Part 9
Nach einem mehrtägigen Ausflug in die Sierras, wo wir in einem kleinen See am Fuße des schneebedeckten Castle Peak fleißig Forellen angelten, kehrten wir zum Monosee zurück; da wir hier fanden, daß die Aufregung wegen Whitemans Zementgrube für diesmal vorüber war, packten wir auf und kehrten nach Esmeralda zurück. Herr Ballou rekognoszierte eine Weile; dann machte er sich, da ihm die Aussichten nicht gefielen, allein nach Humboldt auf.
In diese Zeit fällt ein kleines Ereignis, das stets ein gewisses Interesse für mich gehabt hat, weil es um ein Haar Anlaß zu meinem Begräbnis gegeben hätte. Zur Zeit eines drohenden Indianerangriffs hatte einer unserer Nachbarn sechs Dosen mit Flintenpulver in der Bratröhre eines alten, abgedankten Kochofens verborgen, der unter freiem Himmel in der Nähe eines Bretterschuppens stand; dies war später aber vollständig vergessen worden. Nun hatten wir uns, um die Wäsche zu besorgen, einen halbzahmen Indianer gemietet, der mit dem Waschzuber sein Quartier unter dem Schuppen aufschlug, während der alte Ofen auf sechs Fuß Entfernung von seiner Nase der Ruhe pflegte. Der Indianer kam schließlich auf den Gedanken, heißes Wasser würde besser sein als kaltes; er ging hinaus, machte Feuer unter dem vergessenen Pulvermagazin, stellte einen Kessel mit Wasser auf und kehrte an seinen Zuber zurück. Bald nachher trat ich in den Schuppen, warf noch mehr Wäsche hin und wollte eben etwas sagen, als der Ofen mit einem gewaltigen Krach aufflog und spurlos verschwand. Volle zweihundert Schritt davon fielen Bruchstücke desselben in den Straßen nieder. Fast ein Drittel des Schuppendachs über unseren Köpfen war zerstört; einer der Ofendeckel schnitt einen kleinen Pfosten vor den Augen des Indianers halb entzwei, sauste zwischen uns durch und schlug ein Loch in die Bretterverschalung. Ich war weiß wie eine Kalkwand, schwach wie ein Kind und keines Lautes mächtig. Der Indianer dagegen verriet weder Angst noch Schreck, nicht einmal Unbehagen. Er hörte einfach mit Waschen auf, beugte sich vor, um den reingefegten Boden einen Augenblick zu betrachten, und sagte dann: »Hm! verdammter Ofen -- sehr viel weg!« -- worauf er sein Geschäft so gelassen wieder aufnahm, als wäre das Auffliegen bei Oefen etwas ganz Gewöhnliches.
Neunzehntes Kapitel.
Ich komme jetzt zu einer seltsamen Episode -- der seltsamsten, wie mir scheint, die ich bisher in meinem trägen, unnützen und sorgenlosen Lebenslauf zu verzeichnen gehabt. Gegen das obere Ende der Stadt zu besaß eine der ›Weite Westen‹ genannte Gesellschaft ein aller Welt bekanntes Quarzlager, aus dessen Schacht Gestein von ziemlich gutem, wenn auch keineswegs außerordentlichem Silbergehalte gefördert wurde. Ich bemerke hier, daß, während dem unerfahrenen Fremden aller Quarz aus einem bestimmten Bezirke gleichartig vorkommt, ein alter Ansässiger jeden Brocken Gestein von dem andern unterscheiden und mit größter Leichtigkeit sagen kann, aus welcher Grube derselbe stammt.
Eine ungewöhnliche Aufregung machte sich plötzlich in der Stadt bemerkbar. Der ›Weite Westen‹ war auf eine reiche Ader gestoßen. Jedermann wollte sich die neue Entwicklung der Dinge ansehen und mehrere Tage lang drängte man sich um den Schacht wie zu einer Volksversammlung. Man sprach, man dachte und träumte von nichts anderem mehr, als von dem reichen Funde. Ein jeder nahm sich eine Probe mit, die er im Mörser zerstampfte und in seinem Hornlöffel ausspülte, und stierte dann sprachlos das wunderbare Ergebnis an. Es war schwarzes, verwittertes, bröckeliges Zeug, das, wenn es auf ein Papier gelegt wurde, eine starke Beimischung von Gold- und gediegenen Silberteilchen aufwies. Higbie brachte eine Handvoll davon in die Hütte mit, und als er es ausgewaschen hatte, spottete sein Staunen jeder Beschreibung. Die Kuxe des ›Weiten Westens‹ stiegen wie auf Adlerflügeln in die Höhe. Wiederholt seien tausend Dollars für den Fuß geboten worden, sagte man, aber ganz vergebens. Ich war tief unglücklich; die Welt kam mir hohl, das Dasein erbärmlich vor. Ich verlor den Appetit und nahm an nichts mehr Anteil. Trotzdem mußte ich Aermster dableiben, um den Jubel der andern mit anzuhören, weil ich kein Geld hatte um fortzukommen. Dem Wegtragen von ›Proben‹ setzte die Gesellschaft bald ein Ziel, und mit Recht; denn von dem Erz hatte jede Handvoll einen erheblichen Wert. Dasselbe wurde ganz so, wie es aus dem Schachte kam, zu einem Dollar per Pfund verkauft und hundertfünfzig Meilen weit über das Gebirge auf Maultieren nach San Francisco geschafft, und dabei rechnete der Käufer noch auf ein gutes Geschäft. Der Faktor erhielt strengen Befehl, außer den eigenen Arbeitern keinem Menschen unter irgend welchen Umständen das Einfahren in die Grube zu gestatten. Ich verblieb bei meinen schwarzen Träumereien, während Higbie ebenfalls fortwährend seinen eigenen Gedanken nachhing; diese waren aber anderer Art. Er grübelte hin und her über das Gestein, prüfte es mit einem Vergrößerungsglase, untersuchte es bei verschiedenem Lichte und von verschiedenen Gesichtspunkten, um nach jedem Versuche im Selbstgespräch stets dieselbe Meinung in der immer gleichen Formel kundzugeben:
»Das ist kein Gestein aus dem ›Weiten Westen‹!«
Um seiner Sache sicher zu sein, war er entschlossen, einen Blick in den Schacht zu thun, und sollte ihm dafür der Garaus gemacht werden. Mir in meiner Niedergeschlagenheit war es einerlei, ob er einen Einblick bekam oder nicht. Nach mehrmaligen vergeblichen, halsbrechenden Versuchen kroch er schließlich auf Händen und Füßen bis an den Rand des Schachts, ergriff, nachdem er schnell um sich geblickt, das Seil und glitt daran in die Tiefe. Als er unten eben im Dunkel eines Seitenganges verschwand, erschien oben am Schachtloch jemand mit dem Rufe: »Hallo!«, er antwortete jedoch nicht und blieb nun ungestört. Nach einer Stunde trat er in die Hütte, glühend heiß und beinahe platzend vor unterdrückter Aufregung.
»Ich wußte es ja! Wir sind reiche Leute! Es ist ein blinder Gang!« rief er in theatralischem Flüsterton.
Mir war, als wankte die Erde unter mir -- Zweifel -- Ueberzeugung -- wiederum Zweifel -- Jubel -- Hoffnung, Staunen, Glaube, Unglaube, alle denkbaren Empfindungen schossen mir in tollem Wirbel durch Herz und Kopf, und ich war keines Wortes mächtig. Nachdem dieser geistige Erregungszustand kurze Zeit gedauert hatte, rüttelte ich mich zurecht und sagte:
»Sagen Sie es noch einmal.«
»Es ist ein blinder Gang.«
»Donner und Doria. Es ist zum verrückt werden. Ich möchte gleich unser Haus anzünden -- oder jemand totschlagen! Wir wollen hinausgehen, wo Platz genug ist, um Hurra zu schreien! Aber, wozu? Es ist viel zu schön, um wahr zu sein!«
»Es ist ein blinder Gang -- wette um eine Million! Hängende Wand -- Fußwand -- Thonumhüllung -- alles, was dazu gehört!«
Er schwenkte seinen Hut und stieß ein dreimaliges Freudengeschrei aus; ich schickte nun meinen Zweifel gleichfalls in alle Winde und stimmte aus Leibeskräften mit ein; ich war ja Millionär und scherte mich um keinen Teufel mehr.
Unter einem ›blinden Gang‹ versteht man eine Gesteinsschicht oder Ader, welche nicht zu Tage tritt, auf die man aber beim Treiben eines Stollens oder beim Senken eines Schachts oft zufällig stößt. Higbie kannte das Gestein des ›Weiten Westens‹ so genau, daß er bei jeder Prüfung der neuen Ausgrabungen fester zu der Ueberzeugung gelangte, daß dieses Erz nicht aus der Ader des ›Weiten Westens‹ stammen könne. So war er allein auf den Gedanken gekommen, daß unten im Schacht ein blinder Gang laufe und daß die Leute vom ›Weiten Westen‹ dies selbst nicht ahnten. Er hatte recht. Unten im Schacht fand er, daß der blinde Gang ohne Zusammenhang mit der Ader des ›Weiten Westens‹ diagonal durch diese durchging und seine eigene Umhüllung von Gestein und Thon hatte. Folglich war er öffentliches Eigentum. Da die beiden Erzschichten vollständig von einander abgegrenzt waren, konnte jeder Bergmann leicht unterscheiden, welche zum ›Weiten Westen‹ gehöre und welche nicht. Wir hielten es für zweckmäßig, uns einen einflußreichen Freund zu sichern und holten deshalb noch in jener Nacht den Faktor des ›Weiten Westens‹ in unsere Hütte, um ihm die große Ueberraschung zu offenbaren. Higbie sagte:
»Wir werden von diesem blinden Gange Besitz nehmen; unser Eigentumsrecht feststellen und eintragen lassen und dann der Gesellschaft vom ›Weiten Westen‹ die weitere Ausbeutung von Erzen in diesem Gange untersagen. Sie können Ihrer Gesellschaft in dieser Angelegenheit nicht helfen, niemand kann ihr helfen. Ich werde mit Ihnen in den Schacht anfahren und Ihnen in überzeugender Weise darthun, daß es wirklich ein blinder Gang ist. Nun schlagen wir Ihnen vor: wir nehmen Sie zum Teilhaber an und belegen den blinden Gang im Namen von uns dreien. Was sagen Sie dazu?«
Was sollte jemand sagen, dem eine Gelegenheit geboten wurde, bei der er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich ein Vermögen zu verschaffen, ohne das Geringste zu wagen und ohne jemand unrecht zu thun oder seinen Namen mit dem geringsten Flecken zu verunehren? Er konnte nur sagen: ›Einverstanden!‹
Noch dieselbe Nacht wurde unsere Bekanntmachung angeschlagen und vor zehn Uhr in das Buch des Syndikus eingetragen. Wir belegten jeder zweihundert Fuß, im ganzen sechshundert; das kleinste und doch wertvollste Grubenfeld im ganzen Bezirk, dessen Ausbeutung überdies am wenigsten Mühe machte.
Es wird wohl niemand so unverständig sein, zu glauben, wir hätten in jener Nacht geschlafen. Ich ging mit Higbie um Mitternacht zu Bett, aber nur, um völlig wach da zu liegen, zu träumen und Pläne zu machen. Die ungedielte baufällige Hütte wurde uns zum Palast, die zerrissenen, grauen Wolldecken zu Seidenteppichen; in unserem Hausgerät sahen wir Rosenholz- und Mahagonimöbel. Bei jedem neuen Prachtstück, das an der Oberfläche meiner Zukunftsträume erschien, wälzte ich mich im Bette umher oder schnellte auf, wie von einer elektrischen Batterie getroffen. In abgerissenen Bruchstücken flog die Unterhaltung zwischen uns hin und her.
»Wann gehen Sie nach Hause -- nach den Staaten?[4]« fragte Higbie.
[4] ›Staaten‹ -- die Staaten im Osten.
»Morgen!« schrie ich, während ich mich ein paarmal umdrehte und dann aufsetzte. »Na -- nein, aber spätestens nächsten Monat.«
»Wir wollen mit demselben Dampfer gehen.«
»Einverstanden.«
Pause.
»Mit dem Dampfer vom Zehnten?«
»Ja -- nein vom Ersten.«
»Ganz recht.«
Wieder eine Pause.
»Wo werden Sie sich später niederlassen?«
»In San Francisco.«
»Ganz mein Fall.«
Abermals eine Pause.
»Zu hoch, zu viel Kletterei!« sagte Higbie dann.
»Was ist zu hoch?«
»Ich dachte an den Russenhügel -- wollte mir dort ein Haus bauen.«
»Zu viel Kletterei? werden Sie sich denn nicht Wagen und Pferde halten?«
»Ach natürlich; daran dachte ich nicht.«
Pause.
»Was für ’ne Art Haus wollen Sie sich bauen?«
»Dachte eben daran. Drei Stock hoch und ein Dachgeschoß.«
»Aber welches Material?«
»Ja nun, das weiß ich noch nicht genau; vermutlich Backstein.«
»Backstein -- Schnack.«
»Warum? Was meinen Sie denn?«
»Vorderseite brauner Sandstein -- Fenster französisches Spiegelglas -- Billardzimmer hinter dem Speisesaal, Bildsäulen und Gemälde -- Grasplatz, zwei Morgen groß, und Strauchwerk dabei -- Gewächshaus -- ein eiserner Kandelaber am Fuß der Treppe -- Schimmel -- Landauer und ein Kutscher mit einer Kokarde am Hut.«
»Himmeldonnerwetter!«
Lange Pause, dann fragte ich Higbie:
»Wann gehen Sie nach Europa?«
»Je nun, daran hatte ich noch nicht gedacht. Wann gehen Sie?«
»Im Frühjahr.«
»Wollen den ganzen Sommer fort bleiben?«
»Den ganzen Sommer? Ich bleibe drei Jahre fort.«
»Nein -- wirklich in allem Ernst?«
»Ei freilich.«
»Dann geh’ ich mit.«
»Nun, natürlich gehen Sie mit.«
»Nach welchem Teil Europas gehen Sie?«
»Nach allen Teilen. Nach Frankreich, England, Deutschland, Spanien, Italien, der Schweiz, Syrien, Griechenland, Palästina, Arabien, Persien, Aegypten -- allenthalben -- überall hin.«
»Ich thue mit.«
»Recht so.«
»Das muß aber einen Prachtausflug geben!«
»Vierzig bis fünfzigtausend Dollars wollen wir dran rücken, damit es einer wird.«
Wieder große Pause.
»Higbie, wir sind dem Fleischer sechs Dollars schuldig und er hat gedroht, uns nichts mehr --«
»Zum Henker mit dem Fleischer!«
»Amen.«
Und so ging es fort. Um drei Uhr fanden wir, daß es mit dem Schlafen doch nichts sei; so standen wir auf, spielten Cribbage und schmauchten unsere Pfeifen, bis es hell wurde. Ich hatte diese Woche das Kochen zu besorgen. Das war mir stets zuwider gewesen -- jetzt war es mir ein Greuel.
Die Kunde von unserem Glück hatte sich über die ganze Stadt verbreitet. War die Aufregung zuvor schon groß gewesen, so war sie jetzt noch größer. Froh und glücklich wandelte ich durch die Straßen. Ich hörte von Higbie, dem Faktor wären für sein Drittel an der Grube zweimalhunderttausend Dollars geboten worden. Ich versetzte darauf, zu solch einem Preis zu verkaufen, fiele mir auch nicht ein. Da hatte ich schon eine andere, höhere Vorstellung von der Sache. Mein Preis war eine Million. Und ich glaube erst noch allen Ernstes, hätte man mir diesen Preis geboten, es würde nur die Wirkung gehabt haben, daß ich meinen Anteil behalten hätte, um noch mehr dafür zu bekommen.
Ich fand ein großes Vergnügen daran, reich zu sein. Man bot mir ein Pferd für dreihundert Dollars an gegen ein einfaches Zahlungsversprechen meinerseits ohne jede Bürgschaft. Dies gab mir ein deutlicheres Gefühl als alles andere, daß ich wirklich und zweifellos ein reicher Mann sei. Zahlreiche Beweise ähnlicher Art kamen nach, unter denen ich die Thatsache hervorhebe, daß der Fleischer uns zweimal so viel lieferte als wir bestellten, ohne ein Wort von der Bezahlung zu reden.
Nach den im Bezirke geltenden Vorschriften waren diejenigen, welche eine Erzschicht belegten, oder in Anspruch nahmen, verpflichtet, auf ihrem neuen Eigentum binnen zehn Tagen vom Datum der Belegung ab ein ordentliches Stück Arbeit zu thun, andernfalls war das Eigentum verfallen und jeder, der wollte, konnte hingehen und es für sich nehmen. Wir beschlossen deshalb, am nächsten Tag ans Werk zu gehen. Im Lauf des Nachmittags begegnete ich einem Bekannten Namens Gardiner, der mir mitteilte, Kapitän John Nye liege auf seinem Gute gefährlich krank und seine Frau sei allein nicht im stande, ihm die dringend erforderliche Pflege und Aufmerksamkeit zu widmen. Ich erklärte ihm, wenn er einen Augenblick warten wolle, so würde ich mitgehen, um bei der Pflege des Kranken zu helfen. Ich lief nach der Hütte, um es Higbie zu sagen. Dieser war nicht da, ich ließ deshalb auf dem Tisch einen Zettel für ihn zurück und fuhr ein paar Minuten darauf in Gardiners Wagen aus der Stadt.
Zwanzigstes Kapitel.
Kapitän Nye litt wirklich schwer an Rheumatismus. Der alte Herr, der sonst die Güte und Liebenswürdigkeit selbst war, konnte in den Anfällen seiner Krankheit recht unangenehm werden. Er gebärdete sich zuweilen ganz rasend. Ich hatte aber selbst einmal gesehen, wie er einen Kranken mit der größten Geduld und Hingebung pflegte und da nun die Reihe an ihn gekommen war, sich pflegen zu lassen, so sollte es mich auch nicht verdrießen. Mochte er weiter toben, wie er wollte, mich störte das nicht im mindesten in meiner Seelenruhe, denn, ob nun meine Hände müßig oder beschäftigt waren, mein Geist war Tag und Nacht unablässig an der Arbeit. Ich änderte und besserte an den Plänen zu meinem Hause und überlegte mir, ob ich das Billardzimmer nicht lieber ins Dachgeschoß, anstatt neben den Speisesaal verlegen solle. Ferner versuchte ich betreffs der Polstermöbel im Salon zu einer Entscheidung zwischen Grün und Blau zu gelangen! Ich gab an sich der letzteren Farbe den Vorzug, fürchtete jedoch, Staub und Sonnenlicht würden ihr zu viel Schaden thun. Sodann war ich zwar entschlossen, den Kutscher in eine bescheidene Livree zu stecken, dagegen noch unschlüssig betreffs des Bedienten. Haben mußte ich einen solchen ganz entschieden; es wäre mir aber lieber gewesen, wenn er ohne Livree hätte anständig erscheinen und seine Obliegenheiten versehen können, weil mir vor so viel Prunk einigermaßen bange war. Und doch fühlte ich, da mein Großvater auch Dienerschaft -- aber ohne Livree -- gehabt hatte, eine gewisse Neigung, ihn oder doch wenigstens seinen Geist auszustechen. Endlich brachte ich auch die Europareise in ein gehöriges System; die Reisestrecken und die für eine jede derselben bestimmte Zeit -- alles wurde erwogen und geordnet; nur eins, nämlich, ob die Reise von Kairo nach Jerusalem per Kamel durch die Wüste, oder lieber zu Wasser nach Beirut gehen sollte, um von dort mit einer Karawane fortgesetzt zu werden, blieb unentschieden. Inzwischen schrieb ich alle Tage an die Freunde in der Heimat, setzte sie von meinen Plänen und Absichten in Kenntnis und wies sie an, sich nach einer hübschen Wohnung für meine Mutter umzusehen und sich über den Mietspreis zu einigen, bis ich käme. Ferner beauftragte ich sie, meinen Anteil an dem Landsitz unserer Familie in Tennessee zu verkaufen und den Ertrag dem Witwen- und Waisenfond des Typographenvereins zu überweisen, dem ich seit lange als eifriges Mitglied angehörte.
Nachdem ich den Kapitän neun Tage lang gepflegt hatte, befand er sich etwas besser, war aber noch sehr schwach. Während des Nachmittags hoben wir ihn auf einen Stuhl und gaben ihm ein alkoholisches Dampfbad, dann machten wir uns daran, ihn wieder zu Bett zu bringen. Dabei mußte äußerst behutsam zu Werke gegangen werden, denn das leiseste Anstreifen verursachte Schmerzen. Gardiner hielt ihn an den Schultern und ich an den Beinen, als ich in einem unglücklichen Augenblicke stolperte, so daß der Kranke schwer auf das Bett fiel und Höllenschmerzen empfand. Er fluchte, wie ich nie in meinem Leben etwas gehört habe, und versuchte in seinem Zorn einen Revolver vom Tische zu reißen, den ich schnell wegnahm. Nun schrie er, ich solle das Haus verlassen und schwur hoch und teuer, wenn er wieder auf den Beinen sei, wolle er mich umbringen, sobald er meiner habhaft würde. Das war nur eine vorübergehende Wut, die nichts zu bedeuten hatte. Ich wußte, daß er es in einer Stunde vergessen, vielleicht sogar bedauern würde, aber im Augenblick ärgerte es mich doch ein wenig, und ich beschloß daher nach Esmeralda zurückzugehen. Da er auf dem Kriegspfade ist, dachte ich, wird er wohl imstande sein, sich selbst zu helfen. So aß ich zu Abend und trat dann, sobald der Mond aufging, meine neun Meilen lange Fußwanderung an.
Als ich auf der Höhe ankam, welche die Stadt überragt, fehlten noch fünfzehn Minuten zu zwölf Uhr. Ich warf einen Blick auf den Hügel jenseits der Schlucht und sah im hellen Mondenschein, wie anscheinend die halbe Bevölkerung des Städtchens sich um den Eingang zur Grube des ›Weiten Westens‹ drängte. Jubelnd hüpfte mein Herz, und ich sagte zu mir selbst: »Heute abend haben sie eine neue Schicht eröffnet und ganz gewiß eine reichere als je.« Ich ging zuerst darauf zu, kehrte mich aber wieder ab, indem ich mir sagte, die Grube würde ja nicht davonlaufen und ich sei für heute nacht genug auf den Bergen herumgeklettert. Ich ging weiter durch die Stadt, und als ich an einer deutschen Bäckerei vorüberkam, stürzte eine Frau heraus und bat mich, doch mit ihr hereinzukommen und ihr beizustehen, ihr Mann habe einen Anfall von Wahnsinn. Ich ging hinein und fand, daß sie recht hatte; der eine Anfall, den er hatte, konnte für hundert gelten. Zwei Deutsche waren drinnen und versuchten ihn zu halten, richteten aber nicht viel aus. Ich lief die Straße ein Stück hinauf und klopfte einen schlafenden Doktor heraus, der halb angekleidet mitging. Alle vier rangen wir dann mit dem Verrückten, gaben ihm Arznei, begossen ihn mit kaltem Wasser und ließen ihn zur Ader, was mehr als eine Stunde dauerte. Die arme deutsche Frau besorgte das Weinen dazu. Als der Kranke endlich ruhig war, zogen der Doktor und ich uns zurück und überließen ihn seinen Freunden.
Es war kurz nach ein Uhr. Als ich müde, aber gut gelaunt durch die Thüre unserer Hütte trat, erblickte ich beim trüben Licht einer Talgkerze Higbie, der am Tische saß und wie blödsinnig auf den Zettel von meiner Hand stierte, den er in seinen Fingern hielt. Er sah bleich, alt und abgemagert aus. Als ich stehen blieb und ihn fragend ansah, richtete er nur einen stumpfsinnigen Blick auf mich. Ich sagte:
»Higbie, was -- was ist denn?«
»Wir sind ruiniert -- wir haben die Arbeit nicht gethan -- _der blinde Gang ist anderweitig belegt_!«
Ich hatte genug gehört. Kummervoll und gebrochenen Herzens sank ich auf einen Stuhl. Noch eine Minute zuvor war ich reich gewesen und von Eitelkeit geschwellt, jetzt war ich ein demütiger Bettler. Noch eine Stunde saßen wir da, beschäftigt mit Gedanken, mit eitlen und nutzlosen Vorwürfen gegen uns selbst, mit der unaufhörlichen Frage, warum habe ich nur dies und warum habe ich nur jenes nicht gethan? Aber keiner von uns sprach ein Wort. Endlich begannen die gegenseitigen Mitteilungen, und das Geheimnis klärte sich auf. Higbie hatte sich auf mich, ich mich auf ihn, und wir beide hatten uns auf den Faktor verlassen. Welche Thorheit! Zum erstenmal hatte der gesetzte und stramme Higbie eine wichtige Angelegenheit dem Zufall überlassen und der auf ihn fallenden Verantwortlichkeit nicht voll entsprochen. Ach, er hatte meinen Zettel eben erst zu Gesicht bekommen und war wenige Augenblicke vor mir zum erstenmal, seit wir uns getrennt, wieder in die Hütte getreten. Auch er hatte an jenem verhängnisvollen Nachmittag einen Zettel für mich zurückgelassen. Er war vor das Haus geritten, hatte durch das Fenster geschaut, und da er in Eile war und mich nicht sah, den Zettel durch eine zerbrochene Scheibe in die Hütte geworfen. Hier war derselbe die neun Tage ungestört liegen geblieben, er lautete:
»Versäumen Sie nicht, die Arbeit vor Ablauf der zehn Tage zu thun. W. ist durchgekommen und hat mir einen Wink gegeben. Am Mono-See soll ich ihn treffen, und von dort werden wir heute abend weiter gehen. Diesmal, sagte er, werden wir sie sicher finden.«
W. bedeutet natürlich Whiteman. Diese dreimal verfluchte Zementader!
So ging es zu. Ein alter Geizhals wie Higbie konnte dem Zauber der Aufregung über den geheimnisvollen Zementunsinn gerade so wenig widerstehen, als er sich des Essens hätte enthalten können, wäre er am Verhungern gewesen.