Part 3
»Wie du befiehlst, Großmama! Gelt, Hans, wir gehen mit tausend Freuden,« sagte sie lächelnd und drückte die Wangen auf das Gefieder des Vögelchens, das noch auf ihrer Rechten saß. »Du kannst _auch_ die alten Hofdamen nicht leiden, und die große medizinische Autorität, den Herrn von Bär, zwickst du regelmäßig in den Finger, wenn er dich mit Zucker kirren will, braver Bursche ... Gute Nacht, Großmama -- gute Nacht, Moritz!« Sie hemmte noch einmal ihre hastigen Schritte und wandte sich zurück. »Die Charaktervolle dort,« sagte sie mit schneidender Ironie, »wird hoffentlich den Weg innehalten, den ihr der selige Papa unerbittlich vorgeschrieben haben würde -- mit ihrer Renommage bezüglich des eigenen Willens hat sie sich zu seinen Lebzeiten niemals hervorwagen dürfen. Er würde ihr nie gestattet haben, einem Ehrenmanne das gegebene Wort zu brechen.«
Mit trotzig zurückgeworfenem Kopfe ging sie hinaus, aber schon auf der Schwelle stürzten ihr die heißen Thränen, die bereits in ihren letzten Worten mitgeklungen hatten, unaufhaltsam über die Wangen.
»Gott sei Dank, daß sie geht!« rief Flora. »Man braucht wirklich das höchste Maß der Selbstbeherrschung, um nicht ihr gegenüber die Geduld zu verlieren.«
»Ich vergesse nie, daß sie eine Kranke ist,« bemerkte die Präsidentin trocken zurechtweisend.
»Und in einer Art hatte sie doch auch recht, Flora,« wagte der Kommerzienrat trocken einzuwerfen.
»Denke darüber, wie du willst, Moritz!« entgegnete die junge Dame kalt. »Ich habe dich nur dringend zu bitten, mir durch deine Einmischung die inneren Kämpfe nicht zu erschweren. Wie bereits gesagt, bin ich gewohnt, mit mir und anderen allein fertig zu werden, und so will ich's auch in diesem Falle gehalten wissen. Uebrigens dürft ihr ruhig sein -- du und die Großmama -- es widerstrebt mir selbst, hart und gewaltsam vorzugehen; ich habe eine geräuschlose Verbündete, und das ist -- die Zeit.«
Sie nahm das Kelchglas vom Schreibtische und netzte die fast weiß gewordenen Lippen mit einigen Tropfen Rotweins, während die Präsidentin, ohne ein Wort weiter zu verlieren, sich anschickte, in den Salon zurückzukehren.
»Apropos, Moritz!« rief sie, die Hand auf das Thürschloß legend. »Was wird nun mit Käthe geschehen?«
»Darüber müssen wir das Testament entscheiden lassen,« versetzte er, wie befreit aufatmend. »Ich bin völlig ahnungslos, wie der Schloßmüller verfügt hat. Käthe ist seine einzige Erbin; ob er sie aber auch als solche bestätigt, das fragt sich; er ist ihr ja immer gram gewesen, weil ihre Geburt seiner Tochter das Leben gekostet hat ... Auf jeden Fall wird sie für einige Zeit hierher kommen müssen.«
»Gib dir keine Mühe -- die kommt nicht; die hängt noch heute so fest an den Rockfalten ihrer alten, unausstehlichen Gouvernante wie zu Papas Lebzeiten,« sagte Flora. »Man muß nur ihre Briefe an dich lesen.«
»Nun vielleicht ist's auch besser, sie bleibt, wo sie ist,« meinte die Präsidentin fast lebhaft. »Aufrichtig gestanden, ich verspüre nicht viel Lust, sie unter meine Flügel zu nehmen und vielleicht stündlich an ihr herumzumäkeln -- das gibt viel stillen Aerger ... Ich habe mich nie recht für sie erwärmen können, nicht etwa, weil sie das Kind der ‚andern‘ war -- darüber habe ich stets gestanden, aber sie kroch mir zu viel drüben in der Mühle herum, hatte die Zöpfe und Kleider stets voll Mehlstaub und war ein recht eigenwilliges kleines Ding.«
»Ja, so ein rechter Querkopf aus dem Volke, und doch -- Papas Liebling,« warf Flora mit bitterem Lächeln hin.
»Scheinbar, Kind, weil sie seine Jüngste war,« sagte die Präsidentin, die grundsätzlich nie den Gedanken aufkommen ließ, daß eines ihrer Angehörigen je zurückgesetzt werden könne; »er hat euch ebenso lieb gehabt. Nun, Moritz, wirst du mitkommen?«
Er bejahte hastig. Beide entfernten sich, Flora aber schellte ihrer Kammerjungfer. »Ich will mich in mein Schlafzimmer zurückziehen und dort arbeiten -- trage das Schreibzeug und diese Papiere hinüber!« befahl sie. »Selbstverständlich bin ich für niemand mehr zu sprechen.«
Der feurig rote Streifen draußen erlosch; das weiße Licht des Salons aber schimmerte bis weit über die Mitternacht in die dunkle, sturmgepeitschte Allee hinein ... Der Kommerzienrat saß am Spieltische. Alle Anwesenden hatten bei seinem Eintreten einen liebenswürdigen Gruß, ein vertrauliches Händeschütteln für ihn gehabt, und das hatte sein beklommenes Herz durchwärmt und umschmeichelt wie Sonnenschein. Inmitten dieser Gesichter, mit der Vornehmheit des Adels oder dem Beamtenhochmute in den Zügen, fand er seine Handlungsweise so vollkommen gerechtfertigt, daß er die quälenden Skrupel der letzten Stunde fast nicht mehr begriff. Weshalb sich einem schiefen Urteile aussetzen, wenn man sich bewußt ist, nicht einmal in Gedanken gesündigt zu haben? Und um welche Gemeinheit handelte es sich! All den allerliebsten Skandalgeschichten, die auch jetzt von Mund zu Mund schlüpften, hing man mit feinem, verständnisinnigem Lächeln »das seidene Mäntelchen« um -- es waren ja insgesamt noble Passionen und Verirrungen, die man geißelte; bei dem Verdachte eines gemeinen Attentates auf den Geldschrank des Schloßmüllers aber ließen sicher alle diese Leute den ohnehin in ihren Kreis Eingeschmuggelten gnadenlos fallen ... Allerdings durfte er sich jetzt nicht mehr damit trösten, daß sein Verschweigen niemand schade; es drohte scheidend zwischen zwei Menschen zu treten, die bereits durch den Verlobungsring aneinander gekettet waren -- bah, Flora war ein exzentrisches Wesen! Bei der nächsten Auszeichnung, die Bruck zu teil wurde -- und die konnte bei seinen Verdiensten, seinem Wissen nicht ausbleiben --, besann sie sich eines Bessern ... Er schlürfte ein Glas köstlicher Bowle, und das spülte die letzten Skrupel gründlich weg.
3.
Der Schloßmüller hatte in der That seine Enkelin, Katharina Mangold, testamentarisch zu seiner Universalerbin ernannt und den bereits von ihrem verstorbenen Vater für sie bestellten Vormund auch seinerseits bestätigt. -- Dieser Vormund war der Kommerzienrat Römer. Bei der Eröffnung des Testaments war diesem doch sehr wunderlich zu Mute gewesen, und er hatte den Kopf geschüttelt über die Widersprüche, die ungeahnt in der Menschenseele nebeneinander liegen. Der alte Mann, der ihn in dem jähen Wahne, er wolle ihn seines Goldes berauben, nahezu erwürgt, hatte ihn kaum eine Stunde zuvor bezüglich der Verwaltung des Vermögens mit beinahe unumschränkter Vollmacht betraut. Er hatte verfügt, daß, falls die beabsichtigte Operation seinen Tod nach sich ziehe, sofort sein gesamter Besitz an Liegenschaften, mit Ausnahme der Schloßmühle, verkauft werde. In betreff dieser Ausnahme hatte er bemerkt, die Mühle habe ihn zum reichen Manne gemacht, und seine Enkelin, selbst wenn sie »so stolz und hochnäsig wie ihre Stiefschwestern« geworden sei, brauche sich nicht zu schämen, sie ihrem künftigen Ehemanne mitzubringen. Das Rittergut sollte zerschlagen, die Waldungen, Ländereien und die Wirtschaftsgebäude inmitten der weiten Gras- und Gemüsegärten je einzeln und an den Meistbietenden veräußert werden; bezüglich der Villa und des dazu gehörigen Parkes solle jedoch der Kommerzienrat Römer, sofern er darauf reflektiere, die Vorhand haben, und sei ihm der Besitz mit fünftausend Thalern unter dem Taxwert zuzuweisen. Diese fünftausend Thaler habe er nicht allein als Entschädigung für seine vormundschaftliche Mühewaltung, sondern auch als ein Zeichen der »Erkenntlichkeit« des Testators anzusehen, da er sich niemals hochmütig, wie »die anderen in der Villa«, sondern weit eher wie ein anhänglicher naher Verwandter bezeigt habe. Ferner sollte auf Grund des Testamentes das Gesamtvermögen in Staatsobligationen und anderen soliden Papieren angelegt und die Wahl derselben dem Ermessen des Vormundes, als eines tüchtigen und umsichtigen Geschäftsmannes, überlassen sein.
Die junge Erbin lebte seit sechs Jahren entfernt von der Heimat. Ihr sterbender Vater hatte sie der Gouvernante, einem Fräulein Lukas, übergeben, welche die Erziehung des Kindes seit dessen erstem Lebensjahre in den Händen gehabt und in der That Mutterstelle an ihm vertreten hatte. Bankier Mangold hatte sehr wohl gewußt, daß er seinen Liebling, der sich stets scheu von den weit älteren Stiefschwestern fern gehalten, dieses Schutzes nicht berauben dürfe, und deshalb verfügt, daß Katharina mit nach Dresden gehen solle, wo die Erzieherin nach langjährigem Brautstand mit einem Arzte gerade um jene Zeit ihren eigenen Hausstand begründete ... Das junge Mädchen hatte in ihren Briefen an den Vormund nie den Wunsch ausgesprochen, die Heimat wiederzusehen; ebensowenig war es ihrem Großvater, dem Schloßmüller, eingefallen, sie je zurückzufordern; er war damals vollkommen mit ihrer Uebersiedelung nach Dresden einverstanden gewesen, weil ihr Anblick den Gram um das einzige Wesen, das er geliebt, um seine Tochter, stets erneute. Nun nach seinem Tode hatte der Vormund ihre Rückkehr auf einige Zeit gefordert; er hatte ihr zugleich mitgeteilt, daß er sie selbst mit Eintritt der wärmeren Jahreszeit, Ende April, abholen wolle, weil -- was er selbstverständlich verschwieg -- die Präsidentin Urach sich entschieden gegen etwaige Begleitung der ehemaligen Gouvernante verwahrte. Die Mündel war mit allem einverstanden gewesen, und hatte ihn nur auf seine Frage, ob sie bei Ausführung der testamentarischen Bestimmungen irgend einen persönlichen Wunsch habe, dringend gebeten, bei Verpachten der Schloßmühle die große Eckstube nebst Alkoven zu reservieren und beide Räume genau zu belassen, wie sie zu des Großvaters Lebzeiten eingerichtet gewesen seien. Das war geschehen. --
Es war im Monat März, da kam eine junge Dame von der Stadt her. Sie ging auf der Chaussee, die mit den letzten vereinzelten Ausläufern der Straße, hübschen kleinen Landhäusern, zu beiden Seiten besetzt war, und bog in den breiten Fahrweg ein, der nach der Schloßmühle führte. Noch war das Schmelzwasser des letzten Schneefalles nicht ganz versickert; es stand in den breiten Furchen, welche die Räder der Mühlenwagen gewühlt hatten, und in den tiefeingedrückten Spuren der vielen Sohlen, die hier verkehrten; aber die schlanken Füße des jungen Mädchens steckten in festen Lederstiefelchen und das schwarze Seidenkleid war so hoch aufgeschürzt, daß der elegant bordierte Saum mit dem triefenden Geröll nicht in Berührung kam. Es war durchaus keine Elfe oder Sylphide, das Menschenkind, das so kräftig und sicher dahergeschritten kam; weit eher eine Gestalt, wie man sich ein schönes Schweizermädchen denkt, dem die kräuterwürzige Alpenmilch und der reine Atem der Bergluft das Blut mischen und Adern und Sehnen vor Gesundheit strotzen machen. Eine anliegende, mit Pelz besetzte schwarze Samtjacke bezeichnete die kräftigen, aber schön geschwungenen Linien der Taille und des Busens, und auf dem lichtbraunen Haar saß, ein wenig schief gerückt, eine Mütze von Marderfell. Das Gesicht war weit entfernt, proportioniert oder gar klassisch regelmäßig zu sein -- das gebogene Näschen war zu kurz im Verhältnis zur Wölbung und Breite der Stirn, der Mund zu groß, das runde Kinn mit dem Grübchen ein wenig zu kräftig vorgeschoben, der Bogen der Brauen nicht bestimmt genug, aber diese Mängel wurden aufgewogen durch die reine, von den breiten Schläfen ausgehende Ovallinie und die unvergleichliche Jugendfrische und Blüte der Gesichtsfarbe.
Die junge Dame trat in das offene Hofthor der Schloßmühle. Eine Schar Hühner, die, einer Spur verstreuter Getreidekörner nachgehend, eben auf dem Fahrweg hinausspazieren wollte, stob gackernd vor ihr auseinander, und die Hofhunde fuhren mit wütendem Gebelle aus ihrem trägen Halbschlummer empor. Wie floß das neue Frühlingssonnenlicht goldglänzend über die Mauern des alten, prächtigen Hauses, deren gewaltige Quadern vor alten Zeiten unter den Augen des fürstlichen Erbauers aufeinander getürmt worden waren! Vorgestern erst war die letzte dicke Eiszacke klingend von dem aufgesperrten Löwenrachen der blechernen Dachrinne gefallen und heute zitterte und flimmerte die Luft über dem sonnenerhitzten Schiefer des Daches. Aus den dicken braunen Knospen der Kastanien quoll das Harz und ließ sie glitzern, als seien sie mit Diamantenstaub bestreut; ein paar Töpfe mit halb verkümmerten Stubenpflanzen standen, zum erstenmal wieder in die laue freie Luft gerückt, vor dem einen Fenster der Knappenstube, und auf dem hölzernen ausgetretenen Freitreppchen, das von dieser Stube direkt in den Hof führte, saß ein weiß bestäubter Müller und schnitt sich tüchtige Brocken von Brot und Käse.
»Mohr! Wächter!« rief die junge Dame mit schmeichelnder Stimme über den Hof hinüber. Die Hunde gebärdeten sich wie toll und rissen winselnd an der Kette.
»Was wünschen Sie?« fragte der Müller sich schwerfällig erhebend.
Sie lachte leise in sich hinein. »Ich wünsche gar nichts, Franz, als Ihnen und Suse guten Tag zu sagen.«
Im Nu flogen Brot, Käse und Messer hinter das Treppengeländer. Der Mann war nicht groß. Er war kleiner als das junge Mädchen -- er sah sprachlos in das blühende Gesicht, das er zum letztenmal gesehen, wie es, noch nicht einmal in der Höhe seiner breiten Schultern, auf einem schmächtigen Kindeskörper gesessen; sie hatte »das Müllermäuschen« geheißen und war ihm in der Mühle und auf dem Kornboden, in der That quecksilbern wie eine Maus, auf Schritt und Tritt nachgehuscht -- und jetzt war sie die Herrin hier und er, der ehemalige Obermüller, ihr Pächter. »Kurios,« sagte er, in unbeholfener Verlegenheit den Kopf schüttelnd, »die Grübchen in den Backen und die Augen sind's noch, aber, aber das unmenschliche Wachstum!« Er ließ seine Augen scheu und ungläubig messend an der hohen Gestalt emporgleiten. »Na ja, da hat eben der Trieb von der Sommers-Großmutter her dahinter gesteckt; die war auch so wie Milch und Blut und -- wollt ihr wohl still sein, ihr Racker!« unterbrach er sich scheltend und drohte mit der Faust nach den unaufhörlich bellenden Hunden. »Die Schlingel kennen Sie wirklich noch, gnädiges Fräulein --«
»Besser als Sie; das ‚unmenschliche Wachstum‘ hat sie nicht irre gemacht,« versetzte sie zu den Hunden tretend und die hoch an ihr aufspringenden Tiere schmeichelnd. »Sie titulieren mich ja wunderlich, Franz. Ich bin nicht avanciert in Dresden, das kann ich Ihnen versichern.«
»Aber die Fräuleins drüben in der Villa lassen sich ja auch so benennen,« sagte er mit steifem Nacken und starrköpfig.
»Ah so!«
»Und Sie sind doch zehnmal mehr. So jung und schon so reich, so unmenschlich reich! Die Mühle da, die schönste weit und breit -- Sapperment, das will was heißen! Herrje -- nur ein Mädchen, und kaum achtzehn Jahre alt, und das Kommando über eine solche Mühle!«
Sie lachte. »Das steht mir allerdings zu, und ich will Ihnen das Leben schon sauer machen, alter Franz ... Wo steckt denn Suse?«
»Die hat Stubenarrest, hat's wieder einmal in der rechten Seite, das arme alte Frauenzimmer. Die Hausmittel wollen nicht mehr recht verfangen. Doktor Bruck ist eben bei ihr.«
Die junge Dame reichte ihm die Hand und trat sofort in das Haus. Die schwere Bohlenthür fiel rasselnd, mit gellendem Geklingel hinter ihr zu, und der Lärm hallte von allen vier Wänden der weiten Flur zurück ... Unter den Füßen der Eingetretenen schütterte der Boden sehr stark. Das Tosen und Stampfen des Mahlwerks dröhnte dumpf durch die kleine, klaffende Thür im gewölbten Steinbogen, und der Duft des frisch zermalmten Kornes füllte kräftig durchdringend die Luft. In tiefen Zügen sog ihn das junge Mädchen ein -- eine ganze Flut von Erinnerungen überwältigte sie; sie wurde blaß vor innerer Bewegung und blieb mit gefalteten Händen einen Augenblick stehen. Ja, sie war um alles gern in der alten Mühle »herumgekrochen«, wie die Präsidentin von ihr sagte, und der Papa hatte ihr oft genug den Mehlstaub von Zöpfen und Kleidern geklopft -- er hatte sie lächelnd »sein weißes Müllermäuschen« genannt. Der finstere Mann, ihr Großvater, der meist von dort oben, über das Treppengeländer hinweg, mürrisch, mit herrisch polternder Stimme seine Befehle herabgerufen, er hatte sie nie geliebt. Sie war fast immer vor seinem feindseligen Blicke in Susens blanke Küche oder zu Franz geflüchtet, und doch dachte sie mit bitterer Wehmut seiner und wünschte, er möge wieder da herabsteigen mit den wuchtigen Tritten, unter denen die Treppenstufen geächzt; vielleicht fürchtete sie sich nicht mehr vor dem Gesichte, das, wie sie nun wußte, hauptsächlich Geldstolz und Protzentum so abstoßend gemacht hatten; vielleicht wäre er jetzt auch milder und zugänglicher, weil sie der Großmutter ähnlich geworden.
Sie fand die Thür der Eckstube droben verschlossen, aber aus dem schmalen Gange, der das Hintergebäude mit dem Vorderhause verband, scholl Susens weinerlich klagende Stimme. Ach ja, dort war die Schlafkammer der alten Jungfer, das dunkle Stübchen mit den runden, in Blei gefaßten Fensterscheiben und der Aussicht auf das graue Schindeldach eines Holzschuppens und das niemals trocknende Pflaster des Seitenhöfchens. Sie schüttelte unwillig den Kopf und betrat den Gang.
Eine heiße, dumpfe, mit Rauch erfüllte Krankenluft schlug ihr beim Oeffnen der Thür entgegen, und dort in dem häßlichen Zwielicht, welches das erblindete, fahlgrüne Fensterglas verbreitete, stand ein Mann, mit dem Rücken ihr zugewandt. Er war sehr groß -- er überragte sie offenbar um ein bedeutendes -- und breit von Schultern. Jedenfalls war er im Begriffe zu gehen, denn er hielt Hut und Stock in der Hand ... Ah, das war also Doktor Bruck, von welchem Schwager Moritz vor acht Monaten, bei Gelegenheit der Verlobungsanzeige, geschrieben hatte, daß er ihre schöne Schwester Flora schon als Gymnasiast heimlich geliebt, selbstverständlich aber damals nicht gewagt habe, zu dem geistreichen, hochgefeierten Mädchen emporzusehen, und nun sei er doch am schwererkämpften und errungenen Ziel -- das war er also. Sie hatte seitdem die Verlobung eigentlich wieder vergessen, und auch während ihrer Herreise war ihr nicht ein einziges Mal eingefallen, daß sie ja ein Glied der Familie _mehr_ vorfinden würde.
Hatte das Seidenkleid der jungen Dame gerauscht -- die angelehnte Thür hatte sich vollkommen geräuschlos in ihren Angeln gedreht -- oder wehte ein reinerer Luftstrom mit ihr herein, die in der That so frühlingsfrisch auf die Schwelle trat, als gehe der Veilchenhauch, den man bereits in den letzten Märztagen zu spüren meint, von ihr aus -- der Arzt drehte sich rasch um.
»Doktor Bruck? Ich bin Käthe Mangold,« sagte sie, sich kurz und flüchtig vorstellend; dabei ging sie rasch an ihm vorüber und streckte Suse, die, in Bettkissen gepackt, zusammengekrümmt auf einem Lehnstuhle hockte, beide Hände entgegen.
Die Alte starrte sie mit blöden Augen an.
»Ich komme da herein, wie vom Himmel geschneit, nicht wahr, Suse? Aber gerade zur rechten Zeit, wie ich sehe,« sagte sie und strich der Kranken die unordentlich um die Stirn hängenden greisen Haare unter die Nachthaube. »Wie kömmt es, daß ich dich _hier_ finde, in dieser elenden Hinterstube? Der Ofen raucht, und bei aller Glut, die er ausströmt, sitzen die Moderspuren an den Wänden. Hat man dir nicht gesagt, daß du in der Eckstube wohnen und im Alkoven schlafen sollst?«
»Ja wohl, das hat der Herr Kommerzienrat gesagt, aber es müßte doch da bei mir rappeln,« sie tippte mit dem Zeigefinger auf die Stirn, »wenn ich mich mutterseelenallein in die gute Eckstube setzen wollte wie eine Gnädige oder gar wie die selige Schloßmüllerin selber.«
Die junge Dame verbiß ein schalkhaftes Lächeln. »Aber, Suse, hattest du nicht auch beim Großpapa das Recht, dich in der Wohnstube aufzuhalten? Im Fenster stand ein Spinnrad -- ich habe dir's oft genug in Unordnung gebracht -- und auf der Kommode dein Nähkästchen ... Ist ein Zimmerwechsel zulässig, Herr Doktor?« wandte sie sich ohne weiteres an den Arzt.
»Dringend nötig sogar, aber ich bin bisher auf einen entschiedenen Widerstand der Kranken gestoßen,« versetzte er achselzuckend. Er hatte eine sonore und sanfte Stimme, die in diesem Augenblicke jenen moderierten Klang nicht verkennen ließ, den man dem Leiden gegenüber so leicht annimmt.
»Nun dann wollen wir aber auch keinen Augenblick verlieren,« sagte Käthe. Sie nahm das Pelzbarett ab, legte es auf Susens Bett und zog die Handschuhe aus.
»Nicht um die Welt bringen Sie mich 'nüber,« protestierte die Haushälterin. »Fräulein Käthchen, thun Sie mir das nicht an!« bat sie weinerlich. »Die Stube ist mein Augapfel; ich putze und blinke alle Tage drin auf, seit mir der Herr Kommerzienrat gesagt hat, daß Sie kommen wollten. Erst vorgestern habe ich neue Vorhänge drin aufstecken lassen.«
»Nun gut, so bleibe! Ich hatte mir vorgenommen, wie in meiner Kindheit nachmittags den Kaffee in der Mühle zu trinken. Wenn du aber so eigensinnig bist, dann komme ich _gar_ nicht; darauf kannst du dich verlassen. Ich bleibe ohnehin nur vier Wochen in M. -- und dann magst du deine ‚aufgeblinkte‘ Stube mit den geschonten Gardinen präsentieren, wem du Lust hast.«
Das half. In Gesicht und Haltung des jungen Mädchens lag so viel strafender Ernst, so viel Entschiedenheit, daß man sofort sah, sie habe nicht zum erstenmal mit einer widerspenstigen Kranken zu thun.
Suse zog aufseufzend den Stubenschlüssel unter ihrem Kopfkissen hervor und reichte ihn der jungen Dame hin, die nun auch rasch ihre Samtjacke abstreifte. »Die Eckstube ist jedenfalls nicht geheizt,« sagte sie und griff nach dem Holzkorbe, der neben dem Ofen stand.
»Nein, das können Sie unmöglich,« sagte Doktor Bruck mit einem Blick auf ihren eleganten Anzug. Er legte rasch Hut und Stock auf den Tisch.
»Es wäre sehr beschämend für mich, wenn ich das _nicht_ könnte,« versetzte sie ernsthaft, aber mit tieferröteten Wangen -- sie hatte seinen zweifelhaften Blick wohl bemerkt.
Sie ging hinaus, und wenige Minuten darauf prasselte ein tüchtiges Feuer im Ofen, während Doktor Bruck die Fenster der Eckstube öffnete, um den lauen Märzodem erst noch einmal durch den mit dumpfer Scheuerluft erfüllten Raum strömen zu lassen.
Käthe trat ein. »Ich bitte, sich zu überzeugen, daß ich salonfähig geblieben bin, Herr Doktor,« sagte sie, nicht ohne einen Anflug von Spott ihm ihre schlanken, rosigen Hände mit dem tadellos weißen Leinwandstreifen am Armgelenk hinstreckend.
Ein ausdrucksvolles Lächeln ging über sein ernstes Gesicht, aber er schwieg und war bemüht, das südliche Eckfenster wieder zu schließen, durch welches der Zugwind die Eingetretene so derb anblies, daß das braune Lockengeringel von ihrer Stirn wegwehte. Auch der Vorhang blähte sich auf und flog in die Stube herein; Käthe griff mit flinken Händen zu und suchte den steifen Faltenwurf wieder zu ordnen.
»Die gute Suse -- wenn sie nur wüßte, welchen Streich sie mir spielt mit diesen Gardinen!« sagte sie halb lächelnd, halb verdrießlich. »Ich muß das Zeug nun wohl oder übel hängen lassen, denn sie hat es sicher vom Vormund für mich erpreßt. Gemusterte Mullgardinen vor solchen Fensterbögen, in der schönsten mittelalterlichen Wohnstube, die sich denken läßt! ... Ich hatte mir vorgenommen, sie wieder einzurichten, wie sie vor drei Jahrhunderten gewesen sein mag -- mit runden, bleigefaßten Glasscheiben, mit Klappsitzen von Eichenholz, hier zu beiden Seiten der Fensternischen in die Wand eingefügt und mit Polstern belegt und dort auf die massive Hausthür, von der die Stufen herabführen, sollten neue Metallbeschläge kommen. Die alten hat jedenfalls erst der Großpapa abreißen lassen; man sieht deutlich, wo sie gesessen haben. Und nun denken Sie sich die alte Suse mit ihrem Spinnrad in dem einen Fenster! ... Ich hatte mir das wirklich sehr hübsch und anheimelnd ausgedacht -- nun werde ich's bei ihr nicht durchsetzen.«
»Aber ich begreife nicht -- sind Sie denn nicht die Herrin?«