Im Hause des Kommerzienrates.

Part 21

Chapter 213,651 wordsPublic domain

»Sieh, Leo, mit dem heutigen Tage schließe ich die Vergangenheit ab, in der ich so schwer geirrt und mich nahezu um mein Lebensglück gebracht hätte,« sagte Flora drüben mit unwiderstehlich süßer Stimme, während Käthe einen dicken Notenstoß aus dem Schranke hob. »Ich will die Erinnerung an jenen schlimmen Abend nicht wieder wachrufen, wo ich alle Herrschaft über mich verloren und in der Aufregung und Gereiztheit Aussprüche gethan habe, um die meine Seele, mein Herz selbst nicht wußten, aber um der Wahrheit willen, und weil ich mir doch das schuldig bin, muß ich dir sagen, daß auch du damals geirrt hast, was dein absprechendes Urteil betrifft. Es war nicht der Trieb, mich hervorzuthun, der mich der Schriftstellerei zugeführt hat, sondern in der That die Begabung -- deutlich gesagt -- der Genius. Frage mich nicht weiter! Ich kann dir nur versichern, daß ich meinen Weg gemacht haben würde, und zwar durch mein Werk ‚Die Frauen‘, das du ja nicht kennst. Es ist nach Aussprüchen von kompetenter Seite wohl geeignet, meinen Namen rühmend in alle Welt hinauszutragen, aber wie könnte es mir jetzt wohl noch einfallen, an _deiner_ Seite meinen eigenen Weg zu gehen und meine speziellen Fähigkeiten geltend machen zu wollen? Nein, Leo, ich werde mich einzig und allein in _deinem_ Ruhme sonnen, wie es der Frau ziemt, und damit mir auch in Zukunft die Versuchung nie wieder nahe tritt, müssen diese Blätter, das Resultat emsigen Studiums und des poetischen Quells, der nun einmal in meiner Seele quillt und sprudelt, aus der Welt verschwinden.«

Käthe umschritt in diesem Augenblick, das endlich gefundene Notenblatt in der Hand, den Flügel. Sie sah, wie Flora das Manuskript mit einigen Streichhölzern entzündet und es auflodernd in den Kamin warf. Die schöne Braut wandte dabei den Kopf nach der Fensterseite zurück, wo jedenfalls der Doktor stand; vielleicht wünschte sie, er möchte den Versuch machen, sie in ihrem Beginnen zu hindern, allein kein Schritt wurde hörbar; keine rettende Hand streckte sich aus, um das »kostbare« Brennmaterial den Flammen zu entreißen. Der Brandgeruch, den der Frühlingswind in das Zimmer zurücktrieb, wehte in den Musiksalon, und während Flora mit fest eingeklemmter Unterlippe und seltsam glimmenden Augen vom Kamin zurücktrat, nahm Käthe hastig den Platz am Flügel ein und begann sofort die Lisztsche Phantasie über das »Lob der Thränen«.

Käthe wollte Brucks Antwort nicht hören; denn es war ihr schrecklich, stets unfreiwillige Zeugin der Szenen zwischen den Verlobten zu sein -- Bruck mußte sie zuletzt hassen. Aber sie war namenlos empört über die abermalige Komödie, die sich eben wieder vor ihren Augen abgespielt. Das abgegriffene, wandermüde Manuskript, das auf seinen »Zickzackwegen durch die Welt« von kompetenter Seite wiederholt als nicht brauchbar zurückgeschickt worden war, es hatte die Rolle eines thränenwerten Opfers spielen müssen, das die Seelengröße, die hehre Selbstüberwindung eines hochbegabten, sich und ihren Genius verleugnenden Weibes dem strengen Herrn und Gebieter brachte.

Es wurde drüben gesprochen. Käthe hörte durch die Melodie, welche ihre Hände energischer als sonst den Tasten entlockten, die ernste, unbewegte Stimme des Doktors, aber sie verstand zu ihrer eigenen Beruhigung kein Wort, und als sie schloß, da kam auch Flora schon wieder herüber, um in das Balkonzimmer zurückzukehren. Diesmal hing sie nicht an Brucks Arm; sie hielt das Boukett der Fürstin in der Hand und ging neben dem Doktor her, verdrossen wie ein gescholtenes Kind, das aber nicht zu widersprechen wagt -- Flora hatte ihren Herrn und Meister gefunden ... Ein zorniger Seitenblick streifte die am Flügel sitzende Schwester, die eben die Hände von den Tasten sinken ließ. »Gott sei Dank, daß du fertig bist, Käthe!« sagte sie stehen bleibend. »Du lärmst ja auf dem Instrument, daß man sein eigenes Wort nicht versteht. Schau, deine eigenen Sachen spielst du ja ganz nett -- das sind eben harmlose Kindermelodien ohne alle Tiefe -- an Schubert und Liszt aber solltest du dich nicht wagen; dazu fehlt dir das Verständnis und vor allem die Fertigkeit.«

»Henriette hat die Piece zu hören gewünscht,« entgegnete Käthe gelassen und schloß den Flügel. »Für eine fertige Klavierspielerin habe ich mich nie ausgegeben --«

»Nein, Herzenskäthe, das hast du niemals gethan, bist auch keine Virtuosin, die Bockssprünge mit ihren Fingern macht,« fiel Henriette ein; sie stand plötzlich, wie hingeweht, auf der Schwelle des Musiksalons, »aber das Mädchengemüt möchte ich kennen, das Schubert inniger auffassen möchte als du -- oder meint Schwester Flora, die Thränen, die einem dabei in die Augen treten, weine und heuchle man aus purer Gefälligkeit?«

»Kranke Nerven, Kindchen -- weiter nichts!« lachte Flora und folgte dem Doktor in den Salon, von wo die Präsidentin ihn gerufen hatte.

Die alte Dame saß drüben mit etwas echauffiertem Gesicht, in der einen Hand die Lorgnette, in der andern einen Brief, den ein Diener eben gebracht hatte. »Ach, liebster, bester Hofrat,« -- sie gebrauchte diesen Titel, so oft er sich anbringen ließ, denn er schmeichelte ihrem Ohre trotz alledem und alledem -- »da schreibt mir eben meine Freundin, die Baronin Steiner, daß sie in den nächsten Tagen hierher kommen will, um Rat und Hilfe bei Ihnen zu suchen. Sie ist ganz trostlos über ihren Enkel, den Stammhalter der alten Familie von Brandau -- der Junge hinkt seit einiger Zeit ein wenig, und die tüchtigsten Aerzte tappen im Dunkeln über den Ursprung des Leidens. Wollen Sie das Kind untersuchen und in Behandlung nehmen?«

»Sehr gern, vorausgesetzt, daß die Dame nicht allzu große Ansprüche an meine Zeit macht.« Er kannte schon diese hocharistokratisch sich gebärdenden Damen, die gar zu gern »warten lassen« und einen angehenden Schnupfen wie eine Todeskrankheit respektiert sehen wollen.

Die Präsidentin war sichtlich verletzt durch die gleichgültige Art und Weise, mit welcher ihre Bitte aufgenommen wurde; sie antwortete nicht.

»Die Baronin ist sehr pikiert über meinen neulichen Absagebrief,« wandte sie sich an Flora; »der Zettel da« -- sie tippte mit der Lorgnette auf das Briefblatt -- »strotzt von Anzüglichkeiten, und wenn nicht Sorge und Angst an sie heranträten, würde sie mir wohl nie wieder geschrieben haben; wie mich das schmerzt, kann ich kaum sagen. Sie will nun im ersten besten Hotel wohnen, von wo aus unser Hofrat am ersten zu erreichen ist, und bittet mich _wenigstens_ um _die_ Gefälligkeit, ihr eine Wohnung von fünf Zimmern auszumachen.« Jetzt zuckte ein wahrhaft vernichtender Blick unter den breiten Lidern hervor nach dem jungen Mädchen im weißen Kleide, das ihr gegenüber hinter einem Stuhle stand und, die Hände auf die Lehne desselben gelegt, mit niedergeschlagenen Augen den Verhandlungen zuhörte, wobei abwechselnd Erröten und Blaßwerden über das liebliche Gesicht hinflogen -- war doch jedes Wort ein Vorwurf für sie.

»Mein Gott, es ließe sich ja schließlich in der Bel-Etage einrichten, wenn die gute Steiner nicht ~à tout prix~ fünf Zimmer haben müßte,« fuhr die Präsidentin fort. »Aber sie braucht doch notwendig einen Salon für sich und ihre Tochter Marie, ein Wohnzimmer für den kleinen Job von Brandau und seine Gouvernante, und allermindestens drei Schlafzimmer -- die Jungfer kommt ja auch mit.« Sie stützte sorgenschwer und tief verstimmt den Kopf in die Hand.

»Das will alles in allem sagen, daß Käthe für die Besuchszeit dieser wildfremden und anmaßenden Frau Baronin im Wege ist,« fuhr Henriette scharf und zornig heraus.

»Ich habe mich bereits erboten, in die Mühle zu gehen,« sagte die junge Schwester ohne eine Spur von Empfindlichkeit und strich beschwichtigend mit der Hand über Henriettens Haar.

»O nein, da weiß ich etwas Besseres, Käthe -- wenn du denn einmal weichen mußt,« rief die Kranke mit aufleuchtenden Augen. »Wir bitten die Tante Diakonus um das liebe traute Fremdenzimmer für dich; ich weiß, sie wird ganz glücklich sein, dich drüben zu haben, denn du bist ja ihr Augapfel ... Dein Flügel wird hinübergeschafft, und da darf ich dann auch kommen, so oft ich will --« Sie verstummte plötzlich mit einem Blicke auf den Doktor. Dieser hatte sich zuerst abgewendet und durch das Fenster gesehen, und jetzt kehrte er ihr das tiefverfinsterte Gesicht zu, und das, was sie aus seinen Augen ansprühte, war heftiger, zürnender Widerspruch; sie traute ihren Sinnen kaum -- er war gar nicht mehr er selbst.

»Ich finde es praktischer und schlage deshalb vor, daß der Knabe mit seiner Erzieherin in meinem Hause einquartiert wird,« sagte er kalt und gezwungen.

Die Präsidentin rückte und zupfte verlegen an der Schleierwolke unter ihrem Kinn, auch konnte sie ein flüchtiges ironisches Lächeln kaum unterdrücken. »Das wird sich schwerlich arrangieren lassen, bester Hofrat,« versetzte sie. »Meine alte Freundin wird sich um keinen Preis von Job trennen wollen, und dann -- Sie haben keinen Begriff davon, wie entsetzlich verwöhnt der Junge ist. Unser kleiner, lieber Erbprinz ist nicht so exquisit logiert wie dieser einzige und letzte Sproß der Brandaus; das dürre, häßliche Kerlchen schläft unter Atlasdecken und seidensamtenen Vorhängen. Mein Gott ja, die Familie kann das und findet solch eine luxuriöse Umgebung selbstverständlich. Unsereins kommt aber in Verlegenheit, wenn es gilt, sie zu logieren.«

»Und weshalb ziehst du es vor, das kleine Scheusälchen -- dieser gefeierte letzte Sproß der Brandau ist nämlich der ungezogenste, nichtsnutzigste Bengel, den die Welt hat -- der armen Tante Diakonus ins Haus zu bringen, Leo?« fragte Henriette heftig und gereizt den Doktor; sie war urplötzlich in jene krankhafte Aufregung verfallen, welche sie öfter Dinge sagen ließ, die sie nachher bitter bereute. »Was hat dir denn Käthe gethan? Ich sehe es längst mit Ingrimm, wie ungerecht und vorurteilsvoll du gegen sie bist; ist sie dir nicht vornehm genug, weil der Schloßmüller ihr Großvater war? Nie fällt es dir ein, sie auch nur anzureden, und das ist doch geradezu lächerlich, denn sie ist und bleibt Floras Schwester so gut wie ich. Unter uns allen waltet das trauliche ‚Du‘ -- nur sie ist die Ausgestoßene.«

»Mein lieber Schatz, dieses ‚Du‘ ist mir längst ein Dorn im Auge, und wenn es auf mich allein ankäme, dann dürftest du es so wenig gebrauchen wie Käthe auch,« fiel Flora ein. »Aufrichtig gestanden, ich gönne keiner anderen auch nur das Iota von einem Vorrechte, das mir allein zusteht. In Bezug auf dich will ich Gnade für Recht ergehen lassen -- mag es dabei bleiben, von Käthes Seite aber würde ich mir eine solche Vertraulichkeit zu Leo ganz ernstlich und energisch verbitten.« Sie schlang ihren Arm um die Schulter des Doktors und schmiegte sich mit einem zärtlichen Aufblicke eng an seine hohe Gestalt.

Machte es diese Berührung in Gegenwart der anderen, oder war er innerlich so bestürzt und empört über Henriettens rücksichtslose Vorwürfe -- der Doktor fuhr empor, als halte ihn eine Schlange und nicht ein schöner, weicher Mädchenarm umschlungen, und sein Gesicht war weiß und blutlos wie der Tod.

Käthe wandte sich ab und wollte das Zimmer verlassen -- sie hätte laut aufweinen mögen, so entsetzlich wehe hatte man ihr gethan, aber sie verbiß standhaft die Qual und bemühte sich, ihre äußere Haltung zu behaupten; da wurde die Thür geöffnet, auf die sie zuschritt, und der Kommerzienrat trat herein. Wunderlich, sie vergaß in diesem Augenblicke völlig die Abneigung, die sich während der letzten Zeit in das Herz geschlichen; sie dachte nur daran, daß er ihr Vormund sei, Vaterstelle bei ihr vertreten und sie schützen müsse, und infolge dieses Antriebes trat sie neben ihn Und legte die Hand auf seinen Arm.

Er sah sie überrascht, aber froh lächelnd an und drückte ihre Hand unter schalkhaftem Augenblinzeln mit seinem Arme fest an das Herz. Die Hände hatte er nicht frei; er trug eine kleine Kiste, die er auf den Tisch stellte, hinter welchem die Präsidentin saß. Sein Eintreten unterbrach eine unsäglich peinliche Szene, und Henriette, die sie herbeigeführt, hätte ihm jetzt um den Hals fallen mögen für den heiteren, frohmütigen Ton, den er in seiner Unbefangenheit anschlug.

»Nun bin ich getröstet, da ist endlich mein Angebinde für dich eingetroffen, Flörchen,« sagte er. »Mein Berliner Agent entschuldigt sein Zögern mit der Umständlichkeit der Fabrikanten.« Er lüftete den Deckel. »Apropos, ich habe auch _noch_ eine Geburtstagsfreude für dich,« unterbrach er sich in leichtfertig scherzendem Tone. »Eben sagt man mir, daß du gerächt bist; heute morgen ist die Hauptheldin des Attentates im Stadtforste, die mit den gefahrdrohenden Nägeln, verurteilt und ihr eine ganz bedeutende Gefängnisstrafe zuerkannt worden; die anderen, entweder noch sehr jung oder zu der Missethat von der Anstifterin verführt, wie sich herausgestellt hat, sind meist mit einem blauen Auge davongekommen.«

»Ich will nicht hoffen, daß Flora diese Nachricht wirklich als Geburtstagsfreude aufnimmt,« rief Henriette. »Allerdings, Strafe muß sein, und der großen, wilden Megäre kann es nicht schaden, wenn sie durch Stillsitzen ein wenig zahm gemacht wird, allein für uns selbst hat in jenem entsetzlichen Auftritt etwas so namenlos Beschämendes gelegen -- es ist schrecklich, sich so verhaßt und verwünscht zu wissen, und die Verhaßteste von uns allen ist Flora -- daß du besser gethan hättest, Moritz, gerade heute darüber zu schweigen.«

»Meinst du?« lachte Flora. »Moritz kennt mich besser; er weiß, daß ich hoch über der sogenannten Volkesstimme stehe und um populär zu werden, nie einen Finger rühre. Und du hast früher nicht anders gedacht, Henriette. Ich möchte wissen, was du noch vor acht Monaten gesagt haben würdest, wenn irgend jemand die Volksinteressen in unseren Salons betont und vertreten hätte -- das waren dir ‚böhmische Dörfer‘. Aber seit Käthe da ist, sind diese Fragen in unserer Bel-Etage so über alle Gebühr an der Tagesordnung, daß einem angst und bange wird vor so viel spartanischer Tugend und unfehlbarer Mädchenweisheit. Es sollte mich sehr wundern, wenn unsere Jüngste nicht bereits in ihrem Kochbuch Braten und Suppen aufgeschlagen hätte, die notwendig sind, um die Büßende bei Kräften zu erhalten.«

»Das nicht,« entgegnete Käthe mutig und ernsthaft in das vor Spott und Sarkasmus zuckende schöne Gesicht der impertinenten Schwester hinein; »aber nach ihren Familienverhältnissen habe ich mich erkundigt -- sie hat vier kleine Kinder, und ihr unverheirateter Bruder, der in Moritzens Spinnerei beschäftigt war und für die halbverwaisten Kleinen mitgesorgt hat, liegt schon längere Zeit krank danieder. Es versteht sich von selbst, daß diese fünf hilflosen Menschen unter der notwendigen Strafe nicht mitleiden dürfen, und da will ich lieber gleich sagen, daß ich die Verpflegung in die Hand genommen habe, bis die zwei Versorger wieder arbeitsfähig sind.«

Der Kommerzienrat fuhr herum -- er schien denn doch einen Widerspruch auf den Lippen zu haben. »Ja, Moritz,« sagte das junge Mädchen rasch mit einem ausdrucksvollen Blick, »das sind so Momente, wo mir vor dem Geldschrank meines Großvaters weniger graut.«

Die Präsidentin rückte ungeduldig auf ihrem Lehnstuhl hin und her -- diese _krasse_ Sentimentalität ging ihr über den Spaß. »Das sind ja recht hübsche Eröffnungen! Wie wunderlich und verdreht sich doch solch ein Kindskopf die Welt malt! In gefährlichere Hände kann der Reichtum gar nicht kommen,« rief sie tiefgeärgert. »Ja, nicht wahr, bester Bruck, da stehen Sie nun auch und sehen sich nachdenklich die Hand an, die sich so hilfsbedürftig an Moritzens Arm anklammert und dabei doch so willkürlich und eigenmächtig das Geld zum Fenster hinauswirft, das er mit mehr Strenge verwalten sollte?«

Käthe zog augenblicklich die Hand zurück. Sie sah noch, wie die Augen des Doktors unverwandt und finster auf ihren Fingerspitzen hafteten und dann erschrocken über die gegenüberliegende Wand hinstreiften.

»Ach, Großmama, ein Blick der Mißbilligung ist das ganz sicher nicht gewesen,« rief Flora scharf, sie trat mit einer ungestümen Gebärde ein wenig zurück und beobachtete argwöhnisch den Farbenwechsel auf dem schönen Gesichte des Verlobten. »Bruck war ja selbst immer so eine Art Enthusiast für das sogenannte Volkswohl.«

»Aber jetzt doch nicht mehr, mein Kind -- jetzt, wo er bei Hofe verkehrt und die Gnade des Fürsten besitzt wie kaum ein anderer?«

»Und weshalb sollte ich diesem Verkehre meine Grundsätze unterordnen?« fragte der Doktor anscheinend ruhig, allein seine Stimme klang unsicher und bewegt, als habe er noch mit inneren Stürmen zu kämpfen.

»Mein Gott, Sie werden doch nicht mit diesen Umsturzmenschen, diesen Sozialdemokraten, gehen wollen?« rief die Präsidentin ganz bestürzt und alteriert.

»Ich glaube, schon einigemal ausgesprochen zu haben, daß ich gar keiner dieser heftig streitenden Parteien angehöre, eben aus Humanität. Ich bemühe mich, den klaren Ueberblick zu behalten, den der Parteihaß stets trübt und welcher doch so notwendig ist, wenn man zum _wahren_ Menschenwohle wirken will.«

Währenddem hatte der Kommerzienrat geschäftig die Kiste ausgepackt. Ihm war es stets höchst fatal, wenn das Gespräch auf ein Gebiet hinüberspielte, wo die Meinungsdifferenzen ihm das häusliche Behagen, wenn auch nur für einen Moment, störten. Er entfaltete maisgelben Atlas und veilchenfarbenen Seidensamt. »Zwei Toiletten zu deinem ersten Debüt als Frau Professorin auf dem Balle und in der Soiree,« sagte er unmittelbar nach Brucks Ausspruche zu Flora.

Er hatte seinen Zweck erreicht -- der Glanz, den er hinbreitete, war zu verführerisch für Damenaugen; selbst Henriette vergaß momentan ihren Groll, als auch noch elegante Fächer und Kartons mit Pariser Blumen und Federn das reiche Geburtstagsgeschenk vervollständigten. Aber noch war der Inhalt der Kiste nicht erschöpft. »Die anderen Damen meines Hauses dürfen nicht leer ausgehen, um so weniger, als ich einstweilen eine Reise nicht in Aussicht und mithin für die nächste Zeit nicht die Gelegenheit habe, etwas mitbringen zu dürfen,« fuhr der Kommerzienrat fort.

Die Präsidentin nahm mit süßem Lächeln einen kostbaren Spitzenshawl in Empfang und Henriette erhielt eine weiße Taftrobe, in Käthes widerstrebende Hand aber drückte der Kommerzienrat mit einem eigentümlich verständnisvollen, vielsagenden Blicke ein ziemlich umfangreiches Etui.

Dieser eine Blick rief blitzschnell in der Seele des jungen Mädchens einen wahren Sturm der widerwärtigen Empfindungen wach, die sie in der letzten Zeit zu ihrem eigenen Befremden so sehr gegen den Schwager und Vormund eingenommen. Nein, und abermals nein! So seltsam feurig und so innig vertraut, als gelte es ein Geheimnis, um das nur sie beide wüßten, durfte und sollte er sie nicht anblicken -- sie wollte sich das ein für allemal verbitten. Scham, Abneigung und der fast unbezwingliche Drang, ihren Widerwillen gleich jetzt, vor aller Ohren, unverhohlen auszusprechen, das alles kämpfte in ihr und mochte sich wohl auf ihrem Gesicht spiegeln, wenn es auch mißverstanden wurde.

»Nun, Käthe, ist es dir so etwas Neues, beschenkt zu werden?« fragte Flora. »Was hat dir denn Moritz zugesteckt? -- Einmal müssen wir es doch erfahren, das süße Geheimnis -- gib nur her, Kind!« -- Sie fing das Etui auf, das eben im Begriff war, auf die Erde zu fallen, und drückte auf die Feder. Ein blaßrotes Feuer entströmte den Steinen, die, als Halsband aneinander gereiht, auf schwarzem Samt lagen.

Die Präsidentin nahm die Lorgnette vor die Augen. »Superbe gefaßt! Eigentlich zu künstlerisch, zu antik für die Imitation, wenn sie auch modern und selbst von hochgestellten Damen augenblicklich sanktioniert wird ... Der Glasfluß ist merkwürdig rein und feurig.« Sie blinzelte angestrengt hinüber und streckte nachlässig die Hand aus, um sich das Etui zur näheren Besichtigung auszubitten.

»Glasfluß?« wiederholte der Kommerzienrat beleidigt. »Aber, Großmama, wie können Sie mich denn für so entsetzlich unnobel halten? Ist denn auch nur ein Faden hier unecht?« -- Er fuhr mit der Hand durch die knisternden Stoffe. »Ich kaufe grundsätzlich nie Imitation -- das sollten Sie doch aus Erfahrung wissen.«

Die Präsidentin biß sich auf die Lippen. »Das weiß ich, Moritz -- ich bin nur ganz konsterniert der Thatsache gegenüber; das sind Rubinenexemplare, wie sie, meines Wissens, unsere liebe Fürstin nicht einmal aufzuweisen hat.«

»Dann thut mir der Fürst leid, daß ihm die Mittel dazu fehlen,« rief der Kommerzienrat unter übermütigem Lachen. »Uebrigens müßte ich mich schämen, gerade Käthe etwas Wertloses zu schenken, Käthe, dem Goldkind, das in zwei Jahren aus dem eigenen Besitze jedes beliebige Kapital entnehmen und sich Juwelen anschaffen kann, so viel sie Lust hat. Wie würde sie dann die Imitation als eine Beleidigung verächtlich in die Ecke werfen!«

»Ich glaube das selbst,« fiel die Präsidentin mit kühler Ironie ein; »Käthe hat eine merkwürdige Passion für alles Schwere, in welchem recht viel Geld steckt -- das beweisen ihre ewigen Tafttoiletten. Aber, mein Kind,« -- sie heftete die Augen scharf auf das junge Mädchen, das die bebenden Hände wieder auf der Stuhllehne gefaltet und keine Miene gemacht hatte, das Geschmeide zurückzunehmen -- »auch die Art, sich zu kleiden, muß vom Taktgefühle, vom guten Ton ausgehen, wenn man denn einmal gern zur feinen Welt gehören möchte. Achtzehn Jahre und Brillanten passen nicht zusammen -- an einen Mädchenhals gehört ein schlichtes Kreuz oder Medaillon am Samtbande, allerhöchstens eine einfache Perlen- oder Korallenschnur.«

»Ich bitte dich, Großmama, Käthe bleibt doch nicht immer achtzehn Jahre und auch nicht immer ein Mädchen,« rief Flora mit frivolem Mutwillen. »Das weiß ich am besten, gelt, Käthe?«

Die Augen des Mädchens flammten auf vor beleidigter Scham und vor Unwillen; sie wandte sich stolz ab, ohne auch nur mit einer Silbe zu antworten.

»Schau, wie sie erhaben aussehen kann, die Kleine!« lachte Flora gezwungen auf -- es gelang ihr nicht, ein Gemisch von Aerger und Verlegenheit ganz zu verbergen. »Thut sie doch, als hätte ich an das strengste Amtsgeheimnis mit meiner unschuldigen Ausplauderei gerührt! Ist's denn ein Verbrechen, wenn man den Wunsch hat, sich zu verheiraten? Geh, kleine Prüde! Was man in einem vertraulichen Augenblicke bekennt, das muß man auch öffentlich nicht verleugnen.« Sie schob die schneeweißen Finger spielend unter die funkelnden Rubinen und sah schelmisch und vielsagend blinzelnd den Kommerzienrat von der Seite an. »Wahr ist's, Moritz -- das ist in der That ein Kollier -- wie es nur die Frau eines Millionärs tragen kann.«

Bei diesen Worten erhob sich die Präsidentin. Sie raffte mit ungewohnter Hast und unsicheren Fingern Brief und Lorgnette auf und zog die Mantille über die Schultern, um zu gehen. »Magst du auch immer streng auf Echtheit halten, bester Moritz,« sagte sie vornehm gelassen; »der Champagner, den wir mittags auf Floras Wohl getrunken haben, war es nicht; er macht mir unerträgliches Kopfweh. Ich muß mich für einige Stunden niederlegen.«

Inmitten des Salons wandte sie sich noch einmal zurück. »Wenn ich mich erholt haben werde, möchte ich dich um eine Entscheidung bitten,« setzte sie hinzu, indem sie dem Kommerzienrat den Brief hinhielt. »Lies ihn -- du wirst finden müssen, daß die Baronin nicht zum zweitenmal zurückgewiesen und beleidigt werden darf. Ich habe mich neulich gefügt um des lieben Friedens willen, aber nun bin ich nicht mehr in der Lage, so unverantwortlich nachzugeben. Leute unseres Standes lassen sich denn doch nicht wie Marionetten, je nach Gefallen, dirigieren und wohl gar als unbequem abschütteln. Das bedenke wohl, Moritz!«

Mit kalter Strenge in den Zügen und einem hochmütigen Kopfnicken ging sie hinaus.

19.

»Da wirst du einen schweren Stand haben, Moritz,« sagte Flora, nach der Richtung zeigend, wo die Präsidentin verschwunden war. »Die Großmama ist gerüstet und bewehrt bis an die Zähne --«

Der Kommerzienrat lachte hell auf.