Part 7
Eines Morgens erschien Dick Hyde vor General Buncombes Thür in Carson City zu Pferde im tollsten Lauf und stürzte zu ihm hinein, ohne sich nur Zeit zum Anbinden seines Pferdes zu lassen. Er befand sich in großer Aufregung und bat den General, einen Prozeß für ihn zu führen, für den er fünfhundert Dollars bekäme, falls er ihm den Sieg erstritte. Dann ließ er sich unter wilden Geberden und einer Flut gotteslästerlicher Flüche über seine Beschwerdepunkte aus. Es sei so ziemlich allgemein bekannt, sagte er, daß er seit etlichen Jahren im Distrikt Washoe eine Farm oder nach der gewöhnlichen Bezeichnung einen Rancho mit ganz gutem Erfolg bewirtschafte, und ebenso, daß Tom Morgan unmittelbar über ihm auch einen Rancho besitze. Unglücklicherweise habe nun ein solcher verhaßter und gefürchteter Erdrutsch stattgefunden, wodurch Morgans Rancho: Zäune, Hütten, Vieh, Scheunen, alles miteinander auf seinen Rancho herabgestürzt sei und sein Eigentum etwa achtunddreißig Fuß hoch vollständig zugedeckt habe. Morgan sei im Besitz des herabgerutschten Landes und weigere sich, es zu räumen. Er machte geltend, daß er in seiner eigenen Hütte sitze und niemand in der seinigen störe; die Hütte stehe auf demselben Erdreich und demselben Grundstück, wo sie immer gestanden, und er wolle den sehen, der ihn zwinge auszuziehen.
»Und als ich ihn daran erinnerte,« fuhr Hyde weinend fort, »daß er gerade doch auf meinem Rancho sitze und daß er rechtswidrig in denselben eingebrochen sei, hatte er die höllische Unverschämtheit, mich zu fragen, warum ich denn nicht in meinem Rancho geblieben sei, um den Besitz zu behaupten, als ich ihn hätte kommen sehen. Verrückter Faselhans, warum ich nicht geblieben bin? -- bei Gott, als ich das Geprassel hörte und den Berg hinaufsah, war es gerade, als käme die ganze Welt den Hang herunter gepoltert und gekollert -- Splitter und Holzstöße, Donner und Blitz, Hagel und Schnee, Bündel Heu und Stroh und fürchterliche Staubwolken! -- Bäume kamen holterdipolter durch die Luft, Felsblöcke so groß wie ein Haus flogen aus einer Höhe von tausend Fuß und zerkrachten dann in zehn Millionen Stücke; Ochsen und Kühe, das Inwendige nach außen gekehrt, den Kopf voran, die Schwänze zwischen den Zähnen, kamen herunter gesaust -- und mitten in dieser ganzen verkehrten und zertrümmerten Welt sitzt dieser verfluchte Morgan auf seinem Gartenthürpfosten und fragt, warum ich nicht geblieben sei, und meinen Besitz behauptet habe! Meiner Seel’! Ich warf nur einen einzigen Blick auf die Bescherung, und in drei Sätzen war ich aus dem Bezirk.
»Aber was mich wurmt, das ist, daß dieser Morgan sich darauf herumtreibt und von dem Rancho nicht fort will -- sagt, er gehöre ihm und er behalte ihn -- es gefalle ihm besser da unten, als oben am Berg. Zum Tollwerden! Na, ich war die beiden letzten Tage her so verdreht, daß ich nicht einmal den Weg in die Stadt finden konnte. Bin nach dem Umherlaufen in Feld und Wald ganz erschöpft; -- einen Tropfen zu trinken, General? Aber jetzt bin ich hier und jetzt wird prozessiert. Sie haben’s gehört.«
Die Empörung des Generals kannte keine Grenzen. In seinem ganzen Leben, meinte er, sei ihm noch kein so anmaßender Mensch vorgekommen, wie dieser Morgan. Ein Prozeß, fuhr er fort, sei eigentlich ganz überflüssig; Morgan hätte keinen Schein von Recht, auf seinem jetzigen Platze zu bleiben -- kein Mensch auf der ganzen Welt würde ihm das zugestehen, kein Sachwalter seine Sache führen, kein Richter ihn anhören. Hyde erwiderte, da sei er im Irrtum -- die ganze Stadt gebe Morgan recht, Hal Brayton, ein sehr tüchtiger Anwalt, hätte seine Sache übernommen, und da Gerichtsferien wären, so sollte sie vor einem Schiedsmann verhandelt werden. Der frühere Gouverneur Roop wäre bereits zu diesem Amt ernannt worden und würde heute um zwei Uhr nachmittags in einem großen, öffentlichen Saal nahe beim Hotel die Verhandlungen eröffnen.
Der General war außer sich vor Staunen. Er hätte, sagte er, stets geglaubt, die Menschen in diesem Territorium müßten verrückt sein; jetzt wisse er es ganz gewiß. »Aber,« fuhr er fort, »nur ruhig Blut und Zeugen gesammelt; denn der Sieg ist uns so sicher, als wäre das Urteil bereits gesprochen.« Hyde trocknete seine Thränen und zog ab.
Um zwei Uhr wurde das Schiedsgericht eröffnet und Roop thronte mit so ehrfurchtgebietender Feierlichkeit unter seinen Sheriffs, den Zeugen und den Zuschauern, daß einige seiner Mitwisser schier Angst hatten, er habe am Ende nicht begriffen, daß es sich nur um einen Scherz handle. Eine unheimliche Stille herrschte, denn beim leisesten Geräusch sprach der Richter den ernsten Befehl aus: »Ruhe vor Gericht,« was die Sheriffs sofort wie ein Echo wiederholten. Kurz darauf drängte sich der General, beide Arme voll Gesetzbücher, durch die Menge und an sein Ohr schlug der Befehl des Richters: »Platz für den Herrn Anwalt der Vereinigten Staaten,« die erste achtungsvolle Anerkennung seiner hohen offiziellen Würde, die ihm bislang zu teil geworden war, und bei der es ihm behaglich durch alle Glieder prickelte.
Die Zeugen wurden aufgerufen; Gesetzgeber, hohe Regierungsbeamte, Bauern, Bergleute, Chinesen, Neger. Dreiviertel derselben waren von dem Beklagten Morgan aufgerufen, aber umsonst; ihr Zeugnis lautete ausnahmslos zu Gunsten des Klägers Hyde. Jeder neue Zeuge brachte nur neue Beweise dafür bei, wie abgeschmackt es sei, jemandes Eigentum deshalb zu beanspruchen, weil die eigene Farm darauf gerutscht sei. Dann hielten Morgans Advokaten ihre Reden, die erbärmlich matt ausfielen, sie thaten in Wirklichkeit nichts für den Sieg ihres Schutzbefohlenen. Jetzt erhob sich mit triumphierender Miene der General und nahm einen leidenschaftlichen Anlauf. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, klopfte auf die Gesetzbücher, schrie, brüllte und heulte, zitierte alle Sprachen und Schriftsteller, Poesie, Sarkasmen, Statistik, Geschichte, Pathetisches, Volkstümliches, Lächerliches, und schloß mit einem großen Schlachtruf für Redefreiheit, Preßfreiheit, Unterrichtsfreiheit, den ruhmreichen amerikanischen Adler und die Grundsätze ewiger Gerechtigkeit. (Beifall.)
Als der General sich niederließ, war er im Innersten überzeugt, daß wenn auf günstige Zeugenaussagen, eine großartige Rede und auf die gläubigen und bewundernden Gesichter ringsum das mindeste zu geben sei, Morgan verloren sein müsse. Exgouverneur Roop stützte sein Haupt einige Augenblicke sinnend in die Hand, während die Menge auf seine Entscheidung wartete, dann erhob er sich und dachte gebeugten Hauptes abermals nach. Darauf ging er mit langen Schritten hin und her, das Kinn in der Hand, während die Menge immer noch harrte. Endlich kehrte er auf seinen Thron zurück, setzte sich und begann in gewichtigem Tone:
»Meine Herren, ich fühle die große Verantwortlichkeit, die heute auf mir ruht. Dies ist kein gewöhnlicher Fall. Im Gegenteil, es ist der großartigste und bedeutsamste, den je ein Mensch zu entscheiden berufen wurde. Meine Herren, ich habe aufmerksam die Zeugenaussagen angehört und bemerkt, daß ihr Gewicht, ihr überwältigendes Gewicht zu Gunsten des Klägers Hyde spricht. Ich habe ferner mit hohem Interesse den Bemerkungen der Sachwalter zugehört, namentlich die meisterhafte und unwiderlegbare Logik des hochverehrlichen Anwalts, welcher den Kläger vertritt. Aber, meine Herren, lassen wir uns in einem so feierlichen Augenblick nicht von bloß menschlichem Zeugnis, menschlichem Scharfsinn und menschlichen Begriffen von Gerechtigkeit beeinflussen. Meine Herren, es steht uns Erdenwürmern sehr übel an, uns in die Beschlüsse des Himmels einzumischen. Für mich liegt es klar auf der Hand, daß der Himmel in seiner unerforschlichen Weisheit den Rancho des Angeklagten nicht ohne Grund von der Stelle gerückt hat. Wir sind nur Geschöpfe Gottes und müssen uns seinem Willen fügen. Wenn es dem Himmel beliebt hat, den Beklagten Morgan auf so merkwürdige und wunderbare Weise zu begünstigen, wenn der Himmel, unzufrieden mit der Lage von Morgans Rancho an der Bergflanke, denselben nach einer für seinen Besitzer bequemeren und vorteilhafteren Gegend befördern wollte, so steht es uns armen Eintagsfliegen nicht zu, die Gesetzmäßigkeit des Verfahrens in Frage zu ziehen oder nach der Ursache zu forschen, die dabei maßgebend war. Nein, der Himmel hat die Ranchos geschaffen, und es ist das Vorrecht des Himmels, sie anders zu ordnen, mit ihnen zu experimentieren, sie nach Belieben dahin oder dorthin zu schieben. Wir haben uns ohne Murren zu unterwerfen. Ich sage es euch zur Warnung, daß die unheiligen Hände, Köpfe und Zungen der Menschen sich mit diesem Ereignis nicht befassen dürfen. Meine Herren, der Wahrspruch des Gerichtshofs lautet, daß der Kläger Richard Hyde seines Ranchos durch die Heimsuchung Gottes verlustig gegangen ist! Und von dieser Entscheidung giebt es keine Berufung.«
Buncombe packte seine Ladung Bücher zusammen und stürzte damit aus dem Gerichtssaal, ganz außer sich vor Entrüstung. Er hieß Roop laut einen Narren, einen schwärmerischen Troddel. In seinem Eifer suchte er ihn bei Nacht nochmals auf, machte ihm Vorstellungen wegen seines ungereimten Wahrspruchs und bat ihn inständig, doch einmal eine halbe Stunde in der Stube auf und ab zu gehen und nachzudenken, ob sich der Spruch denn nicht irgendwie abändern lasse. Schließlich gab Roop nach und stand auf. Dritthalb Stunden lief er im Zimmer hin und her, bis er plötzlich mit strahlendem Gesicht ausrief, jetzt sei es ihm klar geworden, daß der Rancho unter dem Rancho Morgans noch immer Hyde gehöre und daß dieser noch gerade soviel Anrecht auf denselben habe wie vorher; deshalb sei er der Meinung, daß Hyde berechtigt sei, sich ihn darunter herauszugraben und --
Der General wartete nicht bis er ausgeredet hatte, er war stets ungeduldigen und jähzornigen Temperaments gewesen. -- Es dauerte zwei Monate, bis die Thatsache, daß man nur Spaß mit ihm getrieben, sich durch den harten Diamantfels seines Begriffsvermögens hindurch gebohrt hatte.
Vierzehntes Kapitel.
Als wir endlich nach Esmeralda abritten, bekam unsere Gesellschaft einen Zuwachs in der Person des Kapitäns John Nye, eines Bruders des Gouverneurs. Er hatte ein gutes Gedächtnis und die Zunge saß ihm am rechten Fleck; das sind Eigenschaften, welche der Unterhaltung ein ewiges Leben verleihen. Während der ganzen hundertzwanzig Meilen unserer Reise ließ der Kapitän das Gespräch nie matt werden oder stocken. Außer seiner Unterhaltungsgabe besaß er noch zwei ganz besondere Vorzüge. Der eine bestand in seiner außerordentlichen Anstelligkeit, die ihm zu allem und jedem Geschick verlieh, vom Abstecken einer Eisenbahn oder der Organisierung einer politischen Partei bis herab zum Annähen eines Knopfes, zum Beschlagen eines Pferdes, zum Einrichten eines gebrochenen Beins oder zum Setzen einer Henne. Der andere bestand in der Fähigkeit, sich jederzeit der Bedürfnisse, Verlegenheiten und Schwierigkeiten seiner Mitmenschen anzunehmen und mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und Geschwindigkeit Abhilfe zu schaffen, weshalb er stets leerstehende Betten in überfüllten Gasthäusern und eine Fülle von Vorräten in den leersten Speisekammern fand. Und endlich, wo er Mann, Weib oder Kind in einem Lager, einer Schenke oder mitten in der Wüste begegnete, immer kannte er entweder die Leute persönlich oder er war mit einem Verwandten derselben bekannt gewesen. Ein solcher Reisegefährte war uns bis dahin noch nicht vorgekommen.
Ich kann nicht unterlassen, hier eine Probe von der Art mitzuteilen, wie er Schwierigkeiten beseitigte. Am zweiten Reisetag langten wir sehr müde und hungrig vor einem kleinen ärmlichen Wirtshaus in der Wüste an, wo man uns sagte, das Haus sei voll, Lebensmittel seien nicht vorhanden, kein Heu oder Gerste für die Pferde da -- wir müßten weiter gehen. Wir andern wollten eilig weiter, solange es noch hell war, da der Kapitän aber darauf bestand eine Weile Halt zu machen, stiegen wir ab und traten ein. Kein einziges Gesicht bot uns Willkommen. Der Kapitän ließ seine Zauberkünste spielen und hatte binnen zwanzig Minuten folgendes zustande gebracht: in drei Fuhrleuten alte Bekannte gefunden, entdeckt, daß er mit der Mutter des Wirts in die Schule gegangen, in dessen Frau eine Dame wieder erkannt, deren durchgegangenes Pferd er einst in Kalifornien aufgehalten und ihr dadurch das Leben gerettet hatte, einem Kinde sein zerbrochenes Spielzeug ausgebessert und damit die Gunst von dessen Mutter gewonnen, dem Hausknecht beim Aderlaß eines Pferdes geholfen, und einem andern Pferde, welches das Würgen hatte, etwas verschrieben, die ganze Gesellschaft dreimal am Schenktisch des Wirtes frei gehalten, eine neuere Zeitungsnummer, als irgend jemand sie seit einer Woche zu Gesicht bekommen hatte, zum Vorschein gebracht, sich hingesetzt und sie den höchst gespannten Zuhörern vorgelesen. Das Ergebnis aber war in Summa folgendes: Der Hausknecht fand Futter in Fülle für unsere Pferde, wir bekamen ein Abendessen von Forellen mit nachfolgender überaus gemütlicher Unterhaltung, wir erhielten gute Betten, fanden des andern Morgens ein überraschend feines Frühstück und bei unserm Abgang jammerte alle Welt, daß wir schon fort wollten. Der Kapitän hatte einige schlimme Eigenschaften, allein er besaß auch ungemein schätzenswerte Züge, die er dagegen in die Wagschale werfen konnte.
Esmeralda war in vielen Beziehungen ein zweites Humboldt, jedoch bereits etwas weiter entwickelt. Die Bergwerksanteile, für die wir Zuschüsse bezahlt hatten, waren völlig wertlos, wir gaben sie auf. Der bedeutendste lag auf einem Hügel von vierzehn Fuß Höhe, in den die schlauen Direktoren einen Stollen trieben, um auf die silberhaltige Ader zu kommen. Derselbe würde siebzig Fuß lang geworden sein, um dann die Ader in einer Tiefe zu treffen, die man mit einem zwölf Fuß tiefen Schacht erreicht hätte. Die Herren Direktoren lebten von den ›Zubußen‹. Sie spürten durchaus kein Verlangen, jene Ader zu finden; denn sie wußten wohl, daß sie so wenig Silber enthielt wie eine Trottoirplatte.
Wir belegten verschiedene Parzellen, auf denen wir Schachte und Stollen in Angriff nahmen, ohne aber je einen solchen fertig zu machen. Auf jeder derselben mußten wir eine gewisse Arbeit geleistet haben, um als Inhaber zu gelten, widrigenfalls jeder andere nach Ablauf von zehn Tagen unser Eigentum in Besitz nehmen konnte. Stets jagten wir neuen Parzellen nach, auf denen wir etwas Weniges arbeiteten, um dann auf einen Käufer zu warten, der sich aber niemals einstellte. Nie fanden wir Erz, das mehr als fünfzig Dollars die Tonne gegeben hätte, und da die Pochwerke für die Verarbeitung des Erzes und Ausscheidung des Silbers genau ebensoviel verlangten, schmolz uns das Geld aus der Tasche fortwährend weg, ohne daß anderes dafür kam. Wir bewohnten eine kleine Hütte, in der wir eigene Küche führten, und hatten im ganzen ein saures, wenn auch hoffnungsvolles Leben, -- denn wir hörten keinen Augenblick auf, ein Vermögen für uns und einen plötzlich sich einstellenden Käufer für unsern Besitz zu erwarten.
Zuletzt, als das Pfund Mehl auf einen Dollar stieg und Geld auf die beste Sicherheit hin nicht unter acht Prozent monatlich zu haben war (mir fehlte es überdies an der Sicherheit), ließ ich den Bergbau fahren und widmete mich dem Pochwerkbetrieb, d. h. ich wurde gewöhnlicher Taglöhner in einem Quarzpochwerk für zehn Dollars die Woche außer der Kost.
Fünfzehntes Kapitel.
Ich hatte bereits erfahren, was für eine langwierige, harte und traurige Aufgabe es ist, das ersehnte Erz aus den Eingeweiden der Erde herauszuscharren, nun wurde ich inne, daß das Herausscharren erst die halbe Arbeit war, und daß die andere trübselige und mühselige Hälfte darin bestand, das Silber aus dem Erz herauszuziehen. Von sechs Uhr des Morgens bis zum Dunkelwerden dauerte die Arbeit. Gestein losschlagen und in die ›Batterie‹ schaufeln, in der es durch sechs von Dampf getriebene gewaltige Stampfen zerrieben und durch zuströmendes Wasser in einen festen Brei verwandelt wurde; Quecksilber, Steinsalz und andere Chemikalien je nach Bedürfnis in die ›Amalgamierpfannen‹ schütten, wo das erstere sich mit den Gold- und Silberteilen verbinden mußte; die Rinnen und die groben Decken reinigen, durch welche das Wasser aus der Pfanne abfloß, damit die winzigen Teilchen der Edelmetalle nicht verloren würden, die sich darin ablagerten -- so ging die Plackerei ununterbrochen fort, und bei alledem fand ein Drittel des in einer Tonne Gestein enthaltenen Edelmetalls seinen Weg bis ans Ende der Rinnen in der Schlucht, so daß es später nochmals verarbeitet werden mußte. Gab es sonst nichts zu thun, so konnte man immer Sand durchwerfen, d. h. man konnte den getrockneten Sand, der durch die Rinnen in die Schlucht gespült worden war, zusammenschaufeln und gegen einen aufrechtstehenden Drahtschirm werfen, um ihn von Kieseln zu befreien und ihn so zu nochmaliger Verarbeitung vorzubereiten. Ohne dieses Sanddurchwerfen ging es in keinem Pochwerk ab, trotz der Verschiedenheit der angewandten Methoden. Von allen Erholungen der Welt ist aber dies Sanddurchwerfen an einem heißen Tage und mit einer langstieligen Schaufel am wenigsten begehrenswert.
Zum Schluß der Woche wurde die Maschine angehalten und wir wuschen auf, d. h. wir holten den Brei aus den Pfannen und Batterien und spülten den Schmutz geduldig hinweg, bis nur noch die angesammelte Masse von Quecksilber samt den darin eingeschlossenen Schätzen übrig war, welche wir in Form fester Schneeballen zum Zweck der Besichtigung zu glänzenden prächtigen Haufen aufschichteten. Dabei kostete mich meine Unerfahrenheit einen schönen goldenen Ring, in den das Quecksilber eindrang wie Wasser in einen Schwamm, so daß er völlig zerstört wurde. In einer eisernen Retorte wurde durch Verdampfung das Quecksilber aus diesen Kugeln entfernt, der Dampf aber in einen Eimer geleitet, wo bei der Abkühlung das sehr kostspielige Quecksilber wieder seine natürliche Form erhielt. In der Retorte lag dann das Ergebnis unserer Wochenarbeit vor uns, ein Klumpen, zweimal so groß wie ein Mannskopf, von reinem, weißem Silber, das wie Rauhfrost aussah. Der Klumpen wurde schließlich eingeschmolzen und in eine Barrenform gegossen.
Von jedem Barren wurde ein Eckchen abgeschnitten für die ›Feuerprobe‹ -- ein ganz interessantes Verfahren. Dieses Eckchen wird so dünn wie Papier ausgehämmert und auf einer Wage von solcher Feinheit und Empfindlichkeit gewogen, daß, wenn man auf ein Stückchen Papier von bestimmtem Gewicht mit einem groben, weichen Bleistift seinen Namen schreibt und es dann abermals wägt, die Wage deutlich ein höheres Gewicht anzeigt. Dann wird ein wenig Blei gleichfalls gewogen, mit der Silberflocke zusammengerollt, und die beiden bei großer Hitze in der sogenannten ›Kapelle‹ geschmolzen, einem kleinen Gefäße aus gepreßter Knochenasche in Gestalt einer Obertasse. Die unedlen Metalle oxydieren und werden samt dem Blei von der Kapelle aufgesogen. Ein Kügelchen, aus vollkommen reinem Gold und Silber bestehend, bleibt zurück, und wenn der Wardein dieses wägt und den Abgang notiert, erkennt er, wieviel unedles Metall der Barren enthält. Jetzt hat er das Gold von dem Silber zu scheiden. Dazu wird das Kügelchen flach und dünn gehämmert und einige Zeit in einem Ofen mit Rotglühhitze behandelt. Nach der Abkühlung rollt man es wie einen Federkiel zusammen und erhitzt es in einem Glasgefäß mit Salpetersäure, welche das Silber auflöst, so daß das Gold rein zurückbleibt und für sich gewogen werden kann. Durch Zugießen von Salzwasser erhält das Silber wieder seine feste Form, worauf nichts mehr zu thun übrig bleibt, als dieses zu wiegen; dann kennt man das Verhältnis der verschiedenen in dem Barren enthaltenen Metalle, den der Wardein nun mit einem Stempel versieht, der seinen Wert bezeichnet.
Das Geschäft eines Wardeins war sehr einträglich, und deshalb befaßten sich auch gelegentlich Leute damit, denen es an der wissenschaftlichen Befähigung fehlte. Es war einmal ein Wardein, der aus allen Proben, die man ihm brachte, so reiche Resultate heraus bekam, daß er binnen kurzem fast das ganze Geschäft monopolisiert hatte. Aber wie alle Leute, die Erfolg haben, wurde er ein Gegenstand des Neides und des Verdachtes. Die andern Wardeine verschworen sich gegen ihn und zogen zum Beweise, daß sie es ehrlich meinten, einige angesehene Bürger ins Geheimnis. Dann schickten sie dem glücklichen Geschäftsmann einen Fremden mit einem Stückchen Schleifstein, den er prüfen sollte. Nach Verlauf einer Stunde brachte er heraus, daß eine Tonne dieses Gesteins 1284,40 Dollars an Silber und 366,36 Dollars an Gold geben müsse.
Die ganze Geschichte kam sofort in die Zeitung und der beliebte Wardein machte sich binnen zwei Tagen aus dem Staube.
Ich will hier beiläufig bemerken, daß ich in der Silbermühle nur eine Woche blieb. Ich erklärte meinem Arbeitgeber, ohne Lohnerhöhung könne ich nicht länger bleiben. Mir gefalle zwar das Quarzmehlmachen, ja ich sei ganz bezaubert davon; nie zuvor hätte ich zu einer Beschäftigung in so kurzer Zeit eine so zärtliche Neigung gewonnen; nichts gäbe, wie es mir scheine, der geistigen Thätigkeit einen solchen Schwung, als eine Batterie zu füttern und Sand durch einen Drahtschirm zu werfen, und nichts sporne die sittlichen Eigenschaften eines Menschen so an, als Silber ausschmelzen und Decken waschen -- trotzdem fühle ich mich genötigt, um Lohnerhöhung zu bitten.
Er sagte, er zahle mir zehn Dollars wöchentlich und das sei doch eine ganz hübsche runde Summe. Wieviel ich denn wolle?
Ich erwiderte, etwa viermal hunderttausend Dollars monatlich nebst der Kost sei alles, was ich in Anbetracht der schweren Zeiten vernünftiger Weise verlangen könne.
Man wies mich aus dem Hause. Und doch, wenn ich auf jene Tage zurückblicke und mir die maßlos schwere Arbeit, die ich in jenem Pochwerk verrichtete, ins Gedächtnis zurückrufe, bedauere ich nur, ihm nicht siebenmalhunderttausend abverlangt zu haben. Um die volle Kraft und Bedeutung des über ihn verhängten Fluches zu verstehen: ›Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen‹ hätte Adam aus dem Garten Eden von Rechts wegen geradeswegs in ein Quarzpochwerk gehen sollen.
* * * * *
Nicht lange nachher war es die geheimnisvolle, wunderbare ›Zementgrube‹, die mir, gleich der übrigen Bevölkerung, den Verstand verrückte, so daß ich nur auf eine Gelegenheit lauerte, mich bei deren Aufspürung beteiligen zu können.
Sechzehntes Kapitel.
Irgendwo in der Nachbarschaft des Monosees, nahm man an, müsse Whitemans wunderbare Zementgrube liegen. Alle Augenblicke hieß es, Whiteman sei in totenstiller Nacht verstohlen und in Verkleidung durch Esmeralda gekommen; dann gab es jedesmal eine tolle Aufregung, denn natürlich steuerte er seiner geheimnisvollen Grube zu, und da galt es, ihm zu folgen. Kaum drei Stunden nach Tagesanbruch waren dann alle Pferde, Maultiere und Esel in der Nachbarschaft aufgekauft, geliehen oder gestohlen, und die halbe Ortsgemeinde befand sich auf Whitemans Spuren unterwegs nach den Bergen. Allein Whiteman pflegte sich tagelang wie zwecklos in den Bergschluchten herumzutreiben, bis den Bergleuten die Lebensmittel ausgingen und sie wieder nach Hause gehen mußten. Ich habe es erlebt, daß es um elf Uhr nachts in einem großen Bergmannslager hieß, Whiteman sei soeben vorbei gekommen, und daß schon zwei Stunden darauf die sonst so stillen Straßen von Menschen und Tieren wimmelten. Einer wie der andere bestrebte sich dann, die Sache recht geheim zu halten, flüsterte aber trotzdem wenigstens einem Nachbar zu, Whiteman sei durchgekommen. Und lange vor Tagesanbruch -- das letztemal mitten im tiefen Winter -- ging dann die Hetzjagd los, das Lager war verlassen und die gesamte Bevölkerung auf der Suche nach Whiteman.