Part 27
Auf diesen grauenvollen Tag folgte eine dumpfschweigende Nacht voll todesbanger, atemloser Spannung. Niemand ging zu Bette; alle Gasflammen im Hause brannten; die Dienerschaft schlich ruhelos auf den Zehen umher oder hockte flüsternd in den Ecken zusammen, und nur wenn drüben vom Turme her die Schritte eines Feuerwächters näher klangen oder eine der nach außen führenden Thüren leise geöffnet wurde, fuhren alle wie elektrisch empor und rannten hinaus in die Korridore, denn der Herr des Hauses sollte und mußte noch kommen, aber die Nacht verging und das Frührot brach durch die Fenster -- und er kam nie, nie wieder.
Es war ein rosiger, den klarsten Tag verkündender Strahl, der über die Villa Baumgarten hinglitt und die zersprungenen Spiegelscheiben glitzern und flimmern machte. Er lief durch den Festsaal und ließ den Purpursamt des herabgestürzten Brautbaldachins aufleuchten; er küßte das welkende Laub der Festons und das zerknickte Geäst der umgeworfenen Treibhausbäume -- welch ein Chaos! Ein einziger Stoß hatte die kostbare, aber leicht gefügte Feerie aus »Tausendundeine Nacht« in ein schauerliches Gemengsel von zahllosen Scherben und Trümmerresten zusammengeschüttet. Und alle die zierlichen, die bräutliche Freundin verherrlichenden Verse waren ungesprochen geblieben, und da, wo die goldbeflitterten Genien im Rosengewölk hatten herabschweben sollen, spielte der scharf hereinziehende Morgenwind gespenstisch mit rosa und weißen Kreppfetzen.
Vielleicht heute zum erstenmal durfte das Frühlicht in die vornehmen Räume schimmern; kein Laden war vorgelegt, kein Rouleau niedergelassen worden; selbst das prächtige Schlafzimmer auf der nordöstlichen Ecke des Erdgeschosses mit seinen korinthroten Seidendraperien und seinem kostbar geschnitzten, von Spitzen überdeckten Bette auf hoher Estrade war ihm preisgegeben und es durfte sich in den Brillanten spiegeln, die noch in den Lockenpuffen der Präsidentin verstreut lagen. Die Hand der Kammerjungfer hatte die alte Dame nicht berühren dürfen; noch schleppte ihr das gelbe Stoffkleid schwer nach, wie sie immer wieder durch die lange Zimmerreihe wankte, in welcher die umgeworfenen Möbel, die von den Simsen gestürzten Statuen umherlagen.
Die Schleierwolke um Hals und Kinn der alten Dame hatte sich gelöst, und der sonst so sorgfältig verhüllte, fleischlose Unterkiefer hob sich scharf, in hippokratischer Linie von dem vertrockneten Halse. Ja, sie war hochbetagt und für den ausgedörrten Körper stand die Lebenssonne tief, tief im Niedergehen -- und dennoch wälzte diese wankende Greisin in fieberhafter Angst den Gedanken unablässig durch den Kopf: »Wer wird Moritz beerben?« Sie selbst hatte nicht den leisesten Anspruch auf die Hinterlassenschaft des so jäh Hingerafften -- nicht einmal auf das Bett, in welchem sie schlief, nicht auf das Geschirr, aus welchem sie aß. Der Kommerzienrat war früh verwaist; so viel sie wußte, existierten keine Verwandten seines Namens mehr, aber hatte er nicht öfter Unterstützung an eine arme Schwester seiner verstorbenen Mutter an den Rhein geschickt? Sollte sie die Erbin sein? Der Gedanke war zum Rasendwerden. Die Frau eines obskuren Schreibers, eine bedürftige Weißnäherin, nahm Besitz von den kolossalen Reichtümern, und die Frau Präsidentin Urach, die sich schon lange gar nicht mehr vorstellen konnte, wie man ohne seidengepolsterte Equipage von einem Ort zum andern kommen, wie man ohne Koch und servierende Lakaien anständig essen und in einem Bette ohne Brokatbaldachin schlafen könne, sie mußte ihre alten, auf den Dachboden gestellten Möbel wieder ausklopfen und in eine enge Mietwohnung schaffen lassen, wo es keinen Marstall voll dienstbereiter Pferde, keine Livreebedienung und keine fürstlich splendide Küche mehr gab -- denn sie und ihre beiden Enkelinnen waren ja nicht blutsverwandt mit dem Millionär, der ohne Testament aus der Welt gegangen.
Die aus der Umgegend eingeladenen Herren waren bis nach Mitternacht um die alte Dame versammelt geblieben, und wenn man auch diesen Punkt nicht berührt hatte, so war doch schon in die hochgehenden Wogen der schreckensvollen Bestürzung da und dort ein scheues Wort gefallen über die entsetzliche Verwirrung, die der Katastrophe bezüglich der Vermögensverhältnisse des Verunglückten auf dem Fuße folgen müsse, da der Kommerzienrat seine Dokumentenschränke und seine Bücher in dem Turme verwahrt gehabt habe, und von alledem nicht ein einziges versprengtes Papierblatt gefunden worden sei.
Aber mochten auch da drüben Unsummen in die Luft geflogen sein -- stand sie, die alte Frau, nicht hier auf einem Grund und Boden, der nach vielen Tausenden geschätzt wurde? War nicht unter ihren Füßen, in dem festen Steingewölbe, die Silberkammer? Standen nicht Pferde der edelsten Rassen drüben in den Ställen? Und welcher unermeßliche Wert steckte in der Gemäldesammlung berühmter Meister! Das alles genügte, um der Frau Präsidentin das schöne, luxuriöse Leben einer reichen Frau bis an ihr Ende zu sichern, wenn die hochgeborene Dame den Beweis zu erbringen vermochte, daß das Blut des Seilersohnes auch in ihren Adern fließe.
Und auch von der, die über ihr in Henriettens Wohnzimmer lag, von der Enkelin des Schloßmüllers, war gesprochen worden -- man wußte, daß ihr ganzes großes Vermögen in dem Turme eingeschlossen war. Die Präsidentin in ihrer nervösen Angst und Unruhe hatte nur mit halbem Ohre hingehört -- was ging sie das Wuchergeld des ehemaligen Müllerknechtes an! Flora dagegen war bei ihrer merkwürdigen Sammlung und objektiven Ruhe, die sie angesichts des grauenhaften Ereignisses behauptete, den möglichen Eventualitäten gefolgt, welche die völlige Vernichtung der Dokumente für ihre Stiefschwester herbeiführen konnte.
Es hatte etwas Zornmütiges, Verbissenes in ihrem schönen, bleichen Römergesichte gelegen, als sie gegen zehn Uhr aus der Bel-Etage herabgekommen war. Sie, der gefeierte Mittelpunkt der geselligen Kreise, das schöne Mädchen, dessen geistiges Uebergewicht, dessen scharfes Urteil für alle Bekannten maßgebend war, sie hatte zu ihrer tiefsten Indignation die klägliche Rolle einer Ueberflüssigen droben in dem »sogenannten« Krankenzimmer spielen müssen. Außer Henriette, die, auf einem Sofa kampierend, um keinen Preis Käthe verlassen wollte, war auch die Tante Diakonus als Pflegerin erschienen. Sie hatte zugleich ein Asyl in der Villa suchen müssen, denn auf dem Hause am Flusse, das ja der Unglücksstätte am nächsten lag, waren die Schlöte eingestürzt; an der südlichen Hausmauer zeigten sich bedenkliche Risse und Sprünge; die Fenster lagen in Trümmern und keine der Thüren paßte mehr in Schloß und Angel. -- Die neueingezogene Dame war mit der Köchin in der Schloßmühle bei Suse einquartiert worden, und für die Nacht hatte der Doktor zwei Wächter an das verlassene Haus postiert.
Am Bette der Verletzten war kein Platz für Flora gewesen. Zu Häupten hatte die Tante, entsetzlich verweint, in einem Lehnstuhl gesessen, und ihr gegenüber der Doktor. »Die Alte« hatte sich gebärdet, als sei Käthes ungefährliche Stirnwunde, ihre anhaltende Betäubung, das Allerbeklagenswerteste, was der unheilvolle Tag überhaupt gebracht, und der Doktor war nicht von seinem Platze gewichen -- er hatte Käthes Hand nur aus der seinen gelassen, wenn der Umschlag auf ihrer Stirn erneuert werden mußte. Ein solch besorgnisvolles Gebaren um »das robuste, lange Mädchen mit den Nerven und Gliedern der ehemaligen Holzhackerstochter« widerspruchslos mit anzusehen, dazu hatte denn doch für Flora ein vollgerütteltes Maß Geduld und Selbstüberwindung gehört.
Des ewigen bangen Geflüsters müde, und einsehend, daß sich heute mit all den konsternierten Menschen kein vernünftiges Wort reden lasse, war die schöne Braut endlich hinabgestiegen, allein und tief ergrimmt -- der Doktor hatte sie nicht einmal bis zur Zimmerthür, geschweige denn die Treppe hinab geleitet. Zu Bette war sie selbstverständlich auch nicht gegangen; sie hatte die verunglückte Polterabendtoilette abgestreift, ihre schmiegsamen Glieder in den weißen Kaschmirschlafrock von griechischem Zuschnitte gehüllt und sich gegen Morgen ein wenig auf das rote Ruhebett hingestreckt.
Das ehemalige Studierzimmer ließ an Oede und Unwohnlichkeit nichts mehr zu wünschen übrig. Der schwarze Schreibtisch stand abgeräumt und verstaubt in seiner Fensterecke; von den Regalen waren sämtliche Bücher genommen und lagen verpackt in großen Kisten inmitten des großen Zimmers. Die Säulenstücke samt Büsten rollten umgestürzt auf der Erde; darüber her warf die qualmende, von unsicherer Dienerhand angezündete Hängelampe einen häßlich ungewissen Schein, und nun, als die Morgenluft kräftig durch die Fensterscheiben zog und der Tag mit seinem energischen Lichte hereinbrach, schaukelte sie leise droben an ihrer Kette in bläßlichem Rot, als glimme der Ruinenbrand in ihrer weißen Schale nach.
Jetzt, mit Tagesanbruch, hatte Flora hinaufgeschickt und den Doktor zu sich bitten lassen -- sie hörte ihn sicheren, militärisch festen Schrittes durch den Korridor kommen. Mit eiligen Händen die derangierten Stirnlöckchen unter den Spitzen des Morgenhäubchens noch einmal zurechtzupfend, drückte sie das weiße Marmorgesicht tiefer in die roten Polster und sah blinzelnd nach der Thür, durch die er eintreten mußte.
Er schritt über die Schwelle. Sie hatte ihn noch nie so gesehen, und deshalb erhob sie sich, unwillkürlich, mechanisch, als trete ein fremder Mann herein.
»Ich fühle mich unwohl, Leo,« sagte sie unsicher und ohne den Blick des Erstaunens von dem Gesichte wegzuwenden, das bleich, überwacht und dennoch wie von einem inneren Lichte belebt und durchleuchtet, plötzlich einen so völlig veränderten Charakter angenommen hatte. »Mein Kopf brennt -- der Schrecken und durchnäßte Füße haben mir jedenfalls ein Fieber zugezogen.« Sie setzte das stockend hinzu, während seine Augen kalt prüfend mit der beobachtenden Ruhe des Arztes über ihre Züge hinstreiften. Dieser eine Blick machte ihr das Blut sieden.
»Nimm dich in acht, Bruck!« sagte sie mit völlig beherrschter Stimme, aber ihr Busen wogte unter gepreßten Atemzügen und die schöngeschwungenen Brauen hoben sich, so daß zwei strenge, tiefe Querfalten die weiße Stirn durchschnitten. »Ich ertrage es nun schon monatelang geduldig, daß deine Praxis die Geliebte ist, der ich mich unterordnen muß.« Sie zuckte die Achseln. »Ich sehe ein, daß das mein Schicksal bleiben wird, und denke groß genug, um mich darüber hinwegzusetzen; denn diese Hingabe an seinen Beruf macht den Mann bedeutend, dessen Namen ich tragen werde.« Bei diesen Worten wandte sie den hochgehobenen Kopf weg, als überfliege ihr geistiger Blick die weite Welt, die sein berühmter Name erfüllte. So entging ihr die jäh emporlodernde Flammenglut auf seinen Wangen. »Aber ich protestiere entschieden gegen jede Zurücksetzung, sobald ich selbst deinen ärztlichen Rat brauche,« fuhr sie fort. »Wir alle haben unter der furchtbaren Katastrophe zu leiden gehabt -- ich armes Opfer mußte bei allem Schrecken noch die halb wahnwitzige Großmama und Henriette in ihrem trostlosen Zustande unter die Flügel nehmen -- eine nicht zu beschreibende Aufgabe. Und doch ist es dir bis zu dieser Stunde nicht eingefallen, auch nur einmal zu fragen: ‚Wie trägst denn du das Unglück?‘«
»Ich habe nicht gefragt, weil ich weiß, daß bei dir dergleichen seelische Eindrücke durch den Verstand kontrolliert werden und weil ich auf den ersten Blick hin sehe, wie wenig dein körperliches Befinden in Wahrheit beeinträchtigt ist.«
Sie horchte befremdet auf den Ton seiner Stimme -- er sollte gelassen wie immer klingen, und doch bebte er hörbar, wie infolge ungestümer Herzschläge.
»Was deine zweite Behauptung betrifft, so irrst du,« sagte sie nach einem augenblicklichen Schweigen; »ich habe in der That nervöses Klopfen an den Schläfen; bezüglich der ersten aber magst du recht haben. Ich suche mich jedem Ereignisse gegenüber -- gleichviel welchem -- stets so rasch wie möglich zu sammeln, um es mit klarem Blicke übersehen zu können. Du scheinst diese meine Taktik zu mißbilligen, wie ich aus deinem seltsamen Tone entnehme, und doch hast du gerade heute alle Ursache, sie zu preisen. Ich habe mich nie überreden lassen, mit meinen vom Papa geerbten soliden Obligationen zu spekulieren -- hätte ich mithin nicht auch bei überschwenglichen Glücksfällen den Kopf oben behalten, dann stände ich heute hier vor dir mit leeren Händen -- meine Mitgift wäre verpufft, wie das unermeßliche Papiervermögen, das gestern in alle Lüfte geflogen ist. Ja, sieh mich nur scheu an, Bruck!« sie dämpfte ihre Stimme. »Ich lasse mich nicht düpieren und nenne die Dinge beim Namen. Die Großmama rennt drüben auf und ab und ringt die Hände, daß der kolossale Besitz Fremden zufalle; unsere lieben Gäste haben die halbe Nacht hindurch den reichen Mann beklagt und beweint, der ein Schoßkind des Glückes gewesen, den die boshafte Ironie des Schicksals in so tragischer Weise mitten aus seinem Erdenhimmel gerissen habe -- ich aber sage: Der theatralische Abgang war mittelmäßig in Szene gesetzt; in den Kulissen ist eine Lücke geblieben, durch die man der Wirklichkeit auf den Leib gehen wird. In der Kürze, vielleicht in den nächsten Tagen schon, werden die Gerichte festgestellt haben, daß Römer anfangs vielleicht nur ein sehr leichtsinniger Spekulant, schließlich aber -- ein Schurke gewesen ist.«
Eine einschneidendere Wandlung der Dinge ließ sich nicht denken, als die schöne Dame in diesem Augenblicke zur Geltung brachte. Sie stand in ihrem weißen Iphigeniagewande, den roten Teppich unter den Füßen, die schwebende Hängelampe über der Stirn, genau auf derselben Stelle, wo sie im Dezember gegenüber dem Kommerzienrate die ärztliche Wirksamkeit ihres Verlobten gebrandmarkt und gesagt hatte: »Ich dulde nichts Totgeschwiegenes in meiner Seele.«
Flora hatte recht; sie nannte allerdings die Dinge beim Namen -- sie sprach das aus, was der Mann da vor ihr in seinem Innern nicht leugnete, was ihn seit gestern in eine namenlose Seelenpein versetzt hatte, aber daß der fein geschnittene, zarte Frauenmund sich vor den nacktesten Ausdrücken nicht scheute, um den Scharfsinn, »der sich nicht düpieren lassen«, an den Tag zu legen -- das war wohl geeignet, einen Sturm von Unwillen in einer feinfühlenden Menschenseele hervorzurufen.
»Ach, wie ich sehe, habe ich heute das Unglück, dir in allem, was ich sage, zu mißfallen,« hob sie nach einem sekundenlangen Verstummen halb sarkastisch, halb schmollend wieder an und ging ihm um einige Schritte nach -- er hatte sich mit unverhohlener Entrüstung abgewendet und war schweigend in die Fensterecke getreten. »Möglich, daß mein gerechtes Urteil ein wenig zu drastisch ausgesprochen war; vielleicht hätte ich auch, dankbar für manche kleine Annehmlichkeit, die mir Römer hier und da verschafft hat, weniger wahr und aufrichtig sein sollen;« -- sie zog die Schultern und die Brauen empor -- »aber ich bin nun einmal eine geschworene Feindin aller schwächlichen Bemäntelung und habe dabei auch alle Ursache, empört zu sein. Meine Schwester Henriette, mit deren Erbteil Römer spekuliert hat, wird mit dem Zusammensturze bettelarm, und Käthe? -- Sei versichert, daß ihr von ihrem ganzen immensen Vermögen nicht ein Papierschnitzel bleibt!«
»Desto besser!« kam es wie ein Hauch von den Männerlippen, die so jünglingshaft rot und keusch unter dem vollen Barte schimmerten und in diesem Momente sanft zu lächeln schienen.
So schwach die zwei Worte auch geklungen, Floras Ohr hatte sie doch aufgefangen. »Desto besser?« fragte sie erstaunt und schlug, halb und halb lachend, die Hände zusammen. »Sehr sympathisch ist mir unsere Jüngste allerdings auch nicht, aber was hat sie denn verbrochen, daß du ihr Unglück in so befremdlicher Weise aufnimmst?«
Er biß sich wie in innerem Kampfe heftig auf die Unterlippen und preßte die Stirn an das Fensterkreuz; sie sah nachsinnend neben ihm weg, hinaus in den Garten, wo eben der goldene Morgenstrahl das weiße Haupt der steinernen Brunnennymphe erreichte.
»So schlimm wie Henriette ergeht es Käthe allerdings nicht -- die Schloßmühle bleibt ihr, und die mag schon ein hübsches Stück Geldes wert sein,« setzte sie nach einer Pause hinzu. »Dorthin kann sie sich retten, wenn hier alles zusammenbricht, und auch für unsere arme Brustkranke wüßte ich kein besseres Asyl; beide Schwestern lieben sich ja und würden sich gewiß vertragen. Es wird uns auch kein anderes Arrangement übrig bleiben; die Großmama mit ihrem schmalen Einkommen kann unmöglich für Henriette sorgen, und dir werde ich selbstverständlich nie zumuten, die kranke Schwester in unsere junge Häuslichkeit mitzunehmen.« Sie schlang plötzlich ihren Arm in den seinigen und sah verführerisch zärtlich zu ihm auf. »Ach Leo, wie will ich Gott danken, wenn wir morgen im Wagen sitzen werden, all das Schreckliche, was nun hier erfolgen muß, im Rücken --«
Mit einer leidenschaftlichen Gebärde, mit einem Ingrimm, wie sie ihn noch nie in diesem stillen, ernsten Männerantlitze gesehen, riß er sich von ihr los. »Möchtest du wirklich alle im Stiche lassen, die Armen, die in den nächsten Tagen rat- und hilflos inmitten der schrecklichen Schicksalsschläge dastehen werden?« rief er wie außer sich. »Gehe, wohin du willst -- ich bleibe!«
»Leo!« schrie sie auf -- dann stand sie momentan sprachlos und rang mit einer unbeschreiblichen Erbitterung. Sie legte die geballte Faust auf das Herz, als habe sie einen Dolchstoß erhalten. »Du hast sicher die Tragweite deiner allzu raschen Worte selbst nicht ermessen,« sagte sie endlich klanglos und gepreßt; »ich will sie deshalb nur insoweit gehört haben, als sie eine Bemerkung meinerseits nötig machen: Wenn wir nicht morgen, bevor der Ausbruch erfolgt, unsere Reise antreten -- und niemand wird es uns verargen, daß wir das nun einmal Vorbereitete in aller Stille ausführen --, dann muß unsere Verbindung überhaupt hinausgeschoben werden.«
Er schwieg und verharrte, wie zu Stein geworden, in seiner abgewendeten Stellung, und diese wortlose Unbeweglichkeit reizte sie sichtlich; ihr ganzes leidenschaftliches Naturell funkelte in den großen grauen Augen.
»Ich habe dir vorhin erklärt, daß ich zeitlebens gutwillig deiner Praxis, der Liebe zu deinem Berufe nachstehen will,« setzte sie dringender hinzu. »Nie aber werde ich mit meinen Interessen anderen Frauen weichen -- das merke dir, Leo! Ich kann nun und nimmer einsehen, weshalb ich der Großmama und meiner Schwestern wegen den furchtbaren Zusammensturz hier mit durchkämpfen soll, da mir doch das Recht zusteht, mich in die ruhige schützende Häuslichkeit zu flüchten, die du mir zu geben gelobt hast; ein solches Opfer solltest du mir gar nicht zumuten. Liegt es in meiner Macht, etwas an der Sachlage zu ändern? Ganz und gar nicht -- wozu dann die nutzlose Aufregung, in die du mich geflissentlich stürzest? Soll ich durchaus das Vergnügen haben, _auch_ ein Gegenstand des öffentlichen Mitleids zu sein? Eher gehe ich stehenden Fußes von hier fort -- ich _will_ nicht, daß man mit den Fingern auf mich zeige.«
Sie durchmaß aufgeregt das Zimmer. »Du hast mir gegenüber für dein Bleiben hier nicht die leiseste Entschuldigung,« hob sie, fern von ihm stehen bleibend, mit finster zusammengezogenen Brauen wieder an, nachdem sie vergeblich auf einen Laut von seinen Lippen gewartet hatte. »Nicht einmal auf die Kranken in der Bel-Etage kannst du dich berufen. Henriette hättest du so wie so ihrem Schicksale überlassen müssen, und was Käthe betrifft, so wirst du mich nicht überzeugen, daß die Stirnschramme, die du selbst für vollkommen ungefährlich erklärt hast, deine ganze ärztliche Kunst und Hilfe erheische. Ehrlich gestanden, ich habe in dieser Nacht das Lachen verbeißen müssen über dein und der Tante Gebaren. Wenn Henriette über die paar vergossenen Blutstropfen kindische Thränen weint, so mag das hingehen -- sie ist krank und nervengereizt --, aber daß du dich gebärdetest, als sei unsere Jüngste, dieser derbe, urgesunde Holzhackersproß, aus Duft und Schnee zusammengesetzt --« Unwillkürlich verstummte sie vor Leos Aussehen. Er hatte sich ihr zugewendet mit drohend gehobenem Finger, mit einer nicht mehr zu bezwingenden Aufregung in den Zügen.
Sie lachte zornig auf. »Glaubst du, ich fürchte mich? Ich habe deiner sehr unpassenden Handbewegung eine ganz andere entgegenzusetzen! Hüte dich -- noch ist das ‚Ja‘ am Altare nicht gesprochen; noch liegt es in meiner Hand, eine Wendung herbeizuführen, die dir schwerlich gefallen dürfte. Und nun gerade wiederhole ich, daß mich dein gestriges ärztliches Thun und Treiben um Käthe schließlich angewidert hat. Soll ich nicht spöttisch werden, wenn du sie pflegst und verziehst wie eine Prinzessin --«
»Nein, nicht wie eine Prinzessin -- wie eine Geliebte des Herzens, wie eine erste und einzige Liebe, Flora,« fiel er mit seiner tiefen, klangvollen Stimme in sichtlicher Bewegung ein.
Ein Schrecken durchfuhr sie, als habe ein Blitzschlag die Erde vor ihren Füßen gespalten; unwillkürlich hoben sich ihre Arme gen Himmel und so stürzte sie auf den Sprechenden zu.
Er streckte ihr abwehrend die Hände entgegen; sonst stand er in unerschütterter Haltung. »Was ich bisher, unter unbeschreiblichen Kämpfen mit mir selbst, in meiner Brust verschlossen habe -- aus Scham und von einem Grundsatze ausgehend, der sich als falsch, ja, als unmoralisch erwiesen hat --, ich muß es dir jetzt bekennen. Ich sehe ab von jeder Verteidigung, von jedem beschönigenden Worte;« -- die Stimme sank ihm -- »ich bin treulos gewesen von dem Augenblicke an, wo ich Käthe zum erstenmal gesehen habe.«
Flora ließ langsam ihre Hände sinken. So unumwunden und zweifellos auch das Geständnis lautete, es war dennoch das Unglaubwürdigste, das sie je gehört. Bah, wie hatte sie sich hinreißen lassen können, ein so kopfloses Erschrecken zu zeigen! Es war wohl oft genug geschehen, daß die gefeierte Flora Mangold Männerherzen unwiderstehlich an sich gezogen und sie dann in Momenten, wo es am wenigsten erwartet wurde, launenhaft und unbarmherzig von sich gestoßen hatte -- ach ja, das war zu ihrer innersten Genugthuung so oft geschehen, wie sie Ballsaisons mitgemacht, aber daß ein Mann _ihr_ die Treue brechen könne -- lächerlich! Das war zu absurd; das glaubte niemand in der Residenz, und sie selbst am wenigsten. Da lag es doch weit näher, zu denken, daß Doktor Bruck endlich auch einmal den Mut finde, sich zu revanchieren. Sie hatte eben »ihre Feuerprobe« bis an die äußerste Grenze geführt; sie hatte in ihrem wohlbegründeten Verdrusse gedroht, noch wenige Schritte vom Altar ihr »Ja« zurückzuhalten, und das hatte ihn gereizt, hatte seine Langmut erschöpft; er wollte sie strafen, indem er sie eifersüchtig machte. Ihre bodenlose Eitelkeit und Frivolität halfen ihr noch für wenige Augenblicke über die bitterste Täuschung ihres ganzen Lebens hinweg.
Sie verzog ironisch die Lippen und schlug die Arme unter. »Ah, also gleich beim ersten Erblicken!« sagte sie. »War das gleich draußen im Korridor, wo sie nach Handwerksbrauch, den Reisestaub auf den Schuhen, mit dem poetischen Taschentuchbündelchen in der Hand hier ankam?«
Man sah, wie ihr spielender Hohn jeden Blutstropfen in dem Manne empörte; angesichts der furchtbaren Entscheidung, die endlich nach namenlosen Leiden und Kämpfen, durch seine wahre »erste und einzige« Liebe herbeigeführt worden, wurde er lächelnd und frivol ins Gebet genommen wie ein Schulknabe. Er bezwang sich mühsam; die Lösung dieser Lebensfrage _mußte_ noch in dieser Stunde erfolgen, aber daß es nicht in würdeloser Weise geschehe, das war seine Aufgabe.
»Da war ich schon ihr Führer und Begleiter gewesen; in der Mühle habe ich Käthe zuerst gesehen,« versetzte er, nach einem momentanen Ringen mit sich selbst, ziemlich gelassen.