Part 14
»Ich habe deine Artikel über die Arbeiterbewegung und die Frauenemanzipation gelesen.« -- Jetzt allerdings hatte die sonst so sanft moderierte Stimme des Arztes etwas durchdringend Schneidendes.
Flora fuhr zurück, als sei ein blitzendes Messer auf sie gezückt worden. »Wie willst du wissen, daß ich die Verfasserin derjenigen Artikel bin, die du gelesen?« fragte sie unsicher, schwankend, dabei aber seine Züge in fieberhafter Spannung fixierend. »Ich schreibe unter Chiffern.«
»Aber die Chiffern zirkulierten bereits in deinem großen Bekanntenkreise lange vorher, ehe die Aufsätze das Licht der Oeffentlichkeit erblickten.«
Sie wandte einen Augenblick beschämt und verlegen die Augen weg. »Gut, du hast sie gelesen,« sagte sie gleich darauf. »Was soll ich aber von dir denken, daß du dieses Streben nie mit einer Silbe berührt, daß du nicht einmal dein ungnädiges Mißfallen darüber ausgesprochen hast?«
»Würdest du darauf hin deine Feder niedergelegt haben?«
»Nein, und abermals nein.«
»Das wußte ich; deshalb ließ ich dich gewähren bis zu unserer Vereinigung. Es versteht sich ja von selbst, daß die verständige Frau mit dem Manne geht und sich nicht isoliert in Sonderbestrebungen, es sei denn, daß sie bei starkem Pflichtbewußtsein, hochbegabt, ein hervorragendes Talent --«
»Was ich selbstverständlich _nicht_ bin,« unterbrach sie ihn mit nicht zu beschreibender Erbitterung.
»Nein, Flora, du hast Geist, Esprit, aber schöpferisch bist du nicht,« versetzte er, ernst den Kopf schüttelnd und in seine gewohnte milde Sprechweise einlenkend.
Sekundenlang stand sie wie erstarrt vor diesem unumwundenen Urteile, das sich unverkennbar auf die festeste Ueberzeugung stützte, dann aber hob sie in einem halbwahnwitzigen Gemisch von gemachtem Jubel und ausbrechendem Grimme die Arme hoch empor. »Gott sei Dank, nun fällt auch die letzte Rücksicht, das letzte Bedenken. Eine Sklavin wäre ich geworden, ein armes, niedergetretenes Weib, dem man den göttlichen Funken der Poesie aus der Seele gerissen hätte, um -- das Küchenfeuer damit anzuzünden.«
Sie hatte überlaut gesprochen. Die Kranke, die vorhin der gleichmäßige Wechsel der zwei Stimmen allmählich eingeschläfert hatte, fuhr empor und blickte mit weit aufgerissenen Augen um sich. Besorgt eilte der Doktor an das Bett; er reichte ihr die Medizin und legte sanft die Hand auf ihre Stirn. Unter dieser Berührung sanken die erschreckten Augen wieder zu. Hätte sie ahnen können, die arme Leidende, welchen Sturm sie über den unglücklichen Mann heraufbeschworen, sie, die bis dahin alles aufgeboten hatte, um den unheilvollen Bruch zu verhindern!
»Ich muß dich ernstlich bitten, die Kranke nicht mehr zu stören,« sagte der Doktor, den Kopf in das Zimmer zurückwendend; noch beugte er sich über das Bett und seine Hand lag auf Henriettens Stirn.
»Ich wüßte auch nichts mehr zu sagen,« versetzte Flora mit einem mißlungenen Spottlächeln und zog die Handschuhe aus der Tasche. »Wir sind zu Ende, wie du nach deinen verletzenden Aussprüchen selbst wissen wirst -- ich bin frei --«
»Weil ich dir ein Talent abspreche, auf welches du dich kaprizierst?« fragte er, mit äußerster Ueberwindung die Stimme dämpfend. Jetzt gewann die Entrüstung die Oberhand in ihm; er stand plötzlich in seiner ganzen imposanten Größe da. Alles, was ihn zuweilen so jünglingshaft erscheinen ließ, der sanfte, treue Blick, die von edler Bescheidenheit und Geduld zeugenden Gebärden -- alles war verschwunden; er war ein zürnender, empörter Mann. »Ich frage dich, um wen ich geworben habe, um die Schriftstellerin oder um Flora Mangold? Als diese letztere, und nur als diese hast du damals deine Hand in die meine gelegt, recht wohl wissend, daß ich zu denen gehöre, die ihre Frau einzig und allein für sich und ein stillbeglücktes Familienleben, nicht aber als ein in der Welt herumflackerndes Irrlicht haben wollen. Du hast das gewußt; du hast dich damals befleißigt, mir das zu werden; du bist in deiner sanguinischen Art weit darüber hinausgegangen -- denn daß du selbst die rußigen Töpfe in die Hand nehmen solltest, wie du in übertriebenem Eifer gethan, würde ich ja nie von derjenigen verlangen, die das geistig belebende Element, mein Stolz, meine mitfühlende, mitringende Gefährtin in meinem Daheim werden soll.«
Er schöpfte tief Atem; nicht ein einziges Mal wichen die strafenden Augen von dem schönen Mädchen, das jetzt so klein und erbärmlich, so unscheinbar vor ihm stand und sich vergebens abmühte, die kühne, trotzig herausfordernde Haltung standhaft zu behaupten.
»Ich habe die Wandlung in dir vom ersten mißmutigen Zuge auf deiner Stirn an bis zu deiner eben erfolgten Erklärung Schritt für Schritt verfolgt,« hub er von neuem an. »Du bist so unsäglich schwach deinen eigenen weiblichen Schwächen gegenüber, als da sind Hochmut, Eitelkeit, Launenhaftigkeit -- und doch willst du die Starkgeistige spielen, willst in Sachen der Frauenemanzipation das große Wort reden und für dein Geschlecht die Urteilskraft, die Konsequenz, das feste Wollen und deshalb auch die Vorrechte des Mannes in Anspruch nehmen? ... Wie ich über dein ganzes Verhalten denke, was meine eigene Seele dabei durchmacht, ob ich glücklich oder namenlos unglücklich werde, darauf kommt es hier nicht an. Wir haben uns feierlich für das ganze Leben verlobt, und dabei bleibt es. -- Man sagt dir nach, daß du oft genug grausam mit Männerherzen gespielt und die Betrogenen schließlich dem öffentlichen Spott und Mitleid preisgegeben hast -- _mich_ stellst du _nicht_ an diesen Pranger -- darauf verlasse dich! Du bist nicht frei -- ich gebe dich nicht los. Ob du eidbrüchig werden willst oder nicht -- gleichviel. Ich will mein Wort halten.«
»Schande über dich!« rief sie außer sich. »Wirst du mich auch zum Altar schleppen, wenn ich dir versichere, daß ich längst aufgehört habe dich zu lieben? Daß ich in diesem Augenblicke, wie ich hier vor dir stehe, nur mit Mühe den bittersten Haß gegen dich niederkämpfe?«
Bei diesem furchtbaren Ausbruche erhob sich Käthe; es war ihr allmählich gelungen, ihre Hand zu befreien. Sie eilte mit weggewandten Augen hinaus; sie konnte unmöglich in das Antlitz dessen sehen, der eben eine Art Todesstreich empfangen hatte.
13.
In der Flur, deren Fenster nach Norden gingen, herrschte schon leichte Dämmerung; nur von der Küche her, in welcher noch der letzte rötliche Abendschein an den Wänden hinspielte, fiel es hell über den roten Ziegelfußboden.
Die Tante Diakonus stand drinnen am Fenster und wusch das gebrauchte Theegeschirr. Die zurückberufene Köchin sollte erst morgen eintreffen; sie war krank geworden -- deshalb lagen die kleinen Hausgeschäfte noch auf den Schultern der alten Frau. Sie nickte Käthe vertraulich mit freundlichem Lächeln zu; nicht die leiseste Ahnung von dem, was sich dort hinter der breiten Flügelthür zutrug, beunruhigte das still friedliche, sanfte Frauengemüt. Das junge Mädchen schauerte in sich zusammen und eilte vorüber, hinaus in den Garten.
Es war sehr kühl geworden. Ein starker Zugwind blies scharf und kältend vom Flusse her über ihr Gesicht und die nur von dem Seidenkleide bedeckten Schultern. Mit tiefatmender Brust stürmte sie ihm entgegen. Sie war ein Mädchen mit starkem Empfinden, mit heißem, kräftig kreisendem Jugendblute in den Adern; die Flammen der inneren Empörung brannten auch auf ihren Wangen, in den trockenheißen Augen und züngelten bis in die nervös klopfenden Fingerspitzen.
Sie hatte eben Schreckliches erlebt -- welch ein entsetzliches Ringen zwischen zwei Menschenseelen! Und die Schuldige, die es heraufbeschworen, war ihre Schwester -- dieser treulose, frivole Frauencharakter, der spielend das ernste Band zwischen Mann und Weib knüpfte, um es bei dem ersten Mißfallen, wie das Gespinst haltloser Sommerfäden, zu zerreißen und in alle Lüfte hinausflattern zu lassen! Wohl hatte Flora sich diesmal in ihrem Opfer gründlich verrechnet, sie traf auf Stahl, wo sie ein durch die Verurteilung des Publikums und ihr eigenes systematisch durchgeführtes, allmähliches Erkalten bereits tiefdemütiges Herz leichten Spieles niederzutreten meinte, aber was halfen ihm die Festigkeit und Energie, mit denen er ihr die Stirn bot? Er war doch der Unterliegende ...
Käthe trat auf die Brücke, und die Hände auf das leicht erzitternde schwanke Holzgeländer stützend, sah sie hinab. Die Wasser stürzten und rauschten unter ihren Füßen hin; mit jedem Steinblock, der seinen Platz im Flußbette behauptete, mit jeder starken Baumwurzel, die sich aus der Ufererde zwängte, rangen und stritten sie, daß der Gischt hoch aufspritzte, und doch schwebte dort, fern, die bleiche Mondsichel inmitten der spiegelnden Flut, und es war, als stehe sie unverrückbar still für alle Zeiten. Stand _so_ die Liebe im Menschenherzen? Umstürmten sie vergebens die wildesten Kämpfe, und erblich sie nicht, wo sie verachten mußte, wo ihr Ideal in Trümmer ging? Nein, sie hatte das eben mitangesehen.
Wunderbare Leidenschaft! Schon einmal hatte sie unter dem Dache dort eine Menschenseele durch alle Stadien des Jammers, der Verzweiflung gehetzt. Wie die Tante dem jungen Mädchen neulich auf dem Heimgange erzählte, hatte in dem Hause am Flusse die schöne, junge Witwe eines Herrn von Baumgarten gelebt. Der Nachfolger ihres Gemahls, der Sproß einer Seitenlinie und ein wunderschöner Kavalier, war täglich vom alten Herrenhause herübergekommen, um in das liebliche Frauenantlitz zu sehen, das sich, von Witwenschleier und Schnepphaube umrahmt, aus dem Fenster bog. In das Haus durfte er nicht, denn sie war sehr sittsam. Er war auch sehr hoch auf seinem schwarzen Roß über die schmale Holzbrücke geritten und hatte das schnaubende, ungebärdige Tier dicht an die Hauswand gedrängt, um den Atem des schönen Frauenmundes zu spüren und ihre weiße Hand mit heißer Inbrunst zu küssen, und die das mitangesehen, hatten geschworen, daß er nach Ablauf der Trauerzeit die junge Witwe wiederum als Herrin in das Schloß Baumgarten zurückführen werde.
Aber da war er einmal auf längere Zeit fort gewesen, an einem fremden Hofe und die Leute hatten der Edelfrau im Hause am Flusse hinterbracht, daß er sich ein junges Ehegemahl aus hochgräflichem Geschlechte mit heimbringen werde. Die schöne Witwe hatte nur gelächelt und desto emsiger an ihrem Fenster nach ihm ausgeschaut -- sie hat an so viel Falschheit nicht geglaubt, bis das Zinken- und Trompetengeschmetter vom Schlosse herüber verkündigt hat, daß der eben zurückgekehrte Herr den Einzug seines jungen Weibes mit einem üppigen Bankett feiere ...
Und tags darauf war er mit der neuen Schloßherrin über die Holzbrücke geschritten, um sie im Hause am Flusse vorzustellen -- die bunten Tulipanen auf ihrem schweren Brokatrock, den sie über den Boden hinschleppte, hatten weithin geleuchtet, und auf dem breiten Fächer in ihrer Hand hatte das hochgräfliche Wappen in Edelsteinen gefunkelt, und das rehfarbene Windspiel, das früher immer vor dem Rosse hergelaufen, war auch mitgekommen, aber diesmal lief es nicht nach dem Fenster, von wo ihm einst die weißen Hände Zucker und Kuchenbrocken herabgeworfen; es rannte ein Stückchen am Flußufer hin und bellte und winselte kläglich -- und da schwamm ein schneeweißes Gewand, an dem die Wellen rissen und zerrten, um es mitzunehmen, aber die langen, blonden Flechten an dem blassen Frauenkopfe hatten sich im Wurzelgeflechte der Uferbäume verschlungen und hielten die Tote fest, für ihn, auf daß er noch einmal in die starren weitoffenen Augen blicken sollte.
Das Fenster, an welchem sie mit der ganzen Zuversicht treuer Liebe gehofft, daß er wieder zu Roß über die Brücke kommen werde, war wohl das dort gewesen, wo abends die Lampe des Doktors brannte. Dort hatte sie wohl auch gestanden und in bitterer Verzweiflung die Wellen vorbeirauschen sehen, die von dem lustigen Hochzeitshause daher kamen, und das heiße Verlangen hatte sie überwältigt, den schönen Leib in das brausende Gewässer zu stürzen, daß es ihn forttrage weit, weit weg von der Stätte ihres ehemaligen Glückes. Und nun, nach langen, langen Jahren wurde an derselben Stelle der gleiche Herzenskampf durchlitten -- nein, nicht der gleiche! War er nicht ein Mann mit starkem Geiste? Ein Mann, den schon sein hoher Beruf auf Erden festhalten und allmählich über das nagende Leid hinwegheben mußte? Und wenn auch das unglückliche Weib, das sich durch einen raschen Sprung aus all dem Jammer in die Grabestiefe rettete, die weißen Arme aus dem Wasser hob, um ihn zu locken -- er folgte ihr nicht ... Ein Schrecken durchfuhr sie. Hatte Henriette nicht gesagt: »Wer Flora einmal Liebe gebend gesehen, der begreift, daß ein Mann eher den Tod sucht, als daß er sie aufgibt«? Und _mußte_ er sie nicht aufgeben, nachdem sie ihm erklärt, daß sie ihn hasse?
Käthe lief angstvoll in den Garten zurück, als tauche dort am dunkelnden Ufer die ertrunkene Edelfrau mit den blonden Flechten empor und greife mit den Händen auch nach ihr.
Es dunkelte. Der Wald, der heute Zeuge eines beispiellos rohen Auftrittes gewesen, breitete sich einförmig schwarz wie ein Sargtuch über den niedrig gewölbten Hügelrücken, und das durchfurchte Ackerland lag glatt und verschlossen da und ließ nicht ahnen, daß Milliarden lebendiger Keime mit kleinen kräftigen Armen unter der Kruste wühlten und drängten, um eine wogende Halmenwelt an das goldene Licht der Sonne zu heben. Droben auf dem Dache knarrten die Wetterfahnen in dem fauchenden Abendwinde, der sich allmählich aufblies, um in der Nacht als brausender Frühlingssturm über die Erde hinzufahren. Das Gezweig der Silberpappeln am Staket schwankte, und die noch losen Fichtenäste der halbfertigen Laube knisterten unter seinem wilden Odem. Durchsichtig wie ein Schemen stieg ihr Astgeflecht empor -- wenn einst das schattige Grün voll und dicht über dem Holzgerippe hing, wie stand es dann wohl um alles, was in diesem Augenblick unentwirrt unter der gestaltenden Hand des Schicksals lag? Saß die Tante je dort in dem heißgewünschten grünen Sommerasyl, stillbeglückt, frohen Gemütes, wie einst im kleinen Pfarrgarten? Wenn ihr Liebling unglücklich wurde, wenn sie ihn verlor, niemals!
Mit scheuem Blick bog Käthe um die westliche Hausecke. Der gedämpfte Schein einer Nachtlampe fiel aus den Fenstern des Krankenzimmers. Noch war der Kampf nicht zu Ende. In der einen Fensternische stand der Doktor, den Rücken dem jungen Mädchen zugewandt, ungebeugt, aber den rechten Arm gehoben, als fordere er Schweigen. Was mochte sie eben gesagt haben, die im dunkeln Hintergrund stand, nicht so hoch von Gestalt, daß man mehr hätte sehen können, als die trotzig schüttelnde Bewegung der weißen Spitzenkante über dem goldblonden Schein der Stirnlöckchen -- hatte sie wieder mit Impertinenz an seinen Beruf gerührt?
Käthe fühlte in nervöser Aufregung ihre Zähne zusammenschlagen, aber es kam auch ein Zorn, eine Erbitterung über sie, als müsse sie dazwischen springen und die Treulose mit Gewalt auf ihre Pflicht zurückführen. Sollte sie nicht doch hineingehen, an seine Seite treten und der wortbrüchigen Schwester die ganze Empörung, die ganze Verachtung ihres Mädchenherzens ins Gesicht schleudern? Welch ein Gedanke! Was würde er zu dieser Einmischung einer dritten sagen? Und wenn er diese dritte nur mit einem kühlen, befremdeten Blicke maß, wenn er sie schweigend beiseite schob, wie er neulich mit den »aufdringlichen« kleinen blauen Blumen gethan -- in die Erde müßte sie sinken vor Beschämung.
Käthe ging schleunigst weiter. Jetzt durchschüttelte Eiseskälte ihren Körper, und das starke Mädchen mit dem sonnenhellen Geiste und den kerngesunden Nerven überschlich ein wunderliches Grauen vor der Einsamkeit, in der sie wandelte, vor dem kraftlosen Licht der bleichgoldenen Sichel am Himmel und dem monoton gurgelnden Gemurmel der vorbeischießenden Flußwellen. Hinter dem Küchenfenster sah sie die Tante neben der blanken zinnernen Küchenlampe sitzen und Gemüse für den morgenden Mittagstisch putzen -- ein milder Gegensatz zu der bewegten Szene im Krankenzimmer. So friedlich und beschwichtigend das Bild auch war, dahinein durfte sie sich mit der fieberhaften Spannung in Seele und Körper, mit ihrer Angst vor dem Kommenden nicht wagen; sie hätte ihren erregten Zustand nicht verbergen können vor den klaren Augen der alten Frau.
Die Hausthür stand noch offen, die der Küche aber war geschlossen. Käthe schlüpfte auf den Zehen durch die dunkle Flur und trat in das Zimmer der Tante Diakonus. Hier wollte sie versuchen, ruhiger zu werden, in diesem dunkelnden, köstlich stillen, anheimelnden Stübchen voll Blumenatem und sanft durchwärmter, reiner Luft. Sie setzte sich in den Lehnstuhl hinter dem Nähtisch. Die Lorbeerbäume wölbten sich zur Laube über und neben ihr; die Narzissen, Veilchen und Maiblumen auf den Fenstersimsen dufteten betäubend süß, und der Kanarienvogel, der sich's eben im Dämmerdunkel zur Nachtruhe bequem gemacht, hüpfte piepend und erregt in seinem Käfig von einem Stengel zum andern -- es war doch Leben neben ihr, wenn auch nur das einer erschreckten Vogelseele. Aber ruhiger wurde sie nicht. Durch diese Räume war die schöne Verlassene im Witwenschleier gewandelt, und die lächelnden Genien, die noch an der Stuckdecke schwebten, hatten auf ihre Schmerzensausbrüche, ihre Todesnot niedergesehen. Käthe wehrte sich vergebens gegen die Spukgestalt und den Gedanken, daß auch Bruck den Trennungsschmerz nicht überleben werde. Henriette hatte das gesagt; sie hatte seine tiefe, heiße Liebe in der ersten Verlobungszeit gesehen -- sie mußte es wissen.
Die Tante kam herein, um, wie jeden Abend, die brennende Lampe auf den Arbeitstisch des Doktors zu stellen. Sie schloß die Läden, ließ die Rouleaux herab und schürte das Feuer im Ofen; dann ging sie wieder hinaus, ohne das junge Mädchen in ihrer kleinen Fensterlaube bemerkt zu haben. Ihr leiser, schwebender Tritt erlosch schon hinter der Thür, gleich darauf aber hallten feste Männerschritte durch die Flur, und der Doktor trat in das Zimmer.
Er blieb einen Moment an der Schwelle stehen und strich sich tief aufseufzend mit der Hand über die Stirn; er ahnte so wenig wie die alte Frau, daß dort hinter dem dunkeln Laub ein Menschenherz in tödlicher Angst klopfe -- drückte sich doch die Mädchengestalt atemlos, wie zu Stein erstarrt, an die Fensterwand. War alles vorüber? Kam er verarmt, verzweifelnd, ein einsamer Mann für immer?
Rasch durchschritt er die beiden Zimmer und trat an seinen Schreibtisch. Käthe erhob sich lautlos. Mitten im Stübchen der Tante stehend, konnte sie ihn sehen. Der Lampenschein beleuchtete grell und voll sein Profil, das noch alle Symptome aufgestürmter Leidenschaft zeigte. Er war erhitzt, dunkelrot auf Stirn und Wangen, als habe er einen weiten Weg in brennender Mittagsglut gemacht, selbst die Augenlider erschienen gerötet. Es war auch ein heißer Weg gewesen, ein Weg über Trümmer, zerstörte Illusionen und Hoffnungen -- war er am Ende, am öden Ziel, wo die schöne Fata Morgana entschwebte und die ganze schreckhafte Einsamkeit kommender Zeiten ihn anstierte?
Im Stehen schrieb er ein paar Zeilen auf einen Briefbogen und steckte das Blatt in ein Kouvert. Das geschah mit hastigen Händen, in fiebernder Erregung. Auch die Adresse wurde in flüchtigen Zügen hingeworfen -- wessen Name war es, den er schrieb? Gab es in dieser Stunde außer der furchtbaren Entscheidung noch etwas auf Erden, an das er denken mochte? Der Brief konnte nur für Flora bestimmt sein -- ein letztes Lebewohl, oder der zermalmende Richterspruch eines sterbenden Mannes?
Und nun goß er aus einer Karaffe Wasser in das milchweiße Kelchglas, in welches sie neulich ihren Frühlingsstrauß gesteckt hatte, dann schloß er einen kleinen Schrank im Schreibtisch auf und nahm ein winziges Medizinfläschchen heraus; er hielt es gegen das Licht -- fünf silberhelle, farblose Tropfen fielen in das Glas.
Bis dahin hatte Käthe mit dem unheimlichen Gefühl, als stehe ihr das Herz still, wie gelähmt an ihrem Platze verharrt, aber nun kam die ganze, allmählich bis ins Maßlose gesteigerte Aufregung ihres Innern stürmisch zum Ausbruch. Mit einigen raschen Schritten stand sie an seiner Seite und legte die Linke auf seine Schulter; mit der Rechten umfaßte sie krampfhaft seine Hand, die das Glas eben zum Munde führen wollte, und zog sie langsam nieder.
Sie war keines Lautes fähig; ihre ganze Seelenangst, der innere Jammer, das unsägliche Mitleiden, das ihr gleichsam das Herz umwendete, malten sich in den braunen Augen, die in flehender Beredsamkeit die seinen suchten. Sie fuhr zurück. Gott im Himmel, was hatte sie gethan! Unter dem großen, erstaunt fragenden Blicke, der sie traf, sank sie vor Scham fast in die Kniee. Einige unartikulierte Worte stammelnd, bedeckte sie das Gesicht mit den Händen und brach in ein bitterliches Weinen aus.
Er begriff augenblicklich alles. Das verhängnisvolle Glas auf den Tisch stellend, nahm er bestürzt ihre Hände und zog sie an sich. »Käthe, liebe Käthe!« sagte er mit bebender Stimme und sah in das thränenüberströmte Antlitz, das sie mit einem sanften Neigen des Kopfes wegzuwenden suchte. In diesem Augenblicke erschien das prächtige, imponierende Mädchen vollkommen als das, was sie an Jahren, an Erfahrung, an fleckenloser Seele in Wirklichkeit war -- als die Jugend in ihrem unangetasteten Glanze warmen rückhaltlosen Empfindens, aber auch in dem hilflosen Schrecken über eine ungeahnte Wendung.
Sie entzog ihm leise die Hände und trocknete in Hast ihre Augen mit dem Taschentuche. »Ich habe Sie schwer gekränkt, Herr Doktor,« sagte sie, immer noch mit den Thränen kämpfend. »Ich habe eine Taktlosigkeit begangen, die Sie mir ganz gewiß nie vergessen werden. Ach Gott, wie konnte ich mich nur in diese wahnwitzige Vorstellung so verrennen, daß --« Sie biß sich auf die Unterlippe, um das krampfhafte Zucken ihres Mundes zu unterdrücken. »Gehen Sie nicht zu streng mit mir ins Gericht!« setzte sie mit sinkender Stimme hinzu. »Das, was ich heute schon durchleben mußte, genügt wohl, um auch einen stärkeren, als meinen Mädchenverstand, zu verwirren.«
Er sah sie kaum an; nur von der Seite streifte sein Blick den schönen, jugendlichen Mund, als wolle er nicht zeigen, wie leid ihm diese bittere Selbstanklage thue und wie fassungslos er selbst sei. Nun aber glitt das seelenvolle Lächeln, das sie schon kannte, leise durch seine Zuge.
»Sie haben mich nicht gekränkt,« sagte er tröstend, »und wie sollte ich es wohl anfangen, mit Ihrem lauteren Gemüte ins Gericht zu gehen? Was Sie sich für eine Vorstellung von meinem Charakter, meiner Denkart, meinem Temperament gemacht haben mögen, um zu einem solchen Schlusse zu kommen -- ich weiß es nicht; ich will darüber auch gar nicht grübeln, noch weniger aber widerlegen. Mir hat dieser Irrtum einen Lebensmoment gebracht, den ich allerdings nicht vergessen werde. Und nun beruhigen Sie sich, oder vielmehr, erlauben Sie mir, daß ich als Arzt meine Pflicht thue!« Er ergriff das Glas und hielt es ihr hin. »Nicht _die_ Ruhe, die Sie fürchteten, wollte ich in diesem Tranke suchen --« Er brach ab und hielt einen Augenblick inne. »Ich habe mich hinreißen lassen, heftig und leidenschaftlich zu werden, noch dazu am Krankenbette,« hob er von neuem an; »das könnte ich mir nie verzeihen, wenn ich nicht bedächte, daß ich doch auch, wie jeder andere, Blut und Nerven habe, die mit dem guten Willen um die Herrschaft streiten. Ein paar Tropfen davon« -- er zeigte auf das Medizinfläschchen -- »genügen, um die nervöse Aufregung zu dämpfen.«
Sie nahm das Kelchglas, das er ihr bei diesen Worten nochmals bot, aus seiner Hand und trank es folgsam bis zur Neige leer.