Part 18
Plötzlich vernahm ich ein Geräusch, das sich immer mehr steigerte; lauter und lauter wurde das Gemurmel und endete mit einem Krach, in den sich Hochrufe mischten. Der wahrhaft betäubende Lärm erhob sich jetzt ganz in meiner Nähe und ich fühlte, daß mir die Haare zu Berge standen. Nun folgte eine Pause, dann kam ein abermaliges Hoch und gleich darauf ein drittes. Ehe ich noch recht wußte, wie mir geschah, befand ich mich mitten auf der Bühne, vor mir wogte ein Meer von Gesichtern, der helle Glanz der Lichter verwirrte mich und ich zitterte an allen Gliedern vor tödlichem Schrecken. Das ganze Haus war gedrängt voll, selbst die Gänge zwischen den Sitzreihen.
Es dauerte eine volle Minute, bis sich meine Aufregung in Kopf, Herz und Beinen beruhigt hatte und ich meine Selbstbeherrschung einigermaßen wieder gewann. Ich las Wohlwollen und Freundlichkeit in allen Gesichtern, meine Furcht verschwand allmählich und ich begann zu sprechen. Schon nach drei bis vier Minuten fühlte ich mich ganz behaglich und zufrieden. Meine drei Hauptverbündeten waren mit drei Gehilfen zur Hand; sie saßen beieinander im Parkett mit Knotenstöcken bewaffnet und kampfbereit, um beim geringsten Scherzwort zum Angriff zu schreiten. Bei jedem Witz, den ich zum Besten gab, stießen sie mit den Stöcken gewaltig auf den Boden und verzogen den Mund von einem Ohr zum andern. Sawyer, dessen treuherziges Gesicht sich mitten in der zweiten Abteilung rötlich abhob, stimmte in ihr Gelächter ein und das ganze Haus wurde zum Beifall fortgerissen. Selbst die mittelmäßigsten Witze erzielten eine nie geahnte Wirkung.
Nach einer Weile kam ich an eine ernsthafte Stelle, die ich mit großer Salbung vortrug; es war mein Leibstück und die Zuhörerschaft lauschte in atemlosem Schweigen, was mir wohlthuender war als der rauschendste Beifall. Bei dem letzten Wort meiner Einschaltung wandte ich mich zufällig und begegnete dem aufmerksam und erwartungsvoll auf mich gerichteten Auge der Frau K. -- Mein neuliches Gespräch mit ihr fiel mir plötzlich ein und wie sehr ich mich auch zusammennahm, ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Sie hielt dies für unser verabredetes Zeichen und brach sogleich in ein wohlklingendes Gelächter aus, von welchem sich die ganze Zuhörerschar anstecken ließ. Die Explosion, die nun erfolgte, bildete den Triumph des ganzen Abends. Ich fürchtete schon, der wackere Sawyer würde vor Lachen ersticken, und die Knotenstöcke arbeiteten, als gälte es Pfähle einzurammen. Mein armes bißchen Pathos war freilich zu Grunde gerichtet; man hielt es in gutem Glauben für einen beabsichtigten Witz und zwar für die Krone der ganzen Unterhaltung. Ich war natürlich klug genug, den Irrtum nicht aufzuklären.
Alle Zeitungen brachten am andern Morgen freundliche Besprechungen; meine Eßlust kehrte zurück und ich hatte Geld in Hülle und Fülle. Ende gut -- alles gut.
Anhang.
Aus meiner Knabenzeit.
I.
Als ich nach neunundzwanzigjähriger Abwesenheit (1882) meinem Heimatort einen kurzen Besuch machte, fand ich daselbst ebensoviel anders geworden, wie überhaupt am ganzen Mississippi. Die Stadt Hannibal, wie sie früher gewesen, stand mir noch klar und lebhaft im Gedächtnis, ich hätte sie malen können. Ich trat ans Ufer und mir war zu Mute wie einem Menschen aus einer längst begrabenen Generation, der wieder unter den Lebenden wandelt. Ein ähnliches Gefühl müssen, denke ich, die Gefangenen der Bastille gehabt haben, wenn sie nach jahrelanger Kerkerhaft ans Licht des Tages kamen und sich nun in Paris umschauten, wo ihnen alles so fremd und doch so vertraut war.
Wohl sah ich die neuen Häuser -- sie standen ja leibhaftig vor mir -- aber die Bilder aus alter Zeit, die in meiner Erinnerung lebten, berührte das nicht; durch die festgefügten Mauern hindurch sah ich die alten Häuser, die ehemals an ihrem Platz gestanden, mit größter Deutlichkeit.
Es war Sonntagmorgen und alles lag noch in den Federn. So schritt ich denn durch die leeren Straßen, sah die Stadt nicht wie sie ist, sondern wie sie war und begrüßte im Geist hundert mir wohlbekannte Gegenstände, die vom Erdboden verschwunden waren. Schließlich stieg ich den Holiday-Hügel hinauf, um einen weiten Ueberblick zu gewinnen. Nun lag die ganze Stadt zu meinen Füßen ausgebreitet und ich konnte jedes Gebäude, jede einzelne Oertlichkeit genau bestimmen. Natürlich hatte ich Mühe, meine Rührung zu bemeistern. Ich sagte mir: »Von den Leuten, die ich einst in diesem friedlichen Hafen meiner Kindheit gekannt habe, sind schon viele in den Himmel gegangen, manche aber auch sicherlich nach einem andern Ort der Vergeltung.«
Alles, was ich rings um mich sah, rief meine Knabengefühle wieder wach; ich war überzeugt, ich sei noch ein Knabe und hätte nur einen ungewöhnlich langen Traum gehabt. Allein, sobald ich anfing zu überlegen, schwand diese Vorstellung. »Da drüben stehen etwa fünfzig alte Häuser,« sagte ich zu mir, »und ich brauche nur einzutreten, um überall Männer und Frauen zu finden, die noch in der Wiege lagen oder nicht geboren waren, als ich zuletzt von hier oben hinabschaute, vielleicht sogar eine Großmutter, die damals eine blühende junge Braut war.«
Man hat von jener Anhöhe aus einen unbegrenzten Blick den Fluß hinauf und hinunter und über die großen Waldungen von Illinois; die Aussicht ist wunderschön, fast möchte ich sagen, eine der schönsten am Ufer des Mississippi, aber das ist eine kühne Behauptung, denn die 800 Meilen, die der Fluß von St. Paul nach St. Louis durchläuft, bieten eine ununterbrochene Reihe der reizendsten Landschaftsbilder. Möglich, daß meine Vorliebe für die in Frage stehende Aussicht mein Urteil beeinflußt -- ich weiß es nicht gewiß. Jedenfalls gewährte sie mir die vollste Befriedigung, denn sie hatte vor allem andern Lieben und Bekannten, was ich wiedersehen sollte, _eines_ voraus -- sie war ganz unverändert. So jung und frisch, so reizend und anmutig sah ich sie vor mir, wie sie je gewesen, während die Gesichter meiner ehemaligen Freunde natürlich alt sein mußten und voller Narben vom Kampf des Lebens. Sie alle trugen wohl Spuren ihrer Niederlagen und Kümmernisse und konnten mein Gemüt nicht erheben.
Ein alter Herr, der auf seinem Morgenspaziergang begriffen war, kam jetzt herbei. Wir tauschten zuerst unsere Bemerkungen über das Wetter aus und gerieten dann auf andere Unterhaltungsstoffe. Sein Gesicht war mir unbekannt; er sagte, er wohne schon 28 Jahre hier am Ort, das war _nach_ meiner Zeit, ich hatte ihn also noch nie gesehen. Ich zog nun allerlei Erkundigungen ein; zuerst fragte ich nach einem meiner Kameraden aus der Sonntagsschule -- was wohl aus ihm geworden wäre.
»Er ging mit Ehren von einer Universität im Osten ab, dann zog er in die weite Welt, doch nirgends wollte es ihm glücken; jetzt ist er längst aus aller Gedächtnis geschwunden, man glaubt, er sei gestorben und verdorben.«
»Er war ein begabter Junge, der zu den besten Hoffnungen berechtigte.«
»Jawohl, aber in Erfüllung gegangen sind sie nicht.«
Nun fragte ich nach einem andern meiner Mitschüler, dem klügsten im ganzen Ort.
»Auch seine Studien im Osten waren vom besten Erfolg gekrönt, aber im Leben hat er bei jedem Kampf den kürzeren gezogen; schon vor Jahren ist er irgendwo in den Territorien gestorben -- ein gebrochener Mann.«
Ich erkundigte mich nach einem dritten begabten Jungen.
»Dem ist’s gut gegangen, alles gelingt ihm, ich glaube es wird ihm immer glücken.«
Hierauf fragte ich nach einem jungen Mann, der damals gerade in die Stadt gekommen war, um sich in seinem Beruf auszubilden.
»Er hat umgesattelt, ehe er noch fertig war -- erst wollte er Advokat werden, dann Mediziner, dann noch etwas anderes. Ein Jahr lang war er fort, kam mit einer jungen Frau wieder, ergab sich dem Trunk, später auch dem Spiel; endlich brachte er seine Frau und zwei kleine Kinder zu ihrem Vater zurück und ging nach Mexiko, sank immer tiefer herunter und starb dort, ohne einen Cent, um das Bahrtuch zu bezahlen, ohne einen Freund, der seiner Leiche folgte.«
»Schade um ihn -- es war der gutmütigste Mensch von der Welt, immer heiter und hoffnungsvoll.«
Von einem andern Knaben, den ich nannte, hieß es:
»O, mit dem ist alles in Ordnung; er hat Frau und Kinder und sein gutes Fortkommen.«
Derselbe Bescheid ward mir noch über viele meiner früheren Kameraden.
Nun fragte ich nach drei Mitschülerinnen:
»Die beiden ersten leben hier mit Mann und Kindern, die dritte ist schon lange tot -- geheiratet hat sie nicht.«
Mit Herzklopfen nannte ich jetzt den Namen einer meiner frühesten Flammen.
»Der geht’s gut. Sie war dreimal verheiratet. Zwei Männer hat sie begraben, vom dritten ist sie geschieden und ich höre, daß sie jetzt einen alten Menschen nehmen will, der irgendwo draußen in Colorado lebt. Ihre Kinder sind in der ganzen Welt verstreut.«
Auf einige Fragen lautete die Antwort sehr kurz:
»Im Kriege gefallen.«
Von einem Knaben, nach welchem ich fragte, hieß es:
»Mit dem ist’s seltsam gegangen! Jedermann in der ganzen Stadt wußte, daß der Junge der reinste Strohkopf war, ein Dummrian erster Sorte, ein Esel, der seinesgleichen nicht hatte. Das war allbekannt, kein Mensch zweifelte daran. Und was ist aus ihm geworden? -- denken Sie nur: der angesehenste Advokat im ganzen Staate Missouri.«
»Wahrhaftig?!«
»Wie ich Ihnen sage. Es ist die lauterste Wahrheit.«
»Wie läßt sich das aber erklären?«
»Erklären läßt sich’s gar nicht. Man sieht nur daraus, daß die Leute in St. Louis nicht von selbst auf den Gedanken kommen, daß einer ein Hansnarr ist, wenn man’s ihnen nicht zuvor sagt. Eins ist sicher -- hätte ich einen Hansnarren zu versorgen, ich schickte ihn gleich mit Dampf nach St. Louis, dort ist der beste Markt für dergleichen Ware. -- Was sagen Sie dazu -- steht einem nicht der Verstand still, wenn man’s recht bedenkt? Ich muß gestehen, mir ist etwas so Unerhörtes nicht wieder vorgekommen.«
»Freilich, es scheint verwunderlich. Aber, glauben Sie nicht, daß man den Jungen in Hannibal vielleicht falsch beurteilt hat und daß die Leute in St. Louis ihn richtiger zu würdigen wissen?«
»Wo denken Sie hin! Hier kennt man ihn ja von klein auf und tausendmal besser als die Schafsköpfe in St. Louis. Nein, nein, folgen Sie nur meinem Rat und schicken Sie alle Hansnarren nach St. Louis, dort findet die Ware Absatz.«
Ich fragte nun noch nach vielen meiner früheren Bekannten. Sie waren gestorben oder fortgezogen; manche hatten Glück gehabt, andere nichts als Verluste; auf etwa ein Dutzend Fragen erhielt ich die beruhigende Antwort:
»Die sind wohl auf -- wohnen hier -- die ganze Stadt ist voll von ihren Kindern.«
»Wie geht’s Fräulein B.?« fragte ich.
»Sie starb vor drei Jahren im Irrenhaus -- ist seit dem Tage ihrer Aufnahme dort nicht wieder herausgekommen; es war an keine Heilung zu denken, sie ist immer gestört geblieben.«
Dies bezog sich auf ein entsetzliches Trauerspiel, das sich in meiner frühesten Kindheit zutrug. Sechsunddreißig Jahre im Irrenhaus -- bloß weil sich ein paar Thörinnen einen dummen Spaß machen wollten! Ich sehe die leichtfertigen jungen Dinger noch auf den Fußspitzen ins Zimmer schleichen, wo Fräulein B. um Mitternacht lesend bei der Lampe saß. Eins der Mädchen hatte sich das Gesicht mit Mehl gepudert und ein Leintuch umgebunden. Sie glitt dicht zu der Lesenden heran und berührte ihr Opfer an der Schulter. Das Fräulein sah auf, stieß einen Schrei aus und verfiel in Krämpfe. Von dem Schreck hat sie sich nie wieder erholt -- sie wurde wahnsinnig. Heutzutage scheint es uns unbegreiflich, daß man noch vor so kurzer Zeit an Gespenster geglaubt haben soll. Aber es war wirklich der Fall.
Nachdem ich nach allen Leuten gefragt hatte, die mir einfielen, erkundigte ich mich zuletzt nach mir selber.
»O, dem ist’s auch geglückt -- das ist wieder so ein Beispiel von einem Hansnarren. Hätte man ihn nach St. Louis spediert, er würde es früher zu etwas Ordentlichem gebracht haben.«
Es war doch sehr weise gewesen, daß ich dem offenherzigen alten Herrn gleich anfangs gesagt hatte, mein Name sei Smith.
II.
Mein Gefährte verließ mich nun, und ich fuhr fort, die alten Häuser der Stadt drunten zu betrachten und mir ihre Bewohner aus vergangenen Tagen ins Gedächtnis zu rufen. Mein Blick fiel jetzt auf Lem Hacketts Elternhaus und ich sah mich in eine Zeitperiode zurückversetzt, in welcher die Menschen mit ihren Erlebnissen nicht der natürlichen und folgerichtigen Entwicklung allgemeiner Gesetze unterworfen zu sein glaubten, sondern den besonderen Anordnungen einer Vorsehung, welche sie strafen oder warnen wollte.
Als ich noch ein kleiner Knabe war, ertrank Lem Hackett -- an einem Sonntag. Er fiel aus einem leeren, flachen Boot, in dem er spielte, und da er voll Sünden war, sank er wie ein Ambos bis auf den Grund. Er war im ganzen Städtchen der einzige Knabe, welcher in der darauffolgenden Nacht schlief; wir andern alle waren wach und thaten Buße. Es hätte dazu wahrlich nicht erst der Belehrung bedurft, die uns am Abend von der Kanzel herab zu teil wurde, nämlich, daß Lems Tod die Folge eines besonderen göttlichen Gerichtes sei. In jener Nacht brach ein schreckliches Gewitter aus, das ohne Aufhören bis zum Morgen währte: der Wind wehte heftig, die Fenster zitterten, der Regen fiel klatschend und in Strömen auf die Dächer; jeden Augenblick erhellte ein Blitz mit blendendem Lichte die tintenschwarze Finsternis draußen und auf diesen folgte ein krachender Donnerschlag, der alles in der Nachbarschaft in Splitter und Fetzen zu reißen schien. Zitternd und schaudernd saß ich im Bett und wartete auf den offenbar bevorstehenden Untergang der Welt. Ich fand nichts Ungereimtes darin, daß der Himmel Lem Hacketts wegen einen solchen Höllenlärm machte: es war das meiner Ansicht nach ganz gehörig und in Ordnung. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß die Engel versammelt waren, den Tod dieses Knaben erörterten und dem schrecklichen Bombardement unseres Städtchens mit Befriedigung und Billigung zusahen. Eines beunruhigte mich dabei aufs höchste -- das war der Gedanke, daß diese Konzentration des himmlischen Interesses auf unser Städtchen unfehlbar die Aufmerksamkeit der überirdischen Beobachter auf Leute unter uns lenken mußte, die sonst der Beobachtung vielleicht Jahre lang entgangen wären. Ich fühlte, daß ich nicht nur zu diesen Leuten gehörte, sondern daß gerade ich am allerwahrscheinlichsten entdeckt werden würde. Diese Entdeckung konnte nur eine Folge haben: daß ich zu Lem ins höllische Feuer käme, noch ehe er dort recht zu sich gekommen und warm geworden war. Ich wußte, daß mir ganz nach Recht und Billigkeit geschähe. Dabei vergrößerte ich fortwährend die Chancen gegen mich, indem ich eine geheime Bitterkeit gegen Lem hegte, weil er diese verhängnisvolle Aufmerksamkeit auf mich gezogen hatte, aber ich konnte einmal nicht anders -- dieser sündige Gedanke setzte sich mir zum Trotz in meinem Busen fest. So oft es blitzte, hielt ich den Atem an und glaubte mich verloren. In meinem schrecklichen Elend begann ich in gemeiner Weise auf andere Knaben hinzudeuten und Thaten von ihnen zu erwähnen, die verruchter seien als meine und besonders der Strafe bedürften -- und ich versuchte mir einzureden, daß ich das bloß so zufällig thäte und ohne die Absicht, die himmlische Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, um mich selbst ihr zu entziehen. Mit tiefem Scharfsinn gab ich diesen Denunziationen die Form betrübter Erinnerungen und linkischer Fürbitten, daß die Sünden jener Knaben nicht heimgesucht werden möchten -- »denn sie könnten sie ja möglicherweise bereuen.« »Es ist wohl wahr, (sprach ich in Gedanken,) daß Jim Smith ein Fenster zerbrach und dann leugnete -- aber vielleicht that er es nicht in böser Absicht. Und wenn auch Tom Holmes garstigere Worte gebraucht als irgend ein anderer Knabe im Städtchen, so wird er doch vielleicht in sich gehen und bereuen -- wenn er das auch nie gesagt hat. Und obwohl es Thatsache ist, daß John Jones einmal an einem Sonntag ein wenig fischte, so fing er ja doch nichts als einen einzigen nutzlosen Schlammbeißer; und das wäre am Ende nicht so schrecklich gewesen, wenn er ihn wieder ins Wasser geworfen hätte, wie er behauptet -- was aber leider nicht wahr ist. Schade, daß sie diese schrecklichen Dinge nicht bereuen wollten -- vielleicht thun sie es aber noch.«
Während ich so listig die Aufmerksamkeit auf jene armen Burschen lenkte, -- die zweifellos im selben Augenblick die himmlische Aufmerksamkeit mir zuwandten, obwohl ich das damals durchaus nicht argwöhnte, -- hatte ich achtlos meine Kerze brennen lassen. Die Zeit war nicht danach angethan, daß man selbst geringfügige Vorsichtsmaßregeln hätte vernachlässigen dürfen; es war kein Grund vorhanden, mich selbst noch auffällig zu machen, und so löschte ich denn das Licht aus.
Das war eine lange, lange Nacht -- vielleicht die angstvollste, die ich je verbracht habe. Ich litt Folterqualen der Reue über Sünden, von denen ich wußte, daß ich sie begangen hatte, und für andere, bezüglich deren ich nicht so gewiß, aber überzeugt war, daß sie in ein Buch eingetragen worden von einem Engel, der, weiser als ich, so wichtige Dinge nicht dem Gedächtnis anvertraute. Nach und nach kam ich zu der Einsicht, daß ich in einer Beziehung einen thörichten und unheilvollen Irrtum begangen hatte: zweifellos hatte ich dadurch, daß ich die Aufmerksamkeit auf jene andern Knaben lenkte, nicht nur meinen eigenen Untergang sicher beschworen, sondern auch den ihrigen bereits verursacht! -- Zweifellos hatte sie mittlerweile der Blitz alle in ihren Betten niedergestreckt! Die Angst und der Schreck, den dieser Gedanke mir einjagte, ließ mir die vorhergehenden Leiden vergleichsweise geringfügig erscheinen.
Der Stand der Dinge war bedenklich geworden. Ich beschloß, mich der Sünde in jeder Form zu enthalten und fortan ein reines, tadelloses Leben zu führen. Ich wollte pünktlich in der Kirche und Sonntagsschule sein, die Kranken besuchen, Körbe mit Lebensmitteln zu den Armen tragen (bloß um die vorschriftsmäßigen Bedingungen zu erfüllen, obgleich ich wußte, daß bei uns niemand so arm war, daß man mir nicht überall den Korb an den Kopf geschmissen hätte); ich wollte andere Knaben auf den rechten Weg weisen und die daraus sich ergebenden Neckereien in Geduld ertragen; ich wollte nur noch Traktätchen lesen, wollte die Branntweinhöhlen aufsuchen und die Trunkenbolde ermahnen -- und schließlich, falls ich dem Schicksal jener entginge, die vorzeitig ›fürs Leben zu gut werden‹, wollte ich als Missionar in ferne Lande ziehen.
Gegen Tagesanbruch legte sich der Sturm und ich schlummerte nach und nach ein, mit einem Gefühl der Verpflichtung gegen Lem Hackett, weil er in dieser jähen Weise in die ewige Qual eingegangen war und so ein weit entsetzlicheres Unheil abgewendet hatte -- nämlich meinen eigenen Untergang. Als ich aber des Morgens, vom Schlaf erquickt, aufstand und fand, daß die andern Knaben sämtlich noch am Leben waren, hatte ich ein unbestimmtes Gefühl, die ganze Geschichte möchte doch nur ein falscher Alarm gewesen und der ganze Trubel nur Lem Hacketts und sonst niemands wegen entstanden sein. Die Welt sah so heiter und sicher aus, daß wirklich kein Grund vorhanden schien, ein neues Leben anzufangen. Ich war den Tag über und auch am nächsten Tage etwas gedrückter Stimmung; dann aber kam mir mein Vorsatz zur Besserung allmählich aus dem Sinn, und es war mir wieder ruhig und behaglich zu Mute -- bis zum nächsten Sturm.
Dieser Sturm kam drei Wochen später und ich habe mir seinen Zweck nie recht erklären können, denn am Nachmittag jenes Tages war ›Dutchy‹ ertrunken. So nannten wir einen deutschen Jungen aus der Sonntagsschule, der furchtbar tugendhaft war und ein fabelhaftes Gedächtnis hatte, im übrigen sich aber selten zu raten und zu helfen wußte. Eines Sonntags erregte er den Neid der gesamten Dorfjugend und die Bewunderung aller Erwachsenen, denn er sagte dreitausend Bibelsprüche in einem Zuge her, ohne nur einmal zu stocken. Und gleich tags darauf ertrank er jämmerlich.
Das kam nämlich so: Wir badeten alle in einer schlammigen Bucht und wollten versuchen, wer beim Tauchen den Kopf am längsten unter Wasser halten könnte. In der Bucht war ein tiefes Loch, in dem die Böttcher ihre Stäbe zu Faßreifen einzuweichen pflegten. Der Haufen lag etwa zwölf Fuß unter Wasser und wir hielten uns beim Tauchen an den Stäben fest. ›Dutchy‹ benahm sich dabei so ungeschickt, daß er immer mit Spott und Gelächter empfangen wurde, so oft sein Kopf aus der Flut hervorkam. Das verdroß ihn endlich und er bat uns, am Ufer stehen zu bleiben und ganz ehrlich zu zählen, wie lange er es aushalten könne. »Jawohl, ›Dutchy‹, nur zu! -- wir verzählen uns nicht,« schrieen wir alle, wechselten dabei aber verstohlene Blicke, die nichts Gutes weissagten.
›Dutchy‹ tauchte unter; wir Jungen aber versteckten uns rasch hinter einem nahen Brombeergebüsch. Wenn ›Dutchy‹, nachdem er sich übermenschlich angestrengt hatte, wieder auf die Oberfläche kam, sollte er den Platz leer finden und keinen Menschen, der ihm Beifall klatschte. Der Gedanke machte uns soviel Spaß, daß wir vor unterdrücktem Lachen zu ersticken meinten. Nach einer Weile guckte einer der Kameraden durch das Gesträuch.
»Hört mal,« sagte er verwundert, »noch ist er nicht wieder oben.«
»Aber, _der_ taucht einmal gut!«
»Na, um so gelungener ist dann der Spaß!«
Es entstand eine Pause, wir lauschten mit verhaltenem Atem und zuletzt malte sich Furcht und Bangigkeit in allen Mienen. Noch immer lag das Wasser in unbeweglicher Ruhe da. Mit lautklopfendem Herzen schlichen wir ans Ufer zurück und starrten entsetzt bald ins Wasser, bald einander in die bleichen Gesichter.
»Einer von uns muß hinunter, um nachzusehen.«
Das war klar, aber jedem graute davor.
»Das Los soll entscheiden.«
Mit zitternden Händen suchten wir Strohhalme, um das Schicksal zu befragen. Das Los traf mich und ich sprang ins Wasser. Es war so trübe, daß ich nichts sehen konnte, ich fühlte nur unter den Stäben umher und bekam plötzlich eine leblose Hand zu fassen. In tödlichem Schrecken ließ ich sie fahren und rettete mich wieder ans Tageslicht.
Der Knabe war zwischen die Stäbe geraten und da hilflos stecken geblieben. Ich verkündete die entsetzliche Nachricht, doch dachten wir nicht daran, den Ertrunkenen schnell herauszuziehen, damit er vielleicht noch zum Leben erweckt werden könne. Die kleineren Buben schrieen jämmerlich und jeder suchte so rasch wie möglich in seine Kleider zu kommen; wir zogen die ersten besten an, meist das Unterste zu oberst, das Innere nach außen. Dann trabten wir eilig davon und verbreiteten die Unglückskunde, aber keiner von uns kehrte wieder mit um. Wir wollten das Ende des Trauerspiels nicht sehen, wir hatten etwas Wichtigeres zu thun, nämlich ohne einen Augenblick zu verlieren nach Hause zu laufen und ein besseres Leben zu beginnen.
Bald brach die Nacht herein und dann kam das schreckliche und mir ganz unverständliche Gewitter. Es mußte entschieden auf einem Irrtum beruhen, anders ließ es sich nicht erklären. Alle Elemente waren entfesselt, der Sturm raste in blinder Wut, die Blitze zuckten und der Donner tobte wie unsinnig. Ich hatte Mut und Hoffnung völlig verloren; verzweifelnd dachte ich bei mir: »Wenn ein Junge, der dreitausend Bibelsprüche auswendig kann, nicht fromm genug ist, wer soll dann dem Verhängnis entrinnen?«