Im Gold- und Silberland

Part 16

Chapter 163,692 wordsPublic domain

Ich wohnte im besten Hotel, trug meine neuen Kleider auf allen Hauptplätzen und Straßen zur Schau, ging jeden Abend in die Oper und lernte von den Klängen der Musik hingerissen zu scheinen, die mein ungeschultes Ohr häufiger verletzten als bezauberten. Wenn ich nicht die gemeine Ehrlichkeit besaß, dies einzugestehen, so bin ich vermutlich in diesem Punkte nicht schlimmer als die meisten meiner Landsleute. Ich besuchte Privatgesellschaften im prächtigsten Ballanzug, that zimperlich, entfaltete meine ganze natürliche Anmut wie ein geborener Stutzer und tanzte Polka und Schottisch mit einem Schritt, der mir eigentümlich ist -- mir und dem Känguruh. -- Kurz, ich lebte als Schmetterling, wonach ich mich längst gesehnt hatte, und trat wie ein Mann auf, der (voraussichtlich) seine hunderttausend Dollars besaß und wahrscheinlich zu unbeschränktem Ueberfluß gelangen würde, sobald der Verkauf jener Silbermine im Osten zum Abschluß kam. Inzwischen streute ich mein Geld reichlich umher, beobachtete das Steigen und Fallen der Aktien mit lebhaftem Interesse und behielt nebenbei im Auge, was sich in Nevada zutrug.

Dort ereignete sich etwas sehr Wichtiges. Die besitzende Klasse stimmte gegen die Staatsverfassung, aber die Leute, welche nichts zu verlieren hatten, waren in der Majorität und setzten die Annahme der Verfassung durch. Das war ohne Frage ein Unglück, obgleich es anfangs nicht so aussah. Ich schwankte hin und her, berechnete die möglichen Veränderungen des Geldmarktes und entschied mich endlich dafür, nicht zu verkaufen.

Die Aktien stiegen höher und höher und es begann ein tolles Spekulationsfieber. Bankiers, Kaufleute, Advokaten, Aerzte, Handwerker, Tagelöhner, selbst Waschfrauen und Dienstmädchen legten ihre Ersparnisse in Silberkuxen an. Die Spielwut hatte sich der ganzen Bevölkerung bemächtigt. Jede Sonne, die am Morgen aufging, schien beim Untergang auf Bettler, welche reich geworden und auf Reiche, die an den Bettelstab gebracht waren. Die Gould- und Curry-Kuxe stiegen bis auf 6300 Dollars der Fuß; dann nahm die ganze Herrlichkeit plötzlich ein jähes Ende und alle Welt war zu Grunde gerichtet. Ein schrecklicher Schiffbruch! Das Faß hatte den Boden verloren, es blieb kaum ein Tropfen daran hängen. Ich war unter den ersten, die gründlich an den Bettelsack kamen. Meine sämtlichen Aktien konnte ich einfach wegwerfen, sie galten nicht einmal so viel wie das Papier, auf dem sie gedruckt waren. Ich hatte als glücklicher Narr mit dem Geld um mich geworfen und geglaubt, das Mißgeschick könne mich nicht erreichen; jetzt besaß ich keine fünfzig Dollars mehr im Vermögen, nachdem meine Schulden zusammengerechnet und bezahlt waren.

Ich verließ das Hotel, bezog ein sehr bescheidenes Kosthaus, nahm eine Stelle als Zeitungsschreiber an und machte mich an die Arbeit. Noch war mir nicht jede Hoffnung geschwunden, denn ich baute zuversichtlich auf den Verkauf der Silbermine im Osten. Mein Freund Dan ließ jedoch nichts von sich hören; entweder gingen meine Briefe alle verloren, oder sie blieben ohne Antwort.

Eines Tages fühlte ich mich wenig aufgelegt, meine Beschäftigung vorzunehmen und ging nicht ins Bureau. Als ich mich tags darauf wie immer gegen Mittag dort einstellte, fand ich auf meinem Pult ein Briefchen, das schon vierundzwanzig Stunden da gelegen hatte. Es war ›Marshall‹ unterzeichnet und enthielt die Bitte, ihn und seine Gefährten am Abend im Hotel zu besuchen. Sie seien auf der Durchreise nach dem Osten begriffen und wollten am nächsten Morgen absegeln. Es handle sich um eine große Bergwerksspekulation.

So außer mir bin ich in meinem ganzen Leben nicht gewesen. Ich schalt mich einen Thoren, daß ich von Virginia fortgegangen war und einem andern die Sache überlassen hatte, statt sie selbst in die Hand zu nehmen. Ich war wütend, daß ich gerade den einzigen Tag im Jahre aus dem Bureau wegbleiben mußte, an dem ich hätte dort sein sollen. Unter allerlei Selbstvorwürfen trabte ich eine Meile weit bis zum Hafen und kam richtig gerade an als es zu spät war. Das Schiff war bereits abgefahren und unter Segel.

Zunächst tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß vielleicht bei der Spekulation nichts herauskommen würde, jedenfalls ein armseliger Trost; dann nahm ich mein Sklavenjoch wieder auf, entschlossen, mich mit meinen 33 Dollars die Woche zu begnügen und mir die Sache aus dem Sinn zu schlagen.

* * * * *

Einen Monat später genoß ich mein erstes Erdbeben, welches noch lange nachher das ›große Erdbeben‹ genannt wurde. Es war an einem hellen Oktobersonntag, als ich kurz nach 12 Uhr die dritte Straße herunterkam. Um diese Stunde war in dem dicht bebauten und bevölkerten Stadtteil weit und breit nichts in Bewegung als ein Mann im Einspänner hinter mir und ein Omnibus, der langsam eine Nebenstraße herauffuhr. Sonst war alles wie gefegt und es herrschte Sabbatstille. Als ich an einem Bretterhaus um die Ecke bog, hörte ich ein großes Krachen und Poltern, es mußte wohl drinnen eine Prügelei vor sich gehen, da gab es gewiß etwas zu berichten. Bevor ich aber noch die Thür gefunden hatte, kam ein wahrhaft entsetzlicher Stoß; der Boden unter mir schien in wellenförmiger Bewegung, dann folgte ein heftiges Heben und Senken und ein dumpfes, knirschendes Geräusch, als würden Backsteinhäuser aneinander gerieben. Ich fiel gegen das Bretterhaus und verletzte mich am Ellenbogen. Jetzt wußte ich, was das bedeutete und zog aus reinem Reportertrieb meine Uhr heraus, um mir Zeit und Stunde zu merken. In diesem Augenblick erfolgte ein dritter, weit stärkerer Stoß und während ich noch auf dem Pflaster umhertaumelte, bemüht, mich auf den Füßen zu halten, hatte ich einen Anblick sondergleichen: Die ganze Vorderseite eines vierstöckigen Backsteinhauses ging auf wie eine Thür und stürzte mit lautem Geprassel quer über die Straße, daß der Staub aufwirbelte wie eine mächtige Rauchsäule.

Indessen kam der Einspänner herbei -- der Mann flog hinunter und schneller als ich es zu berichten vermag, war das Fuhrwerk in kleinen Stücken längs der dreihundert Meter langen Straße umhergestreut. Der Omnibus hielt an, die Pferde drängten rückwärts und bäumten sich, die Fahrgäste strömten zu beiden Seiten heraus und ein dicker Herr, der mit halbem Leibe durch ein Glasfenster gezwängt und darin festgekeilt war, kreischte wie wahnsinnig, als stecke er am Spieß. Aus jeder Hausthür, soweit das Auge reichte, ergoß sich ein Strom menschlicher Wesen, in einem Moment war die ganze Straße, die ich überblicken konnte, von einer dichtgedrängten Menschenmasse bedeckt. Statt der feierlichen Stille herrschte urplötzlich das wildeste Wogen und Treiben.

Das Erdbeben brachte die wunderlichsten Erscheinungen zu Tage. Herren und Damen, die krank waren, oder gerade ihr Mittagschläfchen hielten, oder nach durchschwelgter Nacht der Ruhe pflegten, kamen in den seltsamsten Aufzügen auf die Straße gestürzt, viele nur sehr mangelhaft bekleidet oder auch gar nicht. Angesehene Bürger, die für äußerst streng in betreff der Sonntagsheiligung galten, liefen in Hemdärmeln aus den Schenkstuben heraus, das Billard-Queue noch in der Hand. Aus den Barbierstuben flohen zu Dutzenden Leute mit umgebundenen Servietten, bis unter die Augen eingeseift, auf einer Seite noch die Bartstoppeln, während die andere bereits glatt rasiert war. In einem Hotel kam ein bekannter Redakteur, nur mit dem Hemd auf dem Leibe, die Treppe heruntergelaufen. »Was soll ich thun?« jammerte er, »wohin soll ich gehen?«

»Am besten in einen Kleiderladen,« sagte das Zimmermädchen, dem er begegnete, in heiterer Unbefangenheit.

Pferde brachen aus den Ställen und ein Hund sprang in seiner Angst die Bodenleiter zum Dach hinauf, getraute sich aber dann nicht, wieder denselben Weg zurückzukommen. In der Stadt fiel der Bewurf von so vielen Zimmerdecken herab, daß man große Felder damit hätte bestreuen können. Tagelang standen die Leute noch in Gruppen vor den Häusern, welche in breiten Zickzackrissen von oben bis unten zerborsten waren. Ein hundert Fuß langer Spalt that sich in einer Straße sechs Zoll breit auf und schloß sich dann wieder mit solcher Gewalt, daß die Erde sich an der Stelle wie ein Grabhügel aufwölbte. An einem Gebäude waren drei Schornsteine in der Mitte durchgebrochen und so herumgedreht, daß der Rauch keinen Abzug fand. Eine Dame fühlte plötzlich, daß der Salon, in dem sie saß, zu schwanken begann, gleich darauf sah sie, wie die Wand sich oben an der Decke zweimal aufthat und wieder schloß, wobei ein Backstein herunterfiel, wie ein Zahn aus einem offenen Munde. Eine andere Dame, welche die Treppe hinunter eilte, bemerkte zu ihrem Erstaunen, daß sich ein bronzener Herkules auf seinem Fußgestell zu ihr hinneigte, als wollte er sie mit der Keule erschlagen. Statue und Frau erreichten den Fuß der Treppe zu gleicher Zeit, letztere bewußtlos vor Entsetzen.

In einer der Kirchen warf der erste Stoß drei mächtige Orgelpfeifen herunter. Der Geistliche stand gerade mit emporgehobenen Händen da, um den Gottesdienst zu schließen. »Den Segen wollen wir heute fortlassen,« sagte er kurz -- und an der Stelle, wo er gestanden hatte, war nur noch ein leerer Raum.

»Bleibt auf euren Sitzen,« ruft ein Prediger in Oakland nach dem ersten Stoß, »wenn ihr sterben sollt, so findet ihr nirgends einen besseren Platz dazu als hier.« Nach dem dritten Stoß fügte er jedoch hinzu: »Aber draußen ist es auch nicht schlecht,« und verschwand durch eine Hinterthür.

Die Frauen und Mädchen der Stadt erlitten schwere Verluste an Fläschchen mit Essenzen, Wohlgerüchen und allerlei Nippessachen, die das Erdbeben auf Kaminsimsen und Toilettentischen zertrümmerte. Aufgehängte Bilder wurden herabgeworfen, oder -- was noch häufiger geschah -- vom Erdbeben aus mutwilliger Laune so herumgewirbelt, daß die Gesichter der Wand zugekehrt waren. Von dem Schaukeln und Schwanken der Straßen und Fußböden bekamen viele Tausende die Seekrankheit und fühlten sich noch stundenlang nachher schwach und elend; einige litten sogar tagelang an dem Uebel und ganz verschont blieb kaum einer.

Bald nach diesem Ereignis traf mich ein recht grausamer Schlag. In einer Nummer des ›Enterprise‹, die ich zufällig zur Hand nahm, fiel mein Blick auf folgende Mitteilung:

Nevada-Bergwerke in New York.

Ende Juli brachten die Herren G. M. Marshall, Sheba Hurst und Amos Rose Erzproben aus Gruben im Pine-Wood-Distrikt und am Reese-River nach New York.

Die eine, im Humboldt-County gelegene Grube haben die Eigentümer für den Preis von drei Millionen Dollars verkauft. Zum Betrieb ist bereits ein Kapital von einer Million Dollars eingezahlt worden, und die Maschinen für das große Quarz-Pochwerk, welches sogleich eingerichtet werden soll, sind schon angeschafft. Sämtliche Aktien der Gesellschaft sind vollbezahlt und steuerfrei.

Sheba Hurst, der Entdecker dieser Gruben, hat sich, bevor er seinen Fund veröffentlichte, den Besitz der besten Erzgänge gesichert, sowie den erforderlichen Grund und Boden und das nötige Bauholz. Seine Erzproben ergaben bei der Untersuchung einen außerordentlich reichen Gehalt an Silber und Gold; jedoch ist das Silber vorherrschend. Wir haben die Proben gesehen und uns überzeugt, daß es sich hier um keinen Schwindel handelt und die Gruben jenes Bezirks wirklich sehr wertvoll sind; deshalb vernehmen wir mit Befriedigung, daß sich das New Yorker Kapital bereitwillig an dem Unternehmen beteiligt.

So hatte denn die mir angeborene Einfalt wieder den Sieg davon getragen und ich hatte eine Million verloren.

Verweilen wir nicht länger bei dieser kläglichen Geschichte. Hätte ich sie erfunden, so wäre es mir ein Leichtes, sie humoristisch auszuschmücken, da sie aber nur allzu wahr ist, vermag ich sie selbst heutigen Tages noch nicht mit leichtem Herzen zu erzählen, trotzdem sie jetzt so weit hinter mir liegt. Ich will nur noch erwähnen, daß ich allen Mut verlor, mich in thörichtem Murren und Seufzen und fruchtlosem Gram verzehrte, darüber meine Pflichten versäumte und als Berichterstatter einer ›flotten‹ Zeitung kaum mehr zu gebrauchen war. Zuletzt nahm mich der Eigentümer des Blattes beiseite und erwies mir eine Wohlthat, deren ich mich noch jetzt voll Ehrerbietung erinnere. Er gab mir Gelegenheit auf die Stelle zu verzichten und rettete mich dadurch vor der Schande, meine Entlassung zu erhalten.

Am Bettelstabe.

Eine Zeitlang schrieb ich allerlei Litterarisches für die ›Goldene Aera‹ und andere Blätter. C. H. Webb hatte den ›Kalifornier‹ gegründet, ein ganz vortreffliches Wochenblatt, dessen hoher litterarischer Wert jedoch keine Bürgschaft für den Erfolg war. Das Journal siechte dahin und Webb verkaufte es an drei Drucker. Damals wurde Bret Harte für ein Gehalt von 20 Dollars die Woche Redakteur und ich verpflichtete mich für 12 Dollars allwöchentlich einen Artikel beizusteuern. Da der Absatz aber viel zu wünschen übrig ließ, verkauften die Drucker das Journal an den reichen Kapitän Opden, einen sehr angenehmen Herrn, der sich diesen teuern Luxus gestattete, ohne viel nach den Kosten zu fragen. Er bekam indessen das neue Spielzeug bald satt und gab es den Druckern zurück. Nicht lange darauf starb das Blatt eines sanften Todes und ich war wieder ohne Arbeit.

In den nächsten zwei Monaten hatte ich keine andere Beschäftigung, als meinen Bekannten aus dem Wege zu gehen. Ich verdiente keinen Cent, schaffte mir nicht die geringste Kleinigkeit an und bezahlte auch Kost und Wohnung nicht. Dagegen erwarb ich mir eine große Geschicklichkeit, mich überall fortzudrücken. Von einem Hintergäßchen drückte ich mich ins andere; sah ich von fern ein Gesicht, das mir bekannt vorkam, so drückte ich mich; auch zu meinen Mahlzeiten schlich ich gedrückt, aß sie demütig und mit stummer Bitte um Verzeihung für jeden Bissen, den ich meiner großmütigen Wirtin stahl; drückte mich bis Mitternacht herum, jeden Ort vermeidend, wo Helligkeit und Heiterkeit zu finden war und schlich dann zu Bette. Ich kam mir niedriger, erbärmlicher und verächtlicher vor wie ein Wurm. Meine ganze Barschaft bestand in einem silbernen Zehn-Centstück; das hielt ich fest und wollte es um keinen Preis ausgeben, aus Furcht, der Gedanke, daß ich völlig mittellos sei, möchte mich überwältigen. Außer den Kleidern, die ich am Leibe trug, hatte ich alles versetzt und so hing ich denn mit verzweifelter Hartnäckigkeit an meinem letzten Geldstück, das schon ganz abgegriffen war, so oft hatte ich es durch die Finger gleiten lassen.

Das Elend liebt Gesellschaft. Dann und wann stieß ich nachts an irgend einem abgelegenen, schwach erleuchteten Ort mit einem andern Kinde des Unglücks zusammen. Der Mensch sah so schmierig und verkommen, so heimatlos, freundlos und verlassen aus, daß ich mich zu ihm hingezogen fühlte, wie zu einem Bruder. Auch er muß wohl eine ähnliche Empfindung gehabt haben, denn die Anziehung war gegenseitig; wenigstens trafen wir uns allmählich häufiger, wenn auch allem Anschein nach noch immer zufällig. Wir sprachen zwar nicht zusammen, ließen auch nicht merken, daß wir einander wiedererkannten, aber sobald wir uns sahen, schwand die dumpfe Beklommenheit aus unserem Gemüt. Wir taumelten dann beide in gemessener Entfernung befriedigt weiter, freuten uns unserer stummen Genossenschaft und blickten aus dem nächtlichen Schatten verstohlen in die Fenster hinein, nach den freundlichen Lichtern und den Familiengruppen am traulichen Kamin.

Endlich redeten wir einander an und waren seitdem unzertrennlich. Litten wir doch beide fast dieselben Schmerzen. Auch er war Berichterstatter gewesen und hatte seine Stelle eingebüßt; dann war er immer mehr heruntergekommen und unaufhaltsam tiefer und tiefer gesunken -- von der Wohnung auf dem Russenhügel zu dem Kosthaus in der Kearney-Straße, von dort zu Dupont und dann in eine Matrosenkneipe. Zuletzt hatte er sich in Warenkisten und leeren Tonnen auf der Werft sein Quartier gesucht. Durch das Zunähen geplatzter Getreidesäcke, die eingeschifft werden sollten, fristete er sich eine Zeit lang notdürftig das Leben; als dieser Verdienst aufhörte, suchte er sich seine Nahrung bald hier bald da, wie es der Zufall gerade fügte. Bei Tage ließ er sich nirgends mehr blicken, denn ein Reporter kennt arm und reich, hoch und niedrig, und kann es bei hellem Tage nicht gut vermeiden, bekannten Gesichtern zu begegnen.

Dieser Bettler -- ich will ihn Blücher nennen -- war ein prächtiger Mensch, voll Hoffnung, Thatkraft und echter Philosophie. Er war gut belesen und fein gebildet, besaß hellen Verstand und trefflichen Witz. Sein freundliches Wesen und sein großmütiges Herz gaben ihm in meinen Augen ein wahrhaft königliches Ansehen, sein Sitz auf dem Eckstein erschien mir wie ein Thronsessel und sein schäbiger Hut wie eine Krone.

Ein Abenteuer, das er mir erzählte, hat durch seine Absonderlichkeit mein Mitgefühl aufs höchste erregt und sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben.

Seit zwei Monaten besaß er keinen Heller und war in den dunkeln Straßen beim Schein der matt brennenden freundlichen Lichter umhergeschlichen, bis ihm die Sache zur zweiten Natur wurde. Endlich aber trieb ihn der Hunger an das Tageslicht. Achtundvierzig Stunden hatte er keinen Bissen genossen und konnte das müßige Warten in seinem Versteck nicht länger ertragen. Er schlich durch eine Hintergasse, starrte voll gierigen Verlangens nach den Fenstern der Bäckerläden und hätte sein Leben für ein Stück Brot verkaufen mögen. Der Anblick der Eßwaren verdoppelte seinen Hunger, aber doch war es ihm eine Wohlthat, sie wenigstens zu sehen und sich vorzustellen, wie ihm zu Mute sein würde, wenn er etwas zu essen hätte. Da sah er auf einmal mitten in der Straße einen glänzenden Punkt; er blickte wieder hin -- durfte er seinen Augen trauen? Er wandte sich ab und sah dann noch einmal nach der Stelle, um ganz sicher zu sein. Nein, es war keine Sinnestäuschung, die der Hunger erzeugte, sondern Wirklichkeit -- da lag ein silbernes Zehn-Centstück. Er schoß darauf zu, hob es auf, starrte es an, nahm es zwischen die Zähne -- kein Zweifel, es war echt. Sein Herz jubelte laut, er vermochte kaum ein Jauchzen und Hallelujah zu ersticken. Dann sah er sich um -- niemand beobachtete ihn; er warf die Münze wieder hin, wo sie gelegen, trat ein paar Schritte zurück, näherte sich abermals und that, als wisse er nicht, daß sie da sei, damit er noch einmal das Entzücken genießen könne, sie zu finden. Nun betrachtete er sie von verschiedenen Punkten aus, schlenderte, mit den Händen in den Taschen, umher, schaute nach den Ladenschildern, warf dann wieder einen raschen Blick auf das Geldstück und fühlte sich von Wonneschauern durchrieselt. Endlich hob er es auf und ging, es in der Tasche streichelnd, von dannen. Er wählte die menschenleersten Straßen, stand von Zeit zu Zeit in einem Thorweg oder an der Ecke still und zog seinen Schatz heraus, um ihn zu betrachten. In seinem Quartier, einem leeren Geschirrfaß, angelangt, überlegte er bis in die Nacht hinein, was er dafür kaufen solle. Ein schwerer Entschluß. Ihm lag daran, so viel wie möglich zu bekommen. In der Bergmannsschenke, das wußte er, gab man einen Teller voll Bohnen und ein Stück Brot für zehn Cents oder einen Fischkloß mit Zubehör, aber ohne Brot. In Peters Speisehaus konnte er ein Kalbskotelett nebst einigen Rettichen und Brot für zehn Cents haben, oder eine große Tasse Kaffee mit einer Brotschnitte, die aber schändlicherweise oft nur sehr dünn ausfiel.

Um sieben Uhr empfand er einen wahren Wolfshunger, doch hatte er noch keine Entscheidung getroffen. Er machte sich auf den Weg, ging noch immer rechnend die Straße hinauf und kaute an einem Holzstückchen, wie es Leute, die nahe am Verhungern sind, zu thun pflegen. Vor Martins erleuchtetem Restaurant, dem vornehmsten der ganzen Stadt, blieb er stehen; in besseren Tagen hatte er da oft gespeist und Martin kannte ihn gut. Er trat abseits, um aus dem Bereich der Lichter zu kommen, blickte andächtig nach den Wachteln und Beefsteaks im Schaufenster und dachte, vielleicht wären die Zeiten der Märchen noch nicht vorüber, und ein verkleideter Prinz könnte daherkommen und ihn auffordern, einzutreten und zu nehmen, was er wolle. Je mehr er sich in den Gedanken vertiefte, um so hungriger kaute er an dem Holzstückchen.

Da fühlte er plötzlich, daß jemand neben ihm stand und seinen Arm berührte. Er sah auf und erblickte ein Gespenst -- das wahre Bild des Hungers. Es war ein baumlanger, hagerer Mensch, in Lumpen gehüllt, Haar und Bart ungeschoren, mit ausgemergeltem Gesicht, eingesunkenen Wangen und Augen, die ihn jammervoll anblickten.

»Kommen Sie mit mir,« sagte er und hing sich an Blüchers Arm. Als sie eine Stelle erreicht hatten, wo das Licht nur schwach schien und wenige Leute vorüber gingen, blieb er stehen und hob die Hände flehend empor.

»Freund -- Fremder, sehen Sie mich an,« stammelte er. »Sie freuen sich Ihres Lebens in Ruhe und Behagen, wie ich einst in meiner guten Zeit. Sie haben dort drinnen herrlich zu Abend gespeist, ein Liedchen gesummt und bei sich gedacht, es ist doch schön auf der Welt. Sie haben nie Not gelitten, Sie wissen nicht was Kummer und Elend ist, Sie kennen den Hunger nicht! -- Sehen Sie mich an, Fremder, haben Sie Erbarmen mit einem freundlosen, heimatlosen Menschen. So wahr Gott lebt -- seit achtundvierzig Stunden habe ich keinen Bissen gegessen; schauen Sie mir ins Auge, ich lüge nicht. Geben Sie mir nur eine Kleinigkeit, mich vom Hungertode zu retten; was Sie wollen -- 25 Cents genügen mir. Thun Sie es, Fremder, ich bitte, ich beschwöre Sie. Ihnen ist es ein Leichtes und mein Leben hängt daran. Ich will vor Ihnen im Staube liegen und den Boden küssen, den Ihr Fuß betritt. Nur 25 Cents! Ich gehe zu Grunde, ich sterbe, ich verhungere. Um des Himmels willen, verlassen Sie mich nicht!«

Blücher war außer sich, bis ins Innerste gerührt und ergriffen. Er überlegte hin und her, dann rief er von einem plötzlichen Gedanken beseelt:

»Ja, so wird es gehen!« Den Arm des Elenden ergreifend, führte er ihn nach Martins Restaurant, ließ ihn dort an einem Marmortisch Platz nehmen, legte den Speisezettel vor ihn hin und sagte:

»Bestellen Sie jetzt was Sie wollen, Freund. Es geht auf meine Rechnung, Herr Martin.«

»Schon gut, Herr Blücher,« versetzte der Speisewirt.

Gegen den Schenktisch gelehnt, sah Blücher zu, wie der Mensch ein Stück Buchweizenkuchen zu 75 Cents nach dem andern heißhungrig verschlang, verschiedene Tassen Kaffee hinunterstürzte und Beefsteaks die Portion zu zwei Dollars verzehrte. Als der Fremde Speisen im Wert von etwa sechs und einem halben Dollar vertilgt hatte und sein Hunger gestillt war, begab sich Blücher nach Peters Speisehaus, kaufte für sein Zehn-Centstück ein Kalbskotelett und ein Stück Brot, machte sich darüber her und schmauste wie ein König.

Tom Quarz.

Bald darauf traf ich einen früheren Bekannten, der Bergmann in einem der verlassenen Grubendistrikte Kaliforniens war. Ich ging mit ihm zurück und blieb mehrere Monate dort unter den Goldgräbern, welche in der ausgedehnten Hügel- und Waldlandschaft vier bis fünf zerstreute Hütten bewohnen. In der flotten Zeit, ehe die Gruben erschöpft waren, hatte in dieser Einöde eine blühende Stadt mit einer Bevölkerung von zwei- bis dreitausend Menschen gestanden; jetzt war alles spurlos verschwunden -- Straßen, Wohnhäuser, Läden -- und nur eine Handvoll Bergleute an Ort und Stelle zurückgeblieben, die sich längst in ihre Verbannung gefunden und die Welt vergessen hatten, wie sie von aller Welt verlassen waren.

Einer meiner dortigen Kameraden, der seit achtzehn Jahren sein geplagtes Leben voll Entbehrungen und Enttäuschungen geduldig ertragen hatte, war Dick Baker, ein ernster, schlichter Mann, sechsundvierzig Jahre alt, grau wie eine Ratte, halbwegs gebildet, in schlotteriger mit Lehm beschmutzter Kleidung. Sein Herz aber war von kostbarerem Gold, als er mit seiner Schaufel je zu Tage gefördert hatte, von feinerem Metall als jemals gegraben oder gemünzt worden war.