Part 6
Am nächsten Morgen, als wir mit neuen Sätteln und sonstigen Ausrüstungsgegenständen aufbrachen, schneite es immer noch wie rasend. Wir stiegen auf und ritten ab. Der Schnee bedeckte den Boden so hoch, daß keine Spur von der Straße erkennbar war, und der Schnee fiel so dicht, daß wir nicht mehr als hundert Schritt weit vor uns sehen konnten, sonst hätten wir an den Bergketten unsere Richtung erkennen können. Die Sache sah bedenklich aus; allein Ollendorff erklärte, er habe einen Instinkt so fein wie ein Kompaß und wäre im stande, schnurgerade auf Carson City zuzureiten, und die Linie genau einzuhalten. Bei der geringsten Abweichung von derselben würde ihn sein Instinkt so sicher warnen wie einen Sünder sein Gewissen. Glücklich und zufrieden folgten wir seiner Spur. Eine halbe Stunde lang haspelten wir uns ziemlich mühselig weiter, dann aber trafen wir auf eine neue Fährte, und Ollendorff rief stolz:
»Ich wußte es ja, daß ich so unfehlbar bin wie ein Kompaß, Jungens! Hier sind wir genau in den Fußspuren von jemand, der uns den Weg zeigen wird, ohne daß wir uns anzustrengen brauchen. Wir wollen uns eilen, damit wir uns der Gesellschaft da vorne anschließen können.«
Nun ließen wir die Pferde so stark traben, als es in dem tiefen Schnee anging; und nicht lange, so schien es, als kämen wir den vor uns Reitenden näher; denn die Spuren wurden deutlicher. Eilig strebten wir vorwärts, und nach Verlauf einer Stunde sahen die Spuren noch neuer und frischer aus -- nur waren wir überrascht, daß die Zahl der Reisenden fortwährend zuzunehmen schien. Wir konnten uns nicht denken, wie eine so große Gesellschaft zu solcher Zeit in diese Einöde käme, bis einer von uns meinte, es müsse wohl eine Kompagnie Soldaten vom Fort sein. Zufrieden mit dieser Lösung des Rätsels, ritten wir noch etwas rascher weiter; sie konnten ja nicht mehr fern sein. Aber die Spuren vermehrten sich noch immer, so daß wir schon anfingen zu glauben, die Abteilung Soldaten müsse sich auf unerklärliche Weise zu einem Regiment vermehrt haben -- Ballou behauptete, es seien schon mindestens fünfhundert daraus geworden. Auf einmal hielt er an und sagte: »Jungens, das sind ja unsere eigenen Spuren! Mehr als zwei Stunden lang sind wir wahrhaftig wie in einem Zirkus immer wieder rundum geritten, hier außen in der öden Wüste! Bei Gott, das ist ja ganz ›hydraulisch‹!«
Dann wurde der alte Mann wild und fing an zu schimpfen. Er gab Ollendorff allerhand schlimme Namen, sagte, in seinem Leben hätte er keinen solchen dämlichen Pinsel gesehen wie ihn, und machte zum Schluß die ganz besonders giftige Bemerkung, er wisse nicht einmal so viel wie ein Logarithmus!
Wir waren richtig unseren eigenen Spuren gefolgt. Ollendorff samt seinem inneren Kompaß fiel von nun an in Ungnade. Am Schlusse unseres mühseligen Rittes befanden wir uns wieder am Ufer des Baches, während sich drüben durch das Schneetreiben hindurch in matten Umrissen das Wirtshaus zeigte. Noch überlegten wir, was nun zu thun sei, da landete der junge Schwede mit dem Kahn und schlug seinen Weg zu Fuß nach Carson City ein, immer denselben langweiligen Singsang herleiernd. Eine Minute darauf war er nur noch undeutlich sichtbar und versank dann in dem weißen Meer der Vergessenheit. Man hörte nie wieder von ihm. Ohne Zweifel verlor er die ruhige Besinnung, verirrte sich, sank vor Ermüdung in Schlaf und fiel so dem Tode in die Arme. Möglicherweise folgte er auch unsern verräterischen Spuren, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach.
Inzwischen fuhr die Ueberlandpost durch den jetzt rasch fallenden Bach; es war ihre erste Fahrt nach Carson seit dem Eintritt der Ueberschwemmung. Ohne Zeitverlust folgten wir den von ihr gezogenen Furchen und trabten lustig voran, denn wir setzten volles Vertrauen in die Lokalkenntnis des Postillons. Unsere Pferde konnten es zwar mit dem frischen Gespann der Post nicht aufnehmen, so daß wir diese bald aus dem Gesicht verloren, doch hatte dies nichts zu bedeuten, denn die tiefen Einschnitte, die die Räder machten, dienten uns als Wegweiser. Mittlerweile war es drei Uhr nachmittags geworden, und es mußte bald Nacht werden. Das geschieht aber dort zu Lande nicht mittelst einer allmählich stärker werdenden Dämmerung, sondern geht so plötzlich vor sich, wie wenn eine Kellerthür zugeschlagen wird. Der Schnee fiel noch immer gleich dicht, so daß wir keine fünfzehn Schritte vor uns sehen konnten; aber ringsum vermochten wir durch den Schimmer des weißen Schneebettes die glatten, zuckerhutförmigen Erhöhungen zu erkennen, in welche sich die Salbeibüsche verwandelt hatten; die beiden schmalen Rinnen dicht vor uns aber waren die mehr und mehr sich füllenden und langsam verschwindenden Wagengeleise.
Nun waren jene Salbeibüsche alle von derselben Höhe, drei oder vier Fuß hoch, und sie standen alle etwa sieben Fuß auseinander, soweit das Auge reichte; jeder derselben war jetzt ein bloßer Schneehaufen; in jeder Richtung, die man einschlagen mochte, bewegte man sich wie in einem gut angelegten Obstgarten durch eine rechts und links von einer Reihe dieser Schneehaufen eingefaßte Gasse -- eine Gasse von der gewöhnlichen Breite einer Landstraße, in der Mitte sauber und eben, und an den Seiten ganz natürlich ansteigend. Bisher war uns das noch gar nicht eingefallen. Nun stelle man sich einmal vor, wie es uns eiskalt überlief, als uns tief in der Nacht der Gedanke kam, wir möchten vielleicht jetzt, da die schwache Spur der Wagenräder längst begraben und unsern Blicken entzogen war, in einer bloßen Allee von Salbeibüschen, meilenweit weg von der Straße hin irren und immer weiter von derselben abkommen. Wäre uns ein Eisklumpen über den nackten Rücken gerutscht, es hätte eine behagliche Empfindung sein müssen, verglichen mit diesem Gefühl. Das seit einer Stunde schläfrig gewordene Blut regte sich plötzlich wieder und schoß uns verzweifelt durch die Adern. Alle in Schlummer versunkenen Kräfte des Geistes und Körpers flammten auf. Sofort waren wir wach und munter, aber nur um vor Angst und Bestürzung zu zittern und zu klappern. Unverzüglich machten wir Halt, stiegen von den Pferden, und bückten uns tief, um nach den Spuren der Straße zu suchen. Vergeblich; denn eine Bodenvertiefung, die nicht zu erkennen war, wenn man sich vier oder fünf Fuß über derselben befand, ließ sich erst recht nicht wahrnehmen, wenn man sie fast mit der Nase berührte.
Elftes Kapitel.
Es kam uns zwar vor, als befänden wir uns auf einer Straße; aber das war noch kein Beweis. Denn als wir nach verschiedenen Richtungen hinschritten, zog jeder von uns aus den regelmäßigen Reihen von Schneehaufen und den dazwischen hinlaufenden Wegen den unumstößlichen Schluß, daß _er_ den richtigen Weg gefunden und die beiden andern sich geirrt hätten. Wir waren kalt und steif und die Pferde ermüdet. In unserer verzweifelten Lage beschlossen wir, ein Feuer aus Salbeibüschen anzumachen und bei demselben bis zum Morgen zu kampieren. Dies war das Vernünftigste, weil, falls wir von der richtigen Straße abgekommen waren und der Schneesturm noch einen Tag anhielt, kaum noch eine Rettung blieb, wofern wir weiter ritten.
Wir waren alle einig darüber, daß ein Lagerfeuer uns noch am ehesten am Leben erhalten könnte, und so machten wir uns ohne Aufschub daran, ein solches herzustellen. Da wir keine Zündhölzchen finden konnten, versuchten wir es mit den Pistolen. Zwar hatte keiner von der Gesellschaft dies jemals probiert, aber wir glaubten, es werde sich ganz bequem machen lassen, denn wir hatten des öfteren davon in Büchern gelesen und verließen uns nun darauf mit derselben vertrauensvollen Einfalt wie auf jenen anderen Bücherschwindel, der von Indianern und verirrten Jägern erzählt, die sich durch Reiben von zwei dürren Holzstücken Feuer verschaffen.
Auf den Knieen drängten wir uns in dem tiefen Schnee aneinander; die Pferde steckten ihre Nasen zusammen und beugten ihre Köpfe geduldig über uns, und so fuhren wir in unserem wichtigen Experiment fort, während die federigen Flocken herunterwirbelten und uns in eine Gruppe weißer Statuen verwandelten. Wir brachen Zweige von einem Salbeibusch, säuberten einen kleinen Platz vom Schnee und häuften das Holz auf, es mit unsern Leibern schützend. Dies nahm zehn bis fünfzehn Minuten in Anspruch, und nun setzte Ollendorff unter allgemeiner Stille und atemloser, ängstlicher Spannung seinen Revolver daran, drückte ab und -- fort flog unser Holzhäufchen in alle Winde.
Das war recht betrübend, aber es verblaßte vor einem noch größeren Schrecken -- die Pferde waren fort. Ich war damit betraut gewesen, die Zügel zu halten, hatte sie aber in der Aufregung des Pistolenexperiments unversehens fallen lassen, und die frei gewordenen Tiere waren in dem Unwetter davongelaufen. Sie aufsuchen zu wollen, wäre verlorene Mühe gewesen; ihre Fußtritte brachten kein Geräusch hervor und man konnte ihnen auf zwei Ellen nahe sein, ohne sie zu sehen. So gaben wir sie denn auf und verwünschten die Bücher mit ihren Lügen, in denen steht, daß Pferde in Zeiten der Not, Schutz und Gesellschaft suchend, bei ihrem Herrn bleiben.
Wir waren schon vorher elend genug daran gewesen, nun fühlten wir uns noch viel verlassener. Geduldig, doch ohne Hoffnung brachen wir noch einmal Reisig ab und schichteten es auf, worauf es der Preuße abermals in alle Winde schoß. Offenbar war das Feueranmachen mit einem Pistol eine Kunst, die Uebung und Erfahrung erforderte, und eine Wüste um Mitternacht und bei Schneegestöber war nicht der Ort zur Erlangung dieser Fertigkeit. Wir gaben diesen Versuch auf und wandten uns zu dem andern. Ein jeder von uns nahm zwei Hölzer und machte sich daran, sie aneinander zu reiben. Nach Ablauf einer halben Stunde waren wir vor Kälte ganz erstarrt und die Hölzer nicht minder. Bitter verwünschten wir Indianer, Jäger und Bücher, die uns mit ihrem einfältigen Rate bethört hatten, und fragten uns, was nun zunächst zu thun sei. In diesem entscheidenden Augenblicke entdeckte Ballou in einer Tasche, die er bisher ganz übersehen hatte, vier Zündhölzchen. Wären es Goldbarren gewesen, sie würden uns, verglichen damit, als ein ärmlicher, wertloser Glücksfund vorgekommen sein. Man glaubt nicht, wie prächtig sich ein Zündholz unter solchen Umständen ausnimmt, wie lieblich und kostbar und von welch erhabener Schönheit umflossen es dem Auge erscheint. Voll hoher Hoffnungen sammelten wir nochmals Reisig, und als der Alte sich anschickte, das erste Hölzchen in Brand zu setzen, sahen wir ihm mit einem Interesse zu, das ganze Druckseiten nicht genügend zu schildern vermöchten. Hoffnungsvoll brannte das Zündhölzchen einen Augenblick lang und ging dann aus. Wäre es eine Menschenseele gewesen, man hätte ihr Erlöschen nicht tiefer betrauern können. Das nächste Hölzchen blitzte nur auf, um sogleich wieder zu ersterben. Das dritte blies der Wind gerade in dem Augenblick aus, als es Erfolg verhieß. Enger als je drückten wir uns nun zusammen und entwickelten eine peinliche Aufmerksamkeit, als Ballou mit unserer letzten Hoffnung über sein Hosenbein strich. Das Hölzchen fing Feuer, brannte zuerst blau und kümmerlich, flackerte dann aber zu einer kräftigen Flamme auf. Der alte Herr schützte sie mit der Hand und bückte sich langsam damit. Jeder von uns war mit ganzer Seele bei seinem Thun, Blut und Atem stockten uns. Endlich ergriff die Flamme die Hölzer, teilte sich allgemach mehreren mit -- zögerte -- gewann wieder etwas mehr Kraft -- zögerte nochmals -- behielt fünf herzbrechende Minuten lang das Leben -- um dann wie die Seele eines Sterbenden noch einmal aufzuflackern und zu erlöschen.
Mehrere Minuten lang sprach keiner ein Wort. Ein feierliches Schweigen herrschte. Selbst der Wind hielt verstohlen inne mit seinem Wehen, und machte nicht mehr Geräusch als die fallenden Schneeflocken, so daß eine unheilverkündende Stille entstand. Endlich begann man mit gepreßter Stimme sich auszusprechen, und es zeigte sich bald, daß einer wie der andere von uns in seinem Innern fest überzeugt war, diese Nacht sei unsere letzte in diesem Leben. Ich hatte im stillen gehofft, der einzige zu sein, der diese Empfindung hätte. Als die andern ruhig ebenfalls diese Ueberzeugung bekannten, klang es wie Grabgeläute. Ollendorff sagte: »Brüder, laßt uns zusammen sterben! Und laßt uns hinübergehen ohne ein bitteres Gefühl gegen einander. Laßt Vergangenes vergeben und vergessen sein. Ich weiß, ihr grollet mir, weil ich schuld daran war, daß gestern der Kahn umschlug und weil ich gescheit sein wollte und euch im Kreise im Schnee herumführte -- aber ich meinte es gut, verzeiht mir. Ich gestehe offen, daß ich auf Ballou böse war, weil er mich geschimpft und einen Logarithmus genannt hatte; was das ist, weiß ich nicht; es muß aber wohl etwas sein, das in Amerika für ungehörig und unehrenvoll gilt; es ist mir kaum einen Augenblick aus dem Sinn gekommen und hat mich sehr gekränkt -- aber lassen wir das, ich vergebe Ihnen von ganzem Herzen, Herr Ballou, und --«
Der arme Ollendorff brach zusammen und Thränen liefen ihm die Wange herunter. Aber nicht ihm allein; denn ich brach ebenfalls in Weinen aus und Ballou nicht minder. Als Ollendorff wieder reden konnte, erteilte er mir Vergebung für verschiedenes, was ich ihm gethan und gesagt hatte. Dann zog er seine Schnapsflasche heraus und erklärte, ob er nun sterben oder am Leben bleiben möge, nie werde er wieder einen Tropfen anrühren. Der Hoffnung auf das Leben habe er gänzlich entsagt und, obwohl schlecht vorbereitet, wolle er sich doch demütig in sein Schicksal ergeben. Allerdings wünschte er noch eine kleine Frist, aber nicht aus irgend welchem selbstsüchtigen Grunde, sondern um seinen Sinn gründlich zu ändern, sich der Pflege der Armen zu weihen, Kranke zu warten und der Welt Mäßigkeit zu predigen, damit sein Leben zu einem heilsamen Beispiel für die Jugend werde und er es zuletzt mit dem tröstlichen Gedanken beschließen dürfe, daß er nicht umsonst gelebt habe. Seine Umkehr solle gleich in diesem Augenblick beginnen, hier im Angesicht des Todes, da ihm keine Zeit mehr gewährt sei, sich zum Wohl und Heil der Menschheit zu bethätigen -- und damit schleuderte er die Whiskyflasche fort.
Ballou machte Bemerkungen ähnlichen Inhalts und begann die ›Umkehr‹, deren Fortsetzung er nicht erleben sollte, damit, daß er das alte Kartenspiel wegwarf, welches unsere Gefangenschaft während der letzten Tage behaglich, ja überhaupt erträglich gemacht hatte. Nie habe er gewerbsmäßig gespielt, sagte er, aber er sei überzeugt, daß die Beschäftigung mit den Karten unsittlich und schädlich sei, und wer ganz rein und tadellos sein wolle, derselben entsagen müsse, »und deshalb,« so fuhr er mit seinem steten wunderlichen Gebrauch von Fremdwörtern fort, »fühle ich mich jetzt bei diesem Akt schon in größerer Sympathie mit jenen zu gänzlicher und obsoleter Reform notwendigen spirituellen Saturnalien.« Dieser Silbenfall rührte ihn tiefer, als irgend ein verständlicher Satz des besten Redners es vermocht hätte; der alte Mann schluchzte mit einer Wehmut, die nicht ohne Beimischung einer gewissen Befriedigung war.
Meine eigenen Bemerkungen waren in demselben Tone gehalten wie die meiner Kameraden, und ich weiß, daß die Gefühle, aus denen sie entsprungen, tief empfundene und aufrichtige waren. Wir meinten es alle aufrichtig und waren tief erschüttert und voll heiligen Ernstes; sahen wir uns doch ohne jede Hoffnung im Angesichte des Todes. Ich warf meine Pfeife weg mit der Empfindung, mich dadurch endlich von einem verhaßten Laster frei gemacht zu haben, das mich mein Lebtag beherrscht hat. Während ich noch sprach, überwältigte mich der Gedanke an das Gute, das ich in der Welt hätte thun können und an das noch größere Gute, das ich _von nun an_ aus höherem Antriebe und mit besseren Zielen und Leitsternen hätte thun können, wären mir nur noch ein paar Jahre beschieden gewesen -- und meine Thränen flossen wieder. Wir umschlangen uns mit den Armen und erwarteten die Schläfrigkeit, die dem Tode des Erstarrens voranzugehen pflegt. Sie stahl sich gar bald über uns, und wir sagten einander ein letztes Lebewohl. Ein behaglicher Traumzustand wob sich um meine schwindelnden Sinne, während die Schneeflocken meinen nunmehr besiegten Körper mit einem Leichentuche bedeckten. Das Bewußtsein schwand. Der Kampf des Lebens war vorüber.
Zwölftes Kapitel.
Ich weiß nicht, wie lange ich mich in dem Zustand völligen Vergessens befand, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Allmählich erwachte ich wieder einigermaßen zum Bewußtsein, und es stellte sich ein immer heftigeres, quälendes Schmerzgefühl in den Gliedern, ja im ganzen Körper ein. Mir schauderte, durch mein Gehirn schoß der Gedanke: Das ist der Tod, das ist das Jenseits.
Auf einmal erhob sich neben mir etwas Weißes und eine grämliche Stimme sagte:
»Will einer der Herren mir gefälligst einen Tritt vor den Hintern geben?«
Es war Ballou -- wenigstens war es ein struppiger Schneemann mit Ballous Stimme.
Ich erhob mich, und wer schildert mein Erstaunen, als ich im Morgengrauen keine zwanzig Schritte von uns weg die Brettergebäude einer Poststation erblickte und dabei unter einem offenen Schuppen unsere Pferde noch mit Sattel und Zaum!
Eine gewölbte Schneewehe zerbarst jetzt, aus der Ollendorff auftauchte; und alle drei saßen wir nun da und starrten die Gebäude an, ohne ein Wort zu sagen. Wir hatten auch in der That nichts zu sagen. Wir standen wie die Ochsen am Berge. Die ganze Situation war so peinlich lächerlich und demütigend, daß sie sich nicht in Worte fassen läßt.
Die Freude unserer Herzen über unsere Rettung war vergiftet, ja fast zerstört. Nicht lange, so wurden wir immer verdrießlicher und mürrischer; dann klopften wir, ärgerlich über einander, ärgerlich über uns selber, ärgerlich über alles mögliche, mit finsteren Blicken den Schnee von unseren Kleidern und wateten in ungeselligem Gänsemarsch zu unseren Gäulen hin, nahmen ihnen die Sättel ab und suchten im Posthause Obdach.
Ich habe kaum eine Einzelheit dieses seltsamen und abgeschmackten Abenteuers übertrieben. Es trug sich fast genau so zu. Wir hatten uns wirklich in einer Schneewehe gelagert und hielten uns für hoffnungslos verloren, während sich keine zwanzig Schritte weit von uns ein bequemes Wirtshaus befand.
Zwei ganze Stunden lang saßen wir im Posthause, jeder einzeln für sich in seine ärgerlichen Gedanken vertieft. Das Geheimnis war enthüllt, wir wußten jetzt ganz gut, warum die Pferde uns verlassen hatten. Sie waren gescheiter gewesen als wir, hatten sich ohne Zweifel schon nach wenigen Augenblicken unter dem schützenden Schuppen befunden, von dort aus jedenfalls alle unsere Bekenntnisse und Klagelieder mit angehört und sich nicht schlecht darüber gefreut.
Nach dem Frühstück wurde uns besser zu Mute und die Lust am Leben kam bald zurück. Die Welt nahm sich wieder heiter aus und das Dasein war uns lieb und wert. Auf einmal überkam mich ein Gefühl des Unbehagens und der Unruhe. Es bohrte und nagte immer stärker an mir ohne Unterlaß. Ach, meine Wiedergeburt war nicht vollständig, ich war zu keinem neuen Leben erwacht -- ich fühlte Lust zum Rauchen!
Ich widerstand mit aller Kraft, aber das Fleisch war schwach. Einsam wanderte ich fort und kämpfte eine ganze Stunde lang mit mir selbst. Ich rief mir meine guten Vorsätze in Erinnerung und hielt mir selbst eine ausführliche Predigt voll überzeugender Kraft, voll schwerer Vorwürfe. Aber es war alles umsonst. Bald sah ich mich zwischen den Schneewehen herumschleichen und nach meiner weggeworfenen Pfeife suchen. Nach langem Forschen entdeckte ich sie endlich und verkroch mich, um mich im Verborgenen daran zu erfreuen.
Eine gute Weile blieb ich in meinem Versteck hinter der Scheune und legte mir die Frage vor, wie mir wohl zu Mute sein würde, falls meine tapferern, stärkerern, gesinnungstüchtigern Kameraden mich in dieser meiner Erniedrigung antreffen sollten. Endlich zündete ich mir die Pfeife an und kein menschliches Wesen kann sich niedriger und gemeiner vorkommen als ich mir damals erschien. Ich schämte mich meiner eigenen erbärmlichen Gesellschaft. In fortwährender Angst vor Entdeckung kam ich auf den Gedanken, die andere Seite der Scheune könnte vielleicht etwas mehr Sicherheit bieten, und so schlich ich mich um die Ecke. Als ich mit brennender Pfeife um dieselbe bog, kam Ollendorff mit seiner Flasche an den Lippen um die andere Ecke, und zwischen uns saß, ohne uns zu bemerken, Ballou, tief versunken in ein Spielchen ›Solitaire‹, mit seinen alten fettigen Karten!
Das hieß denn doch die Abgeschmacktheit bis aufs äußerste treiben! Wir schüttelten uns die Hände und gelobten uns, nie mehr von ›Umkehren‹ und ›Beispielen für das heranwachsende Geschlecht‹ zu reden.
Unsere Poststation lag am Rande einer Wüste von sechsundzwanzig Meilen Länge. Hätten wir uns am Abend vorher derselben eine halbe Stunde früher genähert, so würden wir lautes Rufen und Pistolenschießen vernommen haben, denn man erwartete einige Schaftreiber mit ihren Herden, die sich rettungslos verirren mußten, falls sie nicht durch den Schall geleitet würden. Während unseres Aufenthalts auf der Station trafen drei von den Viehtreibern ganz erschöpft von ihren Irrfahrten ein, von zwei anderen aber hörte man nie wieder etwas.
Rechtzeitig langten wir in Carson an, wo wir uns Erholung gönnten. Hierdurch, sowie durch die Vorbereitungen zu unserer Reise nach Esmeralda wurden wir eine Woche festgehalten, was uns die Möglichkeit verschaffte, dem Prozeß zwischen Hyde und Morgan wegen des großen Erdrutsches beizuwohnen -- eine Episode, die noch heutzutage in Nevada berühmt ist. Nach den notwendigen einleitenden Worten will ich diese eigentümliche Angelegenheit ganz so erzählen, wie sie sich zutrug.
Dreizehntes Kapitel.
In den Thälern von Carson, Eagle und Washoe sind die Berge sehr hoch und steil, und so beginnen, wenn der Schnee im Frühling schnell schmilzt und das warme obere Erdreich feucht und weich wird, die verderbenbringenden Erdrutsche. Der Leser kann nicht wissen, was ein Erdrutsch ist, wenn er nicht hier in der Gegend gelebt hat und gesehen, wie eines schönen Morgens die ganze Seite eines Berges gleichsam abgeblättert unten im Thale liegt, so daß nichts als eine ungeheure, baumlose, abschreckend kahle Wand am Bergeshange übrig bleibt, um das Andenken an den Vorfall lebendig zu erhalten.
General Buncombe war als Anwalt der Vereinigten Staaten nach Nevada verschickt worden. Dieser Territorialbeamte betrachtete sich gleichzeitig als Sachwalter für Privatpersonen und strebte sehr eifrig nach einer Gelegenheit zur Bethätigung dieser Eigenschaft, teils aus reinem Wohlgefallen daran, teils weil sein Gehalt als Staatsbeamter eines Territoriums sehr mager war. Nun pflegten die älteren Bewohner eines neuen Territoriums auf die übrige Welt mit gelassenem, wohlwollendem Mitleid herabzusehen, d. h. solange man ihnen nicht in den Weg kommt; tritt man ihnen in den Weg, so wird man angeschnauzt. Bisweilen auch ziehen sie die Neulinge durch allerhand Streiche und Scherze auf.