Part 19
Natürlich zweifelte ich keinen Augenblick, daß der Sturm einzig und allein Dutchys wegen ausgebrochen sei; daß er, oder irgend ein anderes gleich unbedeutendes Wesen, einer so erhabenen Kundgebung aus der Höhe nicht wert sei, kam mir nicht von fern in den Sinn. Mich beunruhigte nur die Lehre, die ich daraus ziehen mußte. Wenn ›Dutchy‹, trotz all seiner Tugend, nicht Gnade fand, so war es für mich ein ganz vergebliches Bemühen, ein neues Leben anzufangen, ich konnte ja nun und nimmermehr hoffen, so vortrefflich zu werden wie er. Dennoch schien es mir rätlich, den Versuch der Besserung zu machen. Als nun aber Tage voll Sonnenschein und Heiterkeit folgten, hatte ich alle guten Vorsätze vergessen noch ehe ein Monat um war, und fühlte mich in meiner sündhaften Verstocktheit so behaglich wie je zuvor.
* * * * *
Während ich mir jene alten Erlebnisse ins Gedächtnis zurückrief und allerlei Betrachtungen daran knüpfte, war die Frühstücksstunde herbeigekommen. Ich versetzte mich wieder in die Gegenwart zurück und ging den Hügel hinunter.
Auf dem Wege nach dem Hotel kam ich auch an dem Hause vorbei, das wir zu meiner Knabenzeit bewohnten. Seine jetzigen Insassen sind heutzutage nicht mehr wert als ich, aber zu jener Zeit hätten sie mindestens fünfhundert Dollars die Person gegolten. Es waren nämlich Farbige.
Nach dem Frühstück ging ich aus, um einige Sonntagsschulen zu besichtigen und die Leistungen ihrer jetzigen Zöglinge mit denen meiner damaligen Mitschüler zu vergleichen. Die Kinder waren besser gekleidet und sahen sauberer aus als wir vor Zeiten und ihr Anblick rührte mich tief. Es waren ja die Abkömmlinge jener Knaben und Mädchen, die ich vor vielen, vielen Jahren von ganzem Herzen geliebt oder von ganzem Herzen gehaßt hatte; sie saßen jetzt auf deren Plätzen -- wo aber waren jene hingekommen?
Ich wollte, der kahlköpfige Inspektor, der zu meiner Zeit ein flachshaariger Sonntagsschüler war, hätte mich nicht erkannt und mich ruhig meine Beobachtungen anstellen lassen. Statt dessen mußte ich nun den Kindern eine Ansprache halten, und für unvorbereitete Reden habe ich gar kein Talent. Ich konnte mich auch im Augenblick durchaus nicht auf das sinnlose Geschwätz besinnen, mit dem die Besucher meine Ohren zu beleidigen pflegten, als ich noch Schüler war. Schade! denn hätte ich so recht salbungsvoll reden können, so würde ich Zeit gewonnen haben, mir die frischen, jungen Gesichter, die da vor mir aufgereiht saßen, noch länger anzusehen.
Der eigentliche Musterknabe schien mir aber nicht darunter zu sein. Der Musterknabe, den wir damals hatten -- mehr als einen hat es nie gegeben -- war völlig fehlerlos; fehlerlos im Benehmen, im Anzug, im Lebenswandel, im kindlichen Gehorsam, in äußerer Frömmigkeit; aber im Grunde war er ein eingebildetes Bürschchen und hatte so wenig Grütze im Kopf, daß man ihm ruhig statt des Schädels einen Kürbis hätte aufsetzen können, ohne daß jemand den Unterschied bemerkt hätte. Die Untadeligkeit dieses Jungen war für die ganze Jugend des Städtchens ein immerwährender Vorwurf. Alle Mütter bewunderten ihn und von allen ihren Söhnen wurde er verabscheut. Man hat mir auch gesagt, was aus ihm geworden ist, es war aber das Gegenteil von dem, was ich erwartete, daher will ich alle weiteren Einzelheiten verschweigen und nur erwähnen, daß er sein Glück in der Welt gemacht hat.
Drei Tage lang blieb ich in der Stadt und wachte jeden Morgen mit der Ueberzeugung auf, daß ich noch ein Knabe sei, denn in meinen Träumen waren alle Gesichter wieder jung und sahen gerade so aus, wie in den vergangenen Zeiten. Abends aber, wenn ich zu Bette ging, kam ich mir mindestens hundert Jahre alt vor, denn inzwischen hatte ich mich zur Genüge davon überzeugt, wie jene Gesichter in Wirklichkeit aussahen.
Bis ich mich an den neuen Stand der Dinge gewöhnt hatte, fiel ich immer aus einer Ueberraschung in die andere. Ich begegnete jungen Damen, die sich gar nicht verändert zu haben schienen, aber es stellte sich bald heraus, daß sie die Töchter meiner damaligen Bekannten waren oder auch ihre Enkelinnen. Wenn man uns sagt, daß eine fremde Dame von fünfzig Jahren Großmutter ist, so wundert uns das gar nicht; hat man sie aber als kleines Mädchen gekannt, so scheint es unmöglich. Wie kann ein kleines Mädchen eine Großmutter sein? -- Es ist gar nicht leicht, sich die Thatsache klar zu machen, daß wir nicht _allein_ alt werden, sondern unsere Zeitgenossen darin mit uns gleichen Schritt halten.
Die größte Veränderung fand ich bei den Frauen, weit weniger bei den Männern. Diese schienen in dreißig Jahren nicht viel gealtert zu sein; aber ihre Frauen waren alt geworden -- wenigstens die braven. Brav zu sein ist sehr angreifend, es erhält nicht jung.
Die Stadt Hannibal hat sich nicht weniger umgewandelt als ihre Bewohner. Sie ist sehr ansehnlich geworden, hat einen Bürgermeister, einen Gemeinderat, Gas- und Wasserleitung und wahrscheinlich Schulden. Die Zahl ihrer Einwohner beträgt 15,000; überall herrscht rege Thätigkeit und Gedeihen; auch das Pflaster ist nicht schlechter wie in andern Städten des Westens und Südens, wo eine gut gepflasterte Straße und bequeme Bürgersteige etwas so Seltenes sind, daß man seinen Augen nicht traut, wenn man sie einmal zu sehen bekommt. Hannibal ist jetzt auch der Knotenpunkt von einem halben Dutzend Eisenbahnlinien und besitzt einen neuen Bahnhof, der 100,000 Dollars gekostet hat. Ich ging auch nach der Bärenbucht, die wahrscheinlich so heißt, weil sich nie ein Bär dorthin verirrt hat; sie ist jetzt mit Bergen von Nutzholz förmlich zugebaut. Dort pflegte ich jeden Sommer regelmäßig ins Wasser zu fallen, aber immer kam irgend ein Mensch vorbei, holte mich heraus, pumpte mir Luft ein und brachte mich wieder auf die Beine. Jetzt ist von der ganzen Bucht nicht mehr so viel übrig, daß jemand darin ertrinken kann.
III.
»Erinnern Sie sich noch, wie Jimmy Finn, der Stadttrunkenbold, im Stockhaus verbrannte?« fragte mich ein Bürger meines Heimatortes, mit dem ich mich in ein Gespräch einließ.
Es ist doch merkwürdig, wie eine Geschichte im Laufe der Zeit durch das schlechte Gedächtnis der Menschen verfälscht wird! Finn verbrannte nämlich nicht im Stockhaus, sondern starb eines natürlichen Todes in einem Lohfaß, an einer Kombination von ~Delirium tremens~ und Selbstverbrennung. Wenn ich sage eines natürlichen Todes, so meine ich damit, daß es für Jimmy Finn ein natürlicher Tod war. Das Stadthausopfer war gar kein Einheimischer, sondern ein armer Fremder, ein harmloser Landstreicher und Schnapssäufer. Ich kenne seinen Fall genauer als sonst jemand; ja, es gab eine Zeit, wo ich mehr davon wußte als mir lieb war und ich mich hütete, davon zu sprechen. Jener Landstreicher wanderte, eine Pfeife im Munde, eines kühlen Abends in den Straßen umher und bat um ein Zündholz; er bekam weder Zündholz noch sonstige Aufmerksamkeiten -- im Gegenteil: ein Trupp böser kleiner Buben folgte ihm auf den Fersen und vergnügte sich damit, ihn zu necken und zu ärgern. Ich war auch dabei, aber eine flehentliche Bitte um Schonung, die der Wanderer stellte und mit einem eindringlichen Hinweis auf seine verlassene und freundlose Lage begleitete, rührte den Rest von Schamgefühl und richtiger Empfindung in mir: ich ging fort, holte ihm einige Streichhölzchen und eilte dann nach Hause und zu Bette, schwer belastet im Gewissen und in nicht sehr gehobener Stimmung. Ein paar Stunden später wurde der Mann arretiert und von dem Marschall -- ein großer Name für einen Polizeidiener, aber das war sein Titel -- in das Stockhaus gesperrt. Um zwei Uhr des Morgens verkündeten die Kirchenglocken Feuer, und alles verließ natürlich die Häuser -- ich mit den übrigen. Der Landstreicher hatte seine Zündhölzchen in verderblicher Weise gebraucht: er hatte seinen Strohsack angezündet, und die Flamme hatte die eichene Vertäfelung des Zimmers ergriffen. Als ich den Platz erreichte, standen zweihundert Männer, Frauen und Kinder, von Entsetzen durchdrungen, dicht beisammen und starrten auf die vergitterten Kerkerfenster. Hinter den Eisenstäben, an denen er wie rasend zerrte, stand der Landstreicher und schrie um Hilfe. Er sah aus wie ein schwarzer Fleck, der sich von der Sonne abhebt, so weiß und intensiv war das Licht hinter seinem Rücken. Der Marschall war nicht zu finden, und er besaß den einzigen Schlüssel. Rasch wurde ein Mauerbrecher improvisiert, und der Donner seiner Stöße gegen die Thür tönte so ermutigend, daß die Zuschauer in wildes Jauchzen ausbrachen und die barmherzige That schon gelungen glaubten. Aber dem war nicht so. Die Balken waren zu stark; sie gaben nicht nach. Man sagte, daß der Mann noch im Tode die Eisenstäbe fest umklammert hielt und daß das Feuer ihn in dieser Stellung umhüllte und verzehrte. Ich selbst weiß nichts Bestimmtes darüber.
Ich sah sein Gesicht in jener oben beschriebenen Stellung eine lange Zeit nachher noch jede Nacht; und ich glaubte mich so schuldig an dem Tode des Mannes, als ob ich ihm die Streichhölzchen absichtlich gegeben hätte, damit er sich damit verbrennen sollte. Ich zweifelte nicht im geringsten, daß ich gehängt werden würde, falls etwa meine Beteiligung an dieser Tragödie zu Tage käme. Die Ereignisse und Eindrücke jener Zeit sind unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn jemand von jener gräßlichen Geschichte sprach, war ich augenblicklich ganz Ohr und lauschte gierig auf jedes Wort, denn ich erwartete und fürchtete stets zu entdecken, daß man mich beargwöhne; so fein und empfindlich war die Wahrnehmungsgabe meines schuldigen Gewissens, daß es oft in den unverfänglichsten Aeußerungen einen Verdacht entdeckte, sogar in Mienen, Gebärden und Blicken, die keine Bedeutung hatten, die mich aber trotzdem mit panischem Schrecken erfüllten und von dannen jagten. Wenn jemand (und wäre es auch höchst sorg- und absichtslos gewesen) die Bemerkung fallen ließ: »Der Mord muß endlich ans Licht kommen,« so machte mich das ganz elend. Für einen Knaben von zehn Jahren trug ich schon ein hübsch gewichtiges Sorgenbündel.
Während dieser ganzen Zeit dachte ich glücklicherweise nicht daran, daß ich die Gewohnheit hatte, im Schlafe zu sprechen. Eines Nachts aber erwachte ich und sah, daß mein Schlafkamerad -- mein jüngerer Bruder -- aufrecht im Bette saß und mich beim Mondscheine betrachtete. Ich sagte:
»Was hast du denn?« --
»Du plauderst so viel, daß ich nicht schlafen kann.«
Ich richtete mich augenblicklich im Bette auf. Mein Puls stockte und die Haare standen mir zu Berge.
»Was hab’ ich denn gesagt? Rasch -- heraus damit -- was hab’ ich gesagt?«
»Nichts Besonderes.«
»Das ist eine Lüge -- du weißt alles.«
»Alles --? Wovon denn? worüber?«
»Du weißt es recht gut: _davon_.«
»Wovon? -- ich weiß nicht, wovon du redest. Ich glaube, du bist krank oder nicht bei Sinnen oder sonst ’was. Nun, jedenfalls bist du jetzt wach, und ich will versuchen, ob ich wieder einschlafen kann.«
Er schlief sofort ein, während ich in kaltem Schweiß gebadet dalag. Der Schreck hatte mich beinahe gelähmt und ich war keines andern Gedankens mehr fähig als: ›Wieviel habe ich enthüllt?‹ ›Wieviel weiß er?‹ -- Welche Qual war diese Ungewißheit! Nach und nach aber entwickelte sich eine Idee in mir -- ich wollte meinen Bruder aufwecken und ihn mit einem unterschobenen Fall auf die Probe stellen. Ich schüttelte ihn wach und sagte:
»Angenommen, ein Mann käme betrunken zu dir --«
»Das ist Unsinn -- ich betrinke mich nie.«
»Ich meine nicht dich, du Dummkopf -- ich meine den Mann. Angenommen ein _Mann_ käme betrunken zu dir und borgte ein Messer oder einen Tomahawk oder ein Pistol, und du vergäßest ihm zu sagen, daß es geladen sei, und -- --«
»Wie kannst du einen Tomahawk laden?«
»Ich meine nicht den Tomahawk und sagte es auch nicht, ich sagte das Pistol. Und nun unterbrich mich nicht fortwährend in dieser Weise, denn die Sache ist ernst. Es ist ein Mann getötet worden.«
»Was! in unserer Stadt?«
»Ja, in unserer Stadt.«
»Nun, fahre fort -- ich will kein einziges Wort mehr sagen.«
»Nun also: angenommen, du vergäßest, ihm zu sagen, er solle sorgfältig damit umgehen, weil es geladen sei, und er ginge nun hin und erschösse sich mit jenem Pistol -- indem er damit spielt, weißt du, und wahrscheinlich zufällig, da er betrunken ist. Nun, wäre das ein Mord?«
»Nein, -- ein Selbstmord.«
»Nein, nein. Ich meinte nicht seine That, sondern _deine_: wärest du ein Mörder, weil du ihm jenes Pistol gabst?«
Nach tiefem Nachdenken erfolgte die Antwort:
»Nun, es scheint mir, als hätte ich mich dann schuldig gemacht -- des Mordes, vielleicht -- ja, wahrscheinlich des Mordes, aber ich weiß nicht recht.«
Das machte mich sehr unruhig; indessen war es doch kein entscheidendes Urteil. Ich mußte ihm am Ende die wahre Sachlage erzählen -- es schien kein anderer Ausweg vorhanden. Aber ich wollte es vorsichtig thun und begann also:
»Ich habe das vorigemal einen Fall ersonnen, aber jetzt komme ich zu dem wirklichen. Weißt du, wie es kam, daß der Mann im Stockhaus verbrannte?«
»Nein.«
»Hast nicht die geringste Idee davon?«
»Nicht die geringste.«
»Willst auf der Stelle sterben, wenn’s nicht so ist?«
»Ja, will auf der Stelle sterben.«
»Nun, die Sache war so. Der Mann verlangte Streichhölzchen, um seine Pfeife anzuzünden. Ein Knabe holte sie ihm; der Mann zündete mit eben diesen Streichhölzchen das Stockhaus an und verbrannte sich selbst.«
»Ist das so?«
»Ja, es ist so. Glaubst du nun, daß jener Knabe ein Mörder ist?«
»Das kommt darauf an. -- Der Mann war betrunken?«
»Ja, er war betrunken.«
»Stark betrunken?«
»Ja.«
»Und der Knabe wußte es?«
»Ja, er wußte es.«
Es folgte eine lange Pause, dann wurde das harte Urteil verkündigt:
»Wenn der Mann betrunken war und der Knabe es _wußte_, so hat der Knabe jenen Mann ermordet. Das ist sicher.«
Durch alle Fibern meines Körpers schlich sich ein Gefühl, als müßte ich krank und ohnmächtig umsinken; es war mir wie einem Menschen zu Mute, dem sein Todesurteil verkündet wird. Ich wartete, um zu hören, was mein Bruder weiter sagen würde; mir ahnte, was es sein würde, und ich täuschte mich nicht. Er sagte:
»Ich kenne den Knaben.«
Ich hatte nichts zu sagen, und so schwieg ich. Ich schauderte einfach. Dann fügte er hinzu:
»Ja, ehe du die Geschichte halb erzählt hattest, wußte ich ganz genau, wer der Knabe war; es war Ben Coontz!«
Ich raffte mich aus meiner Betäubung empor, wie einer, der vom Tode aufersteht, und sagte verwundert:
»Ei, wie in aller Welt hast du das erraten?«
»Du hast es im Schlafe gesagt.«
Ich dachte bei mir selbst: »Famos! Das ist eine Gewohnheit, die gepflegt werden muß.«
Mein Bruder plapperte unschuldig weiter:
»Als du im Schlafe sprachst, murmeltest du immerwährend etwas von Streichhölzchen, woraus ich nicht klug werden konnte; eben jetzt aber, als du mir von dem Manne und den Streichhölzchen und dem Stockhaus zu erzählen begannst, erinnerte ich mich, daß du Ben Coontz zwei- oder dreimal erwähntest; und so setzte ich mir denn dies und jenes zusammen -- siehst du -- und wußte so augenblicklich, daß Ben den Mann verbrannt hat.«
Ich lobte seinen Scharfsinn über die Maßen, und er fragte mich dann:
»Willst du ihn dem Gericht überliefern?«
»Nein,« sagte ich; »ich glaube, daß er sich die Lektion zu Herzen nehmen wird. Ich werde natürlich ein Auge auf ihn haben, denn das gehört sich; aber wenn er in sich geht und sich bessert, soll man nie sagen, daß ich ihn verraten habe.«
»Wie gut du bist!«
»Das nicht, aber ich strebe danach; mehr kann man in dieser Welt nicht thun.«
Und jetzt, da meine Bürde auf andere Schultern gewälzt war, schwanden meine Sorgen und Befürchtungen wie Butter an der Sonne.
Ritters Geschichte.
Gegen Ende des Jahres 186-- brachte ich einige Monate in München zu. Im November war ich bei Fräulein Dahlweiner, Karlsstraße 1 ~a~, in Kost; meine Wohnung aber befand sich ein halbes Stündchen von dort entfernt, im Hause einer Witwe, welche an ledige Herren Zimmer vermietete und wo ich Gelegenheit fand, mich in der deutschen Sprache zu üben.
Eines Tages, während einer Wanderung durch die Stadt, besuchte ich eines der zwei Gebäude, wo die Obrigkeit die Leichname aufbewahrt und überwachen läßt, bis die Aerzte entscheiden, daß sie wirklich tot und nicht scheintot sind. Es war ein schauerlicher Ort, jener geräumige Saal. Mit den Rücken auf schrägen Brettern ausgestreckt, lagen sechsunddreißig Leichname von Erwachsenen in drei langen Reihen -- alle mit wachsbleichen, starren Gesichtern, alle in weiße Leintücher gehüllt. An den Seiten des Saales waren tiefe Nischen, wie Bogenfenster, und in jeder lagen marmorbleiche Kinder, im ganzen vierzehn, -- gänzlich verborgen und begraben unter Blumen; nur die Gesichter und die gekreuzten Hände waren zu sehen. Jede dieser fünfzig stillen Formen, groß und klein, hatte an einem Finger der rechten Hand einen Ring, von dem ein Draht zur Decke und von da zu einer Glocke in ein Wachtzimmer drüben ging, wo Tag und Nacht ein Wächter saß, um zur Hilfe herbeizueilen, sobald einer von jener bleichen Gesellschaft aus dem Todesschlaf erwachen und eine Bewegung machen sollte -- denn jede, selbst die leiseste Bewegung bringt Draht und Glocke in Thätigkeit. Ich versetzte mich unwillkürlich in die Lage solch eines Totenwächters, der in einer stürmischen, finstern Nacht plötzlich aus dem Halbschlummer durch den Klang jenes unheimlichen Signals aufgeschreckt und bis ins tiefste Mark erschüttert wird. Wie -- so fragte ich mich -- wenn der Wächter beim Anblick des lebendig gewordenen Toten von einem Schlag getroffen würde? -- und wenn dann der Mann, der eben noch ein Leichnam gewesen, seinem Totenwärter, der jetzt selbst im Verscheiden ist, liebreich Beistand leistete? Aber ich machte mir Vorwürfe, an einem so feierlichen und traurigen Orte meine Phantasie mit so thörichten Fragen zu beschäftigen, und schlich von dannen.
Am nächsten Morgen erzählte ich der Witwe von meinem Besuch, worauf sie ausrief:
»Kommen Sie mit! Ich habe einen Zimmerherrn, der früher Leichenwärter dort war; der kann Ihnen über alles Auskunft geben.«
Er lag im Bette und sein Kopf war hoch auf Polster gebettet; sein Gesicht war abgezehrt und farblos; seine tief eingesunkenen Augen geschlossen; seine auf der Brust ruhende Hand sah aus wie eine Kralle, so knochig und langfingerig war sie. Die Witwe machte uns mit einander bekannt. Die Augen des Kranken öffneten sich langsam und funkelten grimmig aus ihren Höhlen; er runzelte finster die Stirne, erhob seine magere Hand und winkte uns gebieterisch weg. Die Witwe aber ließ sich dadurch nicht irre machen und sagte ihm, daß ich ein Fremder, ein Amerikaner sei. Das Gesicht des Kranken änderte sofort seinen Ausdruck, hellte sich auf und verriet eine lebhafte Neugierde; -- im nächsten Augenblicke waren er und ich allein beisammen.
Ich begann in schwerfälligem Deutsch; er antwortete in fließendem Englisch; darauf ließen wir die deutsche Sprache fallen.
Dieser Schwindsüchtige und ich wurden gute Freunde. Ich besuchte ihn jeden Tag, und wir plauderten über alles Mögliche -- ausgenommen Weiber und Kinder. Sobald jemands Weib oder Kind erwähnt wurde, erfolgte stets dreierlei: in den Augen des Mannes glänzte einen Moment das freundlichste, zärtlichste und liebevollste Licht; im nächsten Augenblick verschwand es und an seiner Stelle erschien jener grimmige Blick, den ich bemerkt hatte, als ich ihm zuerst in die Augen sah; und drittens enthielt er sich von nun an den ganzen Tag über gänzlich der Rede, lag schweigend, geistesabwesend und wie in Gedanken versunken da, nahm von meinem ›Adieu‹ keinerlei Notiz und sah und hörte offenbar nicht, wie ich das Zimmer verließ.
Als ich so zwei Monate lang der tägliche und einzige Vertraute Karl Ritters gewesen war, sagte er eines Tages plötzlich:
»Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen!«
Das Bekenntnis eines Sterbenden.
»Ich habe nie weichgegeben, bis jetzt. Nun aber ist’s aus mit mir. Ich muß sterben und zwar bald. Sie bemerkten, daß Sie demnächst wieder an den Mississippi zurückzukehren gedächten; -- dies zusammen mit einem seltsamen Erlebnis der letzten Nacht hat mich zu dem Entschluß gebracht, Ihnen meine Geschichte zu erzählen -- denn Sie werden nach Napoleon in Arkansas kommen, und ich bitte Sie um meinetwillen, dort anzuhalten und etwas für mich zu thun -- Sie werden es gewiß gern thun, wenn Sie meine Erzählung gehört haben.
»Ich werde die Geschichte abkürzen, wo ich kann; es ist notwendig, denn sie ist lang. Sie wissen bereits, wie ich dazu kam, nach Amerika zu gehen und mich in jener einsamen Gegend im Süden niederzulassen; aber Sie wissen nicht, daß ich Weib und Kind hatte. Meine Frau war jung, schön, liebevoll und o! so göttlich gut, tugendhaft und edel! Und unser kleines Mädchen war die Mutter im kleinen. Wir waren die glücklichste aller glücklichen Familien.
»Einstmals in der Nacht -- es war gegen das Ende des Krieges -- erwachte ich aus einer dumpfen Betäubung und fand, daß ich gebunden und geknebelt und die Luft mit Chloroform geschwängert war! Ich sah zwei Männer im Zimmer, von denen der eine dem andern in heiserem Ton zuflüsterte: ›Ich _sagte_ ihr, ich thue es, wenn sie Lärm mache, und was das Kind anbelangt, so -- --‹
»Der andere unterbrach ihn mit leiser, weinerlicher Stimme:
»›Du sagtest, wir wollten sie nur knebeln und berauben, aber nicht umbringen; sonst wäre ich nicht mitgegangen.‹
»›Hör’ auf mit dem Gewinsel,‹ entgegnete der erstere, ›ich _mußte_ ja den Plan ändern, als sie aufwachten; du hast gethan, was du zu ihrem Schutze thun konntest, das laß dir genügen; und nun komm und hilf mir alles durchstöbern.‹
»Beide Männer waren maskiert und trugen grobe, zerlumpte Nigger-Kleider; sie hatten eine Blendlaterne bei sich, bei deren Lichte ich bemerkte, daß dem sanfteren der beiden Räuber der _Daumen an der rechten Hand fehlte_. Sie suchten eine Weile in meiner ärmlichen Hütte, dann flüsterte der Hauptbandit:
»›Es ist Zeitverschwendung -- er soll sagen, wo es versteckt ist. Nimm ihm den Knebel heraus und muntere ihn auf.‹
»›Ganz recht,‹ sagte der andere, ›aber -- keine Schläge!‹
»›Also keine Schläge -- d. h. wenn er sich ruhig verhält.‹
»Sie näherten sich mir; da ließ sich plötzlich draußen ein Geräusch hören, der Schall von Stimmen und Pferdehufen; die Räuber hielten den Atem an und horchten; der Schall kam immer näher, und endlich hörte man einen Ruf:
»›Heda, in dem Haus! Macht Licht, wir brauchen Wasser.‹
»›Des Hauptmanns Stimme, bei Gott!‹ sagte der größere der beiden Schurken, und beide Räuber flohen durch die Hinterthür.
»Die Fremden riefen noch mehrmals und ritten dann weiter -- es schien ein Dutzend Reiter zu sein -- und ich hörte nichts mehr.