Part 15
»Nun aber möchte ich Sie um Verzeihung bitten, daß Sie eine so häßliche, aufregende Szene, wie die da drüben, mitansehen mußten,« sagte er ernst und nachdrücklich. »Ich bin dafür verantwortlich; denn es hätte in meiner Macht gelegen, sie mit einigen zur rechten Zeit gesprochenen Worten zu verhindern.« Er lächelte so bitter, so schneidend, daß es dem jungen Mädchen durch die Seele ging. »Mich plage der leidige Bettelstolz, sagen einige meiner Herren Kollegen -- die wenigen, die mich aus purer Gutmütigkeit noch nicht ganz haben fallen lassen -- sie behaupten das, weil ich nicht zu den ‚lauten‘ Leuten gehöre. Dieser Bettelstolz ist zu einer Art von Kassandrafluch für mich geworden. Die Welt nimmt das Schweigen für Unfähigkeit, für Mangel an Urteil, und so hält man es gar nicht für nötig, sich mir gegenüber einen moralischen Zwang anzuthun. Ich sehe Menschen, die sich als geniale, geistreiche Naturen äußerlich gerieren, plump und täppisch vorgehen, und kann ihr Handeln und die damit verknüpften Ereignisse mathematisch genau voraussagen -- o, dieser Ekel!« Er stieß leicht mit dem Fuße auf den Boden und schüttelte sich, als gelte es, ein verabscheutes Reptil von sich zu werfen.
Noch war er weit entfernt von der Herrschaft über sein empörtes Blut; noch stürmte die Bewegung heftig in ihm, und das frivole Wesen, das mit frevelnder Hand diese harmonische Natur aus den Fugen gerissen, dort sah es von der Wand hernieder, im weißen Iphigeniagewande an eine Säule gelehnt, mit gefalteten, lässig herabgesunkenen Händen und einem lieblich gedankenvollen Aufblicke; fast fromm sah das dämonische Mädchen aus. Damals hatte sie noch um seine Liebe, seinen Beifall geworben; damals war sie noch entschlossen gewesen, sein Ideal zu verwirklichen und dem künftigen »berühmten Universitätsprofessor« die waltende gute Fee seines Daheims zu werden. Sie wäre es doch nie geworden; gerade das wäre der Boden gewesen für ihre Sucht, als schaffender Geist zu brillieren. Er hätte einen besuchten Salon, aber kein Daheim, eine in unbefriedigtem Ehrgeize sich verzehrende Weltdame, aber kein wahrhaft liebendes Weib, keine »mitringende, mitfühlende Gehilfin« gehabt. Dagegen war er ja auch nicht mehr blind -- und doch gab er sie nicht frei. Oder war nun doch das Band gelöst, nachdem Flora ihm so unumwunden den Ausdruck ihres Hasses in das Gesicht geschleudert hatte? Käthe wußte ja nicht, was sich nach ihrem Hinausgehen ereignete, soviel aber sagte sie sich, daß ihr längeres Verweilen hier in seinem Zimmer nicht statthaft sei, mochte der Würfel gefallen sein, wie er wollte.
Der Doktor hatte den finsteren Blick aufgefangen, den sie auf das Bild geworfen, und sah nun, daß sie sich zum Gehen anschickte.
»Ja, gehen Sie,« sagte er. »Henriettens Kammerjungfer ist gekommen und hat bereits ihr Pflegeramt angetreten. Der Zustand der Kranken ist derart, daß Sie getrost in die Villa zurückkehren können, um der Frau Präsidentin, wie sie es lebhaft zu wünschen scheint, beim Thee Gesellschaft zu leisten; sie fühle sich so sehr vereinsamt, ließ sie herübersagen. Ich gebe Ihnen mein Wort, Sie können unbesorgt gehen; ich wache treulich über Ihre teure Kranke,« wiederholte er nachdrücklich, als sie lebhaft zu protestieren versuchte. »Aber geben Sie mir einmal die Hand!« Er hielt ihr die seine hin, und sie legte rasch und willig ihre schlanken Finger hinein. »Und nun, was man Ihnen auch heute noch sagen mag, lassen Sie sich nicht verleiten, mich zu verurteilen! Schon in den nächsten Tagen wird sie,« er nannte den Namen nicht und neigte nur, ohne hinüberzublicken, bitter lächelnd den Kopf nach Floras Bild, »ganz anders denken, und das ist's, was mich konsequent bleiben heißt; ich darf nicht den Vorwurf auf mich nehmen, als hätte ich einen günstigen Moment -- auszunutzen verstanden.«
Sie sah befremdet zu ihm auf, und er neigte bedeutsam und so sonderbar resigniert den Kopf, als wollte er sagen: »Ja, so steht es,« aber über beider Lippen kam kein Wort.
»Gute Nacht, gute Nacht!« sagte er gleich darauf -- er ließ mit leisem Drucke ihre Hand fallen und trat an den Schreibtisch, während sie rasch der Thür zuschritt. Unwillkürlich wandte sie sich noch einmal auf der Schwelle um -- er führte eben seltsamerweise das leere Kelchglas an seine Lippen; in demselben Augenblicke aber auch glitt es aus seiner Hand und zersprang auf dem Boden in Scherben und Splitter. -- -- --
Drüben im Krankenzimmer stand Flora zum Fortgehen gerüstet, sie sah aus, als bebe jede Fiber an ihr vor nervöser Ungeduld. »Wo steckst du denn, Käthe?« schalt sie. »Die Großmama wartet; du bist schuld daran, daß man uns den Thee mit Impertinenzen würzen wird.«
Käthe antwortete nicht. Sie warf den Baschlik über, den ihr die Jungfer mitgebracht, und trat an das Bett. Henriette schlief sanft; die dunkle Fieberröte auf ihren Wangen hatte bedeutend nachgelassen. Wiederholt hauchte das junge Mädchen einen Kuß auf das bleiche, schmale Händchen, das ruhig auf der Decke lag, dann folgte sie der hinausrauschenden Schwester.
In der Flur brannte eine kleine Lampe und ein Lakai aus der Villa, der mit der Kammerjungfer gekommen war und noch Verschiedenes herübergetragen hatte, ging wartend auf und ab. Fast zugleich mit den Schwestern trat der Doktor in die Flur, und jetzt fühlte Käthe abermals die Glut tiefer Beschämung in ihre Wangen steigen; er reichte dem Bedienten das Billet, den vermeintlichen Todesgruß an die treulose Braut, zur Bestellung an einen in der Stadt wohnenden jungen Arzt.
Flora schritt an ihm vorüber, scheinbar als wolle sie seine Instruktion für den Lakaien nicht unterbrechen, und verschwand rasch draußen im Dunkel. Käthe aber ging noch einmal in die Küche und verabschiedete sich von der Tante. Die alte Frau schüttelte mit ernstem Gesichtsausdrucke den Kopf, als sie sich überzeugen mußte, daß »die Braut« das Haus bereits verlassen habe, ohne sie auch nur eines flüchtigen Gutenachtgrußes zu würdigen, aber sie schwieg und ging dem Doktor nach in die Krankenstube, um noch einmal nach der Leidenden zu sehen, ehe sie sich in ihr Zimmer zurückzog.
Draußen vor dem Hause blieb Flora stehen, nachdem die Schritte des vorausgeschickten Bedienten auf der Brücke verhallt waren. Der durch die offene Hausthür fallende Schimmer der Flurlampe streifte schwach ihr Gesicht -- es sah so ergrimmt, so leidenschaftlich beredt aus, als schwebe eine Verwünschung auf den halbgeöffneten Lippen. Mit unaussprechlichem Hohne glitt ihr Blick über den roten Ziegelfußboden und die weißen kahlen Wände drinnen, dann fuhr er die äußere Frontseite entlang, als wolle er das Gesamtbild der kleinen Besitzung noch einmal umfassen.
»Ja, ja, das wäre so etwas nach meinem Geschmacke gewesen -- eine Hütte und ein Herz!« sagte sie mit einem steifen, drastisch ironischen Kopfnicken. »Einen Mann ohne Amt und Einfluß, über dem Kopfe eine spukhafte Spelunke, mitten im öden Felde, und ein isoliertes Zusammenleben zu dreien, für welches die schmale Revenue meines väterlichen Erbteils ausreichen müßte! Nie in meinem ganzen Leben habe ich empfunden, was es heißt, gedemütigt zu werden -- heute zum erstenmal kam mir in der bedrückend armseligen Umgebung das Gefühl, als sei ich herabgezerrt worden von dem Piedestal, auf das mich makellos gute Herkunft, vornehme Gestaltung der äußeren Verhältnisse und die eigene geistige Begabung gestellt haben. Gott mag geben, daß sich Henriettens Krankheit nicht zum Schlimmsten wendet! Ich könnte ihr kein letztes Lebewohl sagen, denn mich sieht dieses Haus nicht wieder. Wahrhaftig, schmachvoller ist nie ein Mädchen betrogen worden als ich. -- Ich möchte mich selbst ins Gesicht schlagen, daß ich so blind, so bodenlos unbefangen in diese Verhältnisse hineingetappt bin.«
Sie stürmte wie wahnwitzig der Brücke zu. Das Mondlicht, das sich wie ein dünner Silberschleier über das glitzernde Flußbett hinbreitete, floß schwach an ihr nieder, und der Wind, schon halb und halb zum Sturme gesteigert, fiel sie heftig an; er zauste an ihren Kleidern und blies ihr den atlasglänzenden Umhang vom Kopfe, und die gelösten Locken hoben sich wehend und schlangenhaft züngelnd über der weißen Stirn.
»Er gibt mich _nicht_ frei, trotz meines Flehens und meiner Gegenwehr,« sagte sie, mitten auf der Brücke stehen bleibend, zu der Schwester, die ihr folgte und nun ohne weiteres an ihr vorüberschreiten wollte. »Du bist dabei gewesen -- du hast gehört, was für entscheidende Worte gefallen sind. Er handelt ehrlos, erbärmlich, wie eine kalte Krämerseele, die den Untergang eines Betrogenen vollkommen ermißt und doch auf der Erfüllung des unheilbringenden Kontraktes besteht. Mag er -- mag er sich zeitlebens mit dem Gedanken sättigen, daß ihm ein Schatten von Recht verblieben ist -- ich bin von diesem Moment an frei.«
Sie hatte bei den letzten Worten den Verlobungsring vom Finger gestreift und schleuderte ihn weit hinüber in die rauschenden Fluten.
»Flora, was hast du gethan!« schrie Käthe auf und bog sich mit ausgestreckten Händen über das Brückengeländer, als könne sie den Ring noch erfangen. Er war versunken. Ob ihn die Wellen mit fortspülten, oder ob er liegen blieb auf dem Grunde, nahe dem Hause, in welchem das Unheil einzog, sobald warme, liebende Menschenherzen darin schlugen? Das junge Mädchen meinte, das blonde, tote Weib müsse aus dem glitzernden Wasserschwalle auftauchen und drohend das verächtlich fortgeschleuderte Symbol der Treue emporhalten. Schaudernd legte sie die Hand über die Augen.
»Närrchen, alteriere dich doch nicht, als sei ich selbst hineingesprungen mit Haut und Haar!« sagte Flora mit kaltem Lächeln. »Manche andere mit weniger Willens- und Widerstandskraft hätte es vielleicht gethan -- ich werfe einfach den letzten Ring einer verhaßten Kette von mir.« Sie hob die Linke und strich wie liebkosend über den befreiten Ringfinger. »Es war nur ein schmaler, dünner Goldreif, ‚einfach‘, wie es der da drin« -- sie nickte mit dem Kopfe nach dem Hause hin -- »in seiner erkünstelten Spartanermanier zu lieben vorgibt, und doch drückte er grob wie Eisen. Nun mag er rosten da unten -- ich fange ein neues Leben an.«
Ja, sie hatte die Last »abgeschüttelt, abgeschüttelt um jeden Preis«, wie sie schon immer gesagt. Das Schreckbild einer verhaßten Ehe versank, und dafür ging »die Sonne des Ruhmes« auf.
Flora flog davon, als brenne die Brücke unter ihren Sohlen. Käthe folgte ihr schweigend. In der Seele der jungen Schwester stürmte es erschütternd, sinnverwirrend; das klare, gesunde Urteil, mit welchem sie an die Menschen und Dinge heranzutreten pflegte, war verdunkelt; sie stand völlig steuerlos zwischen Recht und Unrecht, zwischen Wahrheit und Lüge. Gebärdete sich nicht das schöne Wesen da neben ihr, dieses personifizierte Gemisch von eklatantem Unrecht, von Uebermut und grausamer Willkür, so zuversichtlich und taktfest, als könne und dürfe es gar nicht anders handeln? Zertrat Flora nicht ihr gegebenes Wort, ihre Pflichten mit gutem Fug und Recht gerade so, wie sie jetzt mit ihren raschen Füßen über die Kiesel der Allee hinschritt? -- --
Im Korridor der Villa meldete der Bediente den beiden Schwestern, daß die Frau Präsidentin Besuch habe; es seien zwei alte Damen zum Thee gekommen.
»Desto besser!« sagte Flora zu Käthe. »Ich bin wahrhaftig nicht in der Stimmung, heute noch die Scheherezade der Großmama zu spielen. Die alte Generalin hat immer die Taschen voll Klatsch und Stadtneuigkeiten; da ist man entbehrlich.«
Sie ging, wie sie sagte, für eine halbe Stunde hinein, um den Thee zu besorgen und sich dann mit ihrem »übervollen Herzen« zurückzuziehen. Käthe aber ließ sich mit Unwohlsein entschuldigen -- war es doch auch, als woge ihr das fiebererregte Blut einer beginnenden Krankheit in Kopf und Herzen.
14.
Am andern Morgen herrschte reges Leben in der Villa Baumgarten. Gegen Mitternacht hatte eine telegraphische Depesche die Rückkehr des Kommerzienrates aus Berlin gemeldet, und eine Stunde später war er angekommen. Er hatte zwei Geschäftsfreunde mitgebracht, die in den Fremdenzimmern logierten. Die Gäste waren Koryphäen der Handelswelt; sie wollten nachmittags ihre Reise fortsetzen, und um ihnen Gelegenheit zu geben, auf der Durchreise mehrere ihrer Bekannten in der Residenz zu sprechen, hatte der Kommerzienrat in der Nacht noch ein großes Herrenfrühstück für den andern Morgen angeordnet. Köchin und Hausmamsell hatten vollauf zu thun, und die Bedienten liefen treppauf, treppab.
Käthe hatte die ganze Nacht schlaflos verbracht. Die am Tage empfangenen Eindrücke und die Sorgen um Henriette hatten sie nicht ruhen lassen. An dem einen Eckfenster ihres Zimmers hatte sie stundenlang gestanden und über die windgeschüttelten Parkbäume hinweggeforscht, ob nicht wenigstens eine im Mondschein flimmernde Spitze der Wetterfahnen auf dem Hause am Flusse zu sehen sei, aber es war wie versunken gewesen, das niedrige Haus, und still geblieben war es dort auch, obgleich Käthe jeden Augenblick gemeint hatte, es müsse jemand die Allee heraufkommen, um mit einer schlimmen Nachricht die Schlafenden in der Villa aufzurütteln.
Und vom andern Fenster aus hatte sie dann die Ankunft des Kommerzienrates mitangesehen. Im Nu, wie aus der Erde gestampft, waren die Dienstleute der Villa mit ihren Sturmlaternen um den Wagen postiert gewesen; die hellen Lichtflammen hatten die weißen Säulen des Portikus angestrahlt, hatten sich in dem silberfunkelnden Pferdegeschirre und den glänzenden Leibern der Goldfüchse gespiegelt und waren kräftig genug gewesen, auch das bronzierte, an der Promenade hinlaufende Gitter und mehrere herrliche Marmorfiguren aus dem Dunkel hervortreten zu lassen. Das alles hatte hocharistokratisch ausgesehen. Dann war der Kommerzienrat aus dem Wagen gesprungen, die stattliche, noch jugendlich elastische Gestalt in den eleganten Reisepelz gehüllt, in jeder seiner gebieterisch sicheren Bewegungen der reiche Mann, der eben noch reicher geworden, ein glänzender Komet, an dessen Fersen, magnetisch angezogen, der glitzernde Goldstrom sich hing. Er hatte seine Gäste in ihre Appartements geführt und erst gegen zwei Uhr das Haus mit dem voranleuchtenden Bedienten verlassen, um sich im Turme zur Ruhe zu begeben. Dann war es allmählich still geworden in der Villa, aber der Wind hatte sein Pfeifen und Blasen um das Haus fortgesetzt und den Schlaf von Käthes Augen verscheucht. Erst mit Tagesanbruch war sie eingeschlummert, zu ihrem großen Verdruß; denn nun hatte sie sich verspätet, und statt um sechs Uhr morgens, wie sie gewollt, das Haus am Flusse zu betreten, kam sie erst in der neunten Stunde dort an.
Es war ein schöner klarer Morgen. Der ungestüme Nachtwind hatte sich zu jenem südlich warmen Hauche gesänftigt, der den Duft der ersten Frühlingsblumen im Atem behält und der spröde zögernden Knospe schmeichelnd, aber beharrlich den braunen Schleier vom Gesichte zu ziehen suchte ... Auf des Doktors Hause zwitscherten die Vögel; das dunkle Geäst der Kirschbäume, das sich an die eine Hausecke schmiegte, erschien mit unerschlossenen, winzigen Blütenköpfchen zartweiß gesprenkelt, und vor der glanzvollen Morgenbeleuchtung konnten sich die sprossenden Halme im Rasengrunde auch nicht mehr verstecken -- der ehemalige Bleichplatz schimmerte in einem schwachen jungen Grün.
Als Käthe die Brücke passierte, floß das Wasser sonnendurchleuchtet und klar bis auf den Grund unter dem morschen Holzbogen dahin, fast sanftmütig und friedlich -- was Wunder! Die Wellen, die gestern den fortgeschleuderten Ring empfangen, hatten unterdes ein weites Stück Weges zurückgelegt und strömten dem Ozean zu -- nur sie konnten erzählen von den verräterischen Frauenhänden, die so gewaltsam eine drückende Kette gesprengt.
Das Haus am Flusse hatte heute etwas eigentümlich Feierliches. Das rote Ziegelgetäfel in der Flur war mit feingesiebtem weißen Sande bestreut; der Duft einer feinen Räucheressenz schlug dem Eintretenden entgegen; auf dem kleinen Tische, nahe der Hausthür, lag eine frische Serviette, und darauf stand ein mächtiger Strauß von Tannenzweigen, Maikätzchen und Anemonen in einer altertümlichen großen Thonvase ... Und die alte, getreue Köchin war auch angekommen; sie stand schon in voller Thätigkeit, mit aufgestreiften Aermeln, die glänzend weiße Schürze über die derben Hüften gebunden, als sei sie nie fort gewesen, am Küchentische, und das gute, rotbackige Gesicht sah zufrieden und glücklich aus ... Warum aber erschien die Tante Diakonus heute, am frühen Morgen, im kaffeebraunen Seidenkleide, auf dem vollen Scheitel eine weiße Spitzenbarbe, und auch an Hals und Handgelenk mit Spitzen umkräuselt? Käthes Herz zog sich zusammen vor Weh und Angst -- geschah das alles der Braut zu Ehren, die doch heute wiederkommen mußte, um die kranke Schwester zu besuchen?
Die alte Frau sagte kein Wort darüber. Sie schien nur sehr bewegt zu sein, und man sah es noch an den zartgeröteten Augenlidern, hörte es in der weichen Stimme, daß Thränen der Rührung geflossen waren. Sie teilte dem jungen Mädchen freudig mit, daß die Nacht für die Leidende gut verlaufen und der Anfall nicht wiedergekehrt sei.
Für diese beruhigende Nachricht küßte ihr Käthe die Hand, und da geschah das Seltsame, daß die sonst so zurückhaltende Frau plötzlich die Arme um die schöne, jugendliche Mädchengestalt schlang und sie wie eine Tochter zärtlich an das Herz zog. Dann führte sie die froh Erstaunte schweigend in das Krankenzimmer.
Henriette saß aufrecht im Bette und die Jungfer ordnete ihr ein wenig das reiche Haar unter dem Nachthäubchen, der Doktor aber hatte sich vor einer Stunde zurückgezogen, um zu ruhen ... Das schmale, langgezogene Gesicht der Kranken mit den fleischlos hervortretenden Backenknochen und den verhängnisvollen schwarzen Ringen unter den Augen hatte in der Nacht einen scharf hippokratischen Zug angenommen, der Käthe erschreckte, aber der Ausdruck der Züge war ein glücklicher. Sie konnte nicht genug beschreiben, wie aufopfernd der Doktor sie pflege, wie unsäglich wohl sie sich in der gemütlichen Fremdenstube fühle, und wie sie bei dem Gedanken schaudere, daß sie doch einmal wieder von da fort müsse. Sie bat Käthe, in die Villa zurückzukehren und ein Buch zu holen, das sie der Tante Diakonus versprochen habe -- es sei in Floras Händen, die es ihr abgeborgt -- dabei flüsterte sie der Schwester in das Ohr, sie möge dafür sorgen, daß Flora und die Großmama sie hier nicht allzu oft belästigten. Nicht die leiseste Ahnung hatte sie von dem, was sich gestern abend an ihrem Bette zugetragen, und daß durch ihre Schuld das so lange schwebende Ungewitter zum furchtbaren Ausbruch gekommen sei.
Käthe konnte ihr kaum in die Augen sehen; sie atmete auf, als die Kranke schließlich die Bitte um das Herbeiholen des Buches erneute und sie beauftragte, auch noch verschiedenes aus ihrem Schreibtische mitzubringen, zu welchem Zweck sie ihr die Schlüssel einhändigte.
Nach einer Stunde kehrte das junge Mädchen in die Villa zurück. Sie war ganz erfüllt von dem beängstigenden Eindruck, den ihr Henriette gemacht hatte; das Krankengesicht mit der totenhaft wächsernen Blässe und den eingesunkenen Zügen verfolgte sie und machte sie tief traurig. Deshalb fuhr sie auch, im Innersten verletzt, zurück, als sie, die Treppe zur Bel-Etage hinaufsteigend, schräg durch die offene Thür des Wintergartens den brillant hergerichteten Frühstückstisch mit seinem blinkenden Geschirr voll köstlicher Leckereien überblickte. Den ganzen Marmorfußboden des maurischen Zimmers bedeckte ein ungeheurer dicker Smyrnateppich, für warme Füße war gesorgt und für heiße Köpfe auch -- letzteres durch die auserwählten Flaschen aus dem Turmkeller.
Käthe suchte in Henriettens Zimmer alles zusammen, was die Kranke zu haben wünschte, und ging wieder hinab, um der Präsidentin pflichtschuldigst guten Morgen zu sagen. Ihre Tritte verhallten in dem weichen Treppenläufer; sie wurde nicht gestört von den zwei Bedienten, die unten im Korridor standen, und von denen der eine ein Paket in der Hand hielt, welches der Briefträger eben gebracht hatte.
»Zum Kuckuck auch, da kommt das Paket zum drittenmal zurück!« fluchte er und kratzte sich hinter den Ohren. »Ich hab' die Geschichte satt bis an den Hals. Nun bin ich so freundlich und packe es morgen wieder und schreibe eine neue Adresse. Unser Fräulein muß auch denken, man hat auf der Gottes-Welt nichts weiter zu thun.« Er drehte das Päckchen unschlüssig hin und her. »Am allerbesten wäre das Ding drunten im Küchenfeuer aufgehoben --«
»Was ist denn darin?« fragte der andere.
»Ein Haufen Papier, und das Fräulein hat mit ihren langbeinigen Krakelfüßen groß und breit draufgeschrieben: ‚Die Frauen‘, mag schon was Rechtes sein!« Er verstummte erschrocken und nahm sofort eine ehrerbietige Haltung an -- Käthe kam eben die letzten Stufen herab und ging an ihm vorüber nach dem Schlafzimmer der Präsidentin.
Sie wurde nicht angenommen. Die herauskommende Jungfer berichtete, es sei früher Morgenbesuch da, eine Dame vom Hofe. Daraufhin ging Käthe in Floras Zimmer, um das besprochene Buch zu holen. Sie empfand eine heftige Abneigung, die Schwelle zu betreten; ihr Herz klopfte fast hörbar vor innerem Aufruhr und bestürzt erkannte sie in diesem Augenblick, daß für diese Schwester auch nicht ein Funken von Sympathie in ihr lebe. Der ganze Grimm, den sie in der schlaflosen Nacht zu bewältigen gesucht, stieg wieder in ihr auf und nahm ihr fast den Atem.
Vielleicht fühlte Flora ähnlich. Sie stand mitten im Zimmer neben dem großen, mit Büchern und Broschüren bedeckten Tische und sah mit einem sprühenden Aufblick nach der Eintretenden. Ach nein, der Zorn galt jedenfalls dem zurückgekommenen Paket. Dort lag es aufgerissen und die schöne Empfängerin schleuderte einen eben gelesenen Brief mit einer verächtlichen Handbewegung in den Papierkorb. Fräulein von Giese, das mokante Hoffräulein, hätte das nicht sehen dürfen. Floras »kleiner Finger« hatte sich bezüglich »der Frauen« doch vielleicht ein wenig geirrt.
»Du kommst jedenfalls von Henriette,« sagte Flora und schlug hastig den blauen Umschlag über dem ihr zurückgeschickten Manuskript zusammen. »Es geht ihr ja recht gut, wie ich höre; ich habe schon um acht Uhr hinübergeschickt und mich erkundigen lassen. Moritz ist nicht recht klug; er jagt mich mit einem Billet, das er noch in der Nacht geschrieben hat, in aller Frühe aus dem Bette, damit ich rechtzeitig Toilette mache, weil er ~à tout prix~ der Großmama und mir vor dem Frühstück seine Gäste vorstellen wolle. Als ob das Heil der Welt von dieser Vorstellung abhinge! Die Großmama wird darüber gerade auch nicht sehr erfreut sein.«
Sie sah reizend aus. Man sagt, daß der Mensch sich unbewußt nach seiner Stimmung kleide, demnach mußte Floras Erwachen heute ein überaus frohes und heiteres gewesen sein; denn die ganze schlanke, schöne Gestalt erschien wie in ein leuchtendes Aetherblau getaucht. Selbst in den zierlich gekräuselten Locken steckte eine glänzend blaue Atlasschleife. Mit dem Arbeitszimmer harmonierte freilich diese Toilette schlecht; es sah heute, wo der strahlend goldene Tag draußen lag, so düster und unwohnlich wie möglich aus und war allerdings weit eher ein passender Hintergrund für einen menschenscheuen Stockgelehrten als für diese duftig blaue Fee. Aber auch der Gesichtsausdruck der schönen Dame paßte nicht mehr zu den gewählten Farben: sehr üble Laune und eine kaum zu verbergende Niedergeschlagenheit guckten aus allen Winkeln und Linien ihrer Züge. Ueber die Ereignisse des gestrigen Abends fiel kein Wort. Die waren versunken und scheinbar vergessen; selbst der beraubte Goldfinger hatte Ersatz gefunden -- zwei kleine Brillantringe schmückten ihn.
Auf Käthes Bitte trat Flora an ein Bücherregal und nahm das verlangte Buch herab. »Henriette wird doch nicht selbst lesen wollen?« fragte sie über die Schulter.