Part 28
Eine dunkle Röte der Ueberraschung überflog Floras Wangen. Es begann in ihren Augen zu glimmen; sie biß sich auf die Lippen. »Ei, davon erfährt man ja das erste Wort. Und auch die Duckmäuserin mit dem ‚reinen‘ Herzen hat Grund gehabt, diese interessante Begegnung zu verschweigen.« Sie lachte kurz und hart auf. »Nun, und weiter, Bruck?« Die Arme noch fester unter dem Busen kreuzend, stemmte sie den Fuß sichtlich herausfordernd auf den Teppich.
»Wenn du in dem Tone verharrst, dann bleibt mir kein Weg zur Verständigung als der schriftliche.« Er wollte mit allen Zeichen der Entrüstung vor ihr vorübergehen.
Sie vertrat ihm den Weg. »Mein Gott, wie du das tragisch nimmst! Ich bemühe mich ja nur, auf deine kleine Komödie einzugehen. Also in einen Federkrieg willst du dich mit mir einlassen? Lieber Leo, da ziehst du den kürzeren -- darauf verlasse dich! -- magst du auch noch so viel epochemachende medizinische Broschüren in die Welt geschickt haben.«
Das übermütige Lächeln, das ihre Versicherung begleitete, erstarb ihr auf den Lippen, ein so eisig finsterer Blick begegnete dem ihren. Jetzt dämmerte allmählich die Ahnung in ihr auf, es könne ihm doch wohl Ernst, bitterer Ernst sein -- nicht mit seiner fingierten Liebe für »die Jüngste« -- die war nun einmal nicht denkbar -- wohl aber mit dem Entschlusse, bei aller Leidenschaft für sie, doch lieber in der letzten Stunde noch mit der kapriziösen Braut zu brechen, als sich zeitlebens der »Feuerprobe« zu unterwerfen. Sie bereute ihr Vorgehen, und dennoch siegte der wilde Trotz, der beispiellose Uebermut in ihr.
»So gehe!« sagte sie rasch zur Seite tretend. »Solche Blicke, wie du mir eben zugeworfen hast, vertrage ich nicht. Gehe -- ich rühre nicht einen Finger, dich zu halten.« Sie brach in ein schneidendes Hohngelächter aus. »O Männercharakter, viel berühmter und besungener! Es hat eine Zeit gegeben, wo ich fast auf den Knieen um meine Freiheit gebettelt habe; man war würdelos genug, die widerstrebende Braut um so fester in Ketten zu legen. Da sieh und lerne von mir, was in solchen Momenten selbst für ‚die schwache, eitle Frauenseele‘ einzig und allein maßgebend ist: der Stolz --«
»Es war _auch_ Stolz, der mich damals unerbittlich bleiben ließ, unbändiger Stolz, wenn auch ein ganz anderer, als das Gemisch von Trotz und Grimm, das du als solchen bezeichnest,« unterbrach er sie mit maßvoller Ruhe, obgleich die letzte Spur von Farbe aus seinen Wangen gewichen war. »Ich bekenne mich ja dazu, schwer gefehlt zu haben; ich werde dich, wie bereits gesagt, mit keiner Verteidigung behelligen, die andere auch nur entfernt der Mitschuld bezichtigen könnte. ... Der Impuls meiner damaligen Handlungsweise war das Pochen auf die eigene Kraft, auf den Manneswillen, der mit allen Gefühlsausschreitungen der Seele fertig werden _müsse_, wie ich wähnte. Ich gab dir dein Wort nicht zurück, weil ich gewohnt war, das meine, einmal gegeben, in _allen_ Lebenslagen als unverbrüchlich bis in alle Ewigkeit anzusehen; von dem Standpunkte aus erschien mir unser Verlöbnis so unlösbar wie dem Katholiken die Ehe ... Ich leugne nicht, daß auch der Rest studentischer Ehrbegriffe in mir nachwirkte. An jenem Abende habe ich dir diesen einen Beweggrund ausgesprochen, und ich muß ihn auch jetzt noch einmal betonen: Ich wollte nicht in die Schar derer zurücktreten, die an deinem Siegeswagen gezogen und dann mit Eklat entlassen worden waren; ich wiederhole, daß ich diese Anschauung jetzt als jugendlich unreif verwerfe, weil in solchen Fällen nicht die Ehre des Mannes, sondern die der Frau kompromittiert ist.«
Sie wandte ihm mit einem zornflammenden Blicke den Rücken und ließ ihre Finger in leisem, unregelmäßigem Getrommel auf der Tischplatte spielen. »Ich habe dir nie verschwiegen, daß meine Hand unzähligemal begehrt und erstrebt worden ist, ehe ich mich mit dir verlobte,« sagte sie stolz nachlässig, ohne auch nur den Kopf in der Richtung nach ihm zu bewegen.
»Du so wenig wie alle meine Bekannten,« fiel er ein. »Du darfst aber nicht vergessen, daß du das unnahbare Ideal meiner Jugend gewesen bist. Auf der Universität und noch im letzten Feldzuge hat mich der Gedanke angespornt, daß das stolze Herz der Vielumworbenen sich noch keinem zugeneigt, daß es den hoch beglücken müsse, der es erringe --« Er unterbrach sich -- er durfte und wollte sich nicht auf ihre Koketterie beziehen; er verschmähte alle, auch die begründetsten Vorwürfe als Hilfstruppen.
»Und möchtest du dem entgegen behaupten, ich hätte auch nur einen aus dem Troß dieser unvermeidlichen Anbeter geliebt?« brauste sie auf.
»_Geliebt?_ Nein, Flora, keinen von allen -- auch mich nicht,« rief er, doch wieder fortgerissen. »_Geliebt_ hast du stets nur die unvergleichliche Schönheit, die gesellschaftliche Tournüre, den vielbewunderten Esprit, den künftigen Ruhm der gefeierten Flora Mangold.«
»Sieh, sieh -- die Schmeichelei des Liebenden habe ich stets auf deinen Lippen schmerzlich vermißt; selbst beim bräutlichen Kosen hast du nie einen bezeichnenden Schmeichelnamen für mich gefunden -- und jetzt, in der Erbitterung, zeigst du mir ein Spiegelbild, mit welchem ich wohl zufrieden sein kann.«
Er errötete wie ein Mädchen. Es war lange her, daß er den schönen Mund dort nicht mehr geküßt, und doch meinte er, daß es überhaupt geschehen, sei eine Versündigung an der andern, die, rein und unberührt an Leib und Seele, sein Frauenideal erst jetzt verwirklichte. Er entzog unwillkürlich sein Gesicht den Augen, die ihn mit einem heimlich lachenden Ausdrucke fixierten, und sah in den Garten.
Ah, sie hatte ihn im richtigen Moment an schöne Zeiten erinnert -- jetzt hatte sie gewonnenes Spiel. »Leo, bist du wirklich zu mir gekommen, um hart mit mir zu verfahren, um mich anzuklagen?« fragte sie, rasch zu ihm tretend -- sie legte ihre Hand auf seinen Arm.
»Du vergissest, daß du mich zu dir beschieden hast, Flora,« entgegnete er ernst. »Ich wäre nicht aus eigenem Antriebe gekommen -- ich habe oben _zwei_ Kranke; Henriettens Zustand ist gegen Morgen bedenklich geworden; ohne deinen ausdrücklichen Wunsch würde ich sie nicht verlassen haben, so wenig, wie ich in diesen unseligen Tagen voll Angst und namenloser Verwirrung daran gedacht hätte, eine Entscheidung herbeizuführen, wie du sie vorhin provoziert hast.«
»Eine Entscheidung? Weil ich dich in kindischem Trotz und Aerger gehen hieß? ... Geh, wie magst du Mädchenzorn so bitter ernst nehmen!« Das sagte sie, die sonst jede mädchenhafte Regung, als ihres männlich gearteten Geistes unwürdig, verleugnete -- mit dieser aalglatt entschlüpfenden Frauenseele war schwer zu rechten.
Dem Doktor stieg das Blut in das Gesicht; sie hatte ihn durch ihre unberechenbaren Einwürfe einen Kreislauf machen lassen -- er stand wieder am Ausgangspunkte. »Ich messe dir auch _darin_ die Schuld nicht bei,« antwortete er mit unverkennbar hervorbrechender leidenschaftlicher Ungeduld. »_Ich_ habe mich hinreißen lassen, dir zu gestehen --«
»Ach ja, du sprachst von deinem Manneswillen, der mit allen Gefühlsausschreitungen fertig werden _müsse_ -- ist er dir dennoch treulos geworden?«
»Nein, treulos nicht; er hat sich nur einer besseren Ueberzeugung unterwerfen müssen. Flora, ich habe dir gleich zu Anfang gesagt, daß ich bei meiner Weigerung, unser Verlöbnis zu lösen, von einem falschen Grundsatze ausgegangen sei. Ich wußte damals längst, daß nicht eine Spur wahrer, hingebender Liebe für mich in deinem Herzen lebte, und auch ich hatte mit meinem Gefühle für dich vollkommen abgeschlossen, das enthusiastische Bewunderung von der Ferne aus, niemals aber warme, innige Herzensneigung gewesen war -- wir hatten beide geirrt. Zwar litt ich schwer unter dem Bewußtsein, einer liebeleeren Zukunft entgegenzugehen, ich, dem die Natur ein liebeheischendes Herz gegeben, der ich mir den eigenen Herd nicht ohne die verklärende Familienliebe denken kann, aber ich fügte mich, und du hast dich noch rascher mit deiner vermeintlichen Nebenbuhlerin, meiner Praxis, abgefunden; du hast die Entfremdung willig sanktioniert, weil sie dir kein inneres Opfer auferlegte.«
Sie schwieg und ihre Augen irrten unwillkürlich über den bestaubten Teppich hin -- es war ihr unmöglich, dem Sprechenden in das ernste, von tiefer Erregung beseelte Gesicht hinein zu lügen.
»Und ich klammerte mich um so angstvoller an die Unverletzlichkeit meines Wortes, je treuloser meine Gedanken von dir abirrten --«
»Ah -- also doch?«
»Ja, Flora. Ich habe gerungen mit meiner Neigung, wie mit einem erbitterten Todfeinde.« Ein schwerer, gepreßter Atemzug hob seine Brust. »Ich bin vom ersten Augenblick an hart, grausam mit mir selbst und mit dem Mädchen verfahren, das mir diese unbesiegbare Neigung einflößte. Ich habe jede, auch die unschuldigste Annäherung streng von mir gewiesen -- nicht einmal die Blumen, die sie in der Hand gehalten und achtlos vergessen hatte, litt ich in meinem Zimmer. Sie war gern in meinem Hause, und ich wehrte diesem Verkehre, als ob sie mir einen Feuerbrand unter das Dach trage; ich war kalt, unhöflich ihr in das Gesicht hinein, das mich doch entzückte wie noch nie ein Menschenantlitz --«
»Mein Gott, ja -- man begreift das! Entzückend für das Auge des Arztes, gesund und rund und weiß und rot, als habe die Natur den Tüncherpinsel dazu genommen.« Mit diesen Worten wich die Erstarrung, die über die atemlos horchende Frauengestalt gekommen war -- sie preßte die geballte Rechte heftig gegen die Brust. »Und ein solches Bekenntnis wagst du mir gegenüber? Wie, Blumen wirft diese naive Jugend in das Zimmer der Männer, die sie kirren will --«
»Still!« er hob die Hand mit jenem gebieterisch zwingenden Blicke, der stets selbst diesen Mund verstummen machte. »Mich überschütte mit Vorwürfen -- ich will sie widerstandslos über mich ergehen lassen, vor Käthe aber stehe ich in Wehr und Waffen. Sie hat meine Liebe für sich niemals angefacht; sie ist nach Dresden zurückgekehrt und hat nicht gewußt, wie es um mich, wie es um -- sie selbst steht. Weshalb sie damals gegangen, das weißt du am besten. Während man sie von einer Seite drängte, eine Ehe ohne Liebe einzugehen, wurde ihr von der andern erschreckend deutlich nahegelegt, daß sie ihr Zimmer zu räumen und einem hochgeborenen Besuche Platz zu machen habe. Ich war Zeuge dieser unverblümten Ausweisung; um ein Haar hätte ich mich damals vergessen und der Frau Präsidentin Worte der Erbitterung gesagt, und doch, als die indirekte Aufforderung an mich erging, die Ueberzählige in mein Heim aufzunehmen, da hatte auch ich keinen Raum für sie; ja, sie mußte eine Stunde später vor meinem Hause, wenn auch ohne mein Wissen, mit anhören, wie ich meine Tante ersuchte, den Verkehr mit ihr abzubrechen, solange ich noch aus- und eingehe. Und da ist sie gegangen, tiefverletzt in ihrem stolzen, festen und doch so weichen Gemüte, und ich war barbarisch, nein, unmoralisch genug, um eines falschen Prinzips, um eines thönernen Götzen willen, der gewisse Ehrbegriffe repräsentiert, in der großen Lüge zu beharren, die ich ihr, mir selbst und der ganzen Welt glaubwürdig zu machen suchte.«
Wie überwältigt von seiner eigenen Schilderung schwieg er sekundenlang; Flora warf sich über das Ruhebett hin und preßte den Kopf zwischen ihre schmalen Hände, als wolle sie nichts mehr hören, aber er fuhr fort: »Ich ließ sie erbarmungslos gehen; ich atmete auf -- nun sollte es besser gehen mit mir und meiner inneren Qual -- thöricht, thöricht! Ich sah nicht, wie in demselben Augenblicke, wo sie hinter dem Ufergebüsche verschwand, ein Dämon an mich herankroch, der sich festklammerte -- es war nicht die Ueberbürdung meiner Praxis, was mich hohlwangig und der Geselligkeit gegenüber finster und feindselig machte -- in der angestrengten Arbeit und Thätigkeit bin ich stets freudig und thatkräftig geblieben -- es war die Sehnsucht, die sich von Tag zu Tag steigerte.«
Er hatte den Fensterbogen verlassen und durchmaß das Zimmer in sichtlichem inneren Aufruhre, und jetzt erhob sich Flora wieder wie mit einem gewaltsamen Rucke und schüttelte das nach vorn gefallene Lockengeringel wild aus der Stirn.
»Um _Käthes_ willen?« rief sie bitter auflachend. »Möchte doch der Papa jetzt sehen, welch richtiger Instinkt seine Erstgeborene geleitet hat, als sie sich weigerte, die Schloßmüllerstochter Mama zu nennen, als sie seiner neugeborenen Jüngsten den Rücken wandte, weil sie ja schon zwei _richtige_ Schwestern habe und kein Stiefschwesterchen wolle! Und es ist kein falscher Grundsatz gewesen, der dir bisher zur Richtschnur gedient hat -- nein. Wie viel tausend ‚große Lügen‘ um dieses Prinzipes willen beseelen und regieren das Menschengetriebe, und die sie siegreich durchführen, wird man bis in alle Ewigkeit respektabel und ehrenhaft nennen --«
»Ich habe mir gelobt, das Vergangene bei dieser Entscheidung nicht zu berühren,« unterbrach er sie, stehen bleibend, mit bebender Stimme, aber offenbar entschlossen, der Sache ein Ende zu machen, »und doch zwingst du mich, auf jenen Auftritt zwischen dir und mir zurückzukommen, der nach dem Attentate im Walde erfolgte. Ich habe mir damals von meiner Braut in das Gesicht sagen lassen, daß sie mich hasse oder vielmehr verachte, weil mich ein Mißgeschick zu verhindern schien, die Berühmtheit zu werden, mit der sie sich zu verloben geglaubt hatte. Ich habe tags darauf die beispiellose Thatsache erlebt, daß sich dieser Haß mittels meiner Ernennung zum fürstlichen Hofrate sofort in die innigste Zuneigung verwandelte, und habe schweigend, mit verbissener Verachtung mein Joch weiter geschleppt, weil ich eben ‚respektabel und ehrenhaft‘ bleiben wollte. Und ich hätte auch diese abscheuliche Lüge zu Ende geführt, wären wir zwei allein die Betreffenden geblieben, wäre nur mir die Marter eines verödeten Lebens aufgebürdet gewesen. Ich möchte die drei Menschenherzen, um die es sich handelt, vor die große Schiedsrichterin, die Moral, hinstellen: das eine, das sich zu dem ‚Ja‘ am Altare nur herbeiläßt, weil es ihm zu einer lebhaft gewünschten äußeren Lebensstellung verhilft, und die beiden anderen, die sich der heiligen Mission plötzlich bewußt werden, in wahrer, inniger Liebe sich zu ergänzen, die in gleichem Schlage zu einander gehören, ob sie auch bis nach den entgegengesetzten Polen auseinander gedrängt würden --«
Ein halberstickter Schrei unterbrach ihn. »Hat sie es wirklich gewagt, das heuchlerische Geschöpf, ihre Augen zu dem Verlobten ihrer Schwester zu erheben? Sie hat dir ihre verbrecherische Liebe eingestanden?«
Er maß sie einen Moment mit flammenden Augen, in sprachlosem Zorne. »Und wenn du auch vor den schlimmsten Bezeichnungen nicht zurückschrickst, du kannst diesen fleckenlosen Mädchencharakter doch nicht verunglimpfen,« sagte er gepreßt. »Ich habe seit jenem Abschied kein Wort wieder von ihren Lippen gehört; auch in dieser Nacht nicht, wo sie endlich die Augen mit zurückkehrendem Bewußtsein wieder aufschlug. Sie ist gestern zurückgekommen und ich habe es nicht gewußt. Ich war vor dem Polterabendlärm, der selbst an jedem Krankenbett erwähnt und erörtert wurde, in meinen einsamen Garten geflüchtet -- und da sah ich sie plötzlich an der Brücke stehen, eine Verbannte, die sich nicht über den Holzbogen wagte, weil mein hartes Wort sie hinausgestoßen hatte.« Er verstummte und eine dunkle Glut überströmte sein Gesicht; nun und nimmer sprach er es vor diesen Ohren aus, wie ihm mit jenem Anblick die »himmelhochjauchzende« Ueberzeugung gekommen sei, daß das weinende Mädchen dort ihn liebe.
»Ich habe sie dann, nach dem furchtbaren Ereignis, im Parke gesucht,« fuhr er fort, sich gewaltsam in eine ruhigere Redeweise zwingend; »und als ich sie vom Boden aufnahm, da sagte ich mir, daß der Tod an diesem schwachatmenden Leben nur vorübergegangen sei, damit ich doch noch glücklich werden solle. Da riß ich mich los von allen Banden des Herkommens und einer zweifelhaften Ehrenverpflichtung; ich stellte mich über das Basengeschwätz der medisierenden Welt und verzichtete auf den Ehrentitel eines ‚respektabeln‘ Heuchlers.«
Schon während seiner ganzen letzten Schilderung hatte sich Floras Haltung verändert; sie hatte verspielt -- es war alles aus, und sie wäre nicht das intrigante Weib mit dem scharfen Blick und dem kalt berechnenden Geist gewesen, wenn sie sich nicht auch sofort dieser Situation zu bemächtigen gewußt hätte. Das trotzig Gespannte in ihrer Gestalt wandelte sich unter den Augen des sprechenden Mannes in die weiche Gliedergeschmeidigkeit der Katze. Mit fliegenden Händen zog sie das verschobene Morgenhäubchen über die Locke, und während sie die Spitzenbarben unter dem Kinn ineinander schlang, sah sie mit einem wahrhaft satanischen Lächeln unter den tiefgesenkten Brauen empor und sagte, alle ihre scharfen, blitzenden Zähne zeigend, mit Bezug auf seine letzten Worte: »Wie, ohne _mich_ zu fragen, mein Herr Doktor? Nun, immerhin! Im Hinblick auf die eben gehörten naiven Geständnisse fragte ich mich, nicht ohne ein befreites Aufatmen: ‚Was hätte aus dir werden sollen an der Seite eines solchen Gefühlsschwärmers!‘ Und drum ist's gut so, ganz gut so für uns beide, wie es gekommen. Ich gebe dir dein Wort zurück, allerdings nur ungefähr so, wie man einen Vogel am Faden fliegen läßt, dessen eines Ende man fest um -- den Finger wickelt.« Sie tippte, abermals scharf lächelnd, mit der feinen Fingerspitze auf den Verlobungsring an ihrer Hand. »Freie um die erste beste junge Dame der Residenz -- und sei es eine meiner glühendsten Neiderinnen, wie ich ja deren genug habe -- und ich will den Reifen in ihre Hand legen; nur Käthe nicht, absolut nicht! Hörst du? Und wenn du mit ihr über das Meer flüchten oder an den entlegensten Dorfkirchenaltar treten wolltest: ich würde im richtigen Moment da sein, um Einspruch zu thun.«
»Gott sei Dank, dazu hast du nicht die Macht,« sagte er totenbleich und tiefatmend.
»Meinst du? Daß du niemals nach deinem Wunsch und Sinn glücklich wirst, dafür lasse mich sorgen, Treuloser, Erbärmlicher, der ein stolzes Blumenbeet zertritt, um -- eine Gänseblume zu pflücken! Du wirst von mir hören.«
Unter leisem Hohngelächter schritt sie rasch ihrem Schlafzimmer zu, dessen Thür sie hinter sich verriegelte, und fast gleichzeitig klopfte ein Lakai draußen und berief den Doktor in die Bel-Etage, weil Fräulein Henriette eben wieder von einem sehr schlimmen Brustkrampf befallen worden sei.
26.
In der Residenz wußte man sich seit langen Jahren keines Ereignisses zu erinnern, das alle Menschen so furchtbar aufgeregt und in peinlicher Spannung erhalten hätte wie die Explosion im Turme, welcher, außer dem Kommerzienrat, auch der Müller Franz zum Opfer gefallen war.
Zwei Tage waren seitdem verstrichen, und in diesen zweimal vierundzwanzig Stunden wandelte sich allmählich die bestürzte Klage, das Bejammern des verunglückten reichen Mannes in dumpfe, erschreckende Gerüchte, die vorzüglich die Geschäftsleute, den Handwerkerstand alarmierten -- da stand ja der Name des Millionärs noch mit vielen Tausenden rückständig in den Büchern. Der Kommerzienrat hatte alle die neuen Bauten und Verschönerungen auf seiner Besitzung Baumgarten in Akkord gegeben, und demzufolge war von seiner Seite bis zu dem Unglückstage nur ein Bruchteil der Forderungen berichtigt worden. Und nun ging der Ausspruch, den der Ingenieur schon beim ersten Anblick der entsetzlichen Zerstörung rückhaltslos gethan, bestätigt und bekräftigt durch andere Sachverständige, von Mund zu Mund, und die bisher vollkommen zuversichtlichen und vertrauensseligen Lieferanten und Arbeiter mußten sich notwendig fragen, wie und wozu das Dynamit in den Weinkeller des Kommerzienrates von Römer gekommen sei, just unter die Räume, die alle seinen Besitzstand dokumentierenden Papiere und Bücher umschlossen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Vertrauliche Briefe aus Berlin sprachen von immensen Verlusten, die der Kommerzienrat, um dessen entsetzlichen Tod dort noch niemand wußte, bei den neuesten, rasch aufeinander folgenden Konkursen erlitten habe _müsse_. Zwar hatte er es, wie selten ein Spekulant, verstanden, vertraute Mitwisser von seinen Unternehmungen fernzuhalten; nicht einmal der frühere Buchhalter der Spinnerei, den er nach Verkauf derselben als Sekretär beschäftigte, hatte einen Einblick in seine Börsenmanipulationen gehabt. Der reiche Mann war ferner im Besitz jener glücklichen Begabung gewesen, welche hinter einer stets aufgescheuchten undurchdringlichen Wolke funkelnden Goldstaubes die dunkle Kehrseite der Dinge und Verhältnisse unsichtbar zu machen weiß. Und so wäre es ihm doch vielleicht trotz der Nachricht von seinen Verlusten geglückt, auf immer als Opfer seiner Liebhaberei für das historisch merkwürdige Pulver im Turmkeller der Burgruine beklagt zu werden, wenn er sich nicht in der _Dosis_ des modernen Sprengstoffes vergriffen hätte -- das war die »in den Kulissen gebliebene Lücke, durch die man der Wirklichkeit auf den Leib gehen würde«, wie Flora gesagt hatte.
Während sich somit in der Stadt noch eine unausbleibliche Katastrophe lawinenartig vorbereitete, gingen auch im Trauerhause unheimliche Wandlungen vor sich. Am ersten Tage waren alle Befreundeten des Hauses herbeigeeilt und hatten bei aller Gedämpftheit der Stimmen und Schritte dennoch eine Art von Tumult hervorgerufen; am zweiten dagegen herrschte bereits eine tiefe, schwüle Stille in Erdgeschoß und Bel-Etage, die um so drückender erschien, als die Läden vor den meisten der zertrümmerten Scheiben lagen und nur ein ungewisses, beklemmendes Halbdunkel zuließen. Noch ahnte die Frau Präsidentin nicht, daß nach dem furchtbaren Ereignis ein zweiter Sturz erfolgen werde; noch konzentrierte sich all ihr Sinnen und Denken auf das, was nach dem unrettbar Zerstörten von dem großen Vermögen geblieben und wem es zufallen würde. Mit der ganzen Selbstsucht des Alters gingen ihre Gedanken bereits völlig über den Toten hinweg. Nie war überhaupt das egoistische Element, das die Großmutter und ihre älteste Enkelin in gleichem Grade beseelte, so kraß und nackt hervorgetreten wie in diesen Tagen der Heimsuchung.
Flora hatte der Präsidentin sofort nach der Entscheidung in kurzen Worten angezeigt, daß sie ihr bräutliches Verhältnis zu Doktor Bruck gelöst habe, ohne die Motive zu diesem Entschluß auch nur zu berühren, und die alte Dame war nicht weniger als wißbegierig gewesen -- sie hatte, für einen Moment aus ihrem fieberisch angestrengten Grübeln und Brüten aufgeschreckt, halb blöde emporgesehen und sich mit einem Achselzucken begnügt. Wie wenig bedeutend erschien diese Schicksalswendung im Leben der Enkelin neben der Tragödie, die eine hochgestellte, verwöhnte Frau plötzlich aus wahrhaft fürstlichem Luxus in die beschränktesten pekuniären Verhältnisse zurückzuschleudern drohte! Dann hatte sich Flora in ihre Zimmer zurückgezogen; unter dem Vorwande heftigen Unwohlseins war sie allen Kondolenzbesuchen ausgewichen und hatte den ganzen ersten Tag mit Ordnen und Umpacken ihrer Effekten verbracht.
Im Souterrain aber, dem Aufenthalte der Lakaien und der Küchenbedienung, herrschte an dem Tage, welcher der lange erwartete und lange vorbereitete Hochzeitstag hatte sein sollen, eine Verwirrung, eine Auflösung alles Bestehenden, wie sie nur ein Haufen fluchtbereiter Menschen hervorbringen kann. Dort unten hatten die von der Stadt herdringenden Gerüchte bombenartig eingeschlagen, um so mehr, als schon am ersten Morgen nach dem Unglück einige Scharfsichtige unter den Leuten scheu und versteckt darauf angespielt hatten, daß möglicherweise »doch nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei«. Nun erwartete man jeden Augenblick die Gerichtskommission in das Haus treten zu sehen -- ein jedes griff nach dem Seinigen, und dabei wurden in der offenstehenden Speisekammer die langen Tafeln voll Kuchen und Torten geplündert und die Bowlen ausgetrunken, die für den Polterabend bestimmt gewesen waren.