Im Hause des Kommerzienrates.

Part 25

Chapter 253,484 wordsPublic domain

Als Käthe unter das Portal trat, huschte eine Dame an ihr vorüber; sie hielt das Taschentuch vor das Gesicht, aber über den Spitzenbesatz hinweg streifte ein scheuer Blick aus furchtbar verweinten Augen das junge Mädchen. Käthe erkannte sie -- es war die schöne, üppige, in Luxus schwelgende Frau eines Majors; die Eleganz ihrer Toiletten war in der Residenz sprichwörtlich geworden. Sie eilte um die Hausecke in das Dunkel der Bocage, jedenfalls um erst die Thränenspuren zu beseitigen, ehe sie die von Spaziergängern wimmelnde Promenade betrat.

»Dem Manne bleibt auch nichts anderes übrig, als ‚die Kugel vor den Kopf‘ -- das Bett unter dem Leibe soll ihm genommen werden,« hörte Käthe, unter der halb offenen Thür der Portierstube vorübergehend, einen Bedienten sagen. »Geschieht ihm ganz recht -- was braucht denn solch ein Offizier in Papieren zu spekulieren, von denen er nicht den Pfifferling versteht! Nun kommt die Frau und heult unserem Herrn was vor, und der soll nun den Karren aus dem Moraste holen -- das könnte ihm fehlen! Wenn er allen denen helfen wollte, die in den letzten Tagen dagewesen sind, da könnte er nur den Ziegenhainer in die Hand nehmen und den Staub von den Schuhen schütteln -- da blieb' ihm nichts.«

Abermals ein Opfer der entsetzlichen Katastrophe! Käthe schauerte in sich zusammen und stieg unbemerkt die Treppe hinauf. In der Bel-Etage war es feierlich still -- mechanisch schritt sie zuerst nach dem kleinen Salon, den sie bewohnt, und öffnete die Thür. Die Baronin Steiner herrschte allerdings hier nicht mehr, aber das Zimmer war auch nicht angethan, einen anderen Gast wieder aufzunehmen. Sämtliche Möbel waren ausgeräumt -- dafür standen große, schöndrapierte Tafeln die Wände entlang und trugen auf ihren Flächen einen förmlichen Bazar von Ausstattungsgegenständen, den mit großer Ostentation aufgebauten, wahrhaft fürstlichen »Trousseau« der Professorin ~in spe~; in der Mitte des Salons aber wogte von einem Kleiderständer nieder milchweißer Atlas, umhaucht von Spitzenduft und mit Orangenblüten besteckt, und so hoch auch das Postament war, der schwere Stoff schleppte doch noch weit über das Parkett hin -- Floras Brautanzug! Käthe drückte mit weggewandten Augen die Thür wieder zu -- einige Sekunden später lag sie tief erschüttert in Henriettens Armen, die in einen so exaltierten Jubel ausbrach, als werde sie durch diese Ankunft aus namenloser Pein erlöst.

Die kranke Schwester war allein. Man habe heute im Hause keine Zeit für sie, klagte sie; der Kommerzienrat richte Flora die Hochzeit aus, und zwar mit einem beispiellosen Aufwand. Er wolle bei dieser Gelegenheit der Residenz wieder einmal zeigen, wie hoch er alle überrage, wenn er auf seinen Geldsäcken stehe -- das sei nun einmal seine Schwäche .... Ganz ihrer unabhängigen Art und Weise gemäß hatte sie es unterlassen, den Verwandten anzuzeigen, daß sie Käthe telegraphisch berufen habe. Das sei doch völlig überflüssig, meinte sie mit großen, erstaunten Augen auf Käthes betroffenes Kopfschütteln hin; sie habe es doch stets betont, daß die Schwester eines Tages zurückkommen werde, um sie zu pflegen -- man wisse das im Hause gar nicht anders, und was ein mögliches unvorbereitetes Zusammentreffen mit dem Kommerzienrat betreffe, so möge sie ganz ruhig sein, er habe jedenfalls »eine neue Flamme« in Berlin; er sei die beiden letzten Male -- vorzüglich aber gestern -- ziemlich zerstreut zurückgekehrt, und habe auf Floras Neckereien hin nur schlau gelächelt und durchaus nicht geleugnet.

Käthe schwieg auf alle diese Mitteilungen; sie hatte zuletzt nur den einen Gedanken, daß es allerdings die höchste Zeit für sie gewesen sei, zurückzukehren. Sie fand die Kranke maßlos aufgeregt; der hohle, erstickende Husten schüttelte den schattenhaft abgezehrten Körper viel häufiger als früher; die Hände brannten wie Kohlen und der Atem ging so schwer, so mühsam aus und ein. Henriette hatte es bisher auch bei den heftigsten Leiden nie »zu Thränen kommen lassen« -- sie hatte einen unglaublich starken Willen, heute aber waren ihre schönen Augen verweint bis zur Unkenntlichkeit. Sie verzehre sich in Angst, daß Bruck bei all seiner Liebe für Flora doch vielleicht sehr unglücklich werden würde, klagte sie, ihr Gesicht an Käthes Brust verbergend, und obgleich nie ein unvorsichtiges Wort darüber gefallen, sei sie dennoch fest überzeugt, daß die Tante genau so denke und sich gräme .... Käthe wies sie mit der schneidenden Antwort zurecht, daß das einzig und allein Brucks Sorge sei und bleiben müsse; niemand habe mehr Anlaß gehabt, tiefe Einblicke in Floras selbstsüchtiges Wesen zu thun, als gerade er; wenn er trotz alledem darauf bestehe, sie zu besitzen, so werde er sich auch mit seinem Schicksal abzufinden wissen, möge es fallen, wie es wolle .... Henriette fuhr erschrocken empor, so rauh klang das Gesagte; es lag überhaupt etwas so bestürzend Fremdes, eine Art starrer Zurückhaltung und Abgeschlossenheit in der Erscheinung der jungen Schwester, als sei auch sie mit ihrem Schicksal fertig -- nach schweren Kämpfen ....

23.

Kurze Zeit nachher stieg Käthe, die kranke Schwester vorsichtig stützend, auf der kleinen Treppe in das untere Stockwerk hinab, »um sich zu melden«. Sie kamen durch den schmalen Korridor, in welchen Käthe bei ihrer Abreise für einen Moment geflüchtet war. Er lief den großen Saal entlang, der fast den ganzen Raum des einen Seitenflügels der Villa nahezu beanspruchte -- in ihm wurden die berühmten Hausbälle des reichen Mannes abgehalten.

»Es ist Probe für heute abend, und dabei wird noch fortdekoriert und geschmückt,« sagte Henriette aufhorchend und heiser und höhnisch vor sich hinlachend -- pathetische Deklamation, hier und da durch intensives Pochen und Hämmern unterbrochen, scholl durch die Thüren. -- »Wie ekeln mich diese Mädchen da drinnen an! Sie möchten sämtlich, wie sie auch auf der Bühne stehen, der Braut die Augen auskratzen, und doch faseln sie in grenzenlosem Schwulst von der schönsten Blume, die ihrem Kranz entrissen werde, von dem Dichtergenius, der ihre Stirn geküßt habe, und was dergleichen poetische Aderlässe mehr besagen. Und Moritz mit seiner maßlosen Verschwendung benimmt sich dabei wie ein Narr. Gestern abend, unmittelbar nach seiner Rückkehr von Berlin, hat er die Handwerker Buben gescholten. Die Dekoration mußte als ‚trödelhafter Plunder‘ sofort von den Wänden gerissen werden, weil die Leute an zwei dunkeln Ecken Wollstoffe statt Seidendamast verwendet hatten; er wird nachgerade abstoßend mit seinem ewig herausgekehrten Millionärbewußtsein. Da sieh her!«

Sie schob unhörbar eine der Thüren etwas weiter auf. Durch den nur schmalen Spalt sah man die Bühne nicht, auf der die Probe abgehalten wurde; dagegen präsentierte sich schräg seitwärts ein prachtvoller Baldachin von goldbefranstem Purpursamt -- er sollte sich heute abend über dem Brautpaar wölben.

»Wie wird _er_ mit seinem blassen, finsterbrütenden Gesicht sich ausnehmen unter dem komödienhaften Firlefanz dort!« flüsterte Henriette und drückte den Kopf wie in ausbrechender Verzweiflung tief bewegt an die Gestalt der Schwester. »Und sie wird wieder neben ihm stehen, siegend, triumphierend wie immer, in der wohlstudierten Toilette von weißem Mull und kindlich naiven Margaretenblümchen, wie sie der unschuldsvollen Braut am Polterabend zukommt. Ach Käthe, es ist etwas so Seltsames, Unbegreifliches um die ganze Geschichte; ich habe jetzt so oft das Gefühl, als lauere ein unglückliches Geheimnis dahinter, so etwas wie ein heimlich glimmender Feuerbrand unter grauer Asche.«

Im Eßzimmer saß die Präsidentin mit Flora und dem Kommerzienrat beim Frühstück. Die Braut war im eleganten, rosabordierten Schlafrock und ein Morgenhäubchen bedeckte die aufgewickelten Locken. Käthe erschrak fast, so grau und scharf erschien das Römergesicht der schönen Schwester ohne die goldene Glorie der Stirnlöckchen; heute sah sie zum erstenmal, daß Flora die Jugend hinter sich habe, daß endlich das ruhelose Bestreben, sich hervorzuthun, die glühende Ehrsucht anfingen, das herrliche Oval unerbittlich in harter, einwärtssinkender Linie zu verlängern.

»Mein Gott, Käthe, wie kommst du denn auf die Idee, uns gerade heute ins Haus zu fallen?« rief sie emporschreckend, im rückhaltslosen Aerger. »In welche Verlegenheit bringst du mich! Nun muß ich dich wohl oder übel ins Gefolge stecken. Ich habe schon zwölf Brautjungfern -- eine dreizehnte kann ich nicht brauchen, wie du dir wohl selbst sagen wirst --« Sie unterbrach sich mit einem leisen Aufschrei und fuhr zurück.

Der Kommerzienrat hatte mit dem Rücken nach der Thür zu gesessen und eben ein Glas Burgunder zum Munde geführt, als Floras Ausruf den Eintritt der Schwester signalisierte. War ihm das Glas infolge der Ueberraschung entglitten, oder hatte er es unsicher, mit abgewendeten Augen auf den Tisch gestellt -- genug, der volle, dunkelpurpurne Inhalt ergoß sich über das weiße Damasttuch und benetzte auch Floras Kleider.

Der reiche Mann stand einen Augenblick starr, verwirrt, mit völlig entfärbtem Gesichte und stierte erschreckten Auges nach der Thür, als trete dort ein wesenloses Phantom, nicht aber das imposante Mädchen mit den ernsten Zügen und der ruhigen, festen Haltung herein. Aber er faßte sich rasch. Mit einer lebhaften Entschuldigung gegen Flora drückte er auf die Tischglocke, um helfende und säubernde Hände herbeizurufen, dann eilte er auf Käthe zu und zog sie in das Zimmer herein. Und da ließ sich auch nicht eine Spur vom verschmähten Liebhaber in seinem ganzen Wesen entdecken, er war in jedem Worte, in seinem kühlen Händedrucke ganz und gar der väterlich gesinnte Vormund von ehedem, der sich freute, seine Mündel wohlbehalten zurückkehren zu sehen. Er klopfte sie wohlwollend auf die Schulter und hieß sie willkommen.

»Ich habe nicht gewagt, dich einzuladen,« sagte er; »auch war ich in der letzten Zeit geschäftlich zu sehr überbürdet, um viel an Dresden denken zu können -- du wirst das verzeihen --«

»Ich bin einzig und allein als Henriettens Pflegerin gekommen,« unterbrach ihn Käthe rasch, aber ohne den leisesten Anklang von Gekränktsein über Floras ungezogene Begrüßung.

»Das ist lieb und gut gemeint, mein Kind,« sagte die Präsidentin mit aufgehelltem Gesichte; jede, auch die letzte Befürchtung erlosch in ihr angesichts dieser unbefangenen Begegnung. »Aber wohin mit dir? In deinem ehemaligen Zimmer ist Floras Trousseau aufgestellt und --«

»Sie werden mir deshalb nun doch erlauben müssen, mich in meinem eigenen Daheim einzuquartieren, wie ich auch bereits gethan habe,« fiel Käthe höflich mit bescheidener Zurückhaltung ein.

»Es wird mir vorläufig nichts anderes übrig bleiben,« versetzte die alte Dame lächelnd und sehr gut gelaunt. »Heute wird unser Haus zum Bersten überfüllt sein -- dazu leben wir in einem Trubel, wie ich ihn noch nicht gesehen; mit Mühe haben wir uns an den Frühstückstisch gerettet. Vom Morgengrauen an wird gehämmert, probiert --«

»Ja, sie deklamieren drüben, daß die Balken zittern,« sagte Henriette boshaft und legte sich müde in einen Lehnstuhl zurück, den ihr der Kommerzienrat hingerollt hatte. »Im Vorübergehen hörten wir ‚Pallas Athene‘, die ‚Rosen von Kaschmir‘ und die ‚Neue Professur‘ in lieblichem Versegemengsel --«

»Hu!« stieß Flora heraus und legte zornig beide Hände auf die Ohren. »Es ist geradezu unverschämt, _mir_ ein solches Dilettantenprodukt vorzuleiern, mir, die ich mit meinen reizenden Festspielen stets und immer, vorzüglich bei Hofe, exzelliert habe. Und da soll man nun stillsitzen und keine Miene verziehen, während man sich vor Spott und Lachen die Zunge abbeißen möchte --«

Die Präsidentin unterbrach sie mit einer hastigen Handbewegung; eben traten die darstellenden Damen, die vor der Probe Schokolade im Eßzimmer getrunken hatten, herein, um ihre zurückgelassenen Hüte und Sonnenschirme zu holen.

Flora schlüpfte in das anstoßende Boudoir der Großmama.

Mit affektierter Freude eilte die Hofdame, Fräulein von Giese, auf Käthe zu und begrüßte sie als eine »Langentbehrte«; auch dem Kommerzienrate reichte sie die Hand zum Gruße. »Schön, daß wir Sie hier treffen, mein bester Herr von Römer!« rief sie. »Da können wir Ihnen doch vorläufig danken für die bewunderungswürdige Art und Weise, mit der Sie unsern kleinen Polterabendscherz unterstützten. Wahrhaftig süperbe, zauberhaft!« Sie küßte entzückt ihre Fingerspitzen. »Solche Feerien aus ‚Tausendundeine Nacht‘ kann man allerdings auch nur in der Villa Baumgarten arrangieren -- darüber ist die ganze Welt einig. -- Apropos, haben Sie schon von dem Unglücke des Major Bredow gehört? Er ist fertig, total zu Grunde gerichtet -- alle Kreise sind alarmiert. Mein Gott, in welcher entsetzlichen Zeit leben wir doch! Sturz folgt auf Sturz, in so rapider Weise --«

»Major Bredow hat aber auch wahnsinnig genug in den Tag hinein spekuliert,« sagte die Präsidentin gleichmütig und stützte behaglich den Ellenbogen auf die gepolsterte Lehne ihres Fauteuils. »Wer wird denn so toll, so ohne Sinn und Verstand vorgehen?«

»Die Frau, die schöne Julie, ist schuld -- sie hat zu viel gebraucht; ihre Toiletten allein haben jährlich dreitausend Thaler gekostet.«

»Bah, das hätte sie auch fortsetzen können, wenn der Herr Gemahl mit seinem Anlagekapital vorsichtiger gewesen wäre, aber er hat sich an Unternehmungen beteiligt, die von vornherein den Schwindel an der Stirn getragen haben.« -- Sie zuckte die Achseln. »In solchen Fällen muß man mit einer Autorität gehen, wie ich zum Beispiel; gelt, Moritz, wir können ruhig schlafen?«

»Ich mein' es,« versetzte er lächelnd mit der lakonischen Kürze der Ueberlegenheit und füllte sein Glas mit Burgunder -- er leerte es auf einen Zug. »Ganz ungerupft bleibt man bei einem solchen eklatanten Zusammensturz selbstverständlich auch nicht; da und dort entschlüpft ein kleines Kapital, das man ‚spaßeshalber‘ riskiert hat -- Nadelstiche, an denen sich bekanntlich niemand verblutet --«

»Ach, da fällt mir eben ein, daß ich ja heute die Börsenzeitung noch nicht erhalten habe,« fiel ihm die Präsidentin ins Wort und richtete sich lebhaft auf. »Sie kommt sonst pünktlich um neun Uhr in meine Hände.«

Er zog gleichgültig die Schultern empor. »Wahrscheinlich ein Versehen auf dem Postamte, oder das Blatt hat sich in _mein_ Brief- und Zeitungspaket verirrt und ist mit hinüber in den Turm gewandert; ich werde nachsehen.« Dabei stellte er sein Glas nieder.

»Pardon, meine Damen!« sagte er mit Hindeutung auf sein rasches Trinken. »Ich fühlte plötzlich, daß mein gefürchteter Kopfschmerz im Anzuge; er kommt blitzschnell, und ich pflege ihn mit einem schnell genossenen Glase Wein aus dem Felde zu schlagen.« Vorhin hatte er in der That ausgesehen, als dringe ihm die dunkle Glut des Rotweins bis unter die Stirnhaut.

Er entkorkte rasch eine Flasche Sekt und füllte mehrere auf dem Büffett stehende Gläser. »Ich bitte, mit mir auf das Gelingen unserer heutigen Abendvorstellung zu trinken,« sagte er, ein Glas erhebend, zu den Damen, welche die Kristallkelche ergriffen und seinem Beispiele folgten. »Die Blumenfee mit ihrem reizenden Gefolge soll leben. Die Jugend und die Schönheit, und das herrliche Leben selbst, das ja keinem von uns feindlich ist, ja, auch der süßen Gewohnheit des Daseins ein Hoch!«

Die Gläser klangen und die Präsidentin schüttelte leise lachend den Kopf.

Käthe war unwillkürlich in die Fensternische zurückgewichen, in deren Nähe Henriettens Lehnstuhl stand. Sie sah, wie sich bei dem taktlosen Trinkspruche die Wimpern der Kranken feuchteten, wie sie sich im schmerzlichen Zorne auf die Lippen biß -- die süße Gewohnheit des Daseins war für sie ein Marterrost, und »das herrliche Leben« ließ sich »feindlich« genug jeden Atemzug mit Schmerzen abkaufen. Die junge Mündel hatte kein Glas genommen und der Herr Vormund hatte ihr auch keines angeboten. Der Blick des Mädchens glitt dunkel und ernstspähend über seine lebhaft erregten Züge. Sie hatte nie geahnt, daß auch hinter diesem glatten, leidenschaftslosen Männerantlitze ein innerer Sturm aufwogen könne -- und da war er in den unstät flackernden Augen, in dem leisen, konvulsivischen Beben der Lippen, in der ungewöhnlich lustig forcierten Stimme.

Es war, als fühle der reiche Mann den Blick -- er sah unwillkürlich nach der Fensternische, dann stellte er rasch sein Glas auf den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen hastig über Stirn und Haar; zu dem Kopfschmerze, der diesmal der Weinkur zu spotten schien, hatte sich für einige Sekunden nun auch ein leichter Schwindelanfall gesellt.

24.

Der Polterabendlärm in der unteren Etage steigerte sich nachmittags bis zur Unerträglichkeit. Die adeligen Rittergutsbesitzer aus der Umgegend fuhren vor und mußten einlogiert werden. Aus der Stadt wurden Korbwannen voll »Theaterstaat« herbeigeschleppt -- die Darsteller sollten sich in der Villa kostümieren. Friseure und Schneidermamsells rannten aus und ein, und dazwischen trabten die Gärtnergehilfen immer noch von den Treibhäusern her nach der Villa, keuchend und schweißtriefend unter der Last mächtiger Palmen, Orangen- und Gummibäume.

Bei all dem dumpfen Geräusche unter ihrem Zimmer war Henriette doch in einen scheinbar erquickenden Nachmittagsschlummer gesunken. Im anstoßenden Kabinette saß Nanni, die Kammerjungfer, und nähte mit flinken Händen Silberflitter auf eine Gazewolke, deren die noch immer fieberhaft arbeitenden Tapezierer drunten im Saale bedurften. Käthe öffnete leise die Thür und empfahl dem Mädchen, wachsam zu sein und das Zimmer nicht zu verlassen, bis sie zurückkehre -- dann ging sie hinab, um in der Mühle verschiedene Anordnungen zu treffen.

Sie vermied es, den Hauptkorridor zu betreten -- er wimmelte von ab- und zugehenden Menschen -- und bog in den neben dem Saale hinlaufenden Gang ein. Er war weniger belebt, aber in der schmalen Thür, auf die er mündete und welche ins Freie führte, stand der Kommerzienrat, den Strohhut auf dem Kopfe und augenscheinlich im Begriff, nach dem Turme zu gehen. Er gab dem Lakaien Anton, der ihn speziell bediente und deshalb mit ihm die Ruine bewohnte, einige in der Stadt zu besorgende Aufträge. »Lasse dir Zeit!« rief er dem Forteilenden nach. »Erst nach sechs Uhr will ich mich umkleiden.«

Käthe schritt leise und langsam weiter; sie hoffte, er werde nun auch die Schwelle verlassen und in den Garten hinaustreten, allein er schob mechanisch die Hände in die Seitentaschen seines leichten Ueberziehers und ging nicht. Zu seinen Füßen liefen einige Stufen hinab; er stand ziemlich hoch und konnte von da aus ein bedeutendes Stück seines herrlichen Parkes übersehen, und das fesselte ihn offenbar an seinen Platz. Hatte er denn noch nie diesen Anblick in seiner überraschenden Schönheit so empfunden wie jetzt, wo die Spätnachmittagsbeleuchtung, in die sich bereits rosige Tinten des Abendlichtes stahlen, darüber hinfloß? .... Immer wieder zeigte die Bewegung seines Kopfes, daß er die Augen rundum schweifen lasse, aber das junge Mädchen sah auch, daß sein Oberkörper unter fliegenden, gepreßten Atemzügen förmlich bebte; sie sah, wie sich seine Hände in den Taschen krampfhaft ballten, wie die Rechte plötzlich aufzuckend nach der Stirn fuhr und sich über die Augen legte. Er kämpfte jedenfalls mit dem Unwohlsein, über welches er heute morgen geklagt und das er standhaft verbiß, um die Abendfestlichkeit nicht zu stören.

Sie trat jetzt geflissentlich fester auf und bei dem Geräusche fuhr er herum.

»Dein Kopfweh hat sich verschlimmert?« fragte sie teilnehmend.

»Ja -- und ich habe in diesem Augenblicke wieder einen beängstigenden Anfall von Schwindel gehabt,« antwortete er mit unsicherer Stimme und drückte sich den Hut tiefer in die Stirn. »Kein Wunder! Hätte ich eine Ahnung gehabt von den tausend Widerwärtigkeiten, die mit dieser Polterabendfeier verknüpft sind, ich hätte ganz gewiß davon abgesehen,« setzte er gefaßter, aber auch mit einer ihm sonst fremden Art von Poltern hinzu. »Diese bornierten Handwerkerköpfe haben in meiner Abwesenheit alles verkehrt gemacht; sie haben mich und meine Intentionen nicht begriffen, und was sie in einer vollen Woche zusammengekleistert und -genagelt haben, das mußte heruntergerissen und in Zeit von zwölf Stunden neu hergestellt werden. Nun haben wir den Lärm und die beispiellose Hetzerei bis auf den letzten Moment, wo die Gardine in die Höhe gehen soll.«

Er stieg die Stufen herab, langsam und zögernd, als schwimme bereits alles wieder vor seinen Augen.

»Soll ich zurückgehen und dir ein Glas Selterswasser holen?« fragte sie, auf der Schwelle stehenbleibend. »Oder wäre es nicht besser, den Arzt zu holen?«

»Nein -- ich danke dir, Käthe,« versetzte er in seltsam weichem Tone, und sein feuchter Blick überflog schimmernd, wie messend, das schlanke Mädchen, das seiner Besorgnis so ungekünstelt Ausdruck gab. »Uebrigens irrst du sehr, wenn du meinst, Bruck sei so leicht erreichbar. Der läßt sich von seiner Praxis hetzen bis zum letzten Augenblick; ich glaube, man wird ihn übermorgen vom Krankenbette zur Trauung holen müssen.« Ein sarkastisches Lächeln, als mache er sich innerlich über die ganze Welt lustig, flog über seine Lippen. »Das beste Mittel habe ich selber« -- sagte er gleich darauf -- »meinen kühlen Turmkeller. Ich bin eben im Begriffe, hinüberzugehen und die Weine für heute abend herauszugeben; die frische Kellerluft wird wirken wie eine kühlende Kompresse.«

Käthe knüpfte die Hutbänder unter dem Kinne fester und trat heraus auf die Thürstufen.

»Und du gehst noch in die Mühle? Hoffentlich nicht weiter?« meinte er, nach seiner Uhr sehend; diese einfache Frage klang so nachlässig hingeworfen, und doch kam es Käthe vor, als stocke ihm der Atem dabei.

Die Stufen herabsteigend, sagte sie ihm, was sie nach der Mühle führe, dann ging sie mit einem freundlichen Kopfneigen über den Kiesplatz, während der Kommerzienrat die Richtung nach dem Turme einschlug. Hinter dem ersten Strauche des nächsten Bosketts sah sie noch einmal unwillkürlich nach ihm hinüber; er war unverkennbar leidender, als er eingestehen mochte. Schon wieder ging er zögernd, wie mit einknickenden Knieen; er hatte den Hut in den Nacken geschoben, als stürme ihm die Fieberglut abermals nach dem Kopfe, und seine Augen irrten ziellos über den Park hin.

Jetzt brauste es auch ihr durch das Gehirn; ein dunkles Angstgefühl überkam sie. Der kranke Mann mit dem unsicheren Gebaren allein im Turmkeller! Wie ein Fiebergespenst jagte der grauenhafte Gedanke, der sie einst angesichts der Ruine gepackt, an ihr vorüber. »Ich bitte dich, Moritz, sei vorsichtig mit dem Kellerlicht!« rief sie ihm angstvoll zu.

War er zu tief im Nachgrübeln versunken gewesen, oder hatte sich bereits jene nervöse Reizbarkeit seiner bemächtigt, die vor jeder lauten Menschenstimme erschrickt! Er fuhr wild empor, als habe ihn ein Schuß getroffen.

»Was willst du damit sagen?« rief er heiser zurück. »Wie? Siehst du Gespenster am hellen Tage, Käthe?« setzte er gleich darauf hinzu; er brach in ein schallendes Gelächter aus, das etwas tief Beschämendes für die jugendliche Warnerin hatte, und verschwand mit einem spöttisch grüßenden Handwinken und sehr stramm gewordener Haltung im nächsten Laubgange.