Im Hause des Kommerzienrates.

Part 20

Chapter 203,403 wordsPublic domain

»Als Brucks vergötterte Braut, die erst einem schweren Irrtume verfallen mußte, bis sie die ganze Größe des ihr bestimmten Glückes einzusehen vermochte,« ergänzte Flora mit triumphierendem Hohne. Sie maß die Schwester von unten bis oben mit einem boshaft funkelnden Blicke. »Schau, du kannst ja auch ganz allerliebst impertinent sein, Kleine! Ich bin förmlich frappiert von der hübschen Wendung, die du vorhin meinem Gleichnisse gegeben hast ... Ei nun ja, eine ganz respektable Dosis bürgerlichen Hausverstandes ist dir ja nicht abzusprechen, aber sie reicht gerade so weit, um die Ausbrüche einer genialen Natur, einer Feuerseele mißzuverstehen -- was weißt du von einem psychologischen Rätsel! Hätte ich gestern von abtrünniger Freundschaft gesprochen, dann hättest du recht, dich über meine plötzliche innere Wandlung zu skandalisieren und sie für Komödie zu halten, denn aus Freundschaft wird niemals Liebesleidenschaft, wohl aber liegen Haß und Liebe in der Menschenseele eng zusammen; sie entzünden sich aneinander, und dem glühend gezeigten Hasse liegt oft ein Uebermaß von Liebe zu Grunde. Ihr, mit eurem stumpfen Gefühle, fasset das freilich nicht. Ihr kocht dem beleidigten Manne ein Lieblingsessen, um ihn zu versöhnen, während eine Natur wie die meine in eklatanter Sühne für ihn ein Verbrechen begehen, für ihn den Tod erleiden kann.«

Sie legte ihre geballte Rechte unter den Busen, als drückte sie sich bereits ein Stilett in das Herz. »Und nun lasse dir sagen: Nie habe ich Bruck leidenschaftlicher, hingebender geliebt, als seit ich weiß, daß er wie ein Märtyrer gelitten, wie ein Held geschwiegen hat, seit ich mir sagen muß, daß ich ihn tödlich gekränkt habe, aber auch noch nie« -- sie erfaßte plötzlich Käthes Hand und zog sie an sich, und die schmalen Finger, die sich um das warme, blühende Fleisch des jungen Mädchens klammerten, waren kühl wie der Zugwind, der jetzt vom Wasser herkam -- »noch nie,« flüsterte sie Käthe ins Ohr, »war ich so glühend eifersüchtig. Merke dir das, mein Kind! ... Hier ist _mein_ Revier. Und wenn mir auch nichts ferner liegt, als dich für gefährlich zu halten -- du bist ihm durchaus nicht sympathisch, das habe ich längst gemerkt, auch hat er ja bis in alle Ewigkeit nur Auge und Ohr für mich -- so bin ich doch nicht gewohnt, irgend ein Menschenkind neben mir zu dulden, das so absichtlich die Angenehme spielt. Dein hausmütterliches Schalten und Walten hier, dein ungeniertes Kommen und Gehen in diesem Hause gefällt mir nicht. Du wirst das in Zukunft bleiben lassen -- verstanden, Schatz?«

Das hieß deutlich und energisch gesprochen, und nun faltete sie ihre rauschende Schleppe zusammen und schritt so eilig dem Hause zu, als wolle sie jede Erwiderung abschneiden -- ein ganz überflüssiges Manöver, denn das junge Mädchen hatte die blaßgewordenen Lippen fest geschlossen. Auf ein solch gerüttelt volles Maß des Uebermutes, der Willkür und der beispiellosesten Doppelzüngigkeit hatte die ehrliche, unverdorbene Jugend keine Antwort.

18.

Es war im Mai. Die Bäume hatten bereits ihren Blütenschnee wieder von sich geschüttelt und der prachtvolle krokusbesäumte Hyazinthenflor, der sich, Aufsehen erregend, über das weite Rasenparterre vor der Villa Baumgarten hingebreitet, war längst verblüht. Dafür färbten sich die Dolden der Syringenbüsche weiß und lila; das glänzende Kettengeschmeide des Goldregens schaukelte halbentfaltet an den Zweigen; aus den Blätterbüscheln der Rosenbäume streckten sich die spitzen, grünen Fühlfäden der ersten Knöspchen, und der Schatten auf den Zickzackwegen der Bocage und in der alten Lindenallee wurde intensiver. Der Fluß brauste wieder klarwellig durch die grünen Guirlanden seines Ufergebüsches, und über das alte, liebe Haus hinter ihm flocht sich ein maienduftiges Gewebe, das mit jedem neuen Morgen weniger von den weißen Mauern sehen ließ -- die dicken, kräftigen Weinstöcke trieben ihre safttropfenden Ranken bis unter das vorspringende Dach hinauf.

Das Fremdenzimmer stand wieder leer. Henriette war längst in die Villa übergesiedelt; sie hatte sich scheinbar wieder erholt, ja, es schien sogar ein momentaner Stillstand in ihrer Krankheit eingetreten zu sein, und diese Wohlthat schrieb die Tante Diakonus einzig und allein Käthes Pflege zu. Die beiden Schwestern führten in der Bel-Etage ein reiches, isoliertes Zusammenleben, das einen wunderbaren Reiz erhalten hatte, seit der neue Flügel in Käthes Zimmer stand. Aber nicht allein die Pflege der Schwester, auch der intime Verkehr mit der Tante hatte günstig auf Henriette eingewirkt; sie war in dem einfachen, gemütlichen Fremdenzimmer anders geworden in ihren Lebensansichten und Lebensgewohnheiten -- die Stille eines zurückgezogenen Lebens, die sie früher wie ein Gespenst geflohen, heimelte sie jetzt an, und sie blieb ruhig und wunschlos, mochte auch unter ihren Füßen der Gesellschaftstrubel noch so geräuschvoll werden.

Das Haus des Kommerzienrates aber war nie geselliger gewesen als gerade jetzt, nachdem sein Besitzer geadelt worden. Es fanden sich manche neue, sehr willkommene Elemente ein, denen zu Ehren verschiedene Festivitäten arrangiert werden mußten, und darin waren die Erfindungsgabe der Präsidentin und die Börse des Kommerzienrates unerschöpflich. Der Mann hatte ein wunderbares Glück. Nie hörte man von einem Verluste, von einem Mißlingen; wo die Wünschelrute seines Geschäftsgenies einschlug, da sprudelte die Goldquelle -- man schätzte ihn nach Millionen. Und er verstand es, wie selten ein Glückskind, die neue Glorie der Auszeichnung vor so vielen anderen Erdgeborenen zu tragen, sie interessant und zum nie versiegenden Gesprächsthema für hoch und niedrig zu machen. Die Promenade vor der Villa Baumgarten war zur fashionabelsten geworden; man zeigte die herrliche Besitzung, die sich Tag für Tag verschönerte, den Fremden; man sprach von den kostbaren Gemälden und Skulpturwerken, von den seltenen Sammlungen, die der Kommerzienrat unablässig hinter den marmorverzierten Wänden aufspeicherte, von der Silberkammer, mit der sich die des fürstlichen Hofes kaum messen könne; man blieb gefesselt stehen, wenn eine seiner Equipagen vor dem Portale hielt, und wunderte sich, daß die leichten, aufstiebenden Wölkchen, die der trockene Frühlingswind von den Sandwegen über den Rasen hinstreute, nicht Goldstaub waren.

Es wurde fortwährend gebaut; ganze Strecken des Parkes waren deshalb kaum mehr zu passieren. Man schritt an aufgetürmten Quadern und schneeweißen Marmorblöcken hin, die beim Bau und der Einrichtung neuer Pferdeställe verwendet wurden -- die alten, sehr geräumigen waren der Passion des Kommerzienrates für schöne Pferde längst zu eng geworden. Große Berge ausgegrabenen Erdreichs versperrten die Wege -- für den sehr umfangreichen See, dem diese Massen Platz machen sollten, war das Terrain nicht günstig; er und das Palmenhaus, eine beabsichtigte Merkwürdigkeit für die Residenz, verschlangen Unsummen. Zu alledem erschien eines Tages auch noch eine Anzahl Bauhandwerker und machte sich an einem hübschen, großen Pavillon zu schaffen, der bis dahin unbenutzt und verschlossen gestanden hatte. Er lag eine ziemliche Strecke von der Villa entfernt, im Dickicht, aber von seinen oberen Fenstern aus hatte man doch den Blick auf die Promenade und die Stadt. Das zierliche Haus erhielt einen eleganten Anbau; es wurden neue Fenster mit ungebrochenen Scheiben eingesetzt, und dann und wann zog der Kommerzienrat Tapetenproben oder Zeichnungen für das Parkett aus der Tasche und bat die Präsidentin, auszuwählen. Sie wurde zwar jedesmal sehr spitz und ungnädig und Flora kicherte in das Taschentuch, aber wählen mußte die alte Dame doch, und wenn sie auch dabei versicherte, daß die Aufbesserung der alten Baracke sie ganz und gar nicht interessiere, daß sie zeitlebens übergenug für die Instandhaltung der Villa zu denken und zu sorgen habe, und sich nicht auch noch um das »Logierhaus« fremder Geschäftsfreunde kümmern könne, welches sie doch niemals mit einem Fuße betreten werde. Sie ignorierte denn auch den Neubau, trotz des beharrlich fortgesetzten und stets herüberklingenden Hämmerns und Pochens, wie nur je die herrschsüchtige Gemahlin eines Regierenden ihren zukünftigen Witwensitz ignorieren kann.

Zwischen diesem Trubel, diesem hastigen Beginnen und Vollenden aber kam und ging der Kommerzienrat wie ein Zugvogel. Er verreiste sehr oft in Geschäften, aber nur noch für kurze Zeit, wie er manchmal sagte, dann wollte er sich ein schönes Rittergut kaufen und Landedelmann werden. Hatte er aber einmal »ein paar Erholungstage«, dann war er sehr viel in der Bel-Etage; den Nachmittagskaffee trank er regelmäßig droben, zum großen Aerger der Präsidentin, die dadurch ihr Lieblingsstündchen im Wintergarten verlor -- sie war selbstverständlich viel zu aufmerksam, um den »lieben Moritz« bei der verdrießlichen Kranken und dem jungen Backfisch allein zu lassen, und brachte das Opfer, stets fast zugleich mit ihm zu erscheinen.

Käthe war das sehr erwünscht; sie empfand nun einmal eine unüberwindliche, beklemmende Scheu vor dem Schwager und Vormunde, seit er sich so wunderlich zuvorkommend und zärtlich ihr gegenüber und dabei so falsch, so heimtückisch bei äußerlich unveränderter Liebenswürdigkeit gegen die Präsidentin zeigte. Sie nahm unwillkürlich die befangene Zurückhaltung der erwachsenen Dame an, wo sie sich früher harmlos kindlich gezeigt hatte. Aber gerade das schien ihn zu belustigen und in seiner seltsamen Art zu bestärken. Er las ihr ihre Wünsche von den Augen ab; er hatte längst seine Einwilligung gegeben, daß der unbenutzte Teil des Mühlengartens an die Arbeiter verkauft werde -- nie setzte er dem Wohlthätigkeitssinne des jungen Mädchens irgendwie Schranken, und war ihre Börse auch noch so oft leer, er füllte sie ohne Widerrede. »Du darfst dir den Spaß schon erlauben, Käthe -- ich werde bald einen zweiten Eisenspind anschaffen müssen,« sagte er dabei im Hinblick auf das staunenswerte Anwachsen des Kapitals. Sie nahm eine solche Aeußerung stets mit finsterem Schweigen auf -- er hatte auf ihre ernsten Fragen mit all seinen diplomatischen Wendungen und Finessen die Anklage des Volkes, daß ihr Reichtum auf erbarmungslose Weise erwuchert sei, nicht widerlegen können, auch ließ die Präsidentin keine Gelegenheit vorübergehen, wo sie diesen Vorwurf begründen konnte, -- das kindlich naive Ergötzen, mit welchem Käthe es früher »so über alle Maßen hübsch« gefunden, reich zu sein, hatte sich in eine Art von Furcht und Angst vor den Geldmassen verwandelt, die so riesig, auf so dämonenhafte Weise anschwollen, als müßten sie eines Tages in gerechter Vergeltung erdrückend über sie herstürzen.

Sie war überhaupt ernster geworden; das sonnige Lächeln, das ihr erregbares, heiteres Temperament sonst so oft und rasch über ihre Züge hinfliegen ließ, zeigte sich nur selten. So recht herzensfreudig war sie nur noch im Hause am Flusse, und auch da nur in gewissen Stunden. Die Tante Diakonus unterrichtete nämlich seit lange eine Anzahl bedürftiger Kinder unentgeltlich im Nähen und Stricken -- das geschah jahraus jahrein an den Mittwoch- und Sonnabendnachmittagen. In diesen kleinen Kreis hatte sich Käthe mit der freundlichen Bewilligung der alten Frau eingeschmuggelt. Der Umgang mit Kindern war ihr völlig neu und machte Saiten in ihrer Seele erklingen, die sie bis dahin nicht geahnt hatte -- es war die zärtlichste Hinneigung zu den kleinen Geschöpfen und die plötzliche Erkenntnis, daß sie im Grunde ihres Herzens den Beruf, die jungen Wesen an Leib und Seele zu stützen, sie kräftig und gesund zu erhalten und bildend auf sie einzuwirken, jedem anderen weit vorziehe.

Sie kleidete die Kinder, wo es not that -- in ihrem Nähkorb lag stets ein angefangenes Röckchen oder Schürzchen; sie sorgte -- was die Tante Diakonus nicht hätte ermöglichen können -- nun auch für ein reichliches Vesperbrot während der Unterrichtsstunden, und eine wahre Augenweide war es für die alte Frau, wenn das junge Mädchen mit dem Korb voll Obst und Brötchen erschien und mit wahrhaft mütterlicher Würde an den schönsten, rotbackigen Apfel eine Belohnung zu knüpfen wußte. Für den Sommer verlegte die Tante den Unterricht in den Garten; die Kinder, meist in den engsten und dumpfesten Straßen der Stadt wohnend, sollten nun auch die Wohlthat genießen, sich in reiner, gesunder Luft auf dem Rasen unter schattigen Obstbäumen tummeln zu dürfen. Käthe hatte zu dem Zwecke hübsche, tragbare Bänke angeschafft, zugleich aber auch eine Anzahl Bälle und Reifen für die Spiel- und Erholungsstunde, die sich nunmehr an die Unterrichtszeit anschloß.

Flora war tief erbittert über diesen Verkehr, der sie, ihrer Meinung nach, in ihren Rechten, ihrer Beziehung zu der Tante beeinträchtigte, aber sie war klug genug, das im Hause am Flusse nicht verlauten zu lassen -- man kam ja bei »der Alten« stets so schlecht an, wenn man »das große Mädchen mit der Plebejerröte auf dem Sommerschen Gesicht nicht für eine wahre Musterkarte aller erdenklichen Tugenden hielt«. Die schöne Braut kam auch täglich in das Haus; sie hatte sich weiße, mit Stickerei garnierte Latzschürzchen dutzendweise machen lassen und erschien nie ohne diesen häuslichen Schmuck, der ihr allerliebst stand. Den Vorwurf konnte man ihr nicht machen, daß sie nicht alles aufgeboten hätte, den Beifall der Tante Diakonus zu erringen. Sie setzte ihr zartes Gesicht der Glut des Küchenfeuers aus, um Pfannenkuchen backen zu lernen; sie ließ sich über das Einmachen der Obstfrüchte und Gemüse, über die Behandlung der Wäsche belehren und nahm wohl auch einmal der Magd das Bügeleisen aus der Hand, um versuchsweise ein Stück Hauswäsche zu plätten, allein so groß auch das Opfer war, das damit gebracht wurde, es vermochte nicht die alte Frau aus der überaus höflichen, aber doch sehr reservierten Haltung, die sie seit jenem unheilvollen Abend angenommen, herauszulocken -- es war, als ob sie genau wisse, daß Flora nach dergleichen Anstrengungen wie zu Tode erschöpft in ihr Ankleidezimmer wankte, dort die Schürze mit einer halbunterdrückten Verwünschung in die Ecke schleuderte und sich dann zur Erholung meist in den Wagen warf, um die Runde bei den Freundinnen zu machen, deren schwer zu verbergender Neid eine unerschöpfliche Quelle der Genugthuung für sie war. Diese Freundinnen behaupteten einstimmig, die Frau Universitäts-Professorin in spe liege mit ihren bauschenden Falbeln wie ein radschlagender Pfau im Koupee, und ihr Uebermut sei kaum noch zu ertragen.

Der jähe Umschwung in Doktor Brucks Karriere wurde noch immer wie ein Wunder angestaunt. Daß der zuvor kaum noch mitleidig über die Achsel angesehene, so hart verurteilte und verfemte junge Arzt plötzlich als fürstlicher Hofrat durch die Straßen der Residenz schritt, konnte mancher nur schwer begreifen. Der Mann wuchs nun in den Augen des Publikums und der gesamten Hofgesellschaft himmelhoch, und weil er durch seine Uebersiedelung nach L.....g für die Zukunft unerreichbar wurde, so wollte jeder Leidende womöglich noch von ihm hergestellt sein. So kam es, daß Doktor Bruck auf einmal mit einer kaum zu bewältigenden Praxis förmlich überbürdet war. Sein angefangenes Manuskript blieb unberührt auf dem Schreibtisch liegen; er schlief in der Stadtwohnung, aß meist eilig im Hotel, das angebotene Kouvert im Hause des Kommerzienrates konsequent ablehnend, und mußte die flüchtige Besuchszeit in der Villa und bei der Tante Diakonus, wie er sich ausdrückte, seinen Patienten abstehlen.

Käthe sah ihn nicht oft, und deshalb fiel es ihr um so mehr auf, wie sehr er sich verändert habe -- jedenfalls infolge der Anstrengung, meinte sie. Er sah bleich und ermüdet aus, und sein früher wohl zurückhaltendes, nachdenklich stilles, aber überaus mildes Wesen war einer finsteren Verschlossenheit gewichen. Mit Käthe hatte er seit jenem Moment, wo sie ihn, von Floras Armen umstrickt, in der Flur überrascht hatte, kaum zwei Worte gewechselt, und zwar in so scheuer, schnell abbrechender Weise, daß sie sich nicht verhehlen konnte, er zürne ihres damaligen unwillkommenen Erscheinens wegen. Sie ging ihm deshalb auch verletzt, mit einem Gemisch von Trotz und Verlegenheit aus dem Wege, wo sie nur konnte.

In seinem Verhalten zu Flora dagegen war nicht die leiseste Wandlung eingetreten; er war genau ein so ernster, würdevoller Bräutigam, wie an dem Tage, wo Käthe die Verlobten zum erstenmal gesehen. Sie mußte manchmal denken, der ganze entsetzliche Auftritt im Fremdenzimmer der Tante Diakonus sei entweder ein toller Spuk ihrer eigenen Phantasie gewesen oder Doktor Bruck müsse vergessen und unliebsame Erinnerungen so spurlos auslöschen können wie selten ein Mensch. Flora mochte freilich erwartet haben, daß mit ihrer Bitte um Verzeihung, mit ihrer offen an den Tag gelegten Reue sofort wieder jenes schöne, innige Verhältnis eintreten werde, wie es zu Anfang ihrer Brautschaft bestanden. Mußte er nicht, bei seiner unzerstörbaren Leidenschaft für sie, namenlos glücklich sein, sie nun unwiderruflich besitzen zu dürfen? Vielleicht barg er tief innen dieses Glück, aber zeigte es nur nicht, und seine schöne Braut tröstete sich mit dem Gedanken, daß ein Mann wie Bruck allerdings nicht so rasch versöhnlich sein dürfe; wußte sie doch, daß mit der Hochzeit, die nunmehr für den September festgesetzt worden war, alles anders werden müsse.

Mittlerweile war der 20. Mai, Floras Geburtstag, herangekommen. Auf allen Tischen des Zimmers dufteten Blumen, welche die guten Freundinnen herkömmlicherweise gebracht hatten. Auch die Fürstin hatte der Braut des Hofrats, welcher mit Gnadenbeweisen förmlich überschüttet wurde, ein prachtvolles Boukett geschickt, und von den »stolzesten Granden« des Hofes waren Glückwünsche in der schmeichelhaftesten Form eingelaufen. Ja, es war ein Tag des Triumphes für die schöne Braut, ein Tag, an welchem sie wieder einmal so recht bestärkt wurde in ihrer felsenfesten Ueberzeugung, daß sie wirklich ein Liebling der Götter, eine für einen auserwählten Lebensweg Geborene sei.

Und doch lag ein Schatten auf ihrer Stirn und sie runzelte öfter ungeduldig und ärgerlich die Brauen. Auf dem Tische inmitten des Zimmers, zwischen den Gaben der Großmama und der Schwester, stand eine hübsche Tischuhr von schwarzem Marmor; Doktor Bruck hatte sie am frühen Morgen mit einem begleitenden Glückwunschbillet geschickt und sich für die Vormittagsstunden wegen seines Nichterscheinens entschuldigt, da er einen Schwerkranken vorläufig nicht verlassen dürfe.

»Ich begreife Leo nicht, daß er nichts Hübscheres für mich zu finden gewußt hat als das steinerne Unding da,« sagte sie, verdrießlich auf die Uhr zeigend, zu der Präsidentin, die das Boukett der Fürstin aus der Vase genommen hatte und unablässig daran roch, als müsse es einen ganz besonderen Duft ausströmen. »Ein _schwarzes_ Geburtstagsgeschenk gibt man doch nicht gern; ich für meinen Teil finde es zum mindesten geschmacklos.«

»Die Uhr ist vollkommen passend, gerade in deinem Geschmacke gewählt, Flora; sie soll jedenfalls das wunderbar tiefsinnige Arrangement dieses Zimmers vervollständigen,« sagte Henriette. Sie lag auf dem roten Ruhebette und streifte mit einem spöttischen Blick die schwarzen Säulenstücke in den vier Zimmerecken.

»Unsinn! Du weißt so gut wie ich, daß ich diese Einrichtung nicht mitnehmen kann. Moritz hat das Zimmer nach meiner speziellen Angabe eingerichtet, wie es ist, aber _geschenkt_ hat er mir meines Wissens weder Möbel noch Ausschmückung. Ich möchte den Kram auch um alles nicht mitschleppen; man sieht sich ebenso satt und müde an einer stereotypen Zimmereinrichtung wie an einer oft getragenen Toilette. Was in aller Welt soll ich nun mit der schwarzen Figur da in meinem L.....ger Boudoir anfangen, das lila dekoriert und mit Bronzegerät geschmückt sein wird?«

»Ein frisches Boukett wäre mir auch lieber gewesen, aber du bist ja nicht sentimental, Flora,« meinte Henriette, nicht ohne einen boshaften Anflug in der Stimme. Käthe aber, heute zum erstenmal schneeweiß gekleidet, stand neben einem herrlich entwickelten Myrtenbaume, welchen die Tante Diakonus selbst gezogen und herübergeschickt hatte, und ließ die Hand mit einem wehmütigen Lächeln wie schmeichelnd über die feinblätterigen, biegsamen Zweige gleiten. Niemand beachtete das selten schöne Geschenk, dessen Hingabe jedenfalls ein schweres inneres Opfer gekostet hatte.

Nach Tische hielt man sich im Balkon- und Empfangszimmer auf, weil immer noch Gratulanten kamen und gingen. Sämtliche Thüren der Zimmerreihe waren zurückgeschlagen; es war ein herrlicher Aufenthalt, dieses untere Stockwerk. Durch das vergoldete Bronzegitter des Balkons zogen weiche Lüfte, die den Duft vom jungen Lindenlaube der Allee und aus den halboffenen Blütenknospen der Bocage herübertrugen, und in die hohen Fenster fiel das goldene Maienlicht; nur dem dunkelpurpurnen Zimmer vermochte es keinen Reflex abzulocken, das sah grämlich und kalt aus wie immer, und dem weichen Gefühle mußte der aufgehäufte Reichtum lebender Blumen zwischen diesen vier Wänden geradezu grausam erscheinen.

Henriette lag in einem Schaukelstuhle, der offenen Balkonthür gegenüber. Sie hatte auch gern »maienhaft wie Käthe« aussehen wollen und ihr hageres Figürchen in eine ganze Wolke weißer Mullgarnierungen gesteckt, aber fröstelnd hüllte sie den Oberkörper in einen weichen Shawl von gesticktem Crêpe de Chine, und darüber her wogte aufgelöst ihr reiches blondes Haar, das sie seit dem letzten schweren Leidensanfalle nicht mehr aufnestelte. So stillliegend und vom halbgedämpften Sonnenlichte überspielt, mit den weit offenen, blauglänzenden und schwarzbewimperten Augen, der kalkweißen Haut, die nur in der Nähe der zarten Schläfen ein fieberhaft roter Anhauch betupfte, sah sie heute aus wie ein Wachspüppchen. Sie hatte Käthe an den Flügel im Musiksalon geschickt und wartete nun mit in den Schoß gefalteten Händen auf den Anfang des Schubertschen Liedes »Lob der Thränen«. Da verdunkelten sich plötzlich die Fieberflecken auf dem schmalen Gesichtchen zum tiefsten Karmin und die verschränkten Hände fuhren unwillkürlich nach dem Herzen -- Doktor Bruck trat in den Salon.

Flora flog ihm entgegen und hing sich an seinen Arm und zog ihn in ihr Zimmer, damit er ihre Geburtstagsgeschenke ansehe. Die schöne Dame, die so lange ihrem ganzen Thun und Lassen den Stempel der Gelehrsamkeit, der ernstgrübelnden Forschung aufzudrücken verstanden, zeigte heute, an ihrem neunundzwanzigsten Geburtstage, die naive Grazie einer Sechzehnjährigen, und in dieser Wandlung war sie mit ihrem lieblich belebten Gesicht und dem weichen Spiel der schlanken, biegsamen Glieder auch wirklich jugendlich reizend.

Käthe stand am Notenschrank und suchte nach dem begehrten Lied, als das Brautpaar hinter ihr weg nach Floras Zimmer schritt; sie sah sich nur flüchtig um, wobei sie einen halbverlegenen Gruß vom Doktor erhielt, und suchte dann um so emsiger.