiter und ließ ihre Augen noch einmal musternd durch die Stube gleiten; es war alles in Ordnung; nur die Alkoventhür stand noch offen, und durch den breiten Spalt sah man gerade auf die bunten Nelkensträuße der Bettstelle, die drinnen in der Nähe des Fensters stand. Jetzt erst fiel der Blick des jungen Mädchens auf die plumpen wohlbekannten Blumengebilde, die einst das Entzücken ihrer Kinderseele gewesen waren -- die ganze Rosenfrische wich plötzlich von ihren Wangen, selbst ihr roter Mund war blaß geworden.
»Dort ist mein Großpapa gestorben,« flüsterte sie ergriffen.
Doktor Bruck schüttelte den Kopf und zeigte schweigend nach dem südlichen Eckfenster.
»Sie waren bei ihm?« fragte sie hastig und trat ihm näher.
»Ja.«
»Er ist so plötzlich gestorben, und Moritz hat mir den Trauerfall in so wenig eingehender Weise angezeigt, daß ich nicht einmal weiß, was die Ursache seines Todes gewesen ist.«
Der Doktor stand so, daß sie nur sein Profil sehen konnte; er war sehr bärtig um Kinn und Lippen; dennoch konnte sie bemerken, wie sich diese Lippen fest aufeinander legten, als werde es ihnen schwer, zu antworten. Nach einem augenblicklichen Schweigen wandte er ihr langsam und voll das Gesicht zu und sah sie ernst an. »Man wird Ihnen sagen, er sei an meiner Ungeschicklichkeit im Operieren gestorben,« sagte er mit einer Stimme, der die innere Bewegung fast allen Klang nahm.
Das junge Mädchen fuhr vor Schrecken und Bestürzung zurück; ihr Auge streifte noch einmal den Mund, der gesprochen hatte, dann suchte es den Boden.
»Einzig und allein um Ihrer eigenen Beruhigung willen möchte ich Ihnen die Versicherung geben, daß das durchaus unwahr ist,« fuhr er mit sanftem Ernste fort; »aber wie kann ich von Ihnen verlangen, daß Sie mir glauben sollen? ... Wir sehen uns heute zum erstenmal und wissen nichts voneinander.«
Sie hätte sich mit einer einzigen oberflächlichen Phrase aus dieser peinvollen Lage helfen können, aber das fiel ihr nicht ein. Er hatte recht -- wie konnte sie wissen, ob er schuldlos, und die anklagende öffentliche Meinung im Unrechte sei? Freilich trug seine ganze Erscheinung den Stempel einfacher Geradheit und Wahrhaftigkeit. Sie fühlte sogar heraus, daß es eigentlich seine Art gar nicht sein könne, ungerechten Verdächtigungen gegenüber auch nur ein Wort zu verlieren, ja, daß er sich in diesem Augenblicke mit einer Versicherung gleichsam herablasse. Dennoch war sie nicht fähig, etwas auszusprechen, für das sie keine innere Rechtfertigung fand.
Er hatte wohl auch keine Antwort erwartet; denn er wandte sich ab, aber mit so viel Würde und stolzer Gelassenheit, daß in Käthe ein Gefühl plötzlicher Beschämung aufstieg und ihre Wangen heiß rötete. »Darf ich die Kranke nun herüber bringen?« fragte sie mit unsicherer Stimme.
Er bejahte, und sie verließ mit raschen Schritten das Zimmer. Drüben in der Hinterstube wischte sie sich die hervorquellenden Thränen von den Wimpern und ließ sich den erschütternden Vorgang von der Haushälterin erzählen.
»Die Geschichte hat dem Doktor in der Stadt schrecklichen Schaden gebracht,« sagte Suse schließlich. »Erst gab's keinen Besseren, und er hatte alle Hände voll zu thun, und nun sagen sie auf einmal, er verstände seine Sache nicht. So sind eben die Menschen, Fräulein Käthchen. Und er ist nicht schuld an dem Unglücke. Es war alles gut; ich hab's ja mit meinen eigenen Augen gesehen. Aber da sollte sich der Schloßmüller ganz ruhig verhalten -- ja, der und ruhig! Ich weiß am besten, wie er beim kleinsten Aerger gleich kirschbraun wurde. Da darf nur der Franz draußen zu laut gesprochen haben, oder der Wagen ist zu schnell in den Hof gefahren -- da hat schon die Wut in ihm gekocht. So war er. Ich hab' genug mit ihm ausgestanden, und zum Dank dafür hat er mich auch mit keinem Pfennig bedacht;« -- sie lachte scharf und zornig auf -- »wenn Sie nicht für mich sorgten, da könnte ich jetzt betteln gehen.«
Käthe hob unwillig warnend und Schweigen gebietend den Zeigefinger.
»Nun meinetwegen auch -- ich will still sein,« grollte die Alte und ließ es still geschehen, daß das junge Mädchen ihren vertrockneten Körper wie ein hilfloses Kind in Decken und Kleider einmummte. »Es thut mir nur leid, daß so ein guter Herr wie der Doktor deswegen nun angeschwärzt wird und sein Brot verliert, und seine arme Tante, für die er sorgt und arbeitet, dauert mich auch. Sie hat ihn von ihrem bißchen Vermögen studieren lassen, die alte Frau Diakonus. Sie wohnt bei ihm; er ist immer ihr ganzer Stolz gewesen -- und nun muß sie das miterleben.« --
Käthe machte der Mitteilung, die sehr ins Breite zu gehen drohte, ein Ende, indem sie die Kranke vorsichtig aus dem Lehnstuhle hob. Sie war der früheren Heimat zu sehr entfremdet und wurzelte mit ihrem Denken und Empfinden viel zu sehr in ihrem Dresdener Heim, um sich für die Privatverhältnisse dessen so rasch zu erwärmen, der Floras Bräutigam war. Allerdings bedauerte sie den Arzt in ihm, dem das Mißlingen einer Kur so plötzlich Existenz und Stellung gefährdete, allein das Weh um den Großvater, der jedenfalls schwer gelitten hatte, überwog bei weitem auch diesen Anteil.
Halb und halb getragen von den starken Armen des jungen Mädchens, hinkte Suse über den Vorsaal. Die Thür der Eckstube war offen und am Fuße der herniederführenden Stufen stand Doktor Bruck mit ausgestreckten Händen, um die Leidende in Empfang zu nehmen und ihr herabzuhelfen ... Es war eine charakteristische Gruppe, die der Thürrahmen einen Augenblick umschloß. Käthe hatte sich den gesunden Arm der Kranken um den Nacken gelegt und hielt die knochige braune Hand mit ihren rosigen Fingern auf der linken Achsel fest, während ihr rechter Arm die Hüften Suses umschlang. Ausdrucksvoller konnte die opferwillige Barmherzigkeit nicht verkörpert sein als in diesem Mädchen, das, seitlich über die gekrümmte Hilflose gebeugt, ihr strahlend junges Gesicht an den grauen Scheitel, die runzelvolle Wange des alten Frauenkopfes legte.
Nach wenigen Minuten saß Suse bequem und weich gebettet in der luftigen Stube. Sie musterte ängstlich die famosen Vorhänge, entsetzte sich über das Bett auf dem »stolzen Kanapee« und bemühte sich vergeblich, ihre Freude darüber zu verbergen, daß sie nun wieder jeden Sack zählen konnte, der drunten im Hofe auf- und abgeladen wurde.
Die junge Dame sah nach ihrer kleinen goldenen Uhr. »Es wird Zeit, mich in der Villa vorzustellen; sonst gerate ich möglicherweise mitten in den stolzen Theezirkel der Frau Präsidentin,« sagte sie mit der anmutigsten Geste eines leichten Schauders und zog die Handschuhe aus der Tasche. »In einer Stunde komme ich wieder und koche dir eine Suppe, Suse --«
»Mit den feinen Händen?«
»Mit den feinen Händen, versteht sich. Glaubst du denn, ich lege sie in Dresden in den Schoß? ... Hast doch meine Lukas gekannt, Suse -- sie ist heute wie damals; da heißt es, Hand und Fuß rühren und die Zeit ausnutzen. Du solltest sie nur einmal sehen! Sie ist eine Frau Doktorin geworden, die ihresgleichen sucht.« Damit verließ sie das Zimmer, um sich in Suses Stübchen zum Fortgehen zu rüsten.
4.
Auf der Spinnerei schlug es Fünf, als Käthe in Doktor Brucks Begleitung wieder in den Hof trat. Es war kälter geworden, und die uralte halbverwischte Sonnenuhr am Giebel, die heute, im goldenen Frühlingslicht neu auflebend, mit scharfem Finger die Stunden bezeichnet hatte, sah wieder trübselig und verwittert aus.
Das helle Geklingel der Thürschelle lockte Franz wieder heraus auf die kleine Freitreppe, und auch seine Frau folgte ihm neugierig mit langem Halse, um die heimgekehrte junge Herrin zu begucken. Käthe bat sie, während ihrer Abwesenheit fleißig nach der Kranken zu sehen, was auch heilig und teuer versprochen wurde. In diesem Augenblick rauschte es in den Lüften, und gleich darauf stürzte eine schöne Taube herab und blieb hilflos auf dem Steinpflaster liegen.
»Schwerenot, nehmen denn die Bubenstreiche kein Ende?« fluchte Franz, indem er die Treppe herabsprang und das Tierchen aufhob -- es war flügellahm geschossen. »Da guck her, Frau!« sagte er zu der Müllerin. »'s ist keine von unseren -- ich dachte mir's gleich. 's ist ein gottheilloses Volk da drüben. Die schießen der armen Dame ihre Prachttauben nur so vor der Nase weg. Na, ich sollte nur der Herr Kommerzienrat sein!« Er schüttelte die Faust.
»Wer ist denn die arme Dame, Franz? Und wer schießt nach ihren Tauben?« fragte Käthe mit großen Augen.
»Er meint Henriette,« sagte Doktor Bruck.
»Und drüben aus der Spinnerei wird geschossen!« platzte Franz ingrimmig heraus.
»Wie, die Fabrikarbeiter meines Schwagers?«
»Ja, ja, die sein Brot essen, Fräulein. 's ist eine Sünde und Schande. Da haben Sie die Bescherung, Herr Doktor! Da sehen Sie ja nun, was das für eine Brut ist. Sie wollen bei denen alles mit Liebe und Güte durchsetzen -- ja, da werden Sie weit kommen. Was haben denn solche brave Leute wie Sie von der Gutheit? Lange Nasen macht Ihnen die Gesellschaft ... Die Faust aufs Auge! 'runter müssen sie. Das ist _meine_ Meinung -- sonst ist kein Aushaltens.«
»Streikt man auch hier?« fragte Käthe den Doktor, dem ein so schönes, ernstes Lächeln um die Lippen schwebte, daß sie das Auge nicht von ihm wenden konnte.
»Nein, die Sache liegt anders,« sagte er, den Kopf schüttelnd. Seine ruhige Stimme klang imponierend neben Franzens heftigem Gepolter. »Mehrere der ersten Arbeiter, im Besitz einiger Kapitalien, hatten Moritz gebeten, ihnen beim Zerschlagen des Rittergutes zu einem Stück Land zu verhelfen, das, an sich öde und von geringem Ackerwert, ziemlich nahe der Fabrik unbenutzt liegt. Sie wollten Häuser bauen mit Mietwohnungen auch für die ärmeren Arbeiterfamilien, die den teuren Mietzins in der Stadt fast nicht mehr erschwingen können. Der Kommerzienrat hat ihnen auch Versprechungen gemacht; er konnte das um so eher, als der begehrte Streifen Landes noch zu seinem Park gehört --«
»Verzeihen Sie, Herr Doktor, daß ich Sie unterbreche!« fiel Franz ein; »gerade deshalb durfte er's nicht. Ich hab' mir's gleich gedacht, daß das die Frau Präsidentin nicht zugibt. Wer läßt sich denn auch eine solche Nachbarschaft gefallen, wenn er nicht muß? Und richtig -- die Damen drüben sind furchtbar böse geworden und haben's ein für allemal nicht gelitten, daß die Bauplätze abgegeben worden sind; ‚es sollen neue Anpflanzungen gemacht werden‘, hat's geheißen, und damit war die Sache abgemacht. Nun sind sie wütend in der Fabrik und thun Schabernack und rächen sich, wo sie können.«
»Freilich eine erbärmliche Rache! -- Du armes Ding!« sagte Käthe und nahm die Taube aus Franzens Hand.
»Das Beklagenswerte dabei ist, daß diese Roheit einzelner auf einen ganzen Stand strafend zurückwirkt. Man wird der Präsidentin keinen Vorwurf mehr daraus machen dürfen, daß sie solche Elemente nicht in ihrer Nähe dulden will,« sprach Doktor Bruck mit verfinstertem Gesicht.
»Das sehe ich nicht ein. Es gibt Boshafte und Rachsüchtige in allen Ständen,« versetzte das junge Mädchen rasch und lebhaft. »Ich verkehre oft in den unteren Klassen; mein Pflegevater hat viel arme Patienten, und wo außer seinen Medikamenten auch kräftige Suppen und sonstige Nachhilfe in der Pflege not thun, da unterstützt ihn meine liebe Doktorin nach Möglichkeit, und ich gehe selbstverständlich auch mit. Man stößt auf viel Undank und Rohheit, das ist wahr, oft aber auch auf brave und edle Gesinnung, Not und Elend sind aber meist so herzerschütternd --«
»Ist nicht so schlimm, wie sie denken, Fräulein -- das Volk verstellt sich,« unterbrach sie Franz mit einer wegwerfenden Handbewegung.
Käthe maß ihn einen Augenblick schweigend von unten herauf mit einem sprechenden Blick. »Sieh, sieh, was für ein vornehmer Herr der Franz geworden ist!« sagte sie mit unverkennbarer Ironie. »Von wem sprechen Sie denn? Sind Sie nicht selbst aus dem Volke? Und was waren Sie denn früher in der Schloßmühle? Ein Arbeiter wie die Leute dort in der Spinnerei auch, ein Arbeiter, der schweigend manches Unrecht leiden mußte, wie ich sehr genau weiß.«
Dem Müller schoß das Blut in das bestäubte Gesicht. Er stand in sprachloser Verblüfftheit vor der jungen Dame, die ihm so kurz und bündig, so schlagend seinen Standpunkt bezeichnete. »Na, Fräulein, nichts für ungut! Es war nicht so böse gemeint,« sagte er endlich und streckte ihr in unbeholfener Verlegenheit seine breite Hand hin.
»In Wirklichkeit sind Sie auch nicht so schlimm, Sie haben Glück gehabt und kehren nun den Schloßmühlenpächter heraus, der Geld in der Tasche hat,« entgegnete sie und legte einen Augenblick ihre schmale Hand in die seine, aber die kleine Falte des Unwillens auf ihrer Stirn glättete sich nicht so rasch wieder. Sie zog ein weißes Tuch aus der Tasche, schlug es um die Taube und knüpfte die vier Enden zusammen. »Ich werde Henriette den kleinen Invaliden mitbringen,« sagte sie, das Tuch vorsichtig in die Hand nehmend -- es sah aus wie ein armseliges Reisebündelchen.
Der Doktor öffnete eine kleine Seitenthür in der Hofmauer, welche direkt in den Park führte, und ließ die junge Dame voranschreiten. Draußen blieb sie wie eingewurzelt stehen. »Ich finde mich nicht zurecht,« rief sie fast bestürzt und wandte sich wie hilflos nach ihm um. »Sieht es doch fast aus, als ob Riesenhände den Park durcheinander geschüttelt hätten. Was thun die Leute dort?« Sie zeigte weit hinüber nach einer Erdvertiefung von gewaltigem Umfang, aus der die Köpfe zahlloser Arbeiter auftauchten.
»Sie graben einen Teich; die Frau Präsidentin liebt die Schwäne auf breitem Wasserspiegel.«
»Und was baut man da drüben nach Süden hin?«
»Ein Palmenhaus.«
Sie sah nachdenklich vor sich hin. »Moritz muß sehr reich sein.«
»Man sagt es.« Das klang so kühl und objektiv, als vermeide er absichtlich, seinen Antworten auch nur den leisesten Mitklang eines eigenen Urteils zu geben ... Er war ein auffallender Mann, dieser Doktor Bruck; das sah sie jetzt so recht, wie er im rotflutenden Abendlichte neben ihr stand. Es lag etwas von militärischer Strenge und Straffheit in seiner Haltung, während sein schönes, luftgebräuntes Gesicht mit dem weichgelockten Vollbarte nur die Züge sanftgemilderten Ernstes zeigte. Von Gedrücktsein oder Niedergeschlagenheit, die ein Mißgeschick wie das über ihn verhängte meist zur Folge hat, war in der ganzen Erscheinung nicht eine Spur zu finden. »Ich werde Sie führen,« sagte er, als sie unschlüssig ihre Augen über das total veränderte Terrain schweifen ließ. Er reichte ihr seinen Arm und sie legte unbedenklich ihre Hand darauf. So schritt Schwester Flora neben ihm ... wunderlich! Erst jetzt fiel ihr der Gedanke, daß sie in wenigen Minuten der ihr geistig so weit überlegenen Schwester gegenübertreten sollte, unbeschreiblich bang und schwer auf das Herz.
Sie blieb stehen und sagte nach einem tiefen Atemholen befangen lächelnd: »O ich Hasenfuß! Ich glaube gar, ich fürchte mich. -- Ob ich wohl Flora gleich beim Eintreten begegnen werde?«
Sie sah, wie ihm das Blut jäh und dunkel in das Gesicht stieg. »Soviel ich weiß, ist sie ausgefahren,« antwortete er mit bedeckter Stimme, und gleich darauf setzte er, jeder neuen Frage vorbeugend, hinzu: »Sie werden das ganze Haus heute noch in einer gewissen Aufregung finden -- der Fürst hat Moritz vor wenigen Tagen den Adel verliehen.«
Und _das_ sagte er _jetzt_ erst. »Wofür denn?« stieß sie überrascht heraus.
»Nun, er hat bedeutende Verdienste um die Hebung der Industrie im Lande,« versetzte er so rasch und ernstlich, als gelte es, ein ungünstiges Urteil abzuwenden. »Dabei ist Moritz ein Mensch von großer Herzensgüte -- er thut sehr viel für die Armen.«
Käthe schüttelte den Kopf. »Sein Glück macht mir angst.«
»Sein Glück?« wiederholte er betonend. »Es kommt darauf an, wie er selbst diese Wechselfälle ansieht.«
»O, ganz gewiß als etwas Beseligendes,« antwortete sie entschieden. »Ich weiß aus seinen Briefen, daß ihm die Erwerbung weltlicher Güter Hauptlebenszweck ist. Seine letzte Zuschrift z. B. war eine geradezu verzückte, weil -- mein Erbe sich über alles Erwarten reich herausgestellt hat.«
Er ging schweigend neben ihr her; dann fragte er mit einem Seitenblicke: »Und Sie -- bleiben denn _Sie_ kalt, diesem Reichtume gegenüber?«
Käthe bog den Kopf mit graziösem Mutwillen vor und sah ihm unter das Gesicht. »Sie erwarten wahrscheinlich eine sehr gesetzte Antwort von mir großem Mädchen, so ein recht ernstes Ja, aber das kann ich mit dem besten Willen nicht herausbringen. Ich finde es nämlich über die Maßen hübsch, reich zu sein.«
Er lachte leise in sich hinein und fragte nicht weiter. Sie gingen rasch vorwärts und erreichten bald die Lindenallee. Sie war verschont geblieben; man hatte die lange Bahn bereits mit frischem Kies bestreut. »Ach, dort die liebe, altmodische Bekannte steht auch noch,« rief das junge Mädchen, nach einer fernen Holzbrücke zeigend, die ihren schmucklosen morschen Bogen über den Fluß schlug.
»Sie führt zu dem Grundstücke am jenseitigen Ufer --«