Im Gold- und Silberland

Part 3

Chapter 33,356 wordsPublic domain

Abends kam der Sprecher zu Fuß nach Hause und ließ den ›Echten‹ hinter einem Steinwagen angebunden stehen. Tags darauf überließ ich das Tier dem Sekretär des Hauses zu einem Ritt nach der sechs Meilen entfernten Silbergrube von Dana; auch er kam (um sich Bewegung zu machen) zu Fuß zurück und ließ das Pferd angebunden stehen. Ich mochte den Gaul leihen, wem ich wollte, alle kamen zu Fuß zurück, alle meinten, es fehle ihnen sonst an der nötigen Bewegung. Trotzdem borgte ich ihn fortwährend jedem, der ihn haben wollte; ich dachte, wenn der Gaul sich dabei einen Schaden thäte, könnte ich ihn dem Betreffenden aufhalsen, oder er bräche das Genick, dann müsse mir der Reiter den Wert ersetzen. Es passierte ihm jedoch nicht das geringste. Er lieferte Stückchen, die noch nie ein Pferd geleistet hat, ohne Hals und Bein zu brechen; aber er kam immer mit heiler Haut davon. Tag für Tag unternahm er Sachen, die man sonst für unmöglich hielt, setzte aber alles durch. Manchmal verrechnete er sich allerdings ein klein wenig und brachte den Reiter in Schaden; aber ihm selbst wurde nie ein Haar gekrümmt. Natürlich hatte ich längst den Versuch gemacht, ihn zu verkaufen, doch fand dieses naive Unternehmen sehr wenig Anklang. Vier Tage lang raste der Auktionator auf ihm in den Straßen auf und ab, wobei er die Leute auseinanderjagte, den Verkehr störte und Kinder zu Boden ritt, ohne irgend ein Gebot zu erhalten -- wenigstens kein anderes als die achtzehn Dollars, die ein von ihm gedungener, notorisch vermögensloser Bummler bot. Die Leute lachten nur in aller Freundlichkeit, bezwangen aber ihre Kauflust, falls eine solche überhaupt bei ihnen vorlag. Darauf behändigte mir der Auktionator seine Rechnung und zog den Gaul vom Markte zurück. Nun suchten wir denselben aus freier Hand loszuschlagen, indem wir ihn mit Verlust gegen ausrangierte Grabsteine, altes Eisen, Mäßigkeitstraktätchen -- kurz gegen irgend welche Ware in Tausch anboten. Allein die Eigentümer so schöner Sachen waren auf ihrer Hut und aus dem Geschäft wurde nichts. Nie mehr machte ich den Versuch, den Gaul zu reiten. Für einen Menschen, wie ich, der nur über Brüche und andere innere Schäden u. dgl. zu klagen hatte, reichte das Gehen zur Bewegung vollständig hin. Endlich versuchte ich ihn zu verschenken, aber auch das verfing nicht. Die Leute meinten, an der Meeresküste seien die Erdbeben billig genug zu haben, -- sie wollten sich nicht selber eins anschaffen. Zuletzt verfiel ich darauf, ihn dem Gouverneur zum Gebrauch für die Brigade anzubieten. Im ersten Augenblick leuchtete sein Gesicht vor Begier auf, nahm aber bald wieder einen gleichgültigeren Ausdruck an, -- er meinte, die Sache wäre denn doch gar zu durchsichtig.

Gerade um diese Zeit brachte der Inhaber des Mietstalles mir seine Rechnung für sechswöchige Pflege des Gauls -- Stallraum fünfzehn Dollars, Heu zweihundertfünfzig! Der echte mexikanische Stöpsel hatte eine Tonne Heu gefressen, und der Mann behauptete, wenn er ihm den Willen gelassen hätte, würde er wohl hundert Tonnen aufgefressen haben.

Ich will hier in allem Ernste bemerken, daß der gewöhnliche Preis des Heus während dieses und eines Teils des folgenden Jahres wirklich zweihundertfünfzig Dollars die Tonne betrug. Im vergangenen Jahre hatte die Tonne bisweilen fünfhundert Dollars in Gold gekostet, und im Winter vorher war der Artikel so knapp, daß kleine Vorräte gelegentlich achthundert Dollars die Tonne eingebracht hatten! Die Folgen lassen sich leicht erraten: Die Leute trieben ihr Vieh hinaus und überließen es dem Hungertode; noch ehe der Frühling ins Land kam, waren die Thäler von Carson und Eagle mit den Leichnamen der Tiere förmlich übersäet. Jeder alte Ansiedler wird dies bestätigen. Ich ermöglichte es, die Mietstallrechnung zu zahlen, und noch am selben Tage schenkte ich den ›echten mexikanischen Stöpsel‹ einem vorüberziehenden Auswanderer aus Arkansas.

Viertes Kapitel.

Nevada bildete ursprünglich einen Teil von Utah unter dem Namen Carson County, und es war das eine recht ansehnliche ›Grafschaft‹. In einigen Thälern gab es Heu in Masse und dies zog ganze Kolonieen mormonischer Viehzüchter und Farmer dorthin. Von Kalifornien aus kamen auch vereinzelt kleine Scharen rechtgläubiger Amerikaner herüber, allein die beiden Klassen von Ansiedlern waren einander nicht sehr hold. Es herrschte so gut wie gar kein freundlicher Verkehr unter ihnen, jeder Teil blieb für sich. Die Mormonen waren bedeutend in der Ueberzahl und genossen außerdem den Vorzug eines besonderen Schutzes von seiten der mormonischen Regierung des Territoriums. Deshalb konnten sie sich erlauben, hochmütig, ja selbst gebieterisch gegen ihre Nachbarn aufzutreten.

Im Jahre 1858 wurden in Carson County Silberadern entdeckt, und damit gewannen die Verhältnisse ein anderes Ansehen. Kalifornier strömten in Scharen herein und das amerikanische Element bildete bald die Mehrheit. Die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber Brigham Young[3] und Utah wurde aufgehoben und von den Bürgern eine provisorische Territorial-Regierung für Washoe eingerichtet. Gouverneur Roop war der erste und einzige höhere Beamte. Nach Ablauf der erforderlichen Zeit beschloß der Kongreß die Organisation des ›Territoriums Nevada‹, worauf Präsident Lincoln den Gouverneur Nye an Roops Stelle schickte. Um jene Zeit betrug die Bevölkerung des Territoriums ungefähr zwölf- bis fünfzehntausend Seelen und wuchs mit reißender Schnelligkeit; man beutete eifrig die Silbergruben aus und errichtete Pochwerke für das Silbererz; Geschäfte aller Art entstanden und gediehen von Tag zu Tag mehr.

[3] Das langjährige Staatsoberhaupt der Mormonen.

Die Bewohner waren froh, eine gesetzmäßige, geordnete Regierung zu besitzen; dagegen waren sie nicht besonders erbaut davon, die Gewalt an Fremde aus weit entlegenen Staaten übertragen zu sehen -- eine höchst natürliche Empfindung. Sie meinten, man hätte die Beamten aus ihrer eigenen Mitte wählen sollen -- aus den hervorragenden Bürgern, die sich ein Recht auf solche Beförderung erworben hätten, die die Gefühle der Bevölkerung teilten und mit den Bedürfnissen des Territoriums gründlich vertraut wären. Dieser Gesichtspunkt war zweifellos völlig berechtigt. Ueberdies waren die neuen Beamten ›Auswanderer‹, und schon deshalb brachte man ihnen von keiner Seite Liebe und Hochachtung entgegen. Die neue Regierung wurde also mit beträchtlicher Kälte aufgenommen, sie kam nicht nur als fremder Eindringling, sondern war auch außerdem arm. Es verlohnte sich nicht einmal, sie zu rupfen -- höchstens für die elendesten der kleinen Aemterhascher und Stellenjäger. Jedermann wußte, daß der Kongreß nur zwanzigtausend Papier-Dollars jährlich für ihren Unterhalt ausgesetzt hatte -- ungefähr gerade genug, um ein Quarz-Pochwerk einen Monat lang in Betrieb zu erhalten. Auch war allgemein bekannt, daß das Geld für das erste Jahr noch in Washington lag und daß es lange dauern und manche Schwierigkeit machen werde, bis man es zu sehen bekäme. Carson City war zu unliebenswürdig und zu klug, um dem fremden Wechselbalg etwa mit unschicklicher Hast ein Konto zu eröffnen.

Es liegt etwas Tragikomisches in den Kämpfen, unter denen eine neugeborene Territorial-Regierung sich ihren Platz in dieser Welt erobert; die unsrige hatte einen sehr schweren Stand. Das Organisations-Gesetz und die Instruktionen des Staatsdepartements schrieben vor, daß binnen der und der Zeit eine gesetzgebende Versammlung gewählt und deren Sitzungen an dem und dem Tag eröffnet werden sollten. Gesetzgeber zu bekommen war nicht schwer, selbst für drei Dollars Taggeld, obwohl Kost und Wohnung fünftehalb Dollars betrug, denn Würde und Ansehen haben in Nevada ihren Reiz so gut wie anderswo, und es gab eine Menge beschäftigungsloser patriotischer Seelen; aber eine Halle für die Versammlungen zu beschaffen, das war nicht so leicht geschehen. Carson lehnte höflich ab, einen Saal mietfrei herzugeben oder der Regierung auf Kredit zu überlassen. Als jedoch Curry von der Schwierigkeit hörte, trat er ganz allein vor, nahm das Staatsschiff auf seine Schultern, trug es über die Sandbank und machte es wieder flott. Ich meine unsern Curry -- den _alten_ Curry -- den alten _Abe_ Curry. Ohne ihn hätte die Gesetzgebung ihre Sitzungen in der Wüste abhalten müssen. Er bot sein großes, massives Gebäude, dicht neben der Stadtgrenze, mietfrei an, was freudig angenommen wurde. Dann baute er eine Pferdebahn von der Stadt nach dem Kapitol, auf der er die Gesetzgeber gratis beförderte. Ferner lieferte er fichtene Bänke und Stühle für dieselben und ließ die Fußböden mit Sägspänen belegen, welche Teppich und Spucknapf zugleich vorstellten. Ohne Curry wäre die Regierung in den Windeln gestorben. Zur Trennung des Senats vom Repräsentantenhaus ließ der Sekretär eine Zwischenwand von Sackleinwand beschaffen, welche drei Dollars und vierzig Cents kostete; allein die Vereinigten Staaten lehnten deren Bezahlung ab. Auf den Einwurf, daß ja die ›Instruktionen‹ die Bezahlung eines reichlichen Mietpreises für einen Versammlungssaal gestatten, und daß Herrn Currys Freigebigkeit dem Vaterland diese Summe erspart habe, erklärten die Vereinigten Staaten, das ändere nichts an der Sache; die drei Dollars und vierzig Cents würden an dem Sekretärs-Gehalt von achtzehnhundert Dollars in Abzug gebracht werden -- und so geschah es auch!

Eine der Hauptschwierigkeiten, mit welchen die neue Regierung anfänglich zu kämpfen hatte, bildeten die Drucksachen. Der Sekretär war eidlich zur Befolgung seiner geschriebenen Instruktionen verpflichtet, welche zwei Dinge mit unfehlbarer Bestimmtheit von ihm verlangten, nämlich:

1. Die täglichen Berichte über die Verhandlungen beider Häuser drucken zu lassen und

2. bei dieser Arbeit für den Satz anderthalb Dollars pro Tausend und für den Druck anderthalb Dollars pro Ries in Staatsnoten zu zahlen.

Es war keine Kunst, zu schwören, daß man diesen beiden Vorschriften nachkommen wolle, aber mehr als eine derselben wirklich auszuführen, war völlig unmöglich. Als die Staatsnoten bis auf vierzig Cents für den Dollar gefallen waren, forderten die Druckereien allerdings anderthalb Dollars für das Tausend und ebensoviel für das Ries, aber in _Gold_. Laut seiner Instruktion hatte der Sekretär aber einen von der Regierung ausgegebenen Papierdollar jedem anderen von ihr ausgegebenen Dollar gleich zu achten. Der Druck der Berichte wurde deshalb abgebrochen. Daraufhin erteilten die Vereinigten Staaten dem Sekretär eine ernste Rüge wegen Nichtbeachtung seiner Instruktionen und ermahnten ihn, bessere Wege zu wandeln. Er ließ deshalb einiges drucken und schickte die Rechnung nach Washington unter genauer Auseinandersetzung der hohen Preise im Territorium und machte dabei besonders auf einen gedruckten Marktbericht aufmerksam, woraus man ersehen möge, daß sogar die Tonne Heu zweihundertfünfzig Dollars koste. Hierauf antworteten die Vereinigten Staaten damit, daß sie die Drucksachen-Rechnung von dem unglücklichen Sekretärs-Gehalt abzogen, wobei sie außerdem mit würdevollem Ernst beifügten, er werde in seinen Instruktionen vergebens nach einer Anweisung suchen, Heu zu kaufen!

Auf der ganzen Welt ist nichts in eine so undurchdringliche Finsternis gehüllt, wie der Verstand eines Kontrolleurs im Schatzamt der Vereinigten Staaten. Selbst die Feuerflammen des Jenseits vermöchten kaum einen matten Schimmer in seinem Hirn zu verbreiten. Damals war nichts imstande, ihm begreiflich zu machen, wie es kam, daß zwanzigtausend Dollars in Nevada, wo alle Waren ungeheuer hoch im Preise standen, nicht soweit reichten wie in den anderen Territorien, wo in der Regel eine außerordentliche Billigkeit herrschte. Er war ein Beamter, der stets nur sein Augenmerk auf die kleinen Ausgaben richtete. Wie oben bereits bemerkt, benützte der Sekretär des Territoriums seine Schlafstube als Amtszimmer und rechnete dem Staat dafür keinen Mietzins an, obwohl dies in seinen Instruktionen vorgesehen war und er ganz gut seinen Vorteil daraus hätte ziehen können (was ich augenblicklich gethan haben würde, wäre ich selbst Sekretär gewesen.) Allein die Vereinigten Staaten zollten dieser Hingebung niemals Anerkennung. Ich muß wirklich annehmen, mein Vaterland habe sich geschämt, einen Menschen in seinem Dienst zu haben, der sich so wenig auf seinen Vorteil verstand. Diese oft erwähnten ›Instruktionen‹ (wir lasen gewöhnlich ein Kapitel daraus jeden Morgen als geistige Turnübung und am Sabbat in der Sonntagsschule ein paar Kapitel, denn sie beschäftigten sich mit allem möglichen unter der Sonne und enthielten neben anderem statistischen Material auch viele höchst schätzbare Abschnitte religiösen Inhalts) schrieben vor, daß den Mitgliedern der Gesetzgebung Federmesser, Briefcouverts, Federn und Schreibpapier geliefert werden sollten. Der Sekretär schaffte daher diese Artikel an und besorgte deren Verteilung. Die Federmesser kosteten drei Dollars das Stück. Da eines zu viel da war, so gab der Sekretär dasselbe dem Schriftführer des Repräsentantenhauses. Die Vereinigten Staaten bemerkten hierauf, der Schriftführer sei kein ›Mitglied‹ des Hauses und zogen die drei Dollars nach Gewohnheit dem Sekretär am Gehalt ab.

Ein Weißer berechnete für das Kleinmachen einer Ladung Brennholz drei bis vier Dollars; der Sekretär war so scharfsinnig, sich zu sagen, daß die Vereinigten Staaten nimmermehr soviel dafür zahlen würden; er ließ daher eine Ladung Bureauholz von einem Indianer für anderthalb Dollars klein machen. Er fertigte die übliche Quittung dafür aus, aber ohne Unterschrift; statt dessen fügte er einfach die Bemerkung bei, ein Indianer habe die Arbeit besorgt, und zwar ganz gut und zufriedenstellend; derselbe habe aber in Ermangelung der erforderlichen Kenntnisse die Quittung nicht unterschreiben können. Der Sekretär durfte die anderthalb Dollars bezahlen. Er hatte gemeint, vom Staate Anerkennung für seine Sparsamkeit und Ehrlichkeit zu ernten, weil er die Arbeit zum halben Preis besorgen ließ und keine angebliche Unterschrift des Indianers auf die Quittung setzte. Allein man sah die Sache in einem andern Lichte an. Man war bei der Regierung zu sehr daran gewöhnt, in allen denkbaren, öffentlichen Stellungen Dollarsdiebe zu haben, um der Erklärung auf der Quittung den geringsten Glauben beizumessen. Das nächstemal dagegen, als der Indianer Holz für uns hackte, lehrte ich ihn, am Ende der Quittung ein Kreuz zu machen. Das Zeichen stand so wacklig auf den Beinen, als wäre es ein Jahr lang betrunken gewesen, ich ›bezeugte‹ es jedoch, und nun ging es ganz ordnungsmäßig durch. Die Vereinigten Staaten sagten kein Wort darüber. Ich bedauerte bloß, daß ich die Quittung nicht gleich für tausend Ladungen Holz ausgestellt hatte anstatt für eine einzige. In meinem Vaterlande teilt die Regierung an die ehrliche Einfalt Rüffel aus, während sie die geriebene Schurkenhaftigkeit hätschelt, und ich glaube wirklich, ich würde mich zu einem ganz geschickten Spitzbuben entwickelt haben, wäre ich ein oder zwei Jahre im Staatsdienste verblieben.

Es war eine nette Vereinigung von Souveränen, diese erste gesetzgebende Versammlung Nevadas. Sie legten Steuern auf bis zum Betrag von dreißig- oder vierzigtausend Dollars und bewilligten Ausgaben im Belauf von fast einer Million. Und doch hatten sie, wie alle andern Körperschaften dieser Art, ihre zeitweiligen kleinen Anwandlungen von Sparsamkeit. Ein Mitglied schlug vor, durch Abschaffung des Kaplans der Nation drei Dollars täglich zu ersparen. Und doch brauchte dieser kurzsichtige Mann den Kaplan nötiger als irgend ein anderer, denn während des Morgengebetes hatte er meist seine Füße auf dem Pult und verzehrte rote Rüben.

Zwei Monate tagte die Versammlung und erteilte die ganze Zeit nichts als Konzessionen zur Anlegung von Chausseen und Erhebung von Wegegeld. Als sie auseinanderging, schätzte man, daß wohl auf jeden Bürger drei solche Konzessionen kämen. Und man bezweifelte, ob, falls der Kongreß dem Territorium nicht noch einen Längengrad zulegen würde, Platz genug für die Unterbringung aller der Straßen vorhanden sein werde, deren Enden allenthalben wie Fransen über die Grenzlinie hinaushingen.

Das Frachtgeschäft hatte bald einen so gewaltigen Umfang angenommen, daß über plötzlich erworbenes Vermögen in Chausseen beinahe dieselbe Aufregung herrschte, wie über die wunderbar reichen Silberminen.

Fünftes Kapitel.

Nach und nach bekam ich auch das Silberfieber. Mutungsgesellschaften brachen Tag für Tag nach den Bergen auf, wo sie reiche, silberführende Adern und Quarzlager entdeckten und in Besitz nahmen. Das war ja ganz offenbar der Weg zum Glück. In der großen Grube ›Gould and Curry‹ galt zur Zeit unseres Eintreffens der Quadratfuß drei- oder vierhundert Dollars; zwei Monate darauf war er auf achthundert Dollars gestiegen; die ›Ophir-Grube‹ war das Jahr zuvor kaum eine Kleinigkeit wert gewesen, und jetzt wurde dort der Fuß mit nahezu viertausend Dollars bezahlt. Es ließ sich keine Grube nennen, die nicht in kurzer Zeit erstaunlich im Wert gestiegen wäre. Alle Welt sprach von diesen Wunderdingen. Man mochte kommen wohin man wollte, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein hörte man nichts anderes. Tom so und so hatte von der ›Amanda Smith‹ ein Stück für 40000 Dollars verkauft -- und hatte nicht einen Cent besessen, als er vor sechs Monaten die Schicht in Angriff nahm. John Jones hatte die Hälfte seines Anteils an der Grube ›Bald Eagle und Mary Ann‹ für 65,000 Dollars verkauft und war nun nach den Staaten gereist, um seine Familie zu holen. Die Witwe Brewster war in der Grube ›Golden Fleece‹ auf reichhaltiges Erz gestoßen und hatte zehn Fuß für 18000 Dollars verkauft -- und doch war sie im letzten Frühjahr, als Sing-Sing-Tommy ihren Mann umbrachte, nicht einmal imstande gewesen, sich einen Krepphut anzuschaffen. Die Besitzer der Grube ›Last Chance‹ hatten eine ›Lehmscheide‹ gefunden und wußten, daß sie einer Silberschicht auf der Spur waren, so daß ein Fuß davon, der gestern noch ein Spottgeld wert war, heute den Wert eines Backsteinhauses hatte. Schäbige Anteilbesitzer, denen man gestern im ganzen Lande nirgends einen Schnaps geborgt hätte, brüllten heute im Champagnerrausch und sahen sich von Schwärmen warmer Freunde umgeben in einer Stadt, wo sie aus jahrelangem Mangel an Uebung nicht mehr gewußt hatten, wie man es macht, jemand zu grüßen oder ihm die Hand zu schütteln. Johnny Morgan, ein gemeiner Landstreicher, war eines Morgens in der Gosse mit 100,000 Dollars Vermögen aufgewacht, und zwar infolge der Entscheidung eines Prozesses über die Grube ›Lady Franklin and Rough and Ready.‹ Dergleichen Nachrichten tönten uns Tag aus Tag ein immer lauter in den Ohren, und immer höher loderte die Aufregung rings um uns empor.

Ich hätte gar kein Mensch sein müssen, um nicht auch toll zu werden wie die andern. Tag für Tag kamen ganze Karrenladungen von gediegenen Silberbarren aus den Pochwerken herein, ein Anblick, der bewies, daß das tolle Gerede um mich her nicht aus der Luft gegriffen war. Ich glaubte daran und wurde einer der allertollsten.

Alle paar Tage traf die Kunde von der Entdeckung einer nagelneuen Bergwerksregion ein. Sofort wimmelte es in den Zeitungen von Berichten über ihren Reichtum, und die ganze überschüssige Bevölkerung stürzte fort, um davon Besitz zu nehmen. Die Krankheit steckte mir jetzt gehörig in den Knochen; eben noch hatte der Zulauf der Grube ›Esmeralda‹ gegolten, und nun fing ›Humboldt‹ an, mit lautem Geschrei die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Humboldt, Humboldt! so hieß jetzt das Losungswort, und unverzüglich füllte ›Humboldt‹, die neueste von den neuen, die reichste von den reichen, die wunderbarste von den wunderbaren Entdeckungen im Silbergebiet, zwei Spalten in den Tagesblättern, während ›Esmeralda‹ sich mit einer begnügen mußte. Ich war eben im Begriffe gewesen, nach der ›Esmeralda‹ aufzubrechen, ließ mich aber von der Strömung ablenken und machte mich nun nach dem ›Humboldt‹ fertig.

Sechstes Kapitel.

Jetzt hieß es flink sein! Wir verloren denn auch keine Zeit. Unsere Gesellschaft bestand aus vier Personen: einem sechzigjährigen Grobschmied, zwei jungen Advokaten und meiner Wenigkeit. Nachdem wir einen Wagen und zwei elende, alte Gäule gekauft, luden wir achtzehnhundert Pfund Lebensmittel, sowie unsere Bergmannsgeräte auf und fuhren an einem kalten Dezembernachmittage von Carson City ab. Die Pferde waren so alt und schwach, daß wir bald herausgefunden hatten, es würde wohl besser sein, wenn einer oder zwei von uns ausstiegen und den Weg zu Fuß fortsetzten. Es ging auch besser. Bald aber fanden wir, daß es noch besser sein werde, wenn auch ein dritter ausstiege. So war es denn auch. Ich hatte freiwillig das Amt des Fuhrmannes übernommen, obwohl ich vorher noch nie mit einem angeschirrten Pferde gefahren war und mancher in solcher Lage sich gerne hierauf berufen hätte, um eine derartige Verantwortlichkeit abzulehnen. Allein nach einer kurzen Weile ergab es sich, daß es wohl ratsam wäre, wenn auch der Fuhrmann ausstiege und zu Fuß ginge. Damit verzichtete ich auf diese Stellung, zu der ich nie wieder gelangen sollte. Noch vor Ablauf einer Stunde fanden wir, daß es nicht nur besser, sondern unbedingt notwendig war, immer abwechselnd zu zweien den Wagen von hinten durch den Sand zu schieben, so daß die schwachen Pferde kaum noch etwas zu thun hatten, als die Zunge nicht heraushängen zu lassen und nicht zwischen die Räder zu kommen. Es hat vielleicht sein Gutes, wenn man von Anfang an weiß, was einem bevorsteht und sich mit seinem Schicksal versöhnen kann. Wir hatten das unsrige an einem einzigen Nachmittag kennen gelernt. Es war klar, daß wir zweihundert Meilen weit durch den Sand waten würden und den Wagen samt den Pferden vorwärts schieben müßten. So fügten wir uns denn in die Umstände, und mit dem Fahren war es aus.

Nach einem Weg von sieben Meilen lagerten wir uns in der Wüste. Der junge Clagett, jetzt Mitglied des Kongresses für Montana, schirrte die Pferde aus, fütterte und tränkte sie; Oliphant und ich schnitten Salbeiholz, machten Feuer und holten Wasser zum Kochen, und der alte Herr Ballou besorgte das Kochen selbst. Diese Teilung der Arbeit und diese Bestimmung der Dienstleistungen für jeden einzelnen hielten wir während der ganzen Reise fest. Da wir kein Zelt hatten, schliefen wir in der freien Ebene unter unseren Decken. Die Ermüdung verschaffte uns festen Schlaf.