Part 15
Nur wer selbst einmal Redakteur gewesen ist, weiß, was das heißt. Es ist leicht, aus andern Zeitungen Ausschnitte zu machen oder allerlei Lokalzeug zusammenzuschreiben, wenn man die Thatsachen vor sich hat, aber es ist unendlich schwer, Leitartikel zu verfassen. Die Themas sind schuld daran -- das heißt, der häufige Mangel derselben. Tag für Tag plagt und quält man sich, zerbricht sich den Kopf und leidet namenlos -- die ganze Welt ist öde und leer und doch müssen die Spalten des Blattes gefüllt werden. Weiß der Redakteur nur, worüber er schreiben soll, so ist seine Arbeit gethan, den Artikel abzufassen ist ein Kinderspiel; aber man stelle sich nur einmal vor, was es heißt, zweiundfünfzig Wochen lang jeden Tag sein Gehirn auszupumpen -- der bloße Gedanke daran ist niederschmetternd. Was der Redakteur eines Tageblatts in Amerika im Laufe eines Jahres zusammenschreibt, würde sieben bis acht dicke Bände füllen, in zwanzig Jahren wäre das eine ganze Bibliothek. Was will dagegen die Fruchtbarkeit von Schriftstellern wie Scott, Dickens, Bulwer und Dumas sagen? Ja, wenn sie so massenhaft produziert hätten wie ein Zeitungsredakteur, dann könnte man sie wohl mit Recht anstaunen.
Wie diese Menschen es aushalten, ihre entsetzliche Arbeit und den ungeheuern Verbrauch von Gehirnsubstanz jahraus jahrein fortzusetzen, ist unbegreiflich, denn ihre Beschäftigung besteht nicht etwa in einem mechanischen Zusammentragen von Thatsachen, sie erfordert schöpferische Kraft. Wenn ein Pfarrer allwöchentlich zwei Predigten zu schreiben hat, findet er das auf die Dauer so angreifend, daß er im Sommer zwei Monate Ferien haben muß. Das ist auch ganz in der Ordnung. Aber ein Redakteur schreibt über zehn bis zwanzig Texte jede Woche, zehn bis zwanzig ausführliche Artikel, und fährt das ganze Jahr hindurch ohne Unterbrechung damit fort -- eine unerhörte Leistung! Seit ich meine Woche als Redakteur überlebt habe, nehme ich keine Zeitung in die Hand, ohne die langen Spalten des Leitartikels mit Vergnügen zu betrachten und mich im stillen zu wundern, wie zum Henker man es nur fertig bringt.
Herrn Goodmans Rückkehr befreite mich von aller Beschäftigung, denn Berichterstatter wollte ich nicht wieder werden. Wie hätte ich auch als Gemeiner in der Armee dienen können, nachdem ich einmal Feldherr gewesen war? So beschloß ich denn, die Stadt zu verlassen und in die weite Welt zu gehen.
Gerade als dies bei mir feststand, erzählte mir mein Kollege Dan eines Tages beiläufig, er sei von zwei Herren aufgefordert worden, mit nach New York zu gehen, um ihnen beim Verkauf einer reichen Silbergrube zu helfen, die sie in einem neuen Bergwerksdistrikt unserer Gegend entdeckt hatten. Er sollte die Reisekosten vergütet erhalten und ein Dritteil des bei dem Verkauf zu erzielenden Gewinns. Dies Anerbieten, welches mir im höchsten Grade erwünscht gewesen wäre, hatte Dan ausgeschlagen und als ich schalt, daß er mir nicht früher etwas von der Sache gesagt habe, war er höchlich verwundert, daß ich aus Virginia fort wolle; er habe den Herren geraten, sich an Marshall, den Berichterstatter der andern Zeitung, zu wenden.
Ich erkundigte mich nun des Näheren bei Dan, ob es sich auch nicht etwa um einen Schwindel handle und ob die Grube wirklich und wahrhaftig vorhanden sei, worauf er erwiderte, die Herren hätten ihm neun Tonnen des Gesteins gezeigt, das sie mit nach New York nehmen wollten. Er könne getrost versichern, daß er in ganz Nevada noch keine so erzhaltigen Proben gesehen habe; auch für das nötige Bauholz und den Platz zur Errichtung des Pochhammers in der Nähe der Grube sei bereits Sorge getragen. Als ich das hörte, hätte ich Dan am liebsten umgebracht, doch stand ich trotz meines Aergers davon ab, denn vielleicht war noch nicht alle Hoffnung verloren. Dan behauptete das wenigstens; er sagte, die Herren seien jetzt wieder nach ihrer Grube gereist und würden frühestens in zehn Tagen zurückkehren. Er habe versprochen, ihnen nach ihrer Zurückkunft Marshall oder sonst jemand als Bewerber vorzustellen. Er wolle niemand weiter etwas von der Sache sagen, bis sie wieder kämen und dann meine Person in Vorschlag bringen.
Das war eine herrliche Aussicht. Ich legte mich an jenem Abend in fieberhafter Aufregung zu Bette. Bisher war es noch niemand eingefallen, nach dem Osten zu reisen, um eine Silbergrube in Nevada zu verkaufen. Eine Mine, wie sie Dan beschrieb, mußte in New York im Handumdrehen Abnehmer finden und eine fürstliche Summe einbringen. Schlafen konnte ich nicht, meine Einbildungskraft schwelgte in den glänzendsten Luftschlössern.
Dan hatte versprochen, genau acht zu geben, wann die Herren wiederkämen, und so fuhr ich denn am nächsten Tage frohen Mutes mit der Postkutsche nach Kalifornien ab. Es fehlte auch nicht an den Abschiedsfeierlichkeiten für mich, wie sie dort bei der Abreise eines alten Bürgers üblich sind. Wenn man im Westen nur ein halbes Dutzend Freunde hat, so machen sie Lärm genug für hundert, damit es nur nicht so aussieht, als würde man ganz vernachlässigt und müßte ohne Sang und Klang von dannen ziehen.
Nicht ohne Bedauern schied ich von der Stadt, in welcher ich mich meines Lebens gefreut hatte, wie nie zuvor. Mir ahnte wohl, daß ich der winzigen Flagge für immer Lebewohl sagte, die nicht größer als das Taschentuch einer Dame von dem höchsten Gipfel des Mount Davidson herunterwehte, zweitausend Fuß über den Dächern von Virginia. In Wirklichkeit war die Fahne dreißig Fuß lang und zehn Fuß breit.
Wir rollten durch Thal und Ebene dahin, klommen in den Sierras bis zu den Wolken empor und schauten herab auf Kalifornien im Sommerkleide. Will man die kalifornische Landschaft im höchsten Reize sehen, so muß man sie aus der Ferne betrachten. Zwar läßt sich die Erhabenheit und Majestät der Berge von jedem Standpunkt aus bewundern, erst die Ferne aber verleiht ihnen reichere Farben und läßt ihre rauhen, zerrissenen Formen weniger schroff erscheinen. Auch der kalifornische Wald macht sich am besten in der Entfernung; da er meist Baumarten von ein und derselben Familie enthält: Weißtannen und Rottannen, Sprossenfichten und Föhren, so bieten sie von nahe gesehen ein ermüdendes Einerlei; alle strecken ihre starren Arme nach unten und zur Seite, als wollten sie den Menschen immer und immer wieder warnend zurufen: »Bst! hier wird nicht gesprochen -- sonst stört ihr jemand.« Auch daß es ewig nach Pech und Terpentin riecht, macht einen trostlosen Eindruck und man wird ganz schwermütig von dem fortwährenden Seufzen und Klagen in den Wipfeln. Schreitet man geräuschlos über den Teppich von zerstampfter gelber Rinde und toten Nadeln, so kommt man sich vor wie ein irrender Geist mit lautlosem Fußtritt. Der ewigen Nadelbüschel wird der Wanderer endlich überdrüssig und sehnt sich nach richtigen, wohlgeformten Blättern; er möchte sich auf Moos und Gras lagern und findet keines, denn überall wo der Boden nicht von Nadeln bedeckt ist, giebt es nur nackten Lehm und Schmutz, was weder für träumerisches Sinnen noch reinliche Kleidung günstig ist. Zwar besitzt Kalifornien auch Grasebenen, doch nehmen sie sich ebenfalls besser in der Entfernung aus, denn die Grashalme sind zwar hoch, stehen aber steif und selbstbewußt da, ungesellig weit von einander, mit Flecken dürren Sandes dazwischen.
Es gehört zu dem Wunderlichsten, was ich kenne, wenn Reisende aus den Staaten Neuenglands über die Lieblichkeit des ›immerblühenden Kaliforniens‹ schwärmen. Sie würden ihre Begeisterung vielleicht mäßigen, wüßten sie, mit wie anbetender Bewunderung alte Kalifornier die Landschaften des Ostens anstaunen. Das glänzende Grün in seiner verschwenderischen Fülle und saftigen Frische, der üppige Reichtum des Laubes mit den mannigfaltigen Blätterformen und Arten erscheint ihnen wie ein Blick ins Paradies im Vergleich zu den staubbedeckten, mißfarbenen Sommergewächsen Kaliforniens. Ueber dies ernste, düstere Land in Entzücken zu geraten, wenn man die Wiesenflächen Neuenglands, seine Eichen-, Ahorn- und Ulmenbäume im Sommerschmuck gesehen hat, oder die vielfarbige Pracht des Herbstes, in der seine Wälder strahlen -- wäre einfach lächerlich, wenn es nicht etwas so Rührendes hätte.
Kein Land mit unveränderlichem Klima kann sehr schön sein. Nicht einmal die Tropen sind es, man mag von ihrem Zauber schwärmen so viel man will. Sie berücken uns wohl zuerst, aber der Reiz schwindet allmählich bei dem ewigen Einerlei. Die Natur bedarf des Wechsels, um alle ihre Wunder zu entfalten. In einem Lande, das vier wohl abgegrenzte Jahreszeiten hat, kann es weder Eintönigkeit geben noch Mangel an Schönheit. Jede Jahreszeit birgt dort eine Welt von Freude und Interesse, die sich vor uns enthüllt, sich stufenweise und harmonisch zu immer reicherer Schönheit entwickelt und, wenn man anfängt, sie satt zu bekommen, rechtzeitig verschwindet, um etwas völlig anderem Platz zu machen, das den Naturfreund durch neue Pracht und Herrlichkeit zu bezaubern weiß.
* * * * *
San Francisco ist eine Stadt, in der es sich prächtig lebt; es nimmt sich in gehöriger Entfernung auch stattlich und hübsch aus, von nahe gesehen merkt man aber, daß die Bauart meist altmodisch ist. Viele Straßen bestehen aus verfallenen, rauchgeschwärzten, hölzernen Häusern, und die öden Sandhügel in der nächsten Umgebung fallen gar zu sehr ins Auge. Selbst das heitere Klima macht sich bisweilen angenehmer, wenn man davon liest, als wenn man es persönlich kennen lernt; ein klarer, wolkenloser Himmel verliert mit der Zeit seinen Reiz, doch wenn der ersehnte Regen endlich eintritt, so bleibt er um so länger. Ein Erdbeben ist zwar lustig, doch thut man auch besser daran, es von ferne zu betrachten. Hierüber sind jedoch die Ansichten verschieden.
Das Klima von San Francisco ist, wie gesagt, mild und gleichmäßig; während des ganzen Jahres steht das Thermometer ungefähr auf siebzig Grad F., es wechselt kaum jemals. Sommer und Winter schläft man unter einer leichten Decke und braucht nie ein Moskitonetz. Man trägt keinen Sommeranzug, sondern schwarze Tuchkleider, wenn man sie hat, im August wie im Januar; zieht keinen Ueberrock an und bedarf keines Fächers. In den Sommermonaten ist es zwar oft windig, aber wer das nicht liebt, kann nach Oakland hinübergehen, nur ein paar Meilen weit, wo gar kein Wind weht. In neunzehn Jahren hat es in San Francisco nur zweimal geschneit und selbst dann blieb der Schnee nur lange genug auf dem Boden liegen, daß die Kinder sich verwundert fragen konnten, was das wohl für federiges Zeug sein möchte.
Acht Monate hintereinander ist der Himmel hell und wolkenlos, da fällt kein Tropfen Regen. Wer aber keinen Regenschirm hat, wenn die andern vier Monate kommen, muß sich einen stehlen, denn ohne den geht es nicht. Man braucht ihn nicht etwa nur einen Tag, sondern hundertundzwanzig Tage nacheinander ohne Ausnahme. Will man einen Besuch machen, in die Kirche oder ins Theater gehen, so sieht man nicht nach den Wolken, ob Regen droht oder nicht, man fragt nur den Kalender. Ist es Winter, so regnet es, ist es Sommer, so regnet es nicht, dagegen läßt sich nichts machen. Blitzableiter sind nicht vonnöten, denn es giebt keine Gewitter. Hat man sechs bis acht Wochen lang gehört, wie der Regen gleichförmig und trübselig herniederströmt, dann wünscht man von ganzem Herzen, der Donner möchte einmal durch die schläfrigen Himmelsräume rollen und krachen und brüllen, damit alles lebendig würde, der Blitz möchte das düstere Firmament zerreißen und es nur auf einen einzigen Augenblick mit blendendem Glanz erhellen. Was würde man nicht darum geben, den lieben alten Donner zu hören und zu sehen, wie jemand vom Blitz erschlagen wird! -- Und hat man im Sommer vier Monate hindurch den grellen, mitleidslosen Sonnenschein erduldet, so möchte man auf den Knieen um Regen, Hagel, Schnee, Donner und Blitz flehen -- um irgend eine Abwechslung in dem trostlosen Einerlei; -- sogar mit einem Erdbeben wäre man zufrieden, wenn man nichts Besseres haben kann, und das ist noch am ersten zu bekommen.
San Francisco ist auf Sandhügeln erbaut, aber es sind fruchtbare Sandhügel, die einen reichen Pflanzenwuchs erzeugen. Die seltenen Blumen, welche die Leute im Osten sorgfältig in Treibhäusern und Töpfen ziehen, gedeihen dort das ganze Jahr hindurch unter freiem Himmel in üppiger Fülle: Kallas, Geranien, Passionsblumen, Moosrosen -- ich weiß nicht den zehnten Teil von allen Namen. Wenn in New York alles von Schnee und Eis starrt, bedeckt sich der Boden in Kalifornien mit Blumen und Blüten; der Mensch braucht nur alles wachsen zu lassen wie es will, ohne sich hineinzumischen.
Ich habe an einer anderen Stelle von dem ewigen Winter in Mono gesprochen und jetzt eben von dem endlosen Frühling in San Francisco. Reist man nun etwa hundert Meilen in direkter Linie weiter, so kommt man in den fortwährenden Sommer von Sacramento. In San Francisco hat man weder Sommerkleider noch Moskitos, aber in Sacramento ist beides zu finden. Nicht immer und ohne Aufhören, aber im Laufe von zwölf Jahren etwa 143 Monate lang. Der Leser kann sich leicht vorstellen, daß dort immer Blumen blühen, daß die Menschen morgens, mittags und nachts schwitzen, fluchen und ihre beste Lebenskraft damit verbrauchen, sich Luft zuzufächeln. Es ist dort heiß, aber wenn man nach Fort Yuma hinunterkommt, dürfte man es noch heißer finden. Dort steht das Thermometer fast unabänderlich auf 120 Grad ~F.~ im Schatten, ausgenommen, wenn es noch höher steigt. Dieser heißeste Ort der Erde ist ein Militärposten der Vereinigten Staaten und seine Bewohner gewöhnen sich so an die schreckliche Hitze, daß sie es ohne dieselbe nicht aushalten können. Die Sage erzählt, daß dort einst ein gottloser Soldat starb und natürlich sofort in den heißesten Winkel der Hölle hinunterfuhr. Und siehe da, am nächsten Tage telegraphierte er zurück, man möge ihm seine Decken schicken! -- Die Wahrheit dieser Ueberlieferung ist nicht zu bezweifeln; ich habe selbst die Schenke gesehen, in welcher der Soldat einzukehren pflegte.
In dem beständigen Sommerwetter von Sacramento kann der Reisende um acht oder neun Uhr morgens Rosen pflücken, Erdbeeren und Gefrorenes essen, sich in weiße Leinwand kleiden, nach Luft schnappen und schwitzen. Setzt er sich dann auf die Eisenbahn, so kann er um 12 Uhr den Pelz anziehen, die Schlittschuhe anschnallen und über den gefrorenen Donner-See dahinschweben, 7000 Fuß über dem Thal, zwischen fünfzehn Fuß hohen Schneewehen und in unmittelbarer Nähe der gewaltigen Berggipfel, die ihre eisigen Klippen 10000 Fuß über der Meeresfläche erheben. In der ganzen westlichen Hemisphäre findet sich nirgends ein so plötzlicher Uebergang. Die Eisenbahn fährt in kühnen Windungen durch die schneebedeckte Gegend 6000 Fuß über dem Meere bis zum Stillen Ozean. Wie ein Vogel aus der Luft schaut man herab auf den ewigen Sommer des Sacramento-Thales, das mit seinen fruchtbaren Feldern, seinen blühenden Bäumen und seinen Silberströmen in den weichen Duft der Atmosphäre eingehüllt ruht. Auf dies köstliche, traumhafte Bild aus dem Feenland blickt der Reisende durch ein furchtbares Thor von Eis und Schnee, durch wilde Klüfte und Abgründe -- ein wirkungsvoller Gegensatz, der den Eindruck mächtig erhöht.
Goldgräber.
Das eben geschilderte Thal des Sacramento war der Schauplatz der ersten und ergiebigsten Goldgräbereien. Noch jetzt sieht man viele Stellen in der Ebene und am Bergabhang, wo die Habgier jener Zeit das Erdreich aufgewühlt und ausgehöhlt hat, um nach Beute zu suchen; solche Verunstaltungen der Gegend findet man in Kalifornien weit und breit. Man kommt auch durch Strecken, wo sich jetzt nur Wiesen und Wälder ausdehnen, wo man kein Haus, kein lebendes Wesen erblickt, nicht einmal die Balken oder Steine eines verfallenen Gebäudes und kein Laut die Sabbatstille umher unterbricht. Da ist es schwer, sich vorzustellen, daß dort vor Jahren ein rasch emporgeblühtes Städtchen gestanden hat, mit zwei- bis dreitausend Einwohnern, die ihre Zeitung, ihre Feuerwehr, eine Musikkapelle, ein Freiwilligenkorps, Gasthäuser, eine Bank und Spielhöllen besaßen, wo Männer aus allen Nationen der Erde mit struppigen Bärten rauchten und fluchten, und wo der Goldstaub, der sich an den Spieltischen anhäufte, mehr wert war, als die Einkünfte eines deutschen Fürstentums.
Das Leben wogte geschäftig hin und her in den Straßen, man verkaufte Bauplätze zu vierhundert Dollars den Fuß, es wurde dort gearbeitet, gelacht, getanzt, Musik gemacht, gezecht, gerauft und Dolch und Revolver gehandhabt. Alles war vorhanden, was zum Blühen und Gedeihen einer neuerstandenen Stadt nötig und förderlich ist, was das Leben schmückt und erfreut -- und jetzt sieht man dort nichts als eine verlassene, wüste Einöde, die Menschen sind fort, von den Häusern ist keine Spur geblieben, sogar der Name des Orts vergessen. Nirgends in der Welt sind in unserm Jahrhundert Städte so völlig vom Erdboden verschwunden, wie in den alten Goldgräbergegenden von Kalifornien.
In jenen Tagen aber herrschte ein rastloses Drängen und Treiben, Hasten und Arbeiten unter der eigenartigen, zusammengewürfelten Bevölkerung des damaligen Kalifornien, wie sie sich schwerlich jemals wieder irgendwo beisammen finden wird. Sie bestand aus zweihunderttausend jungen Männern, nicht gezierten, verwöhnten, behandschuhten Schwächlingen, sondern kräftigen, muskelstarken, tapfern und unerschrockenen Leuten, voll Mut und Thatkraft, die mit allen Eigenschaften, welche wahrer Männlichkeit zu Schmuck und Zier gereichen, im vollsten Maße ausgestattet waren, die Auserlesensten unter den Herren der Schöpfung. Man sah dort weder Frauen noch Kinder, noch gebückte, hinfällige Greise, nur junge Riesengestalten mit aufrechtem Gang, hellem Blick, starker Hand und geschmeidigen Gliedern. Ein schönes, ein herrliches Volk, die tapfersten Scharen, welche jemals in die menschenleeren Einöden eines noch unbekannten Landes einzogen. Und wo sind sie nun? -- Zerstreut nach allen Enden der Welt, vorzeitig gealtert und verkommen, bei einem Straßenaufruhr ermordet, an gebrochenem Herzen und getäuschten Hoffnungen gestorben -- alle dahin, als Opfer auf dem Altar des goldenen Kalbes verblutet. Es ist ein jammervoller Gedanke.
Nur starke, beherzte Männer waren ausgezogen, die Faulen, Schwerfälligen und Trägen hatten sie daheim gelassen; die kann man als Pioniere nicht gebrauchen, dazu gehören Leute von anderm Schrot und Korn. Aber wild ging es damals unter ihnen her. Sie schwelgten in Gold und Branntwein, in Raufereien und beim Fandango und waren unaussprechlich glücklich. Ein wackerer Goldgräber holte sich täglich seine hundert bis tausend Dollars aus dem Boden. Wenn dann die Spielhöllen und andern Vergnügungslokale dafür sorgten, daß er bis zum nächsten Morgen keinen Cent mehr in der Tasche hatte, konnte er noch von Glück sagen. Die Leute kochten sich selbst ihr Gericht Speck mit Bohnen, nähten sich die abgerissenen Knöpfe an und wuschen ihre blauwollenen Hemden. Wer öffentlich mit weißer Wäsche und einem hohen Hut erschien, ward in eine Schlägerei verwickelt, ehe er sich’s versah. In dieser wilden, freien, zügellosen Gesellschaft waren alle Aristokraten verhaßt, auch ließ sich weder ein ganz jugendliches, noch ein weibliches Element dort jemals blicken. Man sagt, die Goldgräber hätten sich oft scharenweise versammelt, wenn es galt, das für sie seltsamste und herrlichste Schauspiel, den Anblick eines Weibes, zu genießen.
In einem ihrer Lager verbreitete sich einmal am Morgen die Nachricht, daß ein Weib angekommen sei. Man hatte aus einem Wagen auf dem Lagerplatz ein Kattunkleid heraushängen sehen -- es mochten wohl Auswanderer von der großen Ebene jenseits der Berge hergekommen sein. Alles drängte sich nach dem Wagen, und als man ein wirkliches Kleid im Winde flattern sah, entstand ein großes Geschrei, bis der Auswanderer erschien. Dann hieß es wie aus einem Munde:
»Bringt sie heraus!«
Er erwiderte: »Es ist meine Frau, ihr Herren, sie ist krank, die Indianer haben uns alles geraubt, Geld und Mundvorrat -- wir bedürfen der Ruhe.«
»Bringt sie heraus, wir müssen sie sehen!«
»Aber ihr Herren, das arme Ding kann nicht --«
»Bringt sie heraus!«
Als er ihnen endlich den Willen that, schwenkten sie die Hüte in der Luft und brachten ein dreimaliges donnerndes Hoch aus, dann umringten sie sie alle, betrachteten sie, berührten ihre Kleider und horchten auf den Ton ihrer Stimme. Die Frau schien für sie mehr eine Erinnerung aus früherer Zeit, als etwas Wirkliches, Lebendiges zu bedeuten. Zuletzt brachten sie die Summe von 2500 Dollars in Gold zusammen, händigten sie dem Manne ein, schwenkten abermals die Hüte, riefen wieder dreimal Hoch und gingen befriedigt ihrer Wege.
* * * * *
Ich speiste einmal bei einem Herrn, der mir ein Abenteuer erzählte, welches seiner Tochter begegnet war, als die Familie zuerst in San Francisco landete. Die junge Dame selbst erinnerte sich nicht mehr daran, da sie zwei Jahre zählte, als sich diese wahre Geschichte zutrug. Sie waren gerade vom Schiff gekommen und gingen die Straße hinunter, voran die Dienerin mit der Kleinen auf dem Arm. Da trat ihnen ein riesiger Goldgräber entgegen mit großem Bart und breitem Gürtel, der über und über von Waffen starrte. Augenscheinlich kam der Mann soeben von einem längeren Aufenthalt im Gebirge zurück. Er hielt die Dienerin an und betrachtete sie mit Staunen und Wohlgefallen. Nach einer Weile sagte er in ehrerbietigem Ton: »Wahrhaftig, ich glaube, das ist ein Kind!« Dann zog er ein Ledersäckchen aus der Tasche und fuhr zur Wärterin gewandt fort:
»Dieser Sack enthält Goldstaub im Wert von hundertfünfzig Dollars. Lassen Sie mich das Kind einmal küssen und Sie sollen ihn haben.«
Wie sich doch die Zeiten ändern. Hätte ich damals, als ich mit bei Tische saß und die Anekdote anhörte, die doppelte Summe für die Erlaubnis geboten, dies selbe Kind küssen zu dürfen, man würde es mir abgeschlagen haben. Der Preis hatte sich in den siebzehn Jahren, welche seitdem verflossen waren, sehr beträchtlich gesteigert.
Hier will ich noch erwähnen, daß ich einmal bei meinem Aufenthalt in Star City im Humboldt-Gebirge mit einer Schar von Bergleuten im Gänsemarsch aufmarschiert bin, um durch den Spalt einer Hütte zu sehen, worin ein ganz neues, wunderbares Schauspiel unser wartete, nämlich der Anblick einer wirklichen, lebendigen Frau. Als endlich nach einer halben Stunde geduldigen Harrens die Reihe an mich kam, durch die Spalte zu gucken, stand sie richtig da, die eine Hand in die Seite gestemmt und beschäftigt, mit der andern Pfannkuchen zu stürzen. Sie sah aus, als sei sie hundertfünfundsechzig Jahre alt und hatte keinen Zahn mehr im Munde.
Erdbeben.
Einige Monate führte ich nun ein wahres Schmetterlingsdasein, wie ich es früher nie gekannt. Ich lebte in süßem Nichtsthun, war niemand verantwortlich und der Geldpunkt machte mir keine Sorgen. Nach den Alkaliwüsten und der öden Salbeigegend von Washoe erschien mir San Francisco wie ein Paradies und ich verliebte mich sterblich in diese Stadt herzlichster Geselligkeit.