Part 19
»Ja, seinem Ruhme, seinem Glücke entgegen,« antwortete die alte Frau und hob unter Thränen lächelnd den Kopf von seiner Schulter. »Ich will gern hier zurückbleiben in dem Heim, das seine Sohnesliebe mir geschaffen hat, wenn ich ihn draußen geachtet, geehrt und befriedigt durch seinen großen Beruf weiß. Meine Mission an seiner Seite ist ohnehin bald zu Ende -- eine andere tritt an meine Stelle.« Die Zärtlichkeit wich aus ihrer Stimme; sie sprach mit tiefem Ernste, und die sonst so milden Augen hafteten fest, fast streng auf dem schönen Mädchen im Fenster. »Sie mit ihrem reichen Geiste weiß jedenfalls die Heiligkeit, aber auch die oft herben Anfechtungen seines Berufes weit lebendiger zu erfassen als ich, und wird ihm deshalb gewiß ein Daheim schaffen, das ihm, unabhängig von den äußeren Strömungen, _gleichmäßig_ ein harmonisch-inniges Familienleben bietet.« Das Betonen des einen Wortes ließ Käthe deutlich erkennen, daß die Tante Floras gestriges häßliches Gebaren sehr wohl bemerkt und als Launenhaftigkeit aufgefaßt hatte.
»Das ist alles recht schön und gut, meine beste Frau Diakonus, und ich zweifle auch keinen Augenblick, daß Flora eine ganz tüchtige Frau Professorin werden wird,« sagte die Präsidentin kühl -- der indirekt ermahnende Ton, welchen die simple Pastorswitwe ihrer Enkelin gegenüber anzuschlagen wagte, verdroß sie sichtlich --; »allein zu einem anmutenden Familienleben gehören heutzutage auch komfortable Räume, und das Beschaffen derselben macht mir augenblicklich große Sorge. Ich komme eben von einer erschöpfenden Beratung mit dem Möbelfabrikanten; er behauptet, nunmehr -- Gott weiß aus welchem Grunde -- die längst bestellten Boulle-Möbel für Floras Salon bis zu Pfingsten absolut nicht liefern zu können. Flora hat sich währenddem mit der Wäschelieferantin herumgezankt, die auch so fabelhaft langsam ist und die Vollendung der Ausstattung erst bis Anfang Juli in Aussicht stellt. Was fangen wir an?«
»Wir warten,« sagte Doktor Bruck in seiner einsilbigen Weise und griff nach Hut und Stock, um beides fortzutragen.
Die Präsidentin fuhr ein wenig zusammen; sie sah ziemlich perplex aus, und eine gewisse Aengstlichkeit schlich durch ihre Züge, aber sie faßte sich rasch und klopfte ihn leicht auf die Schulter. »Das ist brav, liebster, bester Doktor! Sie helfen uns selbst aus der peinlichsten Verlegenheit, während ich mich auf berechtigten Widerspruch Ihrerseits gefaßt gemacht hatte. Diese Pfingsten waren mir fast zu einem drohenden Gespenst geworden. Sie hielten so fest an dem einmal bestimmten Tage.«
»Gewiß, allein meine Uebersiedelung nach L.....g macht eine Abänderung sogar notwendig,« entgegnete er gelassen und ging hinaus.
»Und was meint die Braut?« fragte die Tante Diakonus mit ungewisser Stimme; sie war augenscheinlich sehr betreten über die geschäftsmäßige kühle Ruhe des Doktors und das plötzliche verlegene Schweigen der Anwesenden.
Flora wandte ihr ein heiter strahlendes Gesicht zu. »Mir ist die gegönnte Frist insofern hochwillkommen, als meine künftige Lebensstellung plötzlich eine so ganz andere werden wird. Da bedarf es der Vorbereitung, der inneren Sammlung und Einkehr. Mein Gott, es ist ja doch ein himmelweiter Unterschied! Von der Frau eines Universitätsprofessors mit großem Namen verlangt die Welt ein ganz anderes Auftreten, ganz andere Kapazitäten als von einer einfachen Doktorsfrau, möge ihr Mann immerhin Hofrat und Leibarzt eines Fürsten sein.« Ein unbeschreiblicher Hochmut sprühte förmlich aus der zarten, hoch emporgerichteten Gestalt; in jedem Worte klang innerer Jubel, mühsam unterdrücktes Frohlocken mit -- sie stand auf dem Gipfel ihrer glühendsten Wünsche.
Der Kommerzienrat rieb sich vergnügt die Hände. Er hätte losplatzen und ihr in das Gesicht lachen mögen; die Präsidentin aber kämpfte sichtlich mit einer ärgerlichen Aufwallung. Jetzt maßte sich wohl gar die Enkelin an, mit ihrer »Partie« noch um so viel Staffeln höher zu steigen als selbst sie, die hochgestellte fürstliche Beamtenfrau.
»Wohin versteigst du dich, Flora!« rügte sie, in zorniger Mißbilligung den Kopf schüttelnd.
»In meine glänzende Zukunft, Großmama,« antwortete sie mit einem kleinen, übermütigen, boshaften Lächeln. Sie drehte der Präsidentin mit einer so ausdrucksvollen Gebärde den Rücken, als sei sie nun mit einer unerquicklichen Vergangenheit vollkommen fertig und wolle mit keinem Worte mehr daran erinnert sein.
»Und nun ergebe ich mich Ihnen auf Gnade und Ungnade, lieb Tantchen,« sagte sie zu der alten Frau, die jeder Bewegung der schönen Braut mit klugem, prüfendem Blicke gefolgt war. »Machen Sie mit mir, was Sie wollen! Ich unterwerfe mich allem; nur zeigen Sie mir den Weg, auf welchem ich Leo glücklich machen kann! Ich will nähen, kochen --« Bei den letzten Worten streifte sie flink die Handschuhe ab, als wolle sie sofort Ernst machen und an den Kochherd treten. »Ah!« stieß sie erschrocken heraus und fuhr mit der Hand, wie fangend, durch die leere Luft -- der »einfache Goldreif« war ihr beim Abziehen des Handschuhs vom Finger geglitten. Niemand hatte ihn zu Boden fallen hören; man suchte, allein es war, als habe ihn die Luft aufgesogen.
»Er wird zwischen deine Kissen gefallen sein, Henriette,« klagte Flora. Sie war ganz bleich geworden. »Erlaube, daß wir dich für einen Moment emporheben und nachsehen --«
»Das kann ich nicht zugeben,« erklärte die Tante entschieden. »Henriette darf nicht beunruhigt, nicht unnötig aus ihrer bequemen Lage gebracht werden --«
»Unnötig!« wiederholte Flora vorwurfsvoll und schmollend wie ein Kind. »Es ist ja mein Verlobungsring, Tantchen.«
Käthe schauderte in sich zusammen bei diesen Worten. War Flora wirklich ein solches Kind des Glückes, daß eine Art Wunder ihr den Ring wieder in die Hände zurückgespielt hatte, oder log und trog sie mit dreister Stirn so entsetzlich? Sie suchte vergebens in den ängstlich umherforschenden Augen dieser Sphinx zu lesen.
»Das ist ein fataler Zufall,« sagte die Tante Diakonus, »aber verloren kann ja der Ring nicht sein. Wir werden ihn heute noch bei Henriettens Umbetten finden, dann soll ihn mein Dienstmädchen sofort in die Villa tragen.«
»Ich werde es ihr fürstlich vergelten; ich will ihr die Hand mit Gold füllen, wenn sie ihn mir heute abend noch bringt,« versicherte Flora; eine peinliche Unruhe war über sie gekommen; es kostete ihr offenbar Mühe, sich geduldig zu fügen.
Die Präsidentin und der Kommerzienrat schoben sich jetzt Stühle an das Bett und nahmen Platz neben der Kranken, die sich mit keinem Worte mehr an den Verhandlungen beteiligt hatte. Nur einmal war der blonde Kopf jäh emporgetaucht und ein bitter höhnischer Zug hatte die zum Sprechen geöffneten Lippen umzuckt. Bei der Versicherung der Großmama, daß sie nicht begreife, aus welchem Grunde der Möbelfabrikant die Ablieferung der Möbel verzögere, hatte sie hinüberrufen wollen: »Weil sie bereits halb und halb abbestellt gewesen sind.« Aber noch zur rechten Zeit wurde sie sich bewußt, daß nun mit keinem Worte mehr an das Vergangene gerührt werden dürfe.
17.
Die Tante ging hinaus, um einige Erfrischungen zu besorgen, und Käthe folgte ihr. Ekel und Widerwillen trieben sie aus dem Zimmer, in welchem sich eben die empörendste Komödie abgespielt hatte. Sie bat die Tante, ihr das kleine Geschäft der Bewirtung zu überlassen, und die alte Frau legte willig den Schlüsselbund in ihre Hand. »Hier, mein liebes, liebes Kind, meine treue, ehrliche Käthe,« sagte sie weich und in so bebenden Lauten, als kämpfe sie mit einem tiefen Aufseufzen.
Sie legte den Arm um den Leib des jungen Mädchens und schmiegte sich in zärtlicher Zuneigung an die schöne Gestalt. »Mich überkömmt es wie süßes Ausruhen, wenn ich in Ihr offenes, frisches Gesicht sehen darf. Ich muß immer an Luthers vielliebe Käthe denken, an diese tapfere Frau, die stark und mutig an die Seite des streitbaren Mannes getreten ist.« Jetzt schlüpfte in der That ein beklommener, sorgenvoller Seufzer über ihre Lippen; sie entließ das hocherrötete Mädchen aus ihren Armen und kehrte in das Krankenzimmer zurück.
Käthe holte die Kaffeebüchse und den zu Ehren des Tages gebackenen Napfkuchen aus der Speisekammer, und während die dicke, freundliche Magd frisches Holz unter den Wasserkessel legte, füllte sie die hübsche, blaue Glasschale, die schon gestern beim Thee figuriert hatte, mit Zucker und rieb den kristallenen Konfektteller blank. Sie schnitt eben den Kuchen in Stücke, als sie jemand aus dem Krankenzimmer kommen hörte. Die Küchenthür war so angelehnt, daß ein breiter Spalt blieb, und durch diese Oeffnung sah sie Flora in die Hausflur treten.
Die schöne Braut sah sich ungewiß und ratlos um; die Zimmereinteilung der »Spelunke« war ihr ja völlig fremd, aber es war, als ob der Strahl dieser suchenden Augen den Doktor magnetisch berührt und angezogen hätte. Er trat in diesem Augenblicke aus dem Zimmer der Tante.
Flora flog auf ihn zu und breitete die Arme aus. Das lange schwarze Kleid schleppte über den Boden hin und die dunkeln Schleierfalten wogten ihr nach wie gelöste, offen niederfließende Haarsträhnen. Mit den bleichen Händen, die sich kinderklein und schmal aus dem zurückfallenden schwarzen Spitzengekräusel streckten, mit dem mattweißen Gesicht erschien sie wie eine jener gespenstischen schönen Frauen, die der Volksglaube aus den Gräbern steigen und mordend über junges Leben herstürzen läßt.
»Leo!« vibrierte es wie ein Hauch, und doch klingend durch die Flur.
Käthe horchte mit stockendem Atem hoch auf -- es ging ihr durch Mark und Bein. War das wirklich Floras Stimme? Kam dieser köstliche, innige Klang voll weicher Abbitte, voll bebender Sehnsucht wirklich von den Lippen, die so schnöde verurteilende Worte sprechen, die so schneidend verächtlich lächeln konnten? Das junge Mädchen wandte die Augen weg und sah vor sich nieder; das Messer zitterte in ihrer Hand. Sie hätte so gern die Thür ganz geschlossen, um nicht zu sehen und nicht gesehen zu werden, aber sie fand, wunderlich genug, weder Mut noch Kraft, sich von der Stelle zu bewegen. Draußen erfolgte keine Antwort, aber auch kein Schritt wurde hörbar.
»Leo, sieh mich an!« sagte Flora lauter, flehend, halb gebieterisch. »Wozu die Marter, die deinem eigenen Herzen widerstrebt? Ich weiß es, du kämpfst mannhaft, aber unter Schmerzen dein heiligstes Gefühl nieder, um hart zu erscheinen, um mich zu strafen. Und wofür? Weil ich gestern halb wahnwitzig war vor Aufregung und nicht wußte, was ich that und sagte. Leo, mein Leben, was dir gehört, war in Gefahr gewesen, noch kocht das Blut in mir, und -- da reiztest du mich auch noch.«
Käthe sah unwillkürlich empor. Neben ihr stand die Magd mit einem breiten Grinsen auf dem guten, dicken Gesicht; es war jedenfalls sehr ergötzlich, daß die Dame da draußen ihrem jungen Herrn etwas abbitten mußte. Dieser Anblick brachte augenblicklich Leben in das junge Mädchen; sie ordnete rasch die Kuchenstücke auf dem Teller, nahm ihn in die Hand und trat entschlossen in die Flur. Sie sah noch, wie der Doktor mit fest verschränkten Armen, das Gesicht von der Bittenden weggewendet, regungslos durch die offene Hausthür in die Gegend hinaus starrte; wie fahl erschienen seine braunen Wangen und wie fest und erbittert biß er die Zähne zusammen, während Floras unheimlich düstere Gestalt an seinem Halse hing, so weich und geschmeidig und innig fest sich anschmiegend wie der Vampir der Volkssage.
Bei dem ziemlich lauten Geräusch der aufgestoßenen Thür fuhr der Doktor empor, und in demselben Moment traf ein scheu irrender Blick Käthes Augen. Als sei er aus dem schlimmsten Verbrechen betroffen, so schrak er zusammen -- Flora folgte erstaunt der Richtung seines Blickes, aber die schönen Mädchenhände, die sich in seinem Nacken fest verschlungen hatten, lösten sich darum nicht. »Ach, mein Gott, es ist ja nur Käthe, Leo!« sagte sie und drückte den Kopf fester an seine Brust.
Käthe huschte wie auf der Flucht vorüber in das Krankenzimmer. Ihr Herz schlug fast laut vor Schrecken und schamvoller Bestürzung; sie hatte eine Liebesszene ~à la~ Romeo und Julie unterbrochen. Mit bebenden Händen stellte sie den Teller auf den Tisch, lockte auf Henriettens Verlangen, die ein Attentat ihrer Lieblinge auf Kuchen und Zucker befürchtete, die umherschwirrenden Kanarienvögel in die kleine Voliere und schloß hinter ihnen das Thürchen.
Da sah sie im Käfige auf dem sauberen weißen Sande den gesuchten Goldreif liegen; er war seltsamerweise durch die Messingstäbe geflogen, ohne das geringste Klirren zu verursachen, und ebenso unhörbar auf der weichen Sandschicht niedergefallen. Käthe nahm ihn heraus und ließ ihn in die Tasche gleiten -- und nun hätte sie wieder hinausgehen und den Kaffee fertig machen sollen, aber sie schüttelte sich fast vor Angst und Abneigung. Es war ihr, als solle sie in den Tod, in die Hölle gestoßen werden. Sie entfernte sich nicht um einen Schritt vom Tische und machte sich unnötig mit den Kanarienvögeln zu schaffen, während die Präsidentin mit ihrer angenehmen, sanft gedämpften Stimme von Floras »Trousseau« sprach und der Tante Diakonus an den Fingern herzählte, was nun infolge der Ortsveränderung noch nachbestellt werden müsse; die alte Frau durfte keinen Augenblick in Zweifel bleiben, daß ihr berühmter Neffe in der schönen Bankierstochter eine Art Prinzessin heimführe.
Käthe wurde rascher aus ihrer Pein erlöst, als sie dachte. Der Doktor trat schon nach wenigen Minuten in das Zimmer, und nun schlüpfte sie, ohne aufzusehen, an ihm vorüber. Die Flur war leer. Flora mußte in den Garten gegangen sein. In der Küche knarrte die Kaffeemühle; vielleicht hatte das mißtönende Geräusch und nicht, wie sie vermutet, ihr Erscheinen die Versöhnungsszene so schnell zu Ende geführt.
Das Küchengeschäft war bald beseitigt, und während die Magd eine frische Schürze vorband, um das Kaffeebrett hineinzutragen, trat Käthe in das Fenster und betrachtete den Ring, den sie unter Herzklopfen aus der Tasche gezogen. ... »E. M. 1843« stand auf der Innenseite -- Ernst Mangold -- es war also der Trauring von Floras Mutter, den sie in der Hand hielt.
Sie stand wie gelähmt vor dem Uebermaß von Frivolität, mit welchem Flora sich zu helfen und jedes Bedenken zu überwinden gewußt hatte. Das war eine jener Frauennaturen, die sich stets der augenblicklichen Situation zu bemächtigen verstehen, die bei jedem Umschwung elastisch wieder auf die Füße zu stehen kommen und mit einem kecken Ignorieren des unliebsamen Geschehenen, mit der Zuversicht des Uebermutes die Fäden der Intrigue leise und glücklich auch an dem veränderten Terrain wieder anheften. Und das war die Schwester, vor deren weit überwiegenden Geistes- und Charaktereigenschaften ihr junges Herz demütig gebangt hatte.
Das kleine unscheinbare Symbol der Gattentreue, das Floras sanfte Mutter bis an den Tod getragen, war entweiht durch das Gaukelspiel der Tochter. Es brannte Käthe zwischen den Fingerspitzen; sie hätte es am liebsten so weit von sich schleudern mögen, daß es keine Menschenhand wieder aufzufinden vermocht hätte, aber es war und blieb das ererbte Eigentum der Schwester und mußte zurückgegeben werden.
Sie verließ sofort die Küche und trat hinaus auf die Thürstufen. Dort stand Flora am Staket und sah hinaus in das Weite. Sie wandte dem Hause den Rücken zu und hatte die Arme unter dem Busen gekreuzt, und durch die Maschen des Spitzenschleiers entlockte die Sonne dem blonden Haar ein goldenes Flimmern. Der Hofhund bellte unaufhörlich und erbost die stumme, fremde Gestalt an, und die Hühner umschritten scheu die leise rauschende Damenschleppe, die sich so lang und düster über den Rasen hinbreitete.
Das Hundegebell übertönte Käthes Tritte; Flora bemerkte ihr Kommen nicht eher, als bis die Schwester dicht neben ihr stand. Sie fuhr herum; ihr zarter Teint war betupft mit roten Spuren der Aufregung; sie war offenbar in der ärgerlichsten Stimmung, und nun falteten sich die Brauen noch finsterer und ihre Augen sprühten in ausbrechendem Zorne.
»Bist du schon wieder da wie ein unvermeidlicher ~Deus ex machina~? Ungeschicktes Ding, vorhin so hereinzupoltern!« fuhr sie Käthe in einem Tone an, als stehe nicht die stolze Erscheinung einer erwachsenen jungen Dame, sondern ein ungezogenes, boshaftes Schwesterlein vor ihr, das zeitweilig noch mit der Rute Bekanntschaft machen müsse.
Eine gerechte Erbitterung quoll fast unbezwingbar in Käthe empor -- so fromm war ihr Naturell nicht, und so sanftmütig floß ihr frisches Jugendblut auch nicht in den Adern, daß sie einer ungezogenen Bemerkung auch noch die andere Wange hingehalten hätte, aber sie beherrschte sich. »Ich bringe den Ring,« sagte sie kurz und kalt.
»Gib her!« Floras Züge glätteten sich; sie nahm hastig den kleinen Reif von der hingehaltenen Handfläche und steckte ihn an den Finger. »Ich bin sehr froh, daß er wieder da ist, der Ausreißer. Es ist ein so fatales Anzeichen --«
»Du willst in dem Falle doch nicht von einem bösen Omen sprechen?« Dem jungen Mädchen versagte fast die Stimme angesichts dieser bodenlosen Dreistigkeit.
»Ei warum denn nicht? -- Glaubst du denn, Leute von Geist _müßten_ notwendig frei vom Aberglauben sein? Napoleon der Erste war abergläubisch wie eine Spittelfrau, wenn du das noch nicht weißt, meine Kleine -- und ich, ich leugne wenigstens das Omen nicht.« Sie sah die Schwester so fest, so herausfordernd an, als wolle und werde sie mit diesem einen durchdringenden und gebieterischen Blicke jedweden selbständigen Gedanken, ja jede unbequeme Rückerinnerung an das Vergangene in dem jugendlichen Mädchenkopfe niederzwingen. Aber sie stand vor einer unerbittlich Wahrhaftigen, der die Empörung das Blut heiß nach dem Kopfe trieb. »Du vergissest, daß du gestern abend nicht allein dort gestanden hast,« sagte das junge Mädchen und deutete nach der Brücke.
Flora lachte zornig auf. »Das hat unsereins davon, wenn es sich solch ein Jüngstes nicht mindestens zehn Schritte vom Leibe hält. Das ist so die echte Backfischmanier, wichtig und vertraulich zu thun, als ob man um Gott weiß was alles wüßte, und täppisch und taktlos immer wieder eine unangenehm klingende Saite im Menschenherzen zu berühren, die man gern vergessen möchte. Habe ich nicht schon drinnen erklärt, daß der gestrige Auftritt im Walde mein ganzes Blut- und Nervenleben so wahnsinnig aufgestürmt hatte, daß ich für alles, was nachher geschehen ist, nicht verantwortlich gemacht werden dürfe? Meine sehr liebe Käthe, du willst mir in deiner unerschöpflichen Weisheit sagen, daß sich an meinen Verlobungsring überhaupt kein Omen mehr knüpfen könne, weil -- nun, weil er da drüben im Flusse liege, gelt, Schatz?« -- lachte abermals kurz auf. -- »Wie, wenn ich nun bei aller Leidenschaftlichkeit und Sinnesverwirrung, bei allem Grolle über eine ungerechte, vorurteilsvolle Kritik, die mir schonungslos in das Gesicht gesagt worden war, schließlich dennoch ein menschliches Rühren gespürt und mein süßes Kleinod nicht von mir geworfen hätte? Hast du das Ringlein fallen hören, Kind? Unmöglich! Denn -- hier sitzt es ja,« -- sie drehte den Reif spielend am Finger -- »nachdem es vorhin wirklich Miene gemacht hat, mich freiwillig zu verlassen --«
»Weil es dir zu weit ist. Du hast schlankere Finger als deine verstorbene Mutter,« fiel Käthe unerbittlich ein; sie bebte am ganzen Körper vor Entrüstung.
Flora aber fuhr mit einer Gebärde empor, als wolle sie mit den Händen nach ihr stoßen. »Natter du!« murmelte sie ergrimmt. »Ich habe auf den ersten Blick hin gewußt, daß deine bäuerisch plumpe Gestalt einen widerwärtigen Schatten auf meinen Lebensweg werfen würde. Wie kannst du dich unterstehen, mir nachzuspüren, meinem Thun und Lassen wie ein Spion nachzuschleichen? Du mir? Sind das die ehrenhaften Grundsätze, welche dir die vortreffliche Lukas einzupauken vorgegeben hat?«
»Meine Lukas lasse aus dem Spiele!« sagte Käthe, diesem maßlos leidenschaftlichen Ausbruche plötzlich eine kühle, imponierende Ruhe entgegensetzend. »Daß ich so denke und handle, das hat die Erziehung nicht verschuldet; ich weiß, diese ‚ehrenhaften Grundsätze‘ stecken mir von meinem braven Vater her im Blute; ich verabscheue die Komödie im Menschenverkehre und will eher zeitlebens verstummen, als daß ich eine Lüge gut heiße. Bist du gewohnt, deine Umgebung mit einem so kühnen Vorgehen zu verblüffen und dermaßen einzuschüchtern, daß sie zu deinem falschen Spiele stillschweigt, so glückt dir das bei mir nicht, so jung und so wenig weltgewandt ich auch noch sein mag. Ich lasse mich nicht verwirren -- ich habe gesunde Augen und ein starkes Gedächtnis --«
»Ei, das sind allerdings robuste Naturgaben, vor denen ein anderes Menschenkind mit seinen fein nüancierten inneren Regungen und Antrieben freilich nicht aufkommen kann,« rief Flora. Sie hatte, während Käthe sprach, einigemal Miene gemacht, ironisch lachend zu gehen und den »moralisierenden Backfisch« stehen zu lassen; sie hatte die Hände geballt, sich auf die Lippen gebissen und erbarmungslos das spärliche Grün von den saftstrotzenden Zweigen eines Busches gezupft -- aber gegangen war sie doch nicht, und jetzt sprach sie so überlegen und gefaßt, als habe sie nicht einen Augenblick das innere Gleichgewicht verloren. »Ob du mich verstehen wirst, Kind?« -- sie zuckte die Achseln -- »ich glaube es kaum. Du hältst deinen langweiligen Maßstab der sogenannten Moral mit kindlicher Gläubigkeit fest und missest die Seelen daran wie der Krämer die bestimmte Ellenzahl, gleichviel, ob das Zeug grob oder fein, grün oder rot ist, aber ich will mich bemühen, deutlich zu werden.«
Sie trat einen Schritt näher, so daß die junge Schwester ihren balsamischen Atem wehen fühlte. »Nun ja, du hast recht,« sagte sie gedämpft, und ließ einen raschen Seitenblick über die Fensterreihe des Hauses hinfliegen, »mein Verlobungsring liegt dort im Flusse. Ich habe ihn von mir geworfen in einem Anfalle höchster Verzweiflung, mit dem Gefühle unaussprechlichen Ekels vor dem Leben der Armseligkeit an Brucks Seite. Mädchen deines Schlages werden das freilich nicht begreifen. Ihr wählt euch den Mann, je nachdem er sein Auskommen, eine einnehmende Gestalt und -- einen hübschen Bart hat, und ist das ‚Ja‘ einmal gesprochen, dann geht ihr mit ihm durch dick und dünn, und das ist ja auch ganz brav; solche Mädchen werden rechtschaffene Mütter wohlerzogener Söhne; sie hocken im heimischen Neste und schließen furchtsam und demütig die Augen, wenn ein Adler vor ihnen in die schwindelnde Höhe steigt. Zu einem solchen Adler aber geselle ich mich; da, wohin er sich versteigt, weht meine Lebensluft; ich halte mich an seiner Seite; ich jauchze ihm zu und ermutige ihn in seinem stolzen Fluge --«
»Um ihn, wenn ein heimtückischer Schuß seine Flügel lähmt, für eine Krähe zu erklären und ihn feige zu verlassen,« fiel Käthe ein. Dieser Einwurf brandmarkte mit wenigen Worten den ganzen schamlosen Verrat der selbstsüchtigen Schwester, und die ihn ausgesprochen, sie stand da mit untergeschlagenen Armen, die verkörperte ernstzürnende, in ihren Gefühlen tiefverletzte Weiblichkeit. »Und wenn du noch gegangen wärest, verstohlen und schweigend, wie es doch sonst die Art der Treulosigkeit ist, aber du hast erst noch dem bittersten Hasse Luft gemacht, hast dich an dieser Stelle für die Verratene, Betrogene erklärt, und jetzt stehst du wieder auf dem mißachteten Boden --«