Im Hause des Kommerzienrates.

Part 16

Chapter 163,560 wordsPublic domain

»Das würde Doktor Bruck schwerlich gestatten; die Frau Diakonus will das Buch lesen,« sagte Käthe mit ruhiger, kalter Stimme und nahm das Werk in Empfang.

Ein verächtliches Spötteln zuckte um Floras Mund; in ihren Augen blitzten Verdruß und Aerger auf; sie hielt es jedenfalls für eine nicht zu entschuldigende Taktlosigkeit von seiten der Schwester, daß sie diese Namen vor ihren Ohren noch laut werden ließ.

Käthe ging. Aber in demselben Augenblicke, wo sie die Thür öffnete, um das Zimmer zu verlassen, trat ihr der Kommerzienrat entgegen. Er sah prächtig, fast strahlend frisch aus, wenn er auch in sichtlich großer Aufregung kam.

»Dageblieben, Käthe!« rief er fast scherzhaft und breitete seine Arme aus, um sie zurückzuhalten. »Ich muß mich erst überzeugen, ob du heil und unverletzt bist.« Er schob sie in's Zimmer zurück, drückte die Thür in das Schloß und warf seinen Hut auf den Tisch. »Nun sagt mir um Gotteswillen, was ist Wahres an der haarsträubenden Geschichte, die mir eben mein Anton beim Ankleiden mitgeteilt hat?« rief er. »Die Leute haben einfältigerweise bei meiner Ankunft geschwiegen, um mir die Nachtruhe nicht zu stören, und ich habe mir eben dergleichen unzeitige Rücksichten für die Zukunft energisch verbeten.« Er fuhr sich mit beiden Händen durch das reiche Haar. »Ich bin ganz außer mir. Was muß die Welt von mir und meinem Taktgefühle denken! Henriette liegt auf den Tod krank, und ich arrangiere sorgloserweise ein Herrenfrühstück in meinem Hause. Ist's denn nur wahr, das Unglaubliche? Eine Schar Megären soll euch attackiert haben?«

»Nicht ‚uns‘, sondern ganz speziell mich, Moritz,« sagte Flora. »Henriette und Käthe haben eben nur mitleiden müssen, weil sie bei mir waren. Ich kann mir nicht helfen -- den größten Teil der Schuld, daß es so weit gekommen, muß ich dir beimessen. Du mußtest schon bei den ersten feindseligen Kundgebungen ganz anders vorgehen; solch einer Rotte gegenüber ist ein entschlossener Mann stets Herr, wenn er's richtig anzufangen weiß. Aber bei deinen ewigen Rücksichten, um Gotteswillen nie und nirgends anzustoßen, bist du schwach --«

»Ja, schwach gegen euch, gegen dich und die Großmama,« fiel der Kommerzienrat ganz blaß vor Aerger ein. »Du vorzüglich hast nicht geruht, bis ich mein Wort zurückgenommen und dadurch meine Arbeiter unnötig gereizt habe. Bruck hat recht --«

»Ich bitte dich, verschone mich _damit_!« rief Flora dunkelrot vor Zorn. »Wenn du keine andere Autorität zu nennen weißt, auf die du dich berufst --«

Der Kommerzienrat trat ihr rasch näher und sah ihr erstaunt prüfend in die funkelnden Augen. »Wie, noch immer so feindselig, Flora?«

»Hältst du mich für so jammervoll schwachköpfig, daß ich meine Ansichten wechsele, wie man einen Rock aus- und anzieht?« fragte sie herb zurück.

»Das nicht, aber ist es nicht verwegen, der gebildeten Welt zum Trotz --«

»Was geht mich die Welt an?« Sie brach plötzlich in ein lautes Gelächter aus. »Die ganze gebildete Welt!« wiederholte sie. »Willst du mir sagen, wie du es möglich machst, sie mit deinem bedauernswürdigen Protegé in Verbindung zu bringen?«

Der Kommerzienrat faßte kopfschüttelnd ihre Hand; er war fast atemlos vor Ueberraschung. »Ja, wie ist denn das möglich? Weißt du denn noch nicht --«

»Mein Gott, was soll ich denn wissen?« unterbrach sie ihn ungeduldig mit ärgerlich gerunzelten Brauen und stampfte leicht mit dem Fuße den Boden.

Da wurde sehr rasch die Thür geöffnet, und die Präsidentin trat herein. Sie war einfach in penseefarbene Seide gekleidet. Ob die starke lila Nüance ihr Gesicht so gelb und alt machte, oder ob sie infolge der gestrigen Aufregung eine schlechte Nacht gehabt -- genug, sie sah sehr verfallen und dabei unverkennbar tief alteriert aus.

Der Kommerzienrat eilte auf sie zu und küßte ihr ehrerbietig die Hand. Er betonte, daß er ihr schon vor einer halben Stunde habe seine Aufwartung machen wollen, aber zurückgewiesen worden sei, weil die Großmama das Schlafzimmer noch nicht verlassen und dort den Besuch der Hofdame von Berneck angenommen habe.

»Ja, die gute Berneck kam, um mir ihr Beileid auszusprechen über Henriettens Erkranken und das abscheuliche Attentat, dem Flora ausgesetzt gewesen ist,« sagte sie. »Wir werden heute einen anstrengenden Tag haben; die ganze Stadt ist aufgeregt über den Vorfall und die Freunde unseres Hauses sind empört; sie kommen sicher alle, um nach uns zu sehen.«

Sie sank matt in einen Lehnstuhl; ihre Stimme klang angegriffen und den Gebärden fehlte die Elastizität, die sie sonst noch so siegreich in ihrem Alter behauptete. »Uebrigens hatte die Berneck auch noch einen andern Grund, und der stand jedenfalls in erster Linie,« hob sie wieder an. »Ich kenne sie schon; sie ist eine von denen, die gar zu gern die ersten sein wollen, die eine sogenannte gute Nachricht hinterbringen, und da fragen sie nicht viel danach, ob sie ein Hofgeheimnis verletzen oder nicht. Denkt euch, sie kam, um mir insgeheim zu gratulieren, weil unserem Hause Heil widerfahren werde.« Sie erhob sich und verschlang die Hände ineinander. »Mein Gott, welches Dilemma! Ich weiß wirklich nicht, ob ich weinen oder mich freuen soll. Es ist ja trostlos niederschlagend, daß gerade bei Hof, der ein gutes Beispiel geben sollte, das alte Sprichwort vom Undanke immer wieder zur Wahrheit wird. Wie hat sich Bär zeitlebens aufgeopfert für die Herrschaften! Und jetzt geht man plötzlich über ihn hinweg, als habe der alte, treue Diener nicht existiert. Er ist noch so rüstig, so geistesfrisch, und doch -- will man ihn pensionieren.«

»Und dazu gratuliert dir die alte Person?« rief Flora ärgerlich.

»_Dazu_ selbstverständlich nicht, mein Kind,« entgegnete die Präsidentin, ihre Stimme verstärkend, mit großem Nachdrucke. »Flora, es geschehen wunderbare Dinge in der Welt. Hättest du das vor einer Stunde noch für möglich gehalten? Bruck soll Hofrat und Leibarzt des Fürsten werden.«

»Verrücktes Hofgeschwätz! Auf was alles werden wohl diese müßigen Köpfe noch verfallen! Sie kombinieren wirklich das Blaue vom Himmel herunter,« lachte Flora auf. »Hofrat und Leibarzt! Und solchen Blödsinn hörst du ruhig mit an, Großmama, und lässest dich auch noch beglückwünschen?« Sie brach abermals in ein schallendes Gelächter aus.

»Nun, das muß ich sagen, lebt man denn hier in der Residenz so weltenfern von der Zivilisation, daß keine Zeitungen gelesen werden?« rief der Kommerzienrat, die Hände zusammenschlagend. »Ihr wißt wirklich nichts, rein gar nichts von dem, was geschehen ist, was uns so nahe angeht? Und ich komme deshalb einen Tag früher zurück. Die Freude hat mir keine Ruhe gelassen. Alle Zeitungen sind voll von der wunderbaren Operation, die Bruck in L.....g ausgeführt hat! in allen Kreisen Berlins wird augenblicklich davon gesprochen. Der Erbprinz von R., der gegenwärtig in L.....g studiert, ist mit dem Pferde gestürzt; er ist so schwer und unglücklich am Kopfe verletzt gewesen, daß sich kein Arzt zu der Operation hat verstehen wollen, selbst der tüchtige Professor H. nicht. Dem aber ist es erinnerlich gewesen, daß Bruck im letzten Feldzuge einen ähnlichen Fall behandelt und zum Erstaunen aller glücklich durchgeführt hat. Darauf hin hat man ihn sofort telegraphisch berufen --«

»Und das soll _dein_ Bruck, dein Protegé gewesen sein?« unterbrach ihn Flora. Sie versuchte zu lächeln, aber diese weiß gewordenen Lippen schienen versteinert, wie das ganze, plötzlich leichenhaft erblichene, schöne, impertinente Gesicht.

»Es war allerdings _mein_ Bruck, wie ich ihn jetzt mit Stolz nenne,« bestätigte der Kommerzienrat mit sichtlicher Genugthuung. Er war ja so froh über diese glückliche Wendung. Zwar Skrupel hatte er sich längst nicht mehr gemacht über sein Verschweigen -- der bereits halb vergessene grauenhafte Vorfall hatte ihn ruhig schlafen lassen; denn er war ein echtes Kind seiner Zeit, ein Egoist, der bei der Wahl: »Er« oder »Ich« keinen Augenblick im unklaren war, daß das »Ich« betont werden müsse. Aber nun war es doch gut, daß alles so gekommen, und Bruck sich durch eigene Kraft, wie er, der Kommerzienrat, ja voraus gewußt, wieder emporgerungen. »Uebrigens macht auch zu gleicher Zeit eine Broschüre von ihm unglaubliches Aufsehen in den medizinischen Kreisen,« fuhr er fort. »Er hat für die Operation im allgemeinen einen völlig neuen Weg entdeckt, der von unberechenbarer Tragweite sein soll. Es ist nicht mehr zu leugnen -- Bruck geht einer großen Zukunft entgegen.«

»Wer's glaubt!« sagte Flora mit seltsam erloschener Stimme. Verzweifelt gespannt in jedem Gesichtszuge, glich sie einem Spieler, der sein Letztes auf _eine_ Karte setzt. »Mit deinem hohlen Pathos überzeugst du mich nicht. Entweder liegt hier eine Namensverwechselung vor, oder -- die ganze Wundergeschichte ist erfunden.«

Bei dieser hartnäckigen, trotzigen Behauptung büßte auch der Kommerzienrat seine sprichwörtlich gewordene Langmut ein, die er den Damen seines Hauses gegenüber jederzeit an den Tag legte. Er stampfte zornig mit dem Fuße auf und wandte sich ab.

Die Präsidentin stand am Tische und ließ ihre zwei weißen, welken Finger in nervöser Erregung auf der Tischdecke spielen. Ihre Augen fixierten unruhig die Enkelin. Sie begriff recht wohl, was in ihr vorgehen mußte, die den nun so gefeierten Mann so schmählich verkannt und verleumdet hatte. Es war eine jämmerliche Niederlage, aber gerade in solchen Momenten mußte die gut erzogene Weltdame sich ohne weiteres zurechtfinden können.

»Dein Sträuben wird dir wohl nichts helfen, Flora,« sagte sie gelassen. »Du wirst schließlich doch glauben müssen. Ich für meinen Teil -- so wunderlich mir auch dabei zu Mute ist -- zweifle nicht mehr. Der Herzog von D. ist der Mutterbruder des Erbprinzen; er mag wohl sehr erfreut und glücklich sein über die Rettung seines Neffen, denn gestern abend sah ich den D.schen Hausorden auf Brucks Schreibtische liegen.«

»Und _das_ sagst du mir _jetzt erst_, Großmama?« schrie Flora wie wahnwitzig auf. »Warum nicht gestern noch? Warum hast du mir das verschwiegen?«

»Verschwiegen?« wiederholte die Präsidentin so geärgert, daß ihr Kopf in jenes leise nervöse Schütteln verfiel, das alten Leuten bei zorniger Erregung leicht eigen ist. »Wie impertinent! -- Ich möchte wissen, was mich veranlassen könnte, dergleichen geheim zu halten, höchstens der Umstand, daß man in den letzten Monaten Brucks Namen vor deinen Ohren kaum noch nennen durfte. Ich habe das allerdings auch möglichst vermieden --«

»Weil mein Verhalten vollkommen nach deinem Geschmacke war, ~chère grand'mère~ --«

»Bitte recht sehr, nur weil es mir im Innersten widerstrebt, Zeugin leidenschaftlicher Ausbrüche zu sein. Du bist ja seine erbittertste Gegnerin, hast ihn schärfer gerichtet als die mißgünstigsten unter seinen Kollegen; das leiseste Bemühen, ihn zu entschuldigen, ruft stets heftige Szenen hervor. Der arme Moritz und Henriette wissen ein Lied davon zu singen. Und hast du nicht eben gezeigt, in welcher Weise du eine Nachricht aufnimmst, die zu seinen Gunsten spricht?« Wie tief gereizt mußte sie sein, daß sie -- anstatt das fatale Vergangene nunmehr totzuschweigen, wie es sonst ihre Art war -- noch einmal Floras häßliches Benehmen vor den Augen der anderen vorüberführte!

Flora schwieg. Sie stand am Fenster, den Rücken den Anwesenden zugekehrt; an ihren fliegenden Atemzügen sah man, daß sie heftig mit sich kämpfte.

»Sage mir doch, _wann_ ich dir die Mitteilung hätte machen sollen!« fuhr die Präsidentin fort. »Vielleicht gestern, wo du beim Nachhausekommen kaum den Kopf zur Thür hereinstecktest, um meinem Besuche guten Abend zu bieten? Oder im Hause des Doktors selbst, wo ich keinen Augenblick mit dir allein war, und wo dich das pauvre Hauswesen deines Bräutigams in die übelste Laune versetzte?«

»Das war _dein_ Kummer, liebe Großmama, wie du die Güte haben wirst, dich zu erinnern; was mich betrifft, so übertreibst du.«

Käthe öffnete weit die ehrlichen, braunen Augen vor Erstaunen über dieses kecke Verleugnen -- das gestern gegen die »spukhafte Spelunke« geschleuderte Anathema klang noch in ihren Ohren.

»Mit dir ist schwer rechten; ich kenne dich schon. Bei aller bis zum Ueberdrusse an den Tag gelegten derben Wahrhaftigkeit verschmähst du doch die Schlupfwinkel des Leugnens nicht, wo es dir gerade paßt,« zürnte die Präsidentin und schob mit einer ziemlich heftigen Handbewegung das vor ihr auf dem Tische liegende Manuskriptenpaket weiter. Der Umschlag löste sich wieder, und der mit den »langbeinigen Krakelfüßen« geschriebene Titel kam zum Vorscheine.

»Ah, spricht das wieder einmal vor auf seinem Zickzackwege durch die Welt?« fragte sie und zeigte mit dem Finger auf die Papiere. Ihr Ton bewies, daß die Frau der weisen Mäßigung auch schneidend maliziös werden konnte. »Ich dächte, du gönntest ihm endlich die Ruhe im Papierkorb. Dieses fortgesetzte Angebot von seiten eines meiner Angehörigen und die konsequente Zurückweisung der Buchhändler wird mir nachgerade unerträglich. Ich möchte wissen, wie du es aufnehmen würdest, wenn eines von uns deine ‚hervorragende geistige Begabung‘ auch nur mit einem Worte anzweifeln wollte, und da lässest du es dir alle vier, fünf Wochen schwarz auf weiß sagen --«

»Echauffiere dich nicht unnötig, Großmama! Du könntest leicht irren, wie gewisse andere Leute auch,« unterbrach Flora sie zornbebend; ihr Blick streifte dabei entrüstet die junge Schwester. Der Backfisch hatte ja schon gestern abend ein ähnlich absprechendes Urteil mit angehört. »Du bist verstimmt, weil du an Bär eine einflußreiche Stimme bei Hofe verlierst; je nun, ich verdenke dir das im Grunde nicht, liebste Großmama, denn Bruck wird sich schwerlich dazu verstehen, deine kleinen Interessen bei unseren Herrschaften zu vertreten, vielleicht nicht einmal _mir_ zuliebe; das ist fatal für dich, aber ich sehe trotzdem nicht ein, weshalb ich armes Opfer es nun ausbaden soll. Ich werde mir erlauben, mich zurückzuziehen, bis das Wetter im Hause wieder klar ist.« Sie raffte die auseinanderfallenden Blätter des Manuskriptes zusammen und verschwand wie eine blaue Wolke hinter der Thür ihres Ankleidezimmers.

»Die ist doch unberechenbar exzentrisch,« sagte die Präsidentin mit einem Seufzer. »Von ihrer Mutter hat sie nicht eine Ader; die war die Sanftmut und Fügsamkeit selbst ... Mangold hat sehr gefehlt darin, daß er sie so frühe die Honneurs in seinem Hause machen ließ. Ich habe genug dagegen geeifert, aber das war alles in den Wind gesprochen. Du weißt ja am besten, Moritz, wie obstinat Mangold sein konnte.«

Käthe schritt nach der Thür, um das Zimmer zu verlassen. Die allzufrühe Selbständigkeit war für Flora allerdings verderblich gewesen, das ließ sich nicht mehr leugnen, aber das junge Mädchen konnte es doch nicht mit anhören, daß ihrem verstorbenen Vater in so verletzender Weise der Vorwurf gemacht wurde, daß -- er der Frau Schwiegermutter aus guten Gründen das Herrscheramt in seinem Hause verweigert habe.

Der Kommerzienrat folgte ihr und ergriff ihre Hand. »Du bist so blaß, Käthe, so schrecklich ernsthaft und still,« sagte er. »Ich fürchte, du stehst noch unter dem Eindrucke des gestrigen Vorfalles und leidest, armes Kind.« Das klang nichts weniger als vormundschaftlich.

»So verändert in der Gesichtsfarbe und so nachdenklich ist Käthe schon seit einigen Tagen,« warf die Präsidentin rasch ein. »Ich weiß, was ihr fehlt: sie hat Heimweh. Du darfst dich darüber nicht wundern, bester Moritz. Käthe ist an das Stillleben in kleinbürgerlichen Verhältnissen gewöhnt; dort wird sie vergöttert; um das reiche Pflegetöchterchen dreht sich schließlich alles in dem kleinen Hauswesen. Wir können ihr das mit dem besten Willen nicht bieten. Wir leben zu sehr in der Welt; unsere gesellschaftlichen Formen, die Elemente unserer Kreise sind so ganz andere, daß sie sich bei uns entschieden unbehaglich und bedrückt fühlen muß.« Sie trat näher und streichelte mit linder Hand die Wange des jungen Mädchens. »Hab' ich nicht recht, mein Kind?«

»Es thut mir leid, aber ich muß ‚nein‘ sagen, Frau Präsidentin,« versetzte Käthe mit ihrer festen Stimme; dabei bog sie den Kopf mit einer entschiedenen Bewegung zurück -- es nahm sich aus, wie ein Protest gegen jegliche fernere Liebkosung. »Ich werde nicht vergöttert, und es dreht sich auch nicht alles um ‚den Goldfisch‘;« -- sie lachte leise und schalkhaft auf -- »der arme Goldfisch spürt die Zügel einer konsequenten Erziehung mehr als je; ein Versehen im Hauswesen wird mir weit schwerer verziehen, seit ich die reiche Erbin bin. Und so bedrückend fremd, wie Sie meinen, sind mir die vornehmen Elemente Ihrer Kreise auch nicht. Der Staatsminister von B. ist einer der Auserwählten, die zu dem kleinen Abendzirkel meiner Pflegeeltern gehören. Unser Salon ist freilich so eng, daß keine Spieltische aufgestellt werden können, aber einige Professoren der Akademie, Freunde des Doktors, halten interessante Vorträge; öfter kehren auch musikalische Celebritäten bei uns ein, und dann wird unverdrossen, mit wahrer Lust auf meinem schlechten Pianino musiziert.« Um ihre Lippen schwebte wieder der ganze Liebreiz jugendlicher Heiterkeit, aber auch ein Zug von Sarkasmus trat hervor -- sie hatte in der That eine »streitbare Ader« in sich.

»Ich bin, Gott sei Dank, so erzogen, daß ich dem Heimweh nicht die geringste Macht einräume, sobald ich weiß, daß ich irgendwo nötig bin,« wandte sie sich an den Kommerzienrat. »Damit lasse dich nicht schrecken, Moritz! Erlaube mir vielmehr, auf unbestimmte Zeit hier zu bleiben -- Henriettens wegen!«

»Mein Gott, ich habe ja selbst keinen andern Wunsch, als dich hier zu behalten,« rief er mit einem Feuer, das selbst dem jungen Mädchen verwunderlich erschien.

Die Präsidentin stand wieder am Tische und ließ die Blätter eines vor ihr liegenden Buches unter ihrem Daumen hinlaufen, und die gesenkten Augen hingen so nachdenklich an diesem Spiel, als sehe und höre sie nichts anderes. »Es versteht sich ja von selbst, daß du bleibst, so lange es dir gefällt, meine liebe Käthe,« sagte sie gleichmütig, ohne aufzusehen. »Nur darf dieses Bleiben beileibe nicht den Anstrich einer Aufopferung erhalten; dagegen müssen wir uns entschieden verwahren. Nanni pflegt unsere Kranke musterhaft, und auch meine Jungfer ist angewiesen, nachts beizuspringen, wenn es nötig ist. Du könntest sie ohne Sorge verlassen.«

»Mag doch das Motiv sein, welches es will, teuerste Großmama, es genügt, daß Käthe in unserer Mitte zu bleiben wünscht,« fiel der Kommerzienrat lebhaft ein -- er konnte den Blick nicht wegwenden von dem Mädchen, das sich unverkennbar die eigene Ueberzeugung durch beschwichtigende Worte nicht übertäuben ließ. »Sieh, im frohen Vorgefühl, daß wir dich hier behalten werden, mein Kind, habe ich den neuen Flügel --« Er unterbrach sich und küßte ekstatisch Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. »Du bekömmst ein Instrument, Käthe, gegen welches das drüben im Musiksalon ein Klimperkasten ist; ich habe es, sage ich, gleich direkt hierher dirigiert.«

»Aber, Moritz, so ist das nicht gemeint,« rief das junge Mädchen rückhaltlos mit großen, erschrockenen Augen. »Gott bewahre mich! Dresden ist und bleibt meine Heimat, und die Villa Baumgarten meine Besuchsstation;« -- sie lachte mit ihrem ganzen Mutwillen auf -- »soll ich den Flügel immer als Gepäckstück mitschleppen?«

»Ich bilde mir ein, daß du eines Tages in Bezug auf Dresden ganz anders denkst,« versetzte er mit einem feinen, ausdrucksvollen Lächeln. »Der Flügel wird morgen hier eintreffen und bis auf weiteres in deinem Zimmer placiert werden.«

Die Präsidentin klappte den Deckel des Buches zu und legte die schmale, weiße Hand darauf. »Du triffst andere Dispositionen, als ausgemacht war,« sagte sie anscheinend gelassen. »Das bringt mich zwar sehr in Verlegenheit, aber ich bescheide mich gern. Ich werde heute noch an die Baronin Steiner schreiben, daß ihr für den Monat Mai angekündigter Besuch unterbleiben muß.«

»Aber ich sehe nicht ein, weshalb --«

»Weil wir sie nicht unterbringen können, bester Freund. Käthes Zimmer war für die Gouvernante bestimmt, die sie mitbringen wollte.«

Der Kommerzienrat zuckte die Achseln. »Dann thut es mir leid -- meine Mündel bleibt selbstverständlich, wo sie ist.«

Er opponierte! Er wagte es, mit kühler Ruhe in das zornblitzende Auge der empörten alten Dame zu sehen und es natürlich zu finden, daß die Frau Baronin von Steiner Käthe weichen müsse -- er, der sonst Himmel und Erde in Bewegung setzen mochte, der kein Opfer scheute, wenn es galt, vornehme Gäste in sein Haus zu ziehen! Es wich von ihm plötzlich der im Verkehr mit exklusiven Kreisen angeflogene feine Lack der Außenseite, und die plumpe, gemeine Natur des Parvenü kam zum Vorschein. Er war ja nun selbst von Adel, und dazu reicher als die meisten seiner jetzigen Standesgenossen -- hatte er doch eben wieder eine immense Goldernte eingeheimst -- er konnte herausfordernd auf seine Tasche klopfen und -- er that es.

Die alte Dame biß sich auf die Lippe. »Ich werde unverzüglich die nötigen Schritte thun,« sagte sie und nahm ihre Schleppe auf, um zu gehen. »Beneidenswert ist die Situation, in die ich ohne mein Verschulden gedrängt bin, durchaus nicht -- das muß ich sagen,« warf sie mit hochgezogenen Brauen in bitterem Tone über die Schulter hin.

»Und das um meinetwillen?« rief Käthe und trat mit ausgestreckter Hand einen Schritt näher, um das Hinausgehen der Präsidentin zu verhindern. »Moritz, es kann doch dein Ernst nicht sein, daß ich junges Ding die Freunde der Frau Präsidentin verdrängen soll? Das geschieht ganz gewiß nicht. Habe ich denn nicht mein eigenes Heim? Ich quartiere mich sofort in der Mühle ein, wenn Frau von Steiner kommt.«

»Das wirst du bleiben lassen, meine liebe Käthe; dagegen protestiere ich selbst mit allen Kräften,« versetzte die Präsidentin mit vornehmer Kälte, und jetzt brach aller Hochmut, der dieser stolzen Weltdame innewohnte, aus ihren Augen. »Ich bin gewiß tolerant -- deine verstorbene Mutter hat sich nie über Unfreundlichkeit meinerseits zu beklagen gehabt, aber ein solch intimer Verkehr zwischen Villa und Mühle, ein solch ungeniertes ‚Hinüber und Herüber‘ widersteht mir denn doch in tiefster Seele, am allerwenigsten aber möchte ich diese Beziehung der scharfen Kritik meiner sehr streng denkenden Freundin ausgesetzt wissen.« Sie neigte steif grüßend den Kopf. »Ich bin im blauen Salon zu finden, wenn du mir die Herren vorstellen willst, Moritz.« Damit ging sie hinaus.

Der Kommerzienrat wartete mit spöttischer Miene, bis das Rauschen der Seidenfalten draußen verklungen und die entgegengesetzte Thür im Musikzimmer sehr hörbar zugefallen war, dann, indem sich seine Lippe höhnisch hob, lachte er leise in sich hinein.

»Da hast du deine Lektion, Käthe!« sagte er. »Gelt, es stecken recht scharfe Krallen in den Samtpfötchen. Ja, kratzen kann sie, die alte Katze, daß es eine Art hat. Ich armer Tropf könnte Wundenmale genug aufweisen, aber, Gott sei Dank, ihr Schicksal erfüllt sich endlich auch. Sie erlebt das Schlimmste, das ihr passieren kann: sie wird ungefährlich. Mit Bärs Pensionierung ist ihr Einfluß bei Hofe und in der Gesellschaft gebrochen.« Er rieb sich die Hände in lächelnder, unaussprechlicher Befriedigung. »Du weichst nicht um eine Linie, lieb' Herz! Du hast mehr Rechte in meinem Hause als alle anderen zusammen -- merke dir das!«