Part 22
»Nun, du sollst sehen, sie wird nicht einen Zoll breit von dem Terrain, das du ihr allzu bereitwillig und unumschränkt eingeräumt hast, an eine andere abtreten wollen. Ich habe dich oft genug gewarnt, sieh du nun auch zu, wie du mit ihr fertig wirst!« Sie unterbrach sich plötzlich und erfaßte besorgt Brucks Hand. »Sage mir nur um des Himmels willen, was mit dir ist, Leo?« rief sie leidenschaftlich erregt. »Du kämpfest mit einem inneren Schmerz, den du mir verbergen möchtest. Magst du auch andere täuschen, das Auge der Liebe täuschest du nicht. Hier und hier« -- sie fuhr mit ihren weißen Fingern über seine Stirn, die bis an die Haarwurzeln errötete -- »sehe ich Linien, die mich ängstigen. Du strengst dich offenbar zu sehr an. Weißt du, daß ich mir die Freiheit nehmen und von heute an einen unserer Diener in deine Stadtwohnung beordern werde, um diese lästigen Spießbürger unerbittlich zurückzuweisen, die dein ärztliches Wirken kaum noch mit Steinen beworfen haben und nun dich zu Grunde richten mit ihrer Zudringlichkeit?«
Henriette starrte die zuversichtliche Sprecherin wie fassungslos an, und der Kommerzienrat räusperte sich und strich wiederholt mit der Hand über sein feines Bärtchen, um einen mokanten Ausdruck zu verbergen; über das Gesicht des Doktors aber, das vorhin allerdings eine unerklärliche, erschreckende Starrheit angenommen hatte, ging jetzt schattenhaft ein schneidendes, bitterverächtliches Lächeln hin. »Das wirst du nicht thun, Flora,« sagte er rauh und sehr gebieterisch. »Jede unbefugte Einmischung in meine Praxis muß ich mir entschieden verbitten -- heute und immer. Ich habe übrigens im Interesse eines Schwerkranken, den heftige Gemütsbewegungen geistig und körperlich gebrochen, ein Wort mit dir zu reden,« wandte er sich an den Kommerzienrat. »Möchtest du mir wohl eine Besprechung unter vier Augen gestatten?«
»Eines Schwerkranken?« wiederholte der Kommerzienrat nachsinnend. Er runzelte gleich darauf finster die Brauen und ein harter, widerwilliger Zug entstellte seinen Mund. »Ach ja, ich weiß schon,« sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung; »es ist der wagehalsige Mosje, der Kaufmann Lenz. Der Mensch hat auf die unvernünftigste Weise ins Blaue hinein spekuliert und möchte sich nun mit einem tiefen Griffe in meinen Säckel retten; ich bedanke mich.«
»Willst du mir dergleichen nicht lieber drüben aussprechen?« fragte der Doktor mit starkem Nachdrucke. »Wir beide sind heute noch die einzigen, die der Mann in seine furchtbare Lage eingeweiht hat; nicht einmal seine Frau weiß darum --«
»Nun meinetwegen; ich werde ja hören, inwiefern er dich zum Vermittler gemacht hat, glaube aber schwerlich, daß ich ihm auch nur eine Fingerspitze reichen werde. Es ist eine total verlorene Sache, sag' ich dir.« Er zuckte kalt die Achseln; den einst wirklich gutherzigen Mann hatten Glück und Geld unempfindlich gemacht -- er war völlig unfähig geworden, sich in eine von qualvollen Sorgen hin und her gepeitschte Menschenseele hineinzudenken. »Im übrigen hast du am allerwenigsten Ursache, dich seiner anzunehmen, er hat _auch_ einen Stein aufgehoben, um dich zu bewerfen.«
»Soll das wirklich maßgebend für mich sein?« fragte Bruck ernst über die Schulter, während er sich anschickte, dem Kommerzienrate in das anstoßende Zimmer voranzugehen. -- Der Mann der Wissenschaft erschien in diesem Augenblicke hochherrlich und imponierend neben dem jäh errötenden Geldmenschen.
Die drei Schwestern blieben allein. Flora schellte übelgelaunt nach ihrer Jungfer, damit sie die Geschenke des Kommerzienrates hinwegräume, und Käthe griff nach ihrem Sonnenschirme.
»Willst du ins Freie, Käthe?« fragte Henriette, die sich wieder in ihren Schaukelstuhl gekauert hatte.
»Es ist heute Arbeitsstunde bei der Tante Diakonus; ich habe mich schon verspätet und muß eilen --« Das junge Mädchen verstummte unwillkürlich; Schwester Flora warf einen Karton mit Blumen so heftig in die Korbwanne, welche die Kammerjungfer herbeigeholt hatte, daß ein ganzer Regen zarter, weißer Blütenglocken über die Stoffe hinflog.
»Wie mich dieses Thun und Treiben anekelt, kann ich gar nicht sagen,« rief sie ergrimmt. »Diese Tante, dieses personifizierte Pflichtgefühl, hat meine heutige Einladung zum Kaffee abgelehnt, weil die kleinen Damen aus unserem verrufensten Stadtviertel beileibe nicht unverrichteter Dinge fortgeschickt werden dürfen, und Fräulein Käthe beeilt sich selbstverständlich aus demselben Grunde, zu der Farce eine ernsthafte Miene voll Pflicht und Tugend zu machen.«
Sie biß sich auf die Lippen und wartete, bis sich die Jungfer entfernt hatte, dann aber erfaßte sie Käthe, die eben schweigend das Zimmer verlassen wollte, am Arm und hielt sie zurück. »Nur einen Augenblick Geduld! Ich muß dir sagen, daß du mich durch dein Gebaren in eine Rolle drängst, die ich auf die Dauer unmöglich durchführen kann -- bis zum September ist eine lange Zeit. Was liegt näher, als daß die Tante von der Braut ihres Neffen dieselbe heroische Selbstüberwindung verlangt, wie sie das Muster von Schwester an den Tag legt? -- Ich soll die ungewaschenen Kinderfinger zwischen die meinen nehmen und lammgeduldig Masche um Masche von den Nadeln heben, bis solch ein vernagelter Tagelöhnerkopf die Manipulation des Strickens begriffen hat. Ich soll nötigenfalls schmutzige Gesichter waschen, wirre Zöpfe strählen und stundenlang mit den unappetitlichen Menschenkindern Ringelreihe spielen -- ich hab's versucht -- brr! Und wenn ich darauf hin mein Mitwirken unterlasse, da geschieht es, daß ich durch die Ohrenbläsereien der guten Tante in Brucks Augen zu einem wahren Ungeheuer gestempelt werde, das -- unweiblich und herzlos -- die süße Kinderwelt nicht liebt. Aus diesem Grunde verbiete ich dir nochmals, ein für allemal diese Art Verkehr im Hause meines Bräutigams, kraft meines guten Rechtes -- hörst du?«
»Ich höre, werde aber nichtsdestoweniger thun, was mir mein eigenes Gewissen nicht verbietet,« versetzte Käthe fest und ruhig und schob mit einer energischen Gebärde die Hand der Schwester von ihrem Arm. »Deinem guten Recht, das du übrigens selbst mißachtet und in meiner Gegenwart als überlästig ausgeboten hast --«
»Ja wohl, ja wohl!« rief Henriette dazwischen -- sie stand plötzlich neben Käthe und ihre Augen funkelten in unversöhnlichem Haß die übermütige Schwester an.
»Also diesem Recht trete ich in keiner Weise nahe, dessen bin ich mir bewußt,« fuhr Käthe fort. »Schlimm aber steht es um dich, wenn du in jeder menschenwürdigen Handlung anderer ein feindliches Element siehst, das deine Stellung gefährdet --«
»Gefährdet?« wiederholte Flora, unter spöttischem Gelächter die Hände zusammenschlagend. »Liebste, weiseste aller Moralpredigerinnen, das ist ein kleiner Irrtum. Eine Liebesleidenschaft, die sich das alles bieten läßt, was ich mit gutem Vorbedacht als _Feuerprobe_ über Bruck verhängt hatte, kann durch nichts mehr auf Erden gefährdet werden.«
»Traurig genug!« murmelte Henriette mit heiserer, fast erstickter Stimme und zornig geballten Händen. »Ich muß mir immer wieder Brucks männliche Festigkeit in seinem ganzen sonstigen Verhalten und Auftreten ins Gedächtnis zurückrufen, um ihn nicht als -- Schwächling zu verurteilen.«
»Es handelt sich eben nur um die Spanne Brautzeit bis zum September,« fuhr Flora fort, Henriettens Einwurf mit spöttischem Achselzucken einfach übergehend, »und es ist nichts anderes als ein höfliches Zugeständnis meinerseits der Alten gegenüber; ich wünsche mich mit ihr zu vertragen. In L.....g ändert sich freilich alles; da fallen dergleichen Rücksichten von selbst weg, und was Bruck betrifft, so wird er in den ersten Wochen unserer Ehe einsehen, daß eine Frau, wie sie die Tante für ihn wünscht, nicht nur eine beschämende Last, sondern geradezu eine Unmöglichkeit für ihn sein würde. Dann erst kann er meinen Wert vollkommen erkennen, wenn der Salonverkehr seines Hauses, dem ich präsidiere, den rechten Lüster über seine hervorragende Stellung wirft; wenn er mich stets in gewohnter Eleganz und Sicherheit auf meinem Posten findet, ohne daß mein Fernhalten von Hauswesen und Kinderstube pekuniäre Opfer seinerseits fordert. Ich habe bereits alles berechnet; nach Abzug meiner Toiletten- und Nadelgelder bleibt mir von meinen Revenüen so viel übrig, daß ich den Gehalt einer perfekten Köchin, der Wirtschaftsmamsell, der Kinderfrau und der Gouvernante aus meiner eigenen Tasche bezahlen kann.«
Sie sah bei den letzten Worten auf ihre glänzenden, rosenfarbenen Nägel, dann wandte sie mit einer langsamen, stolzen Bewegung den Kopf seitwärts -- der deckenhohe Spiegel warf ihre Gestalt zurück, diese blendende Erscheinung, bei deren Anblick man sich allerdings unmöglich denken konnte, daß sie je in trauter Häuslichkeit einen kleinen Liebling auf den Knieen wiegen, am Krankenbettchen Märchen erzählen und in der Kinderstube das sein werde, was die treue Mutter sein soll, das tröstende Licht, das keine Nacht aufkommen läßt, die höchste Instanz, die mit einem Kusse jeden Streit schlichtet, die unermüdlich stützende Hand, an der das Kind geistig und physisch laufen lernt.
Und ihr Blick irrte wie schönheitstrunken weiter und blieb vergleichend an dem weißgekleideten Mädchen hängen, hinter welchem die blausamtene Portiere niederfiel. Von diesem Grunde hoben sich die jugendlich schwellenden Glieder, die unvergleichliche Schönheit der Gesichtsfarben unter der dicken Flechtenkrone, die im reinsten Perlmutterweiß schwimmenden dunkeln Augensterne herrlich ab, und wenn die schöne Flora in ihrem Gesamtausdrucke das wissende Weib repräsentierte, das bereits tief in das Leben geschaut hat, so stand da neben ihr ein jungfräulich keuscher Schwan in naiver Unschuld und fleckenloser Seelenreinheit. Vielleicht mißfiel ihr das. Sie lächelte das Spiegelbild spöttisch an und nickte hinüber.
»Ja ja, meine Kleine, so veilchenhaft bescheiden wirst du nicht immer bleiben, und die häuslichen Bestrebungen, zu denen dich die Lukas in so unvernünftig übertriebener Weise erzogen, sind bei dir ebenso wenig am Platze wie bei meiner künftigen Lebensstellung. Moritz wird dir nie das unharmonische Geklingel mit dem wirtschaftlichen Schlüsselbunde gestatten -- darauf verlasse dich, und wenn er dir galanterweise sogar zehnmal einen Geflügelhof in Aussicht stellt! Gerade er mit seinem neugebackenen Adel wird in Bezug auf die etikettengemäß weißen, geschonten Hände seiner Frau penibel sein wie kaum unser Allerdurchlauchtigster.«
Käthe war längst errötend aus dem Bereiche des Spiegels getreten. »Das mag Moritz halten, wie er will. Was geht das mich an?« fragte sie in halbabgewendeter Stellung, aber die Augen groß und verwundert auf das Gesicht der Schwester richtend.
»Aber ich bitte dich, Flora, wie kannst du so taktlos sein, Moritz in so unumwundener Weise vorzugreifen?« rief Henriette erschreckt; sie fixierte mit einem besorgten, verlegenen Seitenblick Käthes Gesichtsausdruck.
»Ach was, er kann mir nur dankbar sein, wenn ich ihm den Weg ein wenig glatt und eben mache. Und glaubst du denn, ich spräche da etwas aus, das Käthe nicht selbst längst wüßte? Es gibt kein Mädchen über fünfzehn Jahre, das nicht mit den Fühlfäden des Sehnens und Wünschens unausgesetzt sondierte und sofort wie durch einen elektrischen Schlag fühlte, wenn ein Männerherz sich ihm zuneigt. Die das nicht zugeben, sind entweder zu dumm oder raffinierte Koketten.« Sie maß wieder ihr Spiegelbild vom Kopf bis zu den Fußspitzen und zog die Löckchen tiefer in die Stirn. »Wer vorhin Augen gehabt hat, zu sehen, wie unsere Kleine sich vertrauensvoll und hingebend anzuschmiegen weiß, der kann nicht mehr fehlgehen -- gelt, Käthe, du verstehst mich?« Jetzt lächelte sie mit frivol blinzelnden Augen unter dem hochgehobenen Arme weg die junge Schwester an.
»Nein, ich verstehe dich nicht,« versetzte das junge Mädchen mit stockendem Atem; ein undefinierbares Gemisch von heftigem Widerwillen und böser Vorahnung stieg in ihr auf und machte sie ängstlich.
»Komm, Käthe, wir wollen gehen,« sagte Henriette und schlang ihren Arm um die Hüften der großen, schlanken Schwester, um sie nach der Thür zu ziehen. »Ich leide ein solch indiskretes Verhör nicht,« setzte sie, zornig mit dem Fuße stampfend, hinzu.
»Bah, echauffiere dich nicht, Henriette!« lachte Flora. Sie reichte Käthe das Etui mit dem Geschmeide hin. »Hier, Kleine, du wirst doch die Steine nicht in dem offenen Salon liegen lassen, wo die Dienerschaft aus und ein geht?«
Käthe legte unwillkürlich und naiv wie ein Kind die Rechte, in welche der Schmuck gedrückt werden sollte, auf den Rücken. »Mag doch Moritz sie wieder an sich nehmen,« sagte sie kurz und bestimmt. »Deine Großmama hat darin ganz recht -- es ist ein unpassendes Geschenk; an meinen Hals gehört ein solcher Schmuck nicht.«
»Und an diese gutgespielte Unbefangenheit soll ich glauben?« rief Flora ärgerlich und wie gelangweilt. »Geh! Einem so großen, vierschrötigen Mädchen steht die kindische Ziererei nun einmal nicht an. Da liegt er noch, der Spitzenshawl, den Moritz der Großmama mitgebracht hat -- sie verschmäht ihn; sie ist empfindlicher als deine Schwestern, die es selbstverständlich finden, daß dein Geschenk alles, was er hier für uns ausgebreitet hat, an innerem Werte mindestens vierfach aufwiegt -- und über das Warum dieser Auszeichnung wolltest du allein im unklaren sein? Mache dich nicht lächerlich! Hörst Tag für Tag das Hantieren drüben im Pavillon -- alle im Hause, bis auf die aus und ein gehenden Handwerker hinab, wissen, daß die Wohnung für die Großmama hergerichtet wird, damit die junge Frau Kommerzienrätin in diese brillanten Räume einziehen kann -- nun, kleine Unschuld, soll ich noch deutlicher werden?«
Bis dahin hatte das junge Mädchen regungslos gestanden und mit zurückgehaltenem Atem und aufdämmerndem Verständnis die Redewendungen der Schwester so erschreckten Auges verfolgt, als sehe sie eine buntschillernde, gefährliche Schlange allmählich sich entringeln. Nun aber irrte ein stolzes Lächeln um ihre blaßgewordenen Lippen. »Bemühe dich nicht -- ich habe dich endlich verstanden,« sagte sie bitter -- dem Metallklang ihrer Stimme hörte man den inneren Schrecken an -- »du hast es weit klüger angefangen als deine Großmama, mir den ferneren Aufenthalt in diesem Hause unmöglich zu machen.«
»Käthe!« schrie Henriette auf. »Nein, darin irrst du. Flora ist wie immer entsetzlich rücksichtslos gewesen, aber böse gemeint waren ihre Anspielungen sicher nicht.« Sie schmiegte sich eng an die Schwester an und sah ihr zärtlich in das Gesicht. »Und wenn auch, weshalb sollten dich denn derartige Neckereien aus dem Hause treiben, Käthe?« fragte sie halb ängstlich und zögernd in schmeichelndem Flüstertone. »Bist du wirklich so ahnungslos der Liebe gegenüber geblieben, die dir so unzweideutig gezeigt wird? Sieh, ich habe jetzt oft den heißen Wunsch zu sterben, wenn es aber wahr würde, daß du als Herrin hier in unserem väterlichen Heim einzögest, dann --«
Käthe wand sich ungestüm aus den zarten Armen, die sie umstrickten. »Niemals!« rief sie, den Kopf heftig schüttelnd, zornig, erbittert, wie es nur ein stolzes, plötzlich in allen seinen Tiefen unsanft und schonungslos aufgerütteltes Mädchengemüt sein kann.
»So -- also niemals?« wiederholte Flora sarkastisch. »Vielleicht ist dir die Partie nicht vornehm genug -- wie? Wartest wohl auf irgend einen verschuldeten Grafen oder Prinzen, der modernerweise nicht das Dornröschen selbst, sondern ihre Geldsäcke aus dem Zauberbanne erlöst? Ei nun, die Jetztzeit ist ja nicht arm an solchen Ehen! Wie aber die unglückliche Mitgabe, die Frau, dabei fährt, weiß man auch ... Willst du immer wieder hören, daß dein Großvater hinter den Müllerpferden hergegangen und deine Großmutter barfuß gelaufen ist, dann heirate nur in eine solche adelsstolze Familie! Uebrigens möchte ich wirklich wissen, was du an Moritz auszusetzen hast, oder vielmehr, was dich berechtigt, seine Hand zurückzuweisen. Du bist allerdings sehr reich, aber was es für einen bedenklichen Haken dabei hat, wissen wir. Du hast viel Jugendfrische, allein schön bist du nicht, meine Kleine, und was dein Talent betrifft, mit welchem du allerdings in günstigen Momenten zu brillieren verstehst, so ist das ein von ehrgeizigen Lehrern künstlich angefachtes Geistesfünkchen, das sehr schnell wieder erlöschen wird, sobald das fette Honorar aufhört.«
»Flora!« unterbrach sie Henriette empört.
»Schweig! Ich rede jetzt in deinem Interesse,« sagte Flora, mit einer kräftigen Handbewegung die schwache Gestalt der Kranken beiseite schiebend. »Oder möchtest du Moritz leidenschaftlicher verliebt in dich sehen, als er sich gibt, Käthe? Liebes Kind, er ist ein gereifter Mann, der über das Heldenspielen in einem Backfischroman längst hinaus ist. Es fragt sich überhaupt, ob du je um deiner selbst willen gewählt wirst -- bei solchen kleinen Millionärinnen kann man das nie wissen .... Ich begreife dich nicht. Du hast dich bis zu diesem Augenblicke auf die Krankenpflegerin kapriziert, wie kaum eine aussichtslose alte Jungfer, weil -- es eigentlich von keiner Seite gewünscht wurde, und nun, da Henriette ihre ganze fernere Existenz an dein Bleiben im Hause knüpft, willst du gehen? Ich für meine Person würde auch ruhiger in der Ferne sein, wenn ich unsere Schwester unter deinen pflegenden Händen wüßte, und was Bruck anbelangt -- nun, du hast dich allerdings eben wieder überzeugen müssen, wie wenig sympathisch du ihm bist, armes Kind; er will lieber den ungezogenen Schreihals, den Job Brandau, in seinen vier Wänden dulden als dein häusliches Schalten und Walten, aber ich weiß trotz alledem gewiß, daß er seine Patientin, die er schließlich doch hier ihrem Schicksale überlassen muß, dir am liebsten übergibt, an der sie mit Liebe hängt.«
Henriette lehnte mit kreideweißen Wangen an der Wand -- sie war keines Wortes fähig, so tief erbitterten sie die unbeschreibliche Nonchalance, der beispiellose Uebermut, mit welchem Flora alles, was die Schwesterherzen demütigen mußte, an das Licht zerrte. Käthe jedoch hatte ihre äußere Fassung vollkommen wiedergewonnen.
»Darüber werden wir zwei uns allein verständigen, Henriette,« sagte sie ganz ruhig, aber die Lippen, welche die Stirn der Kranken küssend berührten, die Finger, die sich mit innigem Druck um ihre Hand legten, waren kalt wie Eis. »Du gehst doch wohl jetzt hinauf in dein Zimmer;« sie sah nach ihrer Uhr, »es ist Zeit, daß du deine Tropfen nimmst. Ich komme bald zurück.«
Sie ging hinaus, ohne noch einen Blick auf Flora zu werfen.
»Eingebildetes Ding! Ich glaube gar, sie nimmt es auch noch übel, daß man sie nicht für die erste Schönheit erklärt und daß nicht auch Männer wie Bruck an ihrem Siegeswagen ziehen,« sagte die schöne Dame mit sarkastisch zuckenden Mundwinkeln, und während Henriette schweigend ihr Geschenk und die Kapsel mit dem Rubinschmucke forttrug, schritt sie, eine Melodie trällernd, nach dem Zimmer, in welches sich die beiden Herren zurückgezogen, und klopfte ungeniert mit dem Finger an, weil es, wie sie durch die Thürspalte hinüberrief, sehr ungalant sei, »das Geburtstagskind« heute allein zu lassen.
20.
Käthe wanderte lange ziellos durch den Park, durch alle Laubgänge und Alleen, in die entlegensten Partien hinein. So aufgeregt, wie sie war, mochte sie der Tante Diakonus nicht unter die Augen treten; sie wußte, die alte Frau würde teilnahmvoll fragen, und dann mußte sie beichten, und wahrscheinlicherweise gehörte die alte Freundin auch zu denen, die ihre Verbindung mit dem Kommerzienrat wünschten -- sie machten ja in dem Punkte alle Front gegen sie, Flora, Henriette, der Doktor. Egoisten waren sie alle, das wußte sie nun. Aber sie ließ sich nicht in den glänzenden Käfig sperren; sie flog ihnen davon. Das dachte sie bitter, mit finsterem Trotze, und blieb einen Augenblick mit müden Füßen vor der Ruine stehen, bis wohin sie sich verirrt hatte. Die Sonne stand schon tief -- es war Abendsonnenlicht, das die Lüfte, den dunkeln Tannenwald im Hintergrunde und den flutenden Wasserring um die Ruine von zwei Seiten her mit Purpur- und Goldtinten glühend tränkte und färbte. Wie ein Gebild aus schwarzem Marmor hob sich die Hügelform mit dem Turme von dem glitzernden Grunde, und die vollblätterige Nußbaumgruppe stand vor ihr wie eine vielzackige dunkle Silhouette, durch deren Geäst nur da und dort die Farbengluten tropften.
Mit einem feindseligen Blick starrte das junge Mädchen über das Wasser hinüber. Dort oben, wo die schwere dunkelrote Seidengardine hinter der mächtigen Spiegelscheibe wie ein unheimlicher Blutstrom niederrollte, stand der vielberufene Geldschrank. Bis dahin hatte sie ihn gefürchtet; heute haßte sie diese vier engen eisernen Wände, die ihr Ich, ihr warmschlagendes Herz aus dem Dasein löschten und sich selbst an die Stelle eines jungen Mädchens mit idealen Hoffnungen und Wünschen und tiefer Sehnsucht nach wahrem, stillem Liebesglück drängten. Wer auch kam und um ihre Hand freite, er liebäugelte mit dem eisernen Ungetüm, das sich an ihre Fersen heftete; jeder Blick, der begehrend auf sie fiel, galt der Millionärin, jeder warme Händedruck dem Papiergespenst, »das immer neue Summen aus der Welt an sich zog«. Und das bedachte der Herr Kommerzienrat von Römer auch -- der reiche Mann wollte noch reicher werden. Wahrlich, heimtückischer war das Nagen des Wurmes auch nicht, das allmählich von innen eine köstliche Frucht verzehrte, als dieser ewig bohrende, das Selbstgefühl vernichtende Gedanke, den Flora boshaft lachend in die Seele der jungen Schwester geschleudert.
Und dort unten, an der Basis des Turmes gähnte die dunkle Kellerluke, wo die kostbaren Weine des reichen Mannes feurig gegen die einzwängenden Faßdauben und Flaschen pochten. Der Kommerzienrat hatte erst kürzlich wieder die Präsidentin und seine drei Schwägerinnen hinuntergeführt. Die Eisenbahn hatte wieder einmal zahllose Fässer und Körbe herangerollt, und sie alle fanden Platz in den mächtigen Gewölben, die ihre Steinbögen weit und tief in den Leib des Hügels hineintrieben.
Es wehte eine herrlich kühle, reine und trockene Luft da unten; die Steinfliesen des Fußbodens blinkten wie poliert; kein Staubkörnchen, nicht das dünnste Spinnwebfädchen hing an den Steinrippen, die sich oben zur Kuppel kreuzten, und das Kellergerät, das Trinkgeschirr, die grünen Römer, die Champagnergläser, alles funkelte und gleißte; man sah, daß hier dienende Hände ohne Unterlaß fegten und spülten, strenger und peinlicher als im glänzenden Salon. Und da, wo die edelsten Sorten, Faß an Faß, lagerten, wo nur ein schwacher Schein des Tageslichtes hoch oben an der Gewölbdecke dämmerte, da standen auch in der dunkelsten Ecke die zwei Tonnen mit dem historischen Schießpulver, so frisch und unversehrt, daß Käthe neulich lachend gemeint hatte, die ehrwürdigen Reliquien würden wahrscheinlich von Zeit zu Zeit erneuert wie der berühmte Tintenfleck auf der Wartburg. Diese Ecke aber war und blieb ihr unheimlich; sie begriff nicht, wie der reiche Mann sie Tag und Nacht unter seinen Füßen dulden konnte; und wenn sie auch nur die gespenstische Ahnfrau der Baumgarten mit umherleuchtender Fackel hin und her irrend dachte, dann sträubte sich ihr das Haar.
Ihr Blick stieg an den geschwärzten Quadern empor -- ein einziger Funke, der von dem Kellerlicht wegsprang -- und das alte, wie für die Ewigkeit gekittete Turmgefüge barst auseinander, und alles, was Menschenhände an Schätzen in dem Mauerviereck gierig zusammengerafft, es stürmte, in Atome zerstückelt, gen Himmel. Auch die eisernen Wände zersprangen, und die Papiere, an denen der Fluch der Bedürftigen hing, zerstoben und zerflatterten nach allen Winden.