Part 21
Ich wollte mehr sagen, hielt aber inne, durch einen Ideengang dazu veranlaßt, der in mir auftauchte. Thompson sprach, aber meine Gedanken waren anderswo, und ich erfaßte nicht, was er sagte; doch hörte ich, wie Rogers antwortete:
»Ja, das scheint mir so. Es sollte vollständig genügen, denn ich finde nicht, daß _er_ dabei etwas gethan hat.«
Sogleich fiel Thompson, der Dichter, ein:
»Bei Licht betrachtet, ist es _mehr_ als genügend. Denke nur -- fünftausend Dollars. Ei, er könnte das Geld in seinem ganzen Leben nicht ausgeben! Und es könnte ihm leicht schaden, ihn vielleicht zu Grunde richten -- das ist wohl zu beachten. Wer weiß, wie lang es dauert, bis er alles durchgebracht hat? Dann macht er seine Bude zu, fängt vielleicht an zu trinken, mißhandelt seine Kinder, gerät auf andere Abwege und sinkt tiefer und tiefer -- --«
»Ja, das ist’s,« unterbrach ihn Rogers voller Feuereifer, »ich habe das hundertmal -- ja, öfter als hundertmal gesehen. Wenn du einen solchen Mann gänzlich zu Grunde richten willst, brauchst du ihm bloß Geld in die Hand zu geben; ja, gieb ihm nur Geld in die Hand -- das ist alles, was dazu gehört; und wenn es ihn nicht herabzieht, ihm alle Würde, alle Selbstachtung u. s. w. raubt, dann kenne ich die menschliche Natur nicht -- ist’s nicht so, Thompson? Und selbst wenn wir ihm ein _Drittel_ davon geben; ei, in weniger als sechs Monaten -- --«
»Weniger als sechs _Wochen_, sage lieber,« sagte ich, mich erwärmend und einfallend. »Wenn die dreitausend Dollars nicht in sicheren Händen wären, wo er sie nicht anrühren könnte, so würde er ebensowenig sechs Wochen damit reichen, als -- --«
»Natürlich nicht,« sagte Thompson; »ich habe Bücher geschrieben für die Sorte von Leuten; sobald sie ihre Hände auf ein Besitztum legen -- auf dreitausend Dollars etwa, oder auf zweitausend -- --«
»Ich möchte wissen, was dieser Schuster mit zweitausend Dollars soll?« fiel Rogers ernsthaft ein; »ein Mann, der vielleicht jetzt dort in Mannheim, umgeben von seinesgleichen, ganz zufrieden ist; der sein Brot mit dem Appetit ißt, den Mühe und Fleiß allein geben können, und ehrlich, aufrichtig und reinen Herzens sich seines bescheidenen Daseins freut; und _begnadet_ -- ja, ich sage begnadet ist vor all’ den vielen Tausenden, die in Sammet und Seide einhergehen und in dem hohlen, leeren Treiben der Gesellschaft umhergewirbelt werden -- aber man führe diesen Mann nur einmal in Versuchung, lege nur fünfzehnhundert Dollars vor ihn hin und -- --«
»Fünfzehnhundert Teufel!« rief ich, »_fünf_hundert würden seine Grundsätze ausrotten, seinen Fleiß lähmen und ihn in den Schnapsladen zerren, von da in die Gosse, von da ins Armenhaus, von da in -- --«
»Weshalb uns dieses Verbrechen aufbürden, meine Herren?« unterbrach mich der Poet ernst und flehend. »Er ist glücklich, _wo_ und _wie_ er ist. Jedes Gefühl der Ehre, der Menschenliebe und des hohen, heiligen Wohlwollens ermahnt, bestürmt und befiehlt uns, ihn in Ruhe zu lassen. Das ist echte, wahre Freundschaft.«
Nach einigem weiteren Geplauder wurde es indessen ersichtlich, daß jeder von uns in seinem innersten Herzen einige Zweifel bezüglich dieser Erledigung der Sache hegte. Wir fühlten offenbar alle, daß wir dem armen Schuster _irgend etwas_ senden sollten. Dieser Punkt wurde lange erwogen, und endlich beschlossen, daß wir ihm ein Farbendruckbild senden wollten.
Nun aber, da alles ganz zur Zufriedenheit geordnet schien, tauchte eine neue Schwierigkeit auf: es wurde mir klar, daß die beiden erwarteten, ich werde das Geld zu gleichen Stücken mit ihnen teilen. Das fiel mir gar nicht ein; ich sagte, sie könnten von Glück sagen, wenn sie zusammen die Hälfte bekämen. Rogers sagte darauf:
»Wer würde überhaupt etwas erhalten haben, wenn ich nicht gewesen wäre? Ich machte die erste Andeutung -- sonst hätte der Schuster alles bekommen.«
Thompson sagte, daß er in demselben Augenblicke daran gedacht hätte, als Rogers die erste Andeutung machte.
Ich erwiderte, daß mir der Gedanke bald genug und ohne jede Beihilfe gekommen sei. »Ich denke vielleicht langsam,« sagte ich, »aber auch sicher.«
Unsere Erörterung entwickelte sich zu einem Zank, dann zu einem Faustkampf, bei dem wir alle stark mitgenommen wurden. Sobald ich mein Aeußeres wieder einigermaßen präsentabel gemacht hatte, begab ich mich (in recht verdrießlicher Stimmung) aufs Oberdeck. Dort fand ich den Kapitän und redete ihn so freundlich wie möglich folgendermaßen an:
»Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Kapitän; ich möchte bei Napoleon landen.«
»Wo landen?«
»Bei Napoleon.«
Der Kapitän lachte, da er aber sah, daß ich nicht zum Scherzen aufgelegt war, fügte er ernster werdend hinzu:
»Ist das Ihr Ernst?«
»Mein voller Ernst.«
Der Kapitän blickte zum Lotsenhaus hinauf und sagte:
»Er will bei Napoleon landen!«
»Bei _Napoleon_?«
»So sagt er.«
»O Geist des großen Cäsar!«
Der Lotse kam auf uns zu, und der Kapitän sagte:
»Onkel, unser guter Freund hier will bei Napoleon landen.«
»Na, da -- --«
»Nun, was soll das?« unterbrach ich ihn. »Kann man denn bei Napoleon nicht ans Ufer gehen, wenn man will?«
»Ei, zum Henker, wißt Ihr’s denn nicht? Es _giebt_ kein Napoleon mehr, seit Jahren nicht mehr. Der Arkansas River brach durch, riß alles in Stücke und schwemmte es in den Mississippi!«
»Nahm die _ganze_ Stadt mit? -- Banken, Kirchen, Gefängnisse, Zeitungsdruckereien, Gerichtshaus, Theater, Feuerversicherungsgebäude, Mietställe -- _alles_?«
»Alles. Just das Werk einer Viertelstunde. Ließ weder Haut noch Haar, weder einen Stein oder Balken noch einen Dachziegel übrig -- einen Schuppen und einen Kamin aus Backsteinen ausgenommen. Das Boot hier fährt jetzt gerade da, wo die Mitte der Stadt war; dort ist der Kamin -- alles, was von Napoleon übrig ist. Diese dichten Wälder zur Rechten waren sonst eine gute Stunde hinter der Stadt. Seht euch einmal um -- blickt stromaufwärts -- nicht wahr, jetzt erkennt ihr die Gegend nach und nach wieder?«
»Ja, ich erkenne sie jetzt. Das ist das Wunderbarste, was ich je gehört habe -- weitaus das Wunderbarste und -- Unerwartetste.«
Mittlerweile waren meine Freunde Thompson und Rogers mit ihren Ränzchen und Regenschirmen angekommen und hatten dem Kapitän schweigend zugehört. Thompson drückte mir einen halben Dollar in die Hand und sagte leise:
»Für meinen Anteil an dem Farbendruck.«
Rogers folgte seinem Beispiel.
Ja, es war erstaunlich, den Mississippi zwischen unbevölkerten Ufern und gerade über den Ort sich hinwälzen zu sehen, wo ich vor zwanzig Jahren eine gute, große, behäbige Stadt zu sehen gewohnt war -- eine Stadt, die der Hauptort eines umfangreichen und blühenden Bezirks war; eine Stadt, wo ich das hübscheste und liebreizendste Mädchen aus dem ganzen Mississippithal gekannt hatte; -- jetzt keine Stadt mehr, verschlungen, verschwunden, eine Beute der Fische! nichts übrig als ein Stück von einem Schuppen und ein verfallender Backsteinschlot!
Und wo sind die zehntausend Dollars?
Der Mann, der bei Gadsbys abstieg.
Im Winter 1867 ging ich einmal mit meinem originellen Freund Riley, der, wie ich, Zeitungskorrespondent in Washington war, die Pennsylvania-Avenue hinunter. Mitternacht war fast vorüber und ein heftiger Schneesturm blies uns ins Gesicht, als wir beim Schein einer Straßenlaterne einen Mann erblickten, der uns entgegengelaufen kam.
Als er unserer ansichtig wurde, blieb er stehen und rief: »Das trifft sich ja prächtig! Sie sind Herr Riley, nicht wahr?«
Riley besaß mehr Ruhe und Kaltblütigkeit als irgend jemand in der ganzen Republik. Er stand still, betrachtete den Mann von Kopf bis zu Fuß und sagte endlich:
»Mein Name ist Riley! Wünschen Sie vielleicht etwas von mir?«
»Jawohl,« sagte der Mann voller Freude, »und ich bin überglücklich, Sie gefunden zu haben! Ich heiße Lykins und bin Lehrer am Gymnasium in San Francisco; die dortige Postmeisterstelle ist vakant, ich hab’ mich darum beworben, und deshalb bin ich jetzt hier.«
»Ja,« sagte Riley langsam und bedächtig, -- »wie Sie ganz richtig bemerken, Herr Lykins, sind Sie jetzt hier! Und haben Sie die Stelle bekommen?«
»Noch nicht, aber ich bin auf dem besten Wege dazu. Das Gesuch, das ich einreichen will, trägt die Unterschriften des Vorstands für Volksunterricht, sowie sämtlicher Lehrer, und noch zweihundert anderer Personen. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie die Güte hätten, mich zu der betreffenden Zivilbehörde zu begleiten, um meine Ueberweisung auf den Posten ausfertigen zu lassen, denn ich möchte mit dieser Angelegenheit so schnell wie möglich fertig werden, und bald wieder zu Hause sein.«
»Wenn die Sache so dringend ist,« versetzte Riley in einem Ton, aus dem nicht jeder den Spott herausgehört hätte, »so wäre es Ihnen wohl angenehm, wenn wir den Beamten noch heute abend aufsuchten?«
»Jawohl, heute abend auf jeden Fall, ich habe nicht Zeit, mich lange herumzutreiben. Noch heute, ehe ich zu Bette gehe, muß ich die Zusage haben -- ich bin kein Mann von Worten, sondern von Thaten!«
»Sehr wohl, -- und da sind Sie hier am rechten Platze. -- Wann sind Sie angekommen?«
»Gerade vor einer Stunde.«
»Und wann gedenken Sie wieder abzureisen?«
»Morgen abend nach New York und tags darauf nach San Francisco!«
»Ganz recht, -- und was wollen Sie morgen den Tag über thun?«
»Nun, da muß ich mich doch mit dem Gesuch und der Ueberweisung zum Präsidenten begeben, um seine Unterschrift zu erhalten, nicht wahr?«
»Jawohl, -- das ist ganz richtig, ganz in der Ordnung, -- und was dann?«
»Dann gehe ich um zwei Uhr nachmittags in die Senatssitzung und hole mir die Bestätigung, das ist der letzte Schritt.«
»Freilich, -- freilich,« sagte Riley wohlbedächtig, »da haben Sie wieder ganz recht! Dann benutzen Sie den Abendzug nach New York und am nächsten Morgen das Dampfboot nach San Francisco.«
»So ist es -- ganz wie ich mir die Sache überlegt habe.«
Riley dachte eine Weile nach, dann sagte er:
»Könnten Sie nicht vielleicht einen -- oder zwei Tage länger bleiben?«
»Bewahre, das wäre ganz gegen meine Grundsätze; ich kann nicht lange herumbummeln, -- ich bin ein Mann der That, wie ich Ihnen schon sagte.«
Mitten im heulenden Sturm und dichtesten Schneewirbel stand Riley einige Sekunden regungslos da, augenscheinlich in tiefes Nachdenken versunken: -- dann blickte er auf und sagte:
»Haben Sie wohl je von dem Manne gehört, der eines Tages bei Gadsbys abstieg? -- Aber ich sehe schon, daß Sie nichts von ihm wissen!«
Damit drängte er Herrn Lykins gegen ein eisernes Gitter, hielt ihn am Knopfloch fest und -- wie Coleridges alter Matrose -- bannte er ihn auf die Stelle durch den Blick seines Auges. Dann begann er seine Erzählung, so friedlich und seelenruhig, als lägen wir alle behaglich auf einer blumigen Sommerwiese ausgestreckt, anstatt um Mitternacht vom Wintersturm durchblasen zu werden.
»Ich will Ihnen von dem Mann erzählen: es war zur Zeit des Präsidenten Jackson und Gadsbys das erste Hotel der Stadt. -- Eines Morgens um 9 Uhr kam dort ein prächtiger vierspänniger Wagen vorgefahren; auf dem Bock saß ein schwarzer Kutscher und ein wunderschöner großer Hund lief nebenher. Wirt, Kellner und Hausknecht stürzten herbei, den neuen Ankömmling zu empfangen. Dieser, ein Herr aus Tennessee, sprang eiligst heraus, befahl dem Kutscher zu warten, sagte, er habe keine Zeit, erst noch etwas zu essen, -- er wolle nur eine kleine Schuldforderung bei der Regierung einkassieren und daher schnell auf das Schatzamt gehen, um das Geld zu holen; dann müsse er direkt wieder nach Tennessee zurück, da er große Eile habe.
Um 11 Uhr abends kam er wieder, ließ die Pferde in den Stall bringen, bestellte ein Zimmer und meinte, er werde die Forderung am nächsten Morgen einkassieren. Dies geschah an einem Mittwoch, den 3. Januar 1834. Am 5. Februar verkaufte er den schönen Wagen und schaffte sich einen billigen, schon gebrauchten an; -- er meinte, darin könne er das Geld ebenso gut mitnehmen, und auf vornehmes Aussehen lege er kein Gewicht. Am 11. August verkaufte er das eine Paar Pferde, indem er bemerkte, es sei doch bequemer mit zwei Pferden über das steile Gebirge zu fahren, weil dabei große Vorsicht nötig sei; auch werde das Geld, das er bekäme, nicht zu schwer für einen Zweispänner sein. Am 13. Dezember verkaufte er das dritte Pferd und meinte, jetzt bei dem klaren trockenen Winterwetter seien die Straßen in so gutem Zustand, daß _ein_ Pferd das alte Fuhrwerk schnell genug vorwärts bringen könne. -- Am 17. Februar 1835 verkaufte er den alten Wagen und schaffte sich einen leichten Einspänner an, den er billig bekam. Er meinte, die Wege seien jetzt vom Frühlingsregen so aufgeweicht, daß jedes andere Gefährt zu tief einsinken würde, auch habe er schon immer gern versuchen wollen, wie es sich in einem Einspänner über die Berge fahren lasse. -- Am 1. August vertauschte er den Einspänner gegen eine kleine Chaise, die schon lange im Gebrauch war, und meinte, er freue sich ordentlich darauf, wie seine lieben Landsleute in Tennessee Mund und Augen aufsperren würden, wenn er in einer Chaise dahercarriolt käme, so etwas hätten sie gewiß ihr Lebtag nicht gesehen.
Am 29. August verkaufte er auch seinen schwarzen Kutscher und meinte, auf seiner Chaise sei ja gar nicht Platz für zwei, da könne er keinen Kutscher brauchen, -- es sei ein reiner Glücksfall, daß er einen Käufer gefunden, der dumm genug gewesen, 900 Dollars für einen Neger von so zweifelhafter Qualität zu bezahlen, -- er sei den Kerl längst gern los gewesen, habe ihn aber doch nicht um ein Spottgeld hergeben mögen.
Anderthalb Jahre später, am 15. Februar 1837, verkaufte er die Chaise, schaffte sich einen Sattel an und meinte, der Doktor habe ihm schon mehrmals gesagt, wie gut ihm das Reiten bekommen würde, außerdem würde es ja die reinste Thorheit sein, mitten im Winter eine Fahrt durch das Gebirge zu riskieren.
Am 9. April verkaufte er den Sattel und meinte, bei den schmutzigen schlechten Wegen im April sei so ein Sattel doch ein erbärmliches Ding, mit dem alle Augenblicke etwas passieren könne; auf dem Pferderücken fühle er sich noch einmal so sicher, und warum solle er sein Leben unnütz aufs Spiel setzen?
Am 24. April verkaufte er sein Pferd und meinte: ›Heute ist gerade mein siebenundfünfzigster Geburtstag, -- ich bin gesund und frisch und kann mir nichts Angenehmeres denken, als eine Fußtour über die Berge, in ihrem jungen Frühlingsgrün; es wäre eine wahre Sünde, wenn ich die Gelegenheit dazu versäumte, um bei dem herrlichen Wetter aufs Pferd zu steigen! Wenn meine Forderung einkassiert ist, kann ja der Hund das kleine Bündel mit Leichtigkeit tragen. Morgen in aller Frühe will ich mich aufmachen und nach einem donnernden Lebewohl bei Gadsbys auf Schusters Rappen nach Tennessee marschieren.‹
Am 22. Juni verkaufte er seinen Hund und meinte: ›Wenn man so im Sommer durch Berg und Wald schweift, ist einem ja ein Hund überall im Wege, er jagt nach Eichhörnchen, bellt Tier und Menschen an, verläuft sich bald hier, bald dort, gerät in Bäche und Pfützen und läßt einen keinen Augenblick die schöne Natur in Ruhe genießen! Wenn ich mein Geld selber trage, ist es ohnehin viel sicherer. Auf einen Hund ist in Geldsachen kein Verlaß, -- das weiß man aus Erfahrung! Na, lebt wohl, alte Jungens, -- dies ist mein letzter Besuch, -- morgen mit dem frühesten bin ich über alle Berge und auf festen Sohlen nach Tennessee unterwegs!‹« --
* * * * *
Es entstand eine Pause, -- nur der Wind heulte, und der Schnee fiel in dichten Flocken. Endlich sagte Lykins ungeduldig:
»Nun, und was weiter?«
Riley versetzte:
»Ja, -- das war vor dreißig Jahren!«
»Gut, gut, -- aber was soll das?« --
»Der alte Herr ist mein guter Freund, er besucht mich jeden Abend, um Abschied zu nehmen. Vor einer Stunde war er bei mir und morgen früh macht er sich nach Tennessee auf -- wie gewöhnlich, -- er meinte, er werde seine Forderung einkassiert haben und auf und davon sein, ehe solche Nachteulen, wie ich, sich den Schlaf aus den Augen reiben. Er hatte Thränen in den Augen vor Freude, daß er nun bald seine alte Heimat und seine Freunde wiedersehen werde!« --
Es folgte eine abermalige Pause, die der Fremde unterbrach:
»Ist die Geschichte zu Ende?«
»Ja, das ist alles!«
»Sie war auch lang genug, bei dieser Nachtzeit und in solchem Wetter. Aber was wollen Sie denn damit sagen?«
»O, nichts Besonderes!«
»Ich meine, was soll sie eigentlich bedeuten?«
»Eine besondere Bedeutung hat sie nicht, -- ich dachte nur so, daß, wenn Sie nicht in gar zu großer Eile sind, mit Ihrer Anstellung als Postmeister nach San Francisco zurückzukommen, so würde ich Ihnen raten, bei Gadsbys abzusteigen, und sich Zeit zu nehmen. Leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen recht viel Glück!«
Dabei wandte sich Riley mit freundlicher Miene zum Gehen und ließ den verblüfften Schullehrer regungslos unter der Straßenlaterne stehen, die ihren hellen Schein auf den von Schneeflocken ganz weißen Mann warf. --
Die Postmeisterstelle hat er aber nie erhalten.
Die Geschichte des Invaliden.
Ich sehe aus wie ein verheirateter Sechziger; es ist die Folge meiner angegriffenen und durch Leiden mitgenommenen Gesundheit; in Wirklichkeit bin ich Junggeselle und erst einundvierzig Jahre alt. Sie werden es kaum glauben können, daß ich, jetzt einem Schatten gleichend, vor kaum zwei Jahren noch frisch und gesund war -- ein Mann von Eisen, ein wahrer Athlet! -- und doch ist es die reine Wahrheit. Noch seltsamer aber ist die Art und Weise, wie ich meine Gesundheit einbüßte. Ich verlor sie, weil ich einst in einer Winternacht, während einer Eisenbahnfahrt von fünfzig Meilen, auf eine Kiste mit Gewehren achtgeben half. Ich will Ihnen die ganze Geschichte erzählen.
Ich bin zu Cleveland, Staat Ohio, zu Hause. Vor zwei Jahren kam ich einmal beim Anbruch der Nacht während eines heftigen Schneesturms heim und erfuhr, sobald ich ins Haus trat, daß mein liebster Jugendfreund und Schulkamerad, John B. Hackett, tags vorher gestorben war; sein letzter Wunsch sei gewesen, ich möge seine sterblichen Ueberreste zu seinen armen, alten Eltern nach Wisconsin geleiten. Ich war sehr erschüttert und bekümmert, durfte aber keine Zeit mit Gemütsbewegungen verlieren; ich mußte sogleich aufbrechen. Ich steckte die Karte, auf welcher ›Dekan Levi Hackett, Bethlehem, Wisconsin‹ stand, zu mir und eilte durch den heulenden Sturm der Bahnstation zu. Dort angelangt, fand ich die lange weißtannene Kiste vor, die mir beschrieben worden war. Ich befestigte die Karte mit einigen Stiften daran, überzeugte mich, daß die Kiste sicher in einem Expreßwagen untergebracht wurde, und eilte dann in das Speisezimmer, um mich mit einem belegten Butterbrot und einigen Cigarren zu versorgen. Als ich herauskam, stand meine Sargkiste wieder da und ein junger Mensch machte sich mit einer Karte, einigen Stiften und einem Hammer in der Hand, daran zu schaffen. Ich war erstaunt und verblüfft. Er begann seine Karte anzunageln und ich eilte ziemlich aufgeregt hinaus zu dem Expreßwagen, um eine Erklärung zu verlangen. Aber siehe -- da war ja meine Kiste, sie lag im Güterwagen genau auf dem alten Fleck.
[Thatsächlich hatte eine großartige Verwechslung stattgefunden, ohne daß ich etwas davon ahnte. Ich nahm die Kiste mit Gewehren mit, welche jener junge Mann an eine Schützengesellschaft in Peoria in Illinois abliefern sollte, während _er_ mit dem meiner Obhut anvertrauten Leichnam abreiste!]
Ich hatte mich kaum überzeugt, daß meine Kiste da war, als der Kondukteur rief: »Einsteigen!« Ich sprang rasch in den Packwagen und machte mir einen bequemen Sitz auf einem Ballen zurecht. In demselben Wagen fuhr der Güterschaffner, ein biederer Mann in den Fünfzigern, mit offenem, ehrlichem, gutmütigem Gesicht. Er hatte alle Hände voll zu thun. Als der Zug abfuhr, sprang ein Fremder an den Wagen und legte einen Pack mit besonders reifem und kräftigem Limburger Käse auf das eine Ende meiner vermeintlichen Sargkiste. Das heißt, ich weiß jetzt, daß es Limburger Käse war, damals aber war mir der Inhalt des Packets unbekannt. Wir flogen eilig dahin durch die rauhe Nacht, der Sturm tobte fort. Eine große Niedergeschlagenheit bemächtigte sich meiner, mein Herz wurde schwerer und immer schwerer. Der alte Schaffner machte ein paar heitere Bemerkungen über den Sturm und das Nordpolwetter, schloß die Schiebethüren und Fenster recht dicht und ging dann geschäftig und ein Liedchen summend hin und her, indem er das Gepäck zurechtsetzte. Bald fiel mir auf, daß sich ein äußerst übler, durchdringender Geruch in der eiskalten Atmosphäre des Wagens verbreitete; das machte mich noch niedergeschlagener, weil ich es natürlich meinem armen abgeschiedenen Freunde zuschrieb. Es lag etwas tief Trauriges darin, daß er sich mir in dieser stummen, pathetischen Weise ins Gedächtnis zurückrief, und so konnte ich nur mit Mühe die Thränen zurückhalten; nebenbei war ich auch besorgt, der alte Schaffner könne etwas merken. Er summte indessen ruhig weiter. Trotzdem fühlte ich mich mit jeder Minute unbehaglicher, denn der Geruch wurde immer stärker, schon mehr ~hautgoût~. Nachdem der Schaffner alles zu seiner Zufriedenheit geordnet hatte, holte er einen Arm voll Holz und heizte in seinem Ofen tüchtig ein. Das that mir über die Maßen leid; denn ich war überzeugt, daß die Wärme eine schädliche Wirkung auf meinen armen abgeschiedenen Freund ausüben müsse. Thompson -- der Schaffner hieß Thompson, wie ich im Laufe der Nacht erfuhr -- ging jetzt die Wände betastend im Wagen umher, verstopfte alle Löcher und Ritzen, und bemerkte vergnügt, es möge nun draußen Wetter sein, welches es wolle, er werde es uns schon behaglich machen. Ich sagte nichts, zweifelte aber, ob er es richtig anfing. In einer Weile wurde der Ofen immer heißer und die Luft immer schwüler. Ich fühlte, daß mir übel und weh wurde, trug aber mein Leid im stillen und sagte nichts. Bald bemerkte ich, daß das Summen des Schaffners immer schwächer wurde, endlich hörte es ganz auf, und es herrschte eine unheimliche Stille. Nach einigen Augenblicken sagte Thompson:
»Pfui! na, Zimmetholz war’s nicht, was ich in den Ofen steckte!«
Er schnappte ein paarmal nach Luft, schritt dann auf die Kiste zu, stand einen Augenblick ganz nahe bei dem Limburger, ging dann wieder weg und setzte sich, augenscheinlich stark ›verschnupft‹ neben mich. Nach einigem Besinnen sagte er, mit dem Finger auf die Kiste zeigend:
»Freund von Ihnen?«
»Ja,« sagte ich mit einem Seufzer.
»Ziemlich reif, wie’s scheint!«
Etwa zwei Minuten lang wurde nichts weiter gesagt, da jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war; dann sagte Thompson in leisem, friedlichem Tone:
»Manchmal weiß man nicht recht, ob sie ganz hinüber sind; es scheint oft nur so, wenn man sie anfühlt. Habe Fälle in meinem Wagen gehabt, besonders während des Krieges, -- ich sag’ Ihnen, schauderhaft! Jeden Augenblick konnte man erwarten, daß sich so einer erhob und einen anglotzte.« Dann fügte er nach einer Pause hinzu, indem er mit dem Ellenbogen nach der Kiste zeigte: »Na, der da ist nicht scheintot! Für den stehe ich ein.«
Wir saßen einige Zeit schweigend und nachdenklich da, lauschten dem Sausen des Windes und dem Gerassel des Bahnzugs; dann sagte Thompson gefühlvoll: