Im Gold- und Silberland

Part 8

Chapter 83,734 wordsPublic domain

Der Sage zufolge waren bei der ersten Einwanderung vor länger als zwanzig Jahren drei junge Deutsche, Brüder, nachdem sie auf der Ebene bei einem von Indianern angerichteten Gemetzel mit dem Leben davongekommen, zu Fuß durch die Wüste gewandert, und hatten in der Hoffnung, Kalifornien zu erreichen, bevor sie vor Hunger umkamen, einfach die Richtung nach Westen eingeschlagen. Als sie eines Tages in einer Bergschlucht ausruhten, bemerkte einer von ihnen eine eigentümliche Zementader, die mit Klumpen eines schmutziggelben Metalls wie gespickt war. Sie sahen, daß es Gold sei und daß sich hier an einem einzigen Tage ein Vermögen erwerben lasse. Die Ader war etwa so breit wie eine Trottoirplatte und reichlich zwei Drittel derselben bestand aus reinem Gold. Jedes Pfund des wunderbaren Zements hatte einen Wert von nahezu zweihundert Dollars. Die Brüder nahmen so viel mit als sie tragen konnten, verwischten alle Spuren der Ader, machten eine rohe Zeichnung von der Oertlichkeit und den Hauptmerkmalen ihrer Umgebung und brachen wieder nach Westen auf. Aber ihre Not wuchs. Auf ihren Irrfahrten fiel der eine Bruder und brach das Bein; die andern mußten ihn in der Wildnis sterben lassen. Der zweite gab ermüdet und von Hunger erschöpft bald nachher die weitere Wanderung auf und legte sich gleichfalls zum Sterben nieder. Der dritte erreichte nach zwei oder drei Wochen voll unglaublicher Entbehrungen, entkräftet, körperlich- und gemütskrank, die Niederlassungen Kaliforniens. Seinen Zement hatte er bis auf ein paar Bruchstücke weggeworfen, aber diese genügten, um alle Welt in die tollste Aufregung zu versetzen. Er selbst wollte indes mit der Zementgegend nichts mehr zu schaffen haben und ließ sich nicht bewegen, jemand dorthin zu führen. Er war ganz zufrieden, als Taglöhner auf einer Farm arbeiten zu können. Jedoch überließ er Whiteman seine Zeichnungen und beschrieb ihm die Zementregion so gut er es vermochte. Damit übertrug er den Fluch auf ihn -- denn als ich Whiteman zufällig in Esmeralda einen Augenblick sah, hatte er der verlorenen Grube unter Hunger, Durst, Armut und Krankheit ganze zwölf oder dreizehn Jahre nachgespürt. Manche glaubten, er habe sie gefunden, die meisten waren aber entgegengesetzter Meinung. Ich sah ein Stück Zement, so groß wie meine Faust, das Whiteman von dem jungen Deutschen bekommen haben sollte, und das war in der That recht verführerischer Natur. Klumpen von Jungferngold saßen darin so dicht wie die Rosinen in einem Napfkuchen. Eine einzige Woche lang eine solche Grube ausbeuten zu dürfen, würde einem Menschen mit vernünftigen Wünschen genügen.

Ein neuer Geschäftsfreund von uns, ein Herr Higbie, kannte Whiteman von Ansehen recht gut, und ein anderer von unseren Freunden, ein Herr van Dorn, war nicht nur mit ihm bekannt, sondern hatte auch das Versprechen von ihm bekommen, er solle zu rechter Zeit im stillen einen Wink erhalten, damit er sich der nächsten Zementexpedition anschließen könne. Diesen Wink hatte van Dorn versprochen auf uns auszudehnen. Eines Abends nun kam Higbie sehr aufgeregt herein und sagte, er glaube ganz sicher, daß er oben in der Stadt Whiteman erkannt habe; er sei verkleidet und stelle sich betrunken. Nach einem Weilchen traf van Dorn ebenfalls ein und bestätigte die Nachricht; wir versammelten uns nun in unserer Hütte, steckten die Köpfe zusammen und berieten flüsternd unsere Pläne.

Um kein Aufsehen zu erregen, sollten wir die Stadt nach Mitternacht in zwei oder drei kleineren Abteilungen ruhig verlassen und uns im Morgengrauen auf der Wasserscheide über dem Monosee, acht bis neun Meilen weit entfernt, treffen. Der Aufbruch sollte ganz geräuschlos vor sich gehen und unterwegs kein lautes Wort gesprochen werden. Diesmal, meinten wir, wisse man in der Stadt nichts von Whitemans Anwesenheit und ahne nichts von dessen Vorhaben. Um neun Uhr ging unser Konklave auseinander, worauf wir uns eifrig und in tiefem Geheimnis an die Vorbereitungen machten. Um elf Uhr sattelten wir unsere Pferde, banden sie mit ihren langen Riatas oder Lassos fest und brachten dann eine Speckseite und einen Sack Bohnen, ein Säckchen Kaffee, etwas Zucker, hundert Pfund Mehl in Säckchen, ein paar Blechtassen, einen Kaffeetopf, eine Bratpfanne und einige sonstige notwendige Gegenstände herbei. Dies alles wurde dem Handpferd auf den Rücken geladen; wer aber das Packen nicht von einem spanischen Sachverständigen gelernt hat, soll nur alle Hoffnung aufgeben, es durch natürliches Geschick fertig zu bekommen. Higbie besaß wohl einige Erfahrung darin, aber ein Meister war er nicht. Nachdem er die Sachen auf dem Packsattel aufgeschichtet hatte, schnürte er sie mit dem Strick zusammen, machte hier und da einen Knoten und zog manchmal so fest an, daß dem Tier die Flanken einsanken und es nach Atem schnappte; dabei wurde jedesmal der Strick an einer anderen Stelle locker. Vollkommen brachten wir die Ladung nicht fest, schließlich mochte es aber doch zur Not gehen; so brachen wir denn auf, einer immer dicht hinter dem andern, ohne ein Wort zu sprechen. Es war eine dunkle Nacht. Wir hielten uns in der Mitte der Straße und schritten langsam an den Hüttenreihen vorüber; so oft einer der Bergleute unter seine Thür trat, zitterte ich vor Furcht, daß das Licht uns bescheinen und Neugier erregen könnte. Aber es ereignete sich nichts. Wir begannen den langen gewundenen Weg aus der Schlucht hinaufzusteigen; bald wurden die Hütten seltener und die Strecken zwischen ihnen immer länger, so daß ich schließlich etwas freier atmete und mir nicht mehr ganz wie ein Dieb und Mörder vorkam.

Ich ritt zu hinterst und führte das Packpferd. Als der Anstieg steiler wurde, wollte diesem seine Last nicht mehr behagen; manchmal versuchte es an seiner Riata zu zerren, so daß eine Verzögerung entstand. In der Finsternis verlor ich meine Gefährten aus den Augen. Ich wurde ängstlich und schmeichelte und drohte dem Gaul so lange, bis er zu traben anfing; allein jetzt erschreckte ihn das Klappern der Blechtassen und Pfannen und er setzte sich in Lauf. Da seine Riata um meinen Sattelknopf geschlungen war, riß er mich vom Sattel, worauf die beiden Tiere munter ohne mich weiterliefen. Doch blieb ich nicht allein -- die locker gewordene Ladung des Packpferdes purzelte herunter und fiel dicht neben mich. Es war fast unmittelbar vor der letzten Hütte. Ein Bergmann trat heraus mit dem Ruf: »Holla«.

Ich war dreißig Schritt von ihm weg und wußte, daß er mich nicht sehen konnte, da es im Schatten des Berges sehr dunkel war. So blieb ich ruhig liegen. Ein zweiter Kopf erschien im Licht unter der Hüttenthür und bald schritten die beiden Leute auf mich zu. Zehn Schritt von mir blieben sie stehen und der eine machte: »Bst! Horch!«

Wäre ich vor den Dienern der Gerechtigkeit geflohen und ein Preis auf meinen Kopf gesetzt gewesen, ich hätte mich in keiner traurigeren Lage befinden können. Jetzt schien mir, daß die Leute sich auf einen Felsblock setzten, obwohl ich nicht genau zu unterscheiden vermochte, was sie thaten. Der eine sagte:

»Ich habe ein Geräusch vernommen, es war ganz deutlich. Dort herum muß es gewesen sein!«

Ein Stein sauste an meinem Kopfe vorbei. Ich drückte mich so flach in den Staub wie eine Postmarke und dachte bei mir, wenn er das nächstemal ein klein wenig besser ziele, könne er wohl noch ein Geräusch zu hören bekommen. In meinem Innern verfluchte ich jetzt die heimlichen Expeditionen. Dies sollte meine letzte sein, und hätten auch die Sierras so viele Zementadern, wie der menschliche Körper Rippen. Nun sagte der eine von den Männern:

»Ich will dir was sagen. Walch wußte, was er sagte, als er heute behauptete, er hätte Whiteman gesehen. Ich habe Pferde gehört -- das war das Geräusch. Ich laufe spornstreichs hinunter zu Walch!«

Sie gingen, und ich war froh. Wohin sie gingen, war mir einerlei, wenn sie nur gingen. Mochten sie immerhin Walch aufsuchen; je eher, desto besser. Sobald sie die Thür der Hütte schlossen, tauchten meine Gefährten aus der Dunkelheit auf, sie hatten die Pferde aufgefangen und gewartet, bis die Luft rein war. Wir legten die Ladung dem Packpferd wieder auf und machten uns auf den Weg; mit Tagesanbruch erreichten wir die Wasserscheide und vereinigten uns mit van Dorn. Dann wanderten wir hinab in das Becken des Sees und hier fühlten wir uns sicher genug, um Halt zu machen und das Frühstück zu kochen, denn wir waren müde, schläfrig und hungrig. Drei Stunden darauf zog die ganze Bevölkerung von Esmeralda in langem Gänsemarsch über die Wasserscheide und verbreitete sich um den See herum, wo wir sie allmählich aus den Augen verloren.

Ob mein Unfall dies veranlaßt hatte oder nicht, haben wir nie erfahren, eins aber war sicher -- das Geheimnis war heraus und Whiteman wollte sich diesmal auf das Suchen nach der Zementgrube nicht einlassen, was uns bitter verdroß.

Wir hielten Rat und beschlossen, aus unserm Mißgeschick den möglichsten Nutzen zu ziehen und eine Woche Ferien an den Ufern des seltsamen Sees zu verleben. Derselbe wird bald Mono, bald das ›Tote Meer von Kalifornien‹ genannt. Er ist eine der wunderlichsten Schrullen der Natur, aber kaum jemals schon in Büchern erwähnt und höchst selten besucht, weil er abseits von der gewöhnlichen Heerstraße liegt und überdies so schwer zu erreichen ist, daß meist nur Leute, die an die stärksten Strapazen gewöhnt sind, die Beschwerlichkeit eines Ausflugs dahin auf sich nehmen mögen.

Am Morgen des zweiten Tages zogen wir nach einer entfernten und besonders wildromantischen Stelle am Seeufer, wo ein Bach mit frischem, eiskaltem Wasser aus dem Berge hervorsprudelte und sich in den See ergoß, und schlugen dort ein regelrechtes Lager auf. Von dem zehn Meilen weiter weg wohnenden Besitzer eines einsamen Ranchos mieteten wir ein großes Boot und zwei Schrotflinten. An Behagen und Zerstreuung konnte es uns nun nicht fehlen und bald waren wir mit dem See und allen seinen Eigentümlichkeiten gründlich bekannt.

Siebzehntes Kapitel.

Der Monosee liegt in einer toten, stillen, baumlosen, entsetzlichen Wüste, achttausend Fuß über der Meeresfläche, und ist von Bergen umschlossen, die ihn um zweitausend Fuß überragen und deren Gipfel stets in Wolken gehüllt sind. Diese feierliche, schweigende, von keinem Segel belebte Wasserfläche, an einem der einsamsten Orte auf Erden, bietet nur wenige anmutige und malerische Züge. Es ist eine einförmig graue Wasserfläche von etwa hundert Meilen Umfang, mit zwei Inseln in der Mitte, die nichts sind als erstarrte, blasige und rissige Lava, die mit einer Kruste von Bimsstein und einer grauen Aschenschicht bedeckt ist -- dem Leichentuch des erloschenen Vulkans, dessen ungeheuren Krater der See ausgefüllt hat.

Dieser ist zweihundert Fuß tief, und seine trüben Wasser sind so stark mit Alkali geschwängert, daß, wenn man das allerschmutzigste Kleidungsstück auch nur ein- oder zweimal hineintaucht und auswringt, man es so rein findet, als ob es durch die Hände der geschicktesten Waschfrau gegangen wäre. Die Wascharbeit machte uns während unseres dortigen Aufenthaltes nicht viel Mühe. Wir banden die schmutzige Wäsche der Woche einfach hinten an unser Boot und fuhren eine Viertelmeile weit, und die Sache war bis auf das Auswringen fertig. Wenn wir uns von dem Wasser auf die Köpfe schütteten und ein paarmal darauf rieben, so gab es drei Zoll hohen weißen Schaum. An wunden Stellen oder bei aufgesprungener Haut erzeugt das Wasser begreiflicherweise unerträgliche Schmerzen.

Im Monosee giebt es weder Fische noch Frösche, noch Schlangen noch Quappen, kurz nichts, was sonst einen See belebt. Auf der Oberfläche schwimmen Millionen wilder Enten und Seemöven, dagegen existiert unter derselben kein lebendes Wesen, ausgenommen ein weißer, haariger, halbzolllanger Wurm, der einem Stückchen ausgefransten Faden gleicht. In einer Gallone Wasser mögen fünfzehntausend solcher Würmer enthalten sein. Von ihnen erhält das Wasser die erwähnte grauweiße Farbe. Dann giebt es dort eine Fliege, ziemlich ähnlich unserer Hausfliege, die sich ans Ufer setzt, um die Würmer zu fressen, die an den Strand gespült werden. Man kann jeder Zeit um den See herum einen zolltiefen, sechs Fuß breiten Gürtel von Fliegen sehen -- also einen Gürtel von Fliegen, der hundert Meilen lang ist. Wirft man einen Stein unter sie, so schwärmen sie auf, wie eine dichte Wolke. Man kann sie so lange unter Wasser halten, wie man will, sie machen sich nichts daraus, und bilden sich sogar, wie es scheint, noch etwas darauf ein. Läßt man sie los, so schnellen sie an die Oberfläche, sind trocken wie ein Bericht aus dem Patentamt und wandeln so unbekümmert von dannen, als wären sie eigens zu dem Zwecke dressiert, der Menschheit auf ihre Weise eine belehrende Unterhaltung zu gewähren. Die Vorsehung läßt nichts planlos geschehen. Ein jedes Ding hat seinen Nutzen, seine bestimmte Rolle und seinen gehörigen Platz im Haushalt der Natur: die Enten fressen die Fliegen, die Fliegen die Würmer, die Indianer alle drei, die Wildkatzen fressen die Indianer, die weißen Leute fressen die Wildkatzen -- und so ist alles zur Zufriedenheit geordnet.

Der Monosee liegt in gerader Linie hundert Meilen vom Meere, von welchem ihn zwei oder drei Bergketten trennen, und doch kommen jedes Jahr Tausende von Seemöven dahin, um ihre Eier zu legen und ihre Jungen aufzuziehen. Man könnte ebensogut Seemöven in Kansas erwarten; und in diesem Zusammenhang wollen wir einen andern Zug der Weisheit der Natur betrachten. Da die Inseln im See nur aus mit Asche und Bimsstein bedeckten Lavamassen bestehen und weder einen Baum noch sonst etwas Brennbares hervorbringen, und da Möveneier keiner Seele das mindeste nützen, wenn sie nicht gekocht sind, so hat die Natur auf der größeren Insel für eine nieversiegende Quelle siedenden Wassers gesorgt, in der man seine Eier binnen vier Minuten so hart kochen kann wie das härteste Wort, das ich in den ganzen letzten fünfzehn Jahren habe fallen lassen. Keine zehn Fuß weit von der kochenden Quelle befindet sich eine solche von reinem kaltem Wasser, das angenehm und gesund ist. So bekommt man auf dieser Insel Kost und Wäsche frei, und wenn die Natur noch weiter gegangen wäre und einen echten amerikanischen Hotelkellner geliefert hätte, der grob und ungefällig ist und stolz darauf, weder über die Abgangszeit und die Route der Eisenbahnzüge noch über sonst irgend etwas Auskunft geben zu können -- ich würde mir kein angenehmeres Kosthaus wünschen. Ein halbes Dutzend kleiner Bergwasser fließen in den Monosee, nicht ein einziger Bach dagegen verläßt denselben, trotzdem nimmt er anscheinend weder zu noch ab, und was er mit seinem Ueberfluß an Wasser thut, bleibt ein dunkles Geheimnis.

In der Nachbarschaft des Monosees giebt es bloß zwei Jahreszeiten, nämlich den Abzug des einen Winters und die Ankunft des nächsten. Mehr als einmal habe ich in Esmeralda nach glühender Hitze -- um acht Uhr morgens zeigte das Thermometer neunzig Grad -- vierzehn Zoll hohen Schnee fallen sehen, so daß dasselbe Thermometer bis neun Uhr abends auf vierundvierzig Grad an geschützten Orten fiel. Unter günstigen Umständen schneit es in der kleinen Stadt Mono wenigstens einmal in jedem Monat des Jahres. So unbeständig ist daselbst die Witterung, daß eine Dame es kaum wagen kann, einen Ausgang zu machen, ohne ihren Fächer in der einen, ihre Schneeschuhe in der andern Hand mitzunehmen. Und wenn die Einwohner zur Feier des Nationalfestes am vierten Juli einen Umzug veranstalten, so schneit es ihnen gewöhnlich auf die Köpfe.

Achtzehntes Kapitel.

Etwa um sieben Uhr an einem sengend heißen Morgen -- es war jetzt Hochsommer -- nahmen Higbie und ich das Boot und brachen zu einer Entdeckungsreise nach den beiden Inseln auf. Schon oft hatten wir uns danach gesehnt, uns jedoch durch die Furcht vor Stürmen abschrecken lassen; denn diese waren häufig und stark genug, um ein gewöhnliches Ruderboot wie das unsrige ohne große Schwierigkeit umzustürzen, und, einmal umgeworfen, war selbst der tüchtigste Schwimmer dem Tod verfallen; denn das giftige Wasser hätte ihm wie Feuer die Augen ausgefressen und das Innere verbrannt, wenn die Flut über ihn ging. Man sagte, es sei in gerader Linie bis zu den Inseln zwölf Meilen weit -- eine lange und heiße Ruderfahrt, aber der Morgen war so ruhig und sonnig und der See so glatt, so glashell und totenstill, daß wir der Versuchung nicht zu widerstehen vermochten.

So füllten wir denn zwei große Feldflaschen mit Wasser (wo die angeblich auf der großen Insel befindliche Quelle liege, wußten wir nicht) und brachen auf. Unter Higbies kräftiger Hand schoß das Boot rasch vorwärts; trotzdem hatten wir am Ziele das Gefühl, als hätten wir eher fünfzehn als zwölf Meilen weit gerudert.

Wir legten an der großen Insel an und stiegen ans Land. Als wir das Wasser in unseren Flaschen versuchten, war es durch die Sonne ungenießbar geworden. Wir gossen es aus und suchten nach der Quelle; denn der Durst nimmt rasch zu, sobald man nichts hat, um ihn zu löschen. Die Insel war ein langer, mäßig hoher Aschenhügel, nichts als Bimsstein und graue Asche, in die wir bei jedem Schritte knietief einsanken, und über den ganzen Kamm des Hügels zog sich eine dräuende Wand von versengten und verbrannten Felsen hin. Als wir von oben über diese Mauer hinabstiegen, fanden wir nichts als ein seichtes, ausgedehntes Becken, das mit Asche wie mit einem Teppich bedeckt war, aus welchem hie und da ein Fleckchen feinen, weißen Sandes hervorschaute. An einzelnen Stellen quollen malerische Dampfstrahlen aus Ritzen hervor, zum Beweise, daß, obwohl dieser alte Krater sich zur Ruhe gesetzt hatte, ihm doch das Feuer im Ofen noch nicht ganz ausgegangen war. Dicht bei einem dieser Dampfstrahlen stand der einzige Baum der Insel, eine kleine Fichte von zierlicher Gestalt und untadeligem Ebenmaß, die im saftigsten Grün erglänzte, denn der unaufhörlich durch ihre Zweige strömende Dampf hielt sie stets feucht. Sie stach so seltsam von ihrer toten, unheimlichen Umgebung ab, diese kräftige, schöne Verbannte, wie ein heiterer Geist in einem Trauerhause.

Wir suchten allenthalben nach der Quelle, wir durchschritten die ganze Länge der Insel (zwei bis drei Meilen) und gingen zweimal quer über dieselbe, geduldig Aschenhügel erklimmend, von denen wir auf der andern Seite sitzend wieder hinabrutschten, wobei erstickende Wolken grauen Staubes aufgerührt wurden. Allein wir fanden nichts als Einsamkeit, Asche und beängstigendes Schweigen. Zuletzt bemerkten wir, daß sich ein Wind erhoben hatte, und nun vergaßen wir unsern Durst über einer Sorge von größerer Wichtigkeit, -- da der See ruhig gewesen war, hatten wir uns keine Mühe gegeben, das Boot festzumachen. Wir eilten zu einem Punkte zurück, von dem aus man unseren Landungsplatz überschaute und siehe da -- keine Worte vermögen unsern Schreck zu schildern: das Boot war weg. Ein zweites Boot gab es auf dem ganzen See nicht. Unsere Lage war keine behagliche, sie war vielmehr geradezu entsetzlich. Wir waren Gefangene auf einem öden Eilande, obendrein ganz nahe bei Freunden, die zur Zeit völlig außer stande waren, uns zu helfen. Die Vorstellung, daß wir weder Nahrung noch Wasser hatten, machte die Sache noch unbehaglicher. Aber bald erblickten wir das Boot. Etwa fünfzig Schritt vom Ufer trieb es langsam dahin, geschaukelt von schaumgekrönten Wellen. Es trieb und trieb immer weiter, aber stets in der gleichen Entfernung vom Lande. Wir hielten am Ufer immer Schritt mit ihm und warteten auf einen günstigen Zufall. Nach Verlauf einer Stunde näherte sich das Boot einem kleinen Vorgebirge; Higbie lief dorthin und stellte sich am äußersten Rande sprungbereit auf. Wenn es mißlang, war alle Hoffnung für uns dahin. Das Boot trieb jetzt stetig dem Strande zu, aber die Frage war, ob es auch nahe genug herantreiben würde, um es von jenem Punkte aus erreichen zu können. Als es Higbie bis auf dreißig Schritte nahe kam, glaubte ich vor Aufregung meinen eigenen Herzschlag zu hören. Während das Boot dann langsam heranschwamm und nur noch ein paar Schritte außer unserem Bereiche war, meinte ich, das Herz stehe mir still; wie es dann aber gar an ihm vorbeikam und davonzuschwimmen begann, und er selbst immer noch wie eine Bildsäule dastand, fühlte ich wirklich, daß mein Herz nicht mehr schlug. Aber im nächsten Augenblick that er einen großen Sprung, der ihn in das Hinterteil des Bootes brachte, und ich stieß ein Freudengeschrei aus, daß die Einöde weithin wiederhallte.

Es dämpfte meine Begeisterung freilich bedeutend, als er mir sagte, daß es ihm ganz gleichgültig gewesen wäre, ob das Boot auf Sprungweite herankam oder nicht; er würde einfach mit geschlossenem Mund und Augen die kurze Strecke durchschwommen haben. In meiner Dummheit hatte ich gar nicht daran gedacht, daß nur bei _langem_ Schwimmen ernstliche Gefahr drohte.

Der See ging hoch und der Sturm nahm zu. Auch wurde es spät -- drei oder vier Uhr nachmittags. Ob wir uns nach dem Festlande hin wagen sollten, war eine Frage von Wichtigkeit. Allein der Durst setzte uns dermaßen zu, daß wir uns zu dem Versuche entschlossen; und so machte sich Higbie ans Rudern, während ich das Steuer ergriff. Als wir mühsam eine Meile weit vorwärts gekommen waren, befanden wir uns augenscheinlich in Gefahr; denn der Sturm war viel heftiger geworden, die Wogen hatten Schaumkämme und gingen sehr hoch, der Himmel hing voll schwarzer Wolken, der Wind blies mit großer Wut. Wir wären jetzt umgekehrt, allein wir wagten das Boot nicht zu drehen, denn sobald es in die Tiefe zwischen zwei Wogen geriet, wäre es natürlich umgeschlagen. Unser einziges Heil lag darin, daß wir mit dem Bug gegen die Wellen steuerten. Bei dem fortwährenden Heben und Senken des Bootes war dies ein schweres Stück Arbeit. Wenn zuweilen eines der Ruder von einer Welle erfaßt wurde, und zur Seite geschlagen, so wurde das Boot durch das andere Ruder trotz meines mühsamen Steuerns halb herumgeworfen. Der Gischt durchnäßte uns fortwährend und das Boot schöpfte manchmal Wasser. Wie stark Higbie auch war, so erschöpfte ihn doch allmählich die Anstrengung und er hätte gern den Platz mit mir gewechselt, um ein wenig ausruhen zu können. Allein ich erklärte ihm, daß dies unmöglich sei, denn wurde das Steuer beim Wechseln der Plätze auch nur einen Augenblick los gelassen, so drehte sich das Boot im Kreise, geriet zwischen die Wellen, schlug um, und ehe fünf Minuten vergangen waren, hatten wir hundert Gallonen Lauge im Leibe, die uns so geschwind zerfressen hätte, daß wir nicht einmal bei unserer eigenen Leichenschau hätten zugegen sein können.

Doch alles nimmt schließlich ein Ende. Gerade mit Einbruch der Nacht schossen wir, den Bug voran, ans Land. Higbie ließ sein Ruder fallen, um Hurra zu schreien und ich ließ das meine fallen, um ihm dabei zu helfen; da gab der Sturm dem Boot einen Ruck und -- pardauz -- schlug es um!

Der Höllenschmerz, den das Alkaliwasser an Beulen, Abschürfungen und aufgerissenen Händen verursachte, war unaussprechlich und nur durch vollständiges Einsalben mit Fett zu lindern; aber trotzdem schmeckte uns Essen, Trinken und Schlaf ganz vortrefflich.

Unter den Eigentümlichkeiten des Monosees hätte ich erwähnen sollen, daß in gewissen Zeiträumen am Rande desselben malerische, turmartige Massen und Gruppen von einem weißlichen, grobkörnigen Gestein stehen, das wie hartgetrockneter Mörtel aussieht. Bricht man ein Stück davon ab, so findet man im Innern der Masse vollkommen wohlgebildete, durch und durch versteinerte Seemöveneier eingelagert. Wie diese wohl dahin kommen? Ich erzähle einfach die Thatsache und überlasse es dem in der Geologie bewanderten Leser, die Nuß nach Belieben zu knacken und das Rätsel zu lösen, wie er will.