Im Hause des Kommerzienrates.

Part 32

Chapter 323,601 wordsPublic domain

Von der großen Hinterlassenschaft des Schloßmüllers war Käthe in der That nichts verblieben als die Mühle und einige tausend Thaler, die sie mit dem Stück Gartenboden zugleich von ihrem Vormunde erbeten und erpreßt und den Arbeitern zu ihrem Häuserbau geliehen hatte. Die vielen Hunderttausende waren in den Flammen spurlos verschwunden, und das wenige Gold und Silber, das man geschmolzen später unter Schutt und Trümmern fand, rührte wohl eher von Eßgerät und Trinkbechern her als von Münzen. Bei dem auf die Explosion folgenden geschäftlichen Zusammensturze kamen viele Gläubiger, trotz der vorhandenen Liegenschaften und Wertobjekte, um ihr Geld; der Konkurs erwies sich als einer der schlimmsten, hoffnungslosesten, die der große Krach hinter sich herschleppte. Villa und Park waren wieder in altadelige Hände gekommen, und der neue Besitzer ließ schleunigst die Turmtrümmer forträumen, das Wasser in den Fluß zurückleiten und den Graben zufüllen; selbst der geborstene Hügel wurde der Erde gleichgemacht, »auf daß der ehemals ritterliche Grund und Boden durch nichts mehr an die Zeit erinnere, wo sich der Uebermut eines Parvenü hier breit gemacht und ein schmachvolles Ende genommen habe«. Auch der alte, ehrwürdige Holzbogen, der nach dem Hause am Flusse führte, war abgebrochen worden. Man ging jetzt über die der Spinnerei nahe gelegene Steinbrücke und einen hübschen Fußweg am jenseitigen Ufer entlang, wenn man nach dem Doktorhaus kommen wollte.

Das Haus, welches im Spätherbste noch vollständig restauriert worden war, stand unbewohnt; die alte Freundin der Tante Diakonus war den Winter über in der ehemaligen Stadtwohnung des Doktors verblieben und wollte erst mit Beginn der schönen Jahreszeit wieder herausziehen .... Dorthin wanderte Käthe fast jeden Tag. Ob die Herbstnebel dampften und Weg und Steg von Nässe triefen mochten, ob die Schneeflocken stöberten oder der Wind eisig von Norden herblies: sowie die Abenddämmerung hereinbrach, warf Käthe die Feder fort, hüllte sich warm ein und huschte hinaus ins Freie ....

Da schüttelte sie die Zahlenlast, das starre, trockene Geschäftswesen, unter welchem sie ihr heißes, klagendes Herz geflissentlich vergrub, für eine halbe Stunde ab; dann war sie nicht die ernste, geschäftspünktliche Herrin, deren achtsamem Auge nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entging, die an sich und ihre eigenen Leistungen die höchste Forderung stellte und in weiser Verteilung von Lob und Rüge dasselbe bei ihren Untergebenen zu erzielen wußte, ohne daß je ein hartes Wort von ihren Lippen, ein heftig zürnender Blick aus ihrem Auge kam -- sie war in diesen Dämmerstunden nur das junge Mädchen, das seiner tiefen Sehnsucht Raum gab, das, bei aller Härte und Strenge gegen seine unbezwingliche Neigung, sich doch Momente der wehmütigen Träumerei, die Hingabe an den Schmerz zugestand.

Dann trat sie durch die schmale, knarrende Staketthür, die ins Feld hinausführte und auf welche sie, Henriette auf den Armen, nach dem Attentat im Walde todesermattet zugeschritten war. Im Vorübergehen strich sie stets mit schmeichelnder Hand über das grünangelaufene Steinpostament inmitten des Rasengrundes, neben welchem sie einmal mit Bruck gestanden und suchte dann die Stelle auf, wo der Gartentisch postiert gewesen war -- dort hatte Bruck um ihretwillen schwer gelitten -- das wußte sie nun. Sie umging das einsame Haus mit seinen verrammelten Fensterläden, seinen neuen, ungeheizten Schlöten und schnarrenden Wetterfahnen und stieg die schlüpfrigen, winternassen Stufen hinauf, um das Ohr an das Schlüsselloch der Hausthür zu legen. Jenes schwache, scheinbare Seufzen, das der von dem geöffneten Bodenraum herabkommende Zugwind verursachte, schlich durch die weite Hausflur; neben und über der Thür rasselten dürre Weinranken, und manchmal flog noch ein verspäteter Spatz unter den Dachvorsprung -- das war alles Leben, welches sich in der Verlassenheit regte, und doch horchte das junge Mädchen begierig darauf; es war doch nicht Grabesstille, und das Recht, diese Thür wieder zu öffnen, lag ja noch in geliebten Händen, und eines Tages wurden auch wieder Schritte laut da drinnen, und liebe Gesichter sahen zu den Fenstern heraus -- das war ja alles festgestellt, wenn Käthe sich auch dabei sagen mußte, daß sie selbst dann stets verreisen werde, bis -- Bruck einmal ein weibliches Wesen am Arme führte, in dessen Hand sie den Ring legen durfte.

Er mochte wohl vielumworben sein in L.....g. Der Ruf seines Namens wuchs von Tag zu Tag; eine große, auserwählte Zuhörerschaft drängte sich zu seinen Vorlesungen, und die Nachricht von verschiedenen glücklichen Kuren, denen er hervorragende Persönlichkeiten unterworfen hatte, machte die Runde durch die Welt. Die Briefe der Tante Diakonus an Käthe -- sie schrieb ihr sehr oft -- atmeten Glück und Seligkeit; sie waren für das junge Mädchen eine Quelle des Genusses, aber auch furchtbarer, neuaufgerüttelter Seelenkämpfe, und deshalb antwortete sie ziemlich sparsam und zurückhaltend. Der Doktor selbst schrieb nicht -- er hielt streng an seinem Versprechen fest, sie nie zu bestürmen -- und begnügte sich stets mit einem Gruße, den sie freundlich und pünktlich erwiderte.

So verlief ihr junges, einsames Leben Tag für Tag. Sie ahnte nicht, daß man sich in der Stadt viel mit ihr beschäftigte, daß sie jetzt, nach ihrer energisch durchgesetzten Mündigsprechung, wo sie sich so resolut und willensstark an die Spitze ihres Etablissements gestellt, weit mehr das Interesse und die Beachtung herausfordere als früher durch ihren unliebsamen Goldfischtitel .... Dieser ausgezeichnete Leumund führte denn auch sehr oft einen Besuch in die Schloßmühle, den sie das erste Mal mit unverhohlenem Erstaunen begrüßte. Die Frau Präsidentin Urach verschmähte es durchaus nicht mehr, auf ihren Spaziergängen mit der ihr treu gebliebenen Jungfer in der Mühle einzukehren, um, »wie es ihre Pflicht gegen ihren verstorbenen teuren Schwiegersohn erheische, nach seiner Jüngsten zu sehen«.

Die alte Dame war schon einige Wochen nach ihrer Abreise in die Residenz zurückgekehrt; sie hatte es draußen »nicht ausgehalten«. In einer engen Straße ein paar kleine, hochgelegene Zimmer bewohnend, lebte sie, ihren kargen Mitteln gemäß, zurückgezogen und halbvergessen von der Welt. Der Medizinalrat von Bär hatte sich ein Landgut gekauft und der Residenz grollend den Rücken gekehrt -- er war für sie verschollen, und von den übrigen Freunden besuchten sie nur noch einige Altersgenossinnen und der pensionierte Oberst von Giese, die manchmal zu einem Spielchen bei ihr zusammenkamen.

Sie fühlte sich mit einemmal so wohl »in der großen, weiten Schloßmühlenstube, in der man so recht aufatmen könne«; sie ließ sich, ermüdet von dem zurückgelegten Weg und behaglich in das altmodische, federngepolsterte Kanapee des seligen Schoßmüllers gedrückt, den delikaten Kaffee vortrefflich schmecken, den Käthe stets sofort auf der Maschine bereitete, und protestierte durchaus nicht, wenn Suse, auf den Wink ihrer jungen Herrin hin, einen schweren Korb voll frischer Butter, Eier und Schinken an den Arm der Jungfer hing.

Auf Flora war sie nicht gut zu sprechen. Die Enkelin, die im vollen Besitze ihres Vermögens geblieben, bezahlte zwar die Mietwohnung für ihre Großmama und trug auch die Kosten für die Bedienung; alles übrige verbrauchte sie aber für sich selbst und konnte kaum auskommen, wie sie wiederholt brieflich versicherte. Zürich hatte sie sehr bald wieder verlassen -- das »grause« ärztliche Studium irritierte ihr die Nerven »bis zum Wahnsinnigwerden«. Sie war eben eine jener geistigen Koketten, die um jeden Preis eine Rolle spielen und Aufsehen machen wollen, die sich gern den Anschein grübelnden Denkens und tiefgehender Kenntnisse geben, vor nichts aber mehr zurückschrecken als vor der ernsten, harten Geistesarbeit.

Nun war die Osterzeit herangekommen. Schon seit mehreren Wochen wurde im Garten des Doktorhauses unermüdlich gearbeitet. Der Doktor hatte einen Gärtner aus L.....g geschickt; der steckte neue Wege ab oder suchte vielmehr die Spuren des alten, sehr hübschen Gartenplanes wieder auf und gab den Anlagen die frühere Gestalt zurück. Viele Hände waren beschäftigt, zu graben und zu pflanzen, und Plätze wurden vorgerichtet, wo einige Statuen aufgestellt werden sollten, die aus L.....g gekommen waren, und noch verpackt in der Hausflur standen. Am Hause waren schon seit vierzehn Tagen alle Läden geöffnet; die Zimmer wurden tapeziert und mit neuem Firnisanstriche versehen, und auf den First war sogar eine Fahnenstange gekommen. Dann zog die Freundin der Tante wieder ein und brachte eine Schar Tagelöhnerinnen mit, die das Haus vom Dachboden bis zum Keller spiegelblank machten.

Käthe hatte ihre Spaziergänge nicht unterbrochen. Auch heute, am heiligen Abend vor dem Osterfeste, war sie in der Mittagsstunde noch einmal drüben gewesen. Im Garten wurde noch immer gepflanzt und gesät, aber die alten Taxusgruppen, die früher als undurchdringliche, buschige und struppige Wildnis das Terrain verunstaltet und verdüstert hatten, standen gesäubert und in die ehemaligen Schranken zurückgewiesen, und aus ihrem dunkeln Grün traten leuchtend und anmutig die neuen Sandsteinfiguren. Auf den Wegwindungen, welche die Hecken durchschnitten, lag in tadelloser Glätte heller Sand; an die Stelle der knarrenden Holzthür im Zaune war ein feines schwarzes Eisengitter getreten; die Laube der Tante Diakonus stand weiß angestrichen, und hinter dem Hause umschloß ein Plankenzaun den neuen Hühnerhof.

Und auf dem wohlbekannten Steinpostamente vor dem Hause hob sich eine Terpsichore, die Arme in graziösem Schwunge emporgestreckt, auf der äußersten Spitze ihres zarten Füßchens, genau so, wie sich Käthe die längst zertrümmerte Gestalt auf dem schmalen Fußreste wieder aufgebaut hatte.

»Die Statue ist sehr hübsch,« sagte der fremde Gärtner achselzuckend; »sie müßte nur auf einem eleganteren Grunde stehen. Der Rasen« -- er zeigte über den Grasplatz hin -- »ist verwildert und nichts nutz, aber der Herr Professor hat mir streng verboten, den Spaten da anzusetzen.« -- Käthe bückte sich, helle Glut auf den Wangen, und pflückte die ersten Veilchen, die sich im Schutze des Postamentes bereits voll und köstlich duftend entfaltet hatten. »Ja, der Rasen starrt von Unkraut,« setzte der Gärtner über die Schulter hinzu und ging weiter.

Und das Haus -- jetzt in der That ein Schlößchen -- stand heute da, glänzend in Frische und Neuheit und so festlich und feierlich geschmückt, »als ob eine Braut einziehen sollte«, sagte die alte Freundin ahnungslos lächelnd zu Käthe. Das schneeweiße Kätzchen kam über den neuen Mosaikfußboden der Flur leise gegangen; im Zimmer der Tante Diakonus, hinter den Filetgardinen und umringt von den in der Stadt überwinterten Lorbeer- und Gummibäumen, schmetterte der Kanarienvogel aus voller, trillernder Kehle, und die Goldfischchen schwammen munter in der Glasschale -- da war ja auch schon das gewohnte Leben und Treiben wieder eingekehrt, und die Tante Diakonus selbst sollte mit dem Nachmittagszuge eintreffen. Sie bringe auch einen Gast mit, hatte die alte Freundin, geheimnisvoll mit den Augen blinzelnd, gemeint; wen, das wisse sie nicht; sie habe nur den Auftrag erhalten, das Fremdenzimmer mit hübschen, neuen Möbeln zu versehen. Und dabei hatte sie stolz die breite, weißglänzende Flügelthür zurückgeschlagen, und Käthe war in einen Thränenstrom ausgebrochen -- sie mußte an ihre Henriette denken, die hier gelitten hatte und doch noch einmal in ihrem armen Leben so glücklich, so stillselig gewesen war. Neben dieser schmerzvollen Erinnerung rang sich aber auch noch eine nie gekannte, heißaufquellende Eifersucht empor. Wer war sie, die sich an das Herz der Tante gedrängt und die alte Frau so sehr für sich eingenommen hatte, daß sie als Besuch mitkommen durfte?

Die rosenbestreuten Gardinen und die schaukelnden Blumenampeln waren an den Fenstern verblieben; die altmodische, mühsam zusammengesuchte Zimmereinrichtung dagegen hatte modernen, hübschen, wenn auch sehr einfachen Kirschbaummöbeln weichen müssen, und statt der verblichenen Bilder aus Voß' »Luise« hingen einige schöne Landschaften an den helltapezierten Wänden. Der, ach, so wohlbekannte Raum war in ein trauliches Wohnzimmer umgewandelt und ein anstoßendes, früher vollkommen leerstehendes Kabinett als Schlafgemach eingerichtet worden.

Dies alles hatte Käthe noch einmal mit thränenverdunkelten Augen überblickt, dann war sie heimgegangen, um an den Schreibtisch zu treten und noch einige nötige Geschäftsbriefe zu schreiben. Kaufmann Lenz sollte am Abende von seiner geschäftlichen Rundreise zurückkehren; bis dahin hatte die junge Herrin noch manches zu erledigen, um dann, abgelöst von ihrem Posten, auf vierzehn Tage nach Dresden zu ihren Pflegeeltern zu reisen.

Ach, wie entsetzlich zerstreut war sie doch heute! Wie klopften ihre Pulse, und wie abscheulich zerfahren kamen die sonst so sicheren Gedanken und Buchstaben aus ihrer Feder! Und nun trat auch noch die Jungfer der Präsidentin ein; sie hatte den großen, leeren Marktkorb am Arme, »weil sie eben das bißchen Bedarf für die Festtage in der Stadt einkaufen wollte«; es sei ja nur ein kleiner Umweg über die Mühle, habe die gnädige Frau gemeint und ihr einen eben eingelaufenen Brief von Fräulein Flora zum Durchlesen für das »liebe Fräulein Käthchen« mitgegeben.

Suse wurde sofort beordert, den Korb bis an den Rand mit ihren schön geratenen Napfkuchen und allen möglichen guten Dingen aus der Speisekammer zu füllen, der Brief aber lag noch unberührt auf dem Schreibtische, als die Jungfer längst in die Stadt zurückgekehrt war.

Die Präsidentin hatte dem jungen Mädchen schon einigemal die Zuschriften der Stiefschwester mitgeteilt -- es war Käthe zwar stets zu Mute gewesen, als glühe das Briefblatt zwischen ihren Fingern, aber sie hatte pflichtschuldigst gelesen, um nicht feindselig zu erscheinen. Auch jetzt überschlich sie das Gefühl, als müsse aus dem starkparfümierten Kouvert da neben ihr eine Flamme züngeln, um sie zu verletzen. Unwillig schob sie das widerwärtige kleine Viereck mit dem Ellbogen weiter, so daß es unter einem Stoße von Rechnungsformularen verschwand -- sie sah nicht ein, weshalb sie sich auch noch durch das Lesen einer der meist sehr frivolen und von Anmaßung und Uebermut strotzenden Episteln aufregen solle, wie es bisher stets der Fall gewesen war.

Die Feder wurde wieder aufgenommen, aber nur für wenige Augenblicke. Erregt griff das junge Mädchen wie nach einem schützenden Talisman nach den mitgebrachten Veilchen, die vor ihr im Glase standen und atmete den kühlen, süßen Duft ein; sie trat an ihren Flügel und spielte zur inneren Beschwichtigung eine harmlose, sanfte Melodie; sie öffnete eines der Fenster und streichelte die kirren Tauben, die draußen auf dem Sims hockten, und dabei sagte sie sich wiederholt, daß die Uebermittelung des Briefes im Grunde ja nur ein maskiertes Attentat auf ihre Speisekammer gewesen sei -- aber es mußte ein böser Zauber in dem unseligen Kouvert stecken. Das Blut stürmte ihr immer heißer nach dem Kopfe, bis sie, glühend wie im Fieber, plötzlich die Formulare wegstieß und mit hastigen Fingern den Brief ergriff.

Beim Entfalten des Papierbogens fiel ein versiegelter Zettel heraus -- sie bemerkte es nicht -- ihre Augen irrten über den Anfang der Zuschrift; sie wurden groß und weit, und unwillkürlich griff das starke Mädchen nach einer Stütze, um sich eine festere Haltung zu geben. Flora schrieb von Berlin aus:

»-- Du wirst wohl lachen und triumphieren, liebe Großmama, aber ich sehe ein, es ist besser so -- ich habe mich vor einer Stunde mit deinem ehemaligen Protegé, Karl von Stetten, verlobt. Er ist häßlicher und körperlich verkommener als je und trägt in seinem Bullenbeißergesicht jetzt auch noch eine blaue Brille -- ~fi donc~, ich werde mich zeitlebens genieren, an seinem Arm zu gehen, aber seine hündisch treue, wirklich närrische Leidenschaft für mich erweckte mir schließlich doch ein menschliches Rühren, und weil er durch den unerwarteten Tod seines jungen Vetters plötzlich Majoratsherr auf Lingen und Stromberg geworden ist, hier zu Hofe geht und in der Gesellschaft gut angeschrieben zu sein scheint, so hatte ich sonst nicht viel mehr gegen die Partie einzuwenden --«

Der Brief flog auf den Schreibtisch -- Bruck war frei, dergestalt von seiner Kette erlöst, daß er nun auch -- in die Schloßmühle kommen durfte. War das denkbar? Eine so jähe, ungeahnte Wendung, nachdem man sich sieben entsetzliche Monate hindurch gemartert, nachdem man alle innere Kraft aufgeboten hatte, um das widerspenstige Herz, ja, jeden abirrenden Gedanken zu knebeln, damit man endlich zu der stoischen, toten Ruhe gelange, mit der man den verhaßten Ring in die Hand der Auserwählten legen und dann seinen rauhen Lebensweg einsam, aber ohne Schuld zu Ende gehen konnte!

Sie schlug die Hände vor das Gesicht, als sähe sie ein Gespenst mitten in dem Jubelrausch emportauchen -- Gott im Himmel, wenn sie falsch gelesen hätte! Es _war_ doch so? Flora, dieses unberechenbare Wesen, hatte sich verlobt? Sie wollte sich nun doch, nach so vielen fehlgeschlagenen Versuchen, berühmt zu werden, in der zwölften Stunde in die Ehe retten? Käthe griff noch einmal nach dem dicken, duftenden Briefblatt -- ja, ja, da stand es wirklich und wahrhaftig in den »großen Krakelfüßen«. Und dann folgte eine genaue Instruktion, in welcher Weise die Verlobungsanzeige für die Residenzbewohner zu bewerkstelligen sei; es war die Rede von der Hochzeit, die man, just um der Vergangenheit willen, auf _den zweiten Pfingstfeiertag_ festgesetzt habe -- und und dann kam die vorläufige Einladung zu der Vermählungsfeierlichkeit für die Großmama selbst. Das war alles sonnenklar und unumstößlich, aber nun flog eine tiefe Blässe über das Gesicht der Lesenden, und sie meinte, an der Lähmung, die über sie komme, müsse sie sterben. Flora schrieb weiter:

»Auf meiner Durchreise nach Berlin habe ich mich auch einige Tage in L.....g aufgehalten. Es wird dir interessant sein, zu hören, daß einem gewissen Hofrat und Professor Bruck bei seinem fabelhaften Glück nicht nur die Berühmtheit in den Schoß, sondern auch eine schöne Gräfin zu Füßen gefallen ist. Man versicherte mir allgemein, er sei im stillen verlobt mit der reizenden Patientin, die er, nachdem alle anderen Aerzte sie aufgegeben, durch eine kühne Operation dem Tode entrissen habe. Das gräfliche Elternpaar soll mit der Verbindung durchaus einverstanden sein, und die liebe, gottselige Tante Diakonus scheint ihren Segen auch nicht zu verweigern. Ich sah sie neben dem Brautpaar in der Theaterloge sitzen, fried- und tugendsam wie immer, und, wenn ich nicht irre, Zwirnhandschuhe an den Händen. Das Mädchen ist sehr hübsch, wenn auch ein Puppengesicht ohne Geist -- und Er? Nun, dir kann ich's ja sagen, Großmama: ich habe mir die Lippen blutig gebissen vor Grimm und Groll, weil das dumme Glück diesen Menschen zu einem Gegenstand der allgemeinen Vergötterung macht, weil er hinter dem Stuhl seiner Braut stand, so sicher, zuversichtlich und ruhig, als gebühre ihm alle Auszeichnung von Rechts wegen, und als wisse er nichts von Charakterschwäche -- der Ehrlose! ... Gib Käthe den inliegenden Zettel --«

Ach ja, da lag er wohlversiegelt auf dem Schreibtisch und trug die Adresse: »An Käthe Mangold.« -- Und die Welt kreiste vor ihren Augen, und der schmale Papierstreifen flog in den wie von Fieberfrost geschüttelten Händen auf und nieder. Er enthielt nur die Worte: »Habe die Freundlichkeit, den dir anvertrauten Ring nunmehr der Gräfin Witte zu übergeben -- oder wirf ihn auch meinetwegen in den Fluß zu dem andern!

Flora.«

Käthe war plötzlich sehr ruhig geworden; sie glättete mechanisch den Zettel und legte ihn zu dem Briefe. Sollte die schöne Gräfin Witte der Gast sein, für den man das Fremdenzimmer eingerichtet hatte? Sie schüttelte energisch den reizenden, flechtengeschmückten Kopf, und die braunen Augen begannen aufzustrahlen, während sie die Hände fest gegen die tiefatmende Brust preßte. War sie es wert, ihm je wieder in die Augen zu sehen, wenn sie auch nur sekundenlang an ihm zweifelte? Er hatte gesagt: »Zu Ostern komme ich wieder.« Und er kam, und wenn die glänzendste Menschenberedsamkeit ihr das Gegenteil versicherte, sie glaubte nichts, als daß er sie liebe und daß er kommen werde. Nein, nein, solch ein hochmutberauschter Schloßherr konnte es wohl übers Herz bringen, der einst Geliebten, der unglücklichen, blonden Edelfrau, die neue stolze Schloßherrin in der Hochzeitsschleppe zuzuführen -- aber nicht er, nicht er in seiner Gemütsinnigkeit. Er brach der Müllers-Enkelin nicht sein Wort um einer anderen willen, und wenn selbst diese andere -- eine Gräfin sein sollte.

Ein unbeschreiblicher Glückseligkeitssturm wogte in ihr auf und riß alle Gedanken in seinen Wirbel. Sie flog nach dem südlichen Eckfenster, um nur einen Blick nach dem alten Hause zu werfen -- Himmel, dort von der Fahnenstange flatterte eine farbenglänzende Flagge über die Baumwipfel hin. Waren die Gäste schon da? Sollte sie hinübereilen, um die Tante Diakonus in ihre Arme zu schließen? Nein, in dieser stürmischen Aufregung ganz gewiß nicht. Da mußte erst die verräterische Glut von den Wangen gewichen und der Herzschlag ruhiger geworden sein, wenn sie sich nicht vor den seelenvollen, klaren Augen der sanften Frau scheuen sollte ... Ruhe, Ruhe! -- Sie trat an den Schreibtisch.

Da lag aufgeschlagen das große, dicke Hauptbuch; das Fach hier barg sechs Geschäftsbriefe, die heute noch beantwortet werden mußten, und drunten rasselte schwerfällig einer der Mühlenwagen mit Getreidesäcken in den Hof. Die Hunde bellten einen Bettler, dem Suse ein Stück Brot vom Vorsaalfenster zuwarf, wie toll an; da waren Prosa und rauhe Wirklichkeit übergenug. Und die Neuruppiner Bilderbogen, die, als großväterlicher Nachlaß streng respektiert, immer noch die Wände zierten, sie hatten ganz gewiß nichts Aufregendes, so wenig wie die dickbäuchigen Federkissen des Kanapees drunter und die Schwarzwälder Standuhr daneben, die so entsetzlich steif und geradlinig die Wand hinaufstieg und den lebensmüden Pendel langatmig hinter dem blinden Glase schwang.

Der Blick des jungen Mädchens streifte langsam alle diese Herrlichkeiten, dann nahm sie einen Briefbogen und tauchte die Feder ein. »Herren Schilling und Compagnie in Hamburg« -- ach, das konnte ja niemand lesen! Verzweiflungsvoll fuhr sie mit der Hand über die glühende Stirn, so daß die braunen Locken wegflogen und eine schmale, rote Narbe hervortreten ließen. Und so verharrte sie einen Augenblick unbeweglich, die Linke über die Augen gelegt und in der Rechten die ungeschickte Feder auf dem Papiere festhaltend; da streifte ein kühles Wehen ihre Wange. Die Zugluft kam durch eine offene Thür oder vom Fenster her; sie sah auf -- und da stand er, dort auf der obersten Stufe der in das Zimmer hinabführenden Holztreppe, lächelnd, strahlend in Wiedersehensfreude.

»Bruck! -- Ich wußte es,« jubelte sie auf, und die Feder fortwerfend, breitete sie die Arme aus und lag im nächsten Augenblick an seiner Brust.

Draußen kam Suse über den Vorsaal; was sollte denn das heißen? Die Thür stand weit offen, im April, wo man noch täglich das »sündenteure« Holz in den Ofen stecken mußte, und den Aufschrei hatte sie auch gehört. Sie fuhr mit dem blauen Schürzenzipfel, den sie gerade in der Hand hielt, um sich den Schweiß von der Stirn abzutrocknen, vor Schrecken in den Mund, denn da unten auf den weißgescheuerten Dielen ihrer heiligen Schloßmühlenstube stand der Herr Doktor Bruck und hielt ihr Fräulein in den Armen, so fest, als wolle er sie in seinem ganzen Leben nicht wieder loslassen -- Herr Gott -- und sie waren ja doch kein Brautpaar vor den Leuten.

Behutsam schlich sie näher, um die Thür sacht zu schließen, aber Käthe sah sie und bemühte sich, unter heißem Erröten, der Umarmung zu entfliehen.